Im Schein einer Kerze

Im Schein einer Kerze

jokerEr sitzt in einem kalten Raum, allein und nur der Schein einer einzelnen Kerze erhellt spärlich sein vernarbtes Gesicht.

Seine Kappe hängt traurig von seinem einst einmal so stolzen Haupt.

Das Rauschen des Windes dringt an sein Ohr. Fast unmerklich dreht er seinen Kopf, als könne er das Rauschen nicht mehr ertragen.

Sein Blick fällt auf die mit Brettern vernagelten Fenster und der Wahnsinn der aus seinen Augen durch den ganzen Raum zu humpeln schien, hätte den Wind eigentlich zum Verstummen bringen müssen.

Doch der Wind bäumte sich noch einmal auf, um mit einem letzten Windstoß eines der Bretter aus seiner Verankerung zu reißen, dass mit einem dumpfen Schlag zu Boden krachte.

Draußen konnte man die Kälte der Nacht schier sehen. Der Geruch von Schnee drang in seine Nase und ein mildes Lächeln huschte über sein Gesicht.

Eine Schneeflocke verirrte sich in den Raum. Er beobachtete sie, wie sie langsam durch den Raum segelte, um dann vor seiner Nase einen Moment inne zu Halten, bevor sein nächster Atemzug sie zum Schmelzen brachte.

Seine Augen starrten auf die Stelle, wo die Schneeflocke gerade noch inne gehalten hatte, doch sie war fort und würde nie wieder tanzen.

Eine einsame Träne trat aus seinem lachenden Auge hervor und gefror auf seiner Wange, noch bevor das flüssige Salz sein Gesicht verlassen konnte.

Er holte tief Luft. Irgendwas in seiner Lunge rasselte erbärmlich und mit dem Ausatmen begann ein nicht enden wollender Hustenanfall, der die Kerze zum Erlöschen brachte.

Im Dunkeln konnte man noch ein Geräusch wahrnehmen, das man nicht so recht einordnen konnte. Der darauffolgenden dumpfe Schlag hörte sich fast so an, wie das Geräusch davor, als sich das Brett vom Fenster löste, aber eben nur fast so.

Böse Zungen behaupten, es wäre das letzte Fünkchen seines eh schon wankelmütigen Verstandes gewesen, als man sich im Morgengrauen an dieses wahnsinnige Geräusch erinnerte, dass wie ein eisige Blitz durch die Nacht gehallt war, als der Narr des Nächstens von der obersten Zinne des Turmes sprang und man am Morgen nur noch seine Überreste vom Burghof kratzen konnte, hielt er immer noch die Kerze in der Hand, auf der eine wunderschöne Schneeflocke abgebildet war. Das Bild der Schneeflocke machte den Anschein, als hätte sie jemand auf eine unerdenklich filigrane Weise in das Kerzenwachs gebrannt. Am Sockel der Kerze stand: ‘Non mortem timemus, sed cogitationem mortis!’

Das waren auch die Worte, die der Pfaffe am Tag des Herren zu Beginn seiner Messe sagte: ‘Nicht den Tod fürchten wir, sondern die Vorstellung des Todes.’

Als der Messdiener dann die Urne mit den Überresten des Narren hinter der Friedhofsmauer verscharren wollte, stolperte er und fiel über die Stufen der kleinen Burgkapelle nach draußen in den Burghof. Die Urne zerbrach in tausend kleine Scherben und die Asche verteilte sich im Wind.

Was nach dem Tod ist, weiß nur der Wind.

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