Tagebuch eines Unbekannten – Teil 10

Tagebuch eines Unbekannten – Teil 10

tagebuchIch starre Tag ein, Tag aus in die trüben Gesichter. Die allgemeinen Launen hier im Keller ist schon mehr als unterirdisch.

Nur Mathilda war schon traurig, bevor wir in den Keller gingen. Und weil sie so melancholisch war, habe ich mich mit ihr beschäftigt. Es hat eine ganze Weile gedauert bis sie mit der Sprache rausrückte. Ihr Mann ist ein paar Wochen vor dem großen Knall gestorben. Ich bin mir nicht sicher, ob ich eine neue Zeitrechnung anfangen soll, aber nachdem die Zeit irgendwie ziemlich verschwimmt in letzter Zeit, kann ich noch nicht mal die Tage zählen. Wenn man Tag und Nacht nicht mehr unterscheiden kann? Wir werden im Nichts verschwinden und keiner kann sagen, wann genau? Und wie lange schon?

Und ich Idiot hab nicht die Tage gezählt, aber eigentlich ist es ganz schön sinnlos, was solls.

Ich war bei Mathilda stehen geblieben. Also der Mann von der Mathilda hatte einen ehrbaren Beruf, der im Alpengebiet allgemein als Wuiderer bezeichnet wird. Beim Ausüben seiner täglichen, meist geheimen Arbeit hat der hiesige Jagdaufseher ihm eine Ladung Schrot in den Arsch geballert. Sein langsamer und qualvoller Tod war am Ende dann deswegen, weil wahrscheinlich das Schrot mit Rattengift versetzt war. Das ist mal eine abartige Geschichte. Wer schießt den mit Schrot auf Ratten? Auf jeden Fall ist er elendiglich verreckt, und da hätte ich ihm auch nicht mehr so wirklich helfen können.

Mein Großonkel Wazlaf, ja der mit dem Furunkel, der hat eine alte Taschenuhr. Und der gute Mann hat tatsächlich die Tage gezählt. Und jeden Tag um 12 Uhr mittags eine kleine Kerbe in ein Holz geschnitzt und jede Nacht wenn er zu Bett ging, eine große Kerbe. Dafür haben wir ihm gerne das Furunkel entfernt. Und Mathilda hat sich gar nicht mal so übel angestellt dabei.

Dank der Beharrlichkeit meines Großonkels haben wir doch so was wie eine Zeitrechnung. Solange seine Taschenuhr funktioniert, haben wir wenigstens das Gefühl von Zeit. Er ist übrigens schon beim zweiten Holz. Das heißt, dass wir schon seit 4 Wochen hier im Keller sitzen und die Männer schon fast 2 Wochen weg sind und Onkel Watzlaff schnitzt beharrlich wie ein Uhrwerk weiter seine Kerben in sein Holz und gibt uns damit einen ungeahnten Halt.

Das gibt dem Spruch, etwas auf dem Kerbholz haben, eine völlig neue Bedeutung.

Ganz schön deprimierend ist, weil wir hier schon geschlagene 4 Wochen unsere Hintern breitsitzen und dazu verdammt sind bewegungsunfähig zu darben.

Fortsetzung folgt…

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Ein Knopf kommt selten allein… Teil 30

Ein Knopf kommt selten allein… Teil 30

OLYMPUS DIGITAL CAMERAHermine war neben Tommi am Tisch zusammengesunken und eingeschlafen und rührte sich auch nicht, als die ersten Stühle geschoben wurden und die allgemeine Aufbruchsstimmung aufkam.

Herr Immerlinger stand auf und meinte: ‘Wir müssen morgen früh raus und würden uns dann verabschieden. Tommi, der Auszug aus dem Tagebuch hat mir wirklich sehr gut gefallen. Und Fräulein Weißmüller, das Essen war sehr lecker, danke nochmal für die Einladung.’

‘Gern geschehen, dass können wir ruhig öfter machen!’ meinte Sonja.

‘Ja, dann mach ich das nächste Mal meinen berühmten Avocadosalat!’ rief Frau Immerlinger begeistert.

Herr Immerlinger blickte seinen Sohn an, der mit dem Hausmeister am Grill stand und bewegte sich langsam in Richtung Grill. ‘Junge, kannst du dich morgen auch um die Hühner kümmern?’

‘Ja, klar!’ rief Wolle und war mit zwei Schritten bei seinem Vater um zu fragen: ‘Warum?’

‘Mutter fährt mich morgen zum Arzt.’

‘Morgen ist Freitag, da hat der doch zu, oder?’

‘Ich hab einen Termin im Krankenhaus!’ berichtete er seinem Sohn.

‘Ich melk die Viecher und die Hühner schaff ich auch noch und dann fahr ich euch ins Krankenhaus!’ rief Wolle streng und sein Blick hätte eigentlich keine Widerrede zugelassen, doch sein Vater winkte ab.

‘Nein Paps, des ist überhaupt kein Problem! Ich fahr euch rüber und komm dann wieder und kümmer mich um die Pferde. Wenn ihr fertig seid, soll Mama anrufen und ich komm euch holen, Okay!’

Der ernste Blick seines Sohnes brachte ihm dazu ihm nachzugeben und lenkte schließlich ein: ‘Ja gut, um halb acht wollten wir los.’

Herr Immerlinger ging ein paar Schritte und tauchte plötzlich neben Tommi auf. Er blickte auf seine schlafende Tochter und seine finstere Mine zerbrach in einem väterlichen Lächeln.

Tommi räusperte sich, als er die Gegenwart von Herrn Immerlinger wahrnahm und flüsterte leise, um Hermine nicht zu wecken: ‘Ach Herr Immerlinger, Hermine hat vorhin den Wunsch geäußert, dass sie nicht alleine schlafen wollen würde. Ist es ein Problem, wenn sie heute Nacht hier bleibt, ich will sie nicht wecken und über den Hof getragen krieg ich sie glaub ich nicht.’

‘Wenn unser Fräulein Sonja nichts dagegen hat, dass Hermine bis morgen früh zum Frühstück bleibt, wir haben morgen früh einen Termin.’ rief Herr Immerlinger auch verhältnismäßig leise.

Sonja nickte gleich und meinte dann: ‘Frühstück ist kein Problem, es gibt wie jeden Tag Pfannkuchen! Übernachten ist auch kein Problem, um so mehr Leute um so weniger gruselig ist es im Schloss!’

Wolle stand nun auch neben Tommi und sein Vater blickte ihn an: ‘Junge, wenn du deine Sachen holst, nimm deiner Schwester ihre Zahnbürste mit ins Schloss und was Mädchen in ihrem Alter sonst noch so brauchen…!’

‘Klar ich wollte eh grad los!’ meinte Wolle.

