Drei und eine Axt – Teil 19

Eine Axtgeschichte – Drei und eine Axt – Teil 19

Bis auf die Totenwache versammelten sich alle wieder unten auf dem Hof. Die Töchter des Khan bereiteten Essen für alle und die Männer brachten ein paar Tische und Bänke aus der Khansjurte über den Fluss. Otar und Wena wuschen sich und die Kinder. Und alle Kinder wurden wieder in die Jurte gebracht, sie bekamen zu essen und diesmal war es Orsolya, die ihnen eine Geschichte erzählte. Halef wurden von den Söhnen des Khan zum Fluss gebracht. Es waren Laken am Ufer entlang gespannt worden, damit keiner sah, was hinter den Laken geschah. Sie nahmen den Ritus der Waschungen sehr ernst, schafften es aber nicht ihre Klappe zu halten.

‚Halef als Sippenoberhaupt. Und dann gleich eine Frau. Da wird es in der Jurte heute aber heiß her gehen.‘ meinte Kel, der Jüngste der Khanssöhne. Er war kaum älter als Halef, hatte aber eine riesige Klappe.

Halef schwieg und musste ernsthaft an sich halten, um nicht auszurasten.

‚Aber wenn sie schon zugeritten ist, macht sie dir wenigstens keinen Ärger.‘ lachte Kel. Elger haute seinem Bruder von hinten auf den Kopf. Doch Kel hustete so, dass es sich wie das Wort ‚Hure!‘ anhörte.

Ziska stürmte durch das Laken und blickte sie unwirsch an.

‚Die Trauerzeit gilt nicht nur für seine Mutter und Ainur.‘ meinte die weiße Hexe und unterbrach das Geplapper. ‚Und Kel, wenn du nicht willst, dass Dich der Fluch der Ahnen trifft, dann hör auf von solchen Schweinereien zu reden! Und wenn du nicht willst, dass dich mein Fluch trifft, dann verschwinde aus meinen Augen.‘

Lamina trat vor das Laken, sie hatte einen Stapel mit Kleidern im Arm und legte sie auf den Boden. Halef sah, dass sie wütend war. Sie atmete tief durch und meinte: ‚Dem letzten Mann, der mich unerlaubt nahm, habe ich den Schwanz abgeschnitten, daran ist er langsam verblutet und damit er nicht so schreit, habe ich ihn damit das Maul gestopft.‘ Schamesröte war ihr ins Gesicht gestiegen und doch blickte sie wütend in die Runde. Als sie eine Augenbraue hob, rief Halef: ‚Lamina, gib den Knochen wieder, wenn es einer von euch drauf ankommen lassen will, noch trauere ich!‘

Die Männer gingen hastig in alle Richtungen davon und Lamina hielt Halef verstohlen ein Handtuch hin. Seine Wangen waren roter als die Ihren, als er sich das Tuch um die Hüften wickelte. ‚Der Knochen liegt unter meinem Kopfkissen, wenn du ihn nimmst, strafen dich deine Ahnen, nicht meine.‘

‚Tante Ziska, sie macht mir Angst!‘

‚Jetzt schon?‘ meinte sie fast beiläufig und zog ihr Kleid aus.

‚Küsst du mich jetzt, ich bin sauber!‘

‚Ich kann dich nicht küssen, wenn du nichts an hast, du trauerst.‘

‚Ich hab ein Handtuch an!‘

‚Jetzt küsst euch schon, ich schau auch nicht hin.‘ meinte Ziska und ging ins Wasser.

Sie küssten sich und er verschwand hastig. Er durfte eigentlich nicht hier sein, während sich die weiße Hexe wusch. Langsam wurde es ihm echt zu viel.

Lamina entkleidete sich und ging ins Wasser. Ziska fragte neugierig: ‚Ist das wahr?‘

Zurecht ertappt, lächelte Lamina gezwungen. ‚Ich habe einen abgebrochenen Dolch benutzt!‘ Sie stockte kurz und schluckte schwer. ‚Ich hab dem Bruder vom Sklaventreiber die Eier abgeschnitten und sie seinen Kötern zum Fressen gegeben. Das war auch ein Grund, warum sie mich so zugerichtet haben.‘

‚Was besseres wäre mir aber auch nicht eingefallen!‘ meinte Ziska und wusch Lamina den Rücken.

‚Wie, den Männern die Geschichte erzählen, oder…?‘

‚Beides, Lamina, beides! Ich war damals nicht so schlau, als ich bei den Barbaren gefangen war.‘

‚Ich habs bitter bereut, als er an seinen Verletzungen gestorben ist und sein Bruder mich halb tot geprügelt hatte.‘ meinte Lamina und drehte sich blitzschnell um, als sie im Augenwinkel einen Schatten am Laken erblickte.

‚Könnt ihr euch beeilen, ich rieche nach dem Erbrochenen der weißen Hexe!‘ rief Kejnen.

‚Ja, sind gleich soweit.‘ riefen beide.

Lamina ging aus dem Wasser und zog sich rasch an, als sie durch die Laken schritt, stand Kejnen immer noch da. Als sie oben angekommen war, sah sie gerade noch, wie Halef sich in Richtung Wald davon machte. Er hatte sogar seine Hunde zurück gelassen. Sie aß rasch etwas, schnappte sich ein Wolltuch, wickelte es sich um ihre Schulter und folgte ihm mit seinen Hunden. Sie hatte ein mulmiges Gefühl allein im Wald zu sein, obwohl die Hunde bei ihr waren. Irgendwann fand sie ihn, wie er auf einer kleinen Lichtung kniete und nach oben starrte. Die letzten Sonnenstrahlen kamen durch die Baumkronen, strahlten ihm ins Gesicht und trockneten seine Tränen. Die Hunde blieben am Rande der Lichtung zurück, während Lamina ihm entgegen ging und vor ihm stehenblieb. Von ihm kam keine Reaktion. Sie griff ihm vorsichtig an den Schultern und nahm ihn dann nach einer Weile in die Arme. Er starrte mit leeren Blick durch sie hindurch. Es dauerte lange, bis er sich regte und sie endlich anblickte. Tränen liefen ihm über die Wangen, dann schlang er seine Arme um ihre Hüften und fing an zu schluchzen. Sie strich ihm übers Haar, er drückte sein Gesicht gegen ihren Bauch und heulte in ihre Tunika. Sie glitt langsam zu ihm herab, sein Kopf lag nun auf ihren Brüsten. Sie strich ihm sein Haar zurück, während er sich immer noch an sie klammerte. Sie lehnte ihren Kopf auf den Seinen. Irgendwann blickte er auf. Über ihm schien nur das in die letzten Sonnenstrahlen getauchten Haar dieses unglaublichen Mädchens. Sie schüttelte ihre Haare aus dem Gesicht und küsste ihn sachte. Er erwiderte den Kuss. Sie zuckte ein Wenig zurück, er hielt sie aber fest und küsste sie erneut, nur gieriger. Sie versuchte sich von seinem Mund zu lösen, als er noch einmal nach fasste, um ihr seine Zunge in den Mund zu schieben. Sie biss vor Schreck zu, riss sich los und stürzte rücklings über den moosigen Waldboden. Mit weit aufgerissenen Augen kroch sie weiter von ihm weg. In dem Moment begriff er erst, dass er zu weit gegangen war, er stürzte ihr hinterher.

‚Es tut mir leid, ich… ich…‘ seine Reaktion verängstigte sie nur noch viel mehr. Sie kroch weiter bis sie mit dem Rücken gegen einen Baum stieß. Leicht panisch kroch er hastiger ihr hinterher, er wollte sie ja nur beruhigen.

Der Ausdruck in ihrem Gesicht hätte ihm allerdings erkennen lassen müssen, dass sie nur noch mehr verängstigt war und eigentlich nur vor ihm flüchten wollte. Er berührte hastig ihren Fuß und umfasste ihren Knöchel. Sie zuckte zurück, und als er nochmal nach fassen wollte, strampelte sie wie verrückt. Ein heftiger Tritt ihres Fußes in sein Gesicht lies ihn zurück taumeln. Er war einen Moment lang benommen. Als er wieder ansetzte sich ihr zu nähern, gingen seine eigenen Hunde dazwischen und knurrten ihn an.

‚Sagt mal, geht’s noch! Ich will…‘ Die Hunde fletschten die Zähne. Nun begriff er. ‚Lamina, bitte, ich wollte …ich will dir doch nichts tun, es tut mir leid!‘

Sie klammerte sich an einen der beiden Hunde und schaute ihn ebenso verwirrt durch einen Tränenschleier hinaus an, wie er entsetzt und verwirrt zurück blickte.

‚Ich wollte dir doch bestimmt nicht zu Nahe treten, auch wenn ich es gerade getan habe.‘

Plötzlich stand er auf, lies die Schultern hängen und war im Begriff sich umzudrehen und zu gehen.

‚Bitte geh nicht…!‘ stotterte sie. Er hatte sich schon umgewandt und war schon ein paar Schritte weiter, als er wie auf ihr Kommando stehenblieb.

Sie wiederholte noch einmal. ‚Bitte geh nicht…! Ich finde ohne dich im Dunkeln nie wieder zurück!‘

Er blickte über seine Schulter, sie hatte sich kniend aufgerichtet und sich das Schultertuch wieder über den offenen Klappenmantel gezogen.

Immer noch von ihr abgewandt sprach er nur so laut, dass sie ihn gerade noch verstehen konnte.

‚Ich bin so verwirrt, ich trauere um einen Mann, der gar nicht mein Vater war, aber einen besseren Vater hätte ich gar nie haben können, wenn er sich uns nicht angenommen hätte…!‘ Seine Stimme brach, er fing sich aber gleich wieder. ‚Und als sie einfach in den Krieg gezogen sind, haben sie mich hier zurück gelassen. Ich wäre jetzt der Mann am Hof! Das war vor vier Jahren! Und jetzt bin ich auch noch der Sippenführer.‘

Es wirkte so, als würde er gar nicht mit ihr reden, sondern mit jemanden, der gar nicht da war. Dann drehte er sich wieder zu ihr um. Sie kniete immer noch am Boden, blickte ihn skeptisch und verwirrt zugleich an und hatte immer noch einen der Hunde ihm Arm.

