Last Day before X-Mas

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(Aus dem Jahre 2009 vs. 2012)

Ich habe noch keine Geschenke gekauft, so eine scheiße. Ich schrecke im Büro hoch, die Uhr schlägt von 19.59 auf 20.00 Uhr um und ein Alarm ertönt. Ich habe mich wohl bewegt, weil um 19.30 wird unsere Alarmanlage scharf gemacht und ich hoffe, es kommt jemand um mich zu retten. Der Ton des Alarms ist schlimmer, als meine zwei Dieter Bohlen zusammen. Da könnt ich echt Amok laufen, aber es ist niemand hier, sonst wäre der Alarm schon viel früher los gegangen. Ich mache meine Schublade auf und hole einen Tampon hervor. Ich zerfiesel es fast panisch und mache mir zwei Watteohrpfropfen daraus und stecke sie in meine Ohren….macht es nicht besser, aber doofe Ohren. Und aus einem Ohr hängt mir der Faden… Hm. Dann renne ich zum Klo, ich habe vor mit den Handtüchern aus den Handtuchrollenhalter ein Seil zu basteln und mich aus dem 4. Stock abzuseilen, dann klettere ich über den Zaun zum ADAC und verpiss mich. Hört sich so an, als hätte ich mir da schon oft Gedanken drüber gemacht, im Büro eingesperrt zu werden. Blöd ist nur, dass wir mittlerweile mit dem Amt umgezogen sind, ich sitze jetzt im 3. Stock und den ADAC kann ich von hier aus sehr gut sehen. Und am aller Blödsten ist, dass wir keine Handtuchhalter mehr haben. Und mit den Papiertüchern könnte ich höchstens eine hübsches Feuerchen machen. Ich könnte auch den Feuerwehrschlauch nehmen, oder gleich den Feueralarm drücken, dann werde ich von einer Horde steiler Feuerwehrmännern gerettet, wie geil. Ich renne nicht aufs Klo sondern zurück zu meiner Handtasche, ich habe doch immer ein Feuerzeug dabei. Und damit ab in den Druckerraum, da ist ein Rauchmelder. Ich schiebe die Papiertonne unter den Feuermelder und bin gerade dabei einige Faxprotokolle anzuzünden, als ich die Glastüre aufschwingen höre. Da stimmt doch was nicht, wir sind doch in ein neues Gebäude gezogen. Ich höre ein merkwürdiges Klingeln. Es ist aber nicht das Geräusch der neuen Türöffner und habe auch kein Klacken gehört.

Frau Rösner, das ist wieder die Matrix. Das alte Amt und das Neue verschwimmen in meinem Kopf und vor meinen Augen zu einem selbständigen Ganzen. Ich schreie drei Mal Grönland. Das Klingeln kommt stetig näher. Ich schreie drei Mal Dakota. Ein Mann steht vor dem Druckerraum und dreht sich langsam in meine Richtung. Schuldbewusst wedele ich mit den brennenden Faxprotokollen und verstecke das Feuerzeug hinter meinem Rücken. Mein jugendlicher Charme kann nicht punkten. Es ist der Klemmbrettfetischist und Empfangsroboter aus alten Stasibeständen. Er hat einen Rindertreiber in der Hand und einen Hund am Start, auf seiner Hundemarke steht ‚Herr Honecker‘.

‚Alles klar, mein alter, längst zwangspensionierter Freund?‘ frage ich. Er komplimentiert mich wieder auf den Boden der Tatsachen und zerrt mich aus dem Druckerraum. Die Gänge sind nicht gerade, sondern rund. Wir sind wieder im alten Gebäude. Da müsste doch eigentlich jetzt die Kriminalpolizei sein. Schemen ziehen an mir vorbei. Ein Riss im Raumzeitkontinuum. Woher man dass immer weiß, war doch noch keiner in einem Loch im Raumzeitkontinuum gefangen oder ist gar durch Raum und Zeit gereist, aber wir wissen es immer ganz genau, wenn mal was seltsames passiert, dass muss ein Riss im Raumzeitkontinuum sein!
Er schleift mich wortlos aus dem Quadranten. Hinter der Glastür am Ende des Ganges kann ich gerade noch den alten Wachmann erkennen, wie er mit einer alten Dieselkanne vom Speicher herunter kommt und Richtung Aufzug schleicht. Wie hat er es nur geschafft, die Leiter runter zu klettern, ohne dabei den Elektroschocker und die Dieselkanne aus der Hand zu legen. Der Köter vom Klemmbrettfetischtisen lenkt mich ab, weil er sich vor meinen Füßen auf den Boden wirft, auf den Rücken dreht und wohl gestreichelt werden will.

‚Honecker, böser Hund. Los Fass, da ist sie die Übeltäterin.‘

Der Hund winselt nur.

