Mein erster Schultag – Folge 5 Ernie und das Stufenarmageddon

Mein erster Schultag – Folge 5 Ernie und das Stufenarmageddon

Die Aula, unendliche Stufen.

Große breite Stufen runter und dann wieder kleine schmale Stufen zur Bühne hoch und alles ohne Geländer. Die Schüler standen, knieten oder saßen auf den Stufen und ich verfluchte den Moment, als ich den Stock zu hause ließ. Herr Walddorfer ging gerade zum Rednerpult, doch ich hatte erst noch meine persönliches Stufenarmageddon vor mir. 

Zum Glück war Abby immer noch an meiner Seite. Ich musste mich auf ihre Schulter stützen, als wir die Stufen hinab schritten. Obwohl uns niemand sah, hatte ich das Gefühl, dass alle den Krüppel beobachten würden. Ich wäre am Liebsten im Boden versunken und war heilfroh als wir endlich an der kleinen Bühne angelangt waren.

Herr Walddorfer hatte schon angefangen die Schüler zur Ruhe aufzurufen, was ihm nicht im Mindesten gelang. Es war wie ein Unfall, man sollte eigentlich nicht hinschauen, aber man tat es trotzdem. Ich beschloß zu pfeifen, nachdem mich Frau Miller auf die Bühne gezerrt hatte und er immer noch hilflos ins Mikro brabbelte. Mein Pfiff schallte durch die Aula und schon war die Meute still. Geht doch. 

Der Rektor zwinkerte mir zu, räusperte sich und begann zu sprechen: ‘Einen wunderschönen guten Morgen, liebe Kinder. Hat jeder von euch die neuen Stundenpläne bekommen. Für diejenigen, die unsere Emails oder Briefe oder sogar die Zeitung nicht lesen, es ist Einiges passiert, deshalb begrüße ich euch alle heute herzlich als euer neuer Direktor. Die jüngsten Ereignisse haben eine Zusammenlegung unausweichlich gemacht und ich hoffe inständig, dass wir alle am Ende gestärkt daraus hervorgehen. Das gesamte Kollegium, allen voran unsere Vertrauenslehrer und Vertrauenslehrerinnen, sowie das medizinische Schulpersonal sind jederzeit für euch da. Wir sind nicht euer Feind, wir wollen gemeinsam schaffen, dass jeder hier einen guten Abschluss erhält und in eine gesunde Zukunft blicken kann.’ 

Während der Rede, hatte ich einen Moment Zeit mir die Schülerschaft ein bisschen genau anzusehen. Ich erkannte diesen Heino Müller und das Mädchen von vorhin. Sie hatte sich in ein Eckchen gequetscht, wo sie alleine sitzen konnte. Und dieses Eckchen, war sehr weit von Heino entfernt und von dem Platz an dem er saß, konnte er sie nicht sehen. Man merkte wie es in ihrem Kopf ratterte, ihr schien gerade ziemlich viel durch den Kopf zu gehen, dafür war bei Heino nicht viel los, der spielte Taschenbillard. Ich zählte kurz durch und überschlug im Kopf die Klassenstärken. Im Schnitt waren es wohl 10 bis 15 Schüler pro Klasse. Es waren tatsächlich weniger Mädchen als Jungen. Die jüngeren Schüler waren mehr als die Älteren. 

Um so länger der frischgebackene Rektor redeten, um so unruhiger wurden die Kinder.

Einige Buh-Rufe machten sich breit und der Rektor räusperte sich: ‘Wir haben einen neuen Kollegen, der uns ab heute tatkräftig unterstützen wird in Geschichte, Sozialkunde, Erziehungskunde und Sport bei den Jungen. Ich darf Herrn Herbert Kowalski in unserer Mitte begrüßen.’

Ich stand auf und nickte in die Menge. Jemand schubste mich von hinten und ich machte einen Schritt nach vorne, um mein Gleichgewicht halten zu können. 

‘Kommen Sie ruhig und erzählen Sie unseren Schülern und Schülerinnen etwas über sich.’ meinte Herr Walddorfer und winkte mich zu sich. 

Ich versuchte möglichst wenig zu humpeln und ihn bloß nicht anzulächeln. Er machte lächeln Platz am Rednerpult und klopfte mir väterlich auf die Schulter.

Ich räusperte und zog das Mikrophon zu mir. ‘Einen wunderschönen guten Morgen, Herr Direktor, liebe Kollegen und Kolleginnen und vor allem wünsche unserer Schülerschaft einen guten Start ins neue Schuljahr. Eines kann ich euch sagen, als ich vor gefühlten 100 Jahren endlich mein Abi in der Tasche hatte, habe ich geschworen, nie wieder einen Fuß in eine Schule zu setzen, doch dann kam mir leider ziemlich viel Leben und in Afghanistan eine Handgranate in die Quere. Im Krankenhaus schlug man mir vor, dass ich bei meiner Qualifikation immer noch Lehrer werden konnte, für den Fall, dass ich nie wieder laufen könne. Damals dachte ich, dass ist ein blöder Scherz.’ fing ich an und es hörte sich eher wie eine Motivationsrede für meine Kameraden an, die gleich in ein Gefecht geschickt werden würden. ‘Glücklicherweise stehe ich wieder auf meinen eigenen zwei Beinen und ich kann euch sagen, wie sehr das Universum auch versucht euch Steine oder Handgranaten in den Weg zu werfen, wenn du es überlebst, steh auf, schüttel dir den Dreck ab und laufe weiter deinen Weg.’

Das gesamte Lehrerkollegium, minus dem Lackaffen, klatschten und jubelten und sogar einige Schüler schienen einigermaßen von meiner Rede beeindruckt zu sein. Ein paar grübelten noch, aber zumindst wurde ich nicht mit Pausenbroten beworfen. 

Der Rektor scheuchte nun alle in ihre Klassenräume und Frau Miller tauchte vor mir auf, als ich versuchte etwas wackelig von der Bühne zu steigen. 

‘Ernie, soll ich dich in deine Klasse bringen?’ meinte sie und lächelte mich zuckersüß an. 

‘Das wäre allerliebst, werte Abby!’ und hielt ihr meine Hand hin, worauf sie mir die Treppen hinunter half. 

‘Ernie, kannst mich aber auch weiter Bert nennen, wenn du willst!’ meinte sie und grinste mich an. 

‘Warum läuft in meinem Kopfkino jetzt Bambi? Welcher Arsch hat mich auf der Bühne geschubst und warum ist diese Schule nicht im Mindesten behindertengerecht ausgestattet?’ fing ich an zu schimpfen. 

‘Es war natürlich der Lackaffe und ich komme mir so vor, als wären wir nicht mehr in Kansas, Ernie!’ erwiderte sie grinsend und wir liefen hinter den Schülern her, die eine weitere Treppe hoch liefen. ‘Und wenn du keinen Lackaffen zur Hand hast, Ernie, kannst du mit deiner Chipkarte den Aufzug benutzen!’  

Vor der Klasse der 10b ließ sie mich einfach stehen und lief in ihre Klasse. Kurz vor der Tür drehte sie sich nochmal um und meinte: ‘Lauf in der Pause nicht weg, ich zeig dir die Kantine!’ 

Im nächsten Moment war sie auch schon in ihrem Klassenzimmer verschwunden. Ich atmete tief durch, riss mit einem Ruck die Tür auf und schritt ins Klassenzimmer. 

Mit einem: ‘Guten Morgen, die Herren!’ machte ich mich bemerkbar und schritt mit meinem Rucksack ans Pult.

Jemand hatte ‘Punk’s not dead!’ auf die Tafel geschrieben. In diesem Fall müssen wir wohl eine Grundsatzdiskussion führen.

Fortsetzung folgt…

 

Mein erster Schultag – Folge 4 Danke für den Hinweis und ich bin schwul!

Mein erster Schultag – Folge 4 Danke für den Hinweis und ich bin schwul!

‘Er ist schwul, köstlich!’ rief der Lackaffe und lachte sehr aufdringlich. Ich tat was ich tun musste und grinste ihn einfach nur an. Die Entgleisung in seinem Gesicht war einfach nur göttlich und nachdem aus seinem Mund nur ein mutloses Gestammel kam, sprang Frau Miller ein und meinte kurz, aber sehr deutlich: ‘Das ist Maik Schober, Mathe, Französisch und Musik und wir sind gar nicht verlobt, weil nein nunmal nein heißt, Maik!’ 

Der Rektor streckte den Kopf bei der Tür herein und rief: ‘Es geht los, Kinder!’

