Ein Knopf kommt selten allein… Teil 52

Ein Knopf kommt selten allein… Teil 52

Emma widmete sich wieder Tommi und redete weiter auf ihn ein. ‘Fräulein Hermine besucht gerade ihren Vater. Und eigentlich hatte Frau Weiß-Müller ein paar gute Neuigkeiten für sie gehabt!’

Tommi blickte auf den Tropf, der nun wieder stetig durchlief. Emma setzte sich an die Bettkante und überprüfte den Blutdruck.

‘Herr Weiß, ich hab Ihnen doch gesagt, dass sie sich keine Sorgen machen müssen.’ meinte der Anwalt. Tommi blickte den Anwalt an und beruhigte sich augenblicklich. Der Anwalt setzte sich auf den Besucherstuhl und fuhr fort: ‘Also die Beziehungen unseres Heimatvereines haben uns gleich heute morgen einen Termin beim Richter beschert. Der

Richter war dann auch erstaunlich gut informiert über die Vorfälle der letzten paar Tage. Der Verwaltungsakt wurde erst als nicht rechtskräftig erklärt, da Sie zu dem Zeitpunkt der Verlesung nicht voll zurechnungsfähig waren und kein gesetzlicher Vertreter anwesend war. Dann wurde er als unzulässig erklärt auf Grund der Umstände der letzten Tage. Nach einer Aussage einer Zeugin aus dem Jugendamt wurde nachgewiesen, dass die eher zweifelhafte Mitarbeiterin vom Jugendamt nehmst einer Komplizin von unserer Bank sich persönlich bereichern wollten. Die beiden wurden festgenommen und leisten jetzt diesem Eif vom Schleif in der U-Haft Gesellschaft.’

Der Anwalt grinste Tommi an, der ihm gebannt zuhörte und fuhr dann fort: ‘Ich würde die Beiden privatrechtlich auch noch auf Schmerzensgeld verklagen, was ich Frl. Immerlinger bei dem Eif von Schleif auch empfehlen würde.’ Tommi nickte und der Anwalt fuhr fort.

‘Das Sorgerecht, nehmst des Aufenthaltsbestimmungsrechtes liegt also unumstritten bei Ihrer Schwester. Der Richter wollte dann nur noch sichergehen, dass sowas nicht wieder passieren kann und empfahl geordnete Verhältnisse.’

‘Und was meint der Richter damit?’ wollte Tommi wissen.

‘Das es besser wäre, wenn deine Schwester verheiratet wäre und wenn der Ehemann Sie dann adoptieren würde.’

‘Aha!’ meinte Tommi schnippisch. Er konnte bereits ahnen was nun kam.

‘Nun haben Sie mich gebeten, dass Herr Kimmelmann keinen Blödsinn mit Ihrer Schwester anstellen soll und ich muss nun zugeben, dass ich Folgendes nicht habe kommen sehen. Asche auf mein Haupt. Und glaube Sie mir, ich hätte mich gerne angeboten, aber die Uneigennützigkeit meinerseits hätte ich nicht versprechen können.’

‚Heißt das jetzt, dass Sie auch scharf auf meine Schwester sind?’

‘Nein, ich hätte den gesellschaftlichen Nebeneffekt in Kauf genommen, damit mir meine Familie nicht ständig potentielle Ehefrauen ins Haus schleppt.’ erklärte der Anwalt und grinste geheimnistuerisch.

‘Also der Kimmelmann.’ keuchte Tommi und blickte Emma an.

Der Anwalt zog die Luft zwischen seinen Zähnen hindurch und nickte langsam.

‘Und warum erzählen Sie mir das jetzt!’ rief Tommi nun ziemlich gereizt.

Der Anwalt klappte ein Notizbuch auf, dass er soeben aus seinem Jacket gezaubert hatte und fuhr wieder fort: ‘Also der Herr Kimmelmann erklärte sich bereit, Ihre Schwester zu heiraten, das Geld ist ihm egal. Er hat nur drei Anmerkungen. Er will gescheites Internet im Schloss, ein eigenes Zimmer im Schloss für seinen Fernseher etc. und er möchte seinen Namen ändern. Ihre Schwester würde sich bereit erklären Herrn Kimmelmann zu heiraten, sie hatte aber zuvor schon die Namensänderung nach der Scheidung beantragt und außerdem würde Ihre Schwester nie ohne Ihr Einverständnis heiraten.’

Tommi schluckte schwer.

‘Zusätzlich zu dem Namensdilemma, hat Herr von Waldbuch aber verfügt, dass der Nachname Ihrer Schwester und Ihr Nachname rechtmäßig auf ‘von Waldbuch’ geändert wird inklusive aller Titel.’

‘Das mit der Adoption finde ich schräg.’ meinte Tommi, blickte aber auf Schwester Emma. Sie überprüfte nochmal den Blutdruck.

‘Das ist reine Formalität. Außerdem kann es sein, dass das ganze vor Gericht so lange dauert, bis sie volljährig sind. Dann hätte es sich eh erledigt.’

‘Ich hab Ihnen doch gesagt, mir ist alles Recht, ich will nur nicht ins Heim.’ meinte Tommi abschließend. Der Anwalt nickte und machte Anstalten zu gehen.

Emma machte die Blutdruckmanschette ab und meinte dann: ‘Dann bring ich dich jetzt zum EKG!’

Fortsetzung folgt…

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Ein Knopf kommt selten allein… Teil 51

Ein Knopf kommt selten allein… Teil 51

Am nächsten Morgen wurde Tommi spät wach. Er öffnete die Augen und das Licht blendete so, dass er die Augen gleich wieder schloß. Beim zweiten Versuch konnte er die Augen ein wenig länger offen halten und war sehr verwundert, dass Hermine nicht an seiner Seite war, sondern seine Schwester auf einem Stuhl neben dem Bett saß. Sie umklammerte eine Packung Taschentücher, schien aber eingenickt zu sein. Von Hermine war weit und breit keine Spur.