Tommi machte das Zeichen für Lavendel und grinste ihn saublöd an. Wolle nickte und legte einen Sprint ein und in der nächsten Sekunde konnte man seine Schritte auf dem Kiesboden hören, bis sie langsam immer leiser wurden und dann endgültig unter dem Zirpen der Grillen verklangen.

‘Tommi, Sie passen auf mein Mädchen auf, ja!’ zischte Herr Immerlinger Tommi zu und legte wieder die Hand auf seine Schulter.

‘Aber natürlich, Herr Immerlinger!’

‘Ja, und geben Sie ihr einen Gutenachtkuss von mir!’ meinte Frau Immerlinger.

Und der scharfe Blick von Herrn Immerlinger war unmissverständlich. Er sah seine Eier schon an der obersten Zinne des Schlosses baumeln, also stammelte Tommi: ‘Ähm, ich weiß nicht, ob ich das kann, aber ich werde es ihr …ähm… fernmündlich übermitteln.’

Herr Immerlinger drückte wieder seine Schulter und dann gingen sie durch den Rosengarten nach Hause. Tommi musste schon einen blauen Fleck an der Stelle haben, wo Herr Immerlinger ihm immer anerkennend hindrückte.

‘Gut gepokert, Junge!’ meinte der Kimmelmann, der auch plötzlich neben ihm aufgetaucht war. ‘Bei seiner Tochter kennt der Alte keinen Spaß, kein Wunder, dass ihn gestern fast der Schlag getroffen hat!’

‘Das hab ich auch schon bemerkt, wenn er mich anschaut, bekomme ich ernsthaft Beklemmungen!’ murmelte Tommi mehr in sich hinein.

‘Ja, also ich bring meinen Vater dann auch mal nach Hause, bevor er noch größere Depressionen bekommt.’ meinte Jonas. Er hatte bis eben immer noch am Tisch gesessen und die ganze Szenerie beobachtet. Er verkniff sich jedliches Grinsen und doch konnte man es an seinen Augen sehen, wie sehr er sich über jede Einzelheit des heutigen Abends amüsierte.

‘Sie haben doch hoffentlich nicht zu viel getrunken, ich könnt nicht mehr fahren!’ lallte Sonja, die damit beschäftigt war, die Teller zusammenzustellen ohne etwas runterzuwerfen.

‘Ich hab nur Vater nachgeschenkt und selbst hab ich nur Wasser getrunken!’ rief Jonas und half seinem Vater hoch, der bis eben noch auf das Tagebuch der werten Gwendoline gestarrt hatte, als könnte es ihm sagen, ob es echt war oder nicht.

Der Kimmelmann half Sonja beim Tragen und Tommi konnte irgendwann den Motor des Wagens hören und schon schlichen ein paar rote Lichter durch den Hof und dann war wieder alles still, bis er wieder Schritte hören konnte, die über den Hof gelaufen kamen.

Fortsetzung folgt…

Ein Knopf kommt selten allein… Teil 29

Ein Knopf kommt selten allein… Teil 29

OLYMPUS DIGITAL CAMERATommi nahm lächelnd das Halsbonbon entgegen und blickte verschämt wieder auf die rätselhaften Zeilen. Er spürte wie die Schamesröte in ihm aufzusteigen drohte, also las er weiter in der Gewissheit, was nun kommen würde:

‘Ich bemühte nicht herablassend zu klingen: ‘Ich muss zugeben, mir war nicht ganz klar, was Ihr gestern mit der Metapher gemeint habt, als Ihr sagtet, ich solle von meinem hohen Ross runter steigen.’

Nun zog er doch tatsächlich eine Augenbraue hoch und sprach dann eingestehend: ‘Ihr müsst mich nicht Ihren und Euchen!’ Was er sich immer erlaubt, wenn wir alleine sind. Nur weil ich gestern Nacht meine nackte Hand in seiner Hose hatte, kann ich ihn doch jetzt nicht anreden, wie es das gemeine Volk miteinander tut. Auch wenn mir seine gewöhnliche Art doch sehr gefiel, muss man die Kirche schon im Dorf lassen. Ich bin die Freifrau und er ist der Stallknecht, also rief ich einigermaßen echauffiert: ‘Ja, aber Duzen kann ich Euch auch nicht, ich duze nicht mal meinen Ehemann!’

Ich konnte ihm richtig ansehen, wie sehr es ihn kränkte, wenn ich so mit ihm umsprang. Er blickte mich nicht an als er weiter sprach: ‘Dann redet wenigstens nicht in der Dritten Person mit mir, wenn ich daneben stehe!’

Folgendes hätte ich nicht sagen sollen, doch ich wollte ehrlich sein mit ihm: ‘Wenn niemand anders daneben steht, kann ich das versuchen, aber versprechen kann ich es nicht, muss ich doch zugeben, dass es mir sehr gefällt Euch zu reizen. Ihr windet Euch dann immer wie ein Aal in meinen Händen, wenn ich so mit Euch spreche, vor allem wenn mir unziemliche Worte aus dem Munde stolpern.’ Er setzte schon an mir etwas an den Kopf werfen zu wollen und es wäre bestimmt nichts Nettes geworden, deshalb drückte ich nun wirklich seine Hand gegen meine Brust und legte meine Andere über seinen Mund, bevor ich fortfuhr: ‘Doch weiß ich wohl, dass ich Euch nicht so behandeln sollte, weil uns seit gestern nicht nur ein Geheimnis verbindet. Und das Vertrauen was ich von Euch gefordert habe, will ich Euch nun auch entgegenbringen, auch wenn es mit einem weinenden Auge sein wird, streite ich mich doch gerne mit Euch, weil Ihr immer etwas entgegenzusetzen wisst, ohne mir jedoch zu Nahe zu treten. Und doch nehmt ihr Euch Dinge heraus, die sich sonst niemand hier getrauen würde. Auch wenn mir völlig bewusst ist, wenn irgendjemand nur eine winzig kleine Kleinigkeit von dem belauschen würde, was wir hier tun und wie wir miteinander reden, würde der Zorn meines Mannes gnadenlos gegenüber uns beiden sein. Auch wenn die Leibeigenschaft schon seit Jahren Geschichte ist und Ihr in Lohn und Brot im Dienst meines Mannes steht, ist er doch ein altmodischer und jähzorniger Mann. Und auch wenn ich vollen Gewissens in dieses Adelsgeschlecht eingeheiratet habe, machen mir gerade die Förmlichkeiten selbst zu schaffen. Verzeiht Ihr mir meine streitlustige Laune?’