Ich versuchte in Windeseile alle meine Unterlagen in meinen Rucksack zu stopfen und als der Herr Werting mir mit den Worten: ‘Ich hab Ihnen den neu aufgelegt!’ einen wirklich sehr alten Laptop aushändigte, platzte es aus mir heraus: ‘Das ist super, am Ende des Jahres kommen wir in Geschichte im Computerzeitalter an, das Ding erspart uns einen Ausflug ins Museum!’ 

Er blickte mich mehr als entsetzt an und blickte fast schon beleidigt auf den Laptop. Ich versuchte die Situation zu retten und meinte kleinlaut: ‘Nix für ungut, ich hab nen Apfel, den kann ich auch dienstlich nutzen, oder!?’

Werting nickte und versuchte zu lachen, es gelang ihm aber nicht. Doch im nächsten Moment, wurde er von Hansmann aus dem Raum gezogen. Der Schober war ohne einen weiteren Kommentar auch schon gegangen. Nun stand nur noch Frau Miller im Raum und verdrehte die Augen. 

‘Wenn Sie bei dem Lackaffen Hilfe brauchen?’ stolperte aus meinem Mund als ich wieder die Tränen in ihren Augen sah. 

‘Mein Nein war wohl nicht deutlich genug!’ flüsterte sie, ich verstand sie aber sehr gut.

‘Wollen wir heute zusammen Mittagessen?’ schlug ich vor, ohne darüber nachzudenken und meinte dann. ‘Ich will jetzt nicht übergriffig wirken, aber ich mag nicht, wenn Sie traurig sind und ich mag nicht, wie dieser Maik Sie behandelt, als wären Sie sein Eigentum!’

‘Ein Jammer, dass Sie schwul sind!’ stolperte aus ihrem Mund. 

‘Das sagt die Schwester von meinem Ex auch immer!’ stolperte aus meinem Mund und ich grinste sie wieder an, doch ihre Reaktion war verblüffend. Auf ihrem Gesicht war kein Entsetzen mehr zu sehen. Sie griff mir ins Gesicht, zog mir meine Narben glatt und lächelte mich dann herzlich an. 

‘So ist es viel besser, ich hab als Kind all Ihre Rennen gesehen!’ flüsterte sie und kam mir einen Schritt näher. ‘Dank der Olympiaübertragung hab ich damals viel schneller deutsch gelernt.’

‘Oh, dann sind Sie wohl mein einziger Fan! Ich bin tatsächlich geschmeichelt.’ flüsterte ich ihr zu, lächelte aber nicht. 

‘Ich weiß nicht wie es Ihnen geht, aber ich könnte einen richtig guten Freund gebrauchen, der mich nicht bumsen will!’ stolperte aus ihrem Mund und im nächsten Moment schoss wieder die Schamesröte in ihr Gesicht. 

‘Das krieg ich hin und meine Freunde nennen mich übrigens Ernie!’ flüsterte ich ihr zu.

Sie lächelte mich verschmitzt an, trat einen Schritt zurück und streckte mir die Hand hin: ‘Los Ernie, nicht dass wir die Lobesrede über dich noch verpassen.’

Ein: ‘Ja, Bert!’ stolperte aus meinem Mund und ich ließ mich in die Aula schleppen. 

Ohne ihre Hilfe hätte ich die Aula eh nicht gefunden und als ich die Aula in voller Größe sah, reichte es mir völlig.

Die Aula bestand nur aus Stufen… 

Fortsetzung folgt…

 

Mein erster Schultag – Folge 3 Kann ich aus der Horrorstory noch aussteigen?

Mein erster Schultag – Folge 3 Kann ich aus der Horrorstory noch aussteigen?

‘Kann ich aus der Horrorstory noch aussteigen, ist mein tägliches Mantra.’ rief Herr Hansmann und versuchte mit seinem Stofftaschentuch den verschütteten Kaffee aufzuwischen. 

Frau Miller blickte mich immer noch entsetzt an, sie schien Tränen in den Augen zu haben.

‘Frau Miller, Sie sollten sich gut überlegen, ob Sie mich zum Lachen bringen wollen!’ meinte ich eine Spur zu cool und versuchte krampfhaft nicht zu lächeln, was mir aber nicht gelang. 

‘Ich hab schon gehört, dass Sie in Afghanistan waren…!’ fing Hansmann an, brach dann aber ab, als er erneut mein Lächeln sah.

‘Ich bemühe mich wirklich, nicht zu oft zu lachen, aber es gelingt mir nicht immer. Es tut mir von Herzen Leid, wenn ich Sie verschreckt habe, Frau Miller!’ erklärte ich und blickte sie so entspannt, wie es mir möglich war, an. 

Sie schluckte schwer und wischte sich die Augen, bevor sie sich räusperte: ‘Tut mir leid, ich bin sehr empathisch veranlagt. Es ist so, als könne ich ihre Schmerzen spüren, wenn ich sehe, wie sie lachen und es dann im nächsten Moment wieder lassen, weil wir…!’ Ihre Stimme brach und ein anderer Lehrer kam vom Fenster rübergelaufen. Er berührte sie kurz an der Schulter, worauf sie ängstlich zurück zuckte. 

‘Flennst du schon wieder! Hat dir der Neue einen Schrecken eingejagt?’ rief der Kerl und mir kam es so vor, als würde er mit einem Hund reden. Sie fing sich augenblicklich wieder und schüttelte trotzig den Kopf. 

Er ließ sie im nächsten Moment los, als wäre sie eine heiße Kartoffel und widmete sich nun mir: ‚Herr Kowalski, wollen Sie sich nicht die Jungs von der 10. ansehen, bevor wir in die Aula gehen. Die Aktenauszüge von den Mädchen haben Sie doch bekommen, oder?‘

‚Ja, die kann ich auswendig.‘ berichtete ich und blickte ihn neugierig an, ohne jedoch Frau Miller aus den Augen zu verlieren. Mich berührte es tatsächlich, dass sie nur durch die pure Anwesenheit von diesem Lackaffen, ihre Stimmung geändert hatte, obwohl sie es im Grunde ihres Herzens gar nicht wollte.

Der Lackaffe zeigte auf die Steckbriefe. Ich stand auf und kam näher.

‚Rot heißt, Fußfessel mit Ausgangssperre. Gelb heißt Bewohner mit Freigang. Grün heißt Heimschläfer. Die Fußfesseln haben einen Radius von 1,5 Km und sollten auf dem ganzen Gelände der Schule funktionieren. Sobald sie durch die Schleuse gehen, geht der Alarm los und die Polizei kommt. Am Besten lassen Sie sich das von den Jungs erzählen, die haben fast alle Eine.‘ erklärte der Lackaffe.

‘Finden Sie das nicht heikel, dass die Opfer häuslicher Gewalt zusammen mit den jugendlichen Straftätern in eine Schule gehen?’ wollte ich wissen. 

‘Der Grund für die meisten Straftaten ist tatsächlich auf Verfehlungen in der Erziehung zurückzuführen.’ meinte der Lackaffe. 

‘Das Internat sollte vielmehr Heim für Kinder schwererziehbarer Eltern heißen!’ witzelte Hansmann.

‚Ich hab keine Sicherheitsleute gesehen, werden die Freigänger gar nicht kontrolliert?’ stichelte ich weiter nach. 

‚Das brauchen wir nicht, es geht alles elektronisch. An den Türschleusen sind Metalldetektoren und unser Lempke und sein Dackel sind die besten Drogenschnüffler!’ meinte ein anderer Lehrer, der an einem Laptop saß und mir freundlich zu nickte, bevor er kurz ergänzte: ‚Werting, mein Name, Hilmar Werting. Informatik, Büroorganisation, Sicherheitsbeauftragter, Admin und ich helf dem Lempke bei der Berufsberatung und war eher widerwillig beim Ferienprogramm dabei.’  

Dann stand Werting auf und ging durch den Raum zu einem Schrank, während er mit einer seltsamen Handbewegung um einen Moment bat. 

‚Sehr erfreut Herr Werting und Sie, Herr…?‘ wollte ich wissen und drehte mich zu dem Lackaffen um, der sich wieder an Frau Miller zu schaffen machte.

‘Ich bin der Verlobte von Abby.’ meinte er und nahm sie in den Arm. Sie war überhaupt nicht begeistert. Eigentlich sollte mir so hetero Machogehabe am Arsch vorbeigehen, doch der Gesichtsausdruck von Frau Miller ließ bei mir sämtliche Alarmglocken läuten.‘Danke für den Hinweis und ich bin schwul!’ sagte ich kurz und prägnant. Nach dem es durch die Presse ging, muss es eh schon jeder wissen.

Fortsetzung folgt…

Mein erster Schultag – Folge 2 Willkommen im Bootcamp 

Mein erster Schultag – Folge 2 Willkommen im Bootcamp 

Das Lehrerzimmer war nur halb besetzt. Der Lehrermangel wurde mir in dem Moment klar, als ich die vielen leeren Stühle sah. Das Fräulein Miller grinste mich an. An den Wänden waren Bilder und Lebensläufe der Schüler aufgehängt.