 

Er griff nach ihrer Hand und Sonja schrak hoch. Beide blickten sich erschrocken in die Augen und diesmal war es Sonja, die seinem Blick nicht standhalten konnte. Tränen liefen ihr übers Gesicht und schon war ihr Gesicht in einem Taschentuch vergraben.

‘Sonni…ich kann dich nicht heulen sehen!’ krächzte Tommi.

‘Deshalb verstecke ich mich ja hinter dem Taschentuch.’ schluchzte Sonja.

‘Das ist nur wenig heilsam, Schwesterherz!’

Sie blickte von ihrem Taschentuch auf und bemerkte: ‘Dir gehts ja wieder ganz gut!’

‘Naja, nachdem du hier im Zimmer sitzt, gehe ich recht in der Annahme, dass der Termin heute morgen bei Gericht erfolgreich war.’

Sonja nickte und fing wieder an zu heulen.

‘Sonni bitte, muss ich jetzt den Anwalt anrufen, um zu erfahren, was ich zu erwarten hab, wenn ich hier entlassen werde.’

Sie räusperte sich und schnäuzte sich dann einen viel zu langen Moment die Nase, bevor sie anfing: ‘Tut mir leid, die letzten Tage waren für mich einfach zu viel.’

‘Dabei bist du ja eigentlich nicht gehandicapt!’

‘Du kannst manchmal echt ein Arsch sein!’

‘Ja und du lässt dir grad echt nicht mal was aus der Nase ziehen…!’ meinte Tommi und dann verzog er sein Gesicht zu einer verzerrten Grimasse. Sein Körper fing langsam an zu zittern. Noch bevor Sonja auf den Notknopf drücken konnte, stürmte Schwester Emma schon ins Zimmer.

Der kundige Blick auf den Tropf verriet ihr was nicht stimmte und beflügelte ihr Handeln. Der Tropf lief nicht gescheit durch. Sie entwirrte die den Schlauch, da schien alles in Ordnung zu sein. Dann tippte sie den Zugang nur mit ihren Fingern an und schob den Regler ganz auf. Ein Schaudern überzog Tommis Körper.

‘Herr Weiß, Ihre Schwester hat mir vorhin versprochen, dass es morgen zum Frühstück Pfannkuchen gibt.’ flüsterte Emma ihm zu.

Der Satz riss Tommi wieder in die Realität zurück, er blickte Schwester Emma fragend an und zischte ihr dann zu: ‘Fräulein Emma, wohnen Sie jetzt auch schon bei uns?’

‘Herr Weiß, wir sind eigentlich davon ausgegangen, dass wir jetzt wo dieser Bulle endlich abgezischt ist, Sie gemütlich zum EKG fahren können…!’ Tommi beäugte sie misstrauisch und wollte noch etwas sagen, doch dann sah er wie der Kimmelmann und der Anwalt den Kopf zur Tür herein streckten. Sonja schluchzte beinahe hysterisch.

‘Herr Kimmelmann bringen Sie bitte Frau Weiß-Müller an die frische Luft.’ rief Schwester Emma unwirsch. ‘Herr Dr. Riemenschneider können Sie mir mal kurz helfen?’

Der Anwalt bellte ein ‘Jawohl!’ in den Raum, wartete aber bis der Kimmelmann Sonja nach draußen gebracht hatte.

 

Fortsetzung folgt…

 

Ein Knopf kommt selten allein… Teil 50

Ein Knopf kommt selten allein… Teil 50

Tommi fing gleich wieder an weiterzulesen: ‘Mein Mann indes, drückte Hans die Schulter und meinte: ‘Hans geh und teile das Fleisch auf und gib jedem der Bediensteten einen Teil für die Familien ab, den Rest können wir den Hunden geben. Alma schick die Köchin, sie soll ein paar Hühner schlachten, ich hab ein paar hungrige Männer mitgebracht und ich denke wir sollten zumindest ein Bisschen feiern und es sind alle eingeladen. Keiner drückt sich, ich will alles wissen, was hier passiert ist, als ich fort war!’ Dann kniete er sich zu mir hinunter und grinste mich an. ‘Mein geliebtes Weib, auch wenn ich zwei gute Tage an deiner Seite verpasst habe, kam ich doch im rechten Moment wieder, um auf weitere gute Tage zu hoffen.’

Ich lächelte ihn an und in dem Moment als die Milchflasche leer war, stand das Fohlen von alleine auf und torkelte in Richtung meines geliebten Stallknechtes. Alma nahm mir die Flasche ab und mein Mann hielt mir die Hand hin, um mir aufzuhelfen.

‘Sagt mir doch, wo ist eigentlich dieser Knilch?’ meinte mein Ehegatte noch zur Alma, als er mich nach drinnen begleitete.

‘Herrin, wenn Ihr es dem Herren nicht erzählt, werde ich es tun!’ rief Alma völlig aufgebracht.

‘Eurer Haushofmeister hat sich gestern zuerst an Eurem teuren Messwein vergangen und dann an meinen Prachtrosen!’ berichtete ich meinem Ehemann.

‘Und wo ist dieser Schuft nun!’ wollte mein Ehegatte wissen.

‘Herr, er muss sich von der Abreibung mit dem Teppichklopfer erholen oder von seinem Rausch! Oder beidem!’ meinte Alma und schlich rückwärts davon.

Mein Ehegatte blieb neben mir stehen, begann einfach zu lachen und er sprach erst wieder mit mir, als sich einigermaßen beruhigt hatte. ‘Ich seh schon, meine Ehegattin schafft das auch ganz gut ohne mich! Und diese Alma, sie wird mir fehlen!’

‘Liebster, bitte schickt sie nicht fort, wenn ich nun wieder gesund zu sein scheine, ich hab meine Alma so lieb gewonnen, ich will sie keinen Tag mehr missen.’ rief ich hastig und ein wenig unbedacht.

