Ein Knopf kommt selten allein… Teil 23

Ein Knopf kommt selten allein… Teil 23

OLYMPUS DIGITAL CAMERAHermine holte tief Luft und legte dann los: ‘Deine Zusammenfassungen sind zwar gut, aber du hast die ganzen romantischen Einzelheiten völlig unspektakulär wiedergegeben.’

‘Es tut mir leid, dass ich leider nicht in einer Schmalzbäckerei gelernt habe.’ versuchte sich Tommi zu verteidigen.

‘Du bist völlig unromantisch!’

‘Ernsthaft, ich und unromantisch, wir liegen hier in mitten eines historischen Pavillons im Schatten der weinbehangenen Wandelgänge des historischen Rosengartens, den deine Mutter übrigens sehr umfassend bewirtschaftet.’

Sie machte das Geräusch einer verrutschten Plattennadel.

‘Was denn?’

‘Also die Romantik, wenn meine Mutter in ihrem Hausfrauenkittel und den grünen Gummistiefeln mit einer Kippe im Mund im Rosengarten steht und sich nach dem Rauchen ihren Gummihandschuh wieder über die Hand schnalzen lässt, entschließt sich mir wirklich nicht.’

Chapeau!’ rief er und nahm gespielt seinen Hut vor ihr. ‘Wartet Milady, wenn ich euch mal das Wasser reichen dürfte.’

‘Ich würde gerne das Tagebuch weiter analysieren.’ meinte Mi themawechselnd.

‘Wieso?’ fragte Tommi und blickte sie dabei nicht an.

‘Schau mal zum Schloss!’

Er schaute zum Schloss hinauf und schüttelte den Kopf, weil er nicht verstand was sie meinte.

‘Also der Stallknecht muss ja ganz schön gut im Klettern gewesen sein, wenn er bis zum Fenster von Gwendolines Zimmer gekraxelt ist.’

‘Oh warte, da muss wilder Wein gewesen sein, an der Außenmauer. Ich dachte ich hätte da was drüber gelesen.’ rief Tommi aufgeregt und blätterte im Tagebuch.

‘Das macht Sinn! Ich finde das Wort phantasmagorisch sehr interessant.’ flüsterte Hermine eher beiläufig.

Er blickte über den Rand des Buches hinweg und zog eine Augenbraue ganz langsam nach oben, dass man den Eindruck hätte haben können, seine Augenbraue würde gleich seinen Haaransatz berühren. Den Schalter des Klugscheißermodus konnte man schier klicken hören, als er vor Sarkasmus triefend nochmal nachhakte: ‘Im Bezug auf den kleinen Stallknecht?’

‘So klein scheint er ja nicht gewesen zu sein.’ meinte sie schnippisch.

‘Da kenn ich mich jetzt nicht so gut aus.’ murmelte er mehr zum Schloss, als zu ihr.

‘Naja!’ kam es noch schnippischer von ihr.

‘Was soll denn dieses ‘Naja’ bitte heißen?’ frug er entschlossen und blickte sie an. Er hielt ihrem Blick nicht lange Stand und blickte wieder aufs Tagebuch.

‘Die Verwandtschaft zum Stallknecht kannst du jedenfalls nur schwer leugnen.’ platzte es aus ihr heraus.

‘Was hab ich dir über die sexuelle Belästigung beeinträchtigter Menschen gesagt.’ erzählte er nun dem Tagebuch, nur das Zucken über sein Gesicht verriet ihr, dass es ihm peinlich war.

‘Sorry, ist mir vorhin so ins Auge gesprungen!’ meinte sie als könnte sie kein Wässerchen trüben.

Er versuchte sich mit einer Hand seine Augen abzudecken und flüsterte: ‘Du machst mich echt fertig.’

‘Du musst dich jedenfalls für nichts schämen!’ grinste sie.

Jetzt blickte er sie an und frug erneut: ‘Hast du da etwa Vergleichswerte?’

‘Ach komm schon, als hättest du noch nie nen Porno gesehen.’

