Ein Knopf kommt selten allein… Teil 14

Ein Knopf kommt selten allein… Teil 14

OLYMPUS DIGITAL CAMERAEr war wieder auf ihren Beinen eingeschlafen und Hermine wurde wach, als jemand das Zimmer betrat. Es war Sonja. Sie hatte etwas zum Anziehen unter dem Arm und versuchte zu lächeln und dann fing sie an zu plappern: ‘Na, hast du ein bisschen Schlafen können?’

Hermine nickte nur und Sonja fuhr fort, während sie Tommi mit einer zweiten Decke zu deckte. ‘Deine Eltern sind schon im Bett, es hat sie ganz schön mitgenommen. Deine Mutter hat vorhin deinen Bruder angerufen, er schaut, dass er morgen da ist. Ich hab Tommi was Frisches zum Anziehen mitgebracht und ne Zahnbürste. Wenn er dich nervt, dann ruf einfach durch, ja. Ich komm ihn dann holen.’

‘Und wenn er nicht nervt?’

‘Dann hab ich seine Medikamente mitgebracht und dann kannst du einfach anrufen wenn du mich brauchst, ja!’

Sie hob den Edding auf, der vom Bett gekullert war und schmierte ihre Handynummer auf seinen Gips und musste dabei lächeln. Auf seinem Gips stand schon etwas: ‘Danke, deine Mi!’ Und das I-Tüpferl war ein Herz.

‘Ich würd mich gerne Waschen, im Krankenhaus durfte ich nicht, weil die von der Spurensicherung…!’ Sie schluckte schwer. ‘Ich will Tommi nicht wecken.’

‘Er schläft immer wie ein Untoter, er merkt es gar nicht, wenn wir ihn wecken.’

‘Okay!’ meinte Hermine und versuchte ihre Beine unter ihm rauszuziehen.

‘Tommi, Pfannkuchen!’ rief Sonja.

Tommi schrak hoch und Hermine konnte mit samt ihren Beinen vom Bett aufstehen.

‘Geht des allein?’ fragte Sonja. Tommi saß immer noch aufrecht auf dem Bett. ‘Tommi zieh dein Shirt aus, da sind lauter Blutflecken drauf.’

Wie ein Zombie zog er sein Shirt aus und lies sich von Sonja ein Neues anziehen. ‘Die Hose, Tommi. Die kannst du im Bett nicht anlassen.’

Er schüttelte den Kopf, dann machte er ein Auge auf und flüsterte: ‘Ich kann doch nicht ohne Hose hier schlafen.’

‘Du hast doch ne Short drunter, oder?’

Er nickte.

‘Das ist doch in Ordnung?’

Sie hörte Hermine in der Dusche kichern.

‘Das ziemt sich aber nicht!’ krächzte er geheimnistuerisch.

‘Wenn nur alle Männer so Kavaliere wären wie Du! So Herr Knigge, du kriegst eine eigene Decke oder du kannst auf dem Boden schlafen!’

Er zog die Hose aus und ehe Sonja sie von seinen Beinen gezogen hatte, lag er auch schon wieder im Bett. Sie schmunzelte und zog die Decken zurecht.

‘Was haben die dir im Krankenhaus alles gegeben, als ich nicht im Zimmer war?’

Er hob die Hand und zitterte nicht. ‘Ritalin und Diazepam und irgendwas gegen Schmerzen, aber keine Opiate!’

‘Dann keine Tabletten mehr heute, morgen früh gibts Pfannkuchen!’ meinte sie noch, bevor sie wieder aufstand und zur Badezimmertür hinüberging. ‘Kann ich dir helfen?’

‘Ähm ja, mit einem Handtuch!’ hörte sie Hermine rufen und Sonja trat ein.

Wenig später kamen beide wieder aus dem Bad und Tommi lag quer im Bett. ‘Er hat ein ziemlich einnehmendes Wesen, wenn er schläft.’

‘Ich komm mit dem Zombie schon klar!’ lächelte Hermine.

‘Hey, wer wird denn da schon wieder lachen.’ Die Tür ging auf und Tich quetschte sich durch den Spalt. ‘Tich lass ich euch da, wir müssen nochmal kurz los und sind dann drüben im Schloss, ja! Wasser steht auf dem Tisch und ich bring dir noch einen neuen Waschlappen zum Kühlen, okay!’

Sonja verschwand mit der Schüssel nochmal im Bad. Hermine setzte sich mit zitternden Fingern mit ihrem Handy in der Hand aufs Bett und Tränen liefen ihr wieder übers Gesicht. Als Sonja wieder kam, hatte Hermine sich schon hingelegt und hatte die Augen geschlossen. Sonja hob den Hund aufs Bett, zog die Decken zurecht, löschte das Licht und schlich dann aus dem Zimmer.

Fortsetzung folgt…

Advertisements

Tagebuch eines Unbekannten – Teil 4

Tagebuch eines Unbekannten – Teil 4

tagebuchIch hatte zuerst die Befürchtung das mein bescheuerter Bruder mich mit irgendeiner von diesen Dorfschranzen verheiraten will. Genau. Das war auch genau der Grund warum ich mit 15 1/2 halsüberkopf nach Wien geflüchtet bin. Mit nem gefälschten Abitur in der Tasche und nem gefälschten Ausweis hab ich mein Studium zur Dentalmedizin begonnen. Die Tinte war noch nicht ganz trocken und ich arbeitete schon an meiner Promotion. Und hat es mir geschadet? Ja, verdammt! Aber es hatte auch Vorteile, dass ich mir eigentlich keine nackten Dorfschranzen mehr ansehen musste und dass ich mir eigentlich auch keine Furunkeln anschauen wollte.

Deswegen bin ich ja in die große Stadt, um möglichst viel Raum zwischen mich und all die Probleme meiner Familie zu bringen. Dass mein Bruder und meine ganzen Neffen dann bis in die große Stadt zu expandieren begannen, konnte ich ja auch nicht wissen, also finanzierte ich mein Studium unteranderem damit, dass ich Sachen verkaufte, die in meiner Wohnung auftauchten, die davor von irgendeinem Lastkraftwagen gefallen waren.

Aber das war beiweiten nicht alles was ich in der großen Stadt trieb. Und im Verkauf von Waren zweifelhafter Herkunft war ich ja schon ziemlich erfolgreich. Ich wusste einfach was die Leute brauchten, die mit ihren Problemen zu mir kamen. Ich sag immer Psychologie des Wollens. Aber das war nur der Anfang…

Sagen wir mal so, ich bin da so reingerutscht, wie die Jungfrau zum Kinde und nur weil mich mein Bruder in so ein Établissement mitgenommen hatte. Und ich hatte nichts besseres zu tun, als den Ladies die Zähne zu richten und andere Dinge, anstatt sie zu pudern. Aber zumindest haben sie jetzt schöne Zähne und bekommen mehr Schotter fürs Pudern. Anfassen würde ich sie trotzdem nicht.

Ich bin zum Heiraten einfach nicht gemacht und ich werde mich auch mit Händen und Füßen weigern, solange ich noch Arme und Beine habe.