‚Um 19. Uhr wird hier zugeschlossen und dann wird zurückgeschossen.‘

Warum hört er sich nun an, wie ein kleiner Österreicher. Himmel, was für Drogen mixen die hier ins trübe Wasser. Hitlerhorrorvisionen verheißen ja wohl nie was Gutes. Ihm befällt jetzt bestimmt gleich der Größenwahn. Er richtet die rechte Hand zum Gruß auf und kommt mit dem Rindertreiber auf mich zu. Ich ducke mich weg und laufe, trotz dessen dass es mir eigentlich bewusst sein hätte müssen, dass ich mich immer noch in einem matrixähnlichem Alptraum befinde, davon. Drei mal ‚Bazinga!‘ schreiend laufe ich durch die Gänge und schlage im Vorbeilaufen den Feueralarmknopf ein und die Sicherheitstür schließt sich hinter mir.

Die Sicherheitstür, die wir in der neuen Verwaltung gar nicht haben hätte dürfen und wo eigentlich dieses Wachmannsgespann gar keinen Zutritt hätte haben sollen. Aber nach dem wir nun endgültig in der alten Verwaltung angekommen sind, klappt der Trick mit dem Feueralarm. Der Feueralarm ertönt zu der Alarmanlage. Meine beiden Dieter Bohlen geben sich heute die Hand. Ich drehe mich ihm lauf um und stolpere über meine eigenen Beine. Ich lauf halt auch im Traum, wie ein 12jähriges Mädchen mit blonden Zöpfen. Der Hund kam gerade noch durch den Spalt der Tür, doch der Klemmbrettdiktator prallt gegen die verschlossene Metalltür und mit einem lauten Rumsen schließt sich die Tür vollends. Bazinga. Jetzt muss ich mit Herr Honecker nur noch warten, bis mich die Feuerwehr rettet…

‚Frau Rösner, wollen sie nicht nach Hause, morgen ist schon Weihnachten.‘ meinte der neue Wachmann leicht näselnd. ‚Aber vorher hab ich noch ein Gespräch für Sie!‘
Ich bin wach, an meiner Backe klebt ein Stück Papier, ich hab den Telefonhörer in der Hand und der neue Wachmann redet mit mir. Mir ist erschreckender Weise bewusst, dass mir ein Faden aus dem Ohr hängt. Das Gespräch wird durchgestellt. Frau Anita Lackleder vom Bund bayrischer Landfrauen wünscht mir schöne Weihnachten. Ich zieh den Zettel von meiner Backe. Nun ist es wirklich zu spät, um Weihnachtseinkäufe zu machen. Dann gibt’s diesmal halt nichts.

Schönes Fest, was auch immer ihr da feiert.

Die 16 schaurigen Versionen von Last Christmas

Die 16 schaurigen Versionen von Last Christmas

Ich fahre ins Amt. Mal wieder. Werde ich wohl noch die nächsten 34 Jahren lang machen. Im Radio läuft eine echt beschissene Version von Last Christmas. Am Ende des Grauens bekomme ich die Bestätigung, es war eine Version von Laith Al-Deen. Und des auf nüchternen Magen. Manchen Leuten sollte man eigentlich Sendeverbot erteilen, auf Lebenszeit. Noch nicht genug Schrecken am Morgen, im Radio wird nun abgestimmt, ob die Zuhörer lieber die Last Christmas Version von Semino Rossi, Al Bano und Romina Power oder Roberto Blanco hören wollen. Ich vermisse den Eimer in meinem Beifahrerfußraum. Memo an mich selbst, wieder einen Eimer klauen. Zum Glück habe ich die Einfahrt der Tiefgarage erreicht, bevor die Abstimmung vorüber ist. Kaum passiere ich die Tiefgarageneinfahrt und der Empfang bricht ab. Hurra. Mir haben die jeweiligen Jingles schon gereicht. Kaum geparkt, habe ich den vergangenen Alptraum fast wieder vergessen. Ich laufe die Treppen hoch zur Stempeluhr.
Aus dem Gehege der Empfangsroboter dudelt Florian Silbereisen’s Last Christmas. Meine Stempelkarte funktioniert nicht auf Anhieb, ich haue sie mehrmals panisch gegen die Stempeluhr und ich muss mir dabei den Mist noch einen Moment anhören, bevor endlich das nervige Fiep ertönt und ich in den Aufzügen flüchten kann. Schwer atmend drücke ich am Aufzugknopf, es dauert gefühlte 16 Stunden, bis der Aufzug kommt. Ein Betriebsfremder läuft an mir vorbei, sein Handy dudelt: Crazy Frog’s Last Christmas. Ich kotze fast auf die geschlossene Fahrstuhltür, die sich nun endlich öffnet. Ich trete ein.

Und seit wann verdammt noch mal haben wir denn Fahrstuhlmusik? Schwerlich zu erraten, eine grauenerregende Synthesizer Instrumental Version von Last Christmas. Mal wieder werde ich von unfähigen Doppeldrücker unnötiger Weise in diesem Grauen noch länger festgehalten, länger als man es hätte ertragen können. Den Brechreiz unterdrückend flüchte ich im 3. Stock aus dem Aufzug und laufe das letzte Stockwerk zu Fuß hinauf. Und ich laufe nie die Treppen. Aber heute bin ich wohl wieder mal der Stereo-Prügelknabe.

Los, quält mich weiter, bis es mir aus den Ohren blutet. Wenn ich dann erst aufgrund einer weiteren Last Christmas Version einen unheilbaren und blitzartig gewachsenen Trommelfellkrebs bekomme und die nächsten 1000 Jahre langsam und qualvoll ohral verblute, werde ich dann irgendwann aufgrund meines Sündenkontos unwiderruflich in die Hölle kommen. Und dann kann ich mich endlich erholen. Weil schlimmer kann es ja wohl nicht mehr kommen! Die Hölle wird wie ein Traumurlaub werden. Im Schmelztiegel mit lauter versauten Sündern, wie geil. Und ein Vorgeschmack auf den Schmelztiegel könnte man sich jeden Morgen in unserem Treppenhaus holen, wenn man öfter Treppen laufen würde. Auch im Winter kann man in unserem Treppenhaus Kakteen und Geier züchten.
Nach Luft schnappend stürze ich durch die Glastür und die nächste Glastür… aus dem ersten Büro kommt eine Version von Last Christmas, die ich viel zu spät erkannt habe, sie war von den Preluders.

Himmel, hat der Tag noch ein Ende und Weihnachten ist noch weit. Bitte, was habe ich eigentlich in meinen früheren Leben nur verbrochen, dass mich das Universum so strafen tut. Aus dem zweiten Büro kommt eine asiatische Version von, ratet mal, Last Christmas. Ich habs ja fast nicht erkannt, aber spätestens beim Refrain. Ich flüchte in mein Zimmer, aber ein weiterer Klingelton fegt mir quasi die Bürotür von hinten ins Kreuz. Die Chipmunks geben sich’s mal wieder echt dreckig. Ein gequietschtes Last Christmas lässt mir beinahe mein Essen von Gestern wieder durch den Kopf gehen. Blitzartig beruhigt sich mein Magen, als ich an den Sündenschmelztiegel denke.
Ich sitze noch nicht ganz auf meinem Stuhl und mein PC ist noch nicht mal hochgefahren. Das Guten Morgen-Ritual hat also noch nicht mal begonnen. Geschweige denn, dass ich meinen Adventskalender auch nur berührt hätte. Da ruft mein Chef an, ich soll zu ihm ins Büro kommen. Noch durch die geschlossene Bürotür meines Chefs höre ich die 16 Tenöre Last Christmas lauthals grölen. Ich falle mit der Tür ins Haus in Ohnmacht. Ich sehe eine geschüttelte und gerührte Version vom Original Last Christmas vor meinem inneren Auge. Bevor auch nur irgendjemand Erste Hilfe leisten hätte können, reiße ich die Augen wieder auf und sehe gestreifte, karierte und gefleckte George Michaels um meinen Kopf herum schwirren, die ganz gräulich Last Christmas summen und eine andere Schwuchtel, mit einem gar seltsamen Umschnall-Keyboard…. Hilfe.

Nein, dass ist nicht Wham, es ist Modern Talking. Mein Dieter Bohlen hat meinen Verstand übernommen. Eine andere Hölle. Verdammt, wo ist mein Schmelztiegel. Ich rapple mich auf und torkle in mein Büro zurück. Dort bewege ich mich den ganzen Tag nicht mehr raus, bis ich um 18.30 zum Drucker gehe. Aus meinem Nachbarbüro kann ich den Radio hören. ‚N Sync mit Last Christmas. Währenddessen ein Putzmann die Türen wischt. Er ist ein Neuer, so ein Rastaman und ratet mal, es gibt auch eine Reggae Version von Last Christmas. Im Druckerraum packe ich nur meinen Zettelkram und renne wieder ins Büro. Ich werfe die Papiere auf meine Tastatur und bevor ich meine Tasche packen kann, höre ich einen ziemlich geilen E-Gitarrenriff aus meinem Adventskalender. Ich gucke wie ein Schwaiberl, wenn’s blitzt und mache dann völlig hypnotisiert das 16. Türchen meines gewerkschaftlich gelieferten Adventskalender auf. Im Deckel steht in winzig, kleinen Lettern geschrieben: A Tribute to AC/DC…und die Version von Riff/Raff von Last Christmas bringt mich nicht nur um den Verstand, sondern fast zum Weinen, weil die Version mal richtig geil ist.

http://www.youtube.com/watch?v=8czIhxCRO_Y

 

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