Eine Blüte für meine Gedanken – Tag 6

Tag 6
ErikaIch war nie froher die Sonne auf meinem Gesicht zu spüren, wie an diesem Morgen.
Ich hatte gestern tatsächlich alles zusammengepackt und war ungefähr zur Mittagsstunde losmarschiert.
Nachdem ich mir reichlich beobachtet vorkam, versuchte möglichst viel Strecke zu machen, bevor ich mir ein Loch suche, indem ich mich für die Nacht verkriechen wollte.
Natürlich kam es ganz anders. Ich lief eine gefühlte halbe Ewigkeit am Strand entlang und fand tatsächlich ein paar Krabben und eine enorme Nuss, die ich später knacken wollte. Die Krabben steckte ich lebend in einen ledernen Beutel und oben drauf kam die Nuss. Gewalttätige kleine Biester, diese Krabben.
Der breite Strand wurde immer schmaler und schmaler, bis ich plötzlich vor einer unüberwindbaren Felswand stand. Nun hieß es schwimmen, klettern oder zurück und den Berg über den Wald umgehen. In den Wald bringen mich keine zehn Pferde. Und schwimmen, naja selbst wenn ich schwimmen könnte, würden mich die Wellen am Felsen
einfach nur zerdrücken. Ich probierte es also mit Klettern. Anfangs schaffte ich es tatsächlich irgendwie ziemlich weit nach oben, bis mir dann irgendwann die Kraft ausging. Mit dieser Mangelernährung war das ja überhaupt kein Wunder.
Ich oder mein Gepäck waren viel zu schwer. Ich wollte aber mein Gepäck nicht fortwerfen. Das war alles was ich noch besaß. Aber ich hab auch nur ein Leben. Also entschloss ich mich die Nuss runterzuwerfen. Als ich ohne nachzudenken in den Beutel griff, wollten die Krabben wohl mich zuerst fressen. Vor Schreck wäre ich beinahe mit samt dem Beutel mit den Krabben und der Nuss abgestürzt.
Zu meinem Glück könnte ich mich an einer Wurzel festhalten. Doch ich musste den Beutel loslassen, der verfing sich an meinem restlichen Gepäck, aber die Krabben waren sehr unruhig und schnitten sich mit ihren scharfen Scheren den Weg in die vermeintliche Freiheit.
So purzelte eine nach der anderen in die Tiefe.
Mein Fehler war in die Tiefe zu blicken. Unten standen drei Mapori und grinsten mich saublöd an.
Die warteten nur darauf, dass ich in die Tiefe stürze, damit sie mich dann verspeisen können. Ohne mich!
Ich hangelte mich an der Wurzel weiter nach oben. Und ohne zu sehen, was oben war, kletterte ich blindlinks weiter. Oben angekommen, sah ich drei paar grün-braune Füße. Ein Paar davon gehörte der Säerin.
Sich jetzt noch nach unten zu stürzen war auch blöd. Und auf knien war ich ja bereits, also wienerte ich unterwürfig vor ihren Füßen herum und redete mehr mit ihren Füßen als mit ihr.
‘Verehrte Führerin des Waldvolkes, es tut mir außerordentlich Leid Euch mit meiner Dummheit behelligen zu müssen, aber ich verpasste mein Schiff. Nun bitte ich den Wald durchqueren zu dürfen, um zu den Plantagen zu gelangen.’
‘Wäre die Straße nicht besser!’
‘Besser für die, die mit den Finsternen gut können.’
‘Nun gut zu den Plantagen geht es eh dort lang!’ meinte die Säerin und drehte sich um und wies die Klippe auf der anderen Seite wieder hinunter.
‘Danke und entschuldigt meine törichte Störung.’
Sie wedelte mit einer Hand in der Luft und ich war mir nicht sicher, ob sie nur ein Insekt vertrieb oder wollte, dass ich mich so schnell wie möglich aus dem Staub machte.
Ich machte Anstalten auf der anderen Seite wieder hinunter zu steigen.
Dann meinte sie fast beiläufig: ‘Warum nehmt Ihr nicht die Treppe?’
Es fiel mir wie Schuppen von den Augen. Es führte eine Treppe im Felsen hinab zum Strand auf der anderen Seite des Felsvorsprunges. Die Klippe zog sich wie eine natürliche Barriere am Strand entlang und der weiße Sandstrand lag völlig unberührt im Schatten der Klippe und schlängelte sich wie eine weiße Schlange am Felsen entlang.
Ich empfahl mich und stieg frohen Mutes die Treppe hinunter. Hinter meinem Rücken konnte ich die Mapori reden hören. ‘Ich war mir so sicher, er würde von der Klippe stürzen.’ Ich konnte hören, wie ein Beutel Nüsse den Besitzer wechselte. Haben die Mapori darauf gewettet, ob es mich von der Klippe lässt. Dann vernahmen meine entzündeten Ohren die butterweiche Stimme der Säerin: ‘Seine Zähigkeit wird ihn eines Tages an sein Ziel bringen. Nur ich frage mich, was er bei den Plantagen will. Die Erntezeit ist fast vorüber…’

~*~

Mehr davon auf Inseln der Macht

Bild & Bearbeitung by Enno 

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