Diese heiratswilligen Weiber, die mich anstarren, als wäre ich der letzte Mann auf Erden, ja die Dorfschranzen, die schlimmstenfalls auf irgend eine Art und Weise mit mir verwandt sind. Gehts noch? Das haben in Wien ganz andere und drallere Damen versucht. Sie haben sich alle ihre neuerdings gut geschrubbten Zähnchen an mir ausgebissen. Tja. So spielt das Leben, mein jämmerliches Leben wird langsam und qualvoll in die Ewigkeit eingehen, ja eingehen werd ich, hier im Keller und zwar bevor ich meinen Samen in einer potentiellen Mutter meiner zukünftigen Kinder entleert habe. Meine Mutter wird sich im Grabe umdrehen, aber was solls?

Wo war ich denn eigentlich stehengeblieben? Ach ja, der grelle Blitz! Wir brachten die jungen Frauen und Kinder und die alten Männer in den Keller und hielten dann Familienrat. Die Durchsage war ja mehr als eindeutig, also beschlossen wir, alles was wir hatten ins größte Haus zu bringen, also ins Haus der alten Cementa. Vorallem Kleidung, Waffen, Werkzeug, Wasser und Nahrungsmittel. Dann wurden die Viecher in die Garage gebracht, das Futtermittel unter Protest der alten Cementa ins Wohnzimmer und die Fahrzeuge in den Stall und abgedeckt. Fragt einfach nicht, aber es war eine meiner besseren Ideen seit der Zeit, seit dem wir hier im wahrsten Sinne des Wortes in der eigenen Scheiße sitzen.

Fortsetzung folgt…

Ein Knopf kommt selten allein… Teil 13

Ein Knopf kommt selten allein… Teil 13

OLYMPUS DIGITAL CAMERATommi war noch nie vorher in ihrem Zimmer gewesen, doch es war schwer zu übersehen, dass es die richtige Tür war. Ein riesiges Foto klebte an der Tür, auf dem Hermine mit einem weiteren Mädchen zu sehen war. Die Tür war nur angelehnt, er öffnete sie vorsichtig, doch sie quietschte. So fangen Horrorfilme an, dachte er.

Hermine lag im Bett und schien zu schlafen. Im Bett lag eine Kleenexpackung und neben den Bett stand ein pinker Mülleimer, der halbvoll mit teils blutigen Taschentüchern war. Auf dem Nachtkästchen stand eine Schüssel mit Wasser und ein paar einsamen Eiswürfeln. Eine Flasche Wasser, ein Glas und ein paar Keksen auf einem Teller. Auf ihrem Schreibtisch war munteres aber kreatives Chaos und unter dem ganzen Chaos war eine Tastatur und ein Bildschirm vergraben.

Er musste fast ein Bisschen schmunzeln, als er sich auf die Bettkante setzte und wartete. Seine Hand zitterte und wenn die Andere nicht eingegipst gewesen wäre, würde sie wahrscheinlich auch zittern. Im Krankenhaus haben sie ihm jede Menge Zeug in den Tropf gekippt. Ihm war schwindlig.

Er hatte keine Ahnung was er tun sollte, also beobachtete er Hermine, wie unruhig sie schlief. Der nasse Waschlappen auf ihrem Gesicht rutschte immer wieder von ihrem Kopf und legte ein unglaubliches Veilchen frei und ihre Nase war wohl gebrochen und alles war ziemlich angeschwollen. Sorgsam legte er den Waschlappen immer wieder auf ihr Auge.

Irgendwann nahm er unbeholfen ihre Hand, in der Hoffnung sie irgendwie beruhigen zu können. Sie trug immer noch sein Hemd, der eine Knopf am Ärmel war ausgerissen.

Ihre Hand haltend verharrte er starr an ihrer Seite, bis er in sich zusammensank und einschlief.

Als sein schlafender Körper auf den Beinen von Hermine aufkam, schreckte sie hoch. Augenblicklich füllten sich ihre Augen mit Tränen und als das erste Schluchzen aus ihrem Mund stolperte, riss es Tommi aus dem Schlaf.

‘Oh Gott Tommi, ich hab im Krankenhaus nur gesehen, dass sie dich abgeführt haben, die Bullen!’ schluchzte sie.

Tommi schüttelte den Kopf: ‘Keine Sorge, die Anzeige wegen Körperverletzung geht vor Gericht eh nicht durch. Der Staatsanwalt interessiert sich wahrscheinlich eher um die sexuelle Nötigung einer Minderjährigen mit schwerer Körperverletzung.’

‘Schwerer Körperverletzung?’ flüsterte Hermine.

Tommi strich ihr mit den Fingern über den Hals, der mit Kratzern und blauen Flecken übersät war und meinte: ‘Ja, mit Tötungsabsicht, Hermine! Ich hab keine Ahnung wer der Kerl ist, aber der geht dafür in den Knast.’

‘Sei dir da mal nicht so sicher, sein reicher Vater wird da bestimmt was drehen!’

‘Du kennst den Kerl?’

‘Ja, es ist ein Mitglied der höheren Gesellschaft von Waldbuch, Lutz Eif von Schleif! Sein Vater Heribert Eif von Schleif ist irgendwie Multimillionär.’

‘Ich bin zwar irgendwie nicht Multimillionär, aber unseren Anwalt kann ich mir grad noch leisten, keine Sorge, der macht das schon.’ Sie versuchte gar nicht zu lächeln, setzte sich aber auf und bemerkte dann erst, dass er einen Gips hatte. ‘Oh Gott, die ist doch nicht gebrochen?’

‘Doch, sein Schädel war ein bisschen härter als meine Faust.’ meinte Tommi und klopfte damit an den Bettrahmen. Sie weinte wieder und er versuchte sie irgendwie zu beruhigen. Aber alles in den Arm nehmen und gut zu reden half nichts mehr. Er war mehr als überfordert, aber er blieb an ihrer Seite und hielt ihr immer wieder ein neues Taschentuch hin. Er wusch den Waschlappen in der Schüssel mit Eiswasser aus und legte ihn wieder auf ihr Auge.

Nach einer viel zu langen Zeit und einer verrotzten Kleenexpackung später, flüsterte sie ihm zu: ‘Kannst du mir von meinem Schreibtisch mein Handy und einen Edding bringen?’

‘Kann ich dir noch was bringen, magst du was trinken?’ fragte er und stand auf, erst im letzten Moment lies er ihre Hand los, um sich gleich im nächsten Moment wieder zu setzen und sie wieder zu ergreifen, um ihr das Handy in die Hand zu drücken.

‘Ich will Jenny schreiben, dass ihr bescheuerter Exfreund versucht hat mich zu vergewal…!’ Und ihre taffe Stimme zerbrach wieder in einem herzerweichenden Schluchzen.

‘Ihr Exfreund?’ rief er lauter als er gewollt hatte und sie heulte noch lauter.