‚Und dann kommst du in mein Leben gestolpert!‘ Er lächelte sanft und überglücklich zu gleich. ‚Und ich hab mich in deine Augen verliebt, als du mich das erste Mal angeblickt hattest. Und dann der heutige Tag, ich trauere, bin wütend und bin doch unglaublich glücklich.‘ Ihr liefen wieder Tränen über die Wangen und er fuhr fort. ‚Es tut mir leid, wenn ich dir zu Nahe getreten bin, ich wollte es nicht so…ähm…!‘ Er stürzte wieder zu Boden. ‚Bitte…kann ich …lass mich dich…!‘ Die Hunden wichen nicht zur Seite und knurrten wieder. Durch ihre tränenden Augen blickte sie ihn an und erkannte dass auch er weinte. Sie schob die Hunde auf die Seite und sie stützten sich beide in die Arme. Die Hunde blieben wachsam an ihrer Seite sitzen.

‚Es tut mir leid.‘ schluchzte er. ‚Verzeih mir.‘ Weinend kauerten sie auf dem Waldboden und hielten sich eng umschlungen fest. Irgendwann sackte er kraftlos nach hinten weg und sie stürzte ihm hinterher. Mit einen leichten Quietschen blieb sie auf ihm liegen. Die Hunde waren aufgesprungen und knurrten wieder. Lamina zischte ihnen zu und die Hunde verstummten.

‚Jetzt gehören dir auch noch meine Hunde.‘ flüsterte er wehmütig.

Sie strich ihm über die Blessur an der Stirn, die sie ihm vorhin mit dem Fuß verpasst hatte.

‚Mein Herz gehört dir bereits, aber lass mir bitte meine Hunde.‘ jammerte er, während ihm die Tränen von den Wangen tropften.

‚Nimm mein Herz dafür, mehr habe ich nicht zu geben.‘ flüsterte sie.

Er blickte sie wortlos an und traute sich aber nicht mehr sie zu küssen. Dann stotterte er: ‚Ich würde dich gerne küssen.‘

‚Ich will es ja auch, aber nicht so stürmisch… ja.‘ flüsterte sie.

Langsam kam sie ihm näher und fast unmerklich berührten sich ihre Lippen. Er zögere und zuckte schließlich zurück, sie setzte nach und drückte ihm einen festen Kuss auf seine Lippen. Den er, so vorsichtig es ihm auch möglich war, erwiderte. Als sich ihre Zungenspitzen berührten, schnellten sie wieder auseinander und rollten von einander weg und setzten sich wieder auf. Sie blickten sich noch verwirrter an. Die Hunde waren wieder aufgesprungen und wussten nun überhaupt nicht mehr was los war. Nun saßen sie nebeneinander auf dem feuchten Waldboden und blickten sich weiter an. Die Verwirrung verflog langsam.

‚Sei mir nicht mehr böse.‘ sagte er und unterbrach damit die Stille.

‚Wie kann ich dir denn böse sein, ich habe nur dich.‘

‚Ja und meine Hunde!‘ meinte er und rieb sich dabei den Kopf. Sie lehnte sich wieder zu ihm rüber. küsste sein Auge, dass mittlerweile blau anlief. Er zuckte zurück, da es ihm schmerzte.

‚Es tut mir leid, ich hab dich wirklich ganz schön erwischt.‘

‚Ich habs ja auch irgendwie verdient!‘

‚Nein, es tut mir echt leid! Ich, Ich… bin auch so verwirrt. Das war heute wirklich alles zu viel. Ich weiß ja dass du mir nichts böses willst.‘ stotterte sie und schluchzte wieder.

‚Ich bin nur froh, dass du mir nicht meine Hunde auf den Hals gehetzt hast.‘ sagte er ruhig und lächelte sie an. Sie legte den Kopf auf seine Schulter und lehnte kurz darauf seinen Kopf gegen den ihren. Ihre Hand suchte die Seine. Es schauderte sie leicht, da ihr Tuch von ihren Schultern gerutscht war. Er löste sich von ihrer Hand, legte ihr behutsam das Tuch wieder über ihre Schultern und nahm sie in den Arm, um sie zu wärmen. Langsam sackte sie in seine Umarmung, bis er ebenfalls zu zittern begann.

‚Ist dir kalt?‘ fragte sie.

‚Nein, ich kann nur nicht mehr!‘

Sie lehnte sich noch mehr an ihn und er stürzte wieder nach hinten auf dem Boden. Sie folgte ihm auf den Boden und lehnte sich gegen seine Schulter. Sie lagen noch eine Weile da, blickten sich an, und küssten sich. Sie schauderte erneut.

‚Wir müssen langsam zurück, ich lieg schon eine ganze Weile in irgendetwas echt Nassen.‘

Sie nickte nur kurz und stand zittrig und ungeschickt auf. Er rappelte sich ebenfalls auf und putzte über seinen Hintern.

‚In etwas echt Schlammigen!‘ Er putzte seine Finger an seiner Hose ab und schaute sich dann um.

Es war bereits dunkel geworden. Als er los lief, klammerte sie sich ängstlich an seinen Arm. Die Hunde liefen voran und führten sie durch den dunklen Wald nach Hause.

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Published in: on 4. November 2012 at 23:24  Schreibe einen Kommentar  
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Drei und eine Axt – Teil 18

Eine Axtgeschichte – Drei und eine Axt – Teil 18

Von draußen konnte man das Pferd in der Höhle ein letztes Mal wiehern hören und dann wurde es still. Sehr still, bis die Frauen wieder mit ihrem Klagegesang anfingen.

Die Krieger brachten Holz und legten es an beiden Seiten der Höhle ab und stapelten es zu zwei Feuerstellen zusammen. Dann kam der Khan und seine Frau. Zwei Speere wurden mit einem Band verbunden und wurde jeweils vor den Feuern in den Boden gerammt. So entstand ein Tor, durch das zuerst Otar und Wena liefen. Beide waren am ganzen Körper mit Blutspritzern übersät. Der Khan trat vor sie und sie knieten sich hin. Mit einem Krug voll Milchschnaps übergoss er Beide und begrüßte sie in ihrer Mitte. Orsolya zückte einen Dolch und schnitt das untere Drittel von Otars Zopf ab und öffnete sogleich sein Haar. Auch Wena öffnete ihre Haare. Dann kamen die Kinder völlig verängstigt und blutig aus der Höhle, auch diese wurden mit dem Schnaps übergossen. Die beiden Frauen öffneten die Zöpfe der Kinder und nahmen sie liebevoll in die Arme. Die Kinder starten stumm vor sich hin.

Halef kam mit Vira aus der Höhle. Das Blut tropfte immer noch von ihm herab und Tränen hatten in seinem blutigen Gesicht saubere Streifen hinterlassen. Er schritt durch das Tor zum Khan, der auch Halef mit dem Schnaps übergoss. Orsolya schnitt ihm den Zopf ab und der Khan drückte Halef den Krug in die Hand und sprach: ‚Als Sippenoberhaupt ist es nun an dir…‘

Halef nahm den Krug und während er sprach, drückte er dem Khan die Hand seiner Mutter in die Hand, er übergoss ihre Hände mit dem Schnaps, wären Orsolya ihr die Zöpfe öffnete.

‚Mein Khan, als Sippenoberhaupt dieser Familie bitte ich Euch zu bezeugen, dass ich die Hand meiner Mutter freigebe. Mein Herz und meine Hand haben die Götter zu den bernsteinfarbenen Augen dieser jungen Schönheit geführt und mehr vermag meine Liebe nicht.‘ Er ging nun zu Lamina hinüber, um sich vor ihre Füße zu knien und ihr die Füße mit dem Schnaps zu übergießen und ihr seinen Geburtsritusknochen vor die Füße zu legen.

‚Ich will gerne Euer Zeuge sein, aber gibt es jemanden, den ich in die Hand deiner Mutter versprechen kann?‘ rief der Khan und drehte sich zu den Anderen um.

Ainur stürzte auf die Knie, blickte gen Himmel, erhob die Arme und spie ein Dankgebet hervor.

‚Mein Herz und meine Hand gebe ich für diese Frau.‘ rief er laut und machte Anstalten auszustehen, doch der Khan war schon bei ihm angekommen und blickte ihn ernst an. Halef war aufgestanden und lies die völlig verwirrte Lamina einfach stehen.

‚Schmied schwöre, dass du die Sitten unserer Ahnen ehrst und ihre Seele nach ihrem Tod für ihre Pflichten im Jenseits freigibst.‘

Halef wusch Ainur die Hände.

‚Ich schwöre!‘ rief Ainur und der Khan legte Viras Hand in die von Ainur und Halef goss den Rest des Inhalts über ihre Hände.

Dann zückte Halef einen Dolch, ritzte sich in die Hand. ‚Bei meinem Blut segne ich diese Verbindung.‘ Er träufelte sein Blut über die verschlungen Hände seiner Mutter und Ainur.

Orsolya schritt an ihnen vorbei und murmelte zu ihrem Mann: ‚Die Trauerzeit!‘

Der Khan murmelte ungehalten etwas Unverständliches in sich hinein und räusperte sich: ‚Es ist dir nicht erlaubt sie innerhalb der Trauerzeit…‘ Er räusperte sich wieder und wurde von der puren Anwesenheit der weißen Hexe unterbrochen. Sie war blutüberströmt aus der Höhle getreten, blieb zwischen den beiden Feuern stehen und schrie wieder. Dann brach sie zusammen. Ihr Körper bäumte sich auf und sie zitterte am ganzen Körper und wälzte sich über den Boden.

Kejnen, der sie Szenerie gespannt verfolgt hatte, löste sich aus den Reihen und humpelte in Richtung Ziska. Als er bei ihr ankam, lief ihr blutiger Schaum aus dem Mund und röchelte nur noch. Der Khan und seine Frau drehten sich um, ließen sich einen weiteren vollen Krug geben und eilten Kejnen hinterher.

Die völlig verdutzte Lamina stand immer noch mit offenen Mund da und starrte abwechslungsweise auf Halef und auf den verzierten Unterschenkelknochen eines Schafes, der immer noch vor ihren Füßen lag. Vira und Ainur waren sich mittlerweile in die Arme gestürzt und küssten sich. Halef blieb neben ihnen stehen und flüsterte ihr ins Ohr. ‚Mutter, ich hoffe du verzeihst mir, dich überrumpelt zu haben.‘ Die Beiden blickten auf und starrten ihn fragend an. ‚Ich hab gestern euer Gespräch mit angehört. Ich wollte es nicht, aber man konnte kaum weg hören.‘

‚Dummer Junge, wie kann ich denn böse auf dich sein. Los geh zu deinem Mädchen!‘ meinte sie und blickte zu Lamina hinüber, die bereits Tränen in den Augen hatte und Anstalten machte auf die Knie zu sacken. Hastig drehte er sich um und konnte Lamina gerade noch auffangen, bevor sie umstürzte. Er stürzte selbst auf die Knie und hielt sie ihm Arm.

