1799 – Baumwolle für Tobago – Teil 19

1799 – Baumwolle für Tobago – Teil 19

Wenig später klopfte der Kapitän gegen die Tür seiner eigenen Kajüte und trat dann erst ein. Jaren saß an seinem Bett und hatte ein Auge auf Svent. Mariebelle hingegen blickte verstört aus dem Fenster.

‘Wie gehts ihm?’ wisperte der Kapitän fragend.

‘Magnus war grad noch da.’ meinte Jaren und wechselte die feuchten Tücher auf der fiebrigen Stirn des Quartiermeisters. ‘Er hat so unglaublich viel Blut verloren.’

‘Der Smut sagt, er wird durchkommen.’ meinte Mariebelle. ‘Wenn er keinen Wundbrand bekommt!’ Ihr Finger zitterten, als sie sich umwandte. ‘Würdet ihr den Lieutenant töten, wenn ich es nicht fertig bringe.’

‘Ich werde den Lieutenant nicht anrühren, bis Svent wieder auf den Beinen ist.’ flüsterte der Kapitän, räusperte sich und meinte dann mit fester Stimme: ‘Im Moment hat nur Svent das Recht den Lieutenant zu töten.’

Dann zog er seine Perücken vom Kopf, um im nächsten Moment seinen Kopf in seine Waschschüssel zu stecken. Dann wusch er sein Gesicht und seine unverletzte Hand.

‘Hat der Lieutenant sonst noch was verlauten lassen?’ frug Mariebelle neugierig. Seit dem Angriff auf Svent nannte sie ihn nicht mehr Stiefvater.
‘Er hat er mich als Sodomit beschimpft, dann hat er behauptet, ich wäre der Teufel und die Blue Moon sei mein Todesschiff.’ erzählte er gelangweilt, während er sein blutverschmiertes Hemd auszog und fuhr erst dann fort, als er ein frisches Hemd aus seiner Truhe geholt hatte: ‘Ach dass ihr alle sterben werdet, habt ihr ja gehört, oder? Eigentlich wollte er mir nur mitteilen, dass ich ein toter Mann wäre, wenn ich je auf Tobago ankommen werde!’ erzählte der Kapitän, während er mit seinem frischen Hemd sein Gesicht trocknete, in dem er es anzog.

‘Aber dafür seht Ihr aber noch ganz gut aus!’ krächzte Svent und der Kapitän war mit zwei Schritten am Bett angekommen. Er ging in die Hocke und verdrehte den Kopf so, dass Svent ihn gerade anblicken konnte. Ein ‘Kapitän’ stolperte aus Svents Mund und der Kapitän gab nur ein beruhigendes ‘Schschsch!’ von sich.

‘Ich bringe ihn nicht um, ich überlasse ihn dir, in Ordnung!’ versicherte er dem Verletzten.

‘Eik!’ röchelte Svent, sein massiger Körper bebte als ihn ein gewaltiges Zittern überkam.

Der Kapitän packte seine riesige Pranke und flüsterte ihm ins Ohr, so dass es nur Jaren mitbekam. ‘Svent, du kannst nicht draufgehen. Das erlaube ich nicht.’ Seine Stimme bebte derart, dass er sich die Hand vor den Mund pressen musste. ‘Du musst viel trinken. Die Schotten auf Madeira haben eine richtige Ärztin, du musst nur ein paar Tage durchhalten.’

Svent biss sich auf die Lippe, als er versuchte zu schlucken. Es schloss vor Schmerz seine Augen, doch der Kapitän erwischte eine der Tränen, die dem stolzen Riesen aus den Augen rannen und zerrieb sie mit den Fingern.

‘Verschwende kein Wasser, der Junge wird dir nur noch mehr Wasser mit dem Löffel in den Rachen schieben.’ witzelte der Kapitän und küsste die riesige Pranke, die er immer noch fest umschlossen hielt. Dann stand er auf und küsste Svent auf die Stirn.

Mariebelle blickte den Kapitän schockiert an, es wäre ihr nie in den Sinn gekommen, dass dem Kapitän mehr an Svent lag, als nur seine immense Arbeitskraft.

‘Ich würde mich dann entschuldigen.’ meinte Mariebelle und ging langsam zur Tür.

‘Ruht Euch aus, morgen soll der Tage ein Wenig ruhiger beginnen.’ meinte der Kapitän und wandte sich dann zu Jaren: ‘Wie lange kannst du hier noch sitzen?’

‘Magnus schaut noch nach der Mannschaft und geht dann schlafen. Betty löst mich nachher ab.’