‘Hey, hey, hey, das kannst du doch nachher noch schreiben…!’ flüsterte er ihr zu und drückte ihr den Edding in die Hand. ‘Los, mal mir irgendwas Bescheuertes auf den Gips, damit du jeden Tag drüber lachen kannst, wenn du mich siehst.’

Sie nahm den Stift und begann was zu schreiben und blickte ihn dann an: ‘Bleibst du heute Nacht hier?’

Er konnte ihrem Blick nicht standhalten: ‘Wenn du möchtest, dass ich da bleibe, bleib ich!’

‘Und wenn nicht?’ fragte sie eher beiläufig und malte zu Ende.

Er las was sie geschrieben hatte und schmunzelte: ‘Werd ich auch bleiben, Mi!’

Fortsetzung folgt…

Ein Knopf kommt selten allein… Teil 12

Ein Knopf kommt selten allein… Teil 12

OLYMPUS DIGITAL CAMERATommi hatte die halbe Nacht noch im Tagebuch gelesen, spannend war es allemal und ganz schön schweinisch wurde es auch noch. Kein einziges Wort wird er je wieder davon vorlesen, ohne einen hochroten Kopf zu bekommen. Als Gwendoline mit dem großen Reiterbild anfing, war sie das erste Mal schwanger und soweit er das beurteilen konnte, gab es da noch ein Kind, bevor Jonathan gezeugt wurde. Also beschloss Tommi ins Speisezimmer hinüber zu schleichen und sich das Bild genauer anzusehen. Er schnappte sich seine Taschenlampe und schlich aus der Tür seines Zimmers und wäre beinahe mit dem Kimmelmann zusammen gestoßen, der sich gerade aus dem Zimmer seiner Schwester schlich.

‘Das ging aber schnell!’ meinte Tommi und hielt sich die Taschenlampe ins Gesicht, woraus das nächste Zucken über sein Gesicht noch gruseliger wirkte.

‘Mensch Tommi, als ob es hier nicht schon gruselig genug ist.’ raunzte ihn der Kimmelmann an, bevor er verschwand. Tommi blickte ihm nach und schüttelte den Kopf.

Am nächsten Tag kam der Notar und der Anwalt und sie hatten viel langweiligen Papierkram zu erledigen. Dann kam dieser Dr. Dalek dazu und er war ganz wissbegierig auf das Tagebuch, der Kimmelmann hatte ihm gesteckt, dass das verschollene Tagebuch von der Ahnherrin Gwendoline aufgetaucht war.

Als Sonja dann mit dem Kimmelmann losfuhr, um ihre restlichen Sachen zu holen, musste Tommi wieder aus dem Tagebuch vorlesen, weil dem Dr. Dalek sein Sütterlin nämlich auch ziemlich grauenerregend war. Tommi versprach es ihm das Tagebuch Wort für Wort abzutippen, wenn er nur nicht weiter vorlesen musste, weil den schweinischen Teil würde er dem alten Dr. Dalek bestimmt nicht vorlesen. Als der Dalek endlich fort war, musste er noch Frau Immerlinger im Museum aushelfen und kurz bevor der Tag endlich zu Ende war, ging er mit Tich raus und lief zu den Stallungen hinüber.

Neugierig lief er um die Stallungen herum, er hoffte Hermine zu finden. Sie hatte sich gestern Abend irgendwie seltsam benommen, als sie gegangen war, er war sich nicht sicher was er wollte, aber er wollte sicher gehen, dass sie in Ordnung war. Außerdem musste er ihr von dem Tagebuch erzählen, vielmehr musste er ihr beichten, dass er fast damit durch war. Und er musste irgendwie loswerden, dass der Kimmelmann gestern Nacht im Zimmer seiner Schwester war.

Es war merkwürdig ruhig auf dem Hof, die Hunde waren ziemlich still. Seine Schwester und der Kimmelmann waren noch nicht wieder da. Und Hermine hatte sich heute den ganzen Nachmittag nicht blicken lassen.

Er konnte Stimmen hören, also ging er durch ein offenes Stalltor hinein. Der Hund legte die Ohren an. Tommi zog eine Augenbraue hoch und ging weiter. Er konnte Hermine hören, in ihrer Stimme lag etwas Seltsames. Als hätte sie Angst.

Er ging an den leeren Pferdeboxen entlang und lief zum Heulager hinüber. Es lief ihm kalt den Rücken runter.

Plötzlich hörte er ein ersticktes: ‘Nein!’ und im nächsten Moment sah er einen Kerl, der Hermine mit seinem ganzen Gewicht ins Stroh drückte, sie mit einer Hand würgte und sich gleichzeitig an seiner Hose und ihrem BH zu schaffen machte. Ihr Shirt war zerrissen, ihre Nase blutete und ihre erstickten Schreie gingen in ihrem Schluchzen unter. Tommi dachte nicht nach, er riss den Kerl von ihr runter und schrie: ‘Ein Nein ist ein Nein!’

Der Kerl taumelte, hielt mit einer Hand seine Hose fest und holte zu einem Schlag aus. Doch Tommi war schneller. Er hatte sich nie geprügelt, doch sein erster Schlag saß, dass es den Kerl von den Füßen riss und er bewusstlos zu Boden krachte.

Für einen Moment stand er wie vom Blitz getroffen da, starrte auf seine Hand, die ihm unglaublich weh tat. Erst ihr Schluchzen riss ihn aus seiner Starre.

‘Hey, was ist denn mit der Misttöle los?’ hörte er den Kimmelmann von draußen rufen. ‘Und wo sind die anderen Köter?’

Der Kerl hatte sich mittlerweile aufgerappelt und suchte das Weite, als er aus dem Stall stürmte, riss der den Kimmelmann um.

‘Ja hey, ja Sie?’ rief der Kimmelmann und stürmte ins Heulager.

Er sah Hermine wie sie blutüberströmt im Heu lag und ihr Shirt vor den Brüsten zusammen hielt. Tommi war auf die Knie gestürzt und versuchte mit einer Hand sein Hemd auszuziehen.

Der Kimmelmann zückte sein Handy: ‘Was wird da g’spuilt?’

‘Ich… ich…. kam rein, er hat sie gewürgt… und… und… und!’ stotterte Tommi, bevor seine Stimme brach.

‘Tommi, kümmer dich um Hermine, ich hol die Polizei und nen Krankenwagen!’

Der Kimmelmann lief wieder aus dem Stall und man konnte ihn lauthals telefonieren hören. Tommi hatte es zumindest geschafft sein Hemd soweit auszuziehen und riss den letzten Knopf aus, um im nächsten Moment Hermine damit zu zudecken.

Beruhigende Laute kamen über seine Lippen und plötzlich stürzte sie in seine Arme. Er wusste überhaupt nicht was er machen sollte, aber anscheinend reichte seine pure Anwesenheit aus, um sie ein wenig zu beruhigen.

Sonja kam mit Tich auf dem Arm in den Stall gestürzt und der Kimmelmann folgte ihr mit einem Erste Hilfe Kasten und rief. ‘Der Krankenwagen kommt gleich!’