‚Danke die Herrschaften.‘ rief ich eine Spur zu laut. Standing Ovations hätte ich nun wirklich nicht erwartet. Ich versuchte nicht zu lächeln, das hätte alle nur verschreckt. Händeschüttelnd wurde ich zum Tisch geschoben. Ich blickte auf den Stapel Papiere auf meinem Platz.

Erste Stunde gemeinschaftlich in der Aula. Zweite Stunde Erziehungskunde 10b. Super. Dritte Stunde Sozialkunde 10 a + b. Dann Doppelstunde Geschichte 7 a + b. Sozialkunde 8 a + b. Nachmittags. Sport zweimal Doppelstunden 10b und 9b gemeinsam. Ich überflog den Stundenplan und sah, dass ich am Mittwoch und am Freitag früher Schluss hatte, zückte mein Handy und wählte die Nummer meiner Physio. Es ging nur der AB ran und ich sprach nach dem Pfeifton: ‚Guten Tag, hier spricht Herbert Kowalski. Hallo Emma, ich kann den Termin morgen und am Donnerstag nicht wahrnehmen. Meine freien Nachmittage sind Mittwoch und Freitag. Notfalls halt nach 18 Uhr. Schicken Sie mir die neuen Termine per Mail. Danke.‘

Ich legte auf und alle starrten mich an.

‚Krankengymnastik.‘ meinte ich entschuldigend.

Alle lächelten mich plötzlich an. Ich wühlte die Unterlagen durch und suchte nach dem Lehrplan für Erziehungskunde. Klasse 5-9. Für die 10 gab es keinen. Ich bekam eine Liste unter die Nase gehalten. Freiwilliger Wochenenddienst: ‘1mal pro Monat, Samstag oder Sonntag!’ stand auf dem Blatt.

‚Keine Sorge, ich bin am Wochenende immer da, wenn was ist.‘ meinte Frl. Miller.

Ich trug mich am Ende des Monats ein und blickte sie fragend an.

‚Ich wohne hier. Ich bin die Vertrauenslehrerin der Mädchen. Haben Sie sich überlegt hier eine Dienstwohnung zu nehmen. Im Moment ist der Hausmeister der Vertrauensmann von den Jungen und ich bin mir nicht sicher, ob seine Stasimethoden so gut für die Jungs sind.‘ erklärte sie und es war das erste Mal, dass sie sich negativ zu jemanden äußerte.

‚Ich kann hier keine Dienstwohnung nehmen, ich bin grad erst hierher gezogen und wohne schon drei Straßen weiter.‘ erklärte ich kurz und blickte sie fragend an, bevor ich fortfuhr. ‚Und haben Sie überhaupt keine Freizeit?‘

‚Ich war früher selbst auf der Schule, habe tatsächlich mein Abi nachgemacht und hab studiert und bin jetzt wieder hier, weil ich den Kindern helfen will.‘ gab sie zu und wurde schlagartig rot im Gesicht. Das erklärte auch, warum der Direktor sie immer noch mit Fräulein ansprach.

‚Warum gibt es keinen Lehrplan für Erziehungskunde der 10. Jahrgangsstufen?‘ wollte ich wissen.

‚Weil es noch keinen gibt. Sie müssen improvisieren.‘ trällerte sie und grinste mich freundlich an. ‚Ich mache mit den Kindern offene Gespräche und frage sie, wo bei Ihnen der Schuh drückt, außerdem sollen wir die Berufsberatung unterstützen und ggfs beim Ausfüllen von Anträgen und dem Erstellen von Bewerbungen helfen.‘

‚Hier ist noch der Essensplan. Sie können an allen Mahlzeiten teilnehmen, wenn Sie davor oder danach Unterricht haben.‘ meinte der ältere Herr von vorhin. ‘Bei den anderen Mahlzeiten können Sie sich einkaufen.’

‚Das ist super, wo krieg ich hier nen Kaffee her?‘ stammelte ich.

Sie deutete ans Ende des Zimmers, da stand eine Kaffeemaschine, die wohl schon länger dort stand, als die meisten Lehrer hier Dienst taten. Der ältere Herr war bereits an der Kaffeemaschine angekommen, goss eine Tasse ein und fragte: ‚Mögen Sie ihn schwarz?‘

‚Wenig Milch und viel Zucker, bitte.‘ rief ich wieder eine Spur zu laut, ich räusperte mich und fuhr dann etwas leiser fort. ‚Das ist sehr freundlich von Ihnen.‘

‚Ach, Kowalski.‘ kam es von der Tür her. Eine sehr herrisch wirkende ältere Dame mit Brille stand in der Tür und fuhr, ohne auf eine Antwort meinerseits zu warten, fort: ‚Sie haben in der Mittagspause einen Termin bei mir und morgen bei der Schulpsychologin! Ich bin die Schulärztin Frau Dr. Erna Grau!‘

‚Alle neuen Lehrer müssen durchgecheckt werden!‘ säuselte mir Frau Miller zu. 

Der Kaffee wurde ihm hingestellt. ‚Ich bin Guido Hansmann, ich mach die Naturwissenschaften!‘

‚Danke für den Kaffee!‘ meinte ich und schüttelte seine Hand.

Die Frau Dr. stand immer noch in der Tür. ‚Ja, sorry Frau Dr. Grau, ich bin ein Bisschen überfordert. Hätte ich meine Röntgenbilder mitbringen sollen?‘

‚Nein keine Sorge, die habe ich schon. Kriegen Sie noch Anwendungen?‘

Ich musste kurz überlegen, was sie meinte. ‚Ähm. Anwendungen. Ja, wenn ich meine Termine verschieben kann, dann ja.‘

Sie musterte mich von oben bis unten, zog ihre Brille von der Nase und blickte mich über die Brillengläser hinweg an, bevor sie wieder zu reden begann: ‚Sie haben eine Saniausbildung bei der Bundeswehr gemacht?‘

‚Ja, Helfer im San-Dienst!‘ rief ich wieder in meinem üblichen Ton.

‚Wir haben nämlich keine Krankenschwester mehr und ich habe nebenan noch die Sozialsprechstunde zu machen, bin also nicht immer da!‘

Sie warf mir einen Schlüsselbund zu und meinte: ‚Der Schlüssel vom Ersthilfe-Raum! Kommen Sie dann nach dem Essen rüber zur Sozialsprechstunde!‘ 

Meine Reaktionsfähigkeit war immer noch hervorragend, also fing ich den Schlüsselbund auf. Das erste Mal seitdem ich die Schule betreten hatte, lächelte ich und nickte ihr dann zu. Obwohl sie scheinbar meine Krankengeschichte kannte, erschrak sie vor meinem Anblick, machte fast automatisch einen Schritt zurück, worauf sich die Tür zum Lehrerzimmer automatisch schloss. Ich grinste wieder und rührte meinen Kaffee um, nahm einen kräftigen Schluck und ließ mich erschöpft in den Stuhl sinken.

Frau Miller blickte mich entsetzt an und Hansmann hatte seinen eigenen Kaffee verschüttet.

‚Kann ich aus der Horrorstory noch aussteigen?‘ flüsterte ich in mich hinein und versuchte fürs Erste nicht mehr zu lächeln.

Erstveröffentlicht: 02.07.2013

Fortsetzung folgt vielleicht…

 

Mein erster Schultag – Folge 1

Mein erster Schultag – Folge 1

heim

Oh Mann, ich hätte mir echt nie träumen lassen, dass ich mit 36 nochmal die Schulbank drücken würde. Aber so ist es nun.

Gut, sagen wir es mal so, ich werde hinter dem Pult stehen. Aber komisch ist es schon. Ich bin meinen Lehrern bis zum Abi ziemlich auf den Sack gegangen.

Meine Fresse, musste ich viel Strafarbeiten machen. Manchmal kam ich mir echt so vor, wie Bart Simpson. Bart Simpson mit Abi. Nur der kleine blonde Junge ist mit 36 zwar gewachsen, aber nicht im Mindesten erwachsen geworden und ich komme im Moment noch nicht so ganz damit klar, dass ich jetzt Lehrer sein soll.

Als ich in Ulm im Krankenhaus lag, hat mir der Berufsberater gesagt, selbst wenn ich nicht wieder Laufen könne, dann könnte ich mit meinen Qualifikationen immer noch Lehrer werden. Damals wusste ich nicht so genau, ob er mich beleidigen oder aufmuntern wollte. Ich habe meine Zeit im Krankenhaus genutzt und habe ein Aufbaustudium fürs Lehramt gemacht. Ich bin jetzt Lehrer für Geschichte und Sozialkunde und wenn ich endlich wieder sporttauglich bin, dann werde ich vielleicht auch Sportlehrer sein.

