1799 – Baumwolle für Tobago – Teil 1

1799 – Baumwolle für Tobago – Teil 1

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Auf dem Frachtensegler ‘Blue Moon’ war der Kapitän unter Deck in seiner Kajüte und brütete über seinen Seekarten. Sie waren gerade erst aus dem Hafen raus und waren jetzt schon unter Zeitdruck, weil das Löschen wieder ewig gedauert hatte und die neue Ladung viel zu spät freigegeben wurde. Sie hatten einen Auftrag der Regierung angenommen und sollten Waffen und Munition, sowie Lebensmittel und andere Handelsgüter zu den holländischen Kolonien bringen und ein paar Passagiere waren auch an Bord. So ein lukratives Geschäft sollte man sich nicht entgehen lassen, aber wehe dem, der die Ladung nicht zur rechten Zeit an den Zielort bringt und ganz zu schweigen, wenn die Herrschaften nicht rechtzeitig ankommen würden.

Es rumpelte vor seiner Tür und dann klopfte jemand.

‚Kapitän, der Lieutenant will Euch sprechen und wir haben das hier im Laderaum gefunden.‘ meinte sein grobschlächtiger Steuermannsmaat und schubste ein Bündel Fetzen mit einem Sack über dem Kopf in die Kajüte.

‚Ein blinder Passagier, Kapitän!‘ meinte der Maat und zog den Sack vom Kopf des blinden Passagiers.

Der Kapitän erkannte ein mädchenhaftes Gesicht unter all dem Dreck. Der Maat wollte die Person hochreißen, doch der Kapitän winkte ab und schickte den Maat mit folgenden Worten aus der Kajüte: ‚Ist schon gut Johann, der Lieutenant soll sich noch einen Moment gedulden.‘

Der Maat ließ die Tür knallen und der blinde Passagier rappelte sich nervös auf und blickte sich ängstlich in der Kajüte um. Der Kapitän hatte dem Geschehen den Rücken zugedreht und goss sich einen Becher Rum ein. ‚Wie ist dein Name, Mädchen?‘

‚Hans!‘ räusperte sich der blinde Passagier.

Er drehte sich um, zog eine Augenbraue hoch und kam wieder zu dem Häuflein Elend getreten, das eben noch in einem Sack gesteckt hatte.

‚Ihr mögt meine Männer getäuscht haben, aber ich sehe unter dem Schmutz und den hastig geschnittenen kurzen Haaren, ein junges Mädchen.‘

Er nahm sein Schnupftuch aus der Hosentasche, befeuchtete es mit Rum und wischte über das verängstige Gesicht des blinden Passagiers.

‘Und ein Hübsches noch dazu!’ meinte er grinsend. Er musste sie mit der anderen Hand unwirsch festhalten, weil sie versuchte dem getränkten Tuch zu entkommen.

Schließlich ließ er von ihr ab, setzte sich wieder hin und blickte gelangweilt auf seine Seekarten. Sie war von dem verdunsteten Rum ganz benebelt und versuchte sich erneut aufzurappeln. Als sie erneut vor ihm stand, wankte sie leicht.

‘Versuchen wir es erneut, wie ist dein Name, Mädchen?’

‘Mein Name ist Mariebelle, Mariebelle van der Houthen!’ meinte sie mit fester Stimme und blickte ihn dennoch ängstlich an.

Sein ‘Bitte was!’ wurde von lautem Geschrei vor seiner Tür übertönt.

‘Was soll das heißen, ich solle mich gedulden?’ rief jemand vor der Tür.

‘Anweisung vom Kapitän!’ konnte man Johann rufen hören.

‘Ich bin immerhin Lieutenant!‘

‘Ja, aber nicht auf diesem Schiff. Mit Verlaub, Ihr seid Passagier auf diesem Schiff!’

Mariebelle war währenddessen an den Kartentisch herangetreten und flehte den Kapitän an: ‘Bitte, er darf mich nicht entdecken, ich bitte Euch, um meiner Liebe Willen, ich bitte Euch!’

Ihre Tränen tropften auf seine Karten. Er zog sein Jackett aus und knöpfte sich fast schon genüsslich die Hemdsärmel auf und meinte ruhig aber bestimmt: ‘Geh hinter die Tür und stell dich auf den Stuhl und duck dich, so dass man dich von vor der Tür aus nicht sehen kann!’

Er riss sich das Hemd runter und knöpfte seine Hose auf, die sogleich zu Boden rutschte, nahm ein Handtuch und steckte dann den Kopf in seine Waschschüssel und ging keinen Moment zu spät zur Tür.

Der Lieutenant hatte bereits die Tür aufgerissen, als sich der Kapitän gerade das Handtuch um die Hüften schlang. Mariebelle konnte noch einen Blick erhaschen, der ihr sogleich die Schamesröte ins Gesicht trieb.

Ein scharfer Blick brachte Johann zum Verstummen und darauf folgte, wieder eine Augenbraue die hochgezogen wurde, bevor der Kapitän die Stimme erhob. ‘Was soll der Tumult?’

‘Ich wollte mich erkundigen, was da so lange gedauert hat?’

