253 nach X – Teil 3

253 nach X – Teil 3

smogMeine Sinne schwinden. Die Luft ist knapp. Obwohl alles gefroren ist, ist mir ganz schön warm. Meine Finger sind taub und ich kann meine Zehen nicht mehr spüren. Der Raumanzug macht mich völlig wahnsinnig. Nicht der richtige Ort um Platzangst zu kriegen.

Sobald die Sauerstoffanzeige meiner Raumkapsel auf einen kritischen Wert sinkt, werde ich den Helm wieder anziehen müssen. Dann dauert es eh nicht mehr lange, bis ich ersticke. Eine Warnleuchte brennt schon eine ganze Weile. Der Kohlendioxidgehalt ist irgendwie zu hoch. Ich fühl mich auch irgendwie gar nicht gut. Wir Übrigbleiber sind es halt nicht gewohnt, reinen Sauerstoff zu atmen.

Der Boardcomputer sendet automatisch ein Notsignal, was mir wahrscheinlich überhaupt nichts nützen wird, es wird mich keiner retten können, man hat ja die Raumfahrt verboten. Wie kamen die nur auf so einen Mist. Ich werde hier wahrscheinlich sterben. Völlig allein im All. In der Stille. Ich war nie so deprimiert, wie jetzt und mein Leben war vor meinem kleinen Ausflug schon beschissen genug. Ich hätte gerne einmal in meinem Leben einen richtigen Whisky getrunken, nicht von dem synthetischen Zeug, einen richtigen echten Whisky. Dann wollte ich schwimmen lernen, auch wenn ich es nie brauchen werde, die Meere sind so verseucht, dass keiner mehr Schwimmen gehen kann, ohne zu verrecken. Und Wasser haben wir nie genug, dass wir auch nur eine Badewanne voll kriegen würden. Zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel. Aber selbst jetzt, wo ich wahrscheinlich ziemlich bald verrecken werde, will ich irgendwie nicht aufgeben.

Nachdem ich mit meiner Ansprache alle Verbote aufgehoben habe, wollte ich mir eigentlich noch gepflegt den Kasper schnäuzen, bevor ich abtrete. Aber mein Raumanzug ist nicht gerade für Selbstbefriedigung konstruiert worden. Mein Leben ist wirklich ein Alptraum. Da scheiß ich doch auf die Meinungsfreiheit, ich hätte gerne mehr Bewegungsfreiheit. Ich will wenigstens noch einmal loslassen, bevor mich mein Leben los lässt.

Die Scheiben in der Raumkapsel sind vollständig zugefroren und ich habe entschieden, dass ich bis zu meinem Ende weiter die Sterne ansehen will. Ich schnalle mich also ab und ich schwebe an die Decke.

Ein Hochgefühl, mein Magen macht einen Hüpfer, als ich mich in der Luft drehe. Es strengt mich ziemlich an, als ich versuche die Scheiben freizukratzen. Die Frostbrösel rieseln mir ins Gesicht. Hm. Schnee! Schön.

Als ich endlich ein Stückchen freigekratzt hatte, damit ich hindurch linsen konnte, lies die nicht vorhandene Schwerkraft für einen Moment nach. Die Raumkapsel trudelte durchs Nichts. Ich klammerte mich fest, damit ich weiter durch die Scheibe sehen konnte. Der Mond taumelte alle paar Momente vorbei. Es sah aus, als hätte eine Maus ein riesiges Loch aus dem Käse gefressen. Boa, Käse. Ich hätte jetzt gerne Käse. Geschmolzen.

Ich muss einen Moment nicht aufgepasst haben, der Mond scheint verschwunden zu sein. Aber eben war er doch noch da. Gut, er war nicht mehr ganz vollständig, aber er war noch da! Verdammt, jetzt hab ich ein richtig schlechtes Gewissen. Ich bin der Mann, der den Mond auf den Gewissen hat. Ach, du Scheiße!

Irgendwas blendete mich. Was ist das. Doch nicht die Sonne. Altes Mädchen, dass ich dich noch mal sehen darf. Danke. Jetzt kann ich sterben. Ich lies den Haltegriff los und die fehlende Schwerkraft lies mich nur langsam auf den Sitz sinken. Aus Reflex schnallte ich mich wieder an. Aber eigentlich schloss ich grad mit allem ab. Ade, du grausame Welt. Fick dich.

Irgendwas Blaues rauschte am Fenster vorbei. Ich blickte auf, die Erde. Der Frost an der Scheibe war teilweise verschwunden und ich sah ein merkwürdiges Glühen. Die Erde huschte wieder vorbei, blau, grün. Wie hypnotisiert starrte ich auf die Scheibe. Blau, Grün, Blau!

Warum Grün. Grün. Was Grünes hab ich schon lange nicht mehr gesehen. Als die Raumkapsel in die Erdatmosphäre eintrat, wurde mein Verstand von einer Ohnmacht erlöst.

Den Aufprall bekam ich schon nicht mehr mit.

Ich wurde erst wieder wach, als mir die Sonne ins Gesicht schien…

Fortsetzung folgt….vielleicht irgendwann!

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253 nach X – Teil 2

253 nach X – Teil 2

smogMein Leben war immer trostlos, bis zu diesem Tag. Heute. Der Tag meiner Erkenntnis. Der Tag an dem meine Vermutungen und noch mehr ausnahmslos bestätigt wurden. Vermutungen, die eigentlich auch verboten sind. Und ‚eigentlich‘ ist auch verboten. Und vieles was ich an diesem Tag verfahren werde, würde ich gar nicht wissen wollen, wenn ich eine Wahl gehabt hätte.

Ich beginne also mal wieder einem weiteren trostlosen Arbeitstag. Ich habe jede Menge Wahlwerbung vor meiner Tür entsorgt. Sagen wir mal so, ich sammle diese Plastikblätter bis ich eine Recyclingbox voll habe, damit kann man heut zu Tage eine Menge Kröten verdienen. Papier steht mittlerweile unter Naturschutz, nachdem es keine Wälder mehr gibt. Wobei das Wort Naturschutz ist eigentlich auch schon lange überholt, weil so eine richtige Natur gibt es nicht mehr. Bei dem tropischen Klima und der Umweltverschmutzung wächst kein Gras mehr. Die Aufforstungsprogramme sind alle fehlgeschlagen. Und die paar Palmen, die Sie gepflanzt haben, animieren nicht mal die Hunde zum Pinkeln. Ach Hunde sind zwar nicht verboten, sind aber die Hauptnahrungsquelle.

In meiner Wohnung stapeln sich also die Recyclingboxen, für jede Menge Müll. Mülltrennung ist eines Jedermanns Hobby in der Großen Stadt. Und nachdem mir im Viertel R eine Wohnfläche von 18 m² zur Verfügung stehen, habe ich und mein Müll gerade mal so viel Platz, um nicht jeden Tag Amok zu laufen. Mein Heim ist so klein, dass es ganz gut ist, dass wir hier im Viertel nur Männer und Schwule haben, weil hierhin abschleppen kann man wirklich keine.

Nachdem ich also meine Geldbörse aufgebessert habe, in dem ich den Müll vor meiner Tür weggeschafft habe, habe ich ein Räumkommando gerufen, weil sich wohl mehrere Wahlhelfer vor meiner Tür gegenseitig abgestochen haben. Ich hoffe, die Jungs vom Räumkommando haben die Leichen bis heute Abend weggeräumt, weil dann stinken sie bestimmt schon, bei der Affenhitze, die wir heute wieder kriegen werden. Vorteil für mich, dass sie vor der Tür jede Menge Wahlwerbung verstreut haben, die mir eigentlich nicht zugestanden hätte. Ich sammle einfach alles auf, nachdem sich aber sowie keiner für irgendwelche Leichen interessiert, noch nicht mal die Parteien, für die sie gearbeitet haben. Als Wahlhelfer ist man nun mal der letzte Abschaum. Am Ende landen sie nur in der Leichenverwertungsstelle.

Da wird alles recycelt, was die Übrigbleiberärzte nochmal bei jemand anderes einbauen können und der Rest wird verbrannt und dabei wird Energie gewonnen. Es ist zwar nicht gerade effektiv, aber zum Verbrennen haben wir nur noch unrecyclbaren Müll und Leichen. Deswegen ist die Energie auch so teuer, die Sonne scheint ja auch nie, weil sie nie durch den Dunst kommt, und wenn der Dunst mal fort ist, regnet es.

Eigentlich ein ganz normaler Tag, bis ich zu den drei Jungs in der Aufzugbar komme und meinem Tabak holen wollte. Ich kriege auch meinen Tabak und ein Streichholzbriefchen. Ich habe noch nie ein Streichholzbriefchen bekommen. Es war ein Streichholzbriefchen mit Streichhölzern aus echtem Holz. Das Holz fühlte sich fantastisch an. Auf dem Streichholzbriefchen stand Werbung von einer Bar. Von der Mond-Bar. An der Grenze von Viertel S und Viertel R. Hinter den Streichhölzern stand: ‚Hilfe! Kommen Sie bitte!‘

Es war das erste Mal, dass ich völlig unrasiert aus dem Haus rannte. Ich radelte in Windeseile zu dieser Bar. An der Theke war niemand. Der Barkeeper hatte mir den Rücken zu gedreht. Ich ging zur Theke und legte das Streichholzbriefchen auf den Tresen. Der Barkeeper drehte sich um und deutete aufs das Klo. ‚Das Klo mit der Aufschrift -DEFEKT-! Sie werden bereits erwartet.‘

Ich ging aufs Klo, schaute kurz in den trüben Spiegel und schritt zu der Klotür mit der Aufschrift -DEFEKT-. In dem Moment als ich die Tür öffnen wollte, sah ich nur noch Sterne. Meine Lichter gingen aus, noch bevor mein Kopf auf dem Boden aufschlug.

Ich erwachte mit höllischen Schmerzen zwischen den Ohren. Ich war auf einem Behandlungsstuhl angeschnallt.

‚Ah, Sie sind wach!‘ Eine verzerrte Stimme kam durch einen Lautsprecher, der an der gegenüberliegenden Wand über einem riesigen Spiegel hing.

‚Bürger 3490564 VR0209X228! Sie wurden auserwählt mit einer Einmannrakete auf den Mond zu fliegen und dort nach dem Rechten zu sehen!‘

‚Ihr habt doch nen Schaden, ich bin Rikschafahrer, ich hab Rechte, ich bin in der Gewerkschaft!‘

‚Rechte? Hah! Ihre Gewerkschaft ist irrelevant!‘

‚Wir sind von der Gesellschaft zur Rettung der Menschheit. Es ist ihre Pflicht uns zu unterstützen.‘

‚Ihr könnt mich mal!‘

‚Wir haben ihnen den Bürgerchip entfernt. In einer Stunde schießen wir sie auf den Mond!‘

Ich hörte ein zischenden Geräusch neben mir und ich war wieder weg. Ich wachte erst wieder auf, als ich nach einem heftigen Knall in den Stuhl gepresst wurde. Ich saß in einem Cockpit und ich sah nur Sterne. Verdammt viele Sterne. Nicht nur in meinem Kopf.

Ich dachte ich hätte schlecht geträumt, die schießen mich doch nicht wirklich auf den Mond. Dafür lande ich im Knast, wenn ich die Scheiße überlebe.

Am Cockpit gingen einige Lichter an und die verzerrte Stimme ertönte wieder:

‚Dies ist eine Aufzeichnung. Sie befinden sich in einer Einmannkapsel auf den Weg zum Mond. Es ist jetzt 107 Tage her, dass wir keine Signale mehr vom Mond empfangen haben. Die Machthaber auf der Erde haben dies ignoriert. Wir nicht. Wir möchten gerne, dass sie das Kontrollzentrum finden und vom Mond aus die Wahrheit verbreiten.‘

Toll, was für eine Wahrheit. Egal. Ich kann den Mond sehen. Der Mond wird immer größer und größer. Der Mond hat eine merkwürdige Beule an einer Seite. Sieht wie ein abartiger Pickel aus. Der Mond wird immer großer, bis ich den Pickel nicht mehr sehen kann. Die Mondlandschaft füllt mittlerweile die Fenster völlig aus, keine Sterne mehr, nur noch Mond. Ich glaube jetzt ist es soweit, ich bin am Ende auch durchgeknallt. Ich sehe wieder Sterne und wache erst wieder auf, als die Kapsel auf der Mondoberfläche aufschlug. Ich kämpfte mich aus dem Sitz und aus der Kapsel. Ich habe einen Raumanzug an und an meiner Hand war meine Knarre festgebunden. An meinem Fuß war ein Metallkoffer an einer langen Kette befestigt. Ich hopse auf der Monderoberfläche zu einer gigantischen Kuppel hin. Der Pickel! Es scheint kein Licht. Nur die Sonne. Ich habe mal einen illegalen Historienstreifen von der ersten Mondlandung gesehen, dafür wäre ich auch beinahe in den Knast gekommen. Der erste Mann auf dem Mond hat gesagt: ‚Das ist ein kleiner Schritt für den Menschen… ein… riesiger Sprung für die Menschheit.‘

Toll, ich hopse jetzt genauso bescheuert auf dem Mond herum, einen Metallkoffer hinter mir her schleifend. Die künstliche Gravitation ist mal voll für den Arsch. Und von wegen Atmosphäre, ich bin gerade richtig froh, dass meine Entführer mich in diesen Raumanzug gesteckt haben.

Oh Mann, ich bin wirklich entführt worden. Ich weiß gar nicht, ob Entführungen auch verboten sind. Endlich bin ich an der Kuppel angekommen, bloß wir komme ich da rein. Ich laufe an der Kuppel entlang, bis ich zu einer Tür komme. Es ist eine Luftschleuse. Und ich bin drin. Drinnen sieht es wie in einem riesigen Eisfach aus. Und wir haben endlich Gravitation und Luft. Ich öffne meinen Helm und mache mich an dem Koffer zu schaffen. Als ich ihn öffne, habe ich wohl einen Mechanismus losgetreten. Mich blinkt ein Display an, der langsam aber stetig auf null zählt. Ich habe noch 14:49 Zeit. Spitzenmäßig. Hier ist es wirklich ziemlich kalt. Es ist die Frage, ob ich erst erfriere und dann in die Luft gesprengt werde oder umgekehrt. Ich laufe einen endlosen Gang entlang, die Kofferbombe in der Hand und ich muss ziemlich aufpassen, dass ich nicht ausrutsche. Es ist spiegelglatt. Ich quetsche mich durch eine halbgeschlossene Tür und stehe in einer riesigen Halle. Das Innere der Kuppel hat tatsächlich sowas wie eine Atmosphäre, ich kann schwere Wolken sehen und es fallen weiße Punkte von der Decke. Sie sind kalt und schmelzen auf meiner Haut. Es muss Schnee sein. Es ist Schnee. Wenn ich jetzt sterben muss, gerne. Ich spüre Schnee auf meiner Haut. Am liebsten würde ich mich splitterfasernackt ausziehen und im Schnee herum springen. Piep, Piep. Ja, da war ja was. 14:45 Zeit. Ich wate durch den Schnee. In der Mitte der Kuppel ist ein großer Glaskasten. Das sieht irgendwie aus, als wäre es so was wie ein Kontrollzentrum.

Bei 13:57 Zeit trete ich die Tür zum tatsächlichen Kontrollzentrum ein. Hier ist es nur unwesentlich wärmer. Die Bildschirme haben eine dicke Eisschicht. Ich mache mich an den Schaltflächen und Tastaturen zu schaffen. Es macht erst ‚Bling‘ und dann geht ein Alarm los. Eine nette Damenstimme ertönt aus allen Lautsprechern: ‚Sie haben die automatische Selbstzerstörung gewählt. Sie haben noch 10.00 Zeit um zu den Rettungskapseln zu gelangen.‘ Ich schaue auf meinen Display im Koffer. 09:58. So ein Zufall. Ich werde in 10 Minuten mit einem gewaltigen Bums in die Annalen der Geschichte, die auch verboten sind, eingehen. Und zwar als der größte Idiot auf Erden und im ganzen Universum. Der, der den Mond gesprengt hat. Scheiße, nicht mit mir. Ich reiße meine Knarre von meinem Arm und schieße mir die Kette vom Bein.

Als ich auf den Notfallplan starre, der zufälligerweise neben dem Pult hängt, fällt mir ein großes Mikrofon auf. Ich wische die Knöpfe frei. ‚Erde (alle Kanäle)‘ Ich denke nicht mehr und drücke einfach. Ich hoffe, dass mich wenigstens irgendjemand versteht: ‚Ich bin B3490564VR0209X228 und ich wurde von der Gesellschaft zur Rettung der Menschheit entführt und zum Mond geschickt. Die Überlebenden sind alle tot. Erfroren. Welch Ironie des Schicksals, der Klimaerwärmung entflohen und dann im All erfroren. Das Vermächtnis der Überlebenden ist Folgendes: Die Übrigbleiber sollen die bewohnte Welt nach ihren Geschicken leiten und lenken. Alle Verbote sind mit sofortiger Wirkung aufgehoben. Statt dessen gibt es neue Gebote. Du sollst nicht töten. Du sollst nicht stehlen. Du sollst nicht betrügen. Du sollst nicht lügen. Du sollst nicht wählen. Du sollst glauben an dich selbst. Du sollst sagen was du denkst. Es lebe die freie Meinungsäußerung. Die Bombe die jetzt gleich hochgeht, haben mir die Entführer ans Bein gebunden. Ich war nur der dumme Briefbote. Ich würde gerne mehr sagen, ich habe keine Zeit mehr. Ich muss dann mal weg…lebt wohl!‘

Ich schaue nochmal auf den Plan, schaue nochmal auf die Displays und renne los. 05:06 Zeit. Das wird echt knapp. Ich renne durch die Halle ans andere Ende und sehe hinter einer weiteren Luftschleuse eine Rettungskapsel. Ich habe keine Ahnung, wie ich es geschafft habe, aber die Rettungskapsel schießt aus der Kuppel und hinter mir macht es einen megamäßigen Knall. Die Druckwelle beschleunigt meinen Flug. Ich werde an den Sitz gepresst und hoffe nicht, dass der Mond jetzt wirklich explodiert ist. Wäre schade drum. Und ich hoffe inständig, dass die Raumkapsel mich irgendwie wieder heimbringt.

Jetzt treibe ich hier im All und sehe die Sterne. Es ist ganz schön kalt hier. Das Kondenswasser gefriert und rieselt von der Decke der Raumkapsel. Ich bin voll im Arsch, aber es schneit.

Es lebe die Meinungsfreiheit.

Fortsetzung folgt….vielleicht irgendwann!

253 nach X – Teil 1

253 nach X – Teil 1

smogX ist der Beginn der Zeitrechnung nach dem Was, dass wir vergessen haben. X ist, als sich alle Weltreligionen gegenseitig ausgelöscht haben. Die Welt stand vor dem aus, aber eine neue Zeitrechnung begann. Die Menschen fingen von vorne an.

Nach den Religionen gab es nur noch Die Banken, Die Industrie und Die Wissenschaften.

Die Banken, Die Industrie und Die Wissenschaften nannten sich die Überlebenden. Die Überlebenden wollten zu fernen Ufern aufbrechen.

Sie auf den Mond fliehen und schickten Pioniere auf den Mond, die sollten den Mond für die Überlebenden bewohnbar machen. Die Pionierarbeit auf dem Mond war hart und forderte noch mehr Opfer. Nach der Pionierphase des Mondes wurden die ersten Siedler, die auserwählte bessere Bürger waren, auf den Mond verbracht. Sie sollten eine neue Welt erschaffen, eine bessere Welt. Die Oberfläche des Mondes wurde bebaut, künstliche Gravitation wurde geschaffen und an der künstlichen Atmosphäre wurde fieberhaft gearbeitet.

Während sie die Oberfläche des Mondes veränderten, veränderte sich auch die Erde. Ebbe und Flut blieben aus. Die Sache mit der Ebbe und Flut hätte auch Auswirkungen auf die Klimaerwärmung, haben Sie uns gesagt. Die Menschen drehten trotzdem durch. In der vermeintlich letzten Phase der Mondbesiedelung wurde die wissenschaftliche und finanzielle Elite auf den Mond verbracht und die Übrigbleiber blieben unten.

Die Übrigbleiber sind die, die über geblieben sind. Über in einer Welt in der alles verboten ist. Und das öffentliche Leben wird von oben gesteuert. Von ganz oben. Unerreichbar von unten. Unerreichbar für einen Übrigbleiber.

Seitdem tobt also ein anderer Krieg, langsam, leise und schleichend, aber es ist Krieg. Die Banken, Die Industrie und Die Wissenschaften gründeten irgendwann die Drei Großen Parteien und die regieren, die uns bekannte Welt. Es wurden viele Dinge verboten, damit niemand mehr radikale religiöse Gedanken umsetzen könne. Es wurden erst alle Art von religiöser Ausübung und ihre Versammlungsstätten verboten. Dann wurden Rucksäcke und Vollbärte verboten, sowie Rosenkranzwürgeketten. Dann wurden alle Arten von Rollkoffern und Aktenkoffer verboten. Hochhäuser über 100 Stockwerke, Flugzeuge und Kleintransporter auch. Laptops, Computerspiele, Privatfernsehen, Geschichtsbücher, Handys und Funkgeräte ebenfalls verboten. Alles ist verboten!

Zum Glück gibt es noch ein paar Laster, die Sie den Übrigbleibern gelassen haben, wie Drogen, Alkohol, Rauchen, Mord, alle Arten von Körperverletzung, Tattoos, Körperschmuck, Kondome und Sex vor der Ehe sind überall erlaubt, auch auf der Straße! Ach, die Ehe hat man auch verboten. Mir wäre es lieber, wenn Sie die Wahlen verbieten würden. Aber den Gefallen tun Sie uns nicht.
Die Ordnungskräfte arbeitet nur noch für Die Industrie, um Die Banken zu beschützen. Die Gefängnisse sind mit Industrieverbrechern und Gläubigen voll gestopft. Gläubige, die an nichts glauben, weil sie es nicht mehr kennen. Weil sie sich nicht erinnern können. Gläubige sind nur arme Schweine, die nur zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Auf den Straßen herrscht dass Chaos. Irgendwann haben die 3 Großen Parteien ungefähr 250 kleinere Parteien gegründet, um uns von der Trostlosigkeit und vom Chaos abzulenken. Abzulenken von dem, was die Überlebenden aus der Erde gemacht haben. Die Funktionäre, der Drei Großen Parteien, sind auch nach oben. Nach oben mit den letzten Raumfähren. Raumfähren wurden dann auch verboten worden. Die Übrigbleiber sind sich selbst überlassen worden, aber keiner weiß es, weil überall laufen Wahlwerbetrailer und berieseln uns den ganze Tag mit nicht fundierten Halbwahrheiten. Für jede Minderheit gibt es eine Partei und jeder hetzt gegen jeden. Wir stehen ein paar Tage vor der nächsten Wahlen und es ist der Horror. Aber das ist meine Meinung und eine eigene Meinung ist ebenfalls verboten.

Ich? Ich bin ich und lebe im Jahre 253 nach X in der Großen Stadt. Die ganze bewohnte Welt ist eine Stadt. Namen? Namen sind nur Schall und Rauch und auch verboten! Meine Nummer ist B3490564VR0209X228 kurz Bürger 3490564. Sie haben jeden Übrigbleiber ein Senderchip in den Fuß gepflanzt. So haben die Ordnungskräfte immer und überall den Überblick über die Übrigbleiber. Das keiner aus der Reihe tanzt. Keinen Grund, um sich den Fuß abzuhacken…

Die Wahlen nerven. Die Wahlhelfer werden immer gerissener, um einen fest zunageln, sie geben sich gegenseitig die Klinke in die Hand und die Klinge in den Hals. Die kommen sogar zu mir in den 86 Stock. Wir haben zwar einen Aufzug, aber der ist immer kaputt.

Vor meiner Tür häufen sich nicht nur die Wahlwerbehoch- glanzbroschüren, sondern jeden trostlosen Tag die Leichen der Wahlhelfer. Habe mir ernsthaft überlegt, ob ich mir eine antike Schneeschaufel kaufe. Schneien tut es auch schon lange nicht mehr, die Klimaerwärmung wurde zwar aufgehalten, das hat zwar uns allen das Leben gerettet, aber der Schnee ist ausgestorben. Ich habe noch nie Schnee auf meiner Haut gespürt. Niemand den ich kenne, hat jemals Schnee auf seiner Haut gespürt. Aber jeder träumt davon. Gerüchte sagen, wenn man mit den Fingernägeln im Eisfach kratzt und den Eisstaub sich übers Gesicht rieseln lässt, ist es wie Schnee. Seit die letzten Gletscher geschmolzen sind, hat Die Wissenschaft zwar Einiges getan, aber wir haben jetzt Tropisches Klima, Regenzeit, MalariaX und eigentlich keine Inseln mehr, aber dafür verdammt viel Meer. Die Landstriche, die nicht überschwemmt worden sind, sind entweder tropisch oder Wüste oder schlimmer. Und nachdem sowieso die Hälfte der uns bekannten Welt beim Krieg X verstrahlt und/oder verseucht worden ist, gibt es nicht mehr so viel Platz für uns alle. Die Sache mit den Hochhäusern über 100 Stockwerke macht des Ganze nicht besser. Aber seit dem der Mond alle verrückt macht, dezimieren sich die Übrigbleiber gegenseitig.
Obwohl Die Wissenschaften die letzten Jahre an der Macht waren, sind die Menschen nur noch kränker und noch irrer geworden. Es gibt weiter schlimme Krankheiten. Wenn man auf die Straße geht, ist die Frage nur die, werde ich von irgendeiner schlimmen Krankheit dahin gerafft oder werde ich von irgendeinem irren Kranken nieder gestreckt.

In einem der kaputten Aufzüge wohnen 3 Männer, die eine Bar betreiben. Sie stecken gerade auf Stockwerk 40 fest, es ist mir täglich eine Freude, wenn ich bei ihnen vorbei komme. Der künstliche Whisky ist zwar grässlich, aber nachdem ich noch nie einen echten Whisky getrunken habe, macht mir des Saufen auch keinen großen Spaß. So rauche ich irgendein künstliches Tabakzeug. Für stärkere Drogen hab ich nichts übrig. Im Erdgeschoss steckt der Aufzug mit meinem Körperkünstler, er kümmert sich darum, dass sich keiner einen Vollbart stehen lässt und er tätowiert, pierct, färbt die Haar, kümmert sich um meinen Flat und man kriegt so manche Gerüchte mit. Ratet mal, Gerüchte sind auch verboten.

Ich muss jeden Tag auf die Straße, seit dem die U-Bahnen und Züge verboten wurden. Als Solarrikschafahrer ist man nun nicht mehr ein weiterer arbeitsloser Krimineller, man hat eine ehrliche Arbeit. Und das können nicht mehr viele von sich behaupten. Aber trotz alle dem, man strampelt sich den ganzen Tag ab, nachdem Benzin auch verboten ist und weil die Sonne quasi nie durch die Dunstglocke scheint, sind die Batterien meines Solarspeichers meistens leer, also heißt es strampeln. Also kotze ich mir jeden Tag die Seele aus dem Leib, die Sonne ist zwar irgendwo da oben. Ich weiß es, ich kann ihren Schatten durch den Nebel sehen.

Ich sollte zum Rauchen aufhören. Zum Leben ist es zu wenig und zu sterben ist es zu viel. Ich wohne im Viertel R für Rikschafahrer und sonstige Hilfskräfte und Lieferanten, wie es auch anders zu erwarten war, sind in meinem Viertel fast nur Männer. Kein Grund, um schwul zu werden. Ich komme mehrmals am Tag nach S für Schwestern, Krankenschwestern, ärztliche Helferinnen und sonstigen Pflegepersonal. Und seitdem die Spitzenärzte mit nach oben sind und es den Übrigbleiberärzten verboten ist, mit dem Personal zu vögeln, fällt für uns arme Schlucker, die ein oder andere Schwester ab.

Ach, ja Selbstbefriedigung ist auch verboten, warum weiß keiner mehr, es sollte glaube ich die Wirtschaft angekurbelt werden. Also werden die meisten Männer in meinem Viertel Notschwul oder sie fallen über jede Schwester her, die ihnen unter die Räder kommen. Nachdem die im Viertel S, die Einzigen aus der Unterschicht sind, die überhaupt Kinder kriegen dürfen, ist es ihnen meistens ganz recht und viele wollen freiwillig unter die Räder kommen. Ein kleiner Gesundheits- und Gencheck und schon ist man Vater, der unzähligen Kinder, die übrigens auch verboten sind. Die Aufzucht der Kinder werden im Viertel K für Kindergärten und Krankenhäuser erledigt, das liegt direkt neben S und ist gleichzeitig der Arbeitsplatz für die meisten Schwestern. Dort werden die Kinder großgezogen und wenn sie 18 sind nach ihren Fähigkeiten auf die jeweiligen Vierteln verteilt. Wollen wir mal hoffen, dass was Besseres aus ihnen wird. An die Zeit in der Aufzuchtstation kann ich mich kaum erinnern, obwohl ich erst 25 bin und gerade mal schlappe 7 Jahre in der freien Welt lebe. Frei!? Alles klar! Aber Widerspruch ist auch verboten.

Meine Rikschafahrerpartei und Gewerkschaft hat vor Jahren gesetzlich vorgeschriebene Dienstwaffen durchgedrückt. Jetzt habe ich die Knarre und es vergeht fast kein Tag, an dem ich die nicht benutzen muss, meistens muss man sich irgendwelcher irren Amokläufern erwehren. Da wird man schon paranoid, aber Paranoia ist nur gesund und wird von der Gewerkschaft noch fördert.

Eigentlich ganz schön trostlos, ich bin ein unschwuler, bewaffneter, rauchender Rikschafahrer, ich saufe ungern und nehme keine Drogen, meine Kohle trage ich zu meinem Körperkünstler oder stecke sie in Energie, damit ich mich nicht jeden Tag ab strampeln muss. Mich zieht es jeden Tag nur auf den Bock, in der Hoffnung, mir läuft eine Schwester über den Weg. Oder auch zwei, oder drei.

Fortsetzung folgt…vielleicht

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