Igor – Hinter dem Fluss und immer weiter… Teil 3

Igor 2.0

Hinter dem Fluss und immer weiter… Teil 3

Elvira wurde wach. Einfach so. Utrecht lag halb auf ihr drauf und hielt sie immer noch in seinen Armen. Sie konnte seine morgendliche Erregung spüren. Lächelnd schob sie ihren Körper unter dem Seinem hervor. Sie konnte nicht mehr schlafen, geschweige denn liegen und außerdem musste sie dringend den Tee loswerden, den sie ihr in der vergangenen Nacht ständig eingeflößt hatten. Sie krabbelte über den reglosen Körper von Utrecht und blieb vor dem erloschenen Feuer stehen. Als sie sich nach dem Feuerholz bückte, erblickte sie Igor, wie er immer noch mit dem Hund kuschelte und vor sich hin schnarchte. Er sah sehr zufrieden aus. So leise wie möglich legte sie Holz in die Glut und mit einem kleinen Schnipsen ihrer Hand brannte das Feuer wieder.

Dann suchte sie ihre Schuhe. Stulpe schnellte aus dem Schlaf hoch und beobachtete Elvira, wie sie mit ihren halb angezogenen Schuhen nach draußen stolperte. Die Sonne koch gerade erst über die vorgelagerten Hügel. Ein ‚Tzzz…Tzzz!‘ lies sie nach oben blicken. Ihr Bruder saß auf einem Felsvorsprung und grinste sie an. ‚Guten Morgen, meine Liebe!‘

‚Guten Morgen!‘ grummelte sie, blickte ihn angestrengt an und stolperte weiter mit offenen Schuhen hinter den nächsten Felsvorsprung außer Sichtweite. Wenig später kam sie wieder und zupfte ihre Röcke zurecht.

‚Möchtest du zu mir rauf kommen?‘ fragte er und hielt ihr die Hand hin.

‚Ähm, einen Moment!‘ meinte sie kurz und ging in die Hocke. Sie nestelte an ihren Schuhen herum, dann rappelte sie sich auf und blickte ihrem Bruder entgegen. Kurzerhand wickelte sie ihre Röcke zusammen, steckte den Saum in den Bund und kletterte zu ihm auf den Felsvorsprung. Auf halber Höhe griff er nach ihrer Hand und zog sie zu sich hinauf.

‚Na, gut geschlafen?‘

‚Ein bisschen kalt wars.‘

‚Hat er dich denn nicht gewärmt?‘

‚Doch schon!‘ flüsterte sie und errötete leicht.

Hengelder zog eine Augenbraue hoch und blickte sie ernst an.

‚Nein, nicht was du jetzt denkst. Aber es ist doch ungewohnt einen Mann neben sich liegen zu haben.‘ meinte sie leicht verwirrt.

‚Ich versteh schon.‘ grinste Hengelder. ‚Und noch dazu ist er ein echter Morgenmuffel.‘

Stulpe kam aus der Höhle, blickte nach oben und grinste beide an. Er ging sich auch erst mal erleichtern und als er wieder zu ihnen kam, meinte er: ‚Hengelder, kletter doch mal nach oben, von dort hat man eine gute Aussicht über die Ebene.‘

‚Bei Sonnenaufgang hab ich noch nichts erkennen können, aber nachdem ich ja jetzt eine Ablöse habe…!‘ meinte er, stand auf und kletterte die Felswand hinauf.

‚Sag mal Elvira, du kannst doch noch mit dem Bogen umgehen?‘

‚Ich denke schon.‘

‚Ich lass dich ablösen, sobald Pürkel gefrühstückt hat.‘

‚In Ordnung!‘

Stulpe ging wieder nach drinnen. Sie konnte ihn hören, wie er Pürkel und Hasenreit weckte. Es dauerte jedoch eine ganze Weile, bis sich etwas regte. Pürkel kam kauend, mit einem Becher in der Hand, aus der Höhle getreten.

‚Guten Morgen, junge Dame. Und wie war deine erste Wache?‘ mampfte er.

‚Aufregend!‘

‚Kann ich dir meinen Tee anvertrauen, während ich…!‘ meinte er und hielt ihr den Becher hin. Sie nahm den Becher entgegen und grinste. Auch Pürkel ging sich erleichtern und Elvira kletterte indes von dem Felsvorsprung hinab. Als sie wieder mit beiden Beinen auf den Boden stand, stand Pürkel bereits hinter ihr.

Sie drehte sich kurz um und ging dann wieder in die Höhle. Hasenreit kam ihr entgegen. Er hatte es sehr eilig.

‚Guten Morgen meine Liebe!‘ meinte Esmeralda. ‚Komm setz dich, Kind! Iss was.‘

Sie blickte aufs Bett und Utrecht hatte sich seinen Mantel über den Kopf gezogen. Er ist wohl wirklich ein echter Morgenmuffel. Sie zog eine Augenbraue hoch und setzte sich zu Igor und dem Hund.

‚Guten Morgen Igor! Hast du gut geschlafen?‘ fragte Elvira und nahm einen Becher und einen Napf entgegen.

‚Ja, Herrin. Ich habe gar vortrefflich geschlafen und ich lebe noch.‘ mampfte Igor, der sein Frühstück mit dem Hund teilte.

‚Hattest du denn Angst um dein Leben?‘ fragte Elvira neugierig.

Er machte eine geheimnisvolle Geste und wisperte so leise, wie es ihm möglich war. ‚Sie haben mich gewaschen. Und waschen macht krank und elend.‘

Sie musste sich ernsthaft ein Lachen verkneifen und nickte nur, während sie ihr Gesicht in ihrem Teebecher vergrub.

‚Aber heute bin ich aufgewacht, einfach so. Ohne das Geschrei und das Gewimmer im Kerker und ohne die Stimme und den Sabber des Meisters.‘ berichtete Igor.

‚Das ist doch schon mal was.‘ meinte Esmeralda, die begonnen hatte aufzuräumen, während Stulpe und Hasenreit die Pferde sattelten.

‚Dann hab ich wohl die Ehre den Morgenmuffel zu wecken?‘ meinte Elvira, als sie ihren letzten Bissen hinuntergeschluckt hatte. Sie goss Tee in ihren Becher und ging zum Bett hinüber, während Igor mit dem Hund nach draußen ging.

Leicht wie eine Feder lies sie sich aufs Bett sinken und lugte unter den Mantel.

‚Guten Morgen schöner Mann.‘ flüsterte sie.

Ein Auge blickte ihr aus einem zerknautschten Gesicht entgegen und ein Grunzen kam aus seiner Kehle, dann schloss er das Auge wieder.

‚Wir müssen bald aufbrechen.‘ wisperte sie zuckersüß und zog ihm ganz langsam den Mantel vom Kopf.

Er grunzte wieder und öffnete erneut nur ein Auge. Ein flüchtiges Lächeln huschte über sein Gesicht.

‚Ich hab einen starken Tee für dich!‘ flüsterte sie in sein Ohr. Und als ihre Lippen sein Ohr berührten, schlug wieder ein Funken über. Er riss stöhnend beide Augen auf und küsste flüchtig ihren Hals. Sie rückte von ihm ab und starrte ihn an, als hätte sie gerade den Verstand verloren. Mit zitternden Fingern drückte sie ihm den Tee in die Hand.

‚Oh, Verzeihung, ich wollte eigentlich nicht..!‘ stotterte sie und starrte auf sein Ohr. Er begriff, dass etwas nicht stimmte und griff an sein Ohr. Mit einem erstickten Stöhnen setzte er sich auf und betastete weiter sein Ohr. Tränen schossen ihm in die Augen, als er begriff, dass sein Ohr spitz gewachsen war.

‚Ich wusste nicht, dass ich es einfach so kann.‘ stammelte sie.

‚Es fühlt sich richtig gut an! Danke!‘ flüsterte er ihr zu und trank den Tee.

‚Leider sehr einseitig.‘ meinte sie, während sie mit wackeligen Beinen aufstand und ihm etwas zum Essen auf einen Teller richtete.

‚Lass für Hengelder noch etwas übrig.‘ meinte Esmeralda, die gerade an ihnen vorbeiging. Sie starrte auf sein Ohr, schüttelte den Kopf und ging weiter zu den Pferden, um den Männern beim Bepacken zu helfen. Während Utrecht aß, richtete sie ihrem Bruder das Frühstück. Ermeralda packte unter seinem Hintern quasi die Felle zusammen. Er zog seine Hose an und nahm seinen Wappenrock vom Boden auf, kaute noch an seinem letzten Bissen und ging nach draußen. Als er wieder herein kam, half ihm Hasenreit in die Rüstung, während die Frauen alles zusammensammelten und das Feuer löschten.

Pürkel stürmte in die Höhle und meinte: ‚Der Beutelrock meint, wir sollen uns sputen.‘

‚Der Beutelrock soll lieber mal seine Rüstung anziehen, wir warten nur noch auf euch!‘ meinte Stulpe, der Pürkel anblickte. Er wollte gerade die ersten Pferde raus bringen. Pürkel rannte wieder raus, Stulpe folgte ihm, mit einem Pferd und Hasenreit mit dem Nächsten.

Wenig später hatten sie alle Pferde nach draußen gebracht und Hengelder kam den Berg hinunter geklettert und lief den Pfad hinunter, den sie mittlerweile in die Wiese getrampelt hatten. Esmeralda machte sich an dem Busch zu schaffen, und die Äste verdeckten nun wieder den Eingang der Höhle. Hastig lief sie nach Hengelder den kleinen Pfad entlang. Sie lies einen kleinen Wind zur Höhle hinauf wandern und das Gras richtete sich wieder auf. Utrecht wartete schon auf Hengelder, mit seiner Rüstung in der Hand. Elvira hatte einen Becher und einen Teller in der Hand und fütterte Hengelder, während Utrecht ihm in die Rüstung half.

Wenig später preschten die Pferde über einen verschlungenen Bergpfand und schon konnte man keine Spur mehr davon sehen, dass je jemand hier gewesen war.

Am späten Abend kamen sie in ein weites Tal. Utrecht schmollte ein Wenig, weil die Männer ihn wegen seinem Elfenohr verhöhnten. Nun war er seine Einohrigkeit. Und wenn schon, es fühlte sich unbeschreiblich gut an, auch wenn er nur eines seiner Ohren wieder hatte. Er fühlte sich, als könnte er heute jeden besiegen. Hengelder jedoch hatte seit längerem das Gefühl, dass sie verfolgt wurden, also holten sie die letzten Kräfte aus den Pferden heraus und trieben sie weiter durch das Tal.

Am Ende des Tales scheuten die Tiere und Stulpe lies Esmeralda vom Pferd gleiten. Sie bückte sich und er trieb das Pferd immer näher zu ihr hin. Murmelnd stand sie mit erhobenen Armen auf und mit erhobener Hand stieg sie in den Steigbügel. Stulpe half ihr aufs Pferd und sie stieg verkehrt herum auf und kniete sich vor Stulpe in den Sattel. Sie hielt die ganze Zeit den Arm hoch, der schon zum Zittern begann. Ein Pfeil flog an ihrem Ohr vorbei und prallte gegen eine unsichtbare Wand und regnete in tausenden glühenden Stückchen auf sie herab.

‚Los reitet weiter, schnell!‘ brüllte Stulpe, während sie sich weiter aufrichtete und die Arme zitternd auseinander hielt. Hinter ihnen kam ein Burghof zum Vorschein und eine heruntergelassene Zugbrücke. Weitere Pfeile hagelten auf sie herab und nun konnte man galoppierende Pferde hören. Hengelder gab seinem Pferd einen Tritt und schlug dem Pferd von Utrecht auf den Hintern. Beide Pferde sprengten durch die Öffnung. Pfeile surrten ihnen um die Ohren. Elvira hörte ein ersticktes Stöhnen hinter sich und das Gewicht von Utrecht drückte sie nach vorne. Sie packte seine Arme und übernahm die Zügel. Utrechts Körper zuckte wieder und wieder. Stulpe drehte das Pferd und Esmeralda sprang mit einem Satz vom Pferd und schloss den magischen Gürtel, den sie vor Jahren um die Burg gelegt hatte. Die Burg wurde von den zersprengten Pfeilen erhellt, die gegen die magische Barriere prallten und glühend zu Boden prasselten.

Stulpe war in den Hof geritten und rief: ‚Erstmal sind wir sicher. Ist jemand verletzt?‘

Elvira konnte Utrecht nicht mehr halten und er stürzte vom Pferd.

Esmeralda kam herbeigelaufen und rief: ‚Ihr könnt keine Magie wirken, solange der Schutz über der Burg weilt.‘

‚Mutter!‘ schrie Elvira. ‚Aber die Tränke gehen, oder! Oder?‘

Esmeralda war schon bei Utrecht angekommen, als Elvira endlich das Pferd stoppen konnte und ungeschickt abstieg. Stulpe und Pürkel nahmen die Pferde und brachten sie in einen Stall. Hasenreit humpelte ihnen hinterher. In seinem Pferd und in seinem Bein steckte ein Pfeil.

Hengelder war vom Pferd gesprungen und riss Igor mit sich. Der purzelte zu Boden, stand aber gleich wieder auf und eilte außer Reichweite der Pferde.

Hengelder war bei Utrecht angekommen und kniete sich neben Esmeralda. Es ragten mehrere Pfeile aus seinem Körper.

‚Ich nehm ihn, lass ihn uns drinnen versorgen.‘ rief er und drängte die Frauen auf die Seite. Utrecht stöhnte erstickt, als er ihn hochhob. Blut rann ihm aus dem Mundwinkel.

Stulpe hatte schon Feuer gemacht und entzündete einige Fackeln. Hengelder lief hinter ihm durch ein Tor. Sie rannte durch die Eingangshalle und Stulpe zog eine Bank von der Seite der Wand in die Mitte und Hengelder legte Utrecht darauf. Sie öffneten seine Rüstung und brachen die Pfeilenden ab. Als sie die Brustplatte anhoben schrie er laut auf. Elvira kam angerannt und bremste auf ihren Knien.

‚Brech auch den Pfeil am Bein ab und holt dann den Hasenreit, der ist auch verletzt.‘ rief Esmeralda, als sie sich neben Elvira auf die Knie warf. Als sie den ersten Pfeil durch die Wunde trieben, wurde er ohnmächtig.

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Igor – Hinter dem Fluss und immer weiter… Teil 2

Igor 2.0

Hinter dem Fluss und immer weiter… Teil 2

Hengelder schlich draußen durch den Wald. An einer Lichtung traf er auf ein Reh. Es stand gut im Futter. Er legte an, doch irgendwas hinter ihm schreckte es auf. Er schoss, traf das Tier gerade noch am Hals, bevor es davonspringen konnte. Dann zog er blitzschnell den nächsten Pfeil auf und machte eine schnelle Drehung. Er blickte in das erschrockene Gesicht von Dolp Hasenreit.

‚Hauptmann, bitte nicht schießen. Ich bring Euch euer Schwert und eure Rüstung.‘ rief Hasenreit aufgeregt mit den Armen wedelnd. Hasenreit kniete sich vor seinen Hauptmann, legte das Schwert und die Rüstung ab und legte sie vor seine Füße. Hengelder zog eine Augenbraue hoch und entspannte seinen Arm, nahm den Pfeil von der Sehne und steckte ihn wieder in den Köcher.

‚Hasenreit! Wie…?‘ rief Hengelder erstaunt. Er musste schlucken. ‚Ich bin sprachlos!‘

‚Ich hab Stulpe belauscht, als er Lady Esmeralda geholt hat.‘

‚Und dann hast du uns verfolgt?‘

‚Ich hab noch ein paar Sachen gepackt und hab versucht euren Spuren zu folgen.‘

‚Und wie, bei allen Göttern, hast du uns gefunden?‘

‚War nicht einfach.‘

‚Hat dich jemand verfolgt?‘

‚Nein, im Trubel der Erstürmung der inneren Burg fiel es nicht auf, als ich mich abseilte, während viele versuchten zu fliehen.‘

‚Und sonst, sag schon!‘

‚Ich hab gewusst, dass ihr kein Mensch sein könnt. Ich hab gesehen, wie dieser Utrecht mit eurer Leiche und Lady Elvira davon geritten ist, dann hab ich den Pürkel, Stulpe und Lady Esmeralda beobachtet und als ich dann über die Ebene zu den Begräbnishügeln ritt, habe ich die Feen gesehen, wie sie über die Ebene davon geflattert sind.‘

‚Ich muss dich töten, wenn du irgendjemand davon erzählt hast.‘

‚Warum sollte ich das tun? Ich habe Euch meine Treue gelobt, keinem Burgherrn und auch keinen Van der Schorten!‘ rief Hasenreit, der immer noch vor Hengelder kniete und sich aufgeregt die rechte Hand gegen die Brust schlug.

‚Nun steh‘ schon auf, Hasenreit!‘ meinte Hengelder und hob sein Schwert auf. ‚Und kommt mit und lern einen anderen Van der Schorten kennen.‘

Hasenreit pfiff und es kam ein Hund schwanzwedelnd auf sie zugelaufen. ‚Los brings, Hektor!‘ rief Hasenreit und wies in Richtung des toten Rehs. Der Hund lief los und brachte das Reh.

‚Jetzt weiß ich, wie du uns gefunden hast.‘ meinte Hengelder, der ganz erstaunt über den Köter war. Hasenreit hob die Rüstung auf und sie gingen Richtung Höhle. Unweit der Höhle standen zwei Pferde an einen Baumstumpf gebunden und Stulpe kam zu ihnen entgegengelaufen. Er hatte eine Armbrust dabei, die er im Lauf spannte.

‚Sieh mal, wer uns gefunden hat.‘ flüsterte Hengelder.

‚Hasenreit, wie habt Ihr uns gefunden?‘ fragte Stulpe und entspannte seine Armbrust, als er Hasenreit erkannte.

‚Verzeiht mir, ich hab Euch und die Lady belauscht, als ihr von der Höhle gesprochen habt.‘ sprach Hasenreit und verbeugte sich vor Stulpe.

‚Steht schon auf, gebt mir die Rüstung und folgt mir.‘ meinte Stulpe.

Sie gingen in die Höhle hinein und Hasenreit tippte auf einige Kerben in der Höhlenwand. ‚Meine Eltern hatten einen Hof am Fluss und ich hab mich bei schlechten Wetter immer mit den Ziegen hier versteckt. Später habe ich mich hier mit einem Mädchen getroffen.‘ Er wischte über die Kerben.

‚Nur mit einem Mädchen?‘ fragte Stulpe neugierig.

Hasenreit nickte und pfiff wieder. Der Hund kam an seine Seite und legte das Reh vor seine Füße.

Stulpe nahm das Reh auf und rief: ‚Seht nur, wer uns gefunden hat!‘

Alle begrüßten Hasenreit fröhlich. Hengelder brachte die beiden Pferde herein und plötzlich stand Utrecht hinter ihm.

‚Können wir reden? Draußen!‘ stammelte Utrecht und blickte auf den Boden.

Hengelder band die Pferde an und drehte sich in dem Moment um, als Utrecht aufsah. Hengelder nickte und ging mit Utrecht wieder nach draußen.

‚Wie geht es meiner Schwester?‘ fragte er

‚Gut soweit, sie schläft, obwohl ihr der Magen knurrte!‘ meinte Utrecht.

‚Gut.‘ rief Hengelder und blickte Utrecht fragend an. Betretenes Schweigen.

‚Ich will mich nicht zwischen euch drängen, aber mit liegt viel an Elvira!‘

‚Das habe ich befürchtete.‘

‚Wieso?‘

‚Du wirst ihr irgendwann das Herz brechen.‘

‚Wie kommst du da drauf?‘

‚Selbst wenn du mehr Elf als Mensch bist, wird sie machtlos dabei zu sehen, wie du alt wirst und wie du eines Tages sterben wirst. Wenn ihr Kinder haben solltet, dann wird sie auch diese überleben.‘

‚Wir kennen uns erst seit einem Tag, Hengelder. Ich trau mich kaum sie zu küssen, um nicht von dir getötet zu werden. An mehr vermag mein Verstand noch gar nicht zu verzweifeln.‘

‚Du bist mehr Mensch, als Elf, mein Freund.‘ meinte Hengelder und hielt ihm die Hand hin.

‚Was das angeht, bin ich wohl eher ein Elf, als ein Mensch. Ich überlege mir immerzu, wie ich meine Gefühle in Worte fassen könnte, um sie ihr dann vorzutragen.‘ stammelte Utrecht kleinlaut und griff zögernd nach Hengelders Arm, um ihn in eine Umarmung zu ziehen. Hengelder musste schwer schlucken, als er seinen Freund Utrecht umarmte. Er klopfte ihm auf die Schulter und flüsterte. ‚Aber die Sache mit den Bienen und den Blumen muss ich dir doch nicht erst erklären?‘

‚Nein! Du Mistkerl! Das tat bereits Stulpe, sehr ausführlich!‘ meinte Utrecht schüchtern und Hengelder spürte die Hitze, die von Utrecht ausging. Als sie sich trennten, sah er selbst im Dunkeln, das Utrecht vor Scham die Röte ins Gesicht gestiegen war.

‚Ich hoffe sie haben dir keinen Unsinn erzählt, es geht immerhin um meine Schwester.‘ Hengelder musste lächeln und ergriff Utrechts Nacken. ‚Aber sie scheint dir sehr Nahe zu gehen und deine roten Wangen verraten mir, wie ernst du es meinst.‘

Utrecht küsste Hengelder erst die rechte dann die linke Wange und dann fiel er zitternd auf die Knie. ‚Danke, Freund. Ich fürchtete schon um unsere Freundschaft.‘ Utrecht hatte Tränen in den Augen.

‚Eigentlich kann ich mir keinen besseren Mann für meine Schwester wünschen als dich, aber wenn du weiter auf dem Boden herum rutschst, dann überlege ich es mir vielleicht nochmal.‘ meinte Hengelder und grinste kurz. Aber anstatt Utrecht beim Aufstehen behilflich zu sein, kniete er sich ebenfalls auf den Boden und packte ihn wieder am Nacken. ‚Du weißt was passiert, wenn du ihr zu deinen Lebzeiten das Herz brichst.‘

Utrecht nickte und verharrte mit gesenktem Kopf. ‚Ich will nicht verbrannt werden, wenn ich einmal sterben sollte.‘

‚Bis dahin ist noch eine lange Zeit, mein Freund.‘

Sie umarmten sich nochmal, rappelten sich dann wieder auf und gingen zum Höhleneingang.

‚Wie kommst du eigentlich darauf, dass du mir das mit den Bienen und den Blumen überhaupt erklären könntest.‘ zischte Utrecht.

‚Nur weil du mich nie mit einer Frau in ein Zelt gehen hast sehen, heißt es noch lange nicht, dass ich es nicht hinterm Zelt mit ihnen getrieben hätte.‘ grinste Hengelder und wuschelte über Utrechts Haare.

Drinnen roch es schon nach gegrillten Fleisch und einer herzhaften Suppe. Der Hund fraß etwas, was er sich in den Höhleneingang gezerrt hatte und Hasenreit sattelte gerade sein Pferd ab.

‚Hasenreit, darf ich dir meinen besten Freund vorstellen, Utrecht van der Schorten!‘ rief Hengelder.

Hasenreit lies seinen Sattel fallen und blickte verstört auf.

‚Herr, seid Ihr Euch sicher, dass Ihr nicht unter einem gar grässlichen Zauber steht.‘ plapperte Hasenreit reichlich aufgebracht.

‚Nein, Hasenreit. Utrecht hat mir zwar einst eines meiner Leben genommen und er stahl das Herz meiner Schwester, aber doch hat er es bereits jetzt hundert mal vergolten, in dem er mir viel mehr Leben im Kampf schenkte, als ich je besitzen dürfte.‘

‚Ich glaube Eurem Wort, Herr.‘ sprach Hasenreit und verbeugte sich vor Utrecht.

‚Hasenreit, verbeuge dich nicht vor mir, ich bin nur ein einfacher Mann.‘ meinte Utrecht und hielt ihm die Hand hin. ‚Sag mir lieber, ob wir von meinem missratenen Bruder verfolgt werden.‘

‚Undrocht hat die Burg eingenommen und verfolgt hat mich keiner.‘ sprach Hasenreit und nahm Utrechts Hand, um sie zu schütteln. ‚Ich hab Brot, Obst, Gemüse, Wein und Süßkram mitgebracht.‘

‚Langsam wird’s mir unheimlich mit dir, Hasenreit.‘ meinte Hengelder misstrauisch, klopfte ihm aber doch auf die Schulter.

‚Ich hab den schmierigen Koch einen über die Rübe gezogen und seinen Gaul geklaut, bevor er damit flüchten konnte.‘

‚Dann müssen wir zumindest nicht verhungern.‘ rief Hengelder und packte mit an.

Nun saßen alle beim Essen und Utrecht sorgte dafür, dass Igor auch ordentlich zu Essen bekam, während Hengelder sich mit einem vollen Napf ans Bett setzte, um seine Schwester zu wecken.

‚Ich hab gehört, dich hüngert es!‘ flüsterte er und streichelte ihr Haar.

Sie machte erst ein Auge auf und dann das andere. Etwas verärgert funkelte sie ihn fragend an.

‚Utrecht mästet Igor auf dein Geheiß!‘ meinte Hengelder und blickte zum Feuer hinüber. Sie blickte wieder über die Bettkante und sah Igor mit einem riesigen Napf vor sich und Utrecht, wie er ihm gerade eine Falsche Wein reichte.

‚Essen sie Beide auch genug?‘

‚Bestimmt. Hasenreit hat dem Koch seinen Proviantgaul gestohlen.‘

‚Er hat Angst, dass du nach seinem Leben trachtest, wenn er mich anrührt.‘ wechselte Elvira das Thema.

Hengelder seufzte schwer. ‚Was will ich dir Vorschriften machen, kennen wir uns doch eben so kurze Zeit, wie du ihn. Und doch liegt dir mehr an ihm, als an mir.‘

‚Nein, ich muss mich nur erst daran gewöhnen einen Bruder zu haben und dafür keinen Vater.‘

‚Wir entstanden aus Feuer und Wasser, aus Wind und Erde. Man vermag es nicht zu sagen, wer unsere Eltern sind und doch habe ich eine klare Vorstellung davon, welche zu haben.‘

‚Versprich mir, ihm nichts anzutun, auch wenn er mir zu Nahe tritt.‘

‚Auch wenn ich kein Recht dazu habe, gab ich ihm gerade meine Zustimmung. Ich möchte nicht an dem Tag, an dem du von mir erfuhrst, meinen besten Freund und meine Schwester verlieren.‘

Lächelnd fiel sie ihm um den Hals, so dass er beinahe das Essen verschüttete. Er nahm sie in den Arm und fütterte sie. ‚Du musst essen, meine liebe Schwester, es liegt morgen viel vor uns.‘

‚Aber nur, wenn du genauso viel isst.‘ meinte sie und setzte sich auf. Er legte die Decke über ihre Schultern und bekam von Esmeralda einen weiteren Napf in die Hand gedrückt.

‚Ist ja nicht, wie bei armen Leuten hier.‘ meinte Esmeralda und setzte sich wieder.

Pürkel hielt die erste Wache und Hasenreit legte sich gleich nach dem Essen hin, während sein Hund immer näher ans Feuer kroch, bis er schließlich bei Igor angekommen war. Der Gnom kaute noch an einem Stück gegrillten Fleisch. Der Hund winselte und blickte den Gnom treudoof an. Igor begann mit dem Hund zu reden. ‚Willst du mein Freund sein?‘ Der Hund winselte und lies sich von Igor füttern. Elvira lehnte zufrieden und satt an der Schulter ihres Bruders, während Utrecht sich ans Bett gelehnt hatte. Sie kraulte ihm sein Haar und er hatte seinen Arm über ihre Beine gelegt und himmelte sie verliebt an.

‚Igor hat einen neuen Freund gefunden.‘ flüsterte Elvira.

‚Nachdem wir mit ihm Leviten getrunken haben, sind wir alle seine Freunde.‘ meinte Utrecht.

‚Ihr habt ohne mich Leviten getrunken?‘ beschwerte sich Hengelder lautstark.

Stulpe blickte auf, zog eine Flasche aus seiner Tasche und grinste ihn saublöd an. ‚Nur, damit wir nochmal eine Runde trinken können, mein Freund!‘ Er trank und gab die Flasche weiter an Esmeralda, diese winkte diesmal ab und gab die Flasche weiter an Hengelder. Er trank und seine Gesichtsfarbe wechselte schlagartig auf Rot, dann auf Lila bis hin zu blau und dann nahm er die Flasche von den Lippen und gab sie an Utrecht weiter, nachdem Elvira erschrocken den Kopf schüttelte.

Utrecht trank, setzte sie ab. ‚Alter!‘ keuchte er und klopfte sich auf die Brust.

‚Da können wir uns nicht oft genug das Leben retten, wenn du es uns mit nur einem Schluck von deinem Gebräu wieder nehmen willst.‘ rief Hengelder, als sein Gesicht wieder die übliche Farbe angenommen hatte.

Elvira schlief auf dem Schoß ihres Bruders ein und Utrecht mit dem Kopf auf ihren Beinen. Auch Hengelder schlief im Sitzen ein, bis Utrecht von Hasenreit geweckt wurde.

‚Freund, leg dich hin, ich hab die Wache!‘ flüsterte Utrecht und stand auf. Hasenreit schüttelte den Kopf, als er seinen Hund erblickte, wie er mit Igor auf dem Fell lag und als Kopfkissen für den Gnom fungierte.

Utrecht schnappte sich seinen Wattierten, die Armschienen, sein Schwert und ein Fell und ging nach draußen. Vor der Höhle lag ein Fell und der Bogen. Utrecht beschloss aber sich einen besseren Platz zu suchen und kletterte auf einen kleinen Felsvorsprung. Dort richtete er sich ein und hielt sein Wache.

Drinnen bettete Hengelder seine Schwester wieder gerade aufs Bett, legte ihr ein Fell unter den Kopf und deckte sie zu. Dann zog er sich ein Fell vors Bett und legte sich auf den Boden, um ein wenig zu schlafen.

Weit vor Sonnenaufgang kletterte Utrecht von seinem Felsen und ging Hengelder zu wecken. Das Feuer war ausgegangen. Er legte noch ein Paar Scheite in die Glut und stupste Hengelder an, als er in die Glut blies.

Hengelder riss die Augen auf und schreckte hoch.

Grummelnd schlich er nach draußen und entdeckte auch den Felsvorsprung. Utrecht blickte zu Elvira hinüber und sah, wie sie unter ihrer Decke zitterte. Kurzerhand nahm er das Fell auf und deckte Elvira damit zu. Nicht dass sie bereits seinen warmen Mantel und eine Decke hatte. Kopfschüttelnd ging er zum Pferdetrog und zog seine Sachen aus, so dass er nur noch in der Bruche da stand. Er wusch sich die restlichen Blutflecken vom Körper. Gedankenverloren rieb er sich mit seiner Tunika über seine nasse Haut. Seine Wunde war verschlossen und war kaum noch zu sehen. Im Schein des Feuers hätte man die zahlreichen Narben kaum sehen können, die von weniger talentierten Heilern versorgt worden waren. Die Zeiten des Krieges hatten ihn nicht nur gezeichnet, man konnte auch jeden Sieg auf seinem Körper sehen. Sein Bauch und seine Brust war mit schwarzen Linien und Ornamenten überzogen, während auf seinem Rücken eine Schlacht skizziert worden war. Er tapste zu seiner Satteltasche, die auf seinem Sattel lag und zog eine warme Wolltunika heraus. Er zog sie an, griff nochmal in die Satteltasche, packte seine Hose und seinen Wattierten und ging zum Bett hinüber. Dann setzte er sich ans Fußende und griff unter die Felle und Decken nach ihren Füßen. Sie waren, wie er vermutet hatte, eiskalt. Also zog er ihr seine Socken an, die er aus seiner Satteltasche mitgebracht hatte.

Als er sie wieder ordentlich zugedeckt hatte, bebte ihr Körper immer noch. Er konnte ihre Zähne klappern hören. Seufzend zog er seine Schuhe aus, legte sich zu ihr aufs Bett und kuschelte sich von Hinten an sie heran. Zu guter Letzt deckte er sie auch noch mit seiner Decke zu.

Sie wurde wach, drehte sich zu ihm um und kuschelte sich in seine Arme. Ihr ganzer Körper bebte in seinen Armen.

‚Ich bin ja da!‘ flüsterte er in ihr Ohr. Sie wühlte sich durch ihre Decken, bis ihre kalten Finger auf seine Wolltunika traf. Zitternd klammerte sich an seine Tunika, während er ihren Rücken rieb und mit seinen Füßen nach den ihren suchte.

Er küsste ihre Stirn. Sie reckte wieder den Kopf und ihre Lippen trafen sich erneut. In seinem Bauch explodierte irgendwas, als sie den Kuss erwiderte. Er spürte seine Erregung wachsen und betete inständig darum, dass sie nichts davon bemerken würde. Vorsichtig rückte er seinen Unterleib von ihr ab und wickelte sie wieder in ihre Decken.

Published in: on 8. Oktober 2012 at 18:28  Schreibe einen Kommentar  
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Igor – Hinter dem Fluss und immer weiter… Teil 1

Igor 2.0

Hinter dem Fluss und immer weiter… Teil 1

Als Hengelder mit Esmeralda auf dem Pferd und Utrecht mit Elvira zusammen an der Furt ankamen, hatten Stulpe und Pürkel den armen Igor bereits mit samt seiner Sachen gewaschen und hatten dann ein Feuer gemacht. Dort saß Igor zitternd in eine Decke gehüllt und umklammerte sein Glasauge. Pürkel hatte seine Sachen ans Feuer gehängt und dort trockneten sie langsam. Utrecht sprang zuerst vom Pferd und half Elvira abzusteigen. Hengelder sprang rücklings vom Pferd und rannte zum Flussufer. Er zog sich aus und sprang nackt in den Fluss. Stulpe hielt Esmeralda die Hand hin und sie lies sich lächelnd in seine Arme fallen. Er hielt sie an ihrem Hintern fest und sie küsste ihn auf den Mund. Etwas verwirrt darüber, dass sie ihn vor den Augen ihrer Tochter küsste, lies er es zu und erwiderte den Kuss erst, als sie ihm auf die Lippe biss. Als sie sich wieder trennten, meinte sie nur: ‚Wir gehen jetzt heim!‘

‚Ja, ehrlich!‘

‚Wirklich ehrlich!‘ meinte Esmeralda. Stulpe sprang mit ihr im Kreis und küsste sie wieder. Dann stellte er sie auf die Beine und kniete sich vor sie hin.

‚Ich will nicht pietätlos sein, aber ich habe so lange auf diesen Moment gewartet.‘ Er zog einen Ring aus einer Tasche, staubte ihn ab und hielt ihn ihr hin. ‚Wenn dein Mann endlich tot ist, willst du dann mich ehelichen?‘

Ihr liefen schon die Tränen übers Gesicht und sie schluchzte, während sie auf die Knie fiel. ‚Ich wartete jeden Tag darauf, seit dem wir uns das erste Mal sahen, dass du mich endlich fragst. Natürlich will ich dich.‘ Sie küssten sich leidenschaftlich. Elvira hatte Tränen in den Augen und Utrecht berührte sachte ihre Schulter, auch er musste schlucken, als er sah, dass auch Stulpe den Tränen nahe war.

Hengelder tauchte pitschnass neben Elvira und Utrecht auf und flüsterte: ‚Ich wusste gar nicht, dass Stulpe so romantisch ist!‘ Er hatte seine Hose wieder angezogen und trocknete sein Haar. Beide blickten auf seine Haare. Schwarze Farbe tropfte herab und das Tuch mit dem er versuchte, sie zu trocknen, war auch schon ganz schwarz.

‚Ich wusste bis vorhin nicht, dass die beiden…du weißt schon!‘ meinte Utrecht.

Elvira blickte beide kopfschüttelnd an und meinte kurz: ‚Ihr sollt euch für sie freuen.‘

‚Wir freuen uns!‘ meinten beide gleichzeitig.

‚Ich bin der Trauzeuge!‘ meinte Utrecht.

‚Ich bin der Ältere, ich bin der Trauzeuge.‘ rief Hengelder und schon rangelten beide miteinander. Elvira schüttelte immer noch den Kopf und trat ein paar Schritte zur Seite.

‚Wir freuen uns vor allem auf das Fest zu eurer Hochzeit.‘ meinte Pürkel und tippte Stulpe auf die Schulter. ‚Und auf das Stulpes schlechte Laune nun endlich ein Ende hat.‘

Elvira kam auf ihre Mutter zugelaufen, als Pürkel und Stulpe sich umarmten und zu Utrecht und Hengelder hinüber gingen, um sie zu trennen.

‚Bist du denn damit einverstanden?‘ fragte Esmeralda, als sie Elvira in die Arme schloss.

‚Natürlich, ich hab dich immer nur lächeln sehen, wenn Stulpe den Raum betrat und ich freue mich für euch.‘ Elvira fing zu weinen an.

Nach einem Moment meinte Stulpe in seinem üblichen Ton. ‚Wir sollten uns sputen, wenn wir vor Einbruch der Dunkelheit am Fuße des Berges sein wollen!‘

Elvira trennte sich aus der Umarmung ihrer Mutter und ging zum Flussufer. Pürkel war bei Igor und half ihm in die noch feuchten Klamotten zu schlüpfen. Utrecht ging zu Elvira ans Flussufer, um ihr seinen Mantel zu bringen.

‚Wenn wir in die Berge reiten, wird es kalt werden.‘ meinte er kleinlaut und legte den Mantel um ihre Schultern.

Sie drehte sich um, schritt vom Wasser weg und fragte ihn: ‚Und was ist mit Euch!‘ Und griff ihm an den nackten Arm. Ihr Gesicht war noch nass und ihr Haaransatz auch. Er wischte ihr übers Gesicht und lächelte sie zuckersüß an. ‚Hab mir gerade überlegt meinen Wattierten und die Rüstung anzuziehen.‘

‚Muss ich mir Sorgen machen?‘ fragte sie und geleitete ihn zu seinem Pferd.

‚Mein Bruder wird uns schon bald verfolgen!‘ meinte er und zog den wattierten Wappenrock von seinem Pferd.

‚Was macht Euch da so sicher?‘ fragte sie und half ihm beim Anziehen. Er packte seine Rüstung, die aus gehärteten Leder war.

‚Er war derjenige, der mir die Ohren abschnitt, meine Mutter vor meinen Augen tötete und mich um ihr Erbe betrog. Ich glaube er hasst mich!‘ meinte er fast beiläufig und schlüpfte in seine Rüstung. Sie half ihm dabei, in dem sie sämtliche Schnallen schloss. Dabei senkte sie ihren Kopf, weil sie wieder Tränen in den Augen hatte.

‚Ihr seid ein empfindsames Wesen…!‘ flüsterte er, bis ihm die Stimme brach. Sachte nahm er sie am Kinn und wischte ihr die Tränen aus dem Gesicht.

‚Ich würde Euch gerne die Ohren richten, wenn Ihr wert drauf legt.‘

‚Ich hätte lange Jahre alles dafür gegeben, sie wieder zu haben.‘ Er schluckte schwer und strich seine Haare nach hinten. Es war das erste Mal, dass sie seine Ohren sah, oder das was davon übrig war. Sie musste ein Schluchzen hinunter schlucken und nahm die Hand vor ihren Mund. Er lies die Haare wieder los und verdeckte somit seine entstellten Ohren. ‚Aber mittlerweile lebe ich damit. Und was ich bin, bin ich hier drin.‘ Er tippte mit den Fingern auf seine Brust. Sie schluchzte laut auf und das rief Hengelder auf den Plan. ‚Was machst du nur immer mit meiner Schwester?‘

‚Ich kann in sein Herz sehen!‘ keuchte sie erstickt.

‚Und gefällt dir, was du siehst?‘ rief Hengelder und rückte ihr den viel zu großen Mantel zurecht.

‚Ich seh mich…!‘ Stieß sie noch hervor, bevor ihre Knie nachgaben und sie wieder ohnmächtig wurde. Utrecht hielt sie fest, damit sie nicht schon wieder auf den Boden fiel.

‚Langsam ist’s echt gut mit Liebeserklärungen!‘ rief Hengelder erbost.

‚Woher kann ich denn wissen, dass sie mir in den Kopf schauen kann.‘

‚Was hast du mit ihr gemacht, du kennst sie grad erst seit ein paar Stunden…‘ brüllte Hengelder.

‚Das nennt man wohl Liebe auf den ersten Blick, mein Freund!‘ unterbrach ihn Utrecht, der immer noch Elvira festhielt.

‚Wohl eher, Liebe auf den ersten Schlag.‘

‚Ich verpass dir auch noch Eine, wenn du willst. Mir wär grad danach.‘

‚Ich bring dich um, wenn du sie ungebührlich betatschen solltest.‘

Esmeralda stand plötzlich hinter ihnen und haute zuerst Hengelder kräftig auf den Hinterkopf und griff dann in einen ihrer Beutel, die sie am Gürtel trug. ‚Ich verwandle euch Beide in zwei Grottenolme, wenn ihr nicht aufhört euch zu zanken. Elvira ist alt genug eigene Entscheidungen zu treffen. Hengelder du reitest mit Igor und Utrecht gib mir meine Tochter und dann ab aufs Pferd.‘ Er übergab den bewusstlosen Körper von Elvira ihrer Mutter, zog seine Armstulpen an und schwang sich aufs Pferd. Stulpe war aufgetaucht und half ihr Elvira auf Utrechts Pferd zu heben. Hengelder hatte Igor auf sein Pferd gesetzt, war selbst aufgestiegen und preschte über die Furt. Pürkel ritt ihm hinterher und rief noch: ‚Bleib im Wasser, wir müssen unsere Spuren verwischen!‘

Langsam lenkte Utrecht das Pferd über die Furt, während Stulpe Esmeralda aufs Pferd hob und hinter ihr im Sattel platz nahm. Er ritt auch ins Wasser, stoppte den Gaul gleich wieder und lies ihn wieder zum Ufer drehen. Esmeralda warf etwas in Richtung Ufer. Ein starker Wind, hob eine Welle aus dem Wasser und schwemmte ihre Spuren fort. Sie wedelte mit den Armen und Steine und Stand überzogen das Ufer neu. Stulpe wies sein Pferd an, den anderen nachzureiten. Esmeralda lehnte sich erschöpft an seine Brust.

Sie ritten eine Weile im Fluss. Als sie ihre Pferde aus dem Fluss führten, waren sie alle ziemlich nass. Sie ritten schneller und Esmeralda lies den Wind nochmal ihre Spuren verwischen.

Sie waren bereits seit Stunden unterwegs, als die Dämmerung einsetzte. Stulpe hatte sie unerbittlich vorangetrieben und endlich hob er die Hand. Er sprang vom Pferd und führte es weiter einen Bergpfad hoch. Utrecht tat es ihm gleich. Elvira saß benommen auf dem Pferd und klammerte sich am Sattel fest. Hengelder stieg auch ab und folgte ihnen. Er blickte immer noch finster drein. Igor saß in eine Decke gehüllt auf dem Pferd und schmollte ebenfalls. Sie hatten ihn gewaschen. Waschen macht krank und elend. Er war fest davon überzeugt jeden Moment sterben zu müssen, weil sie ihn gewaschen hatten.

Stulpe lies das Pferd auf einer Anhöhe stehen und lief weiter, bis er vor einer riesigen Felswand stand. Esmeralda war abgestiegen und half ihm einen Busch zur Seite zu halten, mit einem Seil befestigten sie die Zweige und ein Höhleneingang kam zum Vorschein.

‚Platz ist in der kleinsten Hütte!‘ meinte Stulpe und lies Utrecht mit Elvira auf dem Arm eintreten. Esmeralda hatte eine Kerze entzündet und lief ihnen hinterher. ‚Warte einen Moment, bevor du sie aufs Bett legst!‘ meinte sie kurz, zündete ein paar Fackeln an, die an der Höhlenwand angebracht waren und dann verschwand sie hinter einen Felsvorsprung. Stulpe brachte einen Gaul nach dem Anderen herein und brachte sie in einen anderen Teil der Höhle. Sie hatten wirklich an alles gedacht. Es war Stroh und Wasser in der Höhle für die Pferde. Esmeralda kam wieder und brachte ein Bündel Felle. Sie legte die Felle aufs Bett und rollte sie auseinander. Utrecht legte Elvira auf die Felle, zog ihre Schuhe aus und deckte sie mit seinem Mantel zu. Behutsam strich er ihre Haare aus dem Gesicht. Erschöpft rollte sie sich zusammen und schloss die Augen.

Pürkel kam herein und fragte: ‚Und was gibt’s zu Essen?‘

Esmeralda drückte ihm einen Bogen und einen Köcher mit Pfeilen in die Hand und meinte: ‚Das kommt auf dein Zielwasser an!‘

‚Ne, der Pürkel würde noch nicht mal eine Kuh treffen, wenn er beim Melken vom Schemel fällt. Ich geh uns was jagen!‘ meinte Hengelder, schnappte sich den Bogen und verschwand wieder. Pürkel machte sich daran Feuer zu machen und Wasser aufzusetzen, während Esmeralda noch ein Paar Bündel Felle brachte. Igor tappte mürrisch in die Höhle und setzte sich zittern ans Feuer. Stulpe brachte das letzte Pferd herein und band es an. ‚Igor, komm und setz dich auf ein Fell.‘ meinte Esmeralda zuckersüß. Dann kam Stulpe mit Kochutensilien und einer Flasche unter dem Arm. ‚Bevor wir kochen, stoßen wir mit dem Helden des Tages auf unsere Flucht an.‘ Stulpe lies sich von Esmeralda die Kochsachen abnehmen, ging weiter zu Utrecht und öffnete die Flasche. Utrecht nahm ihm die Flasche ab, stand auf und ging ganz langsam zu Igor rüber, der mittlerweile gewaltsam auf ein Fell gesetzt worden war.

‚Wenn wir auf einen Helden trinken, dann auf unseren kleinen, neuen Freund hier.‘ Er kniete sich zu Igor hinunter und hielt ihm die Flasche hin. ‚Dank Igor denkt mein Bruder, dass unter der Burg tatsächlich ein Drache schlummert und dass kann uns echt den Arsch retten.‘

Igor stammelte nur das Wort: ‚Freund!?‘

‚Los Igor, trink einen Schluck Leviten mit uns. Aber nur einen Schluck vor dem Essen.‘ rief Stulpe.

Igor stammelte immer noch vor sich hin.

Esmeralda beugte sich zu Igor hinunter: ‚Igor ist schon gut, wir sind deine Freunde und nun trink.‘

‚Freunde!‘ Sagte er wieder und sprang auf. ‚Ich hatte noch nie einen Freund.‘ Dann trank er einen großen Schluck. Utrecht nahm ihm die Flasche ab und trank auch. Igor keuchte und versuchte dem ersticken Nahe Luft in seine Lungen zu saugen. Rauch kam aus seinen Ohren und mit einem Hicks setzte er sich wieder aufs Fell.

‚Und er hatte noch nie Levitenschnaps.‘ lachte Stulpe und schnappte sich die Flasche. ‚Leviten kann man nicht lesen, man trinkt sie.‘ Unter Gelächter trank jeder einmal davon. Utrecht haute sich auf die Brust und setzte sich röchelnd aufs Bett. Langsam zog er seine Rüstung aus. Plötzlich regte sich Elvira. Esmeralda hielt ihnen einen Becher Tee hin. Behutsam half er ihr beim Aufsetzen und setzte den Becher an ihre Lippen. Er lies erst von ihr ab, als sie den Becher leer getrunken hatte.

‚Geht’s dir besser?‘ fragte er und stellte den leeren Becher auf den Boden.

‚Ich…ich bin mir nicht sicher!‘ Stammelte sie und lies sich wieder auf die Felle sinken. Ihr Körper zitterte.

‚Versuch noch ein Bisschen zu schlafen.‘ flüsterte er und deckte sie sachte mit einer weiteren Decke zu. Als er wieder aufstehen wollte, hielt sie ihn zurück, in dem sie sich in seine Richtung drehte und seine Hände festhielt.

‚Bleib bei mir!‘ kam es aus ihren Mund.

‚Solange, bis du eingeschlafen bist.‘

‚Wo ist mein Bruder?‘ Es hörte sich komisch an. Sie hatte das Wort das erste Mal im Bezug auf Hengelder gesagt. Sie lehnte ihren Kopf gegen seine Knie und klammerte sich weiter an seine Arme.

‚Der jagt uns was zum Essen.‘ meinte er. Es gab ihm einen Stich von ihm zu reden. Sie zankten sich zwar ständig, aber diesmal war es ernst. Er fürchtete um seinen besten Freund und um dieses empfindsame Wesen in seinen Armen.

‚Oh, Essen!‘ Ihr Magen knurrte. Sie hielt sich den Bauch und grinste ihn an.

‚Ich weck dich, wenn das Essen fertig ist.‘

‚Wie geht’s Igor?‘

‚Er ist betrunken.‘

‚Hm?‘ Sie schaute über seine Knie in Richtung Feuer. Igor lag in das Fell gekuschelt vor dem Feuer und grinste zufrieden. ‚Kümmerst du dich auch um ihn?‘

‚Klar.‘

‚Dass er genug zu Essen bekommt.‘

‚Mach ich.‘ Er kam ihr näher, um ihre Stirn zu küssen. Sie hielt ihn am Hals fest und berührte eines seiner Ohren mit der Fingerspitze. Ein Funken schlug bei der Berührung über. Er zuckte zurück und blickte sie verwirrt an.

‚Oh, Entschuldigung ich wollte dir nicht zu nahe treten.‘ meinte sie erschrocken.

‚Tust du nicht.‘ flüsterte er, nahm ihre Hand und küsste sie.

‚Sicher?‘ Sie blickte ihn fragend an.

‚Ganz sicher!‘ Er küsste nochmal ihre Stirn. Sie packte ihn diesmal am Kopf und reckte den Hals. So trafen seine Lippen zu erst ihre Nase und dann ihren Mund. Er schloss seine Augen, als sie ihren Mund öffnete und sich ihre Zungenspitzen berührten. Mit einem ’schsch‘ trennten er sich von ihr. ‚Dein Bruder bringt mich um, wenn ich dir zu nahe trete.‘

‚Ich bringe ihn um, wenn er dich umbringt.‘

‚Er kommt aber wieder, ich aber nicht.‘

Sie gähnte. ‚Er bringt dich nicht um, versprochen.‘

‚Versuch zu schlafen. Bitte.‘

Sie schloss die Augen, er setze sich ein Wenig aufrechter hin und hielt ihre Hände, bis sich ihre Muskeln entspannten.

Published in: on 7. Oktober 2012 at 18:11  Schreibe einen Kommentar  
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Igor – Ein denkwürdiger Tag auf Burg Feuerhayn Teil 4

Igor 2.0

Ein denkwürdiger Tag auf Burg Feuerhayn Teil 4

Als Utrecht mit Elvira im Arm den Hügel hoch geschritten kam, lag der Körper Beutelrocks schon in der Mitte der Hügelkuppe aufgebahrt. Elvira war gerade wieder erwacht und sah ihre Mutter, wie sie einige Kerzen anzündete, die um den Leichnam von Hengelder aufgestellt waren.

‚Müssen wir ihn diesmal wieder anzünden?‘ fragte Utrecht.

Lady Esmeralda schaute auf und lächelte kurz: ‚Nein, diesmal nicht!‘ Sie kam ihnen entgegen und breitete die Arme aus. ‚Elvira, geht es dir gut?‘

Utrecht hatte Elvira auf ihre Beine gestellt. Etwas wackelig schwankend lies sie sich von ihrer Mutter in die Arme nehmen. ‚Ihr müsst Utrecht van der Schorten sein! Hengelder hat mir schon so viel von Euch erzählt.‘ begrüßte sie ihn und streckte ihm die Hand hin. Elvira blickte beide fassungslos an. Er zog ihre Hand zu sich heran und wollte sie gerade küssen.

‚Müssen wir ihn diesmal wieder anzünden?‘ kam es gleichzeitig aus Stulpes und Pürkels Mund. Beide waren unbemerkt oben angekommen und schauten fragend in die Runde.

‚Nein, nein. Wir haben ja Elvira dabei. Das müsste auch ohne anzünden gehen!‘ erklärte Lady Esmeralda.

‚Mutter, was hast du vor?‘ fragte Elvira entgeistert.

‚Wir können ihn doch nicht so lassen? Wir holen ihn jetzt zurück!‘ kam es in einer Selbstverständlichkeit aus ihrem Mund.

‚Bitte was?‘ schrie Elvira auf, wurde dann aber gleich von Pürkel unterbrochen: ‚Ach, wir haben das schon vier mal gemacht!‘

‚Oh nein, Mutter! Mit schwarzmagischen Ritualen möchte ich nichts zu tun haben.‘ widersprach Elvira und machte Anstalten rückwärts den Hügel runter zu stolpern.

Utrecht stand plötzlich hinter ihr, hielt sie fest und schob sie unsanft zum Leichnam. In Igors Augen sah es so aus, als würden sie ihr jetzt weh tun wollen. Er sprang von Hinten auf Utrecht und versuchte ihn zurückzuhalten. Es blieb bei dem Versuch. Utrecht schüttelte Igor ab, der im hohen Bogen davon flog. ‚Elvira, vertrau mir!‘ sagte Lady Esmeralda in ruhigen Ton und zog einen Dolch. Igor kam schon wieder angerannt. Lady Esmeralda griff in einen Beutel an ihrem Gürtel und warf feinglitzernden Staub auf Igor. Der, vom Staub getroffen, im vollen Lauf stoppte, in seiner letzten Bewegung erstarrte und nach vorne umfiel. ‚Igor, wage es nicht noch einmal mich zu stören!‘ schrie Lady Esmeralda dabei.

‚Da legt’s di nieder!‘ rief Pürkel belustigt. Igor lag immer noch bewegungslos auf dem Boden. Kopfschüttelnd wand sie sich wieder Elvira zu. ‚Wir müssen uns jetzt beeilen, sonst ist es zu spät!‘ Mit Vollendung dieses Satzes packte sie Elviras Hand und stach mit dem Dolch zu. Elvira schrie entsetzt auf und wollte nur noch fort, doch Utrecht hielt sie immer noch fest und drängte sie zu Hengelders Leichnam. Sie weinte und schrie und sie wehrte sich nach Leibeskräften. Blut quoll aus ihrer geschlossenen Hand. Lady Esmeralda packte ihre Hand und zwang sie, sie zu öffnen. Ihr Blut tropfte auf den Leichnam. Der Bolzen steckte immer noch in seiner Brust.

Plötzlich konnte man ein Surren in der Luft hören. Elvira schaute entsetzt nach oben. Durch den Tränenschleier konnte sie zwar kaum etwas erkennen, aber dort oben braute sich etwas zusammen, das spürte sie. Wind kam auf, der ihr die Tränen aus ihrem Gesicht trieb. Sie zwinkerte und sah wieder nach oben. Es war so, als würde ein Schwarm kleiner flinker Vögel direkt auf sie zuhalten. Elvira bekam Panik und versuchte zu fliehen. Utrecht lies sie einfach los, weil er mit offenen Mund da stand und dem Spektakel zusah. Es waren keine Vögel. Es waren tausende kleiner Feen. Sie schillerten in allen Farben und rasten summend auf sie zu. Elvira ging in Deckung. Während Lady Esmeralda, Utrecht, Stulpe und Pürkel aufrecht da standen und das Ereignis genossen. Die Feen stoben auseinander und flogen über die Ebene davon, nur eine zerschellte in unzählige funkelnde Stücke auf Hengelders Brust. Der Körper Hengelders bäumte sich auf. Die funkelnden Stückchen der Fee prasselten als Diamanten auf den Boden herab. Igor erwachte aus seiner Starre und bemerkte, dass es Diamanten regnete. Er sammelte sie auf und schöpfte sie in seine Hosentaschen. Hengelders Körper bewegte sich. Er zog sich den Bolzen aus seiner Brust, atmete tief ein und ein unheimliches Geräusch kam dabei aus seinem Mund. Elvira schaute schockiert auf. Er riss die Augen auf, zeigte auf sie und röchelte: ‚…iebe dich, Schwester!‘

Elvira wurde wieder ohnmächtig. Die am Boden liegenden Diamanten lösten sich langsam in Rauch auf. Igor saß auf dem Boden und was war das? Er weinte. Aus seinen Taschen und von seinen Händen stieg der Rauch auf.

‚Igor, du Dummkopf! Du hast doch nicht wirklich geglaubt, dass wir seine Diamanten behalten dürfen!‘ lachte Pürkel.

‚Ich erinnere dich nur ungern an dein erstes Mal, Pürkel!‘ sagte Utrecht ganz beiläufig, bevor er zu Elvira eilte. Hengelder war bereits aufgestanden und hatte sich bereits zu Elvira hinunter gebeugt. Utrecht klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter und begrüßte ihn: ‚Du wirst alt, mein Freund! Dein Wiederkommen war auch schon mal heftiger!‘

‚Es ist auch schön dich wieder zu sehen, mein Freund!‘ sprach Hengelder Beutelrock. ‚Aber lieber ein kleines Wiederkommen, als kein Wiederkommen!‘

Hengelder nahm Elvira in seine Arme und zog sie liebevoll an sich. ‚Endlich kann ich es zu dir sagen, kleine Schwester. Endlich kann ich dich in meine Arme schließen.‘

Igor würgte hinter ihnen und erntete dafür einen Tritt von Lady Esmeralda.

Utrecht kniete sich auch hin und blickte besorgt auf Hengelder.

‚Du hättest nicht so hart zuschlagen müssen, sie ist doch nach fast ein Kind.‘

‚Woher?‘ fragte Utrecht ungläubig.

‚Deinen Handabdruck kann man immer noch auf ihrem Gesicht sehen.‘

‚Und ich kann ihren noch auf meinem Gesicht spüren!‘ meinte Utrecht und rieb sich die Wange.

Hengelder nahm ihre verletzte Hand in die Seine und küsste sie. In einem Moment rann ihr Blut noch über ihre beider Hände und im anderen Moment hörte es auf. Er wischte da Blut so gut es ging von ihrer Hand. Und als er ihren Kopf berühren wollte, riss sie wieder ihre Augen auf und als sie seine blutverschmierte Hand sah, verdrehte sie wieder die Augen. Er berührte trotzdem die rote Stelle an ihrer Wange und der Handabdruck verschwand langsam. Er rüttelte sie, doch Elviras Körper rutschte nur leblos aus seiner Umarmung.

‚Soll ich’s mal probieren?‘ fragte Utrecht und fing sie auf, bevor sie wieder auf den Boden rutschte. Hengelder riss bei Arme hoch und zischte eifersüchtig: ‚Bitte! Aber schlag sie nicht wieder!‘

Hengelder stand auf und ging zu Lady Esmeralda hinüber, die gerade die Spuren des Rituals beseitigte.

Utrecht küsste Elvira, als er sich so unbeobachtet wie möglich vorkam.

Elvira schreckte hoch und scheuerte ihm eine.

Hengelder drehte sich zu ihnen um und schrie ihn an. ‚Was fällt dir ein, sie zu küssen.‘

‚Hey, ich dachte es wäre eine gute Idee.‘ Er blickte, sich die andere Wange reibend, zu Elvira und zu Hengelder hinüber. ‚Und geklappt hat es allemal! Wach ist sie jetzt.‘

Elvira versuchte gerade sich aufzurappeln und begann zu fluchen. ‚Mir reicht’s, ich könnt mich mal, ich bin doch nicht euer Versuchskarnickel und auch nicht euer Täubchen, dass ihr nach Belieben abknutschen könnt.‘ Als sie rücklings versuchte sich fort zu kommen, stolperte sie über Igor und fiel wieder hin. Utrecht und Hengelder versuchten sie gleichzeitig aufzufangen, stießen aber nur mit den Köpfen zusammen. Sie kroch weiter rückwärts den Berg hinunter und bemerkte dabei beiläufig: ‚Ihr seid doch alle wahnsinnig!‘ Igor eilte ihr zur Hilfe und wollte ihr aufhelfen. Sie rümpfte nur die Nase, ihr Kinn begann zu zittern und sie wurde schlagartig grün im Gesicht. ‚Igor, du stinkst!‘

Würgend drehte sie sich um und übergab sich. Während Stulpe und Pürkel sich die Szenerie belustigt anschauten, haute Utrecht Hengelder mit einer geraden Rechten um. Dann kroch er zu Elvira hinüber und hielt ihr behutsam die beiden Zöpfe hoch. ‚Stulpe, Pürkel bringt den Gnom zur Furt, er soll sich waschen! Wir kommen gleich nach!‘

Mit einem ‚Jawohl!‘ packten sie sich den Gnom und rannten den Berg hinunter.

Esmeralda hielt Hengelder etwas unter die Nase und er kam langsam wieder zu sich. Sie tuschelten miteinander, während Elvira weiter Würgegeräusche von sich gab. ‚Elvira, ich muss mich an diesem Tag ein zweites und drittes Mal bei Euch entschuldigen. Aber Hengelder meinte es nur gut mit Euch. Und ich auch! Wir arbeiten seit 4 Jahren an dem Plan zu Eurer Befreiung und ich muss zugeben, ohne den unwissenden Gnom hätten wir es vielleicht nicht geschafft. Ihr dürft nicht böse auf uns sein, wir wollten Euch nur da raus holen.‘ Währenddessen er redete, hatte er ein Tuch aus seinem Gürtel gezaubert und wischte ihr das Gesicht sauber. Ihr war schwindelig, ihr Kopf rauschte und nachdem sie am Ende ihrer Kräfte war, lies sie sich von Utrecht in den Arm nehmen. Esmeralda hielt ihnen einen Wasserschlauch hin. ‚Er sagt die Wahrheit! Sie steckten die ganze Zeit unter einer Decke.‘

‚Woher kennt ihr euch!‘ meinte Elvira und spülte sich den Mund aus.

‚Wir haben im Krieg zusammen gekämpft. Damals waren wir dumme Jungs, die heiß auf den Krieg waren und Hengelder war noch blond, genauso wie du. Und wir wussten nicht, das Hengelder ein Wiedergänger ist.‘

‚Ich bin kein Wiedergänger!‘ meinte Hengelder erbost. ‚Ich bin nicht Untot!‘

‚Als er das erste Mal starb, wurde er mit allen anderen Leichen verbrannt und er kam wieder. Seine Haare waren von dem ganzen Blut rot geworden. Ich habe ihn dann nochmal getötet, weil ich ernsthaft angenommen hatte, ich hätte ein dämonisches Wesen vor mir. Wir warfen seinen toten Körper wieder auf den brennenden Haufen und als er am nächsten Morgen weinend vor dem Massengrab kniete, ging ich zu ihm und hörte seine Geschichte.‘ erzählte Utrecht leise. Sie blickte ihm ins Gesicht und schüttelte den Kopf. ‚Ihr seid nur halb so alt wie Stulpe und Pürkel, wie könnt ihr im Krieg gekämpft haben?‘

‚Er ist ein Halbelf und wir sind die Letzten eines längst vergessenen Volkes und wir sind dazu verdammt auf dieser Erdenscheibe zu wandeln, bis unsere Lebensenergie erschöpft ist und wir in die nächste Bewusstseinsebene übergehen können.‘ meinte Hengelder ruhig.

‚Nachdem ich ihm eines seiner Leben genommen habe, stand ich seither in seiner Schuld und die habe ich heute eingelöst, indem ich meinen Bruder verraten habe. Nun besitze ich nichts mehr, außer dem, was ich am Leibe trage und dem Gaul da unten.‘

‚Aber ich besitze ein Bisschen was.‘ meinte Esmeralda. ‚Wenn wir schon am Geschichten erzählen sind, dann habe ich auch noch Eine beizusteuern. Bevor ich diesen widerlichen Widerlichen heiraten musste, lebte ich bei meinen Eltern. Eines Nachts sah ich eine Sternschnuppe und am nächsten Tag fand ich dich, Elvira. Wir nahmen dich zu uns und mir war völlig klar, dass du etwas Besonderes bist. Eines Tages kam der unaussprechlich Widerliche, verfluchte meine Eltern und entführte mich und dich. Ich gelobte ihm, seine Frau zu werden, wenn er dir nichts antun würde. Im Laufe der Jahre habe ich meine magischen Fähigkeiten, sagen wir mal, verbessert. Ich habe ihn verflucht, jeden Tag aufs Neue und irgendwann hat es geklappt. Erst habe ich seine Männlichkeit verflucht und dann seinen Namen. Keiner kann sich mehr an seinen Namen erinnern, er nicht und selbst ich nicht. Dann habe ich mich seiner Magie solange bedient, bis nichts mehr davon übrig war. Nun ist er nur noch eine leere, dumme Hülle und wenn Undrocht mit ihm fertig ist, dann bin ich wohl die glückliche Witwe. Ich habe Stulpe dazu angestiftet alle Wertgegenstände auf die Burg meiner Eltern zu bringen. Jahr für Jahr haben wir alles fortgeschafft, was uns am Herzen lag. Dann kam Hengelder auf die Burg und Stulpe weihte mich ein.‘

‚Mutter und ich dachte immer, du hast auch was mit Hengelder.‘

‚Elvira, du ungezogenes Kind.‘ rief Esmeralda empört.

‚Ich hab gesehen, wie er Nachts immer in dein Zimmer geschlichen ist.‘

‚Ja, aber ich bin nie bis zum Morgen geblieben, Schwesterherz!‘

‚Nein, aber Stulpe!‘ meinte Elvira schnippisch. Utrecht kniete immer noch neben Elvira und blickte verwirrt zwischen den Dreien hin und her. Er konnte kaum glauben, was er da hörte.

‚Sag mal, was hältst du denn von mir?‘

‚Mutter, das mit Stulpe wusste ich schon länger, nur das mit Hengelder hat mich echt verwirrt. Und jeder Mann wäre besser gewesen, als ‚Vater‘! Deswegen hab ich mir nichts weiter dabei gedacht.‘

Emeralda war den Tränen nahe und nahm sie in den Arm. ‚Dann reiten wir jetzt heim!‘

‚Heim Heim!‘ Sie wies Richtung Burg Feuerheyn! ‚Oder Heim Heim. Wo auch immer da ist?‘

‚Heim Heim und es liegt hinter dem Fluss und hinter den Bergen.‘ meinte Esmeralda und wies in die Richtung, wo man Stulpe und Pürkel gerade davon reiten sah.

Elvira stand auf. ‚Bevor wir uns zur der Burg deiner Eltern aufmachen, würde ich mich auch gerne Waschen!‘

Published in: on 26. September 2012 at 20:53  Schreibe einen Kommentar  
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Igor – Ein denkwürdiger Tag auf Burg Feuerhayn Teil 3

Igor 2.0

Ein denkwürdiger Tag auf Burg Feuerhayn Teil 3

Wenig später saß Igor breitbeinig verkehrt herum auf dem Hintern von Utrechts Pferd. Er blickte auf das Pferd hinter ihnen. Hengelders Arme und Beine baumelten links und rechts vom dem hinterem Pferd herab. Utrecht hatte Elvira vor sich auf sein Pferd gesetzt. Dann sprach er ruhig zu ihr, während er das Pferd über eine weite Ebene führte. ‚Lady Elvira, darf ich mich bei Euch in aller Förmlichkeit für die Ohrfeige von vorhin entschuldigen.‘ Seine Hand lies den Zügel kraftlos los. Elvira rieb sich über ihre, immer noch rote, Wange und sagte: ‚Ihr dürft!‘

Sie nahm seinen verletzten Arm und lies ihn in ihren Schoß sinken, dann ergriff sie ihrerseits den Zügel.

‚Darf ich Euch etwas anvertrauen?‘ fragte Utrecht.

‚Ich bitte darum!‘ sagte Elvira leicht näselnd. Igor, der die Beiden belauschte, wurde es richtig schlecht bei dem Gesülze. Viele kleinere und größere Begräbnishügel säumten die Ebene.

‚Ich habe nicht vor mit Euch ins Hauptquartier zu reiten.‘

‚Und was habt Ihr stattdessen vor?‘ fragte Elvira neugierig.

Sie hielten auf die drei großen Hügel im Zentrum der Ebene zu. Die immer größer wurden, um so näher sie kamen.

‚Das werdet Ihr dann schon sehen!‘ grinste Utrecht.

‚Ich hätte es wissen müssen. Ihr seid ein unglaublicher Widerling!‘ erwiderte Elvira, sie riss am Zügel und schleuderte dabei seinen Arm von ihrem Schoß. Bei diesem Manöver fielen sie beide vom Pferd. Utrecht kugelte mit Elvira zusammen über den Boden, während das Pferd mit Igor auf dem Rücken davon sprengte. Sie rangelten ein Wenig miteinander, als sich Utrecht plötzlich unter einem Stöhnen zur Seite wälzte. Elvira rappelte sich auf und schrie ihn weiter an: ‚Ihr seid nicht nur ein Widerling, Ihr seid ein, ein, ein…ein ungehobelter…. ungehobelter…Gauner!‘

Igor hielt sich beharrlich am Schwanz des Pferdes fest, während das Pferd im Zickzack zwischen den Begräbnishügeln umher irrte.

Utrecht hielt sich, mit einem schmerzverzerrtem Gesichtsausdruck, den Arm. Dann stöhnte er: ‚Ich bin alles was Ihr wollt,….wenn Ihr mir….mir nur bitte helft.‘

‚Oh, Verzeihung.‘ sagte Elvira erschrocken. ‚Natürlich!‘

Sie kniete sich hin, raffte ihre Röcke und wühlte in einem Beutel, den sie unter ihrem Unterrock versteckt hatte. Utrecht richtete sich auf und schaute ihr wie hypnotisiert dabei zu, er konnte ihre Rüschenunterwäsche sehen.

‚Oh, habt Ihr da noch mehr unter Eurem Rock versteckt?‘ plapperte er und grinste sie mit einem schmerzverzerrten Lächeln an. Sie lies die Röcke und den Beutel los und verpasste ihm eine Ohrfeige. Er stürzte wieder um und hielt sich schreiend seinen Arm. Dessen ungeachtet rief sie aufgebracht: ‚Ihr seid ein widerlicher, aufgeblasener Schuft!‘ Mit einem ernsten Blick zog sie einen Dolch. Utrecht schaute sie mit weit aufgerissenen Augen an. Woher hatte sie den Dolch nun auf einmal her?

‚Ihr habt doch nicht etwa Angst, Utrecht!‘ Elvira packte seinen Arm, setzte den Dolch am blutdurchtränkten Ärmel seiner Tunika an und schnitt ihn dann ganz langsam und vorsichtig auf. Um so näher sie an die Wunde kam, um so mehr sog er zischend die Luft zwischen den Zähnen hinein. Als sie mit dem Aufschneiden des Ärmels fertig war, trennte sie ihn oben an der Schulter ab. Als sie den blutigen Fetzen von der Wunde klappte, konnte man ein saugendes Geräusch vernehmen und Blutblasen quollen aus seiner Wunde. Utrecht war nun ein Wenig blasser geworden.

‚Ach, du gute Güte, das sieht aber gar nicht gut aus!‘ kam es aus Elviras Mund und Utrecht konnte nicht so recht glauben, was er da gerade gehört hatte. Seinen Blick nicht beachtend, öffnete sie eine Flasche mit einer braunen Flüssigkeit aus ihrem Beutel. Sie nippte daran und kippte den restlichen Inhalt über beide Seiten der Wunde. Er biss sich auf die Lippen und versuchte nicht nochmal zu schreien. ‚Oh, das könnte nun ein bisschen Weh tun!‘ meinte sie kühl. Irgendwie kam er mit ihren Stimmungsschwankungen gar nicht zurecht.

Sie nahm zwei strahlend weiße Tücher aus ihrem Beutel und träufelte etwas Flüssigkeit aus einer weiteren Flasche darauf. Dann hielt sie eines der Tücher an die hintere Austrittswunde und träufelte einige Tropfen in die Eintrittswunde. Mit dem zweiten Tuch verdeckte sie die Eintrittswunde, danach rieb sie die Tücher über die Wunde und murmelte etwas Unverständliches. Sein Arm wurde kochend heiß, Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn und rannen sofort über sein Gesicht. Er riss die Augen erschrocken auf und setzte wieder zum Schreien an, als sie die Tücher vom Arm nahm. Fassungslos blickte er auf seinen Arm, die Wunden waren fast verschlossen. Sie wischte das restliche Blut von seinem Arm und rieb auch über die Stelle an seiner Hand, wo sie ihn noch vor einer Stunde gebissen hatte. Auch diese Wunde verschwand langsam. Erschöpft schaute sie auf. Utrecht hatte sich vor Schmerz auf die Lippe gebissen und ein Tropfen Blut wanderte über sein Kinn. Bevor des Blut von seinem Gesicht tropfen konnte, nahm sie ihn mit dem Tuch auf und rieb ihm auch über die Lippe. Beide blickten sich wie verzaubert von diesem Augenblick an.

Igor hätte bei diesem Anblick ernsthaft kotzen können, wenn er in diesem Augenblick nicht kopfüber vom Pferd herab hängen würde. Seine Aussichten waren bei weiten auch nicht rosiger, er blickte von unten auf den Hintern des Pferdes. Er war irgendwann vom Pferd gestürzt und hatte sich im Zaumzeug verfangen. Von seiner Position aus hatte er keinerlei Möglichkeit das Pferd zu stoppen.

Utrecht und Elvira machten gerade Anstalten sich zu küssen, als eine Stimme ihr Vorhaben unterbrach. ‚Kann man Euch irgendwie zur Hand gehen, Eure Erhabenheit!‘ Beide schreckten hoch und erkannten Ignatius Pürkel, der von seinem Pferd aus, auf sie herab blickte und selten dumm grinste.

‚Lady Elvira, geht es Euch gut, hat er Euch etwas angetan?‘ fragte er und grinste über beide Ohren.

Elvira nickte zu erst, schüttelte dann den Kopf und schaute ihn entgeistert an.

‚Feiner Herr, wo ist Euer Pferd?‘ fragte Pürkel und stieg von seinem Pferd ab.

Utrecht pfiff und versuchte sich aufzurappeln, dann half er Elvira hoch.

‚Pürkel, du räudiger Sohn einer läufigen Hündin, endlich. Du hast doch getrödelt!?‘ entgegnete Utrecht immer noch aufgebracht von der Tatsache, dass Pürkel sie gerade beim Beinaheknutschen erwischt hatte. Er umarmte ihn trotzdem erschreckend herzlich.

‚Oh nein, ich hab nicht getrödelt. Ich hab erst mal Stulpe befreit!‘

‚Und wo ist Stulpe?‘ fragte Utrecht.

‚Er wollte Lady Esmeralda retten, bevor Euer Bruder noch die ganze Burg in die Luft jagt.‘ erwiderte Pürkel, hob den blutigen Fetzen auf, zog eine Augenbraue hoch und blickte auf den nackten Arm von Utrecht und fuhr fort: ‚Hättet Ihr Euren Abgang nicht etwas weniger spektakulär gestalten können, es langt doch völlig, dass wir Beutelrock geopfert haben.‘

‚Pürkel, wir haben Beutelrock nicht wirklich geopfert, er wollte es so!‘ sagte Utrecht trotzig, aber irgendwie ungläubig. Er war mit dem Vorschlag von Beutelrock nämlich nicht einverstanden gewesen.

‚Blickt ihr’s eigentlich noch, Hengelder ist tot. Er ist vorhin in meinen Armen gestorben…!‘ Elviras Stimme brach und sie schluchzte einmal laut auf.

‚… Pürkel …warum machst du mit dem da gemeinsame Sache!‘ Dabei wies sie auf den verdutzt drein blickenden Utrecht.

‚Lady Elvira, das erklärt Euch besser Hauptmann Beutelrock!‘ meinte Pürkel ganz selbstverständlich.

‚Ja Pürkel, da hast du recht. Der Beutelrock lässt uns eh die ganze Drecksarbeit alleine…!‘ pflichtete Utrecht bei, kam aber nicht dazu seinen Satz zu vollenden, da Elvira klamm heimlich in Ohnmacht gefallen war.

‚Ich glaub, du musst es ihr vielleicht doch irgendwie selber erklären!‘ witzelte Pürkel.

Utrecht war währenddessen zu Elvira hinunter gestürzt und versuchte ihr zu helfen.

‚Pürkel jetzt hilf mir doch, ich hab doch keine Ahnung von so was!‘ winselte Utrecht.

‚Euer Hochwohlgeboren, kann ich Euch etwa zur Hand gehen!‘ Sie hatten auch Hauptmann Stulpe nicht kommen hören.

‚Äh… Stulpe…wo ist dein Pferd?….Ähm…Und wo ist Lady Esmeralda?‘ stotterte Utrecht.

Stulpe machte auf seine Art und Weise Meldung: ‚Lady Esmeralda fängt gerade mit meinem Pferd deinen blöden Gaul und den Beutelrock ein! Und sie wollte das Ritual vorbereiten!‘

‚Vertraut die Herrin etwa Eurer magischen Inkompetenz nicht!‘ warf Pürkel ein. Er grinste wieder breit, half aber dann Utrecht dabei, die immer noch bewusstlose Elvira auf sein Pferd zu hieven.

‚Ich frag besser nicht, was du mit der jungen Lady gemacht hast?‘ witzelte nun Stulpe und beobachtete die Beiden dabei, wie sie emsig abmühten.

‚Mauritius, halt endlich dein vorlautes Mundwerk und hilf uns!‘ rief Utrecht schon leicht verärgert und stieg hinter Elvia’s reglosen Körper in den Sattel.

‚Ich wusste gar nicht, dass Engel so schwer sind!‘ meinte Stulpe.

‚Genaugenommen ist sie gar kein Engel!‘ erklärte Pürkel neunmalklug.

‚Elfe….Fee….Was auch immer! Ich werde es ihr jedenfalls nicht erklären!‘ stellte Utrecht fest, griff die Zügel und lenkte das Pferd in Richtung der drei großen Begräbnishügeln.

‚Ach, der feine Herr reitet voraus und das blöde Fußvolk macht das, was es am Besten kann!‘ beschwerte sich Stulpe breit grinsend.

‚Ihr Beiden deckt den Rückzug und untergrabt nicht immer meine Autorität!‘ erwiderte Utrecht, stupste Pürkels Pferd leicht in die Seite und ritt langsam fort.

‚Ich hab doch jetzt gar nichts gesagt.‘ beschwerte sich Pürkel.

‚Es wird Zeit, dass ihm der Beutelrock mal wieder die Leviten eintrichtert.‘ sagte Stulpe mehr zu sich selbst.

‚Das habe ich gehört!‘ rief Utrecht ihnen über Schulter hinweg zu und ritt nun etwas schneller davon.

Lady Esmeralda hatte die beiden Pferde zu den drei großen Begräbnishügeln getrieben. Igor hing unter Utrechts Pferd fest und bot Esmeralda einen echt mitleidigen Anblick. Er wand sich wie ein Wurm, in der Hoffnung das Pferd würde sich in den nächsten Minuten nicht nochmal erleichtern. Sie musste herzhaft lachen, stieg dann ab und band die beiden Reitpferde an einer vertrockneten Wurzel, eines seit langer Zeit verdorrten Baumes, fest.

‚Igor, in was hast du dich da wieder verstrickt!‘ lachte Esmeralda.

Igor sein sämtliches Blut war ihm in den Kopf und in den Buckel gelaufen. Er konnte weder Arme, noch Beine richtig bewegen und er jammerte wie ein Kleinkind, sie möge ihn doch endlich von seinen Leiden erlösen.

‚Igor nein, dein Tag der Pastete ist noch lange nicht gekommen!‘ Esmeralda stand vor dem Gaul und rieb sich am Kinn. Sie überlegte, wie sie Igor so befreien konnte, ohne dabei das ganze Zaumzeug vom Pferd zu lösen. Dabei sprach sie mehr zu sich selbst, als zu Igor: ‚Wenn ich den Nippel hier durch die Lasche ziehe, dann müsstest du eigentlich…!‘ Igor fiel mit einem lauten Aufschrei zu Boden. ‚…Oh, Verzeihung!‘

Igor rappelte sich blitzschnell auf, weil er möglichst schnell von dem Pferd wegkommen wollte. Er hatte nur nicht bedacht, dass ihm sämtliche Extremitäten eingeschlafen waren. Es zog ihm beim Hochhasten erst die Beine weg, als wären sie nicht nur taub, sondern aus warmen Wachs. Beim Umfallen wollte er sich mit den Armen abstützen. Weit gefehlt, er flog mit der Nase in den Dreck. Esmeralda kicherte etwas schadenfroh, es war ihr auch kaum zu verübeln, der Anblick von Igor war einfach zu albern gewesen. An ihm war wirklich ein Schelm verloren gegangen.

Immer noch feixend nahm sie das Pferd, mit dem Leichnam von Hengelder Beutelrock auf dem Rücken, am Zügel und schritt den mittleren Hügel hinauf.

Vor Igors Nase kroch eine enorme Nacktschnecke und hinterließ eine widerliche Schleimspur. Er überlegte nicht lange und schnappte nach der Nacktschnecke. Er konnte ja nicht wissen, wann er das nächste Mal etwas gegen sein Magenknurren bekommen würde.

Esmeralda drehte sich nochmal zu Igor um und fragte ihn verdutzt. ‚Igor kommst du? Ich brauche deine Hilfe… Und hast du da etwa gerade eine Nacktschnecke gegessen?‘

Igor schluckte schwer und versuchte dann nochmal aufzustehen und loszulaufen. Er taumelte der Herrin hinterher, als wäre er ganz schön betrunken.

Published in: on 25. September 2012 at 18:27  Schreibe einen Kommentar  
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Igor – Ein denkwürdiger Tag auf Burg Feuerhayn Teil 2

Igor 2.0

Ein denkwürdiger Tag auf Burg Feuerhayn Teil 2

Hauptmann Beutelrock schleifte Igor an seinem Ohr aus dem Thronsaal und eilte zum dritten inneren Tor. Man konnte Kampfeslärm von draußen hören. Seine Männer hatten eine Barrikade errichtet. Die äußeren Tore schienen schon verloren zu sein.

‚Öffnet die Barrikade!‘ schrie der Hauptmann.

‚Aber, Hauptmann. Sie werden uns überrennen, wenn wir die Barrikade öffnen!‘ meinte einer seiner Gardisten.

‚Sie riefen nach einem Unterhändler. Und ich bin der Unterhändler!‘ meinte Hauptmann Beutelrock kühl.

Der Gardist lief zu dem Fenster mit Schießscharte, dass sich am Nächsten bei der Barrikade befand. ‚Wir schicken einen Unterhändler! Wir schicken einen Unterhändler!‘

Der Kampfeslärm verstummte.

‚Er soll ohne Rüstung und unbewaffnet aus dem Tor treten!‘ rief eine laute Stimme von draußen herein.
‚Igor, los beweg dich. Nimm mir die Rüstung ab!‘ befahl Hauptmann Beutelrock und ging in die Knie. Igor tat wie es ihm geheißen und half dem Hauptmann aus der Rüstung. Ohne die Rüstung sah der Hauptmann nur noch halb so imposant aus.

Er hatte nur noch seinen wattierten Wappenrock, eine Bruche und seine wattierten Beinlinge an. Seine Gardisten hatten die Barrikade bereits zur Seite geschafft.

‚Hasenreit! Antreten!‘ Schrie der Hauptmann. ‚Wenn ich nicht zurückkomme, seid ihr Hauptmann!‘ Hauptmann Beutelrock drückte dem Gruppenführer Dolp Hasenreit sein Schwert in die Hand und wies auf seine Rüstung. ‚Behandelt sie gut, sie haben mir in so mancher Schlacht das Leben gerettet.‘ Dann wandte er sich ab und ging zum Tor. Seine Leute hatten bereits das Tor geöffnet. Igor lief los und folgte ihm. Sein innerer Widerwillen konnte ihn nicht zurückhalten, der Meister hatte es befohlen, er musste den Hauptmann begleiten.

‚Was habt Ihr da?‘ fragte der Mann, der zu der lauten Stimme zu gehören schien.

‚Das ist ein Igor!‘ erwiderte Hauptmann Beutelrock.

Mehrere Söldner von Utrecht und Undrocht packten den Hauptmann sowie Igor, durchsuchten sie unsanft und schleiften sie, im wahrsten Sinne des Wortes, aus dem Blickwinkel der Gardisten.

Den Hauptmann hatten die Söldner noch ein Wenig verprügelt, bevor die beiden dann zu Utrecht und Undrocht gebracht wurden. Igor hatten sie seltsamerweise kein Haar gekrümmt.

Sie wurden in ein riesiges Zelt geführt. Hauptmann Beutelrock hatten sie die Hände auf den Rücken gefesselt. Undrocht, war der Ältere der Beiden bösen Brüder und saß auf seinem Thron und Utrecht, der Jüngere, stand neben seinem Thron. Die beiden Brüder sahen sich nicht im Mindesten ähnlich.

‚Hauptmann Beutelrock, was verschafft uns die Ehre!‘ meinte Utrecht.

Hauptmann Beutelrock zog eine Ladung Blut aus seiner Nase hoch und spuckte Utrecht vor die Füße. Undrocht gab den Wachen einen Wink, daraufhin zwangen sie den Hauptmann auf die Knie.

‚Aber Hengelder, Ihr müsst unsere Söldner entschuldigen. Sie sind zu Weilen etwas übereifrig.‘ meinte Undrocht, während Utrecht zu dem Tisch trat und eine Karaffe mit Wasser und ein Handtuch holte. Er goss den Inhalt des Kruges dem Hauptmann über den Kopf. Dann zog er seinen Dolch aus seinem Gürtel und öffnete ihm die Fesseln mit einem Ruck. Hauptmann Beutelrock schnaubte sich Blut und Wasser aus dem Gesicht. Utrecht reichte ihm das Handtuch. ‚Wir sind ja keine Unmenschen!‘

Der Hauptmann rieb sich mit dem Handtuch übers Gesicht und meinte dann kurz: ‚Ihr wolltet verhandeln!‘

‚Nein, nicht wirklich!‘ meinte Undrocht. ‚Ich wollte Euch nur aus der Burg haben, bevor ich den Rest von ihr auch noch in die Luft sprenge.‘ Er lies den Satz wirken, bevor er weitersprach. ‚Ich habe Hauptmann Stulpe vorhin schon ein Angebot gemacht, was er besser nicht abgelehnt hätte.‘ Undrocht wies aus dem Zelteingang. Draußen konnte man eine Gestalt an der hochgezogenen äußeren Zugbrücke baumeln sehen. Igor zuckte merklich zusammen, als er erkannte, dass Hauptmann Stulpe, nur in seiner Bruche bekleidet an der Zugbrücke baumelte.

‚Was soll der Gnom hier eigentlich?‘ fragte Undrocht.

‚Das ist Igor. Er ist der Unterhändler.‘ meinte der Hauptmann.

Utrecht schlug dem Hauptmann mit der blanken Faust mitten ins eh schon ziemlich ramponierte Gesicht.

‚Wenn ich veralbert werden möchte, dann kaufe ich mir einen eigenen Schelm.‘ meinte Utrecht.

Der Hauptmann schaute gerade so aus der Wäsche, als würde er statt fliegende Sternen oder flatternden Vögelchen, viele kleine igorianische Schelme um seinen Kopf herum fliegen sehen.

Igor wusste nicht, wie er reagieren sollte, er wollte aber auf keinen Fall zu Hauptmann Stulpe gehängt werden, oder Schlimmeres. Er wusste nicht was er tat, aber er sprach einfach drauf los…‚Wenn Ihr mir erlauben würdet, meine Stimme zu erheben. Mein Name ist Igor Flinkfinger. Ich bin der persönliche Schreiber des Burgherren. Er hat mich gebeten seine Belange vor Eurer Erhabenheit Lord Undrocht und Eurer Erhabenheit Lord Utrecht zu vertreten, wenn es den Hochwohlgeborenen Herren van der Schorten genehm ist. Ansonsten würde ich mein Amt als Unterhändler gerne für eine geeignetere Person zur Verfügung stellen.‘

Hauptmann Beutelrock schaute Igor mit einem ratsuchenden Blick an. Blut rann ihm aus der Nase und seine Lippen formten unmerklich. ‚Du kannst doch gar nicht schreiben!‘

Ja, das war ein schwerwiegender Hacken an der Sache. Wenn die Sache aufflöge, dann wäre die Aussicht, in seiner nicht vorhandenen Unterwäsche an der Zugbrücke zu baumeln, noch die Angenehmste.

‚Nun Flinkfinger, dann lasst uns verhandeln.‘ meinte Undrocht, er lehnte sich zurück und verschränkte die Arme auf seinem Bauch.

Igor fuhr ruhig fort: ‚Nun ja, Ihr werdet Euch denken können, dass der Burgherr nicht besonders erfreut über Euren plötzlichen Besuch zu sein scheint!‘

‚Das hatten wir beabsichtigt!‘ meinte Utrecht.

‚Und Ihr wisst ebenfalls, dass der Burgherr keine große Armee unterhält.‘ Igor lies seine Feststellung fragend im Raum stehen.

‚Genau deswegen sind wir hier!‘ meinte Utrecht.

‚Und warum hat er keine große Armee?‘ stocherte Igor nach.

‚Weil er einfältig ist!‘ meinte Utrecht.

‚Nein! Weil er es kann.‘ erwiderte Igor.

‚Auf was wollt ihr hinaus?‘ schrie Undrocht ungeduldig.

Er hat es nicht nötig unzählige, hungrige Mäuler um sich zu scharen, nur damit er seine Burg halten kann.‘

‚Jetzt kommt endlich auf den Punkt!‘ rief Undrocht schon leicht verärgert.

‚Er ist nicht nur ein mächtiger, schwarzer Magier, sondern er hat auch einen Drachen, einen ziemlich großen Drachen wohlgemerkt, der nur ihm gehorcht.‘

Na hoffentlich fliegt er jetzt nicht auf, es gibt nämlich überhaupt keine Drachen, aber Utrecht und Undrocht sind so was von bescheuert, den Beiden hätte er auch die eigene untote Urgroßmutter andrehen können.

‚Ich habe keine Angst vor Drachen, ich habe den größten Tribock aller Zeiten hinter meinem Zelt stehen, damit holen wir jeden, auch noch so großen, Drachen vom Himmel.‘ meinte Undrocht angeberisch. Igor hätte es vielleicht doch mit der untoten Großmutter probieren sollen.

‚Eure Erhabenheiten, darf ich eintreten?‘ meinte ein hagerer Kerl, der in einer gebückten Haltung am Zelteingang wartete.

‚Oh, Dürwart. Was hast du uns Schönes mitgebracht?‘ meinte Utrecht.

‚Herr, ich habe sie erwischt, wie sie sich mit einem Flechtwerk aus Bettlaken vom höchsten Turm der Burg abseilen wollte.‘ Dieser Dürwart kam, einen lebendig zu sein scheinenden Sack hinter sich her schleifend, ins Zelt geschlürft. Er öffnete den Sack und richtete sich dann zu voller Größe auf. ‚Sie ist mir quasi in den Sack geklettert.‘ Ein gemeines Grinsen breitete sich auf dem Gesicht von Dürwart aus, als alle im Zelt befindlichen Personen erkannten, wen er da im Sack hatte. Bei allen Göttern, Elvira hatte sich da im wahrsten Sinne des Wortes abseilen wollen und war dem diebisch, dummen Dürwart direkt auf eine senkrechte Art und Weise in die Arme gelaufen.

‚Sehr gut, Dürwart. Bringt Beutelrock zu Stulpe. Sie sollen zusammen die Aussicht genießen, während wir uns mit dem netten Täubchen unterhalten.‘ meinte Undrocht.

‚Undrocht, ich warne dich, wenn du ihr auch nur ein Haar krümmst, dann bringe ich dich eigenhändig um.‘ schrie der Hauptmann, währenddessen er von Dürwart und den beiden Wachen herausgetragen wurde. Er wehrte sich nach Leibeskräften und kassierte wieder einige Hiebe und Tritte. Igor hatte den Hauptmann noch nie so aufgeregt erlebt, vor allem nicht, wenn es um Elvira ging. War er vielleicht doch nicht so ein Arschloch, wie sie beide gedacht hatten.

Elvira hatte sich währenddessen aus ihrem Sack heraus gestrampelt und wurde nun von Utrecht entknebelt. Dabei biss sie ihm in die Hand, so dass sogleich Blut floss. Er schlug ihr seine Hand ins Gesicht. Igor sprang in die Presche, verfehlte aber die Hand von Utrecht nur um Haaresbreite und kugelte durchs Zelt. Elvira war von dem Schlag umgefallen und lag benommen auf dem Boden. Auf ihrer Wange glühte ein halber Handabdruck von Utrecht und Utrecht selbst, saugte an seiner anderen Hand. Igor war zum Stillstand gekommen und sah auf. Etwas Schreckliches war geschehen, Elviras Perücke war ihr vom Kopf gerutscht und ihre goldenen Zöpfe kamen zum Vorschein.

‚Du kleines Miststück!‘ meinte Utrecht, dann sah er die Perücke, die neben ihr auf dem Boden lag. ‚Oh, was kommt denn da zum Vorschein? Ein blondes Täubchen!‘

In dem Moment, kam Hauptmann Beutelrock beim Zelteingang hereingestürmt. Er war nun mit einer Axt bewaffnet und ging sogleich auf Utrecht los, der wiederum gerade noch sein Schwert mit samt Schwertscheide zum Parieren hochziehen konnte.

Mit dem nächsten Schlag entwaffnete Beutelrock Utrecht, indem er den Gürtel mit einem Hieb durchtrennte und stürzte ihn zu Boden. Er holte aus, um Utrecht einen vernichtenden Schlag zu verpassen und sagte fast schon entspannt: ‚Hauptsach, man hat ne Axt dabei!‘

Es war ein Klicken zu hören und dann ein Firrrr. Undrocht hatte eine Armbrust in der Hand. Beutelrock sank auf die Knie. Ein Bolzen ragte aus seiner Brust und Blut rann herab. Igor war einigermaßen schockiert von den Ereignissen und Elvira war den Tränen nahe.

Als Hengelder Beutelrock zu Boden stürzte, streckte er seine Hand Richtung Elvira aus und röchelte: ‚Elvira…!‘

Elvira stürzte zu Hengelder und schrie ihn stotternd an: ‚Hen…g…du dummer Angeber…!‘

‚Vira….bleib dir treu…! Bitte…!‘ Er drückte ihr die Axt in die Hand. ‚Und es ist wichtig immer eine Axt dabei zu haben.‘ Blut rann ihm aus dem Mund, er fuhr röchelnd fort. ‚Ich l…!‘ Nach dem letzten Buchstaben kam nur noch ein entsetzliches Röcheln, dann starb er in Elviras Armen.

An den toten Körper Hengelders geklammert schaute Elvira entsetzt und wütend zugleich zu Undrocht hinüber und bescherte Utrecht einen bitterbösen Blick. Ihr Kinn zitterte und Tränen liefen ihr die Wangen herunter. Heftig um ihre Fassung ringend sog sie die Luft zwischen den Zähnen ein. Doch bevor sie etwas sagen konnte, wurde sie von Utrecht unterbrochen: ‚Undrocht, das war völlig unnötig. Ich hatte alles im Griff.‘ Er war aufgestanden, zog einen Dolch aus seinem Ärmel und rammte ihn in die Tischplatte, direkt vor Undrocht. Der Dolch vibrierte auf der Tischplatte hin und her. ‚Von meinem Dolch im Oberschenkel wäre er nicht gleich verreckt!‘

Undrocht sprang wütend auf und schrie seinen Bruder an: ‚Geh doch zu den Elfen, wenn du lieber Blumenkränze bastelst. Wir sind hier im Krieg und im Krieg passieren Unfälle.‘

‚Undrocht, du drehst es dir hin, wie es dir passt. Vorhin hast du mir noch verboten ihn umzubringen, weil du ihn auf unsere Seite bringen wolltest. Und dann holzt du ihn einfach weg. Willst du dir jetzt wieder den Stulpe runter holen und dir nochmal an ihm die Zähne aus beißen?‘ schrie Utrecht jetzt auch seinen Bruder an.

Während Undrocht seine Armbrust spannte, sagte er ganz ruhig: ‚Utrecht, wage es nicht noch einmal mich vor unseren Geiseln anzuschreien.‘ Er legte einen neuen Bolzen ein und zog den Abzug. Der Bolzen durchschoss Utrechts Oberarm und blieb zitternd in einer Zeltstange stecken. Utrecht riss es durch den Treffer halb um, er konnte sich aber mit dem anderen Arm gerade noch auffangen.

‚Utrecht, du reitest mit unserem Täubchen ins Hauptquartier und wartest dort auf Nachricht von mir.‘ sagte Undrocht in einem Befehlston, der keinerlei Widerrede duldete, dabei spannte er wieder die Armbrust und legte einen weiteren Bolzen ein. ‚Und jetzt überanspruche meine Augen nicht weiter mit deinem jämmerlichen Anblick.‘

Utrecht drehte sich auf dem Absatz um, ging zu Elvira, nahm ihr die Axt weg und steckte die Axt in seinen Gürtel. Dann zog er sie hoch. Sie riss sich los, klammerte sich weiter weinend an den toten Körper von Hengelder und schrie schluchzend: ‚Ich gehe nicht ohne Igor und ohne dass Hengelder ein anständiges Begräbnis bekommt.‘

Undrocht platzte nun endgültig der Kragen, er schrie und schoss dabei wahllos durch das Zelt: ‚Raus! Alle! Sofort!‘

Igor packte Elvira an der Hand und Utrecht packte den Körper Hengelders und schleifte ihn aus dem Zelt.

Draußen, außerhalb der Reichweite von Undrochts Armbrust, gab Utrecht einige Befehle, dann wand er sich an Elvira und Igor.

‚Wir reiten jetzt zu den Begräbnishügeln bei den alten Schlachtfeldern. Ich möchte Hengelder Beutelrock die letzte Ehre an dem Ort erweisen, wo er mir nicht nur einmal das Leben gerettet hat.‘

Published in: on 23. September 2012 at 12:29  Schreibe einen Kommentar  
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Igor – Ein denkwürdiger Tag auf Burg Feuerhayn Teil 1

Igor 2.0

Ein denkwürdiger Tag auf Burg Feuerhayn Teil 1

Die Tochter vom Meister hatte Igor beauftragt für sie im Burggraben Erdbeeren zu pflücken. Sie stand mittlerweile unter ständiger Beobachtung, seit dem ihr Vater ziemlich misstrauisch geworden war, weil sie sich des Öfteren des Nächtens in der Küche herumgetrieben hatte oder in den frühen Morgenstunden im Burggraben. Der Meister hatte den Hauptmann der Wache abgezogen und ihn beauftragt seiner Tochter auf Schritt und Tritt zu folgen und sie zu ihrer eigenen Sicherheit zu bewachen. Hauptmann Mauritius Stulpe, so hieß er nämlich, hatte hierfür wiederum seine besten Männer, die 1. Lanze und Gruppenführer Ignatius Pürkel, abgestellt.

Die 1. Lanze arbeitet im Zweimanndreierschichtsystem. Somit konnte die junge Lady noch nicht mal alleine den Abort besuchen. Der Bewachungszustand führte nur dazu, dass Elvira noch mehr versuchte dem Ganzen zu entkommen, als zuvor. Dem Einzigen, dem sie sich anvertrauen konnte, war Igor und Igor versuchte alles sofort wieder zu vergessen. Weil, der Meister würde ihm noch Schlimmeres angedeihen lassen, als einen langsamen und qualvollen Tod, wenn er wüsste, dass Igor wusste, was im Kopf von Lady Elvira so vorgeht.

Wie sie es mal wieder geschafft hatte, dass er für sie Erdbeeren pflücken ging, konnte sich Igor am Allerwenigsten erklären. Wahrscheinlich hatte sie wieder damit gedroht ihn zu einer Pastete zu verarbeiten, wenn er nicht spurte. Mal abgesehen von dem Erdbeerschokoladenkuchen, den sie heute noch backen wird, wird seine Belohnung sehr kulinarisch ausfallen. Seitdem er mit den beiden Damen des Hauses einen geheimen Pakt geschlossen hatte, versorgten sie ihn mit dem besten Essen, um ihn bei der Stange zu halten.

Aber in Wirklichkeit waren die Beiden über die Gesellschaft des kleinen Gnoms sehr dankbar. Sie mussten zumindest gegenüber Igor jetzt keine Spielchen mehr spielen. Und die Spielchen, die sie nun allen anderen vorspielen konnten, wurden mit dem armen kleinen Igor noch viel realistischer, da er sich innerlich noch immer dagegen wehrte, ein Mitwisser zu sein.

Nun watschelte er durch die drei inneren Tore und die drei äußeren Tore hindurch in Richtung des Burggrabens. Als er durch das letzte Tor nach draußen trat, erschlug ihn die frische Luft, wie ein Holzhammer mitten ins Gesicht. Die Sonne schob sich hinter einer Wolke hervor und strahlte fühlbar durch sein blutunterlaufenes Auge direkt in seinen Kopf hinein. Er setzte sich den Korb auf den Kopf und kletterte halbblind in den Burggraben. Widerwillig fing er an die Erdbeeren zu sammeln. Es schien so, als würden ihn die Erdbeeren große Schmerzen bereiten, wenn er sie berührte. Essen würde er sie trotzdem, auch wenn er dann wieder die ganze Nacht Bauchschmerzen haben würde. Aber etwas zwischen die verfaulten Beisser zu bekommen, war immer noch ein wichtiger Bestandteil in seinem Tagesablauf. Auch wenn es mittlerweile nicht mehr ganz so einfach war, verhungern zu müssen. Aber es half alles nichts, der Korb musste voll werden, sonst bekäme er nicht mal einen verbrannten und verdorbenen Käsekuchen. So sammelte er und sammelte er und bei jeder einzelnen Erdbeere durchzuckte ihn ein eisiger Schauer. Endlich war der Korb voll und er konnte wieder in den Schatten der Burg zurück flüchten. Er hatte ein komisches Gefühl im Magen und er war ganz bescheuert im Kopf, noch bescheuerter als sonst. Mit dem Korb schwingend, ein Liedchen auf den Lippen, tänzelte er zum äußeren Tor zurück. Die Sonne und die frische Luft hatten ihn richtig gaga im Kopf gemacht. Er war ganz niedlich geworden. Wie widerlich. Das ist für einen Gnom schon fast eine Krankheit. Er summte und pfiff vor sich hin. Und deswegen nahm sich Igor vor, sobald er wieder in der Burg war, nicht nur seine Hände, sondern auch den eigenen Mund mit Schmierseife und einer Wurzelbürste zu schrubben.

Plötzlich kamen der Pürkel und seine Männer mit wedelnden Armen und Waffen durch das äußerste Tor gestürzt und liefen an ihm vorbei. Sie beachteten ihn gar nicht. Schnell schob er sich durch das offenen Tor und drückte sich an der Wand entlang zum nächsten Tor. Die Männer waren bereits über die Zugbrücke gelaufen. Igor dachte, er müsse die Erdbeeren mit seinem Leben beschützen. Aber so aufgeregt, wie die Gardisten der 1. Lanze an ihm vorbeigeschossen waren, schienen sie sich wirklich nicht für die Erdbeeren oder für seine Wenigkeit zu interessieren. Igor kombinierte blitzschnell, dass höchstwahrscheinlich Lady Elvira mal wieder ausgebüxt sein musste.

Am nächsten Tor angekommen, kam Hauptmann Stulpe an ihm vorbeigelaufen, der wild gestikulierend Befehle schrie. ‚Durchsucht die ganze Burg!… Los, los!…Dann macht es eben nochmal!… Das muss schneller gehen!… Sie kann doch nicht vom Erdboden verschwunden sein!…Spreche ich etwa undeutlich?…Dreht jeden Stein um!‘ Und so weiter und so weiter. Hinter Hauptmann Stulpe kam die persönliche Leibgarde des Meisters angelaufen, auch die würdigten ihn keines Blickes. So wagte er sich nun auch durch das letzte Tor. Schwupps war er in der Burg und nun musste er nur noch durch die inneren drei Tore, wenn er zur Küche wollte.

Nach kurzer Zeit war er auf dem langen Gang zur Küche. Kurz vor der Kuchentüre angekommen, packte ihn etwas an der Hand und zerrte ihn in eine Abstellkammer. Er hätte beinahe gequietscht. Wie peinlich.

‚Pscht, Igor!‘ flüsterte ihm Lady Elvira ins Ohr und hielt ihm dabei die Hand vor den Mund. ‚Wolltest du etwa gerade quietschen?‚ Mit großen Augen schaute er sie an und schnappte, wie ein junger Hund, nach Luft. Sie nahm den Korb an sich, griff nach einer großgewachsene Erdbeere und steckte sie halb in den Mund. Saugend biss sie davon ab. Der Saft der Erdbeere rann ihr am Mundwinkel herab. Igor starrte sie fasziniert an, legte den Kopf schief und sabberte leicht aus seinem linken Mundwinkel. Nur ein Gedanke schoss durch seinen Kopf. Er wollte dieser Tropfen sein. Der Tropfen, den sie nun mit der Zungenspitze aufnahm und sich dabei über die Lippen leckte. Böser Igor, Böser Igor. Er fiel in Ohnmacht.

Als er wieder erwachte, saß sie auf dem Boden und hatte seinen Kopf auf ihren Schoß gelegt. Sie knetete in seinem Gesicht herum.

‚Igor, dein Gesicht fühlt sich so an wie Plätzchenteig!‘ sagte Elvira belustigt und zog seine Wangen auseinander. Ein leises Kichern kam aus ihrer Kehle und dann fuhr sie fort. ‚Igor, ich wollte dich nicht erschrecken, aber der widerliche Koch fuhrwerkt noch in der Küche herum und die Wachen denken, ich wäre schon wieder abgehauen.‘

Plötzlich hörten sie fernab irgendwo in der Burg Alarmschreie: ‚Kontakt! Alarm! Angriff! Rückzug!‘ Trommeln, Waffenklirren und dann erbebte die Burg, als würde sie jeden Moment einstürzen. Jetzt konnte man hastige Schritte und Rüstungsgeklapper auf dem Gang hören, erst ganz leise, dann immer lauter werdend und dann nur undeutlich leiser.

‚Eure Magnifizenz, Undrocht und Utrecht greifen die Burg an. Sie sind schon durch die ersten zwei Tore. Die 1. Lanze ist gefallen, Hauptmann Stulpe ist gefangen und Gruppenführer Pürkel vermisst. Undrocht und Utrecht fordern einen Unterhändler.‘

‚Wie bitte, bitte Waaaaassss?‘ Sie konnten den Meister brüllen hören, dann hörte man einen Schlag, ein Stöhnen und dann hörte man einen Körper mit samt Rüstung auf den Boden stürzen und gleich wieder aufrappeln.

‚Aber, Herr, Eure Tochter ist ebenfalls verschwunden, deswegen..!‘

‚Waaasss….!‘schrie der Meister und man konnte seinen Sabber fliegen hören.

‚Herr, Lady Elvira war vorher schon verschwunden. Deswegen war auch das äußerste Tor offen!‘

‚Bin ich eigentlich nur von Nichtskönnern umgeben?‘ brüllte der Meister durch seinen Thronsaal. ‚Igor!‘

Igor rappelte sich auf. Elvira hielt ihn zurück. Er riss sich nicht los, sondern versuchte sie mit sich aus der Kammer zu zerren. Auf der halben Strecke versuchte sie sich von ihm loszureißen. Endlich lösten sich ihre Hände voneinander. Igor hätte sich fast den Arm ausgerenkt. Elvira stolperte rückwärts und knallte auf den Hauptmann der Leibgarde ihres Vaters. Hengelder Beutelrock. Ein wahnsinnig attraktiver Mann, aber ein unglaubliches Arschloch und ein treuer Untergebener ihres Vaters.

‚Da seid Ihr ja!‘ sagte er genüsslich und packte sie dabei fest an beiden Oberarmen.

‚Igor!‘ rief der Meister ein weiteres Mal. Igor rannte los. ‚Warum dauert das so lange?‘

Hauptmann Beutelrock bebte vor Zorn und zerrte Elvira mit sich, dabei flüsterte er ihr sabbernd ins Ohr: ‚Euren Sperenzchen haben acht guten Männern das Leben gekostet! Die fünf vom Pürkel sind mir ja egal. Aber meine Drei werden Euch noch teuer zu stehen kommen.‘

Er trat durch den Wandbehang, durch den Igor gerade verschwunden war, in den Thronsaal.

‚Herr, eine Sorge weniger. Eure Tochter hatte sich mit Igor in einer Abstellkammer versteckt!‘ berichtigte der Hauptmann und schob dabei Elvira vor sich her. Die sich heftig wehrte.

‚Vater, ich habe nur mit Igor verstecken gespielt! Woher soll ich denn wissen, dass um uns rum die Welt untergeht.‘

‚Elvira, wir haben die ganze Burg nach dir abgesucht!‘ Der Versuch seine Tochter zu tadeln misslang dem Meister, wie immer.

‚Aber Vater, das ist doch der Sinn vom Verstecken spielen.‘ grinste Elvira.

Wieder erbebte die Burg.

‚Hauptmann Beutelrock, sie wollen einen Unterhändler, sie bekommen einen Unterhändler und Igor wird dich begleiten.‘ Der Meister rieb sich die Hände, als hätte er gerade einen teuflischen Plan ausgeheckt.

Published in: on 23. September 2012 at 08:32  Schreibe einen Kommentar  
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Igor – Eines Morgens auf Burg Feuerhayn

Igor 2.0

Eines Morgens auf Burg Feuerhayn

Gequältes Gewimmer und Donner begleiteten die Nacht. Davon lies er sich schon lange nicht mehr den Schlaf rauben, weil dann würde er ja nie schlafen. Er hatte sich sein Schlaflager in einem engen Verschlag weitab der Kerker gebaut. Normalerweise riss ihn die Stimme seines Herrn aus dem Schlaf, die aus einem Rohr kam, das über seinem Kopf hing. Manchmal kam Spucke mit durch das Rohr und spritzte ihm ins Gesicht. Das machte aber auch fast keinen Unterschied, als wenn er direkt vor seinen Herrn stehen würde und er ihn beim Anschreien direkt anspuckte. Spucken tut er immer. Heute aber wachte er von etwas anderem auf, ein Tropfen. Ein Tropfen kaltes, klares Wasser. Und egal wie er sich drehte und wendete, es tropfte immer auf seinen Buckel. Diese Welt war eh schon grausam genug, wobei es ihm hier eigentlich noch richtig gut ging. Er wohnte zwar auch im Kerker und er musste auch mehrmals am Tag hindurch laufen, aber er war hier Gast mit Schlüssel. Im Gegensatz zu den armen Schweinen, die den ganzen Tag und die ganze Nacht wimmerten, jammerten und schrien, konnte er hier jederzeit raus. Er konnte auch jederzeit ans Tageslicht, er ging zwar nicht gerne ans Tageslicht, aber er könnte es, wenn er es wollte.

Irgendwann entschloß er sich dann doch aufzustehen und nach oben in die Festung zu schleichen, um zu sehen ob sich schon was rühren würde. Er schlich leise durch den Kerker, er wollte auf keinen Fall jemanden wecken. Weil sobald jemand wach werden würde, würde das Gewimmer sofort in ein erbärmliches Geschrei umschwingen. Und dass wollte doch keiner, oder? Und er wollte auch nicht seinen Meister frühzeitig wecken. Er genoss die Ruhe, als er die Stufen zur Festung hinauf hüpfte. Nur das Patschen seiner nackten Füße hätte man hören können.

Oben angekommen, war die Tür einen Spalt offen. Wie nachlässig. Da könnte ja jemand auf die Idee kommen einfach wegzulaufen. Er zog etwas aus der Hose und hielt es durch den Spalt. Dann zog er die Hand zurück und wischte den Gegenstand mit einem schmutzigen Tuch ab und steckte den Gegenstand in seine Augenhöhle. Sein Glasauge. Sein etwas eigenwilliges Glasauge, seitdem sein Herr es einst in einen magischen Trank geworfen hatte, konnte er wieder auf beiden Augen sehen. Irgendwann hatte er dann festgestellt, dass er auch sehen konnte, wenn er das Glasauge in der Hand hält. Er musste dann das richtige Auge schließen, weil es ihm sonst schwindelig wurde, weil die beiden Bilder dann irgendwie gleichzeitig da waren. Der Umstand förmlich um die Ecke schauen zu können, oder der Tochter des Herren unter den Rock, war ein unglaublicher und noch unbezahlbarerer Vorteil. Deswegen durfte auch niemand etwas davon erfahren. Man würde ihm sein Glasauge wegnehmen. Und das wollte doch niemand, oder? Meistens hatte er das Glasauge in ein Tuch gewickelt in einer eigens dafür gefertigten Tasche in seiner Hose.

Nachdem der Gang frei war, wuselte er durch die Tür aus dem Kerker und schloss die Tür ganz leise, so leise es eben möglich war. Er war zu klein um an die schwere Eisenklinke zu gelangen. Aber er schaffte es dann doch bemerkenswert leise. Er watschelte über den Gang und gelangte in den Wachraum. Die Wachen schliefen allesamt. Wie nachlässig. Da könnte ja jemand auf die Idee kommen, genau jetzt anzugreifen. Aber das wollte doch keiner.

Er ging weiter durch den Wachraum in den Thronsaal. Sein Meister lag wie immer in seinem Separee auf seinem Canapé hinter dem Thronsaal und schnarchte so laut, dass die Vorhänge bebten. Er ging näher und da…Igitt…! Er konnte den Sabber aus dem weit offen stehenden Mund seines Meisters laufen sehen. Wie ekelig. Sein Meister hatte wirklich ein ausgewachsenes Sabberproblem. Er entschloss sich dann in die Küche zu gehen, vielleicht gab es ja etwas Leckeres.

Aufmerksam lauschend watschelte er durch einen Wandbehang. Der Gang zur Küche war ewig lang und es ist jedes mal so, als würde man verhungern, wenn man den Gang entlang lief. Und irgendwann wenn der Magen schon knurrend zwischen den Knien zu baumeln schien, dann war man immer noch nicht da. Es war jedes mal ein Albtraum. Aber eigentlich war er immer kurz vor dem Verhungern, egal ob er den Gang lang lief, oder nicht. Und wenn er es dann doch mal in die Küche geschafft hatte, dann bekam er oft einfach nur einen Arschtritt von diesem fetten, schmierigen Koch. Detlef ‚die Soße‘ Kesselflicker und es hörte sich nicht nur schmierig an, er war auch echt total schmierig. Einmal hatte er ihm einen stinkenden Fisch hinterher geworfen. Geschmeckt hatte er trotzdem. Mittlerweile fraß er wirklich alles, einfach alles, weil er sonst nie satt werden würde. Und wenn andere Essen wegwarfen, dann musste er sich zumindest kaum mehr drum prügeln. Am Anfang war es ihm oft richtig übel, aber mittlerweile konnte er wirklich alles essen, egal ob es noch oder wieder lebte.

Endlich war er an der Küche angekommen. Er schwang die Küchentüre auf und erwischte die Herrin beim Backen. Ein gar grässlicher Anblick. Die Herrin mit einer blütenweißen Kochschürze über ihrem schwarzen Nachthemd und einer viel zu großen Schlafhaube auf dem Kopf, darunter die langen schwarzen Haare auf Holzwickler aufgedreht. Sie war ungeschminkt, ein sehr ungewohnter Anblick. Er guckte ihr genauer in ihr entsetztes Gesicht. Sie sah ungeschminkt gar nicht mal so schlecht aus, wie er anfangs angenommen hatte. Sie war ja richtig hübsch. Wie ekelhaft. Ihr fiel die Backform mit samt den Topflappen aus der Hand. Blitzschnell reagierte er, wie Diener eben so reagieren. Er rannte los, fing die kochend heiße Backform auf und verbrannte sich ordentlich die Finger. Schmerz zu zeigen hatte er sich zwar auch abgewöhnt, aber…! Dann wird man nämlich weniger gequält, wenn man keinerlei Regung zeigt.

Die Herrin war immer noch entsetzt und die Backform brannte sich weiter in seine knubbeligen Hände. Gut, er musste es jetzt tun, Ein ‚AUA!‘ kam aus seinem Mund.

Die Herrin hob die Topflappen auf, nahm ihm den Kuchen ab und stellte ihn auf den großen Tisch. Seine Hände sahen, mit den riesigen Brandblasen, noch viel knubbeliger aus. Und es tat wirklich schweinemäßig weh. Er versuchte nicht noch einmal Schwäche zu zeigen, aber er konnte die eine Träne nicht zurück halten.

‚Oh, du gute Güte, Igor. Es tut mir wirklich sehr leid.‘ entschuldigte sich die Herrin einfühlsam. Wo war ihr beißender Sarkasmus, den sie sonst immer den ganzen lieben langen Tag an diesen legte. Sie packte ihn und hob ihn auf den Tisch. Oh, du gute Güte, die Herrin ist ja richtig nett oder will sie ihn jetzt zu einer Pastete verarbeiten.

‚Warte, ich werd dir gleich helfen!‘ fuhr sie fort.

Irgendwie bekam er jetzt ernsthaft Angst. Sie zauberte eine Trankflasche und ein strahlend weißes Taschentuch aus ihrer Schürze, öffnete dann das Fläschchen, träufelte behutsam ein paar Tropfen auf das Tuch und rieb dann noch behutsamer mit dem Tuch über seine Hände. Mit Hilfe dieser Zaubermedizin rieb sie die Brandblasen einfach fort, als wären sie nie da gewesen.

Plötzlich roch es ziemlich verbrannt. Panisch packte sie die Topflappen, drehte sich um und rannte zum Backofen.

Sie schrie dabei laut auf: ‚Oh, nein!‘

Oh, nein, was hat die Herrin da an den Füßen, sind dass rosa Puschen? Igitt, sind da flauschige rosa Federbommel dran. Igor wird es jetzt ernsthaft schwindelig und folgende Geschehnisse kann er nur noch verschwommen wahrnehmen.

Sie öffnete geschwind den Ofen und eine Rauchwolke schwoll ihr entgegen. Hüstelnd holte sie ein Blech aus dem Ofen und keuchte: ‚So ein Schlamassel. Mir sind die Erdbeertörtchen verbrannt.‘

Jetzt hatte sie ernsthaft Tränen in den Augen. Ihm war jetzt ernsthaft schlecht, Erdbeertörtchen? Das ist ja wirklich der Gipfel von Widerhaft.

‚Mutti, sind die Erdbeertörtchen schon fertig?‘ Hörte er von der Tür trällern. ‚Igitt, was macht denn der widerliche Gnom hier!‘ Er brauchte sich nicht umdrehen, es war die Tochter der Herrin und seinem Meister, Lady Elvira. Und seit wann sagte sie ‚Mutti‘ zu der Herrin.

‚Ach, mein Sonnenschein, mir sind gerade die Erdbeertörtchen verbrannt.‘ hörte er aus dem Mund der Herrin. Er würgte so unauffällig wie möglich. Mein Sonnenschein? Es ist nicht zu fassen, sind beide betrunken oder stehen sie unter einem gar grässlichen Zauber?

‚Und Igor hier hat unseren Schokoladenkuchen gerettet.‘ meinte die Herrin abschließend. Er musste sich ins Bein kneifen, aber er träumte keinen noch grässlicheren Alptraum. Elvira kam zu ihm herüber, tätschelte ihm auf dem Kopf herum und verrutschte dabei seine Lederkappe.

‚Sieh mal was ich hinter der Festung gefunden habe.‘ flötete Elvira und hielt einen Korb voller Erdbeeren hoch. ‚Dann backen wir eben Neue.‘ Sie lachte irgendwie viel zu niedlich und drehte sich mit dem Korb in der Hand nach links und rechts.

Und was hatte sie denn da eigentlich an, damit war sie doch nicht etwa nach draußen gegangen. Er musste sich zusammenreißen, dass er jetzt nicht ohnmächtig vom Tisch fiel. Sie hatte ein rosa Nachthemdchen mit gesticktem Blümchenmuster an und ihre Haare hingen in zwei geflochtenen goldenen Zöpfchen von ihrem Kopf herab. Und ihre Haare waren ja wirklich gülden. Igitt!

Die Herrin legte das Blech mit den verkohlten Erdbeertörtchen neben Igor auf den Tisch und sagte zu ihm: ‚Du kannst sie ruhig alle essen!‘

Das lies er sich nicht zweimal sagen, in Windeseile schob er ein Törtchen nach dem anderen in Mund und schluckte ohne merklich dabei zu kauen. Währenddessen hantierten die beiden Frauen lachend mit Mehl und sonstigen Zutaten. Igor rülpste herzhaft, eine kleine Rauchwolke kam aus seinem Mund und die Frauen kicherten.

‚Was bei allen Dämonen geht hier vor. Igor, du hässlicher Wurm, wer hat dir erlaubt auf dem Tisch zu sitzen.‘ brüllte der Meister, als er durch die Küchentüre stieß.

‚Das war ich, mein Gebieter!‘ sagte die Herrin zu ihrem Mann. ‚Er war ungezogen und ich wollte ihn gerade zu einer Pastete verarbeiten.‘

Seine Tochter hatte sich einen schwarzen Mantel übergezogen und versteckte ihre blonden Zöpfe unter der Kapuze. Aus einem unerfindlichen Grund hatte ihr Vater ihr unmögliches Aussehen nicht bemerkt.

Der Meister lachte grausam, so wie er es immer tat, dann verstummte sein Lachen abrupt. ‚Esmeralda, was fällt dir ein meinen Sklaven backen zu wollen. Wer bedient mich dann, wenn er tot ist. Oder willst du meine Füße massieren?‘ Und Schwupps war ein verbissener Ausdruck in seinem Gesicht zu erkennen und dann grinste er dreckig, dabei ran Sabber aus seinem Mund. Sein Meister kann zu Weilen wirklich sehr widerlich sein.

‚Mein Herr, Ihr habt natürlich Recht. Ich habe nicht nachgedacht.‘ sagte Esmeralda unterwürfig zu ihrem Mann.

‚Und was ist das hier?‘ Der Meister hob den Korb mit den Erdbeeren hoch. ‚Sind das Erdbeeren?‘

‚Ja, Vater!‘ sagte Elvira zu ihm.

‚Igor, ich habe ja schon immer gewusst, dass du ein widerlicher kleiner Dreckfresser bist, aber Erdbeeren! Wir sollten dich gleich mit den Erdbeeren zusammen zu einer Pastete verarbeiten und dich dann den Schweinen zum Fraß vorwerfen!‘ brüllte der Meister quer durch den Raum.

‚Was immer Eure Magnifizenz wünscht.‘ sprach Igor in seinem gewohnten unterwürfigen Singsang, dabei hüpfte er auf den Boden und kroch vor seinem Meister herum.

‚Aber dann wäre dein Leiden ja gleich vorbei. Nein Igor, meine Gemahlin wird diese Erdbeeren zu ganz vielen kleinen Pasteten verarbeiten. Und du wirst die dann alle essen müssen und wehe du kotzt auch nur einen Krümel wieder heraus. Dann…!‘ Der Meister beendete seinen Vortrag ohne jedoch den Satz zu vollenden, er drohte nur mit seinem erhobenen Zeigefinger.

‚Vater, Ihr seit so grausam! Darf ich Mutter dabei helfen.‘ Igor konnte es kaum glauben, was er da aus dem Munde der verhüllten Elvira zu hören schien.

‚Aber natürlich mein Kind, du kannst ihn auch damit füttern, wenn es dir eine Freude bereitet.‘ Aber die Worte seines Meisters schlugen dem Fass den Boden aus.

‚Danke Vater!‘ und sie küsste ihn auf die Wange. Igor würgte wieder so unmerklich wie möglich.

‚Aber macht nicht wieder so viel Lärm!‘ gähnte er und verließ müde die Küche.

Als die Tür hinter ihm ins Schloss fiel, grinsten sich die beiden Damen fröhlich an. Die Herrin hob Igor wieder auf den Tisch und kitzelte ihm am Bauch. ‚Freust du dich schon auf deine Strafe, du…!‘ Und sie konnte sich das Lachen kaum verkneifen, dann fing sie sich wieder und sprach weiter. ‚Elvira, zieh dein Zweithaar wieder an, das war jetzt wirklich knapp. Und Igor wir stecken jetzt alle unter einer Decke. Ich hoffe du siehst das so wie wir.‘

‚Ähm, ich verstehe nicht ganz?‘ stotterte Igor.

Solange mein Mann denkt, dass meine Tochter und ich furchtbar böse und gemein sind, solange lässt er uns in Ruhe. Und solange können wir machen was wir wollen….Solange er es nicht merkt.‘

‚Und du wirst uns dabei behilflich sein!‘ meinte Elvira und zupfte sich die schwarzen Haare zurecht. Igor fiel ohnmächtig vom Tisch und blieb reglos liegen.

Wenig später erwachte Igor, er lag mit seinem Kopf im Schoß von….Elvira. Hilfe, jetzt wird er endgültig zu einer Pastete verarbeiten, oder Schlimmeres.

Published in: on 22. September 2012 at 23:24  Schreibe einen Kommentar  
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