Eine wunderschöne Blumenwiese im Schneesturm… Teil 2

Eine wunderschöne Blumenwiese im Schneesturm… Teil 2

Der enorme Körper meines Begleiters drehte sich zu mir hinunter und der verschobener Blick eines entstellten Gesichtes blickte mich allwissend an. Zwei ungleiche türkis-lila Augen blitzten mich überirdisch an. Eines seiner Augen war riesig, es kam mir so vor, als wäre das Auge aus einem dieser Geschwüre entstanden. Das Gesicht war für den riesigen Körper viel zu schmal und endete in sieben zuckenden Tentakeln. Dieses groteske Auge hatte meinen Blick so gefesselt, dass mir diese Tentakeln gar nicht aufgefallen waren.

Mein Verstand wagte nicht zu ergründen, ob das Wesen nun neben mir stand, saß oder schwebte, oder ob die Dimensionen für ihn keine Bedeutung zu haben schien.

Ich konnte noch nicht mal mit aller Sicherheit sagen, ob er wirklich ein Er war.

Er musste ein Er sein, weil die mächtige, tiefe Stimme in mir Dinge wachgerufen hatte, die ich in dieser Situation nicht erwartet hätte. Die Vorstellung, dass die sieben Tentakeln nicht alles gewesen sind, was sich an seinem Körper herab schlängelte, ließ meinen eh schon verlorenen Verstand nicht mehr zurückkehren.

Die Vorstellung eines siebenschwänzigen Überwesens ließ mich nur kaum größenwahnsinnig werden und die Frage, warum er sich gerade mich heraus gesucht hatte, werde ich wohl nie erfahren.

Dieser mächtige Körper schien mir nur das schwache Gefäß für etwas noch Gewaltigeres zu sein. Das Gewaltige, was unter seiner Haut waberte, hatte den Anschein mich jeden Moment verschlingen zu wollen. Dieses Wesen war so gewaltig, dass es keine Macht der Welt in einen menschlichen Körper pressen hätte können. Und der Versuch sah nicht nur äußerst strafbar aus, die Folgen würde ich wohl am eigenen Körper erfahren, wenn sich das Ding aus seinem Gefäß ergießen sollte.

cthulhu_800

Ich werd einen Scheißdreck die einzige Überlebende sein. Jetzt wäre der richtige Zeitpunkt um ein Stoßgebet an das Universum zu senden. Aber an welches Universum? Dieses Wasauchimmer war definitiv nicht von dieser Welt oder von diesem Universum. Ich habe keine Ahnung welchen überdimensionalen Traum ich da gerade träumte oder in welches Raumzeitkontinuum ich beim Träumen gerutscht war. Aber hier war ja wohl mehr als nur die Ordnung gestört und durcheinander geraten.

Und der riesige lebende Behälter wartete anscheinend nun reglos auf das Bersten seiner Selbst. Die Geschwüre blähten sich immer mehr auf, die Hand ließ mich und den roten Stuhl los. Der Stuhl blieb auf den zwei vorderen Beinen stehen und ich versuchte mich erst nicht zu bewegen, oder gar zu atmen.

Im Augenwinkel konnte ich Tentakelenden erkennen, die aus den Geschwüren geschossen kamen. Ich werde allein von der Druckwelle des Raumes, den der noch gewaltigere Körper einnehmen wird, mit samt dem Stuhl umstürzen und von der Klippe in die stürmische See gefegt werden. Ich versuchte mich so vorsichtig wie möglich nach hinten zu lehnen und hoffte, dass der Stuhl mit mir nach hinten fallen würde.

Hätte ich doch nur nicht an die Möglichkeit eines siebenschwänzigen Überwesen gedacht, dann würde ich wahrscheinlich immer noch in meinem Bett liegen und mich in meine Schafsfelle kuscheln und von wunderschönen Blumenwiesen träumen.

Der Boden unter mir erbebte und der Stuhl begann mit mir zusammen nach vorne zustürzen. Ich warf mich mit einem Ruck nach hinten und der Stuhl fiel zum Glück mit mir in den Schnee. Eiskristalle klirrten unter mir und die zerborstenen Splitter durchbohrten meine Haut. Der gefrorene Schnee kam unter mir ins Rutschen und ich schlitterte mit dem Stuhl zusammen den scheinbar ungefährlicheren Teil der Klippe hinunter.

Ich sah die Hülle des Überwesens unter der eigenen Macht zerbrechen und das Gewaltige was nun das Licht der Welt erblickte, ließ meine Gedanken wieder ins Chaos stürzen. Der Gedankenschinder war klein und niedlich gegenüber von dem was sich nun über die Klippe ins Meer ergoss.

Eine riesige Welle schwappte über die Klippe und gefror sogleich. Was für ein Glück, sonst wäre ich mitten in einem Schneesturm ertrunken und erfroren zugleich.