‘Gut, ich würde gerne Jensen und Johann für ein paar Stunden schlafen schicken. Ich bleib bis zum Morgengrauen am Ruder und kann Betty dann ablösen.’

‘Wann schlaft ihr eigentlich?’ frug Jaren neugierig.

‘Ihr habt doch gehört, ich bin der Teufel. Ich muss nicht schlafen!’

 

Fortsetzung folgt… Biskaya bei Nacht

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1799 – Baumwolle für Tobago – Teil 18

1799 – Baumwolle für Tobago – Teil 18

Johann und der Kapitän kümmerten sich weiter um die Blue Moon. Da die Flut gerade wieder eine Handbreit Wasser unter den Kiel gespült hatte, ging jetzt wieder das geschäftige Treiben an Bord los. Die Blue Moon wurde wieder gerade gestellt und die Balken wurden nach und nach aus dem Schlick gezogen und wieder sicher verstaut. Noah war wieder halbwegs nüchtern, konnte aber die fehlende Arbeitskraft von Svent nicht ersetzen.

Die Frauen und Kinder wurden wieder in den vorderen Laderaum gebracht und harrten dort der Dinge.

Nachdem sie den Splint aus Svents Hals entfernt hatten, versuchte Jaren alles wieder zu zunähen. Das war bei den ruckartigen Bewegungen der Blue Moon gar nicht mal so einfach gewesen. Svent hatte riesiges Glück, hatte aber dennoch viel Blut verloren. Umo und Ani halfen dabei Svent in die Kajüte des Kapitäns zu bringen, damit er sich ausruhen konnte.

Wind kam auf, es fing an zu regnen. Der Anker wurde gelichtet und die Mannschaft zog mit Hilfe der Beiboote die Blue Moon ins tiefere Wasser hinaus. Schlussendlich wurden die Segel gesetzt. Zum Glück stand der Wind günstig und die Blue Moon segelte mit dem Wind langsam hinaus aufs offene Gewässer der Baie de Bourgneuf.

Einerseits waren alle froh, dass die Blue Moon trotz aller Widrigkeiten wieder mehr als eine Handbreit Wasser unterm Kiel hatte und sie nun die Reise nach Madeira wieder aufnehmen konnten. Doch war die Laune der Besatzung ein wenig angeschlagen. Sie hatten in der wenigen Zeit in der Svent nun an Bord war ihn vollends in die Mannschaft integriert und waren von dem Angriff auf ihn ziemlich bestürzt. Der Kapitän hatte selten seine Männer beten gehört, aber in dieser Nacht taten sie es. War er doch einer von ihnen geworden. Und unter Deck sangen die Damen ein Lied ihrer Heimat.

Der Kapitän war umtriebig und schlecht gelaunt. Er ging unter Deck und schlenderte zu den hinteren Laderäumen. Ohne das jemand es bemerkte, öffnete er die Tür zum Verschlag des  Lieutenants.

Zwischen zwei Kisten saß er auf einem Stuhl, seine Kleider hingen nur noch in Fetzen von ihm herunter. Er war schmutzig und nass. Der Stuhl war zwischen den beiden Kisten angebunden, genauso wie er auf dem Stuhl festgebunden war. Auf dem Boden klebte Blut. Das Licht einer schwankenden Lampe erhellte die Szenerie nur alle paar Momente. Der Kapitän stand im Halbschatten. Seine Ärmel waren lieblos hoch gekrempelt und von seiner Perücke fehlte jede Spur.

‘Ihr seid der Teufel, es werden alle Sterben auf diesem Todesschiff!’ rief der Lieutenant.

‘Ich glaube, der Einzige der in nächster Zeit sterben wird, seid Ihr!’ grinste der Kapitän seinem Gefangenen an.

‘Elender Sodomit!’

‘Der Sodomit in mir ist nur das kleinere Übel, weil der Sadist in mir, wird Euch eines Tages zu Tode quälen. Ihr könnt nur hoffen, dass Svent Euren Angriff überlebt, dann wird es ziemlich schnell gehen. Wenn nicht, werde ich Eure Eier abschneiden und sie Euren Männern zu fressen geben.’

‘Bastard!’ spie der Lieutenant dem Kapitän vor die Füße.

‘Ja, dass sagte meine Mutter auch, bevor sie mich ins Hafenbecken geworfen hatte, um mich loszuwerden. Nur dass die See mich auch nicht wollte, als sie mich wieder ausspie, wusste sie nicht, was sie damit entfesseln würde.’

‘Ja Ihr seid lästig wie eine Seemöwe!’

‘Irgendwie sind wir vom eigentlichen Thema abgekommen. Was erwartet uns, wenn wir auf Tobago ankommen?’

