Der steinerne Thron

Der steinerne Thron

kob_tiefer_kleinDer Berg stand stumm und steinern über dem Wald und ein Fluss schlängelte sich an ihm vorbei, wie ein stiller und ruhiger Begleiter. Stille umgab den Berg, sogar die Krähen gaben keinen Ton von sich. Obwohl die stummen Zeugen unruhig auf den Wipfeln der Bäume saßen und auf das kühle Nass herab blickten. Sie schienen auf etwas zu warten. Ein Wanderer lief den kleinen verschlungenen Pfad entlang zum Fluss hinunter. Er zog einen Handkarren hinter sich her und war in seinen eigenen kleinen verwirrten Gedanken versunken. Ob er sich verlaufen hatte? Er wollte in die nächste Stadt, um seine Waren feilzubieten, doch bei der Umrundung des Berges musste er sich dann irgendwie verlaufen haben.

Er bemerkte nicht, dass er beobachtet wurde. Nur das klamme Gefühl, das in ihm aufstieg, machte ihn unruhig und er schien schneller zu laufen. Irgendwann bemerkte er, dass der Pfad in der Ebene von Bäumen gesäumt war und dass sich auf den Bäumen neben dem Weg eine Unzahl von Vögeln niedergelassen hatten, die ihn nun stumm anstarrten. Er kam sich ziemlich verloren vor auf dem schmalen Weg, denn die Bäume standen weit auseinander und waren riesig. Es war eine ansehnliche Allee, die zum Fluss führte. Aber warum? Warum wuchsen Bäume so geradlinig in einer Reihe? Die musste doch jemand gepflanzt haben. Doch die alten Riesen würden es ihm nicht verraten, sie standen schon eine lange Weile hier und führten zum Fluss hinunter. Zu keinem wirklichen Ziel, nur zu einem Fluss an dem offensichtlich nichts weiter war als Wasser.

Es hatte den Anschein, als wäre es früher mal eine richtig breite Straße gewesen, aber er lief auf einem bloßen Trampelpfad entlang, der für den seinen Karren viel zu schmal zu sein schien. Deshalb kam er auch kaum voran, weil die Räder immer wieder im hohen Gras hängen blieben und er große Mühen damit hatte den Wagen hinter sich her zu zerren. Als er nach gefühlten Stunden endlich am Fluss ankam, hatte er noch nicht bemerkt, dass die Vögel ihn zu verfolgen schienen. Sie hüpften von Ast zu Ast und blieben ihm lautlos auf den Fersen, bis er am Flussufer endlich stehen blieb. Und da erkannte er, dass der Weg tatsächlich nur ein Trampelpfad auf einer ziemlich breiten steinernen Straße war, die im Laufe der Zeit von Gras, Moos und Flechten überwuchert worden war. Nur am Ufer waren die Pflanzen fortgeschwemmt worden und der blanke Stein lag vor ihm und führte in den Fluss hinein. Links und rechts konnte man tatsächlich noch ein paar alte Mauerreste sehen. Aber sonst war hier nichts außer das leise Plätschern des Flusses.

Wer baut eine Straße von einem Berg zum Fluss und dann ist hier niemand mehr? Er drehte sich grübelnd um und blickte zum Berg hinauf. Die Allee zog sich wirklich schnurgerade bis zum Hang des Berges hinauf und verlor sich dann im Wald. Auf den Ästen der Bäume saßen hunderte und aberhunderte Krähen und blickten ihn fragend an. Sie gaben keinen Mucks von sich, obwohl die tumben Gesellen sonst doch auch nie ihren Schnabel halten konnten. Seine Mutter hatte ihm immer gesagt, wenn du eine Krähe siehst, dann gehe weiter, denn das Glück ist dir auf den Fersen. Wenn du zwei Krähen siehst, dann gehe schnell nach Hause und bete darum, dass dich das Pech nicht verfolgt. Doch von unzählig vielen Krähen hatte sie nicht gesprochen. Er bekam es mit der Angst zu tun, aber er wusste auch nicht weiter.

Ziellos blickte er ins Wasser und nach einem viel zu langen Moment stand er einfach auf und ging wieder den Weg zurück, den er gekommen war. Seinen Karren hinter sich lassend, lief er dem Berg entgegen. Erst ging er langsam und dann wurde er immer schneller. Bis er schließlich zu laufen begann. Er rannte so schnell er konnte den Weg zurück bis zum Berghang. Warum er dies tat, konnte er nicht sagen. Irgendwas zog ihn hinauf. Waren es die Krähen? Oder war es etwas, was auf dem Berg war? Etwas mysteriöses Unbekanntes? Ein unsichtbares Blitzen? Ein unsichtbarer Eindruck, der sich auf der Netzhaut einbrannte und einen nicht mehr losließ? Er würde es erst erfahren, wenn er oben ankommen würde. Obwohl er zwar seinen lästigen Wagen am Flussufer stehen gelassen hatte und außer sich selbst und dem, was er am Leibe trug, nichts mit sich führte, war der Weg zum Gipfel doch steiniger und härter, als er gedacht hatte.