Meine Rutschpartie endete auf einer Erhöhung. Ich blickte über meinen Kopf hinweg, auf ein verschneites Dörfchen. Es war alles auf dem Kopf. Ich blickte nach oben und dann über die Sitzfläche hinweg zur Klippe.

Eine Welle nach der anderen schwappte auf die Klippe und gefror im nächsten Moment. Hinter den Eiswellen konnte ich unzählige Tentakeln erkennen. Das Eis splitterte und explodierte in tausend Stücke. Der Stuhl unter mir gab nach und der Boden brach unter mir zusammen. Das musste das Ende sein. Ich stürzte mit Unmengen Schnee und Eis in die Tiefe.

Ich erwachte durch laute Rufe, Hundegebell und Motorenlärm. Er hatte doch recht behalten, es war nicht das Ende, es musste der Anfang sein. Ich machte die Augen auf. Meine Augen waren verschleiert und ich konnte nur Schemen sehen.

Ein großer heller Fleck und Lichtblitze. In meinem Kopf rumorte immer noch das Chaos. Irgendwelche Hände fassten mich an und hoben mich hoch. Die Berührungen waren nichts im Vergleich mit der Berührung meines Gedankenschinders. Langsam konnte ich meinen Körper wieder spüren. Ich hatte das Gefühl zu schweben. Jetzt war alles wieder hell. Stimmen kamen langsam durch das Chaos. ‚Sie lebt. Alle anderen sind erfroren!‘

Mir schwanden wieder die Sinne. ‚Hey Lady! Nicht Schlafen, Sie müssen jetzt wach bleiben!‘ Eine starke Hand hielt mich an der Schulter fest und eine andere Hand tätschelte mein Gesicht. Die Erinnerung an diesen Schultergriff ließen mir wieder die Sinne schwinden und nur der nächste Schlag ins Gesicht holte mich ins Diesseits zurück.

‚Ich sagte, nicht einschlafen!‘ rief die Stimme streng. Ich gehorchte und blieb wach. Der Klang der Stimme kam mir irgendwie bekannt vor. Ich öffnete die Augen. Ein grelles Licht blendete mir ins Auge und der Reflex versuchte meine Augen wieder zu schließen, wurde dann aber auf einer Seite von zwei Fingern unterbrochen. ‚Das sieht doch ganz gut aus!‘

Langsam setzte sich ein Bild in meinem Kopf zusammen. Ich lag in einem Rettungswagen. Der Sanitäter hatte einen blauen Overall an. Er drehte mir gerade den Rücken zu. Da stand Feuerwehr. Hm.

Ich hörte eine Meldung durch das Radio im Fahrerraum. ‚…Schneesturm… Halbinsel eingeschneit… Dächer eingestürzt… Todeslawine… 49 Tote und nur eine Überlebende, die noch in Lebensgefahr schwebt und zu dieser Zeit in das nächst gelegene Krankenhaus gebracht wird!‘

Der Sanitäter drehte sich zu mir um und lächelte mich an. ‚Ich glaub, die reden da von Ihnen! Aber keine Sorge Sie schweben mir nirgendwo mehr hin!‘

Er packte mich wieder bei der Schulter und schaute mich allwissend an. Seine Augen funkelnden türkis und lila und traten dabei leicht aus den Augenhöhlen. An seiner Hand konnte ich eine grüne Ader sehen, die langsam an schwoll und irgendwo unter seinem Overall verschwand…

Ich schreckte schreiend, völlig verschwitzt und schwer atmend hoch. Mein Körper fühlte sich so an, als hätte ich einen Marathongepäckmarsch hinter mir. Meine Hände waren in mein Schafsfell vergraben und die Finger waren völlig verkrampft und taten weh. Den leeren Blick gegen die weiße Wand gerichtet, verharrte ich. Langsam kam mein Verstand wieder zu mir zurück.

Himmel, was war das für ein abartiger Traum. Der Fernseher flackerte und es liefen die Nachrichten. ‚Schneechaos in ganz Deutschland… Schneesturm… Halbinsel eingeschneit… Dächer eingestürzt… 49 Tote und nur eine Überlebende, die…!‘

Meine Finger lösten sich langsam aus dem Fell. Meine Nägel hatten tiefe Wunden in meine Handfläche getrieben. In einer Hand hielt ich eine zerquetschte Blume. Ich schlug die Decke zurück und meine Zehen waren voll Erde, Moos und Gras. Dann hörte ich die Worte, klar und deutlich in meinem Kopf. ‚Es ist nicht tot, was ewig liegt, bis dass die Zeit den Tod besiegt.‚ Seine Stimme werde ich mein Leben lang nie vergessen.

Fortsetzung folgt…

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Published in: on 18. Januar 2019 at 20:30  Schreibe einen Kommentar  
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