Mit einer geschmeidigen Bewegung befreite er sein Gesicht von meiner Hand und dann küsste er mich. Einfach so und auf den Mund. Meine Sinne schwanden mir und ich fühlte wie ich den Boden unter den Füßen verlor, obwohl ich immer noch auf der Decke unter dem Baume saß. Und weil ich nicht wusste wie mir geschah, war es mir auch unmöglich mich zur Wehr zu setzen. Und als seine Lippen sich von den Meinen trennten, war ich fast ein Wenig enttäuscht, dass er mich nur so kurz geküsst hatte. In dem Moment, als ich die Augen öffnete, blickte er verschämt zur Seite und als ich seine roten Wangen erblickte, war es auch um mich geschehen. Ich erkannte wie seine harte Schale vollends zerbrach und plötzlich hatte ich wieder den Stalljungen vor mir, der nervös an seiner Hemdskordel spielte und sich nicht getraute mir in die Augen zu blicken. Ich musste ihn einfach küssen und wenn ich dafür in der Hölle schmoren würde.

Als unsere Lippen sich erneut berührten, fühlte ich mich, als würde mein Innerstes in Flammen aufgehen und nur seine Lippen vermochten dies Feuer zu löschen und gleichermaßen wieder anzufachen. Immer und immer wieder.

Der Gedanke an die Unendlichkeit dieses Moments werde ich nie vergessen und so zehre ich immer noch von diesem Kuss, auch wenn er schon seit Stunden vergangen war, so brennen meine Lippen immer noch von diesem Kuss, jetzt wo ich diese Zeilen schreibe.

Ich spüre den Wind, der vom offenen Fenster herrührte, doch er schien heute nicht zu kommen, also schließe ich für heute mein Tagebuch, in der Hoffnung, dass meine Träume genauso so atemberaubend werden würden, wie es dieser eine Kuss gewesen war. ’

Tommi ließ das Buch sinken und alle am Tisch starrten ihn an. Es dauerte eine Weile, bis Herr Immerlinger zu erst etwas sagte. ‘Dieses Knopfzitat sollten wir ganz groß über den Eingang des Museums schreiben!’

‘Da wird der Pfarrer aber nicht gerade begeistert sein!’ mahnte Frau Immerlinger, doch ihre roten Wangen verrieten, wie sehr ihr die historische Romanze gefiel.

‘Ich bin auf jeden Fall der Meinung, dass wir die Tagebücher der holden Gwendoline veröffentlichen sollten, auch wenn sie vielleicht gar nicht von ihr sind!’ meinte Dr. Dalek.

‘Das sollten wir beim nächsten Stiftungsrat auf die Tagesordnung schreiben.’ bemerkte Frau Immerlinger.

‘In der Hoffnung das die Frau von Waldbuch davon nicht Wind bekommt.’ warf Herr Immerlinger ein.

‘Vielleicht sollten wir erstmal rausfinden, wer das Buch nun wirklich geschrieben hat.’ meinte Tommi.

‘Ja und unseren Anwalt sollten wir vielleicht auch mal Fragen, ob es da Probleme mit dem Recht gibt.’ rief Sonja.

‘Und wenn das alles geklärt ist, könnten wir das doch als Theaterprojekt ins Auge fassen, Hermine?’ fragte Jonas.

‘Ja, aber nur wenn Tommi den Stallknecht spielt.’ grinste Hermine und stupste ihn an.

Er schüttelte nur hilflos den Kopf.

Fortsetzung folgt…

Ein Knopf kommt selten allein… Teil 28

Ein Knopf kommt selten allein… Teil 28

OLYMPUS DIGITAL CAMERANachdem Tommi von allen am Tisch erwartungsvoll angestarrt wurde, las er schnell weiter: ‘Er war merkwürdig still heute, aber das war ich auch. Und doch lag ein befangener Schleier zwischen uns, wo er gestern aufgeregt plapperte, war er heute sehr besonnen und nachdenklich. Er grübelte bestimmt genauso wie ich.

Der Weg wurde immer enger, bis er irgendwann rücklings vom Pferd rutschte und die Zügel auf meinem Schoss zurück lies. Im nächsten Moment war er schon wieder neben mir und blinzelte mich an: ‘Es ist noch ein kleines Stück! Ihr müsst Euch ducken!’

Also klammerte ich mich um den Hals des Tieres, duckte mich und blickte erst wieder auf, als das Pferd stehen blieb.

Es war so entzückend hier, eine kleine Lichtung, durch die sich ein kleines Bächlein schlängelte. Die vielen kleinen Blümchen wuchsen zwischen Moos und Gras und die Schmetterlinge waren wieder da. Er hob mich vom Sattel und ließ mich neben dem Pferd stehen und meinte dann zu mir: ‘Diesen Ort kennt niemand außer mir. Hierher könnt Ihr Euch jederzeit zurückziehen, jederzeit!’

Wo er die Decke hergezaubert hatte, auf die ich mich später setzte, bleibt mir wahrscheinlich für immer verschlossen. Dennoch saß ich da auf dieser Decke und genoss die Stille.

Er kniete sich irgendwann zu mir und lehnte sich gegen den Baum in dessen Schatten wir saßen. ‘Herrin, geht es Euch wirklich gut, Ihr seid so still heute!’

Ich versuchte ihn anzulächeln, ohne ihm in die Augen zu blicken und schwärmte vor mich hin: ‘Wie unglaublich schön es hier ist, dass mir wirklich die Worte fehlen, die Stille auszudrücken, die mich hier zur Ruhe kommen lässt.’

Er blickte mich ungläubig an und fragte mich dann: ‘Darf ich einen kleinen Wunsch äußern?’

‘Warum denn nicht?’ sagte ich leichtfertig. War es uns doch beiden klar, dass es einzig und allein an mir lag, ob ihm sein Wunsch gewährt werden würde.

‘Wenn ich Euch gestern Nacht zu Nahe getreten bin, dann tut es mir wahrlich Leid!’ bekniete er mich wieder. Wenn das jetzt jeden Tag so geht, dass er sich für alles entschuldigte, was er vielleicht getan hat, nur weil ich mal meinen Mund halte und es vorziehe zu grübeln. Außerdem wollte er mir doch eine Frage stellen, oder etwa nicht? Ich blickte ihn also ungeduldig an und wollte ihn schon maßregeln, dass ihn seinem letzten Satz keine einzige Frage zu erkennen war, doch ich schwieg, weil ich ihm ansehen konnte, wie schwer es ihm fiel, mir sein Herz zu öffnen.

‘Wenn ich Euch zu forsch gewesen bin oder gar zu weit gehen sollte, dann haut mir bitte unmissverständlich auf die Finger!’ Und wie eindringlich er mich bei diesem Satz angeblickt hatte. Er wartete auf eine Reaktion meinerseits, also nickte ich und sagte nichts. Ich konnte ihm ansehen, dass das noch nicht alles war, was ihn bedrückte. Und dann platzte es regelrecht aus ihm heraus: ‘Es ist mir wichtig, dass nichts zwischen uns steht!’

‘Tut es nicht!’ flunkerte ich gekonnt und was sollte überhaupt das Wörtchen ‘uns’? Ein ‘Uns’ darf es einfach nicht geben, auch wenn wir es noch so sehr wollen würden. Und wie doch plötzlich etwas zwischen uns stand, das Wörtchen ‘uns’ und etwas was ich kaum in zwei Händen halten konnte und wahrlich phantasmagorisch war.

