1799 – Baumwolle für Tobago – Teil 6

1799 – Baumwolle für Tobago – Teil 6

In der Messe entzündete ein Schwarzer die Kerzen, dann deckte er fast schon liebevoll den Tisch und der Smut brachte das Essen.

‘Danke nochmal, dass ich in der Küche helfen darf.’ stammelte der Schwarze mehr zu dem Geschirr, als zum Smut.

‘Ist schon gut, ich hab mit der Gesundheit von allen genug zu tun, dass ich sogar noch zwei beschäftigen kann, um alle satt zu kriegen.’ jammerte der Smut.

Der Kapitän stand in der Tür und meinte: ‘Johann schreib das auf, dann haben wir nochmal zwei beschäftigt. Wenn Magnus bei dir in der Kabine schlafen würde, könnte er quasi eine Praxis aufmachen.’

Johann tauchte hinter dem Kapitän auf und hielt eine Schiefertafel und ein Stück Ölkreide in seinen Händen und machte sich fleißig Notizen.

Der Schwarze ging dienstbeflissen und verschwand in Richtung Kombüse.

‘Ja, das ist gut und die beiden Damen können ja auch dabei helfen, vor allem bei den Frauen und Kindern. Magnus ist immer so ruppig.’ witzelte der Kapitän.

Der Smut stand wieder in der Tür und grinste verärgert: ‘Der Bub kann mir ja bei den Nähten helfen, wenns wieder einen von der Rah wichst. Meine Hände werden bestimmt nicht ruhiger, bei dem ganzen Stress.’

Der Schwarze kam wieder und brachte noch mehr essen und meinte eher beiläufig: ‘Meine Brüder können auch helfen?’

‘Ja, das ist noch besser, dann könnt ihr im Lager vor der Kombüse schlafen, weil der Smut zieht dann in die Kabine um, wie es seinem Rang eigentlich zusteht.’ meinte der Kapitän und blickte den Smut dabei unvermindert an.
Der Smut machte ein grimmiges Gesicht und wandte sich wieder zu dem Schwarzen: ‘Obi, sag mir nochmal ihre Namen, ich hab noch nicht alle durch.’

‘Meine Brüder waren vor mir dran, Umo und Ani!’

‘Ja, sie sind gesund, wenn auch unterernährt, da ist die Küche der beste Platz.’ faselte der Smut.

‘Hab ich euch schon mal gesagt, dass ich euch alle liebe…!’ rief der Kapitän rührselig und erhob sein Weinglas. ‘…für eure Arbeit.’ Dann kippte er sich das volle Glas in den Rachen. ‘Ohne euch würde ich das alles nicht durchstehen.’

‘Meine Mama hat immer gesagt, erst Essen dann trinken.’ meinte Obi. ‘Denn das ist sonst nicht gut für das Gemüt.’ Dann grinste er über beide Ohren, zeigte allen seine strahlend weißen Zähne und goß das leere Weinglas wieder voll. ‘Wir sind alle sehr dankbar für Eure Freundlichkeit uns allen Arbeit geben zu wollen. Uns ist allen bewusst, dass Ihr Euren Hals und Euer Schiff für uns alle aufs Spiel setzt.’

‘Naja, wenn ich jetzt ein Pirat bin, dann darf ich jetzt auch vor dem Essen saufen!’ rief der Kapitän und hob sein Glas erneut.

‘Kapitän, ich mach mir Sorgen.’ meinte Johann ernsthaft besorgt.

‘Johann, ist schon gut. Es war ein schwerer Tag für einen Säufer.’ säuselte der Kapitän in sein Weinglas.

Obi machte den Teller des Kapitäns mit der doppelten Portion voll und meinte, mehr zu sich selbst als zum Kapitän: ‘Meine Mama wird sich sonst im Grab umdrehen.’

‘Obi, verrate mir den Namen deiner Mutter. Sie war wohl eine sehr kluge Frau und ich freu mich noch mehr von ihren Weisheiten zu hören.’ meinte der Kapitän und begann brav zu essen, bevor ihn noch der Zorn der alten Dame traf.

‘Mam’sel, Kapitän. Alle nannten sie Mam’sel.’ meinte Svent. ‘Wir haben Sie hinter den Ställen begraben und ich vermisse ihren Eintopf und ihr Lachen.’

‘Oh, Maître Enrikson. Wohlauf?’ fragte Obi und machte eine ehrerbietige Verbeugung. ‘Mein Eintopf ist auch nicht schlecht, aber nicht so gut wie der von Mam’sel.’

‘Obi, nenn mich bitte Svent, der Maître Enrikson ist nun Geschichte.’ rief Svent und hielt ihm die Hand hin. ‘Können wir dem Schneiderlehrling einen Napf voll Suppe auf die Kajüte bringen?’

‘Mast und Schotbruch. Ich hab den Buben vergessen.’ fluchte der Smut und eilte aus der Messe. Dann kam er einen Moment später kopfschüttelnd wieder zurück und Obi hielt ihm lächelnd einen gefüllten Napf hin, mit Brot und Löffel gespickt.

Von draußen konnte man eine zierliche Stimme hören. ‘Ach, Herr Doktor. Sehen Sie nach meinem Brüder. Kann ich mitkommen?’

‘Ich bin kein Doktor. Ich bin der Smut, aber begleitet mich ruhig, bevor ich noch den Weg dorthin vergesse.’ rief der Smut und nachdem seine Hände bereits zu zittern begannen, nahm die gute Betty ihm den vollen Napf ab und folgte ihm auf dem Fuße.

‘Ihr lasst wirklich alle vom Smut behandeln.’ rief Mariebelle aufgebracht.

‘Er ist Hufschmied!’ mampfte Johann.

‘Ihr lasst wirklich alle von einem Hufschmied behandeln.’ rief Mariebelle wieder. Sie musste sich mit dem Knie auf die Sitzbank stützen, bevor sie tief Luft holen konnte. Doch bevor sie erneut etwas sagen konnte, unterbrach sie der Kapitän etwas unwirsch: ‘Er macht Witze. Er ist ein Tierarzt. Zumindest hat er eine Art medizinische Ausbildung gehabt, bevor er sich die Medikamente lieber selbst verschrieben hat, aber für uns hier an Bord haben seine Dienste immer gereicht.’

Johann schlang seinen letzten Bissen runter und meinte dann wieder, während er sich den Mund am Ärmel abwischte: ‘Er macht seine Sache wirklich gut, nur das mit den Nähten…!’ Johann fummelte an seiner Hose herum und fuhr fort: ‘Also die Unfälle an Bord sind drastisch zurückgegangen, seit ich das hier habe…’ Er riss sich ungefragt sein Hemd hoch und entblößte seinen Bauch. Darauf dominierte eine echt hässliche Narbe, worauf sich das Fräulein van der Houthen die Hand vor den Mund presste.
Der Kapitän begann zu fuchteln und bellte ihn im Befehlston an: ‘Johann, pack dein Einhorn wieder ein, du erschreckst damit unsere Lady!’
Obi goß ihr einen Schluck Wein ein und animierte sie zum Trinken. Svent prustete als er das vermeintliche Einhorn sah, verschluckte sich und bekam dann erst nach einem Moment ein Wort zustande, dass wie ‘Einhorn?’ klang, dann räusperte er sich nochmal und fuhr fort: ‘Herr Johann, habt Ihr schon mal ein Einhorn gesehen, weil das hier sieht bestenfalls aus wie ein einohriges Kaninchen!’ Danach mussten Johann und Svent so herzlich lachen, dass sogar der Kapitän und schlussendlich das junge Fräulein van der Houthen zu lächeln begann.

Fortsetzung folgt hart Backbord…

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