Ja, der Sport. Ich war ein erfolgreicher Sportler. Hab ein paar Goldmedaillen gewonnen. Habe bei der Bundeswehr studiert und war im Sportförderprogramm. Dann gab es einen kleinen Skandal. Der Goldjunge ist eine Schwuchtel. Es gab ein paar blöde Fotos von früher. So Nacktfotos nach dem Motto: ‚Ich war jung und brauchte das Geld!‘

Ich wurde aus der Olympiamannschaft ausgeschlossen. Der Skandal kam eigentlich zur rechten Zeit, weil nach 30 hat man im Profisport eh fast nichts mehr verloren. Entweder Doping, Werbestar oder Trainer. Und für einen schwulen Trainer hatten sie keine Verwendung.

Mein Freund hatte sich dann von mir getrennt, weil er mit meinem unfreiwilligen Outing nicht klarkam. Verstehen muss das keiner, am Allerwenigsten ich. Eigentlich wäre das der Punkt gewesen, wo jeder normale Typ zum Saufen angefangen hätte, aber nein der Goldjunge hat sich für einen Auslandseinsatz gemeldet. Ich war in Afghanistan und bin von ein paar einheimischen Müttern angeschossen worden. Dabei wollte ich ihnen nur Lebensmittel bringen. Zum Dank haben sie mir noch eine deutsche Handgranate hinterhergeworfen. Hm. Ein Paar von diesen Splittern der deutschen Wertarbeit stecken immer noch in meinem Hintern. Ein Schuss ging um Haaresbreite an meiner Libido vorbei, ein Zweiter zerfetzte meinen linken Oberschenkel. Deswegen humple ich auch immer noch. Ein dritter und vierter Schuss zerfetzte nur die Milz und ging zum Glück an allem anderen Lebenswichtigen vorbei. Als ich aufgrund der Detonation der Handgranate mit meiner Fresse im Natostacheldraht von den lieben Kollegen des Nachbarstützpunkt landete, waren die Amis es, die mir das Leben und den Großteil meines Gesichtes gerettet hatten. Deswegen bin ich heute besonders hübsch anzuschauen.

Nach der Reha bin ich in die Nähe von meiner neuen Arbeitsstelle gezogen und wartete, dass endlich die Sommerferien vorbeigingen. Dass jemand, der früher die Schule so sehr hasste wie ich, sich mal darüber freuen könnte, dass die Sommerferien endlich vorbei waren, bringt mich tatsächlich sehr zum Grübeln.

Aber heute war es endlich soweit: Mein erster Schultag, ich komme.

Mein Bein tut mir weh, jeden Tag. Vor allem, wenn ich laufe. Warum habe ich Depp den Gehstock daheim gelassen? Nur keine Schwäche zeigen, dass haben sie uns schon in der Grundausbildung beigebracht. Jetzt stehe ich vor dem Tor, des ‚Herschiba Kimmelmann – Internat für schwer erziehbare Mädchen und Jungen‘.

Hm. Jungen. Mit Jungs hatte ich es auch selten. Egal. Auf dem Schild des Internats hatte einer mit roter Farbe aus dem K ein P gemacht und einen phantasmagorischen Überpenis auf das Schild gemalt. Ich zog mein Handy aus der Hosentasche und machte ein Foto.

Ein griesgrämiger Mann kam mir entgegen, mit einem Eimer mit Chemikalien und einem Schwamm. Er schimpfte über die Jugend heutzutage. Ich legte meine Keykarte auf den Sensor beim Einfahrtstor und das Tor öffnete sich.

Der Griesgram blickte im Vorbeigehen auf und grüßte mich: ‚Ah, der Neue!‘

‚Ja, der Neue! Einen wunderschönen guten Morgen!‘ sagte ich freundlich, aber ohne zu lächeln. Das habe ich mir abgewöhnt, weil immer wenn ich mein Gesicht zu einem Lächeln verziehe, verziehen meine Narben mein Gesicht zu einer gruseligen Fratze und das verschreckt die Meisten.

Er ging an mir vorbei, griff an seine Mütze und sagte dann zu mir, in einem leicht ostdeutschem Dialekt: ‚Sie sind ein Wenig dürr für den Knochenjob! Nicht, dass sie uns am ersten Tag noch zusammenklappen!‘

Sein Dialekt war kaum erkennbar, aber ich erkannte ihn sofort. Viele meiner Sportlerkollegen kamen nach der Wende in den Kader und waren wirklich eine starke Bereicherung für den Sport. Was nun diesen Mann hierher verschlagen hatte, würde ich noch rauskriegen, also antwortete ich freundlich: ‚Nein, keine Sorge, so schnell kriegt man mich nicht klein.‘

Den Hausmeister hätte ich mal erleben wollen, wenn um einen herum die Granaten einschlagen. Ich humpelte kopfschüttelnd die Einfahrt entlang, dachte darüber nach, dass ich tatsächlich ziemlich viel Gewicht verloren hatte. Mein Appetit war so gut wie gar nicht vorhanden und mein Arzt meinte, dass das ganz normal wäre, bei einer beginnenden Depression. Die Medikamente, die er mir verschrieben hatte, habe ich mit meinen Schmerzhämmern das Klo runtergespült und mein Rezept für CBD endlich eingelöst. Ich verdampfe nun das, was andere in den Knast bringt. Der einzige Nachteil, das Autofahren sollte ich sein lassen, aber dafür habe ich gezwungenermaßen mehr Bewegung, alles zusammen hat sich die Sache mit dem Appetit auch irgendwie gelöst. Grübelnd trat ich durch die nächste Tür. Das Piepsen des Türöffners ging mir schon auf den Sack und ich war noch nicht mal im Schulgebäude. Ich ging also durch die zweite Tür und kam mir schon vor wie im offenen Vollzug.

Ich war gerade einen Schritt in der Schule und da rannte auch schon ein Mädchen an mir vorbei. Sie heulte und sah ziemlich verängstigt aus. Wie ich heulende Frauen hasse. Ein Kerl kam um die Ecke gebogen, ein richtiger Schlägertyp.

Als er an mir vorbei rasen wollte, hielt ich ihn auf.

‚Was geht hier vor?‘ rief ich in meinem üblichen Ausbilderbefehlston. Der Typ zuckte zusammen und blickte mich entgeistert an. Ich war doch einen ganzen Tacken größer wie er. Zum Glück bin ich ein ganzes Stück gewachsen, seitdem ich das letzte Mal in der Schule war.

‚Hey, ich will mit meiner Freundin reden!‘ stammelte er.

‚Ich geb dir mal n Tipp. Wenn deine Freundin, aus welchem Grund auch immer, flennt und vor dir wegrennt. Dann ist das vielleicht der Grund, dass du ihr nicht nachlaufen solltest.‘ versuchte ich ihm zu erklären.

‚Ja, aber!‘ versuchte sich der Typ zu rechtfertigen. Und danke lieber Gott für dieses: ‚Ja, aber!‘

‚Nichts ja aber! Name und Klasse!‘ rief ich in meiner üblichen Art, ohne darüber nachzudenken, dass ich vielleicht meinen Ton zügeln sollte, wenn ich mit Kindern redete. Gut, der Typ sah nicht aus wie ein Kind und er konnte den harten Umgangston anscheinend gut gebrauchen.

‚Heino Müller, Klasse 10 b!‘ kam es wie aus der Pistole geschossen.

‚Heino Müller, Klasse 10 b, sehr schön!‘ sagte ich und notierte mir den Namen auf einem Notizblock, den ich aus meinem Hemdsärmel gezaubert hatte. Irgendwie gefiel es mir hier.

Ich ließ den verdutzten Jungen stehen, ging weiter und hoffte inständig, dass da hinten das Lehrerzimmer war. Um die Ecke kniete eine Frau bei dem Mädchen, das sich allen Anschein nach schon wieder halbwegs beruhigt hatte.

‚Ist dieser Heino Müller, Klasse 10b, dein Freund?‘ fragte ich und blickte auf meinen Block.

‚Nein!‘ krächzte sie.

‚Ja, aber er denkt das!‘ meinte die Frau, die bereits aufgestanden war und mir die Hand hinstreckte. ‚Ich bin Abby Miller, Deutsch, Englisch, Kunst und Erziehungskunde bei den Mädchen!‘

‚Oh, guten Tag, Herbert Kowalski, Lehrer Geschichte, Sozialkunde!‘

‚Ähm und Sport und Erziehungskunde bei den Jungen!‘ erklärte sie mir.

‚Bitte was?‘ stolperte aus meinem Mund. Ich muss leicht hysterisch geklungen haben, als ich das fragte, weil sie mich amüsiert anblickte.