Kejnen hatte sich unter Schmerzen vor Ziska auf den Boden gekniet und berührte ihre Füße. Der Khan goss den Schnaps über Ziska und schüttete den Rest über Kejnen. Was das nun wieder zu bedeuten hatte, wusste Kejnen nicht, hatte aber auch keine Zeit sich darüber zu wundern, denn Ziska lief bereits blau an. Blitzschnell zog er sie zu sich heran und drehte sie auf die Seite. Er packte sie am Kinn und schob ihren Kopf zurück. Beherzt griff er in ihren Mund und befreite ihn von dem Schleim, er ihren Rachen verstopft hatte. Einen schrecklich langen Moment geschah nichts. Kejnen griff tiefer in ihren Rachen und sie würgte endlich. Orsolya schnitt blitzschnell die Zöpfe an den Enden auf und hielt ihr die Haare hoch. Ziska erbrach literweise Blut und Schleim vor Kejnen auf den Boden, der nicht im Mindesten von ihr abrückte, sondern weiter ihr Kinn hielt und ihren Rücken streichelte.

‚Dummes Kind, Pferdeblut auf nüchternen Magen zu trinken!‘ flüsterte Orsolya und öffnete langsam ihre Zöpfe. Kejnen kniete immer noch auf einem Knie vor Ziska und versuchte sie zu beruhigen. Er würde ohnehin nie wieder hochkommen, sein Knie schmerzte und sein Bein war mittlerweile taub.

‚Ich wusste nicht, dass deine Haare einst rot gewesen sind, Kejnen.‘ raunte Ziska und machte Anstalten aufzustehen. Die weiße Hexe war wie der Khan, eben noch völlig am Ende aller Kräfte und im nächsten Augenblick wieder das blühende Leben. Verstehe das wer will, Kejnen schüttelte nur verdutzt den Kopf und stöhnte eine Antwort hervor, während er versuchte sich unter Schmerzen aufzurappeln: ‚Bevor meine Haare grau geworden sind, war ich eben so ein roter Bengel, wie der neue Sippenführer!‘

Der Khan blickte Beide mit einem milden Lächeln auf den Lippen an.

‚Die Seele des großen Kriegers ist rein und hat den Geist der weißen Hexen den bösen Geistern entrissen. Er gehört jetzt Euch, weiße Hexe! Macht mit ihm, was ihr wollt.‘ meinte der Khan fast schon eifersüchtig, lachte dann ziemlich grausam und ging ohne ein weiteres Wort.

Die Reiter des Khan kamen und knieten sich vor die weiße Hexe und erbitterten ihren Segen für die Totenwache in dieser Nacht.

‚Was kniet ihr vor mir herum. Bringt mir lieber meinen Korb.‘ meinte sie unwirsch. Einer stürmte sogleich los und brachte ihr den Korb, in dem immer noch Kräuter lagen und übergab ihn der weißen Hexe. Sie zog eine Flasche heraus und gab Kejnen den Korb. Mit zitternden Fingern öffnete sie die Flasche und trank. Sie musste fast wieder würgen und gab die Flasche Kejnen und nahm den Korb, um den wiederum an die Krieger zu reichen. ‚Nehmt die Kräuter und legt sie in die Glut, sobald das Feuer erloschen ist. Dann nehmt einen Stock und legt die Knochen der bösen Hexe auf die Glut. Ihr dürft die Knochen auf keinen Fall berühren.‘ meinte sie verheißungsvoll und ihre Stimme schwoll an, als sie fortfuhr. ‚Nehmt von dem Fleisch des Gaules, aber nur so viel, wie ihr in dieser Nacht verzehren könnt. Nicht mehr und nicht weniger. Euer Geist ist stark, ihr werdet den bösen Geistern trotzen. Am Morgen werde ich zu euch kommen und wir verschließen die Ahnenhöhle.‘

Kejnen hatte nun auch getrunken und Ziska gab ihm den Korken. ‚Ach, gegen die Kälte!‘

Und Kejnen überließ ihnen den Schnaps.

Ainur und Vira wurden von Wena, Otar und den Kinden nach unten begleitet, während Halef immer noch am Boden kniete und Lamina gegen die Wangen tätschelte.

‚Lamina, auch dich wollte ich nicht überrumpeln.‘

Sie blinzelte nur und kam langsam wieder zu sich. Mit Blick auf den Knochen, der immer noch auf dem Boden lag, schossen ihr die Tränen in die Augen.

‚Es tut mir leid, langsam wird es selbst für mich zu viel. Aber der Khan meinte, es wäre die einzige Möglichkeit den Frieden auf dem Hof nicht zu stören, den Ahnen genüge zu tun und es trotzdem jedem Recht zu machen.‘

‚Was ist, wenn ich den Knochen nicht aufhebe.‘

Nun schossen ihm die Tränen in die Augen. Sie blickte ihn erschrocken an, weil sie nicht mit so einer Reaktion gerechnet hatte. ‚Ich will dich schon, sehr gern sogar, aber nicht jetzt, zu diesem Zeitpunkt ist es zu früh.‘

‚Selbst für mich ist es zu früh, Lamina! Ich will dich zu nichts drängen, was du nicht bereit bist zu geben, ehrlich! Aber ich will, dass jeder weiß, wem mein Herz gehört und dass du zu mir gehörst.‘

‚Aber jeder kann doch sehen, wie unzertrennlich wir sind.‘

‚Wenn du den Knochen aufhebst, kann keiner der Krieger schlecht über dich reden, wenn sie dir hinterher schauen…‘ stammelte er unsicher, bis er von Lamina unwirsch unterbrochen wurde.

‚Tun sie das denn?‘

‚Schon! Und das ärgert mich!‘ rief Halef.

‚So kenn ich dich gar nicht.‘

‚Ich mich auch nicht, Lamina! Du hast mir den Kopf verdreht. Ich bin…krank um Sorge, wenn du nicht bei mir bist. Ich will dich beschützen. Ich… Ich liebe dich!‘ Sein Kopf wurde schlagartig rot, als sein Geständnis herausplatzte.

Sie stockte einen Moment und stammelte dann. ‚Wenn ich den Knochen aufhebe, soll er zwischen uns liegen, bis ich soweit bin.‘

‚Und ich fange morgen ein Schaf und werde es füttern, bis es soweit ist, unseren Knochen zu entnehmen.‘ rief er.

Sie stand auf, um sich nach dem Knochen zu bücken, doch sie stockte in der Bewegung und verharrte. Er kniete immer noch vor ihr und blickte sie erwartungsvoll an, bemerkte aber den inneren Disput, den sie mit sich selbst auszufechten schien.

‚Du hast noch was auf dem Herzen?‘ stotterte er unsicher. ‚Sag es mir!‘

‚Und was ist, wenn ich den Erwartungen nicht gerecht werden kann?‘

‚Den was?‘ stieß er verwirrt hervor.

‚Man wird erwarten, dass ich dem Sippenführer einen Nachfolger gebäre.‘

Er stöhnte erschrocken auf und stammelte Unverständliches.

‚Was ist, wenn ich keine Kinder gebären kann?‘ fragte Lamina mit erschreckend ruhiger Stimme.

Er brauchte einen Moment bis er seine Stimme wieder fand, kniete immer noch vor ihr und griff nach ihren Händen.

‚Lamina. Wenn du Kinder kriegen willst, dann werden die Götter dir Kinder schenken. Und wenn nicht, dann gehören wir beide doch zusammen.‘

Sie hangelte nach dem Knochen.

‚Bist du dir sicher?‘

Als Antwort nahm sie den Knochen.

‚Gut!‘ meinte er erleichtert.

‚Soll ich ihn wieder hinlegen?‘

‚Nein, bloß nicht.‘

Er versuchte sie zu küssen, doch sie wich zurück. ‚So, küss ich dich nicht.‘

Sie nahm einen Finger und wischte über sein Gesicht.

‚Ich sollte mich besser erst waschen!‘

‚Mit samt deiner Kleidung!‘ meinte sie und stand auf. ‚Und meiner!‘ Sie putzte über ihr Kleid. Alles war voll Blut.

Ziska wurde von Kejnen den Berg herunter geführt und zischte ungehalten: ‚Sich von einem Krüppel führen zu lassen, dass sieht der weißen Hexe ähnlich.‘

‚Ich habe wieder den Allghoi Khorkhoi gesehen!‘

‚Der Todeswurm schon wieder!‘

‚Ja, der Todeswurm!‘

‚Ich habe eigentlich aufgegeben Fragen zu stellen, aber was meinte der Khan vorhin…?‘

‚Er wird sich, der Sitten und Gebräuche wegen, nicht weiter einmischen, er hat Angst vor meinem Fluch.‘ meinte Ziska, kreuzte ihre Finger und machte ein merkwürdiges Geräusch.

‚Ah, und das heißt nun!‘

‚Dass er dir nicht deinen Schwanz abschneiden wird, wenn du weiter in meinem Bett schläfst.‘

‚Ich kann auch auf dem Boden schlafen, wenn die weiße Hexe dies wünscht.‘

Ziska blieb schlagartig stehen, stoppte ihn mit ihrem Körper und griff Kejnen in den Schritt. ‚Kejnen, wenn dir dein kleiner Krieger lieb ist…!‘

‚Ich hab vorhin was von einer Trauerzeit gehört, weiße Hexe! Du darfst mich nicht anrühren, solange du trauerst.‘

Als Antwort kniff sie nochmal zu, dann hakte sie sich wieder ein und sie humpelten weiter.