Alles was dann geschah, bekam Tommi nur so am Rande mit, wie ein Zuschauer in einem schlecht geschnittenen Action Film. Die Sirenen und die Lichter, dann die Fahrt ins Krankenhaus. Die Fragen der Polizei. Tommi wurde geröntgt und dann eingegipst. Seine Schwester wich ihm nicht von der Seite. Die Polizisten fingen an zu tuscheln, dann nahmen sie ihn fest und dann kam der Anwalt und er wurde wieder freigelassen.

Wenig später saß Tommi auf dem Rücksitz eines fetten Mercedes und ehe er sich versah wurde er ins Haus von Herrn Immerlinger gebracht.

Herr Immerlinger saß in einem Sessel und trank etwas aus einer Tasse und Frau Immerlinger kam gerade die Treppe runter und blickte besorgt in die Runde.

Herr Immerlinger stand auf und lief an ihnen vorbei, er legte Tommi die Hand auf die Schulter, nickte ihm zu und meinte: ‘Gut gemacht, Junge!’

Er musste sich an der Wand abstützen, als er weiter ging.

‘Er hat es am Herzen, es ist besser wenn er sich hinlegt. Tommi kannst du hochgehen zu ihr, Hermine fragt nach dir. Immerzu.’ flüsterte Frau Immerlinger, sie fing an zu schluchzen und lief ihrem Mann hinterher.

Fortsetzung folgt…

Ein Knopf kommt selten allein… Teil 11

Ein Knopf kommt selten allein… Teil 11

OLYMPUS DIGITAL CAMERAHermine raufte sich die Haare und jammerte: ‘Du kannst doch jetzt nicht aufhören zu lesen!’

‘Das ist aber nicht mehr so ganz jugendfrei!’ erwiderte Tommi und blickte sie für einen kurzen Moment ernst an.

‘Du kannst sofort aufhören, wenn sie sich die Kleider vom Leib reißen, aber eines sag ich dir, wenn der Faust noch nicht im Druck ist, dann wird es noch eine Weile dauern mit den unehelichen Nachkommen, weil Jonathan von Waldbuch erst 2 Jahre nach der Buchveröffentlichung von Goethes Faust geboren ist.’

Er grinste sie einfach nur an und schlug das Buch wieder auf, um kopfschüttelnd weiterzulesen:

‘Der Herrgott soll mich strafen, dass ich meine Befürchtung laut auszusprechen gewagt habe, auch wenn ich meinen Satz nicht beenden musste: ‘Mein Gemahl will einen Sohn und ich weiß, dass ich ihm einen schenken kann…’ Der Stallknecht schien sofort zu verstehen was ich zu sagen versuchte. Er blickte mich ungläubig an, schüttelte den Kopf und dann spie er es förmlich heraus: ‘Wollt Ihr damit sagen, dass der Herr nicht seinen Mann stehen kann?’

Ich hielt ihm die Hand vor den Mund und flüsterte weiter: ‘Doch, dass tut er, öfter noch als es mir lieb ist, doch kommt er nie zum Abschluss!’

Er sprach nun durch meine Finger: ‘Das macht es nicht besser, werte Gwendoline! Und wie kann ich Euch nun dabei helfen?’

Ich stand hastig auf und winkte ab: ‘Lasst uns zum Gatter gehen, ich will meine Pferde sehen!’ Sobald ich stand, überkam mich wieder der Schwindel und wenn der Stallknecht mich nicht gehalten hätte, dann wäre ich wohl wieder gestürzt. Wir liefen langsam los dem Gatter entgegen.

Nun plapperte er wieder und zum Glück war niemand hier draußen außer uns beiden, weil er sich wirklich äußerst unzivilisiert artikulierte: ‘Entschuldigt meine Direktheit, ich soll Euch doch kein Kind machen?’

Meine Empörtheit über seine Frage war wahrlich nur gespielt, ich hatte mir bereits den ganzen Winter den Kopf darüber zerbrochen, wie ich zu einem blondgelocktem Bengel kommen würde.

‘Jetzt geht er wirklich zu weit, hat er mal sein schwarzes Haar betrachtet, das würde sofort jeder sehen, dass es nicht von meinem Mann ist. Er hat nicht zufällig einen stattlichen Freund, der zufällig blondgelockt ist?’

Wie schön er sich aufregt, wenn etwas Unziemliches aus meinem Munde sprudelte. ‘Herrin, wenn Euch jemand hört, wird nicht nur mein Gemächt an die Schweine verfüttert!’

Ich musste mir wahrlich das Lachen verkneifen und trieb es auf die Spitze: ‘Und hat er nun einen Freund?’

Nun nahm er kein Blatt mehr vor den Mund und doch umschrieb er es recht bildhaft: ‘Nein, werte Herrin, ich werde Euch keinen blondgelockten Schimmel zum Begatten auf die Koppel schicken!’

Ich setzte noch Einen drauf: ‘Schade, dann muss ich wohl doch mit diesem Watzlaff vorlieb nehmen, wenn er sein Versprechen schon bricht, sobald meine Hand von seinem Herzen gerutscht ist.’

‘Ihr habt recht, ich hab Euch mein Versprechen gegeben. Erstens den Mund zu halten und Zweites alles in meiner Macht stehende zu tun, um Euch zu helfen. Und wenn ich eines kann, dann einen müden Hengst wieder auf die Beine zu bringen…!’

Ich unterbrach ihn mit meiner Hand und weil ich ihm ins Wort gefallen war: ‘Erspare er mir jede weitere Metapher!’

Auch wenn er sich mittlerweile ganz schön was rausnahm, wie er mit mir redete: ‘Wenn Ihr wieder aufs Pferd steigen wollt, müsst Ihr erst von eurem hohen Ross herunter steigen, um die Freiheit genießen zu können!’ Als er seine Ansprache beendet hatte pfiff er und im nächsten Moment legte er meine Hand auf den hölzernen Querbalken des Gatters. Ich war für einen Moment abgelenkt, weil meine wunderschönen Tiere auf uns zu liefen. Er stieg durchs Gatter und fuhr dann fort: ‘Ende der nächsten Wochen sitzt Ihr schon wieder im Sattel und es wäre doch gelacht, wenn Ihr nicht bis zum Ende des Monat mit mir um den See reiten würdet!’

Eher beiläufig fragte ich ihn: ‘Und was gedenkt er bezüglich des anderen Problems zu tun.’

Er führte einen Schimmel zu mir und lies mich das herrliche Tier streicheln und dann blickte er mich ernst an, bevor er mir ein Versprechen abnahm:

‘Zuerst müsst Ihr mir versprechen, nichts zu hinterfragen, was ich Euch sage und erst wenn ich mich überzeugt habe, dass der alte Hengst nicht mehr decken kann, werde ich mich um einen geeigneten Ersatz kümmern.’

Ich nickte ihm zu, machte einen Knicks und flüsterte ihm zu: ‘Ich gehöre ganz Ihm!’

