1799 – Baumwolle für Tobago – Teil 18

1799 – Baumwolle für Tobago – Teil 18

Johann und der Kapitän kümmerten sich weiter um die Blue Moon. Da die Flut gerade wieder eine Handbreit Wasser unter den Kiel gespült hatte, ging jetzt wieder das geschäftige Treiben an Bord los. Die Blue Moon wurde wieder gerade gestellt und die Balken wurden nach und nach aus dem Schlick gezogen und wieder sicher verstaut. Noah war wieder halbwegs nüchtern, konnte aber die fehlende Arbeitskraft von Svent nicht ersetzen.

Die Frauen und Kinder wurden wieder in den vorderen Laderaum gebracht und harrten dort der Dinge.

Nachdem sie den Splint aus Svents Hals entfernt hatten, versuchte Jaren alles wieder zu zunähen. Das war bei den ruckartigen Bewegungen der Blue Moon gar nicht mal so einfach gewesen. Svent hatte riesiges Glück, hatte aber dennoch viel Blut verloren. Umo und Ani halfen dabei Svent in die Kajüte des Kapitäns zu bringen, damit er sich ausruhen konnte.

Wind kam auf, es fing an zu regnen. Der Anker wurde gelichtet und die Mannschaft zog mit Hilfe der Beiboote die Blue Moon ins tiefere Wasser hinaus. Schlussendlich wurden die Segel gesetzt. Zum Glück stand der Wind günstig und die Blue Moon segelte mit dem Wind langsam hinaus aufs offene Gewässer der Baie de Bourgneuf.

Einerseits waren alle froh, dass die Blue Moon trotz aller Widrigkeiten wieder mehr als eine Handbreit Wasser unterm Kiel hatte und sie nun die Reise nach Madeira wieder aufnehmen konnten. Doch war die Laune der Besatzung ein wenig angeschlagen. Sie hatten in der wenigen Zeit in der Svent nun an Bord war ihn vollends in die Mannschaft integriert und waren von dem Angriff auf ihn ziemlich bestürzt. Der Kapitän hatte selten seine Männer beten gehört, aber in dieser Nacht taten sie es. War er doch einer von ihnen geworden. Und unter Deck sangen die Damen ein Lied ihrer Heimat.

Der Kapitän war umtriebig und schlecht gelaunt. Er ging unter Deck und schlenderte zu den hinteren Laderäumen. Ohne das jemand es bemerkte, öffnete er die Tür zum Verschlag des  Lieutenants.

Zwischen zwei Kisten saß er auf einem Stuhl, seine Kleider hingen nur noch in Fetzen von ihm herunter. Er war schmutzig und nass. Der Stuhl war zwischen den beiden Kisten angebunden, genauso wie er auf dem Stuhl festgebunden war. Auf dem Boden klebte Blut. Das Licht einer schwankenden Lampe erhellte die Szenerie nur alle paar Momente. Der Kapitän stand im Halbschatten. Seine Ärmel waren lieblos hoch gekrempelt und von seiner Perücke fehlte jede Spur.

‘Ihr seid der Teufel, es werden alle Sterben auf diesem Todesschiff!’ rief der Lieutenant.

‘Ich glaube, der Einzige der in nächster Zeit sterben wird, seid Ihr!’ grinste der Kapitän seinem Gefangenen an.

‘Elender Sodomit!’

‘Der Sodomit in mir ist nur das kleinere Übel, weil der Sadist in mir, wird Euch eines Tages zu Tode quälen. Ihr könnt nur hoffen, dass Svent Euren Angriff überlebt, dann wird es ziemlich schnell gehen. Wenn nicht, werde ich Eure Eier abschneiden und sie Euren Männern zu fressen geben.’

‘Bastard!’ spie der Lieutenant dem Kapitän vor die Füße.

‘Ja, dass sagte meine Mutter auch, bevor sie mich ins Hafenbecken geworfen hatte, um mich loszuwerden. Nur dass die See mich auch nicht wollte, als sie mich wieder ausspie, wusste sie nicht, was sie damit entfesseln würde.’

‘Ja Ihr seid lästig wie eine Seemöwe!’

‘Irgendwie sind wir vom eigentlichen Thema abgekommen. Was erwartet uns, wenn wir auf Tobago ankommen?’

‘Ihr seid bereits ein toter Mann, Kapitän.’ stieß der Lieutenant hervor.

‘Entscheidet Euch mal, ich kann nicht Teufel, Sodomit und ein toter Mann gleichzeitig sein.’

‘Ihr seid ein toter Mann, wenn Ihr nur einen Fuß auf Tobago setzt, mit meinen Sklaven an Bord.’

‘Auf meinem Schiff sind es keine Sklaven. Also macht Euch keine Sorgen, Eure Sklaven werden vom Teufel höchstpersönlich befreit.’

‘Ihr könnt mit Ihnen nirgendwo hin!’

‘Ihr glaubt wirklich, dass ihr der Nabel der Welt seid, oder? Der Teufel hat viele Freunde, glaubt mir.’

Der Lieutenant drehte seinen Kopf auf die Seite und blickte zu der schwankenden Lampe hinüber.

‘Ihr wollt nicht mehr mit mir reden. Hm. Ihr wisst was jetzt kommt.’ säuselte der Kapitän dem Lieutenant ins Ohr. Der Kapitän nahm ein Tau, das am Ende in einen kunstvollen Knoten überging. Er holte aus und schlug damit unter die Sitzfläche des Stuhles. Der Lieutenant krümmte sich und schrie markerschütternd auf.

Der Kapitän kam seinem Gefangenen ungewöhnlich nahe, als würde er den Schmerz genießen, den er ihm gerade bereitet hatte. Fast zärtlich hob der den Kopf des Lieutenants an und blickte in sein verschrammtes Gesicht.

‘Bleibt, genau so!’ grinste er seinem Gefangenen an, wie ein Maler seine Model anblicken würde. Dann schlug der Kapitän dem Lieutenant mit dem Tau noch mehrmals so hart ins Gesicht, bis dieser bewusstlos nach vorne kippte.

Als der Kapitän sich zur Tür gedreht hatte, nahm er seine Perücke vom Türknauf und als er den Raum verließ, konnte man die Sitzfläche des Stuhles sehen, wie sie neben der Tür lehnte, als würde sie da hingehören.

Fortsetzung folgt… Der Zauber steckt im Augenblick und die Kunst ist den Augenblick einzufangen.

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