1799 – Baumwolle für Tobago – Teil 2

1799 – Baumwolle für Tobago – Teil 2

3202320569_7b3d426624_b

Mit den Frachtlisten unterm Arm schlenderte der Kapitän zur Messe hinüber, wo der Lieutenant schon sehnsüchtig zu warten schien. Johann schlich ihm hinterher, blieb aber vor der Messe stehen.

‘Das Laden hat etwas länger gedauert, aber der Wind steht gut.’ meinte er kurz und machte Anstalten wieder gehen zu wollen.

‘Ihr habt ja das Gemüt eines Fleischerhundes. Wenn ich mich nicht recht irre, gab man Ihnen genaue Order, wann die Blue Moon auf Tobago anzukommen hat.’

‘Die See ist eine launische Hure, nur wenn man sich ihr ganz hingibt, kommt man auch zur rechten Zeit, werter Lieutenant.’

‘Euer Wort in Gottes Ohr!’

‘Hoffnungslos sind die Gottgläubigen auf hoher See!’ rezitierte er anscheinend aus seiner persönlichen Bibel und ging wieder aus der Messe, mit den Frachtlisten wedelnd.

‘Was habt Ihr nun vor, Kapitän!’ fragte der Lieutenant.

‘Ach, ich werd jetzt die Frachtlisten überprüfen, nicht dass bei der ganzen Hektik noch etwas durcheinander geraten ist.’ trällerte der Kapitän und verließ die Messe.

Dem Lieutenant entgleisten regelrecht seine Gesichtszüge, als der Kapitän die Frachtlisten erwähnte und folgte ihm neugierig.  

‘So Johann, wo ist der Küper?’ frug der Kapitän ganz beiläufig und am Ende des Ganges machte ein verschroben wirkender Kerl Meldung.

‘Israel Jonason, meldet sich zur Stelle, Kapitän’

‘Israel Jonason, nun schauen wir mal, ob du dem Analphabetismus wirklich abgeschworen hast, mein Freund. Auf in den Laderaum.’ trällerte der Kapitän hoch erfreut und schlenderte weiter.

Der Kapitän zog seine Kontrolle des Laderaumes so unnötig wie möglich in die Länge und der Lieutenant schwänzelte die ganze Zeit in der Nähe herum und belauschte und beobachtete den Kapitän, den Küper Jonason und Johann dabei, wie sie jede einzelne Kiste beäugten.

Nach gefühlten Stunden kamen sie ganz hinten im Laderaum an und der Kapitän fragte: ‘Sag mal, Israel. Ich kann dein Gekritzel gar nicht entziffern. Was soll das heißen?’

‘B….baum….w…w….wolle?’ stammelte der Küper.

‘Nein, das kann ja nicht stimmen.’ rief der Kapitän empört. ‘Nur ein Narr bringt Baumwolle nach Tobago!’

‘Da steht aber Baumwolle, aber ich hab das nicht geschrieben, Kapitän!’ sagte der Küper zu seiner Verteidigung.

‘Wie kann das dann sein, dass in deiner Frachtliste gar plötzlich Baumwolle steht?’ erwiderte der Kapitän leicht amüsiert.

‘Der Morgenschiss kommt ganz gewiss, auch wenn es spät am Abend ist, würde ich mal sagen!’ rief der Küper und zog dabei die Schultern hoch.

‘Isreal, in Zukunft nehme ich es eher in Kauf noch später anzukommen, als dass deine Frachtlisten für Jedermann zugänglich sind, wenn du beim Scheißen bist, Israel!’ befahl der Kapitän und am Ende hatte er seinen Küper gepackt und schrie ihn regelrecht an.

‘Jawohl, Kapitän!’ rief der Küper Israel Jonason pflichtbewusst.

‘Johann, Israel! Ihr wisst was das jetzt heißt, wir müssen jede einzelne Kiste ganz hinten aus dem Laderaum holen, aufmachen und neu beschriften, nicht dass wir am Ende noch Ärger mit der Regierung bekommen, wenn hier was nicht stimmt.’ flüsterte der Kapitän so laut, dass es vor allem der Lieutenant hören hätte müssen.

Kaum war Johann dabei die erste Kiste aufhebeln zu wollen, schlenderte der Lieutenant ihnen entgegen und mit seiner näselnden Blasiertheit fragte er den Kapitän: ‘Was tut er denn da?!’