Doch sein ‘Soso!’ entlarvte meine Flunkerei sofort und stoppte meine Gedanken an der phantasmagorischen Stelle.

Er musste tief durchatmen, bevor er zu mir sprach: ‘Mir ist wichtig, dass Ihr mir am nächsten Tag noch genauso in die Augen blicken könnt, wie am Tag zuvor.’

‘Das steht ja wohl außer Frage!’ rief ich salopp. Seine ungezwungene Art schien schon auf mich abzufärben. Seine Bedrücktheit schien für einen Moment von ihm gewichen zu sein, doch ich musste natürlich wieder Einen drauf setzen, also griff ich nach seinem Kinn und zog seinen Blick förmlich in meine Richtung und fragte ernst: ‘Aber kann er es denn?’

‘Euch in die Augen sehen, natürlich! Wäre ja schlimm, wenn nicht!’ faselte er und konnte dabei meinem Blick kaum standhalten. Hilflos griff er mit seiner Hand nach meiner behandschuhten Hand und küsste sie.

Ich muss ihn wohl mit einer erhobenen Augenbraue angeblickt haben, weil er sich gleich wieder zu erklären versuchte. ‘Hab ich Euch je gesagt, wie wunderschön Eure Augen sind?’

Daraufhin meinte ich schroffer als ich vielleicht gewollt hatte: ‘Ehrlich gesagt nein, hat er nicht!’ Wann denn auch, bis gestern, war mir nicht gewahr, dass mein Stalljunge mittlerweile zum Mann geworden war und es war mir auch nicht klar, dass er überhaupt mehr sagen konnte, als ‘Hüa!’ und ‘Sehrwohl, Herrin!’. Ich seufzte sehr laut und blickte ihn wieder mit erhobener Augenbraue an. Was sollte jetzt wieder dieses Ablenkungsmanöver. Ich muss wohl fast schon ein bisschen ungehalten gewesen sein, weil ich ihm dann Folgendes an den Kopf warf: ‘Will er mich mit der Süßholzraspelei davon ablenken, dass er mir mit seiner Bitte gleich zwei Wünsche unterjubeln wollte?’

Und was er sich dann wieder heraus nahm, war wahrlich unfassbar, gibt man dem Pöbel den kleinen Finger, nimmt er gleich die ganze Hand. Meinte er doch allen Ernstes zu mir, dass er noch einen dritten Wunsch hätte. In meiner diplomatischen Weisheit griff ich wieder nach seiner Hand und rief aufgebracht: ‘Wenn ich nun Ihm zu Nahe getreten bin…?’

Ich führte seine Hand erschrocken an meinen Körper, so dass seine Pranke beinahe meine Brüste berührt hätte. Aber eben nur beinahe. Ich konnte spüren wie seine Hand zu zittern begann und ich konnte seinen Atem auf meinem Hals spüren. Unsere Gesichter waren nur noch einen Atemzug voneinander entfernt, als er resigniert seufzte: ‘Ehrlich gesagt, jedes Mal wenn Ihr mit mir redet und so tut, als würde ich nicht hier neben Euch stehen, wenn Ihr mit mir redet!’

‘Ich soll nicht in der Dritten Person… sprechen?’ Ich kam wahrlich ins Stocken, weil es mir nicht geläufig war, jemanden unter meinem Stand irgendwie anders anzusprechen.

Ein abwägendes Nicken war seine Antwort darauf.’

Tommi setzte wieder ab und blickte räuspernd in die Runde und Hermine hielt ihm lächelnd ein Hustenbonbon hin.

Fortsetzung folgt…

Liebste Rosmerta,

11896029_1235277639831789_8288598046746135869_nLiebste Rosmerta,

ich weiß ich hab kein Recht Euch meine Aufwartung zu machen, aber mir bleibt nicht mehr lang auf diesem kahlen Stein. Ich hoffe mein Geschenk erzürnt Euch nicht all zu sehr. Ich bitte Euch nur, dass Ihr mein letztes Werk bei Euch behaltet.

Ihr ahnt es wohl schon, dass ich Euch beobachtet habe. Asche auf mein Haupt.

Es war nicht meine Absicht und ich ging auch nicht in die Wälder um Euch im Gebet zu stören. Doch als ich Euch im Mondenschein erblicken durfte, könnte ich meinen Blick nicht mehr von eurem Antlitz abwenden.

Ich habe nie so eine unnahbare Schönheit gesehen und ich schäme mich dafür, dass ich Euch hinterrücks begafft habe.

Ich hoffe Ihr erkennt in meiner Arbeit meine unzerstörbare Liebe zu Euch.

Warum ich Euch ein Stück Stein mit einem Brief übersende, mir bleibt wohl nicht mehr lange und es ist nicht gewiss, ob mein Körper durch die Asche wiederkehren kann.

Meine Berufung war es den leuchtenden Stein in Form zu hauen und mein Ende wird es sein, dass ich einer ehrlichen Arbeit nachgegangen bin. Dieser Sockel brachte mir den Tod und verdammt sei er in alle Ewigkeit.

Der einzige Lichtblick war es euren reinen Körper erblickt zu haben und von diesem flüchtigen Moment zerre ich die letzten Stunden meines Lebens, weil vielmehr bleibt mir wohl nicht.

Ich liege fern ab vom Lazarett in einem alten Verschlag im Wald und keiner aus meinem Lager traut sich noch in meine Nähe. Mein letzter Wunsch war es, dass man Euch diesen Brief mit samt der Statuette bringen möge.

Jetzt wo Ihr diese Zeilen erblickt, werde ich wohl mit dem Wächter darum ringen, ob ich Euch noch einmal erblicken darf, oder ob es endgültig für mich zu spät ist.

Wenn mein Körper es wiedererwartend schaffen sollte, aus der Asche wieder aufzustehen, werde ich auf Euch warten. Am halben Weg zu Eurem Garten, werde ich am Liebesbaum stehen und inständig drum beten, dass Euch mein Brief erhalten hat.

Der Verlauf meiner Krankheit ist so weit fortgeschritten, dass ich kaum noch etwas lesen kann, was ich da schreib…

Meine Finger zittern so, dass ich kaum mehr den Stift halten kann…

Verzeiht, die Blutflecken. Seit mir alle Haare ausgegangen sind, läuft mir immerwährend das Blut aus der Nase…

Wenn es aufhört zu bluten, dann ist es wohl vorbei mit mir… wir sehen uns auf der anderen Seite… oder an den Wurzel des Liebesbaumes…

Oder ich wache über Euch, bis Euer Weg Euch zu mir bringt…

Es tut mir Leid, dass ich Euch nicht mehr bieten kann, als meine immerwährende Liebe

Euer

Hensing Till Brechenthaler

Steinmetz seines Zeichens

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Bildbearbeitung by Enno

Ein Knopf kommt selten allein… Teil 27

Ein Knopf kommt selten allein… Teil 27

OLYMPUS DIGITAL CAMERATommi nickte, stellte ein paar Kerzen auf dem Tisch zurecht um sich mehr Licht zu schaffen und blätterte im Tagebuch, während Hermine das bisher gelesene zusammenfasste.