‘Ihr seid bereits ein toter Mann, Kapitän.’ stieß der Lieutenant hervor.

‘Entscheidet Euch mal, ich kann nicht Teufel, Sodomit und ein toter Mann gleichzeitig sein.’

‘Ihr seid ein toter Mann, wenn Ihr nur einen Fuß auf Tobago setzt, mit meinen Sklaven an Bord.’

‘Auf meinem Schiff sind es keine Sklaven. Also macht Euch keine Sorgen, Eure Sklaven werden vom Teufel höchstpersönlich befreit.’

‘Ihr könnt mit Ihnen nirgendwo hin!’

‘Ihr glaubt wirklich, dass ihr der Nabel der Welt seid, oder? Der Teufel hat viele Freunde, glaubt mir.’

Der Lieutenant drehte seinen Kopf auf die Seite und blickte zu der schwankenden Lampe hinüber.

‘Ihr wollt nicht mehr mit mir reden. Hm. Ihr wisst was jetzt kommt.’ säuselte der Kapitän dem Lieutenant ins Ohr. Der Kapitän nahm ein Tau, das am Ende in einen kunstvollen Knoten überging. Er holte aus und schlug damit unter die Sitzfläche des Stuhles. Der Lieutenant krümmte sich und schrie markerschütternd auf.

Der Kapitän kam seinem Gefangenen ungewöhnlich nahe, als würde er den Schmerz genießen, den er ihm gerade bereitet hatte. Fast zärtlich hob der den Kopf des Lieutenants an und blickte in sein verschrammtes Gesicht.

‘Bleibt, genau so!’ grinste er seinem Gefangenen an, wie ein Maler seine Model anblicken würde. Dann schlug der Kapitän dem Lieutenant mit dem Tau noch mehrmals so hart ins Gesicht, bis dieser bewusstlos nach vorne kippte.

Als der Kapitän sich zur Tür gedreht hatte, nahm er seine Perücke vom Türknauf und als er den Raum verließ, konnte man die Sitzfläche des Stuhles sehen, wie sie neben der Tür lehnte, als würde sie da hingehören.

Fortsetzung folgt… Der Zauber steckt im Augenblick und die Kunst ist den Augenblick einzufangen.

1799 – Baumwolle für Tobago – Teil 17

1799 – Baumwolle für Tobago – Teil 17

Als die Blue Moon dank des Ebbstroms auf Grund gelaufen war, wurde sie mit den Balken abgestützt und mit Seilen auf die richtige Seite gezogen. Das Kalfatern des Lecks kam gut voran und als die Sonne den Horizont küsste, waren sie bereits fertig damit. Die Wache begann, bis die Flut die Blue Moon wieder aus dem Schlick heben wurde.

Svent kletterte völlig durchnässt an Bord zurück und wollte unter Deck noch eine weitere Tosse Seil holen. Er hatte mittlerweile die Arbeit des Schiffszimmermannes übernommen und machte sich scheinbar gar nicht schlecht. Die Männer hörten auf ihn, aber auch erst seit er einen dieser Balken alleine über die Reling gehoben hatte, wo sich davor drei Matrosen fast einen Bruch gehoben hatten. Die Männer des Kapitäns waren wirklich sehr leicht zu beeindrucken.

Er stieg die Stufen bei der Kombüse runter, lief den Gang entlang zu den hinteren Laderäumen. Kurz vor der Segelkammer bemerkte er ein Knacken im oberen Gebälk und als er sich umdrehte, sah er nur noch das blutverschmierte Gesicht vom Lieutenant auf ihn zurasen. Der Lieutenant hatte ihn von oben angesprungen und durch die Wucht des Aufpralles war Svent zu Boden gestürzt. Beim Aufprall schoss ihm eine unglaublicher Schmerz durch Mark und Bein und dann spürte er nur noch eine warme Flüssigkeit, die ihm ins Ohr und über die Brust lief. Nichts desto trotz rappelte er sich auf und verfolgte den Lieutenant, der bereits an der Kombüse vorbei rannte und die Stufen hinauf kletterte, die zum Deck führten. Svent konnte nicht laut rufen, er bekam nur ein Krächzen heraus.

Obi und Ani hörten ihn erst dann, als Svent auf den Stufen zum Deck zusammenbrach. Ani sprang über ihn hinweg und verfolgte den Lieutenant. Obi blieb bei Svent und versuchte ihn umzudrehen und bemerkte ein blutiges Holzstück, dass aus seinem Hals ragte. Obi konnte Svent daran hindern, es heraus ziehen zu wollen.