Der Weg zum Gatter war länger als ich gedacht hatte, hatten wir die wenige Zeit mit unserem verbalen Vorspiel vertrödelt und die Zeit war so kurz, die ich dort am Gatter verharren durfte. Ich konnte noch ein paar meiner Pferde streicheln und dann mussten wir zurück.

Mein neuer Vertrauter, der Stallknecht, der übrigens Hans seinen Namen nennt, bestand darauf, mich den halben Weg zu tragen, weil er die Kutsche des Doktors schon hörte und nicht zu spät kommen wollte.

Bevor wir allerdings wieder in Hörweite von neugierigen Ohren waren, zischte er mir zu: ‘Lasst Eurer Fenster heute Nacht einen Spalt auf, ich verspreche Euch, Alma wird mich nicht bemerken!’ Ich nickte ihm zu und er entließ mich in die treusorgenden Arme der Schwester Alma.

Der Doktor war ziemlich zufrieden mit mir und er erlaubte mir weitere Spaziergänge.

Sobald ich alleine war, kamen die Schmetterlinge wieder, sie haben mich erwischt. Ich habe wieder zu malen begonnen, den Blick vom Gatter zu dem kleinen See, den ich nie wieder gedacht hatte erblicken zu dürfen und die Schmetterlinge, wie sie an den ersten Blüten nur für einen Moment verbleiben.’ Tommi setzte ab und blickte hinüber zu dem Bild, dass an der Wand hing.

‘Es ist unglaublich!’ meinte Sonja von der Tür. ‘Ich wusste nicht, dass du so eine tolle Vorlesestimme hast, Tommi!’

Tommi klappte das Buch zu und blickte kurz zur Tür: ‘Wie lange steht ihr da schon?’

‘Noch nicht lang?’ meinte der Kimmelmann und fuhr dann fort. ‘Ihr habt das verschollene Tagebuch von Gwendoline gefunden, dem Dalek wird ein Ei aus der Hose fallen, wenn er das erfährt.’

‘Tommi hat es gefunden!’ meinte Sonja und tippte auf dem Tablett auf ausloggen.’Oh, es ist schon reichlich spät, meine Mutter wird sich bestimmt schon Sorgen machen!’

Sie stand auf und meinte noch bevor sie ging: ‘Lies ja nicht ohne mich weiter!’

Fortsetzung folgt…

Tagebuch eines Unbekannten – Teil 3

Tagebuch eines Unbekannten – Teil 3

tagebuchMeine zweite These, die eigentlich schon die dritte These war, war daß uns ein Komet gestreift hatte, oder gar eingeschlagen war. Auch wenn ich keinen glühenden Himmelskörper gesehen habe, bevor der große Knall kam, gut aber ich war ja auch gerade betrunken gewesen, als mich der grelle Blitz fast blind gemacht hatte. Gut der Schwarzgebrannte von meinem Großonkel hat meinen Großonkel auch fast blind gemacht hat. Wenn der große Knall nicht gekommen wäre, hätte mich wahrscheinlich der große böse Wind blind gemacht, weil ich musste mir einen abartigen Furunkel am Hintern meines Großonkels Wazlaf ansehen, als die Welt beschloss mit diesem riesigen Knall unterzugehen.
Watzlaf, mein Großonkel hatte so heftige Flatulenzen, dass ich kurz davor war seinen Hosenwind in meine Thesensammlung aufzunehmen, was ich mir dann aber doch anders überlegt habe, weil es mir dann doch ein Wenig an dem Haaren herbeigezogen vorkam, wie gesagt ich war ziemlich betrunken, als es geschah.
Warum auch immer, ich hab mir tatsächlich die Nasenhaare abgebrannt, wobei ich mich wirklich nicht mehr daran erinnern kann warum.
Es gibt einfach Fragen, die werden wohl nie geklärt werden. Komet oder nicht, das Ende der Welt ist da. Und wir werden alle sterben!
Oh Mann, ich sollte nicht zu viel Opium rauchen und dazu abgelaufene Beruhigungsmittel mit Absinth runterspülen.
Sind nicht die Dinosaurier ausgestorben, weil ein Komet… oder ist das jetzt wieder Blasphemie, wenn ich das sage. Ich dachte ich hätte in der Universität mal sowas aufgeschnappt?
Oh, ja ich habe tatsächlich eine Universität besucht und zwar nicht nur als Briefbote, nein ich habe tatsächlich studiert. Gefühlte 100 Semester, wahrscheinlich waren es keine 12.
Wahrscheinlich bin ich tatsächlich der Einzige hier und entgegen aller Meinungen hier, habe ich sogar ziemlich erfolgreich abgeschlossen. Nur den Dr. und alle weiteren Titel habe ich mir erschlichen oder aufgrund von Dingen, die hier nichts zu suchen haben, sauer verdient. Das interessiert wahrscheinlich eh niemanden mehr, wie ich zu meinen Titeln gekommen bin. Ich war jung und brauchte das Geld. Es ist auch besser so, was interessiert die Vergangenheit, wenn wir doch keine Zukunft mehr haben.
Es ist bitter genug, das wir nicht wissen an was wir verrecken und gegen einen unsichtbaren Feind kann ich nicht kämpfen. Ich könnte die Wände hochgehen und ich bin nicht ausreichend ausgebildet für so einen Vorfall.
Und dass ist es, was meine Leute einfach nicht verstehen wollen, ich bin Zahnarzt verdammt nochmal und ich bin in der höherer Medizin eigentlich nicht gerade ausgebildet. Und vorallem bin ich kein Experte in Furunkelentfernung.
Meine anatomische Ausbildung gleicht ungefähr der eines Tierarztes und genau so betrunken war ich immer als wir Anatomie hatten. Verdammt und jetzt sitze ich in einem Keller gefangen mit allen meinen potentiellen Erbkrankheiten. Mein Leben war schon ein Alptraum, bevor ich mich überreden lies, zu dieser unleidigen Hochzeit zu fahren.

Fortsetzung folgt…

Ein Knopf kommt selten allein… Teil 10

Ein Knopf kommt selten allein… Teil 10

OLYMPUS DIGITAL CAMERAHermine hielt ihm ein Halsbonbon hin.

‘Also soll ich weiterlesen?’ krächzte Tommi und nahm das Bonbon entgegen.

‘Des ist der absolute Hammer, mach bitte weiter!’ jammerte Hermine.

Tommi lutschte an dem Bonbon, räusperte sich erneut und suchte dann die Stelle im Text, wo er vorhin unterbrochen hatte:

‘Die werte Alma kam armewedelnd über den Hof gelaufen und hatte zum Glück den Haushofmeister bereits im Schlosshof abgehängt. Sie schimpfte schon wie ein Rohrspatz, als sie die kleine Brücke über den Burgteich passiert hatte.

‘Aber Herrin, Ihr solltet doch nicht alleine und vorallem nicht ohne Schirm.’ rief meine resolute Alma und wie gerne hatte ich sie, weil sie sogleich den Schirm dem Stallburschen drüber zog und wütend auf ihn einredete: ‘Du hast die Herrin doch wohl nicht begrabscht mit deinen schwieligen Bratzen?’

