1799 – Baumwolle für Tobago – Teil 11

1799 – Baumwolle für Tobago – Teil 11

Bevor der Kapitän in die Messer ging, schlenderte er noch unter Deck herum, um nach dem Leck zu sehen und dort traf er auch den Küper, der seinerseits die Arbeiten am Leck überwachte.

‘Wie siehts aus, Jonason?’

‘Werden wir sehen, ob es dicht hält. Ich stell eine Wache auf, bis der Batz trocken ist.’

‘Gut, Israel! Mach das!’ murmelte der Kapitän. ‘Wo ist eigentlich Noah! Wäre das nicht seine Aufgabe hier?’

‘Noah ist betrunken!’

Sein Magen knurrte so laut, dass die Matrosen, die teerverschmiert die letzten Arbeiten am Leck ausführten, sich nach ihm umdrehten.

‘Da wird sich die Mam’sel aber im Grab umdrehen!’ witzelte Johann, der ebenfalls das Leck inspizieren wollte. ‘Wo ist Noah? Wäre das nicht seine Aufgabe hier?’

‘Noah ist betrunken!’ riefen Israel und der Kapitän wie aus einem Mund.

‘Da hat sich nochmal jemand selbst zum Kielholen gemeldet.’ grummelte Johann.

Der Magen des Kapitän antwortete darauf mit einem abartigen Knurren.

‘Ich geh ja schon in die Messe, bevor mich der Geist der alten Dame heimsucht!’ witzelte der Kapitän und hielt sich den Magen fest.

Svent stand mit dem Nähkreis in der Messe. Die Schneiderin beäugte ihn scheel, wobei beim genaueren Hinsehen nicht klar war ob sie ihn scheel beäugte, weil sie ihn scheel beäugen wollte oder weil der Zustand ihres Gesichtes dies nicht anderes erlaubte. Während ein schwarzes Mädchen mit einem kugelrunden Bauch auf der Bank saß und den Saum einer Weste absteckte, stand die Lady van der Houthen höchstselbst auf der Bank und steckte unter der Achsel des armen Svent einige Nadeln in den Stoff.

‘Ihr müsste schon stillhalten, werter Mâitre! Sonst stech ich Euch noch!’

Svent konnte mit Müh und Not das Schaukeln des Schiffes soweit ausgleichen, dass er einigermaßen unbeschadet den nächsten Atemzug überstand.

‘Mistress, die Hose können wir so nicht lassen. Die Nähte halten keinen Tag mehr.’ meinte das schwarze Mädchen.

‘Oh, Kitti Schätzchen, das hab ich befürchtet.’ meinte Betty und zückte ein Maßband.

Svent war der Erste, dem die Gegenwart des Kapitäns gewahr wurde. Er lehnte zufrieden im Eingang zur Messe und grinste über beide Ohren, während er fast schon genüsslich die Augen über die Szenerie gleiten ließ.

Svent warf ihm einen flehenden Blick zu und nickte ihm zu. Seine Reaktion richtig deutend, drehte sich die Lady van der Houthen nach dem Kapitän um. Bei der nächsten Welle kam sie ins taumeln und konnte sich gerade noch an Svent festhalten, dabei steckte sich allerdings eine ihrer Nadeln in seine Brust. Er hätte es gar nicht gemerkt, wenn sie nicht wie panisch auf die Stelle geblickt hätte.

Er zog schockiert die Luft ein und versuchte dann so ruhig wie möglich zu sagen: ‘Wenn mir nach einer dieser neumodischen chinesischen Behandlungsweisen ist, werde ich bescheid geben, aber bitte nehmt die Nadel da weg.’ Er verdrehte die Augen und kurz bevor er ohnmächtig zu werden schien, schritt der Kapitän beherzt an Svent heran und packte ihn am Kragen.

‘Wenn Ihr kein Blut sehen könnt, seid ihr auf meinem Schiff aber wahrlich Fehl am Platz, werter Mâitre!’ rief der Kapitän in seinem üblichen Befehlston. ‘Wir sind jetzt Piraten!’

Mariebelle zupfte geschickt die Nadel aus seinem Brustmuskel und Svent riss keinen Moment zu früh die Augen auf. ‘Nein Kapitän, es sind nur Nadeln und dann auch nur wenn sie in mir drin stecken!’

Dann blickte er langsam an sich hinab und Lady Mariebelle grinste ihn schelmisch an: ‘Ich hab den Schlingel wieder sicher verwahrt.’ Und schon hatte sie die Nadel in den Mundwinkel.

Svent musste sich einen Moment neben Kitti hinsetzen, was die Lady van der Houthen wieder arg ins Schwanken brachte.

Obi kam bei der Tür herein und hatte ein Tablett in der Hand. Wie auf Kommando knurrte der Magen des Kapitäns so laut, dass die Damen ihn entsetzt an blickten. Betty half Mariebelle von der Bank.

‘Ich melde mich freiwillig zum Essen fassen!’ rief der Kapitän und nahm am Kopfende des Tisches platz.

Obi machte ein ‘Zzz!’ und stellte das Tablett auf dem Tisch ab. Eine große Tasse Kaffee und Rühreier mit Speck und Bohnen und 2 Butterbrote auf einem Teller und ganze 5 Stücke Kuchen auf einem anderen Teller. Von dem plötzlichen Essensgeruch angezogen blickte die schwangere Kitti auf den Kuchen, als würde der Kuchen mit ihr sprechen.

‘Obi, bringt doch bitte dem Mâitre einen Cognac!’ flüsterte der Kapitän Obi zu und fuhr dann halblaut fort. ‘Wenn die 5 Stück Kuchen nicht ausschließlich für mich gedacht sind, würde ich gerne teilen!’ Dabei blickte er Kitti an, die scheinbar immer noch von dem Kuchen hypnotisiert wurde und machte dann ein Geräusch, dass sich wie ‘Gsss!’ anhörte. Kitti erschrak regelrecht, doch als der Kapitän ihr ein Stück Kuchen hinhielt, grinste sie ihn an. Sie flüsterte so leise, dass man es nur an der Bewegung ihrer Lippen ablesen konnte: ‘Für mich!’

Fortsetzung folgt… Befehl zum Essen fassen

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