‚Der Unterrichtsplan wurde gestern nochmal geändert. Der Sportlehrer der Jungen hat sich vor 3 Wochen erhängt, dann gab es einen kleinen Skandal und die Chefin ist suspendiert. Das Jungen und Mädcheninternat wurden zusammengelegt. Willkommen im Chaos.‘ rief sie wieder und lächelte mich herzlich an.

‚Gut, nun zu dir, Mädchen.‘ Die Kleine stand auf, wischte sich die Tränen vom Gesicht und zog den Rotz hoch, bevor sie mich neugierig anblickte. ‚Also, wenn du nicht jeden Tag hier heulend durch die Gänge laufen willst, dann solltest du ein Exempel statuieren und zwar vor allen Leuten. Aber keine Gewalt, irgendwas Irrationales. Küss den Klassen-Nerd oder die Klassen-Nerdin, oder beide, was dir in den Sinn steht.‘

‚Fräulein Miller, was ist denn mit Müller los, der ging grad freiwillig in seine Klasse und es ist grade Mal…!‘ Der weißhaarige Mann, der zu ihnen gesprochen hatte, blickte auf die Uhr. ‚Es ist grade Mal 7.20 Uhr!‘

‚Ähm, guten Morgen Herr Direktor, da müssen Sie den Kollegen Kowalski fragen!‘

‚Guten Morgen, Herr Direktor! Ich habe seinen Namen auf meinen Block geschrieben und ich gab ihm Beziehungstipps, Herr Direktor!‘ machte ich stolz Meldung.

‚Gut Herr Kowalski. Kommen Sie gleich mit in mein Büro!‘

Ich folgte ihm und das Mädchen lächelte schon wieder. Diese Frau Miller grinste uns hinterher.

‚Mein Name steht da auf dem Schild. Aber ich habe es nicht so mit den Förmlichkeiten. Ich habe diesen Schießjob übernommen, weil sie keinen Besseren gefunden haben. Unser Ziel ist es hier, alle irgendwie zu einem Abschluss zu verhelfen und zwar so, dass sie einen richtigen Job kriegen und dem Staat nicht weiter auf der Tasche liegen. Wir haben zu wenig Lehrer, keine Mittel und die neue Schulreform und der Skandal haben uns die wenig durchdachte Zusammenlegung beschert. Ich musste mein Lieblingsfach abgeben, mache aber nun die Hausaufgabenbetreuung. Wir müssen nun alle zusammenhalten!‘

‚Herr Direktor Walddorfer!‘ Las ich auf dem Schild. ‚Ich bin ein Wenig überfahren. Ich weiß nicht, ob Sie meine Akte gelesen haben, aber ich kann mit den Jungen keine Erziehungskunde und im Moment keinen Sport machen.‘ Ich tippte gegen mein kaputtes Bein.

‚Ich habe mir Ihre Akte letzte Nacht sogar mit ins Bett genommen, wirklich sehr spannend. Haben Sie sich schon mal überlegt ein Buch zu schreiben? Sie sind ein Held. Genauso jemanden brauchen wir hier!‘

‚Ich habe aufgrund meiner sexuellen Ausrichtung darum gebeten, keine Jungen unterrichten zu müssen und deswegen hab ich mich auch für die Halbtagsstelle für das Mädcheninternat beworben.‘

‚Machen Sie sich keine Sorge, so schnell kommen Sie nie wieder von Teilzeit auf Vollzeit. Es wird sich keiner beschweren und ich gehe davon aus, dass Sie Ihre Finger bei sich behalten können! Wir sind hier nicht auf einer katholischen Schule, Herr Kowalski!‘ meinte der Direktor, grinste blöd und blickte mich fragend an, obwohl sein Satz nicht als Frage zu verstehen war, eher als Feststellung. Und sein Humor ging völlig an mir vorbei.

Ich zog nur eine Augenbraue rauf und erklärte dann: ‚Ich war bei der Bundeswehr und ich weiß mich zu benehmen!‘

‚Sehr gut! Ich bin ein Freund von unkonventionellen Mitteln und wir versuchen die Kinder auf das Leben da draußen vorzubereiten. Und bei der Jugend heutzutage sind Sie richtiger als Sie jetzt vielleicht denken. Denn wenn Sie den Kindern nicht zu einem dicken Fell verhelfen können, dann weiß ich auch nicht weiter. Die meisten Eltern können sich nicht beschweren, weil sie selbst im Knast sitzen, tot oder ständig auf Geschäftsreise sind. Den Eltern sollte klar sein, dass es für ihre Kinder keine Alternativen mehr gibt. Entweder die Kids packen das hier, oder sie haben ein Leben zwischen Harz IV und Knast vor sich.‘

‚Aber ich kann im Moment noch keinen praktischen Sportunterricht machen.‘

‚Ja, deswegen haben wir unseren Werklehrer Lempke gebeten für die praktischen Übungen einzuspringen. Er hat im Sommer schon das Ferienprogramm mit den Schülern gestaltet. Er war in der DDR mal Meister im Zehnkampf.‘

‚Warum macht er dann nicht den Sport?‘

‚Weil er eigentlich unser Hausmeister ist!‘

‚Ich dachte er wäre der Werklehrer?‘

‚Ja, Werken, Aufsicht und Berufsvorbereitung darf er machen, aber er ist halt kein Pädagoge.‘

‚Das bin ich auch nicht!‘

‚Ja, aber Sie haben doch bei der Bundeswehr Bildungswissenschaften, Geschichte und Sport studiert und waren jahrelang Ausbilder. Mit dem Aufbaustudium sind Sie Lehrer. Sie haben nicht mal Probezeit. Der Staat mag Sie und ich will Ihnen eine Chance geben, wieder aufs Pferd zu steigen.‘

‚So lange Sie Ihren Kopf hinhalten!‘

Er nickte und hörte sich nun an, wie ein richtiger Lehrer: ‚Holen Sie sich ihre Unterlagen im Lehrerzimmer ab und dann treffen wir uns alle in der Aula. Ich habe eine Ansprache zu halten. Dann gehen Sie in ihre Klasse. Viel Vergnügen an ihrem ersten Tag!‘

Ich ging kopfschüttelnd aus der Tür und vor der Tür stand das Mädchen von vorhin. Sie hatte scheinbar auf mich gewartet.

‚Wollt mich noch für Ihre Hilfe bedanken!‘ krächzte sie wieder und dann rannte sie einfach weg.

Noch mehr kopfschüttelnd ging ich ins Lehrerzimmer, dass netterweise gleich gegenüber vom Rektorenzimmer war.

Als ich das Lehrerzimmer betrat, wurde ich von Standing Ovations begrüßt.

‚Willkommen im Bootcamp!‘ meinte ein älterer Herr und klopfte mir auf die Schulter.

Erstveröffentlicht: 02.07.2013

Fortsetzung folgt vielleicht…

 

