Ein Knopf kommt selten allein… Teil 10

Ein Knopf kommt selten allein… Teil 10

OLYMPUS DIGITAL CAMERAHermine hielt ihm ein Halsbonbon hin.

‘Also soll ich weiterlesen?’ krächzte Tommi und nahm das Bonbon entgegen.

‘Des ist der absolute Hammer, mach bitte weiter!’ jammerte Hermine.

Tommi lutschte an dem Bonbon, räusperte sich erneut und suchte dann die Stelle im Text, wo er vorhin unterbrochen hatte:

‘Die werte Alma kam armewedelnd über den Hof gelaufen und hatte zum Glück den Haushofmeister bereits im Schlosshof abgehängt. Sie schimpfte schon wie ein Rohrspatz, als sie die kleine Brücke über den Burgteich passiert hatte.

‘Aber Herrin, Ihr solltet doch nicht alleine und vorallem nicht ohne Schirm.’ rief meine resolute Alma und wie gerne hatte ich sie, weil sie sogleich den Schirm dem Stallburschen drüber zog und wütend auf ihn einredete: ‘Du hast die Herrin doch wohl nicht begrabscht mit deinen schwieligen Bratzen?’

Beherzt ging ich dazwischen: ‘Werte Alma, haltet ein, gerettet und gewässert hat er mich und war ansonsten recht achtsam mit mir.’ Als Alma nicht hinsah, zwinkerte ich ihm zu.

‘Wenn der Herr davon erführe, dann lässt er mich bei den Schweinen schlafen.’ rief Alma und ich erwiderte ihr, dass ich doch nur zum Gatter gehen wollte, um die Pferde zu sehen. Sie reckte nur wieder die Arme in die Luft und lamentierte ihren üblichen Sermon in die weite Welt hinaus: ‘Ich weiß nicht, was Ihr mit diesen stinkenden Viechern habt, aber gesund kann das nicht sein.’

Plötzlich erhob der Stallknecht seine tiefe Stimme: ‘Bei allem Respekt, werte Alma. Aber ich hab die Herrin seit einer viel zu langen Zeit nicht mehr im Stall gesehen. Werte Herrin und es geht Euch immer schlechter, statt besser, seit der Herr Euch verboten hat zu reiten, aber was ist, wenn es genau dass ist, was Euch fehlt?

Alma überlegte sehr sehr lange und grinste dann herzallerliebst: ‘Der Herr ist nicht am Hofe und wird auch lange Zeit verreist sein. Wenn die Herrin am Ende nur wieder Farbe im Gesicht hat, bin ich schon froh, aber wenn die Herrin vom Pferd fällt, dann wird das Bett bei den Schweinen dein geringstes Problem sein, vorallem wenn ich ihnen deine… entschuldigt meine Ausdrucksweise…. zum Fraß vorgeworfen habe.’ Am Ende ihres Vortrages pochte sie mit der Schirmspitze gegen die mächtige Beule in seiner Hose.

Das Schauspiel begann, als ich mein Taschentuch zückte und gar jämmerlich zu weinen begann: ‘Aber Alma der abartige Knilch wird meinem Mann alles brühwarm erzählen oder ihm gar einen Brief schicken.’ Mit zitterten Fingern wischte ich mir die Tränen aus den Augen.

Alma baute sich vor mir auf und hob die Stimme: ‘Lass den alten Tattergreis mal meine Sorge sein, den weiß ich schon zu beschäftigen!’ Ich konnte es nicht fassen, als sie dem Stallknecht den Schirm in die Hand drückte und erst daraufhin fort fuhr: ‘In einer Stunde kommt der Doktor, da sollte die Herrin wieder im Schloss sein.’

Dann marschierte sie wieder zum Schloss und ließ uns einfach stehen, wie bestellt und nicht abgeholt.

‘Mein schönes Fräulein, darf ich wagen meinen Arm und Geleit Ihr anzutragen?’ meinte der Stallknecht und hielt ihr tatsächlich seinen enormen Arm hin.

‘Bin weder Fräulein, weder schön…!’ antwortete ich und hielt ihm sein Hemd hin. ‘Doch bin ich verheiratet genug, als dass er sich bekleiden sollte, bevor wir gehen.’

