1799 – Baumwolle für Tobago – Teil 20

1799 – Baumwolle für Tobago – Teil 20

Der Wind hatte ein Einsehen mit dem Verletzen und schubste die kleine Nussschale förmlich vor die Küste Galiciens. Doch erst als der Kapitän die ersten Sonnenstrahlen über den drei Weißen aufblitzen sah, hatte er ein Einsehen mit seiner Nachtschicht und steuerte die Blue Moon weiter von der Küste in ruhigere Gewässer, so dass beim Schichtwechsel alle etwas zur Ruhe kommen konnten. Die Morgensonne weckte auch Johann, der missmutig seinen Dienst antrat. Er fand den Kapitän am Ruder, wie er sehnsüchtig zu den drei Felsen zurück blickte. Mit einem mürrischen ‘Morgen Kapitän!’ übernahm er das Ruder.

‘Morgen Johann. Ich hab das alte Mädchen arg geschunden heute Nacht. Weck mich, wenn wir das Ende der Welt passieren.’

‘Wenn das alte Mädchen so weiter macht, werden wir heute Nacht das Licht von Santa Marta bewundern können, Kapitän!’

‘Die Herrin der Winde ist uns wohl gesonnen!’ säuselte der Kapitän, bevor er unter Deck ging.

Er schlich sich lautlos in seine Kajüte, doch Obi hatte ihn gehört und folgte ihm mit Kaffee, Tee, Brühe und Frühstück. Betty saß schläfrig am Bett und blickte sie erschrocken an, als ihr die Anwesenheit des Kapitäns und des Geruches von Speck, Eiern und Kaffee gewahr wurde. Der Boden vor dem Bett war feucht, neben dem Bett stand die Waschschüssel, die halbvoll war und eine ominöse Flasche, mit einer großen Öffnung.

‘Fräulein Betty, Ihr könnt zu Bett gehen, ich übernehme ein paar Stunden, bis Jaren oder Magnus wach sind.’ flüsterte er Betty zu und griff ihr dabei sanft an die Schulter. Sie legte den Kopf auf seine Hand und gähnte. ‘In Ordnung Kapitän!’

‘Muss ich noch was wissen?’ wollte der Kapitän wissen.

‘Immer wenn er wach wird, was alle paar Momente ist, Wasser in den Mund löffeln oder kalten Tee. Nichts Warmes.’ erklärte Betty kurz.

‘Oder kalte Suppe ohne Bröckchen!’ flüsterte Obi und servierte dabei dem Kapitän seinen Kaffee.

‘Aber jetzt soll er schlafen, die Nacht war anstrengend genug.’ meinte sie dann ziemlich herrisch.

Der Kapitän nickte und legte den Finger vor den Mund.

‘Er soll sich nicht anstrengen, nicht reden, nicht aufstehen, auch nicht zum Pinkeln.’ meinte sie streng und zeigte auf die ominöse Flasche, die neben dem Bett stand.

‘Aber auf die Seite drehen kann ich ihn?’ frug der Kapitän.

‘Ja, solange der Hals nicht bewegt wird!’

‘Feuchte Lappen für die Stirn sind in der Waschschüssel und wenn das Fieber steigt, müsst Ihr ihm Wadenwickel machen! Kriegt Ihr das hin?’ meinte sie wieder recht herrisch und blickte dann Obi an.

‘Jawohl, Fräulein Betty!’ salutierte der Kapitän und Obi nickte auch dienstbeflissen.

Der Kapitän setzte sich mit seinem Stuhl vor das Bett und trank seinen Kaffee. Obi wrang einen frischen kalten Lappen aus.

‘Obi, ich schaff das schon!’ flüsterte der Kapitän und nahm ihm den Lappen ab, um ihn im nächsten Moment behutsam auf der Stirn von Svent abzulegen.  

‘Auch der Kapitän muss ein wenig schlafen!’ wisperte Obi, legte dem Kapitän eine Decke über die Stuhllehne und verschwand dann rückwärts aus der Kajüte.

Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis sich Svent das erste Mal regte. Der Kapitän schrak hoch und blickte in ein geöffnetes Auge, das Svent nur mit Mühe offen halten konnte. Das darauffolgende Röcheln ging den Kapitän durch Mark und Bein.

Der Kapitän wechselte sofort auf die Bettkante und ergriff die zitternde Hand, die Svent ihm entgegen streckte. Svent versuchte etwas zu sagen, es kam aber nur ein kehliges Röcheln aus seinem Mund.

Dem Kapitän stolperten beruhigende Laute aus dem Mund und murmelte dann: ‘Du sollst dich nicht anstrengen.’

Svent versuchte erneut etwas zu sagen, worauf der Kapitän sofort erwiderte: ‘Und reden sollst du auch nicht!’

Dann blickten sich beide ratlos an, bis der Kapitän wieder anfing zu plappern: ‘Also von Zwinkern hat sie nichts gesagt. Also, einmal zwinkern heißt ja und zweimal zwinkern heißt nein!’

Svent zwinkerte dreimal, worauf der Kapitän ziemlich verwirrt drein schaute.

‘Dreimal zwinkern heißt: Ich muss Pissen…!’ flüsterte Svent, trotz des Redeverbotes und bereute es gleich, weil ihm die Luft wegblieb und der Versuch zu Husten ihn fast wieder in die Bewusstlosigkeit trieb.

Der Kapitän schaffte es irgendwie ihn zu beruhigen, ihm kalten Tee einzuflößen und schlussendlich wurde die besagte Flasche mit der großen Öffnung ordnungsgemäß befüllt.

Als er den Inhalt dann schlussendlich aus dem Fenster kippte, klopfte es zaghaft an der Tür.

Auf sein mürrisches ‘Herein!’, kam Jaren mit dem Fräulein Mariebelle im Schlepptau herein.

‘Wie geht es dem Patienten?’ trällerte Mariebelle in ihrem üblichen Ton.

‘Melde, beim Wasserlassen eine ganze Flasche voll gemacht, der Patient hält sich nicht an die Zwinkerregel und zieht es vor doch reden zu wollen.’ meldete der Kapitän.

‘War Blut im Urin?’ fragte Jaren, der sich umgehend an die Bettkante setzte, um mit dem Handrücken Svents Wangen zu befühlen.

Der Kapitän hingegen blickte auf die leere Flasche in seiner Hand und meinte dann kleinlaut: ‘Nicht mehr, als nach einer mittelmäßigen Sauferei!’

Von oben konnte man laut: ‘Das Ende der Welt in Sicht!’ hören.

‘Das ist mein Stichwort.’ rief der Kapitän, er schnappte sich den Teller mit seinem mittlerweile kalten Frühstück und verschwand in Windeseile aus seiner Kajüte.

Mariebelle blickte ihm kopfschüttelnd hinterher.

 

Fortsetzung folgt… Alle Segel hart am Wind bis ans Ende der Welt

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