‘Wer wäre ich denn, wenn ich das täte!’ meinte mein Ehemann und blieb mit mir in der großen Halle stehen. Sein Verhalten wunderte mich sehr, aber wer bin ich, wenn ich mich beschwere, wenn es nach meinem Willen geht.

Ich lächelte ihn an und wechselte geschickt das Thema: ‘Erzählt mir doch von Eurer Reise!’

‘Es gab Probleme auf dem Weg, die Zeiten sind nicht einfach und wir haben uns entschlossen nach Hause zurückzukehren, um nach dem Rechten zu sehen. Ich hab Watzlaf mit zwei Männern nach Prag geschickt. Er findet sich dort besser zurecht, als wenn er mich mitschleppen muss.’ erklärte er mir kurz und dann blickte er mich nachdenklich an. Er wunderte sich wahrscheinlich warum er mir das alles erzählte.

‘Muss ich mir jetzt Sorgen machen?’ frug ich und machte Anstalten nach oben gehen zu wollen. Doch er hielt mich zurück.

‘Ich bin mir nicht sicher warum ich Euch das alles erzähle. Ich wollte Euch gewiss nicht beunruhigen, aber seit dem Bayern dem Rheinbund beigetreten ist, ist es nur die Frage der Zeit bis Österreich die Hände nach unserer Heimat ausstreckt. Aber sei nicht besorgt, der Krieg gegen die Preußen hat mir viel Ruhm eingebracht, vor allem weil ich meine Männer sicher wieder an Heim und Hof gebracht habe.’

Ich muss ihn verstört angeblickt haben, worauf er meine Hände packte.‘ Jetzt hab ich Euch doch beunruhigt. Glaubt mir bitte, ich sorge vor! Ich mache jeden Schritt sehr bedacht. Ich würde Euch hier nicht schutzlos zurücklassen, falls es wieder zum Krieg kommt. Wir sind so klein, dass sich niemand für das bisschen Land interessiert, aber doch können wir alle hier sehr gut von der Bewirtschaftung leben. Und ich will, dass es auch so bleibt.’

Ich versicherte ihm, dass es mir gut ginge und dass ich mich vor dem Essen noch etwas frisch machen wollte. Doch meine Gedanken reisten in die Vergangenheit und dann den Tag, als meine Verlobung mit dem aus dem Krieg heimgekehrten Herren von Waldbuch bekannt gegeben wurde. An dem Tag wurde ich aus meinem Elternhaus gerissen. Die Zeit des Krieges war schwer genug für Mutter und mich und als Vater schwer verletzt zurückkam, hätten meine Eltern keine andere Wahl als mich reich zu verheiraten.’

Tommi setzte ab und blickte Hermine fragend an und fing dann an zu plappern: ‘Also die haben 1807 geheiratet. 1808 wurde Goethes Faust auf der Leipziger Buchmesse vorgestellt. Der Krieg gegen Österreich begann Anfang 1809. Wann ist Jonathan geboren?’

‘Das war im Winter 1810! Das steht auf dem Grabstein von der Lady Gwendoline.’ gähnte Hermine und schloß die Augen.

 

Fortsetzung folgt…

Ein Knopf kommt selten allein… Teil 49

Ein Knopf kommt selten allein… Teil 49

Tommi begann zu lesen. ‘Nun sitze ich wieder hier an meinem Schreibtisch, ganz allein und das Fenster hinter mir wird für immer geschlossen sein. Nur meine beiden kleinen neuen Freunden leisten mir Gesellschaft. Die beiden Knöpfe, die sich anschickten in meinen Besitz zu stolpern und nun sind sie das Einzige was mir von ihm bleiben ist. Seine Knöpfe und die kleinen vertrockneten Blumen, die ich in dieses Tagebuch gelegt habe, um mich für immer daran zu erinnern: Zwei Tage Freiheit.

So bin ich froh, das wir diese beiden Tage in Freiheit hatten. Die beiden Nächte werden für immer in meiner Erinnerung bleiben. Und der Kuss an unserem Ort. Der Ort, den nur wir beide kennen. Ich kann die Tränen kaum mehr zurückhalten, dennoch schreibe ich weiter, ist doch mein Tagebuch die einzige Freiheit die mir nun noch geblieben ist.

Am Besten beginne ich von Vorne was an diesem Dritten Tag unserer Allianz geschah.

Wir waren heute bei dem jungen Fohlen gewesen. Sie war noch so klein und konnte kaum aufstehen. Die Mutter war noch sehr erschöpft und gab kaum genug Milch für die kleine Zyane. Hans war sehr besorgt. Am Vormittag hatte sich Emma hingelegt und war nicht mehr aufgestanden. Alle Versuche sie zu behandeln waren vergebens.

Der Doktor, der eigentlich nach mir sehen wollte, bot seine Hilfe an. Sie schickten mich fort von den Ställen, der Doktor befürchtete ich würde mir das Schicksal des Pferdes zu sehr Herzen nehmen.

Hans brachte das Fohlen irgendwann auf die Veranda und bat Alma eine Flasche Milch für das arme Ding zu bereiten. Ziemlich geknickt ging er wieder und irgendwann schallte ein Schuss über den Hof und mir war klar, was sie getan hatten. Auch der Doktor hatte sie nicht retten könnte.

Plötzlich kamen Reiter auf den Hof geritten und blickten sich fragend um. Mein Ehemann war wieder da, er ritt völlig außer sich bis auf die Veranda und sah mich weinend mit dem Fohlen im Arm am Boden sitzen. Er sprang vom Pferd und schrie. Ich war mir nicht sicher ob er mich anschrie oder die Bediensteten. Ich erschrak mich dennoch sehr und hörte augenblicklich auf zu weinen auf, um ihn wohl entsetzt anzublicken.