Klappentext

Klappentext

Halt die Klappe, ließ und dann kauf das Buch. Das ist die Aussage eines Klappentextes. Da wird der Inhalt des Buches in zwei Sätzen zusammengefasst, für eine Geschichte für die der Autor vielleicht Jahre gebraucht hat, um das in Worte zufassen, was sich in seinem Kopf zusammen gesponnen hat. Oder irgendeine Zeitungskritik, von jemanden, der auch nur eine schlechte Inhaltsangabe gelesen hat, oder bestenfalls den Klappentext der Erstauflage. Ich mag das Wort Klappentext nicht, es ist ein Typisch deutsches Unwort. So wie alles in Deutschland eine Normbezeichnung hat, hat auch der Klappentext eine Norm bekommen. Und wie ich es hasse in eine Norm gepresst zu werden.
Ich überlege wirklich schon lange, wenn ich mal eine meiner Geschichten soweit bekommen, dass tatsächlich einen Klappentext schreiben muss, dann muss da ja irgendwas stehen. Warum muss da was stehen?
Seit Anbeginn der Buchbinderei, werden Einbände von Büchern aus Papier oder Leder gemacht. Damals gab es keinen blöden Klappentext, um die Kauffreudigkeit des Kunden anzuspornen. Damals hat man jedes Buch gelesen, dass man in die Finger bekam, die Auswahl war meist nicht groß. Damals wurden Bücher solange gelesen, bis sie auseinander gefallen sind oder sogar mühsam repariert.
Allein die Beschaffenheit des Buches sagte oft schon so viel über das Buch aus. Und seit wann gibt es den Klappentext überhaupt?
Seit dem die Menschheit auch den Einband bedrucken kann. Genaugenommen seit 1904 als Karl Robert Langewiesche den Schutzumschlag erfand.
Himmel, ich verfluche den Erfindungsreichtum von dem ehrenwerten Herrn Langewiesche, wenn er uns wenigstens den Klappentext erspart hätte.
Ich finde Menschen, die Aufgrund des Lesens eines Klappentextes ein Buch kaufen, echt komisch. Gut ich finde auch Briefmarkensammler komisch. Die finden mich bestimmt auch komisch. (Überlege mir gerade, wie ich aus Versehen in einen Philatelistenkongress rein platze und mich alle pullundertragenden Teilnehmer anstarren, weil sie auch viel lieber auf die Fetischparty gehen würden, auf die ich eigentlich wollte, als ich dir Tür verwechselt hatte.)
‚Wenn Sie denken, dass der Inhalt dieses Klappentextes wichtige Entscheidungshilfen für den Kauf dieses Buches enthalten würde, dann haben Sie sich geirrt. Der Autor findet Menschen, die sich von Klappentexten beeinflussen lassen, äußerst suspekt. Lesen Sie das Buch und machen Sie sich selbst ein Bild darüber. Wenn Sie unbedingt einen Klappentext brauchen, um ein Buch kaufen zu können, kaufen Sie sich bitte ein Buch von Günther Grass.‘
Mein Klappentext ist vielleicht ein bisschen kontraproduktiv, aber die Menschen wissen woran sie sind, wenn sie ihn lesen. Wenn sie deswegen mein Buch nicht kaufen, dann kann ich sie insgeheim mit Verachtung strafen, dass sie nicht hinter die Fassade gesehen haben… man weiß nur was drin steht, wenn man das Buch auch aufschlägt.
Ich habe eine Fleißaufgabe für meine ganzen klappentextlesenden Freunde, geht doch mal in ein Buchladen und kauft ein Buch, weil euch der Titel anspricht oder euch ein Gefühl leitet, wenn ihr das Buch in die Hand nehmt. Zu hause könnt ihr den Klappentext lesen und überlegt euch, ob ihr das Buch gekauft hättet, wenn ihr es nur von hinten betrachtet hättet.
Eines weiß ich, ich würde kein Buch kaufen auf dem nur ‚Klappentext‘ steht. Wobei, wenn ich ehrlich bin, weiß ich nicht warum so viele Menschen ein Buch kaufen, auf dem ‚Fifty Shades‘ steht. Durch den Hype um ‚Fifty Shades‘ habe ich mittlerweile gelernt überhaupt kein Blatt mehr vor den Mund zu nehmen.
Ich habe diesen Text vor über 10 Jahren geschrieben und meine Meinung zum Thema Klappentext hat sich nicht geändert.
Mittlerweile habe ich mich mit dem Bücherbinden ein wenig beschäftigt, war auf Mittelaltermärkten unterwegs, habe mich dazu mit vielen anderen Gewerken beschäftigt und bin schlussendlich wieder beim Liverollenspiel gelandet.
Wir schreiben Geschichten, die dann durch unsere Teilnehmer laufen lernen und binden den Plot in liebevoller Handarbeit in Heftform für unsere Veranstaltungen von Inseln der Macht. Manchmal ist da der Plot versteckt, manchmal nur blöde Ideen oder lustig frivole Geschichten von unserem Plotteam.
Papier war zu Zeiten des ersten Buches rar und teuer und so kommt auf unseren Schutzumschlag sinnvolle Werbung.
Die Bücher bzw. Hefte sind meist für ein Kupfer unseres Spielgeldes erhältlich oder man sie sich einfach erspielen. Die ‚Unterm Ladentisch‘ wird mittlerweile schon für ein Silber gehandelt und sie ist nach wie vor unter dem Ladentisch der Feuchten Hütte oder jeder anderen Taverne der Inseln der Macht erhältlich.
Einige Geschichten vom ‚Unterm Ladentisch‘ sind aus meinen alten Geschichten entstanden und haben ihren Weg in die Hände unserer Spieler gefunden.
Viel Spaß beim stöbern, finden und lesen meiner Geschichten!
Callabutterfly

Wortkarg

Wortkarg

Manchmal, wenn dir die Worte fehlen.
Manchmal, wenn du nicht weißt, wie du einen Satz beginnen sollst.
Manchmal, wenn dir die Worte im Halse stecken bleiben.
Manchmal fallen die Worte nichtssagend aus deinem Mund.
Manchmal, wenn du über deinen Schatten springen willst.
Springen über die Mauern hinweg, die dich nur all zu oft einengen.

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Einengen in deinem Sein.
Sein, das ist das was du sein willst.
Einfach nur sein.
Da sein.
Nicht alleine sein.
Zusammen sein.
Aber du stehst da allein.
Allein und bringst kein Wort über die Lippen.
Wortlos.
Wortkarg.
Du stehst da.
Einfach so.
Da im Regen.
Du sagst kein Wort.
Der Regen redet für dich.
Jeder Tropfen schreit es hinaus.
Sie schreien es hinaus, wo du nichts sagen kannst.
Der Himmel weint, wo du keine Träne mehr vergießen kannst.
Des Lachens müde, bist du stumm.
Wer schreit es hinaus?
Das was du nicht sagen kannst.
Können.
Wollen.
Es wird nie jemand erfahren.
Du musst es sagen. Müssen.
Deine Gedanken schreien es hinaus.
Ob es je jemand hören kann, wenn du nicht endlich den Mund auf machst.
Erstveröffentlichung 04.01.2010
Published in: on 25. Mai 2020 at 12:48  Kommentar verfassen  
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Traum durch die rosarote Brille

Traum durch die rosarote Brille

pinkIch wache auf und alles ist rosa und schimmert so komisch. Ich reibe mir die Augen und nein, ich habe keine rosarote Brille auf der Nase. Ich liege in einem rosa Bett und jemand hat mich mit einer rosa Folie zugedeckt, auf der lauter Pferde und Herzen aufgedruckt sind. Ich versuche mich freizuwurschteln und stürze aus dem Bett. Meine Nase klebt am Boden, der auch rosa ist und alles scheint aus Plastik zu sein. Ich befinde mich nicht mehr in meinem bewohnbaren Kleiderschrank, nein ich scheine in dem begehbaren Kleiderschrank einer alten Jungfer zu sein. Und alles ist voll Glitzer. Ich schaue an mir herab und nein, ich bin kein 12jähriges Mädchen mit blönden Zöpfen. Ich trete gegen einen Stuhl, der gleich in alle seine Einzelteile zerspringt und ich bewaffne mich mit dem Stuhlbein. Nur für den Fall der Fälle, dass ich hier im Twilight-Traumhaus des Todes gelandet bin. Komm nur raus, miez, miez miez! Ja wo ist er denn, der Sparklefool!

Ich schleiche an die Tür und tippe sie an und sie fällt aus den Angeln. Dahinter ist ein rosa Badezimmer und jemand steht in der Dusche. Schaum quillt aus der Dusche. Als ich auch nur in die Nähe der Dusche komme, geht die Duschkabine wie von Geisterhand auf und drin steh ein Plastikmann ohne Schwanz. Der ist mir mehr als suspekt. Und immer wenn mir so komische Dinge passieren, denkt mein Unterbewusstsein nicht daran mir gescheite Waffen an die Hand zu legen. Ein Königreich für eine Schrotflinte.

Dann werde ich den unbehaarten Schwanzlosen wohl mit dem Stuhlbein vertrimmen müssen, sobald er sich bewegt. Weil was keine Seele hat und sich trotzdem bewegt, ist entweder ne Maschine oder ein Untoter und / oder Zombie. Und nachdem Maschinen nur in Autowaschanlagen duschen dürfen, sag ich nur: Tod dem Zombie!

 

Erstveröffentlichung am 26.02.2013

Tanz in den Mai!

Tanz in den Mai!

Ging ein Mann (50) ganz ohne darüber nachzudenken in ein Tanzlokal. Es hieß ‚Tanz in den Mai‘.

Ja, wunderbar denkt er sich, es ist ja Frühling und da kann Mann ja mal schauen, wer sich Heut zu Tage in so einem Tanzlokal so herum treibt. Er denk sich auch nichts Böses, denn er hat ja schließlich seine Ehefrau dabei.

Es wurde getanzt und getrunken und sich unterhalten. Es war grad so, wie man sich einen Tanz im Mai so vorstellen würde.

In einem unachtsamen Moment seiner Frau, stand er nur für einen gefühlten Bruchteil einer Sekunde allein an der Bar, spielte ganz verträumt an dem Fruchtspießchen in seinem leeren Cocktailglas herum und träumte wahrscheinlich an ergreifende Momente der (Film)geschichte, die er mit seiner Frau zusammen noch einmal in seinen Träumen durchlebte.