Beherzt ging ich dazwischen: ‘Werte Alma, haltet ein, gerettet und gewässert hat er mich und war ansonsten recht achtsam mit mir.’ Als Alma nicht hinsah, zwinkerte ich ihm zu.

‘Wenn der Herr davon erführe, dann lässt er mich bei den Schweinen schlafen.’ rief Alma und ich erwiderte ihr, dass ich doch nur zum Gatter gehen wollte, um die Pferde zu sehen. Sie reckte nur wieder die Arme in die Luft und lamentierte ihren üblichen Sermon in die weite Welt hinaus: ‘Ich weiß nicht, was Ihr mit diesen stinkenden Viechern habt, aber gesund kann das nicht sein.’

Plötzlich erhob der Stallknecht seine tiefe Stimme: ‘Bei allem Respekt, werte Alma. Aber ich hab die Herrin seit einer viel zu langen Zeit nicht mehr im Stall gesehen. Werte Herrin und es geht Euch immer schlechter, statt besser, seit der Herr Euch verboten hat zu reiten, aber was ist, wenn es genau dass ist, was Euch fehlt?

Alma überlegte sehr sehr lange und grinste dann herzallerliebst: ‘Der Herr ist nicht am Hofe und wird auch lange Zeit verreist sein. Wenn die Herrin am Ende nur wieder Farbe im Gesicht hat, bin ich schon froh, aber wenn die Herrin vom Pferd fällt, dann wird das Bett bei den Schweinen dein geringstes Problem sein, vorallem wenn ich ihnen deine… entschuldigt meine Ausdrucksweise…. zum Fraß vorgeworfen habe.’ Am Ende ihres Vortrages pochte sie mit der Schirmspitze gegen die mächtige Beule in seiner Hose.

Das Schauspiel begann, als ich mein Taschentuch zückte und gar jämmerlich zu weinen begann: ‘Aber Alma der abartige Knilch wird meinem Mann alles brühwarm erzählen oder ihm gar einen Brief schicken.’ Mit zitterten Fingern wischte ich mir die Tränen aus den Augen.

Alma baute sich vor mir auf und hob die Stimme: ‘Lass den alten Tattergreis mal meine Sorge sein, den weiß ich schon zu beschäftigen!’ Ich konnte es nicht fassen, als sie dem Stallknecht den Schirm in die Hand drückte und erst daraufhin fort fuhr: ‘In einer Stunde kommt der Doktor, da sollte die Herrin wieder im Schloss sein.’

Dann marschierte sie wieder zum Schloss und lies uns einfach stehen, wie bestellt und nicht abgeholt.

‘Mein schönes Fräulein, darf ich wagen meinen Arm und Geleit Ihr anzutragen?’ meinte der Stallknecht und hielt ihr tatsächlich seinen enormen Arm hin.

‘Bin weder Fräulein, weder schön…!’ antwortete ich und hielt ihm sein Hemd hin. ‘Doch bin ich verheiratet genug, als dass er sich bekleiden sollte, bevor wir gehen.’

Als er sein Hemd anzog und in seine Hose steckte, wurde mir der Magen flau, aber es war nicht die Übelkeit, nein es müssen Schmetterlinge gewesen sein, sie mich beflügelten. Ich wusste nicht, dass er belesen war. Ich wusste ja auch nicht, dass er überhaupt lesen konnte. Und wie er an die Abschrift von Goethes Faust gekommen war, war mir ein Rätsel. Hatte ich sie selbst erst seit ein paar Wochen. Und wie hab ich es verschlungen, das Machwerk von diesem Goethe, noch bevor den Text auch nur ein Drucker in den Händen hatte. Ich musste ihn einfach fragen: ‘Wie belesen er ist!’

‘Herrin, Euer Gemahl bat mich es ihm vorzulesen, als wir auf dem Weg von Weimar zurück in einer Herberge festsaßen.’

Ein ‘Soso!’ muss mir völlig unabsichtlich aus dem Mund gestolpert sein, aber es beflügelte ihn noch mehr zu erzählen.

‘Euer Gemahl macht sich große Sorgen um Euer Wohlbefinden.’

Mein darauffolgendes ‘Aha!’ war allerdings mit voller Absicht gesprochen.

‘Er meint es wirklich nur gut mit Euch, auch wenn der Herr damit vielleicht ein Wenig daneben liegen könnte.’

Was er sich anmaßte und wie er mit mir redete. Schwer um meine Fassung ringend, erhob ich meine Stimme: ‘Redet er auch so mit meinem Gemahl? Und was mich noch viel mehr interessiert, redet mein Gemahl so mit seinem Stalljungen, als dass er sich eine Meinung zu bilden erlaubt?’

‘Bei allem Respekt, Euer Gemahl hielt mich immer an, gerade heraus zu sprechen was ich denke und ich habe ihn damit nur selten erbost. Aber wenn ich Euch erzürnt habe, tut es mir wahrlich Leid. Die Sorge um Euer Wohlergehen, teile ich von ganzen Herzen, so wie mein Herr es tut!’

Ich muss wirklich zugeben, dass es mir wahrlich Freude bereitete ihn zu triezen, also stocherte ich weiter: ‘Warum hat er meinen Mann dann nicht nach Prag begleitet?’

Und schlagfertig war er, dass musste man ihm wirklich lassen: ‘Watzlaf kennt sich dort besser aus und mein Tschechisch ist grauenerregend!’

Mir stolperte über seine Ehrlichkeit ein ungewolltes Lächeln über die Lippen und er nickte mir lächelnd zu und redete gleich wieder ungefragt weiter, aber nach dem er sich auf den Boden kniete und nach meiner Hand griff, konnte ich ihm ja auch schlecht den Mund verbieten:

‘Werte Herrin, bitte hört mich an. Ich gelobe feierlich Euch jeden Wunsch von den Augen abzulesen, wenn es Euch nur besser geht mit Eurer Last. Ich seh doch wie Ihr Euch täglich quält. Lasst mich Euch helfen, ich flehe Euch an, seid nicht böse mit mir, für mein Mundwerk kann ich nichts. Ich bin es nicht gewohnt, jeden Satz mit ‘Bei allem Respekt’ beginnen zu müssen, damit man mir Gehör schenkt.’

Ich blickte ihn eine Weile an und er hielt immer noch meine Hand, die er nun an sein Herz geführt hatte und ich konnte seinen Herzschlag durch sein Hemd spüren. Sein animalischer Geruch wehte zu mir hinüber und bevor mir wieder die Sinne schwanden, näherte ich mich seinem Ohr und flüsterte gerade so laut, das nur er mich verstehen konnte: ‘Meine Last ist schwerer noch, als jeden Mannes Arbeit hier am Hof und doch bin ich gewillt sie mir als Bürde aufzuerlegen. Versprecht mir, dass Ihr keiner Menschenseele davon erzählt, sonst lass ich die Alma auf Euch los.’

Und seine Worte werde ich nie in meinem Leben vergessen, die er auf Knien zu mir sagte:

‘Mit Eurer Hand auf meinem Herzen, seien meine Lippen versiegelt, werte Gwendoline von Waldbuch!’’

Tommi ließ das Buch sinken und Hermine hielt ihm ein weiteres Bonbon hin. Seine Wangen liefen ziemlich rot an und er fing an zu stottern: ‘Das wird jetzt… jetzt… ga… ga…!’ Er brach ab und hielt sich die Hand vor den Mund, um dann tief einzuatmen. Als er wieder ausatmete vollendete er seinen Satz, in dem er ihn quasi ausspie: ‘…ganz schön versaut!’

Fortsetzung folgt…

Ein Knopf kommt selten allein… Teil 9

Ein Knopf kommt selten allein… Teil 9

OLYMPUS DIGITAL CAMERAHermine lehnte sich zurück und Tommi las vor:

‘Liebes Tagebuch,

ein weiterer Winter ist vergangen und ich bin immer noch in den Mauern des Schlosses gefangen. Mein Gesundheitszustand ist nicht der Beste und der Kinderwunsch meines Mannes blieb leider immer noch fruchtlos. Der harte Winter zehrte an uns allen, vorallem an mir. Die noble Blässe ging bei mir doch eher mehr ins Krankhafte über. Der Doktor ist ratlos und ich bin verzweifelt. Ich befürchte, wenn ich meinem Mann nicht bald einen Sohn schenkte, dann verstieß er mich bestimmt. Der Arzt hatte empfohlen Früchte aus allen Herren Länder zu essen und viel frische Luft und Sonne zu genießen. Er verordnete mir ein Schlammbad und ich musste jeden Morgen ein Schluck Olivenöl und ein rohes Ei zu mir nehmen. Morgenübelkeit kenn ich nun zumindest schon, da kann das mit der Schwangerschaft wohl nicht so schwer sein?

Heute war der erste warme Tag und ich konnte einen kleinen Spaziergang außerhalb des wunderschönen Gartens machen, ich kam leider nur bis zu den Ställen, weiter wollten mich meine Füße nicht tragen. Jeden Tag ein Stückchen weiter, wenn ich es bis zum Ende der Woche bis zur Koppel schaffen würde, wäre es für mich schon ein Erfolgserlebnis.

Mein Mann musste zu einer geschäftlichen Reise nach Prag aufbrechen und lies mich hier, meines Gesundheitszustandes wegen. Meine Krankenschwester Alma kümmerte sich um mein Wohlbefinden und der Doktor kam jeden Abend, um nach mir zu sehen.

Der Haushofmeister, dieser kleine widerliche Knilch, hat die Verantwortung über mich, während mein Mann nicht am Hofe war und nun verfolgte mich mich dieser Zwerg auf Schritt und Tritt.

Das Ende der Woche ist nah und ich hab heute zumindest schon die Pferde gesehen, wie sie auf der fernen Koppel grasten. Doch ein Schwindelanfall hinderte mich heute daran weiter zu gehen. Die Sonne macht mir auch noch schwer zu schaffen.

Zum Glück fand mich der Stallbursche, bevor der Haushofmeister seine schmierigen Griffeln nach mir ausstrecken konnte. Und in seiner ruppigen Art schickte er zu meinem Glück den buckeligen Haushofmeister die Schwester zu holen, während er mich in den Schatten des Brunnens brachte. Er setzte mich auf den hölzernen Tritt des Brunnens und warf einen Eimer in die Tiefen. Dann hielt er sich nicht weiter auf die Kurbel zu benutzen, er zog mit beiden Händen den vollen Eimer wieder in die Höhe. Mit seiner körperlichen Gewalt hob er den Eimer ohne auch nur einen Tropfen zu verschütten über den Rand des Brunnens.

Alles Weitere vermag ich kaum zu beschreiben, da mir die Sinne schwanden. Er muss wohl sein Hemd ausgezogen haben, um mir ein Kopfkissen daraus zu falten, dann befeuchtete er sein Halstuch und kühlte meine Stirn.

Das was ich sah, war der einst so junge Stallbub, der wohl im letzten Winter zum Mann herangereift war, halbnackt, wie er um meine Gesundheit rang. Vielleicht war ich auch schon so viele Jahre krank, dass ich es gar nicht bemerkt hatte, wie groß und stark er nun geworden war. Und wie tief seine Stimme geworden war, ich konnte es kaum fassen. Und seine Worte werd ich nie vergessen, als er zu mir sprach: ‘Bei allem Respekt Euer Korsett ist viel zu sehr geschnürt, Ihr bekommt ja kaum mehr Luft.’ Sein gehetzter Blick ging zum Schloss hinüber, der Haushofmeister war verschwunden und die Krankenschwester war noch nicht in Sicht. Dann blickte er mich ernst an und fuhr fort: ‘Auch wenn der Herr mir beide Hände dafür abschlagen lässt…!’

Unfassbar was er dann tat, er griff mir völlig unverblümt an die Hüfte, hob mich in seine Arme und fummelte an meinen Röcken herum. Er griff mir doch tatsächlich unter den Unterrock, packte mich an meinem Hinterteil, erfasste die Schnürung meines Mieders und zog daran. Meine Sinne schwanden erst, als ich seinen betörenden Geruch wahrnahm und nachdem er mich ein wenig gerüttelt hatte, kam ich wieder zu mir. Er tätschelte mit seinen kühlen, nassen Fingern mein Gesicht und als ich meine Augen aufschlug, entgegnete er mir mit einem liebevollen Lächeln.

Sorgenvoll sprach er zu mir: ‘Herrin, bleibt bitte bei mir, die Nächtige hat Euch immer noch in Ihren Fängen.’

‘Gebe er mir einen Schluck von dem kühlen Nass!’ wollte ich sagen, aber aus meinem Mund stolperte nur ein Krächzen. Doch er verstand mich, er schöpfte mir mit seinen enormen Pranken das Wasser aus dem Eimer bis vor meinen Mund, so dass ich trinken konnte. Wie eine Ertrinkende klammerte ich mich an seine Pranken und trank das frische Wasser aus seinen Händen bis zum letzten Tropfen.

‘Nicht so hastig, der Eimer ist noch fast voll!’ meinte er in seiner beruhigenden Art und mir hatte es den Anschein, als dass er mit mir so redete, so wie er es mit meinem Pferden auch tat. Aber genau die Ruhe in seiner Stimme, lies mein Herz ein wenig langsamer schlagen und beruhigte mich. Dann schöpfte er mir ein weiteres Mal mit seinen Händen Wasser vor den Mund und ich trank nun weniger hastig.’

Tommi musste sich räuspern und setzte ab. Sein Räuspern ging in ein Husten über. Und Hermine begann etwas in ihrer Hosentasche zu suchen.

Fortsetzung folgt…

Ein Knopf kommt selten allein… Teil 8

Ein Knopf kommt selten allein… Teil 8

OLYMPUS DIGITAL CAMERADas Essen mit dem Kimmelmann war schrecklich. Tommi konnte nicht genau feststellen wer da mit wem mehr flirtete. Seine Schwester oder der Kimmelmann. Zum Glück kam Hermine und schleifte ihn in die Bibliothek.