‘Also Frau Gwendoline von Waldbuch war über den Winter schwer erkrankt und ihr Mann musste geschäftlich nach Prag. Die Sorge dass sie ihrem Mann keine Kinder schenken konnte, bedrückte sie sehr und dass war es anscheinend auch was sie erkranken ließ. Der Arzt verschrieb ihr Obst und frische Luft, weil er ratlos war. Der Rosengarten wurde ihr wohl zu langweilig, also versuchte sie über den Hof zu gehen. Sie wollte nur wieder zu ihren Pferden und die schöne Aussicht genießen. Jeden Tag ein Stückchen weiter. Dabei bekam sie einen Schwächeanfall und der Stallknecht Hans rettete sie. Weitere Personen die bis jetzt vorgekommen sind ist die resolute Krankenschwester Alma und der schmierige Haushofmeister, der immer als Knilch bezeichnet wird.’

‘Der hieß tatsächlich Knilch, seine Grabplatte ist in die Friedhofsmauer eingelassen.’ bemerkte Dr. Dalek.

‘Der Stallknecht machte einen Vorschlag, der Genesung Gwendolines wegen, auf die Alma einging. Er wollte sie wieder aufs Pferd bringen, weil er dachte, dass wäre es, was ihr fehlen würde. Alma ließ sich darauf ein und versprach den Knilch zu beschäftigen, damit der Stallknecht mit Gwendoline ungestört spazieren gehen konnte. Gwendoline beichtete dem Stallknecht ihre Sorgen, nachdem er ihr auf Knien geschworen hatte ihr zu helfen und dass er niemanden ein Sterbenswörtchen davon erzählen würde. Sie war fest der Meinung, dass ihre Kinderlosigkeit nicht an ihr lag, sondern an ihrem Mann. Nachdem sich der Stallknecht erst zierte ihr einen goldgelockten Jüngling zuzuführen, versprach er ihr sich selbst davon überzeugen zu wollen, ob es wirklich an ihrem Mann lag.’

‘Und wie kommt nun des Stallknechts Hosenknopf in die Finger der holden Gwendoline.’ fragte Jonas sensationslustig.

‘Er wollte sich zuerst davon überzeugen, dass es wirklich nicht an ihr lag.’ erklärte Tommi. Ein Anflug von Schamesröte huschte über sein Gesicht.

‘Das Bild in der Bibliothek, dass hat sie gemalt, nachdem der Stallknecht sie das erste Mal zum Gatter geführt hatte?’ fragte Sonja.

‘Ja und danach kletterte er am wilden Wein hinauf zu ihrer Kammer, wo er dann auch seinen Hosenknopf verlor.’ berichtete Hermine grinsend. Tommi räusperte sich und erklärte sich kurz: ‘Ich fahre fort am nächsten Morgen, nachdem sie gutgelaunt aus tiefem Schlaf erwacht war und der Stallknecht bereits wieder seiner eigentlichen Arbeit bei den Pferden nachging. Schweinische Details lass ich aus.’

Er blickte ernst in die Runde und zog ganz langsam eine Augenbraue hoch. Alle nickten.

Tommi räusperte sich nochmal bevor er zu lesen begann: ‚Später fand ich dann noch seinen Hosenknopf neben meinem Bette liegen. Ich hob ihn auf und nur das Schicksal wird es wissen, was dieser Knopf mir noch bringen wird. Es gab das Übliche und Obst zum Frühstück und mir war speiübel als mich Alma zu den Stallungen hinunter brachte. Hans stand bereits parat. Er hatte eine Haflingerstute mit einem ziemlich gewöhnlichen Sattel bestückt. Er versprach Alma, dass er mich nicht reiten lassen würde.

Mit mir sprach er kein einziges Wort, selbst nicht, als er mit mir am Arm und der Stute am Zügel bis zum Gatter hinunter lief.

Erst dann grinste er mich an, dieser Schelm und sprach zu mir: ‘Einen wunderschönen guten Morgen, werte Gwendoline. Ich hoffe es geht Euch heute morgen besser als gestern?’

Ich lächelte ihn nur an und sagte nichts. Er hatte die Zügel immer noch fest im Griff und meinte dann: ‘Ich hab Alma versprochen, dass ich Euch nicht reiten lasse, aber reiten tut nur der, der auch die Zügel in der Hand hat.’

Dann packte mich dieser ungehobelte Kerl und hob mich einfach in den Sattel. Ich saß so, wie die Männer es taten und ich fühlte mich sehr unbehaglich dabei. Wenn mich jemand so sehen würde, dann wäre das Gerede groß. Aber dennoch saß ich fest im Sattel auf dem Rücken eines Pferdes. Das erste Mal seit dem mir mein Mann verboten hatte zu reiten.

‘Schön festhalten!’ meinte er noch und dann führte er das Pferd am Rand der Koppel entlang. Ich musste meine Röcke ein wenig raffen, sonst hätte ich mich nicht am Knauf des Sattels festhalten können. Er ging mit mir Richtung See und ungefähr bei halber Strecke blieb er stehen. Wieder grinste er mich schelmisch an und mit einem Satz saß er plötzlich hinter mir im Sattel. Er packte mich und zog mich mehr oder minder auf seinen Schoss. Für uns beide schien kein Platz im Sattel zu sein.

Sein betörende Geruch hielt mich fest im Sattel, ja und seine Pranke, die mich fest umklammerte, bevor er das Pferd antrieb. Und im nächsten Moment ritten wir auch schon um den See herum und in den Wald hinein. Ich war schon ewig nicht mehr im Wald gewesen. Es war wunderbar kühl hier und die Blätter und Blüten sprossen dem Sommer entgegen.

Die Geräusche, die ihm aus dem Mund kamen, galten der Stute und es war mir so als bräuchte er die Zügel nicht, die Stute machte ohnehin was er wollte. Es war so als wäre er mit dem Tier auf eine seltsame Weise verbunden. Und ich saß dazwischen, aber ohne dabei zu stören. Dieser ungehobelte Kerl mit einem sanfteren Gemüt, als ich es je vermutet hätte, der noch dazu ziemlich gescheit war und wie ich ja bereits schrieb, ziemlich belesen war. Und dennoch war er nur ein Stallknecht.’

Tommi musste sich räuspern und trank einen Schluck.

