Des Nächstens… der Mond schien voll!

Des Nächstens… der Mond schien voll!

düsterwaldDunkel war’s der Mond schien voll. Und Tirsch und Gerk saßen in der Taverne zu Ludwigsdorf. Sie hatten den ganzen Abend von dem dunklen Bier getrunken und waren schon ein Bisschen beschickert. Der Wirt fiedelte auf seiner Geige und seine Tochter tanzte dazu. Die Schankmaid wuchtete volle Humpen herum und immer wenn sie an ihren Tisch kam, konnten die Jungs ihr in den Ausschnitt blicken, wenn sie die Bierkrüge am Tisch abstellte und sich dazu tief hinunter beugen musst. Das war mit ein Grund, warum sie so viel getrunken hatten.

Plötzlich ging die Tür auf, ein Windsog pfeifte durch die Taverne und der Totengräber humpelte herein. Augenblicklich verstummte das Gebrabbel im Schankraum, der Wirt hörte auf zu spielen, er packte hastig seine Tochter und schob sie hinter die Theke. Nach einem viel zu langen Moment, begannen die Leute wieder zu tuscheln und der Lärmpegel schwoll langsam wieder an. Der Totengräber verzog keine Miene, wie auch, sein ihm eigener Blick war eh so finster und grimmig, dass man den Eindruck haben hätte können, er würde zum Lachen in den Keller gehen, so wie die meisten Dorfbewohner es ohnehin taten.

Der Totengräber humpelte durch den Schankraum, setzte sich zu den beiden Jungs an den Tisch und blickte sie mürrisch an. Er sah abgekämpft und ziemlich schmutzig aus und seit wann humpelte er denn?

‚Habt ihr eure Post nicht gelesen?‘ fragte der Totengräber mürrisch.

‚Ja, schon!‘ rief Gerk.

‚Ja und wo wart ihr die ganze Zeit.‘

‚Es hieß wir sollten zu Hause auf weitere Nachricht warten und es würde uns jemand abholen kommen, wenn es etwas zu tun gibt. Währenddessen sollten wir das Handbuch aufmerksam durchlesen. Wir haben uns sogar von unserem Ersparten die Sachbücher gekauft, die empfohlen wurden.‘ berichtete Gerk.

‚Und dazu sind wir eigens bis nach Bistritz gefahren!‘ meinte Tirsch, räusperte sich und fuhr dann fort. ‚Mit dem Fahrrad!‘

‚Dann müssen wir uns verpasst haben, habt ihr es denn nicht mitbekommen?‘ fragte der Totengräber.

‚Was mitbekommen?‘

‚Ja, die unerklärlichen Tode beim letzten Vollmond.‘

Jemand vom Nachbartisch drehte sich um und meinte ziemlich ernst: ‚Der Wolf hat sie sich geholt, weiter nichts!‘

Der Dorfdepp packte die Schankmaid bei der Hand, fing an zu jaulen und zu tanzen. ‚Ja, der Wolf der auf zwei Beinen tanzt. Jaaaaaauuuuuuhhhhh!‘

Der Wirt packte den Dorfdeppen, hielt ihm den Mund zu und zerrte ihn in die Küche. Dann kam er wieder und meinte: ‚Der Wolf war es und nichts weiter!‘

‚Ihr habt recht und gebt mir doch eine Flasche von eurem Wein, wir wollten eh grad gehen.‘ meinte der Totengräber, schnipste ihm ein Silberstück entgegen und fuhr dann fort. ‚Und ein Paar von den gelegten Broten!‘

‚Kommt sofort!‘ meinte der Wirt in seiner eigenen schmierigen Art und stieß seine Tochter an, während er das Silberstück auf seine Echtheit überprüfte.

‚Dafür bekommt ihr 2 Flaschen von meinem besten Wein und die Brote oben drauf.‘ rief er dann und klatschte in die Hände.

Wenig später überreichte er Tirsch das Päckchen mit den Broten und zischte: ‚Was habt ihr denn mit dem da zu schaffen?‘

‚Ach, meine Großmutter hat mir nur aufgetragen ihm bei seiner Arbeit zu helfen. Sie hat doch immer die Blumen gebracht für die unbekannten Toten. Und der Herr da oben mag es wahrlich nicht, wenn man ein Versprechen bricht, was man auf dem Totenbett gegeben hat.‘ rief Tirsch, zog seine Mütze vom Kopf und blickte den verwunderten Wirt andächtig an. Der Wirt machte 3 Kreuzzeichen, drückte Gerk die zwei Weinflaschen in die Hand und meinte abschließend. ‚Gebt bloß auf euch Acht. Der Mond scheint voll heute Nacht!‘

‚…der Wolf weiter nichts!‘ murmelte der Totengräber und humpelte aus der Taverne.

Als sie allein vor dem Gasthaus standen, zischte er ihnen zu: ‚Unwissendes und ignorantes Pack!‘

‚Wer hat dir nur so schwere Wörter beigebracht?‘ fragte Tirsch und grinste ihn albern an.

Der Totengräber blickte ihn fassungslos an, sagte aber nichts und humpelte ein paar Schritte weiter von der Taverne weg.

‚Sag mal, Totengräber! Seit wann humpelst du?‘ fragten die beiden Jungs.

‚Ich war ihm tagelang auf der Spur und doch hat er mich abgehängt.‘

‚Wer?‘ wollte Gerk wissen.

‚Der Wolf, wer sonst!‘

‚Das erklärt aber nicht dein Humpeln!‘

‚Ich bin über eine Wurzel gefallen und aufs Knie gestürzt. Keine Sorge, ich war nicht nah genug dran, als dass er mich hätte beißen können.‘ meinte er und lief über die Straße.‚Ich hab meinen Beobachtungsposten im Stall aufgeschlagen.‘

Es begann zu regnen. Sie duckten sich unter das Dach des Schobers und versuchten nicht weiter aufzufallen. Nach gefühlten Stunden anhaltenden Regens, begann es zu Stürmen und zu Gewittern. Und sie harrten immer noch im Stall aus, in der Hoffnung, dass etwas Außergewöhnliches geschehen möge. Der Regen kam sintflutartig vom Himmel und schon bald tropfte es durchs undichte Dach.

‚Ganz schön feucht hier!‘ meinte Tirsch, der an einem Stab herum schnitzte. Ein Blitz erhellte das Geschehen einen Moment lang und dann donnerte es.

‚Was schnitzt du denn da eigentlich?‘ fragte der Totengräber, der ihn noch dazu misstrauisch anstarrte.

‚Einen Stock, falls es mit deinem Knie schlimmer wird. Weil ich hab in den letzten Wochen jeden Tag einen Palmarec geschnitzt und am Sonntag auch mal zwei…‘ fing Tirsch an, wurde dann aber von Gerk unterbrochen. ‚Und der Pfaffe weigert sich schon seit einer geschlagenen Woche sie zu weihen!‘

‚Mit dem Pfaffen habe ich eh noch ein Hühnchen zu rupfen, der ist nämlich zur Mitarbeit verpflichtet.‘ flüsterte der Totengräber. Es tat einen gewaltigen Schlag und wieder blitzte und donnerte es. Der Totengräber blickte noch misstrauischer nach draußen: ‚Es muss ganz in der Nähe eingeschlagen haben!‘

‚Der Herrgott gibt es und der Herrgott nimmt es!‘ meinte Tirsch und schnitze weiter.

‚Du hast echt ein Gemüt wie ein Fleischerhund!‘ nuschelte der Totengräber.

‚Hatte deine Oma nicht mal einen Fleischerhund?‘ rief Gerk aufgeregt.

‚Der Herr ist hoffentlich mit Beiden. Mögen ihre Seelen in Frieden ruhen…!‘ meinte Tirsch, kam dann ins Stocken und fuhr erst fort, als er mit dem Stab auf die Tavernentür zeigte. ‚Wenn man vom Teufel spricht…!‘

Der Pfaffe war gerade in der Taverne verschwunden und wenig später kamen alle aus der Taverne gestürmt. Sogar der Wirt, der seine Tochter mit sich schleifte. Sie liefen Richtung Kirche.

Der Totengräber rappelte sich auf und war im Begriff loslaufen zu wollen, doch Tirsch und Gerk waren schneller. Tirsch hatte ihn noch den Stecken in die Hand gedrückt und war verschwunden.

Als der Totengräber endlich an der Kirche ankam, sah er schon den Grund des Aufruhrs.

Der Blitz hatte im Kirchturm eingeschlafen. Zum Glück war das Feuer von dem starken Regen gleich wieder gelöscht worden, doch heruntergefallene Trümmer waren durch die Dachkonstruktion der Kirche gestürzt und die halbe Kirche war eingestürzt.

Die Dorfbewohner versuchten zu retten, was zu retten war. Und Tirsch und Gerk sahen sich nach etwas Ungewöhnlichen um.

Weiter nichts, außer dem Offensichtlichen. Bis der Dorfdepp zu niesen begann.

‚Riecht nach nassen Hund.‘ rief er und fing wieder an zu tanzen.

Tirsch und Gerk wurden hellhörig und schnupperten sich durch die Dorfbewohner, bis sie an der Tochter des Wirtes hängen blieben, die sie Beide mit glühend roten Augen anstarrte. Sie hörten noch ein Knurren, dann ein Fauchen. Ihre Beine verwandelten sich, in dem Moment als der Regen aufhörte und die Wolken den Vollmond freigaben, in etwas Unmenschliches. Sie fing augenblicklich an zu jaulen, sprang über die beiden Jungs hinweg und landete auf dem Dorfdeppen. Im nächsten Moment hörte man ziemlich viel Blut auf den Boden britscheln, noch bevor der tote Körper des Deppen auf den Boden krachte und die mittlerweile ziemlich haarige Tochter der Wirtes auf allen Vieren davon sprang. Der Totengräber spannte seine Armbrust, zielte auf sie und schoss, doch der Wirt warf sich in den Weg und fing den Bolzen mit seinem eigenen Körper auf.

‚Du dummer Naar, sind nicht schon genug Deppen gestorben, für einen Abend!‘ rief der Totengräber, der zu dem Wirt hinüber humpelte, der bereits stöhnend zu Boden gesunken war.

‚Aber sie ist doch meine Tochter!‘ flüsterte er dem Totengräber zu, als er ihn packte und versuchte die Wunde mit den Händen abzudrücken.

‚Aber sie hat schon das halbe Dorf auf dem Gewissen.‘

‚Versprich mir, dass meine Tochter nicht leiden…! röchelte der Wirt und starb in den Armen des Totengräbers. Dieser schloss dem Wirt die Augen und zog ihm den silbernen Bolzen aus der Brust. ‚Der Pfaffe kümmert sich um dein Seelenheil, mein Freund!‘

Er rappelte sich auf und ging zu der Leiche des Dorfdeppen hinüber. Er nahm seinen Geldbeutel zog zwei Silbermünzen heraus und legte sie in die klaffende Halswunde des Toten.

‚Wir sollten ihn sicherheitshalber verbrennen!‘ meinte er und blickte den Pfaffen an.

Der Pfaffe nickte.

‚Und sorgt dafür, dass die Silbermünzen dort bleiben…!‘ rief der Totengräber und wickelte ein Tuch um den blutigen Hals des Dorfdeppen.

Der Pfaffe nickte wieder.

‚Tirsch!‘ rief der Totengräber und Tirsch antwortete wie aus der Pistole geschossen. ‚Jawohl!‘

‚Nimm die Armbrust! Und Gerk!‘ rief der Totengräber wieder, drückte Tirsch die Armbrust und den blutigen Bolzen in die Hand.

‚Jawohl!‘ schrie Gerk.

‚Den silbernen Nagel!‘

‚Steckt in der Wirtstochter!‘ rief Gerk beinahe ratlos.

‚Dann wird sie nicht weit kommen! Ich hab da noch eine Überraschung für sie!‘ rief der Totengräber, zog eine Flinte unter seinem Mantel hervor und fuhr fort. ‚Dann lass uns ihr das Fell über die Ohren ziehen!‘

Sie liefen los und verschwanden an der Stelle, wo die Wirtstochter im Wald verschwunden war. In dieser Nacht hörten die Dorfbewohner zwei Schüsse. Und am nächsten Morgen zogen Rauchschwaden durchs Dorf und es roch verdächtig nach verbrannten Hund.

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Himmelsschlund

Himmelsschlund

Ein strammer Wind treibt kleine Sandkörner und kleine Steine über die Heide. Die Pappeln am Wegesrand biegen sich bis man das Holz schier bersten hören kann. Die schwarzen Wolken vom Wind über den Himmel getrieben, verfinstern den Tag. Die Blätter surren durch die Luft. Als der Wind für einen Moment den Atem anhielt, kamen auch die Blätter mitten in der Luft zum Stillstand und segelten, wie tote Schmetterlinge, langsam zum Boden. Am Himmel brauen sich schwarze und gelbe Wolken zu etwas noch viel Grausameren zusammen, wie nur ein Sturm. Während langsam große schwere Topfen auf den Boden platschen, bilden die verschieden Wolkenschichten einen entsetzlichen Wirbel, der langsam durch die Wolkendecke nach unten zu sinken schien. Der Wirbel öffnete sich und die Sonne strahlte einen kurzen Moment durch die Öffnung des Strudels auf die Erde. Dieser Moment der Stille wurde sogleich von einem Donnergrollen unterbrochen. Die nächste Windböe lässt die Bäume wieder laut aufstöhnen. Eine gelbe Wolke schiebt sich vor die Sonne und verbindet sich mit dem Wirbel. Zwei Blitze zuckten aus dem Schlund. Augenblicklich begann die Heide an zu brennen. Und durch den Sog des Windes brannte das Feuer hoch und verband sich mit Wirbel. Es schien so als würde sich der Höllenschlund hoch im Himmel öffnen und alles in den Sog der Verdammnis ziehen, was nicht fest mit dem Boden verankert ist.

Wolken am Himmel

Wolken am Himmel

 

Ein Sturm zieht auf, alles ist ruhig, kein Ton, kein Wind, aber am Himmel bauen sich schwere, schwarze Wolken auf, so aufgewühlt und doch so still. Am Boden, leise Panik bricht aus, alle stürmen lautlos auseinander. Die surreale Szenerie lässt alle Beteiligten sich wie in Zeitlupe bewegen, bloß sie eilen doch über den Platz, um sich in Sicherheit zu bringen. Die Wolken sind so bedrohlich, die Angst steht allen in den Gesichtern. Nur ein kleines Mädchen in einem weißen Kleid steht mitten auf dem Platz. Sie scheint, wie gebannt in die Luft zu starren, aber da ist doch nichts… Doch da fliegt ein kleiner roter Schmetterling am Himmel. Man kann ihn kaum erkennen, er scheint auf den Sturm zu zufliegen. Was für ein sinnloses Unterfangen. Aber er flattert und flattert bis man ihn gar nicht mehr sehen kann. Das kleine Mädchen steht immer noch wie gebannt da und starrt weiterhin in den Himmel, als würde sie den kleinen roten Schmetterling immer noch sehen können. Plötzlich kommt Wind auf, das Laub der Bäume schrie auf, als wären die Bäume vom Wind so überrascht worden, wie es das kleine Mädchen eigentlich hätte sein müssen… aber sie stand immer noch in den Himmel starrend da. Große schwere Tropfen platschen auf den Boden. Es liegt ein staubiger Geruch in der Luft, drückend und schwer. Ein Donner, so laut, dass einige Scheiben klirren. Und gleichzeitig ein Blitz, der in einen Baum schlägt, der wiederum sofort in Flammen auf geht, obwohl der Regen mittlerweile so stark ist, dass ein loderndes Feuer völlig unmöglich gewesen wäre. Der Baum fällt brennend in ein Haus, dass auch sofort Feuer fängt. Man kann die Schreie der Menschen in diesem Haus kaum hören, da der Sturm so laut tobt. Weitere Blitze schlagen ein, die Donner sind so laut, dass ein Jüngling einen Herzinfarkt hätte kriegen müssen. Aber das kleine Mädchen steht immer noch mitten auf dem Platz, sie ist mittlerweile völlig durchnässt. Ihr Kleid ist am Rocksaum vom aufspritzenden Dreck völlig verdreckt.

Auf einen Schlag ist der Sturm vorbei, der Regen lässt schlagartig nach. Die Luft ist frisch und rein, nur ein leichter Brandgeruch liegt in der Luft, der immer stärker wird. Die Sonne kommt hervor und fern am Himmel sieht man einen Regenbogen. Das Mädchen sieht auf den Boden. Da liegt der kleine rote Schmetterling angespült vor ihren Füßen. Ungeachtet ihrer nassen Kleider beugt sie sich zu ihm hernieder, nimmt ihn in die Hand und richtet sicher wieder auf. Noch ein kurzer Blick in den Himmel und dann geht das kleine Mädchen nach Hause, den kleinen roten Schmetterling immer noch in der Hand…

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