Er war sehr aufgebracht weil er nicht verstand. Doch Hans kam mit der Waffe in der Hand über den Hof geschritten und machte Meldung: ‚Herr, ich musste eine der Stuten erschießen. Das Fohlen hat auf dem Weg ins Leben zu viel Schaden angerichtet.‘

Wortlos übergab er die Waffe seinem Herren. Mein Ehemann schüttelte fassungslos den Kopf, blickte Hans finster an, um ihn dann anzufauchen: ‘Hans, was soll das, ich hab Ihm die Waffe, als Zeichen meines Vertrauens gegeben und eine Geburt ist immer schwierig, das musst er doch am Besten wissen, Hans!‘

Daraufhin übergab er die Waffe wieder dem Stallknecht und wandte sich zu mir. Ich saß immer noch auf dem Boden mit dem Fohlen im Arm und muss meinen Mann immer noch verstört angeblickt haben.  

Der Arzt kam hinzu und erklärte meinem Mann: ‚Selbst wenn er es gleich bemerkt hätte, hätte selbst ich das Tier nicht retten können. Mein eher weniger geschätzter Kollege und Pferdemetzger hätte gar nichts getan und sich später um frisches Fleisch gefreut. So könnt Ihr wenigstens die Überreste verwerten.‘

Angesichts seiner Ansprache muss ich wohl laut geschluchzt haben und schon waren alle Augen auf mich gerichtet.

Gut das in dem Moment Alma auf die Veranda kam und fröhlich mit der Milchflasche wedelte. Sie drückte mir sogleich die Flasche in die Hand. Es war ein Tuch am Flaschenhals befestigt und mit ein bisschen gut Zugerede von mir und Hans trank das Kleine tatsächlich. Ich musste derart gestrahlt haben, dass ich selbst dem Hans ein Lächeln abringen konnte.

Mein Mann und der Doktor hatten sich indes unterhalten und mein Mann begann zu ebenfalls strahlen.

‚Wem hab ich die schnelle Genesung meiner geliebten Ehefrau zu verdanken?‘ fragte er alle Anwesenden.

Alma zeigte auf Hans, Hans zeigte auf den Arzt und der Arzt zeigte auf mich und ich auf Alma, blickte jedoch Hans dabei an.’

Hermine kicherte, während Tommi die nächste Seite umblätterte.

Fortsetzung folgt…

Ein Knopf kommt selten allein… Teil 48

Ein Knopf kommt selten allein… Teil 48

Tommi saß im Bett und Hermine saß verkehrt herum ans Fußende gelehnt im Bett und blätterte gelangweilt im ‘Faust’ herum. Er drückte mit seinem Gips gegen ihren Fuß, grinste Hermine an und beobachtete sie.

‘Sag mal was war denn eigentlich noch in der braunen Tüte?’ wollte Hermine wissen.

‘Ein neuer Laptop.’ meinte Tommi eher beiläufig.

‘Was, so groß war doch die Tüte gar nicht.’ rief Hermine aufgeregt.

‘Ich glaub der Herr Dr. Dalek möchte, dass ich das Tagebuch gleich abtippe.’ meinte Tommi und hangelte nach der braunen Tüte und zog dann ein neues MacBook heraus.

‘Aber wie willst du denn Tippen, mit dem PiratenSuchsystem?’

Er kniff ein Auge zu und sprach wie ein Pirat: ‘So ihr Landratten, da hat sich wohl gerade jemand freiwillig gemeldet. Arr!’

‘Ey, Kapitän. Ich hätte grad nichts anderes vor, Kapitän…!’ rief Hermine und machte Meldung.

Er blickte sie misstrauisch an. ‘Du willst doch nur, dass ich dir weiter vorlese.’

Sie blickte ihn entgeistert an und rief dann übertrieben echauffiert: ‘Ich hab dir völlig uneigennützig meine Hilfe angeboten.’

Beide blickten sich eine Weile ernst an, ohne dass ein weiteres Wort gefallen wäre, es wurde nur die ein oder andere Augenbraue hochgezogen. Dann fing Hermine an zu kichern, bis Tommi den Finger erhob.

‘Ernsthaft, wie schnell bist du denn im Tippen?’

‘Schneller als du, im Moment.’

Sie grinste, krabbelte zu ihm rüber und küsste ihn auf die Stirn, dann wich sie schmerzverzerrt zurück und setzte sich wieder ihm gegenüber hin.

‘Hey Kleines, alles in Ordnung?’ wollte Tommi wissen.

‘Wie meinst du das?’ konterte Hermine mit einer Gegenfrage.

Er zog eine Augenbraue hoch und blickte sie für einen Moment durchdringend an, wich ihrem Blick aber dann aus, bevor er zu reden begann: ‘Du hast dich die letzten Tage ausschließlich um mich gekümmert, aber eigentlich wollt ich mich doch um dich kümmern.’

Ihr schossen augenblicklich die Tränen in die Augen. ‘Ja, ähm. Die Nase tut noch ein wenig weh.’ Sie schluckte ein Schluchzen hinunter.

‘Komm her, ich les dir weiter vor, Okay!’

Sie schluchzte: ‘Ohne tippen?’

‘Ohne tippen!’ meinte Tommi und nahm sie in den Arm und zog das Tagebuch unterm Kopfkissen hervor.

 

Fortsetzung folgt….

Ein Knopf kommt selten allein… Teil 47

Ein Knopf kommt selten allein… Teil 47

Nach dem Frühstück verschwand Wolle mit dem Handy in der Hand. Wenig später kam die Schwester wieder und fragte: ‘Frau Weiß-Müller lässt fragen, ob einer von euch das Handy an hat.’

Dann bückte sie sich und hob den Zettel mit dem W-LAN Schlüssel auf. Tommi blickte Hermine an und sie schüttelte den Kopf. ‘Mein Akku ist tot.’

‘In der Plastiktüte ist auch alles was in den Hosentaschen war.’ flüsterte Schwester Emma.

‘Oh sorry, ich hab gestern nicht mehr drüber nachgedacht.’ rief Hermine und zog die Tüte unter dem Bett hervor. Dann kippte sie den Inhalt einfach aufs Bett und kramte wie eine Besessene nach dem Aufladekabel.

‘Das dauert zu lange, wartet mal!’ meinte die Schwester, zog ihr Handy aus dem Kittel und drehte den Zettel um. Sie tippte eine Nummer ein und wenig später ging sie ran.

‘Ja! Hallo, hier ist Schwester Emma. Die Kinder haben kein Ladekabel. Ist der Bulle in der Nähe? Ja, gehen Sie eine Runde.’ Dann gab sie das Telefon weiter an Tommi und zischte ihm noch zu: ‘Nicht aufregen lassen!’

Ein ersticktes: ‘Sonni!’ kam aus seinem Mund. Dann konnte man Sonjas Stimme durchs Telefon hören. Er musste sich irgendwann die Hand vor den Mund legen und schluckte schwer. ‘Sonni, du kannst jetzt nicht heulen. Du bist doch meine große Schwester.’ Er schluckte wieder schwer. ‘Sonni, der Kimmelmann soll sich um dich kümmern und wehe er macht das nicht gut.’ Man konnte Sonni lachen hören. ‘Kann ich den Anwalt mal kurz sprechen!’

Das ‘Wieso!’ war so laut, dass es nicht nur Hermine hören konnte.

‘Ich möchte mich gerne bedanken!’ meinte Tommi und wartete bevor er fortfuhr: ‘Ja, guten Morgen. Ich wollte mich bei Ihnen bedanken, ich hoff meine Schwester bezahlt Sie ordentlich dafür, dass Sie mich alle zwei Tage aus der Scheiße ziehen?’ Eine weitere Pause, in der anscheinend der Anwalt sprach. Tommi schüttelte den Kopf und fuhr erneut fort: ‘Nein, ich zeig Sie nicht wegen Körperverletzung an.’

Man konnte ein: ‘Machen Sie sich bitte keine Sorgen!’ hören.

‘Mache ich aber, ich will nämlich nicht ins Heim, ich bin nämlich nicht so behindert, wie es in meinem Ausweis steht…Ja. Okay. Ist gut!’

Tommi hörte weiter zu und dann fiel ihm noch etwas ein: ‘Ähm, noch was. Können Sie darauf schaun, dass der Kimmelmann keinen Scheiß mit meiner Schwester macht. Ja, Morgen früh. Aha. Ja, Eingipsen und EKG. Ja, danke nochmal.’ Tommi nahm das Handy vom Ohr und blickte aufs Display.

‘Die sind morgen früh im Gericht!’ meinte Tommi und gab Schwester Emma das Handy zurück.

‘Und weiter?’ wollte Hermine wissen.

‘Keine Ahnung, aber er hat gesagt, dass der Heimatverein noch ein oder zwei Eisen im Feuer hat!’

Hermine blickte ziemlich verstört zur Schwester Emma, die ihr Handy in den BH schob. Als sie beide zu Tommi blickten, zuckte er nur mit den Schultern und stöhnte augenblicklich schmerzverzerrt auf.

Fortsetzung folgt….

Ein Knopf kommt selten allein… Teil 46

Ein Knopf kommt selten allein… Teil 46

‘Ich glaub ich muss nochmal kalt duschen!’ meinte Wolle kleinlaut, zog das Handtuch wieder von den Hüften und stieg unter die Dusche.
Schwester Emma richtete ihre Perücke und verschwand aus dem Badezimmer.
Nach einer viertel Stunde klopfte seine Schwester an die Tür: ‘Was zum Knopf dauert da so lange?’
Nachdem keine Antwort kam und sie weiter die Dusche rauschen hörte, ging sie einfach rein. Ihr Bruder stand breitbeinig unter der Dusche und es war ziemlich kalt im Raum.
‘Nicht dein Ernst?’ fragte sie und klopfte gegen die Duschwand. Er drehte sich erschrocken hinter der Duschwand um und blickte durch die Scheibe.
‘Mann, ich muss pissen wie ein Rentier und du machst hier ne Duschparty mit der Krankenschwester.’
Er machte eine einladende Handbewegung Richtung Klo und schnitt ihr eine Grimasse durch die Duschwand.
Hermine zog ihre Hose herunter, setzte sich aufs Klo und murmelte dann vor sich hin: ‘Und ich dachte du wärst ne Schwuchtel!’
‘Das habe ich gehört!’ rief Wolle und schob mit einem Ruck die Duschwand auf.
Hermine grinste ihn an und meinte: ‘Ach so kalt gleich?!’
Er schnappte sich ein Handtuch und wickelte es sich um die Hüften: ‘Dir scheint es ja wieder ganz gut zu gehen.’
‘Ehrlich, wenn du mir solche Vorlagen lieferst!’ rief sie und zeigte ihm den Abstand zwischen Daumen und Zeigefinger von ca. 4 cm.
‘Wer den Schaden hat braucht für den Spott nicht zu sorgen.’ murmelte Wolle und beschloss sich zum zweiten Mal an diesem Morgen die Zähne zu putzen.
‘Zumindest ist noch warmes Wasser da!’ grinste sie und zog die Spülung.

Wenig später drängelte sie sich neben ihren Bruder ans Waschbecken, um sich die Hände zu waschen. Dabei blickte sie ihn ernst an.
‘Kannst du nach dem Frühstück schaun, ob du schon Papa besuchen kannst?’ fragte sie kleinlaut.
‘Der Kaffee ist schon seit Stunden kalt.’ murmelte er, bis sie ihm einen Schlag in die Seite verpasste.
‘Klar, ich wollte eh erstmal Mama anrufen.’ nuschelte Wolle und spuckte Zahnpastaschaum ins Waschbecken.
‘Gut, ich hol meine Sachen und geh dann duschen, Tommi ist noch ziemlich morgenmuffelig.’

Fortsetzung folgt…

1799 – Baumwolle für Tobago – Teil 20

1799 – Baumwolle für Tobago – Teil 20

Der Wind hatte ein Einsehen mit dem Verletzen und schubste die kleine Nussschale förmlich vor die Küste Galiciens. Doch erst als der Kapitän die ersten Sonnenstrahlen über den drei Weißen aufblitzen sah, hatte er ein Einsehen mit seiner Nachtschicht und steuerte die Blue Moon weiter von der Küste in ruhigere Gewässer, so dass beim Schichtwechsel alle etwas zur Ruhe kommen konnten. Die Morgensonne weckte auch Johann, der missmutig seinen Dienst antrat. Er fand den Kapitän am Ruder, wie er sehnsüchtig zu den drei Felsen zurück blickte. Mit einem mürrischen ‘Morgen Kapitän!’ übernahm er das Ruder.

‘Morgen Johann. Ich hab das alte Mädchen arg geschunden heute Nacht. Weck mich, wenn wir das Ende der Welt passieren.’

‘Wenn das alte Mädchen so weiter macht, werden wir heute Nacht das Licht von Santa Marta bewundern können, Kapitän!’

‘Die Herrin der Winde ist uns wohl gesonnen!’ säuselte der Kapitän, bevor er unter Deck ging.

Er schlich sich lautlos in seine Kajüte, doch Obi hatte ihn gehört und folgte ihm mit Kaffee, Tee, Brühe und Frühstück. Betty saß schläfrig am Bett und blickte sie erschrocken an, als ihr die Anwesenheit des Kapitäns und des Geruches von Speck, Eiern und Kaffee gewahr wurde. Der Boden vor dem Bett war feucht, neben dem Bett stand die Waschschüssel, die halbvoll war und eine ominöse Flasche, mit einer großen Öffnung.

‘Fräulein Betty, Ihr könnt zu Bett gehen, ich übernehme ein paar Stunden, bis Jaren oder Magnus wach sind.’ flüsterte er Betty zu und griff ihr dabei sanft an die Schulter. Sie legte den Kopf auf seine Hand und gähnte. ‘In Ordnung Kapitän!’

‘Muss ich noch was wissen?’ wollte der Kapitän wissen.

‘Immer wenn er wach wird, was alle paar Momente ist, Wasser in den Mund löffeln oder kalten Tee. Nichts Warmes.’ erklärte Betty kurz.

‘Oder kalte Suppe ohne Bröckchen!’ flüsterte Obi und servierte dabei dem Kapitän seinen Kaffee.

‘Aber jetzt soll er schlafen, die Nacht war anstrengend genug.’ meinte sie dann ziemlich herrisch.

Der Kapitän nickte und legte den Finger vor den Mund.

‘Er soll sich nicht anstrengen, nicht reden, nicht aufstehen, auch nicht zum Pinkeln.’ meinte sie streng und zeigte auf die ominöse Flasche, die neben dem Bett stand.

‘Aber auf die Seite drehen kann ich ihn?’ frug der Kapitän.

‘Ja, solange der Hals nicht bewegt wird!’

‘Feuchte Lappen für die Stirn sind in der Waschschüssel und wenn das Fieber steigt, müsst Ihr ihm Wadenwickel machen! Kriegt Ihr das hin?’ meinte sie wieder recht herrisch und blickte dann Obi an.

‘Jawohl, Fräulein Betty!’ salutierte der Kapitän und Obi nickte auch dienstbeflissen.

Der Kapitän setzte sich mit seinem Stuhl vor das Bett und trank seinen Kaffee. Obi wrang einen frischen kalten Lappen aus.

‘Obi, ich schaff das schon!’ flüsterte der Kapitän und nahm ihm den Lappen ab, um ihn im nächsten Moment behutsam auf der Stirn von Svent abzulegen.  

‘Auch der Kapitän muss ein wenig schlafen!’ wisperte Obi, legte dem Kapitän eine Decke über die Stuhllehne und verschwand dann rückwärts aus der Kajüte.

Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis sich Svent das erste Mal regte. Der Kapitän schrak hoch und blickte in ein geöffnetes Auge, das Svent nur mit Mühe offen halten konnte. Das darauffolgende Röcheln ging den Kapitän durch Mark und Bein.

Der Kapitän wechselte sofort auf die Bettkante und ergriff die zitternde Hand, die Svent ihm entgegen streckte. Svent versuchte etwas zu sagen, es kam aber nur ein kehliges Röcheln aus seinem Mund.

Dem Kapitän stolperten beruhigende Laute aus dem Mund und murmelte dann: ‘Du sollst dich nicht anstrengen.’

Svent versuchte erneut etwas zu sagen, worauf der Kapitän sofort erwiderte: ‘Und reden sollst du auch nicht!’

Dann blickten sich beide ratlos an, bis der Kapitän wieder anfing zu plappern: ‘Also von Zwinkern hat sie nichts gesagt. Also, einmal zwinkern heißt ja und zweimal zwinkern heißt nein!’

Svent zwinkerte dreimal, worauf der Kapitän ziemlich verwirrt drein schaute.

‘Dreimal zwinkern heißt: Ich muss Pissen…!’ flüsterte Svent, trotz des Redeverbotes und bereute es gleich, weil ihm die Luft wegblieb und der Versuch zu Husten ihn fast wieder in die Bewusstlosigkeit trieb.

Der Kapitän schaffte es irgendwie ihn zu beruhigen, ihm kalten Tee einzuflößen und schlussendlich wurde die besagte Flasche mit der großen Öffnung ordnungsgemäß befüllt.

Als er den Inhalt dann schlussendlich aus dem Fenster kippte, klopfte es zaghaft an der Tür.

Auf sein mürrisches ‘Herein!’, kam Jaren mit dem Fräulein Mariebelle im Schlepptau herein.

‘Wie geht es dem Patienten?’ trällerte Mariebelle in ihrem üblichen Ton.

‘Melde, beim Wasserlassen eine ganze Flasche voll gemacht, der Patient hält sich nicht an die Zwinkerregel und zieht es vor doch reden zu wollen.’ meldete der Kapitän.

‘War Blut im Urin?’ fragte Jaren, der sich umgehend an die Bettkante setzte, um mit dem Handrücken Svents Wangen zu befühlen.

Der Kapitän hingegen blickte auf die leere Flasche in seiner Hand und meinte dann kleinlaut: ‘Nicht mehr, als nach einer mittelmäßigen Sauferei!’

Von oben konnte man laut: ‘Das Ende der Welt in Sicht!’ hören.

‘Das ist mein Stichwort.’ rief der Kapitän, er schnappte sich den Teller mit seinem mittlerweile kalten Frühstück und verschwand in Windeseile aus seiner Kajüte.

Mariebelle blickte ihm kopfschüttelnd hinterher.

 

Fortsetzung folgt… Alle Segel hart am Wind bis ans Ende der Welt

1799 – Baumwolle für Tobago – Teil 19

1799 – Baumwolle für Tobago – Teil 19

Wenig später klopfte der Kapitän gegen die Tür seiner eigenen Kajüte und trat dann erst ein. Jaren saß an seinem Bett und hatte ein Auge auf Svent. Mariebelle hingegen blickte verstört aus dem Fenster.

‘Wie gehts ihm?’ wisperte der Kapitän fragend.

‘Magnus war grad noch da.’ meinte Jaren und wechselte die feuchten Tücher auf der fiebrigen Stirn des Quartiermeisters. ‘Er hat so unglaublich viel Blut verloren.’

‘Der Smut sagt, er wird durchkommen.’ meinte Mariebelle. ‘Wenn er keinen Wundbrand bekommt!’ Ihr Finger zitterten, als sie sich umwandte. ‘Würdet ihr den Lieutenant töten, wenn ich es nicht fertig bringe.’

‘Ich werde den Lieutenant nicht anrühren, bis Svent wieder auf den Beinen ist.’ flüsterte der Kapitän, räusperte sich und meinte dann mit fester Stimme: ‘Im Moment hat nur Svent das Recht den Lieutenant zu töten.’

Dann zog er seine Perücken vom Kopf, um im nächsten Moment seinen Kopf in seine Waschschüssel zu stecken. Dann wusch er sein Gesicht und seine unverletzte Hand.

‘Hat der Lieutenant sonst noch was verlauten lassen?’ frug Mariebelle neugierig. Seit dem Angriff auf Svent nannte sie ihn nicht mehr Stiefvater.
‘Er hat er mich als Sodomit beschimpft, dann hat er behauptet, ich wäre der Teufel und die Blue Moon sei mein Todesschiff.’ erzählte er gelangweilt, während er sein blutverschmiertes Hemd auszog und fuhr erst dann fort, als er ein frisches Hemd aus seiner Truhe geholt hatte: ‘Ach dass ihr alle sterben werdet, habt ihr ja gehört, oder? Eigentlich wollte er mir nur mitteilen, dass ich ein toter Mann wäre, wenn ich je auf Tobago ankommen werde!’ erzählte der Kapitän, während er mit seinem frischen Hemd sein Gesicht trocknete, in dem er es anzog.

‘Aber dafür seht Ihr aber noch ganz gut aus!’ krächzte Svent und der Kapitän war mit zwei Schritten am Bett angekommen. Er ging in die Hocke und verdrehte den Kopf so, dass Svent ihn gerade anblicken konnte. Ein ‘Kapitän’ stolperte aus Svents Mund und der Kapitän gab nur ein beruhigendes ‘Schschsch!’ von sich.

‘Ich bringe ihn nicht um, ich überlasse ihn dir, in Ordnung!’ versicherte er dem Verletzten.

‘Eik!’ röchelte Svent, sein massiger Körper bebte als ihn ein gewaltiges Zittern überkam.

Der Kapitän packte seine riesige Pranke und flüsterte ihm ins Ohr, so dass es nur Jaren mitbekam. ‘Svent, du kannst nicht draufgehen. Das erlaube ich nicht.’ Seine Stimme bebte derart, dass er sich die Hand vor den Mund pressen musste. ‘Du musst viel trinken. Die Schotten auf Madeira haben eine richtige Ärztin, du musst nur ein paar Tage durchhalten.’

Svent biss sich auf die Lippe, als er versuchte zu schlucken. Es schloss vor Schmerz seine Augen, doch der Kapitän erwischte eine der Tränen, die dem stolzen Riesen aus den Augen rannen und zerrieb sie mit den Fingern.

‘Verschwende kein Wasser, der Junge wird dir nur noch mehr Wasser mit dem Löffel in den Rachen schieben.’ witzelte der Kapitän und küsste die riesige Pranke, die er immer noch fest umschlossen hielt. Dann stand er auf und küsste Svent auf die Stirn.

Mariebelle blickte den Kapitän schockiert an, es wäre ihr nie in den Sinn gekommen, dass dem Kapitän mehr an Svent lag, als nur seine immense Arbeitskraft.

‘Ich würde mich dann entschuldigen.’ meinte Mariebelle und ging langsam zur Tür.

‘Ruht Euch aus, morgen soll der Tage ein Wenig ruhiger beginnen.’ meinte der Kapitän und wandte sich dann zu Jaren: ‘Wie lange kannst du hier noch sitzen?’

‘Magnus schaut noch nach der Mannschaft und geht dann schlafen. Betty löst mich nachher ab.’

‘Gut, ich würde gerne Jensen und Johann für ein paar Stunden schlafen schicken. Ich bleib bis zum Morgengrauen am Ruder und kann Betty dann ablösen.’

‘Wann schlaft ihr eigentlich?’ frug Jaren neugierig.

‘Ihr habt doch gehört, ich bin der Teufel. Ich muss nicht schlafen!’

 

Fortsetzung folgt… Biskaya bei Nacht

1799 – Baumwolle für Tobago – Teil 18

1799 – Baumwolle für Tobago – Teil 18

Johann und der Kapitän kümmerten sich weiter um die Blue Moon. Da die Flut gerade wieder eine Handbreit Wasser unter den Kiel gespült hatte, ging jetzt wieder das geschäftige Treiben an Bord los. Die Blue Moon wurde wieder gerade gestellt und die Balken wurden nach und nach aus dem Schlick gezogen und wieder sicher verstaut. Noah war wieder halbwegs nüchtern, konnte aber die fehlende Arbeitskraft von Svent nicht ersetzen.

Die Frauen und Kinder wurden wieder in den vorderen Laderaum gebracht und harrten dort der Dinge.

Nachdem sie den Splint aus Svents Hals entfernt hatten, versuchte Jaren alles wieder zu zunähen. Das war bei den ruckartigen Bewegungen der Blue Moon gar nicht mal so einfach gewesen. Svent hatte riesiges Glück, hatte aber dennoch viel Blut verloren. Umo und Ani halfen dabei Svent in die Kajüte des Kapitäns zu bringen, damit er sich ausruhen konnte.

Wind kam auf, es fing an zu regnen. Der Anker wurde gelichtet und die Mannschaft zog mit Hilfe der Beiboote die Blue Moon ins tiefere Wasser hinaus. Schlussendlich wurden die Segel gesetzt. Zum Glück stand der Wind günstig und die Blue Moon segelte mit dem Wind langsam hinaus aufs offene Gewässer der Baie de Bourgneuf.

Einerseits waren alle froh, dass die Blue Moon trotz aller Widrigkeiten wieder mehr als eine Handbreit Wasser unterm Kiel hatte und sie nun die Reise nach Madeira wieder aufnehmen konnten. Doch war die Laune der Besatzung ein wenig angeschlagen. Sie hatten in der wenigen Zeit in der Svent nun an Bord war ihn vollends in die Mannschaft integriert und waren von dem Angriff auf ihn ziemlich bestürzt. Der Kapitän hatte selten seine Männer beten gehört, aber in dieser Nacht taten sie es. War er doch einer von ihnen geworden. Und unter Deck sangen die Damen ein Lied ihrer Heimat.

Der Kapitän war umtriebig und schlecht gelaunt. Er ging unter Deck und schlenderte zu den hinteren Laderäumen. Ohne das jemand es bemerkte, öffnete er die Tür zum Verschlag des  Lieutenants.

Zwischen zwei Kisten saß er auf einem Stuhl, seine Kleider hingen nur noch in Fetzen von ihm herunter. Er war schmutzig und nass. Der Stuhl war zwischen den beiden Kisten angebunden, genauso wie er auf dem Stuhl festgebunden war. Auf dem Boden klebte Blut. Das Licht einer schwankenden Lampe erhellte die Szenerie nur alle paar Momente. Der Kapitän stand im Halbschatten. Seine Ärmel waren lieblos hoch gekrempelt und von seiner Perücke fehlte jede Spur.

‘Ihr seid der Teufel, es werden alle Sterben auf diesem Todesschiff!’ rief der Lieutenant.

‘Ich glaube, der Einzige der in nächster Zeit sterben wird, seid Ihr!’ grinste der Kapitän seinem Gefangenen an.

‘Elender Sodomit!’

‘Der Sodomit in mir ist nur das kleinere Übel, weil der Sadist in mir, wird Euch eines Tages zu Tode quälen. Ihr könnt nur hoffen, dass Svent Euren Angriff überlebt, dann wird es ziemlich schnell gehen. Wenn nicht, werde ich Eure Eier abschneiden und sie Euren Männern zu fressen geben.’

‘Bastard!’ spie der Lieutenant dem Kapitän vor die Füße.

‘Ja, dass sagte meine Mutter auch, bevor sie mich ins Hafenbecken geworfen hatte, um mich loszuwerden. Nur dass die See mich auch nicht wollte, als sie mich wieder ausspie, wusste sie nicht, was sie damit entfesseln würde.’

‘Ja Ihr seid lästig wie eine Seemöwe!’

‘Irgendwie sind wir vom eigentlichen Thema abgekommen. Was erwartet uns, wenn wir auf Tobago ankommen?’

‘Ihr seid bereits ein toter Mann, Kapitän.’ stieß der Lieutenant hervor.

‘Entscheidet Euch mal, ich kann nicht Teufel, Sodomit und ein toter Mann gleichzeitig sein.’

‘Ihr seid ein toter Mann, wenn Ihr nur einen Fuß auf Tobago setzt, mit meinen Sklaven an Bord.’

‘Auf meinem Schiff sind es keine Sklaven. Also macht Euch keine Sorgen, Eure Sklaven werden vom Teufel höchstpersönlich befreit.’

‘Ihr könnt mit Ihnen nirgendwo hin!’

‘Ihr glaubt wirklich, dass ihr der Nabel der Welt seid, oder? Der Teufel hat viele Freunde, glaubt mir.’

Der Lieutenant drehte seinen Kopf auf die Seite und blickte zu der schwankenden Lampe hinüber.

‘Ihr wollt nicht mehr mit mir reden. Hm. Ihr wisst was jetzt kommt.’ säuselte der Kapitän dem Lieutenant ins Ohr. Der Kapitän nahm ein Tau, das am Ende in einen kunstvollen Knoten überging. Er holte aus und schlug damit unter die Sitzfläche des Stuhles. Der Lieutenant krümmte sich und schrie markerschütternd auf.

Der Kapitän kam seinem Gefangenen ungewöhnlich nahe, als würde er den Schmerz genießen, den er ihm gerade bereitet hatte. Fast zärtlich hob der den Kopf des Lieutenants an und blickte in sein verschrammtes Gesicht.

‘Bleibt, genau so!’ grinste er seinem Gefangenen an, wie ein Maler seine Model anblicken würde. Dann schlug der Kapitän dem Lieutenant mit dem Tau noch mehrmals so hart ins Gesicht, bis dieser bewusstlos nach vorne kippte.

Als der Kapitän sich zur Tür gedreht hatte, nahm er seine Perücke vom Türknauf und als er den Raum verließ, konnte man die Sitzfläche des Stuhles sehen, wie sie neben der Tür lehnte, als würde sie da hingehören.

Fortsetzung folgt… Der Zauber steckt im Augenblick und die Kunst ist den Augenblick einzufangen.

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