Fortsetzung folgt…

Tagebuch eines Unbekannten – Teil 9

Tagebuch eines Unbekannten – Teil 9

tagebuch

Wir haben unser Möglichstes getan, dass sie gesund wieder kommen, wenn sie all das beherzigen, was ich ihnen versucht habe, in der kurzen Zeit einzubläuen. Doch sie sind schon ziemlich lange weg.

‘Die werden schon wieder kommen!’ meinte Cementa ungefähr 100 mal am Tag und langsam könnten wir ihr echt glauben, sie glaubt es nämlich nicht mehr.

Ich bete wieder. Ich will ja nicht am Ende mit den ganzen Frauen allein da sitzen, sonst muss ich sie am Ende noch begatten. Mir spühlt mein Erbrochenes in meine Mundhöhle bei dem Gedanken. Ich werd mich nun selbst untersuchen gehen, nicht dass ich der Erste bin, den die Strahlenkrankheit erwischt hat. Vielleicht hat der Gott des Schabernacks meine Gebete längst erhört und macht auf eine höchst alberne Art und Weise mit meinem lachhaften Leben endlich Schluss.

Ich sollte vorher einen Nachfolger ausbilden. Hm. Werde mir unter den Dorfschranzen eine potentielle Krankenschwester raussuchen, auf dass alle Anderen, die täglich ihre Augen auf mich werfen, sich lüstern den Geifer vom Mundwinkel wischen und dabei gackern, wie die Hennen, sich gegenseitig die Augen auskratzen.

Ich hab mir die Mathilda rausgesucht. Schwester Mathilda hört sich doch einfach nur perfekt an.

Warum ich gerade sie aussuchte, weil sie schöne Zähne hat, verdammt schöne Zähne. Das war aber nicht der einzige Grund. Sie war die Einzige, die mir nicht offenen Mundes hinterher geiferte. Es waren eher ihre verstohlenen Blicke die mein Interesse weckten. Und das flüchtige Lächeln, das sofort von ihrer traurigen Miene überschattet wurde. Wenn sie mich grad nicht verstohlen anblickte, blickte sie sehr traurig in die Leere. Ich versuchte der Sache auf den Grund zu gehen, hatte ja eh nichts anderes vor.

Sie hat zwei Kinder, Emilie und Vladi, Zwillinge und die streiten sich ständig. Die Kleine kommt immer zu mir und versteckt sich, wenn ihr Bruder sie wieder vertrimmt hat. Die kleine Emilie ist ziemlich süß und ich mag Kinder noch viel weniger als Frauen. Das ist auch was was ich echt abstellen muss, die Kinder hier sind unsere Zukunft und die kleine Emilie ist so zuckersüß, dass man sie mit Haut und Haaren fressen möchte. Hm. Warum schreibe ich sowas? Das muss der Hunger sein. Ich werde jeden daran hindern… was für Gedanken man kriegt, wenn man Hunger hat und das Essen knapp wird.

Fortsetzung folgt…

 

Die Leiden des Foltermeisters

Die Leiden des Foltermeisters

IMG_4157Kommt nach Primum, haben Sie gesagt! Da erntet Ihr Ruhm und Ehr, haben Sie gesagt!

Da erlebt Ihr Abenteuer, die Ihr Euren Kindern und Kindeskindern noch erzählen könnt, haben Sie gesagt!

Aber was mich auf dieser unsäglichen Insel dann erwartet hat, schlägt dem Fass den Boden aus. Wenn ich meine Kinder je wiedersehen sollte, dann werde ich ihnen bestimmt nichts davon erzählen.

Zunächst haben sich alle Mannen meines Kriegszuges aufgeführt, wie Matrosen auf Landgang. Nun gut, wir waren ja schon ein paar Wochen mit dem Schiff unterwegs, ehe unsere Gallionsfigur durch den Nebel stieß und wir einen ersten Blick auf diesen kahlen Felsen werfen konnten.

Die paar grünen Halme waren ziemlich giftig und bescherten mir die ersten Tage und Nächte auf dem Donnerbalken.

Etwas geschwächt, konnte ich am 3. Tage meine eigentliche Arbeit aufnehmen. Ich war der Foltermeister des Kriegszuges. Doch zu tun hatte ich erstmal eh nichts.

Ich frug mich bis heute, warum ich in die Wälder ging. Auf eine blödere Idee hätte ich kaum kommen können. Ich hätte meinen haarigen Hintern im Lager lassen sollen und nicht den Abenteurer spielen. Aber da war dieses Gerücht. Von dem Baum, den keines Mannes Axt zu fällen vermag. Das hört sich verdächtig nach einer Eisentanne an. Für die Temperaturen, die es auf diesem sonnigen Fleckchen Erde hat, sind Eisentannen eigentlich nicht gemacht.

In meinem Kopf surrte die Idee eines enormen Schlagstockes aus einem daumendicken Ast einer Eisentanne umher. Dabei hätte ich mich eher fragen sollen warum diese Eingeborenen einen Mundschutz trugen.

Als ich in der Abenddämmerung im Schatten einer enormen Buche auf eine buntschillernde, bovistartige Morchel stieg, wusste ich warum. Zum Glück bin ich daran nicht gestorben, aber den alptraumartigen Rausch den ich die ganze Nacht durchlitt, möchte ich nicht nochmal durchleben.

Aber nun hab ich wieder etwas für mein Handwerk gelernt. Was man in der Abenddämmerung mit den Pilzen alles machen kann, am Tag bei Sonnenschein, hätten mich die Sporen des Pilzes wahrscheinlich umgebracht und wenn man im Mondenschein daran schnüffelt, dann hat man die süßesten, rauschartigsten und feuchtfröhlichsten Träume, die je ein Mann zu haben schien.

In meinem Träumen lag ich unter dem mächtigen Stamm der Eisentanne meiner Träume und meine Axt ging wie Butter durch den Stamm. Und die Kopfschmerzen, die ich danach hatte, konnte niemand lindern. Und ich war mir nicht mehr sicher, ob es wirklich eine Buche war, in deren Schatten ich auf dieses obszöne Pilzgewächs trat.

Ein Gewitter zog auf und die Buche, die ich suchte, wird doch eine Eiche gewesen sein. Die Eisentanne hab ich leider nicht gefunden.

Als ich wieder unter den Lebenden weilte, hatte mein Heerführer einen Auftrag für mich. Ich sollte warum auch immer einen dieser Eingeborenen foltern.

Mein Gewissen plagte mich nur ein Wenig, weil sie es waren, die meinen desolaten Körper wieder ins Lager zurückschleppten.

Und zu meinem Glück war es augenscheinlich keiner von den Eingeborenen, die mit mir in die Wälder gegangen waren, es war der erste Krieger der Uth und er lachte immerzu, selbst als ich ihn mit seinem eigenen Steinseil fesselte.