‘Und das kann nicht warten, bis ich wenigstens meine Hosen anhabe, werter Lieutenant van der Houthen?’

‘Ja nein. Ähm, natürlich.’ stammelte der Leutnant.

‘Ich komm in die Messe, sobald ich fertig bin.’ meinte der Kapitän und knallte dem Lieutenant die Tür vor der Nase zu.

Er drehte sich zu Mariebelle um und legte den Finger auf dem Mund. Sie lies sich einfach nur auf die Sitzfläche des Stuhles sinken und versuchte so leise wie möglich auszuatmen.

Mit einer lässigen Handbewegung zog er das Handtuch von den Hüften und trocknete seine Haare. Sie kam nicht umhin, auf seinen Hintern starren zu müssen.

Erst als er endlich wieder seine Hose an hatte, meinte er fast schon resigniert: ‘Ich gehe recht in der Annahme, dass Ihr die Tochter vom Lieutenant seid?’

‘Ja, lasst mich erklären!’ wimmerte Mariebelle.

‘Egal was Ihr mir jetzt auftischt, wir sind auf dem direkten Weg nach Tobago und ich werde bestimmt nicht umdrehen, wegen irgendwelcher Kinkerlitzchen.’

‘Kinkerlitzchen?’ schnaubte Mariebelle. ‘Kinkerlitzchen! Ihr habt keine Ahnung was oder besser wen Ihr geladen habt, oder?’

‘Waffen und Munition für Tobago und den werten Lieutenant und sein Gefolge, wieso?’ meinte der Kapitän und bemerkte dann noch. ‘Du hast ein ziemlich loses Mundwerk, Mädchen!’

‘Neben Waffen und Munition, Lebensmitteln und Baumwolle für Tobago!’ rief sie und hämmerte mit ihren spindeldünnen Fingern auf den Frachtlisten herum, die auch auf seinem Tisch lagen.

‘Was für ein Narr muss man sein, wenn man Baumwolle nach Tobago bringen will?’ fragte der Kapitän und blätterte neugierig in den Frachtlisten herum.   

‘Mit Verlaub, das müsst Ihr mir erklären, was die ‘Baumwolle’ auf der Blue Moon zu suchen hat!’ meinte Mariebelle und bei dem Wort ‘Baumwolle’ machte sie zwei Anführungszeichen in der Luft.

‘Ihr wollt mich doch auf den Arm nehmen?’ fragte er eher beiläufig und starrte wie gebannt auf die krakelige Schrift seines Küpers. ‘Baumwolle!’

‘Das wird mir im Leben nicht einfallen, ich könnte mir einen Bruch heben, werter Kapitän!’

‘Hab ich dir schon gesagt, dass du ein ziemlich freches Mundwerk hast.’ meinte der Kapitän reichlich verwirrt, er ließ sich auf seinen Stuhl fallen und griff mit zitternden Fingern nach dem Becher mit Rum, den er vorhin auf seinem Tisch hatte stehen lassen.

‘Meint Ihr nicht, dass diese krakenarmigen Franzaken sich genug Schiffe von uns gekrallt haben, um Waffen und Munition in die Kolonie zu bringen? Und warum sollten sie trotz seiner Herkunft den durchaus angesehenen Lieutenant als Passagier auf einem heruntergekommenen Frachtensegler auf eine ungewisse Reise bis in die Karibik schicken?’

‘Pah, heruntergekommen?’ schnaubte der Kapitän.

‘Ich wollte Euch und Euer Schiff bestimmt nicht schlecht machen, aber es hat bestimmt schon mal bessere Zeiten gesehen.’

‘Mein altes Mädchen und ich haben viel mitgemacht, seit die Franzaken Saint Domingue verloren haben.’

‘Gott preise diesen denkwürdigen Tag!’

Er zog wieder nur eine Augenbraue hoch und meinte dann: ‘Fräulein, Ihr schweift ab! Was ist jetzt mit der ‘Baumwolle’?’

‘In Eurem Laderaum kauern 2 Duzend verängstigte Sklaven.’

‘Und warum wisst Ihr davon?’

‘Mein Stiefvater hat uns erwischt, wie wir sie befreien wollten und 3 von unserer Gruppe sind jetzt auch bei der ‘Baumwolle’!’

‘Und jetzt?’

‘Ihr seid der Kapitän!’

‘Ja, ich bin der Kapitän!’ meinte der Kapitän und räusperte sich. ‘Also, dann werd ich mir mal anhören, was der werte Lieutenant zu meckern hat.’

‘Und dann?’

‘Werd ich mir mal die ‘Baumwolle’ ansehen!’ flüsterte er ihr geheimnistuerisch zu. ‘Und Ihr bleibt hier und rührt Euch nicht vom Fleck.’

‘Werden Eure Männer nicht reden? Die haben mich ja schließlich gefunden!’

‘Keine Sorge, ich red mit Johann!’ rief der Kapitän, zog seine Jackett an und griff nach seiner Perücke, die neben der Waschschüssel auf einem Perückenständer bereits stand. ‘Euer Kapitän kümmert sich um alles.’

Fortsetzung folgt vielleicht…

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