Als er sein Hemd anzog und in seine Hose steckte, wurde mir der Magen flau, aber es war nicht die Übelkeit, nein es müssen Schmetterlinge gewesen sein, die mich beflügelten. Ich wusste nicht, dass er belesen war. Ich wusste ja auch nicht, dass er überhaupt lesen konnte. Und wie er an die Abschrift von Goethes Faust gekommen war, war mir ein Rätsel. Hatte ich sie selbst erst seit ein paar Wochen. Und wie hab ich es verschlungen, das Machwerk von diesem Goethe, noch bevor den Text auch nur ein Drucker in den Händen hatte. Ich musste ihn einfach fragen: ‘Wie belesen er ist?’

‘Herrin, Euer Gemahl bat mich es ihm vorzulesen, als wir auf dem Weg von Weimar zurück in einer Herberge festsaßen.’

Ein ‘Soso!’ muss mir völlig unabsichtlich aus dem Mund gestolpert sein, aber es beflügelte ihn noch mehr zu erzählen.

‘Euer Gemahl macht sich große Sorgen um Euer Wohlbefinden.’

Mein darauffolgendes ‘Aha!’ war allerdings mit voller Absicht gesprochen.

‘Er meint es wirklich nur gut mit Euch, auch wenn der Herr damit vielleicht ein Wenig daneben liegen könnte.’

Was er sich anmaßte und wie er mit mir redete. Schwer um meine Fassung ringend, erhob ich meine Stimme: ‘Redet er auch so mit meinem Gemahl? Und was mich noch viel mehr interessiert, redet mein Gemahl so mit seinem Stalljungen, als dass er sich eine Meinung zu bilden erlaubt?’

‘Bei allem Respekt, Euer Gemahl hielt mich immer an, gerade heraus zu sprechen was ich denke und ich habe ihn damit nur selten erbost. Aber wenn ich Euch erzürnt habe, tut es mir wahrlich Leid. Die Sorge um Euer Wohlergehen, teile ich von ganzen Herzen, so wie mein Herr es tut!’

Ich muss wirklich zugeben, dass es mir wahrlich Freude bereitete ihn zu triezen, also stocherte ich weiter: ‘Warum hat er meinen Mann dann nicht nach Prag begleitet?’

Und schlagfertig war er, dass musste man ihm wirklich lassen: ‘Watzlaf kennt sich dort besser aus und mein Tschechisch ist grauenerregend!’

Mir stolperte über seine Ehrlichkeit ein ungewolltes Lächeln über die Lippen und er nickte mir lächelnd zu und redete gleich wieder ungefragt weiter, aber nach dem er sich auf den Boden kniete und nach meiner Hand griff, konnte ich ihm ja auch schlecht den Mund verbieten:

‘Werte Herrin, bitte hört mich an. Ich gelobe feierlich Euch jeden Wunsch von den Augen abzulesen, wenn es Euch nur besser geht mit Eurer Last. Ich seh doch wie Ihr Euch täglich quält. Lasst mich Euch helfen, ich flehe Euch an, seid nicht böse mit mir, für mein Mundwerk kann ich nichts. Ich bin es nicht gewohnt, jeden Satz mit ‘Bei allem Respekt’ beginnen zu müssen, damit man mir Gehör schenkt.’

Ich blickte ihn eine Weile an und er hielt immer noch meine Hand, die er nun an sein Herz geführt hatte und ich konnte seinen Herzschlag durch sein Hemd spüren. Sein animalischer Geruch wehte zu mir hinüber und bevor mir wieder die Sinne schwanden, näherte ich mich seinem Ohr und flüsterte gerade so laut, das nur er mich verstehen konnte: ‘Meine Last ist schwerer noch, als jeden Mannes Arbeit hier am Hof und doch bin ich gewillt sie mir als Bürde aufzuerlegen. Versprecht mir, dass Ihr keiner Menschenseele davon erzählt, sonst lass ich die Alma auf Euch los.’

Und seine Worte werde ich nie in meinem Leben vergessen, die er auf Knien zu mir sagte:

‘Mit Eurer Hand auf meinem Herzen, seien meine Lippen versiegelt, werte Gwendoline von Waldbuch!’’

Tommi ließ das Buch sinken und Hermine hielt ihm ein weiteres Bonbon hin. Seine Wangen liefen ziemlich rot an und er fing an zu stottern: ‘Das wird jetzt… jetzt… ga… ga…!’ Er brach ab und hielt sich die Hand vor den Mund, um dann tief einzuatmen. Als er wieder ausatmete vollendete er seinen Satz, in dem er ihn quasi ausspie: ‘…ganz schön versaut!’

Fortsetzung folgt…

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