Wintervollmondnacht

Wintervollmondnacht

Der Blick im Dunkeln ins Tal war atemberaubend. Durch die verschneite Landschaft konnte man über das ganze Tal blicken, obwohl es schon kurz vor Mitternacht war. Der Vollmond erhellte die Winterlandschaft noch mehr. Sie hatte das Gefühl, als würde sie jede einzelne Schneeflocke anblinzeln.

Die klirrende Kälte ließ ihr die Nasenflügel beim Atmen aneinander kleben. Schwer atmend wickelte sie den Schal noch fester um ihr Gesicht und machte sich an den Abstieg. Die Kälte saß ihr schwer in der Brust. Der gefrorene Schnee knirschte unter ihren Trippen. Die Kraxe auf ihrem Rücken war schwer, hielt ihr aber den kalten Wind vom Rücken.

Der Bauer wird sich schon Sorgen machen, weil sie so spät noch nicht wieder aufm Hof war. Sie war zu Besuch bei ihrer Großmutter gewesen und sie hatten sich so viel zu erzählen. Deswegen war sie jetzt auch viel zu spät noch unterwegs. Aber jetzt hatte sie es fast geschafft, sie musste nur noch den Berg wieder hinunter laufen, dann noch durch den Ort und dann war sie wieder daheim.

Mit den Gedanken an die warme Stube, machte sie einen Schritt den Abhang hinab, trat dabei wohl auf eine Eisplatte und rutschte aus. Sie konnte sich mit dem Wanderstab gerade noch abfangen. Und in dem Moment als sie sich gerade wieder aufrappelte, kam sie erneut ins Rutschen. Der Schnee gab unter ihr nach und sie rutschte mit samt allen Schnee den Hang hinunter. In einer Wolke aus aufgewirbelten Schnee purzelte sie den gesamten Berg hinab und kam erst wieder zum Stillstand als sie mit dem ganzen Körper an einer Holzwand des ersten Hofes auftraf.

Von der Wucht des Aufpralls stürzte sie in den Schnee zurück und wurde vom nachrutschenden Schnee begraben. Reglos blieb sie liegen. Die Kraxe hatte sich im Laufe ihres Sturzes entleert und war dann unter ihr zerbrochen.

Benommen versuchte sie ihre Arme zu bewegen. Sie hatte den Wanderstab immer noch in der Hand und umklammerte ihn vor ihrer Brust. Beim Zusammenstoß mit der Hütte hatte sie sich die Hand verletzt, deswegen konnte sie nun auch den Stab nicht loslassen, weil ihre Finger vor Schmerzen so verkrampft waren. Sie atmete schwer aus und blies dabei den Schnee von ihrem Gesicht.

Plötzlich griff sie jemand an ihren Arm und riss sie hoch. Sie öffnete den Mund um schmerzerfüllt aufzuschreien. Es fiel ihr aber nur noch mehr Schnee in den Mund. Vor Schmerz hatte sie dann den Stab doch losgelassen. Dem Ersticken nahe versuchte sie den Schnee auszuhusten. Die starken Hände, die sie gepackt hatten, nahmen sie nun um den Ellbogen und halfen ihr fast schon behutsam aus dem Schnee. Es wurde mit ihr geredet, sie verstand aber kein Wort. Sie wurde nun geschüttelt, weil sie keine Reaktion gezeigt hatte.

Ihr Helfer hob sie grob über die Schulter und trug sie fort. Sie ließ es einfach geschehen, in der Hoffnung ihr würde schon geholfen werden. Zu mehr hätte sie eh die Kraft nicht gehabt. Sie wurde umständlich auf einen Stuhl gesetzt. Dann erst konnte sie die Helligkeit wahrnehmen. Es wurden ihr die Schuhe und Strümpfe ausgezogen und es wurden ihr die Füße mit einer körnigen Masse eingerieben. Erst nach einer Weile stieg ihr der Geruch von Senf in die Nase. Ihr wurde eine warme Flüssigkeit eingelöst. Es war irgendwas mit Schnaps. Sie hustete wieder. Unscharf konnte sie einen Mann erkennen, der ihr aus den nassen Klamotten half.

Nachdem ihr ganzer Körper vor Kälte bebte, ließ sie auch dies wehrlos geschehen. Langsam kamen die Töne in ihr Ohr zurück. Sie hörte erst ganz leise jemand neben ihr reden, dann wurden die Worte immer lauter, bis sie so laut waren, dass sie das Gefühl hatte, dass ihr Kopf jeden Moment zerspringen würde.

‚Geh Bua, lauf zum Dokta nüber. Der soi beim Huababauer bescheit gem und dann her kemma.‘

‚Ja, ähm!‘

Nix, ähm! Der Dokta is da oanzige mit am Telefon im Ort. Und da Huababauer ist da oanzige drüm in Kirch, er soi zum Sattler Toni nüber laufn… Muss i dir ois vorkaun!‘

Sie verstand nicht wirklich, was da geredet wurde. Am Ende des Gespräches spürte sie nur einen kalten Luftzug und hörte eine Tür knallen. Jemand legte ihr eine Decke über die Schultern, nahm sie hoch und trug sie zur Ofenbank. ‚Da hast di aber gscheit verlaufn, Traudl!‘ sagte die Stimme von vorhin zu ihr. Er nahm sie am Kinn und zog ihren Kopf hob. ‚Traudl?‘

Sie öffnete die Augen vollends und starrte in ein freundliches, aber wettergegerbtes Gesicht, dass sie zu kennen schien. Es fiel ihr aber nicht ein, wer sich da so liebevoll um sie kümmerte.

Sie dämmerte wieder weg, bis sie leichte Schläge gegen ihre Wangen verspürte.

‚Des könnt a bissal weh tun!‘ meinte ihr Helfer mit ruhiger Stimme und in dem Moment hatte er ihre Finger schon wieder eingerenkt und vor Schmerz war sie nun endgültig ohnmächtig geworden.

Der Bub war mit einer schlechten Nachricht wieder gekommen. Der Doktor sein wohl bei seinem letzten Hausbesuch eingeschneit worden. Das Telefon sei tot und der Schneepflug sei irgendwo zwischen Berg und Kirch steckengeblieben. Ihr Helfer versorgte die bewusstlose Traudl und brachte sie in sein Bett.

Als sie wieder erwachte, lag sie in einem Bett. Jemand saß neben ihr und war auch eingeknickt. Sie erkannte den Hufschmied zu Berg. Sie hatte sich wohl wirklich ganz schön verlaufen. Tastend suchte mit ihrer Hand nach der Seinen. Er war erwacht, kam ihr mit seiner Hand entgegen und hielt sie fest. Dann flüsterte er: ‚Ois wird guat, der Schneepflug wird kommen!‘

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