Er zog wieder seine Augenbraue hoch und blickte sie gleichzeitig leicht erschrocken an, dann sagte er langsam: ‘Nein, aber! Ich hab dir doch gesagt, ich bin noch nicht so weit!’

Nun versuchte sie wieder das Thema zu wechseln: ‘Ich glaube dieses Tagebuch hat wirklich einen negativen Einfluss auf uns.’

‘Die ganze versaute Welt hat einen negativen Einfluss auf all das Unschuldige in uns.’ berichtigte er sie.

Das wiederum machte sie jetzt doch sehr neugierig und stichelte weiter: ‘Sag mal hast du noch nie…?’

Er unterbrach sie mit einem ‘Was?’, dass er förmlich heraus spie.

‘Mit deinem Waschbären gespielt!’ fragte sie wieder so unschuldig wie möglich.

‘Ja, schon!’

‘Und wo liegt dann das Problem?’

Er schnaufte tief durch und fing dann erst an zu reden: ‘Ich werde jetzt nicht die Wortwahl der holden Gwendoline rezitieren, auch wenn es aufs Selbe hinauskommt. Aber dazu muss ich wohl doch meine medizinische Vorgeschichte etwas näher beleuchten…’

Nun unterbrach sie ihn: ‘Willst du damit sagen, dass du nicht zum Abschluss kommst?’

‘Doch dass schon, aber ich bekomme meistens vorher schon einen Krampfanfall und wache erst wieder auf, wenn ich aus dem Bett gefallen bin.’ stammelte er vor sich hin und ein Zucken lief wieder durch seinen Körper.

‘Okay, jetzt hätte ich doch gerne zuerst die medizinische Vorgeschichte.’ meinte sie kleinlaut.

Er atmete wieder tief durch und fing wieder an zu klugscheißern: ‘Obwohl ich mit dem Asperger Syndrom geboren bin, kann ich Sarkasmus ganz gut erkennen und kann mich ganz gut in Menschen hineinversetzen, auch wenn ich ihnen in der Regel nicht in die Augen sehen kann dabei. Soweit so gut, wenn da nicht der Exmann von meiner lieben Schwester gewesen wäre. Was ihn dazu bewegt hat, mir täglich eine Überdosis Ritalin ins Essen zu kippen, werde ich wohl nie erfahren. Wir kämpfen seit nem halben Jahr vom Ritalin runterzukommen, obwohl es eigentlich nicht abhängig macht, kann man es nicht einfach so absetzen. Nachdem ich in der Kindheit schon zu Krampfanfällen geneigt habe, hätte ich eigentlich nie Ritalin kriegen dürfen. Deshalb haben sich auch die Krampfanfällle in letzter Zeit drastisch verstärkt. Das mit dem Diazepam ist grad nur ne Notlösung und zum Entspannen der Muskeln. Nachdem das Ritalin nach meiner Pubertät eingesetzt wurde, hat es zumindest meine Entwicklung nicht weiter gestört, wie du heute morgen unschwer erkennen konntest. Nachdem das Ritalin in hoher Dosierung nicht nur die Psyche völlig kaputt macht, sondern auch noch die Libido vermindert, hatte ich eigentlich nie groß das Verlangen nach Befriedigung. Seit dem ich davon runter bin, ist das ein Bisschen anders. Das Problem ist nur, wenn ich Diazepam nehme, kann es sein, dass ich trotz eines erhöhten Erregungszustandes manchmal keinen hochkriege und obwohl es eigentlich gegen Krampfanfälle ist, verkrampft es die Muskeln und eigentlich ist es auch ziemlich schlecht für die Psyche.’

‘Und jetzt?’

‘Wir haben eigentlich gedacht, dass wenn wir erstmal hier sind, alles viel ruhiger wird und wir irgendwann alle Medikamente einfach weglassen können.’

Hermine küsste ihn einfach nur und meinte: ‘Wir sollten es wirklich etwas ruhiger angehen.’

Fortsetzung folgt…

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