Foltern, ja dass kann ich, also machte ich mich gleich ans Werk. Der Schreiber stand zu Beginn noch neben mir und versuchte dem Uth einige Fragen zu stellen, doch der Uth blickte uns nur versteinert an und sagte kein Wort. Immer wenn ich ihn mit meinem liebevoll zusammengetragen und mit viel Zuneigung gepflegten Werkzeug ein bisschen anzusporen versuchte, lachte er nur wieder.

Ich versuchte wirklich diesen Uth zu verletzen, mit allem was ich hatte. Und sein Gelächter kann ich immer noch in meinen Ohren hören.

Ich versuchte ihn solange mit allen geeigneten Mitteln zu foltern, bis mir mein Lieblingsmesser an ihm abbrach. Eine unglaubliche Wut überkam mich. Ja und ich vergoss die ein oder andere Träne, mein Messer begleitet mir schon länger als meine Frau und jetzt ist es hin.

Ich lief wutentbrannt zu unserem Koch und holte mir ein Fleischerbeil.

Dem Koch schulde ich ein neues Beil und der Uth schuldet mir meine Ehre.

Am Ende prügelte ich ihn mit einem Hammer, bis der Hammer vom Stiel abbrach und ich ihm mit der bloßen Faust eine verpasste.

Ich hatte noch nie in meinem Leben zu viel Schmerz erleiden müssen, wie als der Uth mich auslachte, weil meine Hand nach diesem Schlag anfing zu bluten. Ich glaube ich habe mir tatsächlich meine Hand an einem Uth gebrochen.

Ich holte mir beim Schmied eine Feile und nach stundenlanger, hingebungsvoller Arbeit, kam ich durch die steinerne Haut und mich glitzerte ein Tröpflein Blut für einen Moment an, bevor die Wunde sofort wieder versiegte.

Der Schreiber lag draußen vor dem Zelt und reiherte in einem Eimer. Der hält aber auch gar nichts aus.

Als wir den Uth wieder aus den Fesseln entließen, weil sein Stamm unsere Palisaden zerlegte, stand er einfach nur auf und ging zu mir rüber, lachte wieder und betonierte mir eine, so dass ich im wahrsten Sinne des Wortes aus meinem eigenen Zelt flog.

Aufgrund eines Kieferbruches konnte ich den restlichen Aufenthalt auf der Insel nur noch flüssige Nahrung zu mir nehmen. Und dieser Schnaps, den die Eingeboren bei Nacht tranken, brachte mich wieder unter den Stamm der Eisentanne, die vielleicht sogar eine Kiefer war.

Aber eines kann ich sagen, so wahr mir die Götter helfen, die Uth können bluten und ihr Blut ist rot, so wie das unsere.

Anmerkung des Schreibers: Meinen Vorschlag wir sollten den steinigen Eingeborenen einfach waschen, wurde bis zum Ende nicht beherzigt.

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Bild by Linda

Ein Knopf kommt selten allein… Teil 26

Ein Knopf kommt selten allein… Teil 26

OLYMPUS DIGITAL CAMERAWenig später kam Tommi wieder und grinste scheel. Mit völlig ernster Mine stellte er ein Glas Mayonnaise auf den Tisch und setzte sich wieder neben Hermine.

‘Habt ihr euch jetzt ausgesponnen? Tommi du hast mir gar nicht erzählt, dass das Tagebuch auf Sütterlin geschrieben ist.’ meckerte Sonja.

‘Die Handschrift von Gwendoline von Waldbuch ist sehr bemerkenswert und sehr klein und verschnörkelt, das macht sie selbst für Kundige fast unmöglich zu lesen.’ warf Dr. Dalek ein. Er versuchte Tommi in ein Gespräch zu verwickeln, bevor er wieder wegrennen konnte und fragte ihn unverblümt: ‘Tommi, Hermine erzählte mir vorhin wie weit Sie schon mit dem Tagebuch sind, wollen Sie mir von dem Hosenknopf des Stallknechtes berichten. Wenn wir ihn nur finden würden!’

‘Ich bin noch nicht ganz durch, aber es gibt noch ein paar andere Rätsel zu lösen, da sollte der Knopf das kleinste Problem sein.’ grinste Tommi nun in die Runde.

‘Jetzt machen Sie mich aber neugierig.’ rief Dr. Dalek.

‚Ich bin mir ziemlich sicher, dass das hier Gwendoline nicht selbst geschrieben haben kann, sondern jemand anderes?’ meinte Tommi eher beiläufig und wedelte mit dem Tagebuch, dass er einen Moment zuvor aus der Hosentasche gezogen hatte.

‘Bitte was?!’ rief Dr. Dalek aufgeregt.

‚Herr Dr. Dalek, ich will jetzt nicht all zu sehr klugscheißen und ich weiß die Möglichkeit, dass die Ahnherrin vor über 200 Jahren dieses Tagebuch geschrieben haben könnte, ist einfach zu verlockend. Aber ich hatte seit Beginn das Gefühl, dass mit dem Tagebuch irgendwas nicht stimmt und als mich Hermine vorgestern quasi mit der Nase darauf gestoßen hat, wann Goethes Faust in den Druck gegangen ist und wann Jonathan geboren ist, hat es noch ein Bisschen gedauert bis ich das Offensichtliche auch wirklich erkannt habe. Sütterlin kann theoretisch erst nach 1911 geschrieben worden sein. Die Gwendoline hätte um 1808 in Fraktur oder in Kurrentschrift schreiben müssen. Die Kurrentschrift wird zwar mit Sütterlin oft verwechselt, aber die charakteristischen Eigenschaften von Sütterlin sind hier mehr als offensichtlich. Gwendoline kann das nicht geschrieben haben.‘ berichtete Tommi und suchte unter dem Tisch nach Hermines Hand.

‚Tommi, Sie haben Recht, wie konnte ich das nur übersehen?‘ rief Dr. Dalek wieder und schlug die Hände über dem Kopf zusammen.

‚Sütterlin wurde 1928 als Schreibschrift in den deutschen Schulen eingeführt. Wenn man sich mal überlegt, dass die Nazis schon ein paar Jahre später damit begonnen haben bestimmte Bücher zu verbrennen, dann glaube ich, dass jemand in einer stillen Kammer das Tagebuch abgeschrieben hat, um es für die Nachwelt zu erhalten.‘ meinte Tommi, während er Hermine anblickte. Sie reichte ihm ein Glas Wasser und grinste ihn an.

‚Das würde ja heißen, dass das Rätsels Lösung nicht 1808 bis 1810 zu suchen ist, sondern ab 1928.‘ stellte Dr. Dalek völlig erschöpft fest.

‚Könnte es nicht sein, dass die Originaltagebücher irgendwo im Schloss versteckt wurden?‘ fragte Jonas. Er schenkte seinem Vater etwas Wein nach.

‘Tagebücher?’ fragte Tommi.