‘Soll ich mein Tablet holen?’ fragte er als er hinter ihr die Stufen hochging.

‘Das wär cool und kannst du mir bei was helfen?’ frug sie wieder und ging in die Bibliothek.

‘Ja, ich kanns versuchen. Ist hier eine Steckdose?’ rief Tommi im Vorbeigehen, während Hermine in die Bibliothek ging.

Als er wieder kam, kniete Hermine auf dem Boden. Sie schien immer noch die Steckdose zu suchen. Lächelnd betrat er die Bibliothek mit seinem Tablet unterm Arm und seinem Ladekabel in der Hand.

‘Ach hier !’ rief sie und stand wieder auf, um sich ein paar Bücher aus den Regalen zu holen. Er kniete sich auf den Boden und steckte das Ladekabel ein und zog das Kabel quer durch den Raum, um sich dann auf den Boden zu setzen. Sie setzte sich neben ihn auf dem Boden mit mehreren Büchern in der Hand.

‘Ich hab da ein Buch unter meinem Bett gefunden. Ich muss es gestern beim Schlafwandeln mitgenommen haben und dann beim Krampfanfall muss es mir aus der Hand gefallen sein.’ meinte Tommi und zog ein kleines ledernes Büchlein aus der hinteren Hosentasche.

‘Du weißt, dass so Horrorfilme anfangen?’ witzelte Hermine.

‘Meine Überlebenschance ist ganz gut, wenn dass hier ein Horrorfilm ist.’ konterte Tommi und zählte was an den Fingern ab.

‘Solange du aus dem Buch nicht laut vorließt, werden wir beide es wahrscheinlich überleben!’

‘Ich glaub es ist ein Tagebuch!’

‘Im Einband sind die Initialen eingestanzt – G.v.W.!’ meinte Hermine und fuhr neugierig mit den Fingerspitzen über den Einband.

‘Meinst du, dass des Tagebuch von der Gwendoline von Waldbuch ist?’ wollte Tommi von ihr wissen.

‘Los schlag es auf.’ drängte sie.

‘Es ist in Sütterlin geschrieben?’

‘Kannst du das lesen?’

‘Gib mir einen Moment?’ meinte er und zog sein Tablet heran. ‘Du wolltest doch vorhin, dass ich dir bei was helfe.’

‘Ich wollt mich nur bei meinem Facebook Account einloggen, auf meinem Handy fehlen ein paar Funktionen, weil ich die App nicht hab.’

‘Ich schau mir nur schnell das Sütterlin Alphabet an und dann kannst gerne…!’ meinte Tommi, tippte was ein und blickte dann kurz auf die Seite, die geöffnet wurde.

Dann schob er ihr das Tablet hin: ‘Mach kein Scheiß, ich glaub ich bin noch eingeloggt.’

‘Wars das jetzt und jetzt kannst du es lesen?’ rief Hermine erstaunt.

‘Ja, der Vorteil, wenn man von Gott gewollt ist.’ grinste Tommi sie mit einer erhobenen Augenbraue an, aber ohne sie dabei anzublicken. ‘Lehnen Sie sich zurück und lassen sie sich berieseln von den geheimen Gedanken von Gwendoline von Waldbuch!’

Fortsetzung folgt….

Tagebuch eines Unbekannten – Teil 2

Tagebuch eines Unbekannten – Teil 2

tagebuchDie erste Durchsage war irgendwie anders, ich kann mich kaum mehr dran erinnern. Irgendwas von Ausnahmezustand und Ausgangssperre und das Plündern verboten sei und irgendwas von einer Verseuchung oder Verunreinigung. Aber nun sagen sie immer nur die selbe Leier. Wir wissen nicht genau was passiert ist und ich kann nur das sagen was ich gesehen habe.

Jetzt muss ich schon wieder ein Bisschen ausholen, mein Bruder Meckie (Nein, nicht der mit dem Messer, mein Bruder hat meistens eine abgesägte Schrotflinte in seinem Mantel versteckt, deswegen steht er meist!) überredete mich, ihn zu einem Familienfest zu fahren. Er hatte sich ein Bein gebrochen und konnte nicht selbst fahren. Das hat mir im Nachhinein wahrscheinlich mein jämmerliches Leben gerettet. Ich hab ihm das nie gesagt und ich bin mir im Moment auch nicht ganz so sicher, ob es besser oder schlechter sein soll, zu den Überlebenden zu gehören.

Wie gesagt mein Bruder brach sich ein Bein und wir sind zusammen in die Berge gefahren, wo die alte Cementa und ein Teil der Sesshaften unserer Familie sich niedergelassen hatten.

Amelia, die jüngste Tochter von der alten Cementa sollte verheiratet werden, mit einer anderen großen Familie, die irgendwie genauso rastlos waren wie wir.

Und das war auch der einzige Grund warum mein schwindliger Bruder hier her wollte. Eine Zigeunerhochzeit ist seiner Meinung nach die beste Möglichkeit im nächsten Jahr eine noch größere Hochzeit abzuhalten.

Es war ein rauschendes Fest und Meckie wurde von der holden Weiblichkeit mit Nettigkeiten überhäuft. Ich glaube es wird den alten Haudegen vielleicht doch einmal erwischen und wir feiern nächstes Jahr vielleicht seine Hochzeit. Schön wäre es, wenn er vorher nicht ins Gras beißt. Naja, von dem Gras ist nicht viel übrig geblieben, alles was vorher mal grün war, hat sich nun rot eingefärbt, oder ist zu Asche verbrannt.

Im Moment liegt mein Bruder neben mir und furzt und schnarcht. Sein Bein schmerzt ihn mehr, als er es zu gibt und er ist ein Bisschen eingeschnappt, dass er mit den anderen Männern nicht rausgehen konnte.

Aber ich schweife schon wieder ab, das Warten bringt nicht nur mich um meinen eh schon wankelmütigen Verstand.

Ich war bei der Hochzeit stehen geblieben, es muss am dritten Tag gewesen sein, als sich am Firmament eine gewaltige Explosion auftat. Mein erster Gedanke war ein Vulkanausbruch, aber von hier konnte man bestimmt nicht in die Eifel sehen und sonst war mir kein Vulkan bekannt. Danach bebte die Erde. Bei einem Vulkanausbruch, hätte da nicht vorher die Erde beben müssen? Ich weiß es nicht mehr, und meine Gedanken wurden von der panischen Menge ziemlich durcheinandergebracht.

Die alte Cementa warf ihre Hände über den Kopf und schrie: ‘Die Sonne fällt uns auf den Kopf. Ich habe das in meinen Träumen gesehen!’ Ich konnte sie erst wieder beruhigen, als ich ihr was von meinem Opium abgab.

Die Sonne war es wohl nicht, weil sie stand noch am Himmel, als der helle Blitz sich aufgetan hatte und das Seltsame war, das sich das Licht ziemlich lange gehalten hatte, bis es endlich verglomm.

Fortsetzung folgt…

%d Bloggern gefällt das: