Tagebuch eines Unbekannten – Teil 10

Tagebuch eines Unbekannten – Teil 10

tagebuchIch starre Tag ein, Tag aus in die trüben Gesichter. Die allgemeinen Launen hier im Keller ist schon mehr als unterirdisch.

Nur Mathilda war schon traurig, bevor wir in den Keller gingen. Und weil sie so melancholisch war, habe ich mich mit ihr beschäftigt. Es hat eine ganze Weile gedauert bis sie mit der Sprache rausrückte. Ihr Mann ist ein paar Wochen vor dem großen Knall gestorben. Ich bin mir nicht sicher, ob ich eine neue Zeitrechnung anfangen soll, aber nachdem die Zeit irgendwie ziemlich verschwimmt in letzter Zeit, kann ich noch nicht mal die Tage zählen. Wenn man Tag und Nacht nicht mehr unterscheiden kann? Wir werden im Nichts verschwinden und keiner kann sagen, wann genau? Und wie lange schon?

Und ich Idiot hab nicht die Tage gezählt, aber eigentlich ist es ganz schön sinnlos, was solls.

Ich war bei Mathilda stehen geblieben. Also der Mann von der Mathilda hatte einen ehrbaren Beruf, der im Alpengebiet allgemein als Wuiderer bezeichnet wird. Beim Ausüben seiner täglichen, meist geheimen Arbeit hat der hiesige Jagdaufseher ihm eine Ladung Schrot in den Arsch geballert. Sein langsamer und qualvoller Tod war am Ende dann deswegen, weil wahrscheinlich das Schrot mit Rattengift versetzt war. Das ist mal eine abartige Geschichte. Wer schießt den mit Schrot auf Ratten? Auf jeden Fall ist er elendiglich verreckt, und da hätte ich ihm auch nicht mehr so wirklich helfen können.

Mein Großonkel Wazlaf, ja der mit dem Furunkel, der hat eine alte Taschenuhr. Und der gute Mann hat tatsächlich die Tage gezählt. Und jeden Tag um 12 Uhr mittags eine kleine Kerbe in ein Holz geschnitzt und jede Nacht wenn er zu Bett ging, eine große Kerbe. Dafür haben wir ihm gerne das Furunkel entfernt. Und Mathilda hat sich gar nicht mal so übel angestellt dabei.

Dank der Beharrlichkeit meines Großonkels haben wir doch so was wie eine Zeitrechnung. Solange seine Taschenuhr funktioniert, haben wir wenigstens das Gefühl von Zeit. Er ist übrigens schon beim zweiten Holz. Das heißt, dass wir schon seit 4 Wochen hier im Keller sitzen und die Männer schon fast 2 Wochen weg sind und Onkel Watzlaff schnitzt beharrlich wie ein Uhrwerk weiter seine Kerben in sein Holz und gibt uns damit einen ungeahnten Halt.

Das gibt dem Spruch, etwas auf dem Kerbholz haben, eine völlig neue Bedeutung.

Ganz schön deprimierend ist, weil wir hier schon geschlagene 4 Wochen unsere Hintern breitsitzen und dazu verdammt sind bewegungsunfähig zu darben.

Fortsetzung folgt…

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