‘Wir sehen nach, was in der Kiste LV – 426 ist!’

‘Und warum macht er das?’

‘Weil irgendein hirnloser Trottel die Kiste LV – 426 mit Baumwolle klassifiziert hat und nicht mal ein Depp bringt Baumwolle nach Tobago.’ rief der Kapitän und lachte wie ein Verrückter. Johann und Israel lachten auch, weil ihr Kapitän lachte und der Lieutenant und seine beiden Begleiter, die ganz plötzlich neben ihnen aufgetaucht waren, blickten drein, als wären sie auf einer Beerdigung.

Der Lieutenant schluckte schwer und drängte sich zwischen die Männer: ‘Ich glaube das wird nicht nötig sein. In den Kisten befindet sich die Aussteuer für meine Stieftochter, alles aus feinster Baumwolle aus Tobago!’

‘Dann stimmt aber der Lagerort nicht, wenn es sich um Privatsachen handelt. Wenn der Laderaum hinten vollläuft, dann wird die ehrenwerte Tochter des Leutnants die nächste Zeit wohl nicht verehelicht werden. Die Stockflecken kriegt man nie wieder aus dem schönen Geschmeide.’ rief der Kapitän, wunderte sich selbst einen Moment über seinen letzten Satz und schob dann gleich eine Frage hinterher. ‘Wo ist denn eure Tochter eigentlich?’

‘Meine Stieftochter ist vor der Abfahrt schwer erkrankt!’

Aus der Kiste konnte man ein Gewimmer hören.

‘Kapitän, die Kiste macht Geräusche!’ meinte Johann leicht verstört.

Der Kapitän legte den Finger auf den Mund und brachte den Lieutenant für einen kleinen Moment zum Verstummen.

‘Hilfe!’ konnte man genau hören und es kam aus der Kiste.

‘Herr Lieutenant, Ihr werdet doch nicht eure Tochter in die Kiste gesperrt haben, weil sie nicht artig war?!’ fragte der Kapitän und gab Johann einen Wink. Dann Pfiff der Kapitän und während Johann die Kiste aufbrach, wurden die beiden Männer des Leutnants bereits überwältigt.

‘Stieftochter!’ rief der Lieutenant empört.

‘Werter Lieutenant van der Houthen, wenn sich in dieser Kiste das befindet, was ich denke, kann ich schon mal versprechen, dass wir nicht pünktlich auf Tobago ankommen werden.’

Johann hob ein Bündel Fetzen aus der Kiste und stellte es sachte vor seinem Kapitän.

Unter dem Dreck und den Lumpen versteckte sich ein junges Mädchen. Auf den ersten Blick schien sie schwarz zu sein, aber wenn man ein Wenig genauer hinblickte, durchschaute man die Maskeade gleich.

‘Schuhcreme, Leutnant!’ rief der Kapitän. ‘Nur ein Narr schmuggelt gefälschte Neger nach Tobago, Lieutenant!’

Dann wischte der Kapitän mit einem der Lumpen über das Gesicht des Mädchens. Sie quietschte und versuchte sich zu wehren, denn unter der Schuhcreme war nicht nur ein blondes Mädchen versteckt, nein es war ein blondes Mädchen mit einem riesigen Veilchen übers halbe Gesicht.

‘Die beiden schrumpeligen Eier des Lieutenants könnt ihr ins Loch stecken, aber der Lieutenant bleibt hier bei mir, bindet ihm die Hände!’ rief der Kapitän wieder und fuhr dann fort. ‘Johann, mach auch die anderen Kisten auf. Jonason bring die junge Dame in meine Kajüte und mach das was die junge Lady van der Houthen sagt und kümmere dich persönlich darum, dass es beiden an nichts fehlt.’ Der Lieutenant versuchte sich aus seinen Fesseln zu befreien. ‘Ja, Eure liebreizende Tochter hatte mich bereits über den Inhalt der Kisten in Kenntnis gesetzt.’

‘Stieftochter!’ schrie der Lieutenant.

‘Smutje soll sich schon mal Gedanken machen, wie er 2 Duzend zusätzlich durchbringt. Wir machen einen Zwischenhalt auf Madeira, Wasser und Proviant auffrischen.’

 

Fortsetzung folgt…

Werbeanzeigen
%d Bloggern gefällt das: