1799 – Baumwolle für Tobago – Teil 16

1799 – Baumwolle für Tobago – Teil 16

Auf Deck schwoll der Lärm des geschäftigen Treibens an. Unkoordiniertes Hin- und Hergerenne machte den Kapitän einfach nur aggressiv. Der Kapitän versuchte über den Lärm hinweg seine Befehle übers Deck zu brüllen, als die Lady van der Houthen neben ihm erschien.

Der Kapitän drehte sich zu ihr um, atmete tief durch und meinte völlig ruhig. ‘Gut, dass Ihr da seid. Bitte geht mit allen Kindern und Frauen in meine Kajüte. Ganz ruhig und keine Panik. Nehmt alle Decken und Matratzen mit, die Männer können euch kurz dabei helfen. Setzt alle auf den Boden vors Bett, nicht vor die Fenster. Meinen Stuhl solltet ihr irgendwo einklemmen. Alles andere ist eh am Boden befestigt. Wartet bis wir bescheid geben, dass wir die alte Lady abgestützt haben, dann könnt ihr euch gleichmäßig auf die anderen Kajüten verteilen, beim Wasser schippen helfen oder die Männer mit Wasser versorgen. Ach, es wäre schön, wenn ihr meine Seekarten zusammenrollen könntet und irgendwo sicher verwahren würdet. Falls das Schiff kippt, seid ihr in meiner Kajüte am sichersten aufgehoben.’

Die Lady van der Houthen war sehr verwundert über den sachlichen, aber kurzen Vortrag und nickte dann folgsam, ließ den Blick über die verletzte Hand des Kapitäns schweifen und verschwand wieder unter Deck.

Wenig später kam Jaren auf Deck. Er hatte einen kleinen Eimer dabei und ein Bündel unter den Arm geklemmt. ‘Kapitän. Magnus schickt mich.’ rief Jaren über den Lärm hinweg und versuchte zu lächeln, was ihm nicht gelang. Er sah immer noch ein wenig zerbeult aus, dennoch blickte er den Kapitän direkt an.

‘Jaren, wie gehts Euch?’

‘Mir gehts gut, solange ich was zu tun hab.’

‘Und was hat Euch der alte Miesepeter beauftragt zu tun.’ wollte der Kapitän wissen, während er streng die Arbeiten auf Deck überwachte. Es wurde von Jensen gerade die Wassertiefe ausgelotet. Jaren stellte den Eimer ab, zückte eine gebogene Nadel und grinste den Kapitän an. ‘Ich soll Eure Hand nähen, bevor Ihr noch verblutet, Kapitän.’

‘Jetzt nicht!’ bellte der Kapitän ihm entgegen. Jensen holte das Lot ein und wickelte das Seil über seinen Arm auf.

‘Siebeneinhalb Faden!’ rief Jensen dem Kapitän zu.

‘Klarmachen zum Ankern.’ brüllte der Kapitän. Das muntere Treiben konzentrierte sich nun auf die Ankerkette. Jaren stand immer noch neben dem Kapitän und blickte auf den Boden. Unter den Füßen des Kapitän hatte sich mittlerweile eine beachtliche Blutlache gebildet.

‘Verzeiht, Kapitän. Nehmt wenigstens die Hand hoch.’ stammelte Jaren und erst als der Kapitän auch auf den Boden blickte, lenkte er ein. ‘Johann.’

Johann blickte vom Ruder auf, entdeckte die Blutlache und rief dann: ‘Jensen.’

Der Dienst am Ruder wurde in Windeseile gewechselt und Johann überwachte das Ankern.

Der Kapitän ließ sich auf eine Tosse fallen und der junge Jaren kniete sich vor den Kapitän. Er hatte aus seinem kleinen Eimer mit Wasser eine Flasche Rum gezaubert und öffnete diese.

‘Jaren, ich möchte bitte kein Einhorn oder einen einohrigen Hasen auf meiner Hand, geht das? bemerkte der Kapitän, schnappte sich den Rum und nahm einen ordentlichen Schluck. Jaren hatte bereits den Verband aufgewickelt, reinigte die Wunde mit Wasser und dann nahm er dem Kapitän die Flasche Rum ab. Er reinigte die Nadel und die Hand nochmal mit Rum und bevor er zum ersten Stich ansetzte, meinte er noch völlig überflüssig: ‘Das könnte jetzt ein Bisschen weh tun.’

‘Fragt morgen mal lieber den Lieutenant, wie weh es getan hat, wenn ich ihm jeden Stich mit meinem Paddel heimzahle.’

‘Den abartigen Bastard kann dann Magnus selber nähen, vielleicht lernt er es ja noch einen geraden Stich zu setzen.’ murmelte Jaren in sich hinein und hatte schon die ersten zwei Stiche gesetzt, ohne dass der Kapitän auch nur etwas davon gespürt hat. ‘Ich könnte Euch das grimmige Gesicht von der Lady van der Houthen in die Hand sticken!’

‘Unser Schneiderlehrling hat heute aber eine scharfe Zunge.’ meinte der Kapitän und nahm sich wieder die Flasche. ‘Mir wäre das grimmige Gesicht von Johann lieber, wenn ich mir am Morgen einen…!’

Jaren musste absetzen, weil er sich versuchte sich das Lachen zu verkneifen. ‘Kapitän bitte, wenn Ihr mich weiter zum Lachen bringt, wird es doch noch ein Einhorn.’ Der Kapitän trank noch einen Schluck und ließ den Jungen arbeiten.

‘Wie wäre es mit meinem Paddel?’ frug der Kapitän.

Beide hatten es gar nicht bemerkt, dass sich zuerst Johann, dann Magnus und zu guter Letzt Svent über ihnen positioniert hatte.

‘Ich soll Euch ein Paddel auf die Hand stechen?’

‘Ein abgebrochenes, blutverschmiertes Paddel, um genau zu sein.’ klugscheißerte Svent süffisant.

Jaren blickte auf, weil er den Schatten wahrnahm, der ihn bei seiner Arbeit hindert.

‘Ich bin ja nicht der Kapitän, aber gibt es gerade nichts tun, dass ihr alle mir in der Sonne stehen müsst. Am Ende wird es doch ein einbeiniges Einhorn.’

Der Kapitän lachte in die Rumflasche und flüsterte etwas, was keiner verstand.

Magnus zog beleidigt ab und Johann meinte. ‘Das wäre mir auch lieber, bevor ihr mir jeden Tag noch vor dem Morgenkaffee über mein Antlitz….!’ Johann kam kurz ins Stocken, weil Svent ihn finster anfunkelte. Johann räusperte sich: ‘Ähm….pinkelt.’

Jaren schnappte sich die Flasche vom Kapitän, kippte einen ordentlichen Schluck über die Hand und betrachtete sein Werk.

‘Das sieht aber nicht aus wie mein Paddel.’ meinte der Kapitän ein Bisschen enttäuscht.

‘Das ist ja nicht größer als eine Fischgräte.’ rief Johann erstaunt.

‘So Kapitän. Ihr solltet viel Wasser trinken. Und jedes Mal wenn es Euch nach Rum ist, kippt ihn besser über Eure Hand und nicht in Euren Rachen.’ rief Jaren ein Wenig beleidigt und wickelte dem Kapitän dabei einen frischen Verband um die Hand.

Der Kapitän räusperte sich und meinte anerkennend: ‘Danke Jaren, dass ist wirklich eine sehr gute Arbeit geworden.’ Johann half dem Kapitän beim Aufstehen. ‘Der Anker ist raus, jetzt heißt es warten.’

‘Jaren. Bitte schaut doch nach den Damen in meiner Kajüte! Obi soll das Essen vorziehen und dann schon mal heißen Tee machen.’

Nach einer gar nicht so langen Zeit kam der Küper an Deck und berichtete: ‘Die Ladung ist vertäut. Die Passagiere sind sicher untergebracht. Die Blue Moon liegt gut im Ebbstrom. Es drückt nicht mehr so viel Wasser herein.’

‘Sehr gut. Danke, Isreal. Die Tagschicht macht zuerst Pause und jeder schaut, dass er die Klamotten trocken kriegt und was isst. Wir werden bis vor Einbruch der Dunkelheit aufgelaufen sein, dann brauch ich alle Mann an Bord und kein wildes Hin- und Hergerenne mehr!’

Ein mehrstimmiges ‘Ey, Kapitän!’ kam von allen Seiten.

Dann wandte sich der Kapitän zu Johann um und fuhr fort: ‘Johann, wie sieht der Anker aus!’

‘Er steckt ganz tief drinne…!’ antworte Johann reichlich flaps und konnte sich dabei ein dreckiges Grinsen nicht verkneifen.

Svent gesellte sich zu den Beiden und grinste ebenfalls.

‘Herbert Maria Johann, wir müssen uns mal über Euren Umgangston unterhalten. Es gibt kaum einen, der ständig so unglaublich versaute Sachen sagt, wie Ihr!’

Johann zeigte auf sich und zuckte mit den Schultern.

Der Kapitän fuhr fort: ‘Ernsthaft, Herr Johann. Wir haben jetzt Frauen und Kinder, eine Schwangere und eine Lady an Bord, wir müssen uns schon ein Bisschen benehmen, Johann!’

‘Kapitän, ich glaube Ihr habt die Lesbierin vergessen.’ meinte Svent fast beiläufig.

‘Matrose Svent, wer hat Euch erlaubt mir derart in den Rücken zu fallen, ich bin der Kapitän.’ Dann brach seine ernste Maske und er musste so unglaublich laut lachen, dass Johann ein bisschen Angst hat, sein Kapitän wäre dem Wahnsinn nun endgültig anheim gefallen.

‘Svent holt bitte Euren kleinen Eimer, ich glaube der Rum steigt mir zu Kopf.’ kicherte der Kapitän schlenderte übers Deck.

Johann wandte sich zu Svent: ‘Wer ist die Lesbierin?’

‘Herbert Maria Johann, ich kann schweigen wie ein Grab!’ grinste Svent und folgte dem Kapitän.

Fortsetzung folgt… Melde, die Blue Moon auf Grund!

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