‘Ich habe ein Tagebuch von ihr, dass die Zeit beschreibt, wie sie als junges Mädchen von ihren Eltern in die Ehe mit dem Freiherren gedrängt wurde und es geht bis zu dem Zeitpunkt, wo sie krank wird. Ich arbeite seit Jahren an der Übersetzung. Ich muss es unbedingt datieren lassen, weil es ist natürlich auch in Sütterlin geschrieben. Wie konnte ich nur so blauäugig sein?’ berichtete Dr. Dalek und trank das Glas Wein auf einen Schluck leer.

‘Und wenn man die Zeit durchrechnet, von der Erwähnung von Goethes Faust bis zur Geburt von Jonathan, dann haben wir noch ein paar Jahre Zeit. Es muss noch ein Tagebuch geben und ich glaube es gab noch ein weiteres Kind!’ meinte Tommi wieder völlig beiläufig und blickte dabei in Richtung Pavillon.

‘Nein!’ riefen ziemlich viel Leute gleichzeitig, darunter war nicht nur Hermine und Dr. Dalek, es war auch seine Schwester und Frau Immerlinger dabei.

‚Jetzt müssen Sie uns etwas vorlesen, um unsere Neugierde zu stillen!‘ rief Dr. Dalek völlig aufgelöst.

‘Lass mich bitte die romantischen Details zusammenfassen, du machst mir das zu nüchtern!’ flüsterte Hermine Tommi zu.

Fortsetzung folgt…

Ein Knopf kommt selten allein… Teil 25

Ein Knopf kommt selten allein… Teil 25

OLYMPUS DIGITAL CAMERADr. Dalek kam in dem Moment auf den Hof gefahren, als Herr Immerlinger über den Hof geschlendert kam. Die beiden verwickelten sich gleich in ein angeregtes Gespräch und so musste sein Sohn drei Blumensträuße zum Rosengarten schleppen.

‘Blumen für die Damen!’ meinte Dr. Dalek und überreichte Sonja den ersten Strauß. ‘Für die neue Schlossherrin und wundervollen Gastgeberin, Frau Weiß-Müller. Es ist mir eine Ehre und darf ich meinen Sohn Jonas vorstellen?’

‘Oh danke, Herr Dr. und herzlich willkommen!’

Jonas stand etwas bedröppelt daneben, bis sein Vater ihm endlich den zweiten Strauß abnahm und ihn Frau Immerlinger in die Hand drückte. ‘Herr Immerlinger, Ihre Frau ist die Gebieterin der historischen Rosen hier und ich ziehe meinen Hut vor der schönsten Blume hier ihm Garten!’

Jonas jedoch bewegte sich Hermine entgegen und rief bestürzt. ‘Oh mein Gott, Frl. Hermine ich bin erschüttert.’ Dann drückte er ihr den Strauß in die Hand, um im nächsten Moment seine Hand vor den Mund zu pressen. Diese zierliche Person von einem jungen Mann, war wenn man von den grauen Haaren und dem Bauchansatz mal absah eine ziemlich genaue Kopie seines Vaters, den man in einen historischen Anzug gesteckt hatte.

‘Jonas mach dir nicht ins Hemd, ist ja nichts weiter passiert!’ rief Hermine in ihrer üblichen Art.

‘Ja, dank unseres neuen Schlossherrn!’ meinte Herr Immerlinger, der sich in ihre Richtung bewegte. Er blickte seine Tochter nachdenklich an und drückte dann wieder Tommi an der Schulter. ‘Wie geht es dir heute, Kleines?’

‘Geht schon besser, Paps! Und wie gehts dir?’

‘Ja, geht schon!’ meinte er mürrisch.

Wolle stand daneben, als würde er nicht dazugehören, deshalb meinte er kleinlaut. ‘Paps, kann ich nachher meine Sachen holen, Frau Weißmüller lässt mich im Schloss übernachten.’

‘Ja natürlich!’ meinte er resigniert und versuchte ein paar Schritte zu machen.

‘Paps, geht es dir wirklich besser?’ fragten Hermine und Wolle gleichzeitig.

Hermine drückte Tommi den Strauß in die Hand, um ihren Vater zum Tisch zu führen.

‘Paps, ich mach mir Sorgen!’ flüsterte Hermine ihrem Vater zu.

‘Musst du nicht, Kleines!’ meinte ihr Vater, als er sich setzte.

‘Wir sind alle ein Bisschen wackelig auf den Beinen seit gestern.’ meinte Frau Immerlinger und setzte sich neben ihren Mann.

Sonja hatte für Burger alles vorgeschnipselt und ein paar Salate gemacht. Der Kimmelmann stand am Grill und trug ein T-Shirt mit einem Wikingerhelm mit überkreuztem Messer und Gabel als Logo und eine schwarze Schürze. Tommi blickte ihn eine Weile an und grinste dann ziemlich schräg.

‘Tommi sag mal, könntest du die Gebärdensprache, wenn du dir das Alphabet anschaust?’ fragte Wolle.

Tommi zog sein Handy raus und legte es auf den Tisch. Er tippte etwas ein, blickte kurz aufs Handy, ließ das Gebärdenalphabet durch die Finger laufen, als wäre es ihm angeboren und meinte dann: ‘Ähm, ja. Nur die regionalen Unterschiede und die Eigennamen muss ich in der Praxis üben!’ und machte dann die Gebärden zu seinem Satz.

‘Das ist ziemlich cool!’ meinte Wolle und machte dazu die Gebärden.

Während Dr. Dalek mit Hermine über das Tagebuch fachsimpelte, unterhielten sich Wolle und Tommi wortlos. Wolle entschuldigte sich nochmal über das Hinter dem Rücken Gerede vorhin und er zählte ihm von Sonja und wie es ihr gerade ging. Und dann lästerten sie anerkennend über den Kimmelmann.

‘Kann mir jemand die Zwiebeln geben!’ fragte Sonja.

‘Oh, die sind alle!’ meinte Wolle und grinste Tommi an.

Sie standen beide auf, machten seltsame Grimassen und schrien: ‘Hacka löken!’

‘Was ist denn in euch gefahren!’ fragte Sonja und blickte ratlos in die Runde.

‘Sonja, das ist Regular Ordinary Swedish Meal Time!’ meinte der Kimmelmann und zog an seinem T-Shirt.

‘In Schwenglish!’ riefen die beiden Jungs und liefen Richtung Küche.

‘Das mein Bruder verrückt ist wusste ich, aber jetzt auch noch Wolfgang!’

‘Wenn hier einer ‘Hacka löken’ macht, dann bin ich das!’ rief der Kimmelmann und lief ihnen hinterher.

‘Frau Weiß-Müller, das ist von You-Tube, machen Sie sich keine Sorgen, wir sind alle verrückt, die einen mehr, die anderen weniger.’ rief Jonas, legte das Besteck beiseite, um sein Glas zu erheben und prostete ihr dann lächelnd über den Tisch.

Fortsetzung folgt…

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