Mein erster Schultag – Folge 9 Katholische Sitzordnung

Mein erster Schultag – Folge 9 Katholische Sitzordnung

‘Jungs ihr habt es gehört, die katholische Sitzordnung wurde angesagt. Rutscht mal zusammen. Zecke kann die freien Tische gleich mal wischen und ich hoffe ihr benehmt euch, sonst wird’s nichts mit dem Schwimmbad oder sonst was.’ warnte ich die Jungs und war schon gespannt, was nun passieren würde.

Die Mädels kamen teilweise wie scheue Rehe ins Zimmer geströmt und die Jungs machten mürrisch Platz. Heino blickte wie gebannt auf die Tür, als das Mädchen von vorhin den Raum betrat. Sie ging ganz nach vorne und ging um den Tisch herum, an dem Kevin gerade seine Sachen zusammen packte, doch er trödelte ziemlich und im Nu waren alle Plätze belegt. Alle Plätze außer der neben Heino, was mich dazu veranlasste, die katholische Sitzordnung empfindlich zu stören.

‘Junge Dame, es tut mir leid. Ihr beide habt den Kürzeren gezogen und zerstört damit die gewünschte katholische Sitzordnung. Aber Kevin hier wird sich benehmen, hab ich Recht!’

Kevin nickte übertrieben aufrichtig, die Kleine nickte kaum merklich und setzte sich neben Kevin. Zecke wischte nur die eine Hälfte des Tisches, warf den Schwamm dann lässig ins Waschbecken und schlenderte durch den Raum, um sich neben Heino zu setzen. Sie blickten sich eine Weile grimmig an, bis Zecke plötzlich zu grinsen begann und Heino dann einfach die Hand hinhielt.

Ich trommelte auf den Tisch und rief: ‘Hier wird gerade ein Kriegsbeil begraben! Sehr schön!’

Heino erstaunte mich wirklich, denn er griff nach Zeckes Hand und schüttelte sie lässig. Dabei funkelte er mich an, verzog sein Gesicht zu einem gequälten Lächeln, um dann wieder seine übliche Haltung einzunehmen. Arme verschränkt und den Blick aus dem Fenster.

‘Gut, Ladies. Herzlich willkommen in der 10b. Wir sind mit der Kennenlernrunde noch nicht ganz fertig und ich frage mich, ob wir nicht langsam alberne Namensschilder basteln sollten.’ fing ich wieder an und nachdem alle Schüler vehement mit ihren Köpfen schüttelten, ließen wir es einfach sein.

Eine Papierkugel hätte mich beinahe am Kopf getroffen, doch ich wehrte sie ab und die Kugel fiel auf den Tisch von Henning und Fritz. Ich ging zu seinem Tisch und nahm die Papierkugel, wickelte sie auf, blickte auf das Papier. Gelächter erscholl und ich drehte das Blatt um. Darauf stand: ‘Homo!’

‘Sehr geistreich, Zecke! Das ist doch deine Schrift, oder?’ meinte ich cooler, als mir zumute war. Ich schluckte aber meinen Ärger hinunter und nahm die Herausforderung dankend an: ‘Katsching, Katsching. Der Witz geht auf die Kosten deines Gefallenkontos. Ich sehe dich schon die Fliesen im Schwimmbad mit einem ganz kleinen Schwamm putzen.’

‘Fürs Protokoll, wenn: ‘Dein Vater ist ein Nazi!’ keine Beleidigung ist. Verdammt, okay ist, homo aber nicht, bin ich zurecht verwirrt.’ versuchte sich Zecke herauszureden.

‘Michael, nenn mich doch bitte einfach Herr Kowalski und stell dich bitte kurz vor.’

Zecke stellte sich hin und griff wieder an seine Hose.

‘Und die Hose bitte anlassen, Michael!’ rief ich fast schon ein bisschen gelangweilt.

Er setzte sich wieder, verschränkte die Arme und blickte auf die Tür.

‘Danke, Zecke! Kann ich dann reden und versuchen eine Unterrichtsstunde zu halten?’ wollte ich abschließend wissen, worauf sich Zecke nicht mehr regte.

‘Also Ladies. Ich bin Herr Kowalski und tatsächlich sind wir gerade mitten in der Vorstellrunde bei einer Fluchkasse hängen geblieben. Und nachdem ich hier neu bin, müsst ihr mir das mit dem Schwimmbad schon erklären.’ fing ich wieder an und zeigte auf den Jungen, der mit dem Schwimmbad angefangen hatte. ‘Stell dich kurz vor und erzähl uns, warum dir das Schwimmbad so am Herzen liegt.’

‘Hallo, ich heiße auch Michael und ich finde gut, wenn Zecke weiterhin Zecke heißt, weil dann ist es weniger verwirrend für mich.’ fing er an und blickte zu Zecke hinüber, der beide Daumen hochhob. Michael krempelte sein Hosenbein hoch und fuhr fort. ‘Ich hab gedopt, habs übertrieben, wurde erwischt, bin von der Schule geflogen. War auf Entzug, bin jetzt clean und dabei ging es doch immer nur ums Schwimmen. Nicht immer nur ums gewinnen, das hab ich wohl aus den Augen verloren.’

Ein Mädchen räusperte sich. ‘Tschuldigung, wenn ich einhaken darf. Ich bin die Maria, ich hab nix ausgefressen. Meine Eltern haben mich hierher geschickt, weil es hier angeblich ein Schwimmbad gibt. Doch es ist außer Betrieb. Das ist doch Beschiss.’

Michael nickte und meinte: ‘Genau. Es wäre alles viel besser, wenn wir schwimmen könnten.’

‘Dem muss ich beipflichten. Schwimmen ist grad der einzige Sport, den ich machen kann, ohne mein Bein zu sehr zu belasten.’ erwiderte ich und zeigte gleich auf den nächsten Jungen, der sich meldete.

‘Hallo, ich bin Jonas. Der Hausmeister sagt, die Umwälzpumpe ist kaputt und er wartet auf Ersatzteile.’

‘Danke Jonas, ich gehe dem nach und berichte nächste Woche, wo es gerade hängt und was wir da tun können.’ schlug ich vor, knüllte das Papier zusammen und legte es auf den Tisch von Kevin und dem Mädchen, bevor ich fortfuhr. ‘Machen wir mit der Vorstellrunde weiter und erzählt mir ruhig ein Bisschen mehr über euch.’

‘Ich bin Kevin, hab ne Fußfessel wegen Ritalin dealen und komme nicht immer mit fremden Menschen zurecht, also bitte nicht böse sein, wenn ich euch nicht in die Augen sehe, wenn ihr mich ansprecht.’ meinte Kevin und schob die Kugel an das Mädchen weiter.

Sie nahm die Kugel in die Hand und blickte sie seltsam an, bevor sie zu sprechen begann: ‘Ich bin Nancy. Meine Vater war ein Trinker. Ich hab ihn daran gehindert meine Mutter totzuprügeln. Hab Bewährung bekommen, bin aber trotzdem hier gelandet, weil meine Mom immer noch im Koma liegt. Ach und ich kann nicht schwimmen, aber ich würde es gerne lernen.’

Wow. Jetzt war ich schockiert. Herr Fußfessel und Frau Vatermörderin, ein toller Titel für einen Roman. Ich schweifte wohl geistig einen Moment ab…

Fortsetzung folgt…

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