Nach weiteren gefühlten Stunden stand er völlig ausgelaugt vor dem steinernen Bergmassiv, das ihn genauso stumm anstarrte wie die Vögel vorhin. Seine Schritte wurden immer schwerer, bis sich im Bergmassiv etwas abzeichnete. War das ein Bauwerk, oder nur ein Felsvorsprung? Und da war wieder das Blitzen. Es musste etwas sein, was von Menschenhand erbaut worden war. Nun packte es ihn wieder und er würde erst Ruhe geben, wenn er den Felsvorsprung erklommen hatte. Wenn er ergründet hatte, was ihn da so magisch anzog. Und so kletterte er den Felsen hinauf und lies den Wald und die breite Allee mit all den Krähen hinter sich. Nur der Fluss schlängelte sich durch die Landschaft und plätscherte leise vor sich hin, als er völlig am Ende seiner Kräfte den letzten Felsen erklommen hatte und sich erschöpft auf einem kleinen Plateau niederließ.

Schwer atmend blickte er ins Tal und sah den Fluss wie er wie ein kleiner, blauer Faden auf dem satten Grün lag. Es war kalt, er konnte seinen keuchenden Atem sehen und er hatte das Gefühl, er könne Schnee riechen. Er starrte ins Tal und erkannte, dass dort unten vor langer, langer Zeit tatsächlich mehr gewesen war, als nur eine Straße, die zum Fluss führte. Vom Grün der Wiesen überwuchert, lagen die Ruinen einer gigantischen Stadt unter ihm. Und blickten ihn genauso stumm an, wie die Krähen es taten. Urplötzlich, als würden sie einem unhörbaren Befehl folgen, stoben die Krähen schlagartig auf, flogen ihre Kreise im Wind und ließen sich von den Windströmungen zum Berg hinauf treiben, wo sie sich dann Eine nach der Anderen auf dem kargen Felsen niederließen. Ob es heute schneien würde? Es hatte nur den Anschein, als ob die Götter es heute Krähen schneien ließen. Er atmete tief ein, lehnte sich nach hinten, gegen die Felswand und dann bemerkte er erst, dass er einen riesigen steinernen Stuhl erklommen hatte. Und in dem Moment, als sein Rücken die Lehne berührte, fiel ihm wieder ein, was die Leute sich über diesen Berg erzählten. Ein alter Fluch, der über dem Berg hing wie ein pechernes Laken.

Die Leute hatten recht, der steinerne Thron, wie man den Berg nannte, hatte sich schon viele Leben genommen und nun wohl auch seines. Er griff sich erschrocken an die Brust und riss sein Hemd auf, um sich von den Zwängen seiner Kleidung zu befreien. Panisch versuchte er tief einzuatmen, doch der Fluch hatte ihn schon ergriffen und schnürte ihm von einem Augenblick zum anderen plötzlich den Brustkorb ein, so dass es ihm unmöglich war, einen weiteren Atemzug zu tun. Sein kurzes und ärmliches Leben lief an seinem inneren Auge vorbei und es war zu kurz gewesen. Doch jetzt war es zu spät, seine Seele gehörte nun dem Berg. Seine Seele würde so lange im Berg gefangen sein, bis der nächste einsame Wanderer dieses Blitzen sah und dann in sein Unglück rannte.

10007060_10201900724586395_5187719997572774077_nDoch im Angesicht des Todes hatte er ein Lächeln auf den Lippen, weil seine Aufgabe war heute eine Andere, als einfach nur zu sterben. Er hatte heute eine gute Tag getan und eine alte Seele befreit. Die Seele des armen Tropfs, der vor ihm diesen Berg erklommen hatte und seine Seele für die Befreiung eines Anderen gab. So war es seit je her, dass die gefangene Seele nur befreit werden konnte, wenn man selbst seine Seele dem Berg gab. Diese alte Seele würde nun endlich ihren Frieden finden, bis eines Tages seine Seele erlöst werden würde. Eines Tages, wenn die Krähen wieder stumm dabei zu sehen würden, wie einer in sein Verderben lief. Und mit einem letzten Röcheln blieb einfach sein Herz stehen und er starb. Die Krähen stoben wieder auf und fingen augenblicklich an, ihr gewohntes Geplärr von sich zu geben.

Geschrieben zu dem Lied ‚Der Fluch‘ von Kafkas Orient Bazaar und abgedruckt im Kurzgeschichtenband ‚Tiefer‘ erhältlich im Shop auf: http://www.kafkasorientbazaar.de/

Advertisements

The URI to TrackBack this entry is: https://callabutterfly.wordpress.com/2014/04/27/der-steinerne-thron/trackback/

RSS feed for comments on this post.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: