Herbstnacht Teil 2

Herbstnacht Teil 2 (eine ganz und gar fiktive Geschichte)

‚Hey, Lady! Wachen Sie auf, es ist nicht die richtige Zeit um mitten auf der Straße ein Nickerchen zu machen!‘ sagte eine männliche Stimme mit einem ruhigen Unterton zu ihr, als sie gerade wieder zu sich kam. Jemand haute ihr sachte gegen die Wangen. ‚Erschrecken Sie nicht wieder, ich glaube ich blute…ein Wenig!‘

Sie schlug blinzelnd die Augen auf. In ihrem Augenwinkel konnte sie wieder die Taschenlampe sehen, die neben ihr zu schweben schien. Ihre Augen verdrehten sich und ihr schwanden wieder die Sinne.

Als sie erneut erwachte, strahlte ihr helles Licht entgegen, als sie versuchte die Augen zu öffnen. Sie kniff die Augen zusammen und blinzelte, ein Schauer lief ihr über den Rücken. Sie lag auf einem Metalltisch. Hinter ihr hörte sie etwas Plätschern und ein leichtes Stöhnen. Sie drehte sich auf die Seite, um sich besser umwenden zu können. Ihr Kopf sauste immer noch. Ein großer Mann stand mit nacktem Oberkörper und verbundenen Armen an einem Waschbecken und versorgte seine Wunden. Sie sah, wie er eine brachial aussehende Wundnadel von einem Tablett nahm und Anstalten machte, sich selbst Nähen zu wollen. Durch ein lautes Räuspern ihrerseits unterbrach sie sein Vorhaben. Er wand sich um und blickte sie an.

‚Sie wollen sich doch nicht etwa selbst nähen?‘ fragte sie entsetzt.

‚Das war mein Plan!‘ meinte er kurz.

Sie erhob nicht nur eine ihrer Augenbrauen, sondern machte auch den Versuch sich aufzusetzen. Hastig legte er die Nadel wieder auf das Tablett und war mit ein paar schnellen Schritten schon an ihrer Seite, um sie zu stützen.

‚Nicht so hastig, Lady! An Ihnen hängt noch eine Infusion. Ihr Blutdruck war vorhin ein Wenig besorgniserregend!‘ meinte er und deutete auf den Schlauch, der von ihrem Arm nach oben führte zu einem Infusionsbeutel.

‚Oh!‘ kam es nur kurz aus ihrem Mund, dabei starrte sie ihn an.

‚Oh.. ja…ähm…ich habe uns ja gar nicht vorgestellt! Ich bin Dr. Engelmacher und ähm… Attila hier wollte sich noch entschuldigen!‘ Dabei schlug er sich gegen den Oberschenkel und im selben Moment kam ein schwarzer Riesenhund auf ihn zu gestürmt, der dann auf einen weiteren Wink seines Herren hin, sofort Sitz machte und den Kopf schief legte.

‚Er ist noch jung und ein Wenig übereifrig!‘ meinte er entschuldigend und tätschelte dabei den riesigen Schädel des Tieres. Sabber lief dem Hund aus dem Maul und tropfte auf den Fliesenboden. Und dem Dr. ran wieder Blut das Gesicht hinab.

‚Oh, Dr. Engel…ähm…sie bluten!‘ stotterte sie. Er wollte sich aus Reflex das Blut aus dem Gesicht reiben, doch sie hinderte ihn daran. ‚Und dieser Hund, wie jung er auch sein mag, ist nicht gerade steril!‘ Sie machte eine dramatische Pause und fuhr dann fort. ‚Wenn Sie mir bitte mit dem Tropf helfen würden, dann versorge ich ihre Wunden.‘

Während sie ihm weiter an der Hand festhielt, ran weiter Blut über seine Stirn und Wangen, doch er schaute sie nur unverwandt an. ‚Oh, Verzeihung. Ich bin Oberschwester Hildegard! Herr Dr. würden Sie nun bitte den Tropf herunter holen, damit ich mich um ihre Verletzung kümmern kann.‘

Reichlich irritiert beugte er sich an ihr vorbei und griff nach dem Infusionsbeutel. Von der plötzlichen Nähe zu seinem nackten Oberkörper, schoss ihr das Blut ins Gesicht und ihre Wangen erröteten blitzartig. Unsicher schaute sie zu dem Hund, der immer noch artig vor ihr saß und vor sich hin sabberte. Dann fing sie sich wieder und befahl dem Hund mit fester und ernster Stimme: ‚So Attila, sei ein braver Hund und lass mich dein Herrchen verarzten.‘

‚Attila, ab ins Wartezimmer!‘ meinte Dr. Engelmacher. ‚Und bleib da, bis ich dich hole!‘

Mit einem Lächeln im Gesicht übergab er den Infusionsbeutel und setzte sich dann bereitwillig auf seinen Behandlungstisch.

‚Danke Dr. Engelmacher.‘ meinte sie und nahm den Beutel an sich. Hastig klemmte sie die obere Lasche des Beutels unter dem Träger ihres BH fest, so dass er ihr von der Schulter hing. Dann machte sie sich auf, ihre Hände zu Waschen. Sie suchte alle nötigen Utensilien zusammen und legte sie neben ihren Patienten. Dann desinfizierte sie ihre Hände und zog sich Gummihandschuhe über die Hände. Mit erhobenen Fingern kam sie zum Behandlungstisch und schaute mit prüfenden Blick sein zerschrammtes Gesicht an, um dann mit der Versorgung seiner Wunden zu beginnen.

‚Sie heißen doch nicht wirklich Hildegard, oder?‘ fragte er.

‚Sie sind nicht der Einzige mit einem …äh… interessanten Namen!‘ erwiderte sie etwas pikiert.

‚Deswegen hab ich mich auch für Tiermedizin entschieden.‘ meinte er kurz. Er schluckte schwer, weil sie nun die Nadel in die Hand nahm und Anstalten machte, ihm die Kopfplatzwunde zuzunähen.

‚Möchten Sie noch etwas Schweinebetäubungsmittel, bevor ich anfange?‘ meinte sie recht ernst, grinste dann aber.

Sie setzte den ersten Stich, dann fuhr sie fort: ‚Mein Name ist Stefanie und ich bin OP und Oberschwester in der Notaufnahme!‘

Er biss nur die Zähne zusammen und stieß bei jedem weiteren Stich die Luft zwischen den geschlossenen Zähnen hinaus. Als sie fertig war, reinigte sie noch sein restliches Gesicht und fuhr fort. ‚Ich hab sie ja wirklich ganz schön erwischt! Zeigen sie mir mal ihre Arme.‘ Er zeigte bereitwillig seine verbundenen Arme. ‚Oh, das suppt schon durch! Und was macht der Kopf?‘ fragte sie.

‚Wie mein Kopf?‘ fragte er kopfschüttelnd, dann grinste er: ‚Er ist noch dran und dank Schweinebetäubungsmittel…‘

‚Sie sind sicher, dass sie nicht…!‘ er unterbrach sie unsanft in dem er ihre Hand festhielt. ‚Nein, ich hatte einen Helm auf und bei der Flugrolle über ihr Auto war ich noch bei vollem Bewusstsein, bis ich dann mit dem Gesicht auf der Straße gebremst hatte. Wenn es mir in den nächsten Stunden schlecht werden sollte, können Sie mich ja in den Schweinekernspin stecken!‘ Dann lächelte er sie an und lies ihre Hand wieder los.

‚Sie haben nen Schweinekernspin?‘ fragte sie.

‚Klar! Da kann man aber auch Kälber reinstecken.‘ Er streckte ihr seine Hand hin und fuhr fort: ‚Ähm. Ich heiße übrigens Rutger. Und kann ich ihren richtigen Namen erfahren?‘

‚Ich heiße Stefanie Hildegard und irgendwo in meinem Namen hat sich ein Nachname versteckt!‘ meinte sie schulterzuckend, streckte ihm aber dann doch ihre Hand hin. Beide mussten lachen. Unbemerkt nahm er ihre Hand und führte sie zu seinem Mund. Bevor er ihr einen würdevollen Handkuss aufdrückte, zog er ihr den Gummihandschuh vom Handrücken.

‚Ich muss Ihnen noch was beichten!‘ sagte er etwas kleinlaut. ‚Ja, also, ihr Auto ist ziemlich kaputt und vollgeblutet und bitte sein Sie nicht böse, wenn ich ihnen jetzt einen Spiegel in die Hand drücke.‘ Das tat er dann auch und sie blickte kritisch in den Handspiegel, den er ihr eben in die Hand gedrückt hatte. Sie hatte ebenfalls eine bereits geklammerte Platzwunde auf der Stirn, ein paar Schrammen und Beulen und zwei richtig schöne Veilchen.

‚Ein klassische Brillenhämatom?‘ meinte sie kühl, aber schwindelig wurde ihr trotzdem.

‚Apropos Brille!‘ lächelte er unsicher. ‚Ihre Brille und ihre Nase sind angebrochen. Ich würde sie gerne über Nacht hier behalten und morgen sehen wir weiter.‘ Er war vom Behandlungstisch gesprungen, zum Waschbecken gelaufen und kam mit einer silbernen Petrischale wieder zu ihr zurück. Sie hatte sich indes wieder setzten müssen.

‚Sagen sie bloß, dass sie mich in den Schweinekernspin gesteckt haben!‘

‚Ja, hier sind Ihre Ohrringe.‘ meinte er und drückte ihr die Petrischale in die Hand.

‚Ja und?‘ Sie schaute ihn fragend an.

‚Und was?‘ Er lächelte ihr unsicher entgegen. ‚Ach, die Aufnahmen. Keine Ahnung, ich bin nur Viehdoktor!‘ Dann grinst er wieder. ‚Keine Sorge. Es ist alles soweit in Ordnung. Ich würde Sie aber trotzdem gerne über Nacht hierbehalten.‘

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Herbstnacht Teil 1

Herbstnacht Teil 1 (eine ganz und gar fiktive Geschichte)

Die Lichtkegel von Scheinwerfern erhellten zwei weiße Flecken in das triste Schwarz der Nacht. Ein Auto fuhr auf einer einsamen Landstraße entlang. Der Wind blies das Laub, der vereinzelnd stehenden Bäume, auf die Straße. Am Steuer saß eine Frau und sie nestelte an ihrem Radio herum. Ungeduldig drückte sie die Knöpfe und verteufelte dabei ihre Entscheidung so weit außerhalb der großen Stadt gezogen zu sein. Hier draußen gab es noch nicht mal Radioempfang. Aber hier draußen war es schön ruhig. Nur in der Nacht war es hier zu ruhig.

Das Rauschen ihres Radios begleitete ihre triste Fahrt. Sie fuhr diese Strecke viel zu oft und davon viel zu oft in der Nacht. Wenn sie heim fuhr, kam sie meistens von der Nachtschicht. An Tagen, an denen sie eigentlich keine Nachtschicht gehabt hätte, wäre sowieso im Krankenhaus meist die Hölle los gewesen und sie wäre dann auch erst im Dunkeln nach hause gekommen.

Heute war es nicht nur dunkel, es war stockdunkel und der Herbst hatte alles voll im Griff. Nebelschwaden behinderten ihre Sicht. Aber sie war eh viel zu müde, um rasen zu können, deswegen fuhr sie, dem Wetter angepasst, relativ langsam. Genau deshalb hatte sie auch das Gefühl nie anzukommen. Ihre Augen fielen ihr alle paar Minuten zu. Das Radio nervte sie jetzt so, dass sie es ausschalten musste. Dabei hatte sie einen Moment lang nicht auf die Straße geachtet. Es huschte plötzlich etwas Großes direkt vor ihrer Stoßstange über die Straße. Sie bremste refelxartig. Der Wagen geriet ins Schleudern und während sie noch krampfhaft versuchte gegenzulenken, knallte irgendwas gegen ihre Seitenscheibe. Sie blickte erschrocken zur Seite, lenkte noch energischer gegen und brachte den Wagen schließlich irgendwie zum Stehen. War das Blut an ihrer Seitenscheibe? Sie griff an die Scheibe. Es war außen. Das müssen mehrere ziemlich große Viecher gewesen sein.

Auf Grund des Nebels konnte sie draußen nichts weiter erkennen. Zitternd schob sie ihre Brille wieder auf die Nase, griff dann zum Handschuhfach und versuchte es zu öffnen. Vergeblich. Sie hatte ihre Hände nicht mehr unter Kontrolle. Völlig entnervt biss sie sich in die Hand und versuchte es nochmal. Es klappte. Sie zog eine Taschenlampe aus dem Handschuhfach, dabei fielen einige Dinge heraus. Ein ‚Mist!‘ kam aus ihrem Mund. Kopfschüttelnd schweifte ihr Blick über ihr Handy, dass in der Freisprecheinrichtung klemmte. Wie es nicht anders zu erwarten war, kein Netz. Weiter den Kopf schüttelnd, entschloss sie spontan wieder in die Stadt zu ziehen. Als sie die Autotüre aufschwang, ertönte das ‚Das Licht ist noch an!-Pfeifen‘ und sie wollte so schnell wie möglich aus dem Auto, um die Türe wieder schleißen zu können, damit das Pfeifen endlich aufhörte. Sie blieb aber beim Aussteigen an ihrem Gurt hängen. Abschnallen wäre bereits vor dem Aussteigen eine sehr gute Idee gewesen. Das machte sie jetzt auch. Sie hatte nur flüchtig wahrgenommen, dass die Tür beim Aufschwingen gegen etwas Metallenes gestoßen war und jetzt halb offen stand. An ihrem Schlüsselbein reibend stieg sie dann schließlich weitestgehend unfallfrei aus ihrem Wagen, knipste dabei die Taschenlampe an und leuchtete ziellos umher. Sie gab der Tür einen Tritt, diese fiel ins Schloss und der Pfeifton verstummte. Augenblicklich drehte sie sich um und blickte auf die Seitenscheibe. Die Taschenlampe flackerte. Die Luft zwischen den Zähnen einsaugend, haute sie die den Kopf der Stablampe nervös gegen ihre Hand, die immer noch zitterte. Das Flackern verschwand wie durch ein Wunder und sie leuchtete schnell nochmals zu der Scheibe. Es war tatsächlich Blut. Dann strahlte sie auf den Boden. Der Nebel schien sie und ihr Auto völlig umzingelt zu haben. Was war das? Ein Fahrrad? Ach, du Scheiße. Sie leuchtete wild um sich und hastete um ihr Auto herum. Ihr Eigenversuch sich selbst dabei zu beruhigen, gelang ihr keineswegs. Ihr Herz schlug so laut in ihrer Brust, dass sie das leise Stöhnen überhaupt nicht wahrnahm. Als sie um den Kotflügel der Beifahrerseite hastete, stolperte sie über etwas. Sie kam mit einer ungeschickten Bewegung zu Fall, die Taschenlampe rutschte ihr aus der Hand und rollte von der Fahrbahn die Böschung hinunter. Eine Weile blieb sie reglos liegen, bevor sie sich kopfschüttelnd an ihrem Auto hoch zog und dabei irgendwie die Beifahrertür öffnete. Das Licht ging an, das Pfeifen zum Glück nicht. Ihr Blick blieb an der Stelle haften, an der sie eben gerade gestolpert war. Wie durch ein Wunder war ihre Brille noch auf ihrer Nase. Dort lag etwas. Schwankend stürzte sie wieder zu Boden. Sie konnte nur schemenhaft einen Körper erkennen, die Tür warf einen Schatten in die eh schon viel zu dunkle Nacht. Plötzlich strahlte ihr ein Licht ins Gesicht und etwas rempelte sie an. Sie schrie laut auf. Wenn sie nicht schon längst auf dem Boden gekniet hätte, wäre sie vor Schreck und von der Wucht des Aufpralls wohl wieder gestürzt. Die Taschenlampe schlug ihr mit voller Wucht ins Gesicht und dann viel sie ihr einfach in den Schoß. Unter Schmerzen wischte sie ihre Brille vom Kopf. Ihr war, als würden ihre Sinne vollends schwinden. Sie schüttelte benommen den Kopf, damit sie jetzt nicht ohnmächtig werden würde. Dann versuchte sie das Schwirren in ihrem Kopf abzustellen, in dem sie ihren Kopf mit beiden Händen versuchte festzuhalten. So verharrte sie eine lange Weile, dabei starrte sie in den Nebel, bis ein merkwürdiges Winseln sie aus ihrer Starre riss. Ein Stöhnen. Sie griff nach der Taschenlampe, die vor ihr auf den Asphalt gerollt war. Die Lampe war irgendwie schleimig. Sie leuchtete in die Richtung, wo sie das Geräusch vermutet hätte. Der Lichtkegel fiel auf ein blutüberströmtes Gesicht. Sie schrie wieder auf und vor Schreck fiel ihr wieder die Taschenlampe aus der Hand. Dann wurde sie umgestoßen und krachte mit dem Kopf auf den Asphalt. Der Nebel verschwand und alles wurde schwarz. ‚Attila, aus!‘ Kam es aus der Richtung ihres ersten Sturzes, diesen Ruf nahm sie aber schon längst nicht mehr war…

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