Dann ging alles ganz schnell. Während Ani den Lieutenant bis ins Wasser verfolgt hatte und ihn dann im Schlick überwältigen konnte, waren Magnus und Jaren sofort zur Stelle, um Svent zu versorgen. Der Lieutenant hatte Svent einen Holzsplint in den Hals getrieben und wie durch ein Wunder hatte der Splint alles Lebenswichtige weitestgehend verfehlt. Doch bestand die Gefahr, wenn sie den Holzsplint heraus zogen, dass sie noch mehr kaputt machen könnten und Svent dann einfach verbluten würde. Wenn sie den Holzsplint an Ort und Stelle lassen würden, dann würde er sicher langsam und elend am Wundbrand verrecken.

Der Lieutenant schrie bei seiner Gefangennahme immer wieder, dass der Kapitän der Teufel wäre und alle des Todes wären. Nach einer kleinen Abreibung von Ani war er dann aber wieder ganz still und wurde schlussendlich wieder ins Loch gebracht, wo Johann sich persönlich vergewisserte, dass er sich nicht wieder befreien konnte. Und dazu brauchte Johann kein Paddel.

Der Kapitän versprach Ani eine angemessene Belohnung und als seine Anwesenheit an Deck nicht mehr gebraucht wurde, ging er unter Deck, um nach den Rechten zu sehen.

Svent wurde zunächst in die Messe gebracht, wo Magnus und Jaren mit Mariebelle lauthals diskutierten, was nun zu tun sei, während Svent betäubt auf dem Tisch lag. Der Kapitän brach in die Unterhaltung, weil er es gewohnt war Befehle zu geben. ‘Tut was nötig ist, aber tut es rasch. Ich will nicht mit ansehen, wie er am Fieber verreckt, dass hat er nicht verdient.’

Jaren nickte und meinte zu Mariebelle: ‘Ich krieg das hin!’

‘Ich weiß was zu tun ist, Jaren macht es und wenn Ihr assistieren würdet, Lady van der Houthen.’ meinte Magnus zu Mariebelle.

‘Natürlich, Herr Magnus!’ rief Mariebelle ganz aufgeregt.

Der Kapitän konnte den Anblick des bewusstlosen und ziemlich blassen Svent kaum ertragen, konnte aber auch nicht einfach so wieder gehen. Also ging er auf den Tisch zu und zupfte die Decke zu seinen Füßen zurecht. Svent fühlte sich irgendwie kalt an, doch seine Brust hob und senkte sich in regelmäßigen Abständen.

‘In Ordnung ich hol noch ein paar Sachen, Jaren wir brauchen abgekochtes Wasser und viel Alkohol und Tücher, jede Menge Tücher. Mariebelle bleibt Ihr hier.’ rief Magnus ganz aufgeregt und verließ mit Jaren die Messe. Obi hatte seine Ohren scheinbar überall und brachte saubere Tücher und murmelte: ‘Das Wasser kocht schon!’

Der Kapitän hatte sich mittlerweile bis zum Kopf des schlafenden Riesen vorgearbeitet, immer die vermeintliche Sorge über die Decke im Sinn, damit seine Hände etwas zu tun hatten.

‘Wir haben ihm ein bisschen Opium gegeben, damit er ruhig ist, aber er kann Euch hören, wenn Ihr mit ihm redet.’ meinte Mariebelle, die gerade von Obi eine Schürze gereicht bekam.

Der Kapitän setzte sich auf die Bank und griff nach Svents Arm, der leblos von der Bank hing. Er hob ihn auf und legte ihn auf den Tisch.

Während er weiter seine starke Pranke festhielt, flüsterte er ihm ins Ohr: ‘Keine Sorgen, Jaren und Mariebelle kümmern sich um dich, du bekommst eine hübsche Narbe auf den Hals und morgen können wir dann vergleichen, wer die größte Fischgräte hat.’

Svent öffnete nur ein Auge und schüttelte unmerklich den Kopf. Dann versuchte er etwas zu sagen, dabei kam ein Schwall Blut aus seinem Mund. ‘Ich verrecke schon nicht, Eik!’

Mariebelle schob den Kapitän auf die Seite, um Svent den Mund abzuwischen. ‘Du sollst doch nicht reden!’

Das Schiff bewegte sich und Mariebelle blieb fast das Herz stehen.

‘Keine Sorge, das ist die Flut. Ihr könnt Svent danach in meine Kajüte bringen!’ Der Kapitän blickte Svent noch einmal an und ging dann wieder an Deck.

Fortsetzung folgt…Die Blue Moon nimmt wieder Fahrt auf…

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