Und genau deswegen dachte er sich wieder nichts dabei, einen Moment allein an der Bar zu sitzen, weil er ist ja schließlich verheiratet, er hat seinen Ehering am Finger und er war in Gedanken schließlich gerade Julius Cäsar, der gerade seiner Cleopatra den Hof machte. Und schließlich war er ja kein 12jähriges Mädchen mit blonden Zöpfen. Aber genau so wird er sich bald fühlen…

‚Ich bin die Helga!‘ hörte er eine tiefe, tiefe Stimme hinter sich. Er kommt sich nicht nur so vor, wie ein kleines 12jähriges Mädchen mit blonden Zöpfen, sondern auch noch wie Rotkäppchen und dem Hörer in der ‚Rufmichan!‘-Telefonzentrale.

Dann spürt er eine kräftigte, kräftige Hand auf seiner Schulter. Am Liebsten wäre er in diesem Moment wieder ein kleiner Junge gewesen, der sich noch in die Hose bieseln hätte dürfen, um dann mit einer Watschen seiner Mutter sich sprichwörtlich hätte verpissen können.

Er wollte nicht, aber die Höflichkeit und der Anstand erwarteten von ihm, dass er sich genau jetzt umdrehen sollte. Verängstigt und sehr, sehr zögerlich drehte er sich also doch um und blickte auf ein tiefes, tiefes Dekolletee. Er selber war wahrlich nicht von großer Gestalt, aber dass das Weibchen namens Helga gleich drei Köpfe größer war wie er, hatte ihn dann doch sehr, sehr verwundert. Er musste seinen Kopf ganz nach hinten biegen, um ihr großes, großes Gesicht da oben auch nur erahnen zu können.

‚Ich bin der Luigi!‘ stotterte er und blickte weiter widerwillig auf die Möpse vor seiner Nase. Und irgendwie kam er sich vor wie Luis de Funès in einem Bild von Picasso. Irgendwas an seiner Optik schien ganz schön verschoben zu sein. Normalerweise wäre er genau jetzt in seinem Ehebett aufgewacht und seine Frau würde neben ihm friedlich schlummern.

 

Er trat sich selbst auf den Fuß.

Er wachte nicht auf.

Er versuchte es nochmal.

Er wachte nicht auf.

Verdammt es war kein Traum.

 

Sein Instinkt sagte zu ihm: ‚Lauf weg, da stimmt was nicht!‘

Aber der Anstand und die Hoffnung, dass seine Frau ihn retten würde, hielt ihn so fest, wie die Pranke, die ihn tatsächlich an Ort und Stelle hielt.

‚Dein Glas ist ja ganz leer, Süßer!‘ schrie sie ihn förmlich an, so dass sich seine Gesichtszüge, wie in einem schlechten Comic strafften. Verwirrt suchte er nach der Zigarre in ihrer Hand und dem Glas Whiskey, weil eine Frau mit so einer aussagekräftigen, tiefen, tiefen Stimme, musste ein starke, starke Zigarrenraucherin und Whiskeytrinkerin sein.

‚Oh ja, mein Glas ist ja so leer!‘ stammelte er und seine Blicke suchten panisch nach seiner Frau.

Diese Helga wedelte nun mit ihrer anderen Pranke nach dem Barkeeper und schrie wieder: ‚Dann sollten wir dein Glas aber ganz schnell wieder anfeuchten… Barkeeper, ein Glas Milch für den jungen Mann und ein Appletini für mich!‘

Dann riss sie sich den Fruchtspieß aus seinen zitternden Händen und zog ganz, ganz langsam die Cocktailkirsche vom Spieß und schob sie ganz furchtbar langsam zwischen ihre großen, roten Lippen. Zum Glück konnte er nur erahnen, was sich auf Kopfhöhe ihrerseits abspielte, so dass er nicht gleich dem Wahnsinn anheim fiel. Das passierte erst als sie den zu einem Herz geknoteten Stiel der Kirsche aus ihrem großen, großen Mund zog und auf seine Serviette legte. Am Liebsten wäre er einfach am Boden zerflossen und im Erdboden versunken. Und wo zum Teufel war sein Frau.

Vor Scham blickte er schließlich zu Boden, als der Barkeeper mit einem breiten Grinsen im Gesicht das Glas Milch gegen sein leeres Glas austauschte und die Serviette mit dem Kirschstielherz vor ihm liegen ließ. Der Barkeeper, der genauso lautlos grinsend, wie er erschienen war, auch wieder verschwand, schien wesentlich mehr über diese Helga zu wissen. Jetzt wurde ihm erst gewahr, dass er schon einen langen Moment auf ihre Lackschuhe gestarrt hatte.

Ja, Lackschuhe mit Schleife in Schuhgröße 44 müssen wirklich schwer zu kriegen sein.

Helga beugte sich nun zu ihm runter und versuchte in sein Ohr zu flüstern. ‚Kannst du meine Unterwäsche sehen, wie sie sich in meinen Lackschuhen spiegelt.‘

Er starrte sie fassungslos an und schüttelte verwirrt den Kopf, während er sich im Ohr bohrte und dabei hoffte, dass er nicht taub werden würde, wenn diese Helga ihm weiter ins Ohr ‚flüsterte‘.

‚Weißt du, ich hab immer Angst, dass mir die Jungs nur auf meine Lackschuhe starren, damit sie mein Höschen sehen können!‘

Sein Verstand war schon längst Gassi gegangen, seine Frau schien vom Erdboden verschluckt worden zu sein und diese Helga hatte Sorgen, dass irgendjemand ihr Höschen durch ihre Lackschuhe sehen könnte. Wo war Chuck Norris, wenn man ihn brauchte.

Sie kam noch näher und presste ihre großen, groben Lippen an sein Ohr: ‚Soll ich dir ein Geheimnis verraten?‘

Er versuchte den Kopf zu schütteln, aber sie hielt ihn an seinem Kinn fest und hauchte ihm zu: ‚Genau deswegen habe ich gar kein Höschen an!‘

Und das Lachen, dass nun erschallte, erinnerte ihn an das fürchterliche Lachen des schrecklichen Sven aus Wickie und die starken Männer. Aber nachdem er ernsthaft versuchte an seiner nicht mehr vorhandenen Spucke zu ersticken und gleichzeitig nach irgendetwas langen, spitzen zu suchen, damit er sich die Augen ausstechen konnte. Bevorzugte sein Verstand und sein Instinkt in seinem Kopf einen kinskiesken Schreianfall zu bekommen: ‚Du hast auf die Lackschuhe geschaut. Du hast auf die Lackschuhe geschaut. Du hast auf die Lackschuhe geschaut!‘

Als er endlich erlöst wurde.

‚Schatz, da bist du ja!‘ hörte er seine Frau sagen.

Und als sie endlich in sein Blickfeld trat und diese Helga endlich von ihm ab ließ, sah er das breite Grinsen im Gesicht seiner Frau. Dann flüsterte sie wirklich leise in sein Ohr, während sie Lippenstiftreste von seinem Lauscher putzte. ‚Du weißt schon, dass Helga früher mal Herbert hieß, oder?‘

Sternchen tanzten um seinen Kopf und kleine 12jährige Feen mit blonden Zöpfen zauberten noch mehr Sterne, während der kleine, dicke, gelbe Luis de Funès in seinem Kopf laut: ‚Nein!‘ rief und sich mit der flachen Hand auf den spärlich, behaarten Kopf schlug. Seine Frau redete ungeachtet seiner geistig und körperlichen Verfassung weiter: ‚Metoo ist ein wichtiges Thema und Männer sollten das auch mal am eigenen Leib erfahren, wie das ist! Danke Helga, die Drinks gehen auf mich!‘

Dann klappte sie ihrem Mann den Mund zu und meinte: ‚Trink deine Milch aus, Schatz!‘

(Ähnlichkeiten mit Personen aus dem realen Leben sind in einer fiktiven Geschichte gar unmöglich und somit reiner Zufall. Ein Name wurde von der Redaktion geändert und ansonsten noch so einiges dazu gedichtet.)

Eine wunderschöne Blumenwiese im Schneesturm… Teil 2

Eine wunderschöne Blumenwiese im Schneesturm… Teil 2

Der enorme Körper meines Begleiters drehte sich zu mir hinunter und der verschobener Blick eines entstellten Gesichtes blickte mich allwissend an. Zwei ungleiche türkis-lila Augen blitzten mich überirdisch an. Eines seiner Augen war riesig, es kam mir so vor, als wäre das Auge aus einem dieser Geschwüre entstanden. Das Gesicht war für den riesigen Körper viel zu schmal und endete in sieben zuckenden Tentakeln. Dieses groteske Auge hatte meinen Blick so gefesselt, dass mir diese Tentakeln gar nicht aufgefallen waren.

Mein Verstand wagte nicht zu ergründen, ob das Wesen nun neben mir stand, saß oder schwebte, oder ob die Dimensionen für ihn keine Bedeutung zu haben schien.

Ich konnte noch nicht mal mit aller Sicherheit sagen, ob er wirklich ein Er war.

Er musste ein Er sein, weil die mächtige, tiefe Stimme in mir Dinge wachgerufen hatte, die ich in dieser Situation nicht erwartet hätte. Die Vorstellung, dass die sieben Tentakeln nicht alles gewesen sind, was sich an seinem Körper herab schlängelte, ließ meinen eh schon verlorenen Verstand nicht mehr zurückkehren.

Die Vorstellung eines siebenschwänzigen Überwesens ließ mich nur kaum größenwahnsinnig werden und die Frage, warum er sich gerade mich heraus gesucht hatte, werde ich wohl nie erfahren.

Dieser mächtige Körper schien mir nur das schwache Gefäß für etwas noch Gewaltigeres zu sein. Das Gewaltige, was unter seiner Haut waberte, hatte den Anschein mich jeden Moment verschlingen zu wollen. Dieses Wesen war so gewaltig, dass es keine Macht der Welt in einen menschlichen Körper pressen hätte können. Und der Versuch sah nicht nur äußerst strafbar aus, die Folgen würde ich wohl am eigenen Körper erfahren, wenn sich das Ding aus seinem Gefäß ergießen sollte.

cthulhu_800

Ich werd einen Scheißdreck die einzige Überlebende sein. Jetzt wäre der richtige Zeitpunkt um ein Stoßgebet an das Universum zu senden. Aber an welches Universum? Dieses Wasauchimmer war definitiv nicht von dieser Welt oder von diesem Universum. Ich habe keine Ahnung welchen überdimensionalen Traum ich da gerade träumte oder in welches Raumzeitkontinuum ich beim Träumen gerutscht war. Aber hier war ja wohl mehr als nur die Ordnung gestört und durcheinander geraten.

Und der riesige lebende Behälter wartete anscheinend nun reglos auf das Bersten seiner Selbst. Die Geschwüre blähten sich immer mehr auf, die Hand ließ mich und den roten Stuhl los. Der Stuhl blieb auf den zwei vorderen Beinen stehen und ich versuchte mich erst nicht zu bewegen, oder gar zu atmen.

Im Augenwinkel konnte ich Tentakelenden erkennen, die aus den Geschwüren geschossen kamen. Ich werde allein von der Druckwelle des Raumes, den der noch gewaltigere Körper einnehmen wird, mit samt dem Stuhl umstürzen und von der Klippe in die stürmische See gefegt werden. Ich versuchte mich so vorsichtig wie möglich nach hinten zu lehnen und hoffte, dass der Stuhl mit mir nach hinten fallen würde.

Hätte ich doch nur nicht an die Möglichkeit eines siebenschwänzigen Überwesen gedacht, dann würde ich wahrscheinlich immer noch in meinem Bett liegen und mich in meine Schafsfelle kuscheln und von wunderschönen Blumenwiesen träumen.

Der Boden unter mir erbebte und der Stuhl begann mit mir zusammen nach vorne zustürzen. Ich warf mich mit einem Ruck nach hinten und der Stuhl fiel zum Glück mit mir in den Schnee. Eiskristalle klirrten unter mir und die zerborstenen Splitter durchbohrten meine Haut. Der gefrorene Schnee kam unter mir ins Rutschen und ich schlitterte mit dem Stuhl zusammen den scheinbar ungefährlicheren Teil der Klippe hinunter.

Ich sah die Hülle des Überwesens unter der eigenen Macht zerbrechen und das Gewaltige was nun das Licht der Welt erblickte, ließ meine Gedanken wieder ins Chaos stürzen. Der Gedankenschinder war klein und niedlich gegenüber von dem was sich nun über die Klippe ins Meer ergoss.

Eine riesige Welle schwappte über die Klippe und gefror sogleich. Was für ein Glück, sonst wäre ich mitten in einem Schneesturm ertrunken und erfroren zugleich.

Meine Rutschpartie endete auf einer Erhöhung. Ich blickte über meinen Kopf hinweg, auf ein verschneites Dörfchen. Es war alles auf dem Kopf. Ich blickte nach oben und dann über die Sitzfläche hinweg zur Klippe.

Eine Welle nach der anderen schwappte auf die Klippe und gefror im nächsten Moment. Hinter den Eiswellen konnte ich unzählige Tentakeln erkennen. Das Eis splitterte und explodierte in tausend Stücke. Der Stuhl unter mir gab nach und der Boden brach unter mir zusammen. Das musste das Ende sein. Ich stürzte mit Unmengen Schnee und Eis in die Tiefe.

Ich erwachte durch laute Rufe, Hundegebell und Motorenlärm. Er hatte doch recht behalten, es war nicht das Ende, es musste der Anfang sein. Ich machte die Augen auf. Meine Augen waren verschleiert und ich konnte nur Schemen sehen.

Ein großer heller Fleck und Lichtblitze. In meinem Kopf rumorte immer noch das Chaos. Irgendwelche Hände fassten mich an und hoben mich hoch. Die Berührungen waren nichts im Vergleich mit der Berührung meines Gedankenschinders. Langsam konnte ich meinen Körper wieder spüren. Ich hatte das Gefühl zu schweben. Jetzt war alles wieder hell. Stimmen kamen langsam durch das Chaos. ‚Sie lebt. Alle anderen sind erfroren!‘

Mir schwanden wieder die Sinne. ‚Hey Lady! Nicht Schlafen, Sie müssen jetzt wach bleiben!‘ Eine starke Hand hielt mich an der Schulter fest und eine andere Hand tätschelte mein Gesicht. Die Erinnerung an diesen Schultergriff ließen mir wieder die Sinne schwinden und nur der nächste Schlag ins Gesicht holte mich ins Diesseits zurück.

‚Ich sagte, nicht einschlafen!‘ rief die Stimme streng. Ich gehorchte und blieb wach. Der Klang der Stimme kam mir irgendwie bekannt vor. Ich öffnete die Augen. Ein grelles Licht blendete mir ins Auge und der Reflex versuchte meine Augen wieder zu schließen, wurde dann aber auf einer Seite von zwei Fingern unterbrochen. ‚Das sieht doch ganz gut aus!‘

Langsam setzte sich ein Bild in meinem Kopf zusammen. Ich lag in einem Rettungswagen. Der Sanitäter hatte einen blauen Overall an. Er drehte mir gerade den Rücken zu. Da stand Feuerwehr. Hm.

Ich hörte eine Meldung durch das Radio im Fahrerraum. ‚…Schneesturm… Halbinsel eingeschneit… Dächer eingestürzt… Todeslawine… 49 Tote und nur eine Überlebende, die noch in Lebensgefahr schwebt und zu dieser Zeit in das nächst gelegene Krankenhaus gebracht wird!‘

Der Sanitäter drehte sich zu mir um und lächelte mich an. ‚Ich glaub, die reden da von Ihnen! Aber keine Sorge Sie schweben mir nirgendwo mehr hin!‘

Er packte mich wieder bei der Schulter und schaute mich allwissend an. Seine Augen funkelnden türkis und lila und traten dabei leicht aus den Augenhöhlen. An seiner Hand konnte ich eine grüne Ader sehen, die langsam an schwoll und irgendwo unter seinem Overall verschwand…

Ich schreckte schreiend, völlig verschwitzt und schwer atmend hoch. Mein Körper fühlte sich so an, als hätte ich einen Marathongepäckmarsch hinter mir. Meine Hände waren in mein Schafsfell vergraben und die Finger waren völlig verkrampft und taten weh. Den leeren Blick gegen die weiße Wand gerichtet, verharrte ich. Langsam kam mein Verstand wieder zu mir zurück.

Himmel, was war das für ein abartiger Traum. Der Fernseher flackerte und es liefen die Nachrichten. ‚Schneechaos in ganz Deutschland… Schneesturm… Halbinsel eingeschneit… Dächer eingestürzt… 49 Tote und nur eine Überlebende, die…!‘

Meine Finger lösten sich langsam aus dem Fell. Meine Nägel hatten tiefe Wunden in meine Handfläche getrieben. In einer Hand hielt ich eine zerquetschte Blume. Ich schlug die Decke zurück und meine Zehen waren voll Erde, Moos und Gras. Dann hörte ich die Worte, klar und deutlich in meinem Kopf. ‚Es ist nicht tot, was ewig liegt, bis dass die Zeit den Tod besiegt.‚ Seine Stimme werde ich mein Leben lang nie vergessen.

Fortsetzung folgt…

Published in: on 18. Januar 2019 at 20:30  Kommentar verfassen  
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