Published in: on 2. November 2012 at 20:50  Schreibe einen Kommentar  
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Drei und eine Axt – Teil 17

Eine Axtgeschichte – Drei und eine Axt – Teil 17

Am nächsten Morgen erwachte Ainur, Vira lag in seinen Armen. Sie hatte wieder schlecht geträumt und wollte nicht aufstehen. Er lies sie weiterschlafen, wollte sie aber auch nicht alleine lassen. So war es Lamina, die zuerst aufstand und Feuer machte, Wasser holte und dann das Morgenmahl bereitete. Wena wurde wach und entdeckte, noch bevor Lamina sie warnen konnte, die Gebeine der beiden Männer. Otar wurde wach und bemerkte gleich, dass Etwas nicht stimmte. Er ging in die Viehjurte und kam rücklings wieder heraus. Wortlos stolperte er zum Gatter, kniete sich vor das Pferd seines Bruders, stand auf und nahm seinen eigenen Gaul. Wie ein Wahnsinniger ritt er durch den Fluss zu den Jurten des Khan hinüber. Wena wollte ihn nicht hindern, also tat sie es auch nicht. Die Tiere plärrten, weil sie gemolken werden wollten, aber die beiden Frauen trauten sich nicht in die Jurte zu gehen. Von dem Lärm wurde Kejnen wach und humpelte aus der Jurte. Er erkannte gleich, wie verängstigt die beiden Damen waren.

Aber zuerst musste er zum Abtritt und als er wieder kam, meinte er nur kurz: ‚Ich werd sie melken, wenn ihr mir erklärt, was ich da machen muss.‘ Schlussendlich gingen sie alle drei in die Viehjurte. Die Kinder wurden wach und saßen bereits am Tisch, als die Drei mit dem Melken fertig waren. Ainur kam aus der Jurte, er blickte Kejnen nur mürrisch an und ging dann zum Fluss hinunter. Er musste ein Wenig runter kommen, bevor Vira erneut wach wurde. Halef kam aus der Jurte und blickte Lamina entgegen, die am Tisch stand und den Kinder Brote schmierte. Obwohl ihm bei ihrem Anblick sein Herz aufging, gelang ihm sein Lächeln nicht wirklich. Ohne ein Wort zu sagen, ging er grübeln zum Fluss, er wollte sich waschen.

Als Ziska im Jurteneingang stand, kamen Ainur und Halef gerade vom Fluss. Ihre schlechte Stimmung konnte man von ihren Gesichtern lesen. Ziska winkte Ainur zu sich und blickte dann wieder in die Jurte. Auch Ziska konnte ohne zu reden, sich sehr gut verständlich machen. Er ging in die Jurte, Vira warf sich im Schlaf hin und her. Vorsichtig setzte er sich zu ihr und versuchte sie, so behutsam es ihm möglich war, zu wecken.

Ziska packte Wena und ging mit ihr in Wenas Jurte. Wenig später kamen sie wieder. Wena war ziemlich blass und musste sich setzen. Ziska nahm Kejnen seinen Becher ab und trank ihn aus, dann packte sie sich Halef und die Schaufel und blickte zum Berg. Er schnappte sich ein Stück Brot und steckte es in den Mund. Dann ging er zur Jurte und holte eine Hacke. Wena stand auf, nahm sich einen Krug mit Wasser und folgte den Beiden, die bereits den Berg hinauf stiegen.

Ainur war sehr niedergeschlagen, aber er versuchte Vira irgendwie zu trösten. Liebevoll wiegte er sie im Arm. Sie weinte im Halbschlaf. Völlig hilflos hielt er sie weiter im Arm und es kamen ihm unkontrolliert beruhigende Laute über die Lippen.

Irgendwann blickte sie ihn an und krächzte leise: ‚Versprich mir, dass du mich nicht verlassen wirst.‘

Er stockte und blickte sie entschuldigend an. Das war Antwort genau. Sie verschluckte ein weiteres Schluchzen und rückte von ihm ab.

‚Ich… ich…will dich nicht verlassen. Dass musst du mir glauben!‘ Er versuchte sie wieder in den Arm zu nehmen, sie wehrte sich aber dagegen. ‚Aber…aber ich habe noch eine alte Schuld zu bereinigen.‘ Er schluckte schwer. ‚Ich habe als junger Hitzkopf einen schlimmen Fehler gemacht, seither trage ich das mit mir herum, wie einen schwarzen Fleck auf meiner Seele. Ich muss es bereinigen.‘ Sie blickte ihn neugierig an, hatte aber Tränen in den Augen. ‚Ich überlege schon die ganze Zeit, wie ich es dir sagen soll. Aber ich muss es aus der Welt schaffen, bevor ich…‘

‚Bevor was?‘ schrie sie fast.

‚Bevor ich…!‘ Er stockte und überlegte kurz, wie er sich erklären sollte. ‚Wenn ich gehe, dann werde ich wieder kommen und bleiben, bei dir! Wenn es der Khan erlaubt.‘

Sie nahm ihn an beiden Wangen und küsste ihn. Als sie sich wieder löste, flüsterte sie nur: ‚Gehe aber nicht gleich, bitte! Ich werde deine Schulter die nächsten Tage noch brauchen.‘

‚Ja, natürlich. Ich bleibe solange, bis mein Pferd nicht mehr lahmt und bis sich hier alles wieder beruhigt hat, aber ich möchte vor dem Wintereinbruch… !‘ Sie stoppte ihn mit einem weiteren Kuss.

‚Wenn du gehst, komm bitte wieder, ich weiß nicht, was ich ohne dich machen soll.‘ Er schloss sie in die Arme und so saßen sie noch eine Weile still da. Bis er die Stille brach.

‚Lamina hat Frühstück gemacht, magst du nicht aufstehen?‘

‚Ja, doch. Bringen wir es hinter uns.‘

Otar kam wieder, mit dem Khan und einigen seiner Töchter. Wie ein wild gewordener Stier sprang der Khan vom Pferd und lief auf den Tisch zu. Die Kinder bekamen es mit der Angst zu tun und wichen zurück.

‚Wo ist die weiße Hexe?‘ schrie er.

‚Oben bei den Ahnen!‘ stotterte eines der Kinder und brach in Tränen aus.

‚Ich werde zu ihr gehen, allein!‘ plärrte er. Seine Töchter kümmerten sich sogleich um die Kinder. Der Khan stieg ohne ein weiteres Wort zu den Ahnen hinauf.

Sie kamen erst nach Stunden wieder herunter. Vira hatte indes die Gebeine der Toten bekleidet. Plötzlich stand Wena in der Jurtentür und blickte auf sie herab. Vira blickte sie flüchtig an und sie richteten gemeinsam die Grabbeigaben, während der Khan mit Otar in seine Wohnjurte ging. Wenig später stürmte Otar mit Einzelteilen seines Bettes wieder heraus und warf sie in den Hof und spuckte dreimal darauf.

Der Khan tauchte in der Tür auf und rief Ainur zu sich. ‚Schmied!‘ Der Khan atmete einmal tief durch, schluckte und fuhr etwas ruhiger fort. ‚Ich würde Euch bitten, die Einzelteile des Bettes meiner Tochter zu den Ahnen zu tragen. Otar wird das Bett seiner Schwägerin nehmen.‘

Ziska hatte Lamina gepackt und verschwand mit ihr in ihrer Jurte. Der Khan pfiff nach seinem Pferd, schwang sich drauf und ritt durch die Furt zu seinem Lager zurück.

Nahezu alle sammelten sich am Hof. Die gesamte Sippe des Khan und seine Reiter warteten auf ihren Khan. Der gerade wieder über die Furt ritt, mit seiner ersten Frau an seiner Seite.

Die weiße Hexe trat vor die Jurte. Als Zeichen der Trauer hatte sie auf den Kopfschmuck verzichtet und ihr Haar war in vielen Zöpfen geflochten. Lamina schritt hinter ihr her, sie hatte einen Korb mit Kräutern im Arm.

Halef kniete vor dem Gatter, er hatte das Pferd seines Vaters gesattelt. Lamina ging zum Gatter, zog einen Dolch hervor und übergab ihn Halef. Kejnen wurde von einigen Töchtern begleitet und jede der Frauen hatte ein Kind auf dem Arm. Lamina gesellte sich unsicher zu Kejnen. Die Söhne des Khan nahmen die Gebeine der Toten und brachten sie auf den Berg. Halef brachte das Pferd aus dem Gatter und lief hinterher. Die Frauen stimmten ein Klagelied an. Und die restlichen Männer entzündeten Fackeln, packten sich ihre Speere und gingen hinter den Frauen her. Oben am Berg angekommen nahm jeder, je nach Stand und Verwandtschaftsgrad, seinen Platz ein. Kejnen wurde neben Ainur gestellt und Lamina wurde zu einem Steinkreis gebracht, in dem die Einzelteile der Betten lagen. Otar und Halef standen vor der Ahnenhöhle und nahmen die Toten entgegen, um sie in die Höhle zu bringen. Der Junge Alur kam angerannt, um das Pferd seines Onkels zu halten. Wena, Vira und die Mädchen brachten die Grabbeigaben und gingen ebenfalls in die Höhle.

Ziska stand auf dem höchsten Punkt des Berges und betete, dann schritt sie herab und blieb vor dem Steinkreis stehen.

Sie reinigte den Kreis, in dem sie drei Hühner opferte. Ohne mit der Wimper zu zucken, schnitt sie den drei Hühnern einfach den Hals durch, warf die Köpfe auf die Erde und versprühte das Blut auf den Steinen. Der Gesang der Frauen schwoll an. Der Khan brachte eine verzierte Axt. Ziska weihte die Axt in dem sie der Ziege den Kopf abschlug. Während sie die Köpfe der Tiere in den vier Himmelsrichtungen im Kreis ausstellte, ging der Khan in den Kreis und hackte die Balken in zwei.

‚Verflucht sei der Fluch!‘ rief er laut und trat mit der Axt in der Hand wieder in die Reihen der Seinen zurück. Einer der Söhne des Khan reichte Ziska eine Fackel und eine Schale mit Pech. Sie vergoss das Pech, stellte die Schale ab und Lamina reichte ihr den Korb mit Kräuter. Lamina ging zu Kejnen und Ainur.

Ziska zündete das Holz an und warf dann einzeln die Kräuter in die Flammen. Sie murmelte dazu. Das Klagelied verstummte, als der Rauch aufstieg. Der Rauch zog nach oben und die Frauen drehten dem Rauch den Rücken zu. Die Männer warfen eine Fackel nach der Anderen ins Feuer. Ziska hingehen schrie markerschütternd, schnitt sich mit ihrem Dolch in die unverletzte Hand und spritzte ihr Blut in die Flammen, dann wand sie sich um, packte den Körper der Ziege und ging in die Höhle. Drinnen stimmten Wena und Vira den Klagegesang an. Man konnte Stein brechen hören und Ziska schrie wieder. Ein menschlicher Schädel und ein Beckenknochen flog im hohen Bogen aus der Höhle. Der Beckenknochen zersprang auf dem harten Steinboden. Der Klagegesang der Frauen schwoll wieder an und die Geräusche, die sie machten, nahmen einen schrillen Ton an. Ziska kam aus der Höhle gestolpert und hielt auf den brennenden Kreis zu. Sie schien gar nicht mehr auf dieser Welt zu wandeln. Ohne vor dem Feuer zurück zu zucken holte den Ziegenschädel aus den Flammen. Mit brennenden Ärmeln hielt sie ihn hoch und jeder konnte die Flammen sehen, wie sie aus dem Maul des Tieres züngelten. Unverständliche Beschwörungsformeln brabbelnd trug sie ihn zur Höhle hinüber, dann legte sie ihn an der Stelle ab, wo der menschliche Schädel lag. Sie nahm die Knochen auf, die aus der Höhle geworfen hatte und brachte sie zum Feuer, dort stellte sie die Knochen an die Stelle, wo der Ziegenkopf vorher lag. Geistesabwesend ging sie wieder zum Ziegenschädel und brachte ihn in die Höhle. Halef kam aus der Höhle getreten und nahm dem jungen Alur die Zügel ab. Alur ging voraus und Halef brachte das Pferd in die Höhle.

Drei und eine Axt – Teil 16

Eine Axtgeschichte – Drei und eine Axt – Teil 16

Der Sturm trieb die Wolken über den nächtlichen Himmel. Die Luft war für die Jahreszeit viel zu kalt. Blätter wehten auf Augenhöhe an ihm vorbei. Er zog den Umhang hinten über seinen Kopf und blickte auf den Fluss. Er machte sich Sorgen, obwohl er eigentlich nicht wirklich Grund dazu haben sollte. Sie werden sich schon zurecht finden und solange Nachts kein Bodenfrost ist, werden sie schon nicht erfrieren. Er würde trotzdem kein Auge zu machen, bis sie wieder da waren.

Sie waren nun schon über zehn Tage fort. Er hätte sie nicht gehen lassen sollen oder mit ihnen reiten sollen. Aber Ziska hatte sich durchgesetzt. Sie nahm die Vision sehr ernst und bestand darauf nur mit dem Jungen zu reiten. Und was sollte sie auch mit einem humpelten Trottel, er war ihr keine Hilfe. Er war niemanden eine Hilfe.

Die letzten zehn Tage mussten sie sich am Hof eine Menge über Brauchtum und Sitte anhören, erst von Wena, dann von Otar, der mittlerweile wieder auf den Beinen war und zu guter Letzt auch noch vom Khan, der wiedergekommen war, um das Winterlager zu beziehen.

So war es alter Sitte Brauch, dass die Frauen eines verstorbenen Kriegers an den leiblichen Sohn übergingen, weil ihre Seelen auch nach dem Tod des Mannes weiter verbunden waren und nach ihrem eigenen Tod würde sie ihrem Mann im Jenseits wieder dienen.

Nun waren die Familienverhältnisse eh nicht ganz einfach, weil Halef nicht der leibliche Sohn von Aiden war und Ziska keine Kinder hatte. Otar wollte als nächst ältester Bruder von keinem seiner Rechte Gebrauch machen, da er seines Erachtens bei den Ahnen in Ungnade gefallen sei und ging zum Khan und bat um Rat und um eine Entscheidung. Der Khan jedoch redete sich raus, da er nicht über den Kopf der weißen Hexe hinweg eine Entscheidung treffen wollte. Nachdem aber Aiden den Jungen an Sohnes statt angenommen hatte, war die Erbfolge eigentlich klar. Halef erbte den Hof und hatte für seine Mutter zu sorgen, solange Otar keinen Einspruch einlegte. Vira schüttelte über die Entscheidung nur den Kopf, da es nicht ihr Brauch war, sie sich aber der Sippe fügen musste. Ainur seine Stimmung war mal wieder jenseits von gut und obwohl Vira jede Nacht zu ihm unter seine Felle kroch, wurde seine Stimmung von Tag zu Tag eisiger. Mal ganz abgesehen davon, dass Kejnen seine Stimmung auch nicht recht viel besser war. Sein Knie tobte wieder und sein Herz schmerzte bei jedem Atemzug. Was muss er sich auch in die weiße Hexe verschauen. Was sie in ihm sah, war ihm immer noch völlig rätselhaft. Weil gerade ansehnlich war er ja nicht gerade. Was wollte sie nur von einem alten Krüppel.

Er blickte über das Rauschen des Flusses hinweg. Die Jurten des Khan standen nun in Sichtweite. Er konnte die Feuer sehen und die Tiere plärren hören. Der Khan war sehr ruhig und nachdenklich gewesen, seit dem er von der Vision der weißen Hexe hörte. Die Sonne würde bald aufgehen und er beschloss nicht mehr zu grübeln.

Irgendwann war Kejnen doch neben dem Feuer eingenickt. Und erst als seine Sonne ihm ins Gesicht strahlte, öffnete er seine Augen wieder. Ziska stand vor ihm und blickte ihn milde an. Ihr jugendliches Gesicht war von tiefen Sorgenfalten überzogen und ihre Augenringe ließen ihr Antlitz älter wirken, als sie eigentlich war. Halef schloss gerade das Gatter. Ein Pferd mehr als sonst. Sie hatten das Pferd seines Vaters tatsächlich gefunden und mitgebracht. Der Junge schlich geknickt an ihnen vorbei und verschwand in der Jurte. Dort kroch er zu Lamina ins Bett und wühlte sich durch die Decken bis zu ihrem warmen Körper. Er hatte nur seinen staubigen Mantel und seine Schuhe ausgezogen, die nun im Eingang der Jurte lagen. Lamina nahm ihn im Halbschlaf liebevoll in den Arm und säuselte ihm etwas Unverständliches ins Ohr. Er begann zu weinen, sie schloss ihre Arme fester um seinen Körper, daraufhin brach er völlig zusammen. Seine Mutter lag auf dem Boden bei Ainur. Kejnen wurde von Ziska in die Jurte gezogen, dort stolperten sie über die Schuhe und schob sie beiseite. Vira wurde wach, nach einem kurzen Blickwechsel mit Ziska, sprang sie auf und stürmte zur Stalljurte hinüber. Die Jurte war halb abgedeckt und das Scherengitter war wieder verschlossen worden, nachdem sie die toten Körper hineingelegt hatten. Vira schritt durch die Tür und stockte. Dort lagen zwei in Leinen gebundene Körper auf der Erde. Der Gestank der Leichen lies sie würgen. Ziska hatte Windlichter aufgestellt und hatte verschiedene Harze angezündet. Das machte zwar den Gestank nicht besser, aber erträglicher. Um den Hals des einen Körpers hatte Ziska den Ritusknochen ihres Ehebundes mit einer ihrer Hochzeitsborten gebunden. Dann musste der andere Körper ihr Ehemann sein. Hastig wickelte sie den Kopf der Leiche ihres Mannes frei und erstarrte. Ein blanker Schädel starrte sie aus den leeren Höhlen an. Um den Hals des Skeletts hing ein Stein an einer schweren Kette, in dem ein Mondsymbol eingeritzt war. Sie griff sich an die Brust und stürzte nach hinten um, schnappte nach Luft und würgte zugleich. Hastig versuchte sie nur noch von dem Leichnam fortzukommen. Sie erbrach sich auf dem Weg durch die Jurte. Das Vieh wurde durch ihr Würgen und Stöhnen aufgeschreckt und lief durcheinander und plärrte.

Kejnen, Ziska und Ainur waren ihr gefolgt und versuchten sie zu beruhigen.

Sie war völlig hysterisch und schrie: ‚Das ist nicht mein Mann! Das kann nicht mein Mann sein.‘ Kopfschüttelnd kam sie an der Jurtenwand zum Stillstand, aber nur weil sie nicht weiter kriechen konnte. Ziska hielt etwas in der Hand, dass sie ihr nun in die Hand legte. Ohne hinzublicken erkannte sie, was es war. Es war der Ritusknochen ihrer eigenen Verbindung.

‚Die Ahnen schickten die Geier und erwiesen ihnen eine Himmelsbestattung. Die Geier waren noch am Werk, als wir eintrafen. Sie hatten nur das Pferd in Ruhe gelassen.‘ erklärte Ziska ruhig.

‚Warum dann der Gestank?‘ stotterte Vira, die wieder zu würgen begann.

‚Die Schädel sind ungebrochen, daher der Gestank!‘ würgte Ziska hervor. ‚Die Ringe waren an ihren Fingern, ihr Seelen warten auf das Bett der Ahnen.‘

Vira kroch wieder zum Leichnam, riss sich den Anhänger von ihrem Hals, der das Sonnensymbol trug und band ihn mit dem knochen um den Hals des Leichnams. Nun brach sie vollends zusammen. Ainur nahm sie in den Arm, hob sie hoch und brachte sie zurück in die Jurte. Ziska bedeckte kahle Antlitz ihres Schwagers wieder und ging würgend an Kejnen vorbei, der ihr sogleich humpelnd folgte.

Als Ainur Vira aufs Bett legen wollte, klammerte sie sich panisch an seinen Hals und weigerte sich lauthals sich aufs Bett legen zu lassen. Ziska wurde langsam misstrauisch. Sie hatte schon bemerkt, dass Vira oft schlecht schlief, vor allem seit dem Kejnen da war und seit dem Ainur hier war schlief sie anscheinend noch viel schlechter. Mit erhobenen Händen und summend ging sie schnurstracks aufs Bett zu, drängte dabei Ainur auf die Seite und griff am unteren Balken entlang. Ainur begriff gar nicht mehr, was um ihn herum geschah. Er hielt die weinende Vira immer noch im Arm und stand mitten in der Jurte und beobachtete das skurrile Geschehen. Schreiend hob Ziska das Bett hoch, während Kejnen mit einer Kerze zu ihr rüber humpelte. Im Kerzenschein konnte man Fluchzeichen an der unteren Seite des Bettes erkennen, die in das Holz gebrannt worden waren.

Ziska fluchte lautstark: ‚Dieser Bastard!‘

Halef setzte sich blitzartig auf und blickte sie böse an. Dann ging ihr sichtlich ein Licht auf.

Halefs Miene entspannte sich wieder ein Wenig. Wie von einem Schlag getroffen, ließ sie den Rahmen fallen und lief kopfschüttelnd zu ihrem Bett hinüber, um auch unter ihrem Bett nach zu sehen. Dort waren keine Fluchzeichen, erschöpft sank sie aufs Bett und grübelte fluchend weiter. ‚Diese alte verbitterte Hexe…!‘

‚Ziska, hast du dich nun entschieden, ob du lieber meinen toten Vater beleidigen willst oder Großmutter?‘ sprach Halef mit einer erschreckend ruhigen Stimme. Ziska blickte ihn entschuldigend an, denn sein Blick verriet ihr seine Wut. Seine Augen funkelten böse zu ihr hinüber.

‚Kejnen kannst du den Rahmen noch einmal hochheben?‘ sprach sie ruhig.

Kejnen stellte die Kerze am Boden ab und hob den Rahmen hoch und lehnte ihn gegen die Jurtenwand. Im Kerzenschein konnte man die Fluchzeichen erkennen.

Dann schluchzte Vira: ‚Aiden, war des Schreibens gar nicht mächtig und er hätte mir nie misstraut!‘

Dann sprang Ziska auf und rannte aus der Jurte, um wenig später wieder zu kommen.

‚Bei Wena ist es auch.‘ sprach sie ruhig.

‚Nur Großmutter hatte die Möglichkeit und die Macht auch über den Tod hinaus, einen Fluch zu festigen.‘ meinte Vira erschreckend gefasst. Sie hatte sich aus Ainurs Umarmung gewunden und er lies sie sachte auf den Boden gleiten. Ziemlich wackelig auf den Beinen stolperte sie zum Bett von Halef hinüber und stürzte. Halef fing sie auf, schloss sie ihn die Arme und schon war ihrer beider Stärke wieder verflogen. Sie schluchzen sie gegenseitig an. Lamina deckte sie Beide liebevoll zu. Doch Vira hielt sie fest, als sie sich entfernen wollte.

Ainur zerlegte kurzerhand das Bett und brachte es raus. Kejnen schob die Decken zur Seite und half Ainur soweit er konnte.

Ziska lief ihnen schreiend hinterher und kam dann wieder. Sie riss den Jurtenstoff neben der Tür auf und schob das Scherengitter zur Seite. Dann ging sie durch die Öffnung und schloss die Jurtentür. Hastig zündete sie einige Kräuter an, die an einer Leine zum Trocknen hingen. Damit wedelnd ging sie durch die Jurte und murmelte Unverständliches, dann schrie sie wieder und lief zum offenen Scherengitter. Dann schnitt sie sich mit einem kleinen Messer in die Hand, Blut quoll hervor. Sie beträufelte die Fläche der Öffnung und ging dann an die Stelle, an der bis eben noch das Bett gestanden hatte und lies das Blut auf den Boden tropfen.

Als Ainur und Kejnen verschlossen die Jurte und betraten sie dann durch die Tür. Sie stand immer noch völlig in sich gekehrt an der Stelle und murmelte. Kejnen erkannte, dass ihr Blut von der Hand rann und auf den Boden tropfte. Er humpelte zu ihr hinüber, zog ein Tuch von einer Leine und wickelte es um ihre Hand. Sie rückten einige Truhen auf den Platz, wo das Bett gestanden hatte und bauten aus allen Fellen und Decken eine Bettstatt, an einer anderen Stelle der Jurte. Ainur stand gebückt in der Jurtentür. Er war zu Recht verwirrt, Ziska hatte alle seine Felle zum Bettenbauen verwendet. Er wusste nicht, was alle davon halten würden, wenn er nun ‚offiziell‘ bei Vira schlafen sollte. Er hatte immer noch die Worte des Khan im Ohr, die jedliche neue Verbindung vorerst untersagte.

Vira löste sich aus der Umarmung der beiden Kinder und setzte sich auf. Ziska kam zu ihr hinüber und zog eine Flasche aus ihrem Korb. Mit zitternden Fingern zog sie an dem Korken. Sie nahm einen tiefen Schluck und gab die Flasche an Vira weiter. Sie schluchzte noch einmal und nahm auch einen kräftigen Schluck. Keuchend zog sie gleichzeitig den Rotz die Nase hoch. Halef nahm ihr die Flasche ab und nahm auch einen anständigen Schluck. Auch er zog keuchend die Luft ein und schlug sich auf die Brust. Lamina nahm die Flasche an sich. Schüchtern nippte sie nur daran. Sie kroch aus dem Bett und drückte sie Ainur in die Hand, der wie zu Stein erstarrt noch immer in der Jurtentür stand. Kejnen humpelte ihm entgegen und nahm ihm die Flasche ab, als Ainur zu einem zweiten Schluck ansetzte.

‚Warum war mir klar, dass es dich nicht mal beutelt, bei dem Teufelszeug.‘ krächzte er kopfschüttelnd und humpelte mit der Flasche in der Hand zum Bett hinüber. Als Vira aufstehen wollte, strauchelte sie. Ainur fing sie auf und trug hinüber, um sie zu betten. Ziska holte sich noch einmal Kräuter von der Leine, zündete auch diese an und ging summend noch einmal durch die ganze Jurte. Kejnen hatte sich erschöpft aufs Bett gesetzt, trank einen kräftigen Schluck und zog seine Schuhe aus. Ziska kam zu ihm hinüber, warf die restlichen Kräuter ins Feuer und legte einige Scheite nach. Als sie den nächsten Schritt in Kejnens Richtung tat, brach sie lautlos zusammen.

Er konnte sie gerade noch auffangen. Umständlich bugsierte er sie aufs Bett, zog auch ihr die Schuhe aus und deckte sie und sich irgendwie zu.

Ainur saß eine Weile völlig mit den Nerven am Ende an der Bettstatt und strich Vira mit zitternden Händen übers Haar. Nach einiger Zeit öffnete sie die Augen und sah wie er zusammengesunken neben ihr kauerte. Wortlos zog sie ihn zu sich unter die Decken.

Verhalten nahm er sie in den Arm und seufzte schwer. Sie flüstere mit zitternder Stimme in sein Ohr. ‚Mein halbes Leben beruht auf einen bösen Fluch einer verbitterten, alten Frau.‘

‚Aber du bist du, Fluch hin oder her.‘

‚Ich weiß nicht mehr wer ich bin.‘

‚Du bist eine wunderschöne, starke Frau und ich, ich…‘ Seine Stimme brach. Dann fing er sich wieder. ‚Ich habe es gar nicht verdient und vor allem nicht das Recht, bei dir liegen zu dürfen.‘

‚Brauchtum und Sitte und Anstand verbieten es.‘ meinte Vira bitter.

‚Und der Khan und vor dem langen Arm seiner Worte habe ich mehr Ehrfurcht, als vor den Bräuchen einer mir völlig fremden Welt.‘

Sie drückte sich fester an seinen Körper und suchte seine Hand, um sie im nächsten Moment zu ihrem Mund zu führen. Sie zögerte kurz, dann küsste sie seine mächtige Pranke. ‚Doch Ihr habt Euch mein Herz bereits am ersten Tag verdient. Des Khans Wort hin oder her.‘

‚Waren wir nicht bei du und du?‘ meinte er in ihr Haar, seine Lippen zitterten, als er ihre Stirn küsste. Und er hoffte inständig, dass sie den Stein nicht hörte, der so eben von seinem Herzen herabfiel.

‚Mein Herz hat mein ganzes Leben lang auf dich gewartet.‘ flüsterte er in ihr Haar. Sie schluchzte, als sie die Worte vernommen hatte. Er küsste ihr die Tränen vom Gesicht und wiegte sie in seinen starken Armen. ‚Du bist so eine starke Frau und doch so zerbrechlich. Ich möchte dir dienen und dein starker Arm sein.‘

‚So lange ich mich an deiner Schulter anlehnen und aus heulen kann, darfst du alles…!‘

Diesmal stoppte er sie mit einem Kuss. Sie erwiderte ihn.

Drei und eine Axt – Teil 15

Eine Axtgeschichte – Drei und eine Axt – Teil 15

Am nächsten Morgen wurde Ainur wach, mit Vira in seinem Arm. Ihre Arme und Beine umschlangen immer noch seinen Körper. Und sein Schwanz war hart. Und er befürchtete sie mit seinem pulsierenden Gemächt erschrecken zu können, deswegen rückte er ein Wenig von ihr ab. Irgendwann wurde ihm gewahr, dass es sich, mal abgesehen von seinem geschwollenen Schwanz, auch überhaupt nicht ziemte, dass sie bei ihm auf dem Boden lag. Deshalb stand er auf, zog sich zügig seine Hose an und hob sie auf und bettete sie in ihr eigenes Bett. Leise ging er zum Fluss, um zu meditieren und dann mit einer wahren Erleichterung zu pinkeln. Er beschloss seine Kampfübungen durchzugehen. Auf einem Stein balancierend ging er seine Übungen durch. Irgendwie musste er seine überschüssigen Energien loswerden.

Irgendwann wurde Vira wach. Sie lag in ihrem Bett und sie war sich nicht ganz sicher, ob sie nur geträumt hatte, bei Ainur gelegen zu haben, oder ob es wirklich geschehen war. Dann entdeckte sie eines seiner Felle in ihrem Bett. Er war wohl aufgestanden und hatte sie in ihr Bett zurück gelegt. Liebevoll strich sie über das Fell, bis sie irgendwann aufstand. Sie zog sich an, legte das Fell zurück auf seine Schlafstatt und ging nach draußen. Er hatte bereits Feuer gemacht und den Wasserkessel aufgefüllt. Sie schob das Wasser aufs Feuer und ging zum Vieh, das bereits plärrte, weil sie noch nicht gemolken worden waren. Wena schlief anscheinend noch. Nach dem melken lies sie die Tiere aus der Jurte ins Gatter laufen. Mit zwei Schüsseln mit Milch kam sie aus der Jurte. Die Hälfte der Milch von den Rindern war fürs Frühstück. Die restliche Milch goss sie mit der von den Ziegen und Schafe zusammen in einen kleinen Kessel und hing ihn neben den Wasserkessel übers Feuer. Sie wollte heute den Käse bereiten.

Nebenbei bereitete sie das Morgenmahl. Ihr Blick schweifte mehrmals zum Fluss hinunter und sie ertappte sich jedes Mal dabei, wie sie Ainur bei seinen Kampfübungen beobachtete.

Nach einiger Zeit krochen die ersten Kinder aus dem Bett und tapsten nach draußen. Die Großen schickte sie Eier suchen. Nachdem gestern keiner die Hühner eingesperrt hatte, durften sie heute wieder auf dem ganzen Hof nach den Eiern suchen. Vira hatte gerade die Kleinste im Arm und half ihr beim Anziehen, als Ainur plötzlich neben ihr stand und sich seine Tunika überzog. Er lächelte ihr verschmitzt entgegen, sie aber übergab ihm nur wortlos das Kind und wand sich hastig ab. Sie nahm den Milchkessel vom Feuer, kurz bevor ihr die Milch überkam. Sie rührte den Inhalt einer weiteren Schüssel in den Milchkessel, dann wand sie sich um, ohne aber mit dem Rühren aufzuhören und strahlte ihm entgegen.

‚Guten Morgen, Ainur!‘ Er beugte sich über den Kessel, die Kleine immer noch auf dem Arm und blickte in den Kessel.

‚Was wird das Käse?‘

Sie nickte nur unter fortwährendem Rühren und blickte dann auf den Tisch. ‚In vier Wochen ist der so weit, wie der auf dem Tisch.‘

Kejnen murmelte ein ‚Morgen!‘ und humpelte zum Abtritt. Als er zum Tisch kam, stand bereits ein Becher an seinem Stuhl und Ainur saß daneben auf der Bank und strich der Kleinen ein Brot mit Marmelade. Er sah etwas bedrückt aus. Kejnen bemerkte seine schlechte Stimmung und witzelte: ‚Onkel Ainur, schmierst du mir auch ein Brot?‘

Ainur blickte auf und funkelte ihn an, bevor er ihn ein Scheibe Brot auf den Teller legte, dann drückte er ihm das Messer in die Hand und schob ihm die Marmelade rüber. ‚Ich trag dir gerne deine Sachen hinterher, aber dein Brot schmierst du dir schön selber.‘ Kejnen grinste und nach einer langen Weile, zerbrach Ainurs schlechte Stimmung in einem Lächeln.

Irgendwann waren alle wach und saßen endlich am Tisch und aßen.

Halef fragte: ‚Was steht denn Heute an?‘

Vira blickte ihn etwas ungehalten an: ‚Holz, Holz, Holz!‘

‚Wir haben noch die zwei umgestürzten Bäume, die wir gestern hergebracht haben, am Waldrand liegen.‘ meinte Halef.

‚Oh ja, die hab ich ganz vergessen.‘ gab Vira zu.

‚Wollt ihr da nur Feuerholz draus machen oder wollt ihr was bauen?‘ fragte Ainur.

‚Ein neues Regal wäre toll.‘ säuselte Wena.

‚Halef. War noch was übrig vom Bau der Stühle?‘ fragte Kejnen.

‚Nicht mehr viel!‘ antwortete Halef.

‚Ich versuchs heute nochmal zu Otar durchzukommen. Lamina wie geht es dir heute?‘ wechselte Ziska geschickt das Thema.

‚Oh ähm, gut soweit. Ich würd mich gerne nützlich machen!‘ anwortete Lamina.

‚Wolle, Wolle, Wolle!‘ meinte Wena und grinste dabei Vira an.

‚Kann ich. Wie dünn wollt ihrs denn.‘ meinte Lamina.

Wena stand auf und küsste Lamina auf eine Stelle in ihrem Gesicht, wo keine großen Verletzungen waren. ‚Dich schickt der Himmel. Wir schaffen es kaum, die Wolle zu verarbeiten, neben der ganzen anderen Arbeit.‘

‚Eigentlich müsste ich auch noch Kräuter suchen.‘ meinte Ziska.

‚Du meinst wohl Pilze?‘ witzelte Vira.

Ziska grinste. ‚Vielleicht können wir am Nachmittag ein bisschen in den Wald, Lamina.‘

Lamina nickte nur und lächelte, während Halef unterm Tisch nach ihrer Hand suchte.

‚Sag mal, wo sind denn eigentlich die Reiter, die der Khan hier zurück gelassen hatte.‘ fragte Kejnen.

‚Ach, die sind mit den Tieren wieder auf die Ebene geritten und zwei von ihnen sind auf der anderen Seite vom Tal und sammeln dort Holz.‘ berichtete Vira.

‚Ah gut, nicht dass sie Ainur erschießen, wenn er wie ein wildes Tier durch den Wald rennt und die Wildschweine mit bloßen Händen erwürgen will.‘ meinte Kejnen und musste herzhaft lachen.

‚Hier gibt es Wildschweine?‘ fragte Ainur freudig erregt.

‚Die kommen erst im Winter, in der Hoffnung hier was zum Fressen zu kriegen.‘ meinte Halef.

‚Sind dann alle Fertig. Wir brauchen den Tisch für die Wolle!‘ meinte Wena.

‚Und vergiss den Käse nicht.‘ meinte Vira.

‚Ähm, Ziska, darf ich Euch nochmal um die Salbe für mein Pferd bitten.‘

‚Ach, Euer Pferd. Ich schaue es mir an. Vielleicht können wir einen Umschlag machen!‘

Halef, Kejnen, Ainur, Alur, Fina und Vira gingen in den Wald. Während die anderen drei Mädchen, Nala, Lina und Lona bei Lamina blieben, um sich um die Wolle zu kümmern.

Ziska ging zu Otar in die Jurte, Wena folgte ihr. Wenig später brachte Wena Ziska aus der Jurte und setzte sie auf Kejnen’s Stuhl ab. Dann lief sie wieder in die Jurte.

Lamina stürtze zu Ziska und wollte ihr etwas zu trinken bringen. ‚Ist schon gut! Danke! Ich muss mich nur setzen.‘

Wena kam mit Tränen in den Augen aus ihrer Jurte. ‚Er hat mich erkannt. Er fragt nach euch Kindern.‘ Sie Mädchen sprangen fast gleichzeitig auf und stürmten an ihr vorbei in die Jurte.

Irgendwann stand Ziska einfach auf und schwankte in die Jurte. Wo Lamina sie, dann später im Bett liegend und an die Jurtendecke starrend, vorfand. Sie stand den ganzen Tag nicht wieder auf und sagte auch keinen Ton. Lamina flüsste ihr hin und wieder Tee ein, aber zu mehr war sie nicht zu bewegen. Kejnen kam am Nachmittag zu den Jurten zurück gehumpelt. Er hatte einen Gaul vollbeladen mit Körben voll Kleinholz dabei. Lona kam ihm entgegen gelaufen. Die zweitälteste Tochter von Wena war immer sehr still und zurückhaltend und vor allem wenn ihre ältere Schwester nicht da war. Er hatte sie noch nie rennen sehen. Sie meinte schüchtern und aufgeregt zu gleich. ‚Lamina macht sich große Sorgen um Ziska. Sie liegt in ihrem Bett und starrt an die Jurtendecke, seit dem sie Vater geheilt hat.‘

‚Lass uns rasch das Pferd von seiner Last befreien.‘ meinte Kejnen. ‚Geht es deinem Vater wenigstens besser.‘

‚Ja, er hat mit uns geredet, jetzt schläft er wieder.‘

Wenig später humpelte er zur Jurte hoch und ging wortlos in die Jurte. Langsam humpelte er zu Ziska hinüber und setzte sich auf die Bettkante. Er griff nach ihrer Hand und küsste sie. Sie regte sich nicht und starrte weiter auf das Jurtendach.

‚Ziska?‘ flüsterte er. Sie blinzelte nicht mal. ‚Ziska, zwinker, wenn du mich verstehst.‘ Er rüttelte sie. Es war ziemlich unheimlich, weil sie auf gar nichts reagierte. ‚Ich flöße dir den unaussprechlichen Schnaps ein, wenn du dich nicht rührst.‘

Sie zog die Luft in ihre Lunge und zwinkerte einmal. Tränen liefen aus ihren Augen.

‚Ich werte das als ja!‘

Sie schüttelte den Kopf.

‚Und nun?‘

‚Heißes Wasser, roter Beutel.‘ flüsterte sie.

‚Einen Moment!‘ Er stand auf, humpelte aus der Jurte und kam wenig später mit einem Krug mit heißen Wasser wieder. Sie schnellte hoch und setzte sich auf. Nach ihrem Korb hangelnd, blickte sie zu ihm. Tränen liefen ihr die Wangen herab. Mit zitternden Fingern griff sie sich doch die Flasche mit ihrem Schnaps. Er hatte das Bett erreicht, als sie die Flasche ansetzte. Ihr fiel fast die Flasche aus der Hand, weil sie zu Schluchzen begann. Er nahm ihr die Flasche weg und meinte: ‚Du musst mir mit dem Tee helfen, ich weiß nicht wie viel ich von dem Roten nehmen soll?‘

Sie schluckte schwer und legte sich wieder hin. ‚Vier Priesen in den Krug.‘ Dann drehte sie sich um und rollte sich zusammen.

Er stellte den Krug und die Flasche ab und streute das rote Zeug in den Krug. Dann kroch er ein Stückchen näher zu ihr aufs Bett und strich ihr über den Rücken. Ihr Körper zitterte und sie fing wieder an zu schluchzen. Er nahm eine Decke und deckte sie liebevoll zu. Irgendwann setzte sie sich auf und stürzte in seine Arme. Er hielt sie und versuchte sie zu beruhigen, obwohl er immer noch nicht wusste, was eigentlich los war. Irgendwann flößte er ihr den Tee ein.

Vira steckte den Kopf bei der Tür herein und Kejnen winkte sie zu ihm.

‚Was ist denn los?‘

‚Ich habe keine Ahnung!‘

‚Ziska, spinn dich aus und lass den Mann sich waschen!‘

Ziska drehte ihren Kopf und blickte sie an. Tränen liefen ihr immer noch übers Gesicht. ‚Ich habe gesehen, wo er sie verloren hat. Ich reite da morgen hin.‘

‚Du reitest nirgendwo hin und vor allem nicht alleine.‘ meinte Vira.

‚Ich will mit Halef reden.‘

‚Halef wäscht sich. Und ich will, dass du was isst.‘

‚Ich würd mich gern waschen und was essen, ich komm dann wieder!‘ meinte Kejnen.

Ziska rutschte von seinem Schoß, drehte sich um und legte sich wieder hin.

‚Ich schick dir Lamina mit dem Essen und ich nehm die Salbe fürs Pferd mit!‘

Sie nickte und zog dann die Decke über den Kopf. Kejnen stand auf und Vira begleite ihn nach draußen. Wenig später kam Lamina mit einem Krug Tee und einer Schüssel mit Suppe herein.

‚Ich soll dir die Suppe bringen.‘ Lamina setzte sich ans Bett und stellte die Suppe und den Krug neben dem Bett auf eine Kiste. Dann zog sie an der Decke und rückte näher an Ziska heran. ‚Und ich soll solange hier blieben, bis du die Suppe gegessen hast.‘ Ziska reagierte nicht. Lamina tätschelte ihren Rücken und redete weiter. ‚Aber keine Sorge, die Suppe ist noch kochend heiß, du kannst sie eh noch nicht essen.‘

Nach einer Weile regte sich Lamina und flüsterte: ‚Ich habe dich und das Pferd vergessen. Tut mir leid…!‘

‚Vira wollte sich das Pferd ansehen und mir geht’s so weit ganz gut. Der Rücken juckt.‘ meinte Lamina gähnend. ‚Und ich bin echt müde!‘

‚Halef soll dir nachher den Rücken versorgen!‘ meinte Ziska und gähnte auch.

‚Darf ich mich zu dir legen, bis er kommt.‘

Ziska hob einladend die Decke. Lamina zog ihre Schuhe aus und legte sich zu ihr. Rücken an Bauch schliefen sie ein, bis Halef zu ihnen ans Bett kam. Er blickte in die Schüssel und bemerkte, dass Ziska nichts gegessen hatte.

‚Ich werd aber nicht mit Kejnen in einem Bett schlafen!‘ meinte er und setzte sich ans Bett. Lamina schreckte hoch und Ziska wurde davon wach. ‚Wenn du nichts isst, reite ich mit dir nirgendwo hin!‘

Sie nickte, setzte sich auf und lies sich von Halef füttern. Lamina drehte sich nur um und legte den Kopf auf seinen Oberschenkel.

‚Kannst du ihren Rücken mit der Tinktur behandeln?‘ fragte Ziska.

‚Ja.‘

‚Du solltest dann schlafen gehen, wir müssen morgen früh los.‘

‚Tante Ziska, so wie du beieinander bist, finde ich, solltest du dich noch einen Tag ausruhen.‘

‚Ich weiß nicht, ob das Pferd deines Vaters so lange warten kann.‘

‚Bitte was?‘

‚Ich hoffe, dass meine Vision mich nicht trügt!‘

Nach dem letzten Bissen flößte er ihr noch Tee ein und dann durfte sie sich wieder hinlegen. Lamina war mittlerweile wieder eingeschlafen, also legte er sich auch dazu. Ziska griff nach seiner Hand. Als seine Augen sich schlossen, sah er die selben Bilder, die sie in ihrer Vision gesehen hatte.

Als Kejnen wieder ins Zelt kam, fand er alle drei im selben Bett liegend vor und sie schliefen in aller Seelenruhe. Der Krug mit dem Tee war halb leer und die Suppe hatte sie wohl aufgegessen. ‚Halef, wenn ich in deinem Bett schlafen soll, brauchst du’s nur zu sagen. Aber mit deinen Hunden werde ich nicht kuscheln.‘ flüsterte Kejnen.

Halef riss die Augen auf und blickte ihn verwirrt an. ‚Wir reiten morgen früh.‘ stammelte Halef noch verwirrter.

‚Nein, so wie ihr beieinander seid, solltet ihr noch einen Tag warten.‘ rief Kejnen ernst.

‚Ich habe das gesehen, was sie gesehen hat und wir müssen uns beeilen. Das Pferd meines Vaters lebt noch…. noch lebt es, wir müssen uns beeilen.‘

Er zog die Flasche des Unaussprechlichen aus dem Korb und drückte ihm die Flasche in die Hand. ‚Trink und morgen früh sehen wir weiter.‘ sagte Kejnen in seinem üblichen Befehlston.

Halef trank. Dann stand er auf, packte vorsichtig die schlafende Lamina und trug sie in sein Bett. Er kniete sich zu ihr und flüsterte in ihr Ohr. ‚Lamina wach auf, wir müssen deinen Rücken versorgen.‘

Lamina setzte sich halb auf, zog ihre Tunika aus und legte sich wieder hin. Kejnen brachte ihm den Korb von Ziska rüber.

‚Braucht ihr noch was? Habt ihr genug gegessen?‘ meinte Kejnen erschreckend fürsorglich.

Lamina schüttelte ihren Kopf und Halef blickte ihn dankend an, als er den Korb nach der Tinktur durchwühlte.

Drei und eine Axt – Teil 14

Eine Axtgeschichte – Drei und eine Axt – Teil 14

Als Halef und Lamina zu den Jurten gingen, kam ihnen seine Mutter entgegen. Sie lächelte ihnen im Vorbeigehen flüchtig zu. Die beiden Männer saßen bereits am Tisch und hatten wohl schon eine Aufgabe bekommen. Sie schnippelten Gemüse klein. Lamina löste sich von Halefs Hand und ging auf Meister Kejnen zu. Er war im Sitzen so groß, wie sie im Stehen. Sie senkte den Kopf und setzte an: ‚Meister Kejnen, wie kann ich Euch nur für eure Großherzigkeit danken?‘

Meister Kejnen blickte etwas irritiert drein, weil er nicht recht verstand, was sie meinte.

‚Ihr habt mich gekauft. Ich gehöre nun Euch!‘

‚Ja, nein. Ähm. Ich umgebe mich nur mit freien Menschen!‘

Nun verstand Lamina nicht und schaute ihn verstört an.

‚Du gehörst nur dir selbst.‘ Sie brauchte noch einen Moment, bis sie seine Worte endgültig begriffen hatte, dann fiel sie ihm einfach in die Arme. Ainur grinste wieder. Die Kinder kamen aus der großen Jurte und wurden von Halef gleich mal eingespannt, den Tisch zu decken. Eines der Mädchen räumte den Verschnitt vom Gemüse in einen Trog und machte sich auf zum Gatter zu gehen. Ainur sprang auf und fragte: ‚Ist das für die Pferde?‘ Das Mädchen nickte.

‚Dann komm ich mit, ich muss nach meinem Gaul sehen!‘ meinte Ainur und hob das Mädchen mit samt dem Trog hoch. ‚Mein Pferd lahmt, weißt du!‘

‚Onkel Ainur, darf ich dein Pferd füttern?‘ fragte das Mädchen.

‚Aber natürlich.‘ flüstere Ainur gerührt und drückte das Kind noch fester an sich.

Am Gatter lies er sie wieder auf den Boden. Soweit er das beurteilen konnte, stand es wirklich schlecht um sein Pferd, aber er hatte noch Hoffnung, solange es auf allen Vieren stand. Er blickte über den Rücken seines Pferdes zu Vira hinüber, wie sie völlig nackt auf einem Stein saß und sich die Haare kämmte und anschließend wieder zusammen band und ins Wasser ging. Er biss sich auf die Lippe und wand dann den Blick ab. Das Kind tappte zwischen den Pferden hin und her und fütterte jedes der Pferde gewissenhaft. ‚Verrätst du mir deinen Namen, kleine Maus.‘

‚Lina und ich bin nicht klein, meine kleine Schwester Nala ist nämlich noch viel kleiner als wie ich!‘

Er tätschelte die Kleine lächelnd am Kopf, wurde dann aber wieder sehr ernst.

‚Kann deine Tante auch Pferde behandeln?‘

‚Meine Tante kann alles!‘

Die Kleine drehte den leeren Trog um, klopfte ihn aus und hob ihn dann wieder hoch. Sie klaubte die letzten Fetzen aus dem Trog und gab sie einem der Pferde. Dann gingen sie wieder zu den Anderen. Der Tisch war bereits gedeckt. Lina allerdings schleifte Ainur zu einem großen Wasserbottich.

‚So und jetzt müssen wir die Hände waschen und den Trog!‘ sie machte eine Pause und warf den Trog in den Bottich. ‚Sonst kriegen wir nichts zu essen!‘

Kejnen brachte gerade einen Teller mit den Köstlichkeiten der alten Damen von der Zusammenkunft zum Tisch und eines der Kinder trug ihm einige Päckchen hinterher. Er brachte die Mädchen immer durcheinander, er konnte sie nur an der Größe erkennen, wenn sie allerdings durcheinander wuselten, dann tat er sich wirklich schwer.

‚So, ich sag dir nun, für wen die Geschenke sind und du legst sie unter den jeweiligen Platz. Und wenn dann alle beisammen sind, dürft ihr sie aufmachen.‘ erklärte er, deutete auf das ein oder andere Päckchen, flüsterte der Kleinen zu und ging wieder in die Jurte.

Wena und Ziska kamen aus der Jurte. Wena warf einen Bündel Stoff ins große Feuer. Ziska war sehr wackelig auf den Beinen und stolperte mit ihrem Korb in der Hand auf die Bank zu, stellte ihn unter der Bank ab und setzte sich neben Kejnen.

Lamina saß ihr gegenüber und lächelte sie an. Halef tischte auf und die beiden großen Mädchen halfen ihm dabei. Es gab von allem reichlich. Doch bevor alle zugreifen konnten, räusperte sich Kejnen, erhob seinen Becher und sprach: ‚Ich wollte den Göttern meinen Dank aussprechen, weil sie mich hier her geführt haben und bete, dass ihr alle bald glücklicheren Zeiten entgegen sehen möget. Die Geschenke sind für die Herzlichkeiten und die Gastfreundschaft, die mir hier widerfahren sind, ich hatte zu Kriegszeiten nicht zu hoffen gewagt, dass ich in meinem Leben noch einmal zur Ruhe kommen würde.‘ Er trank seine Becher aus und fuhr fort. ‚Kinder packt aus, bevor ihr noch verhungert.‘

Die Kinder packten freudig die Geschenke aus und bedankten sich herzlich bei Kejnen. Er erklärte die Geschenke, während alle aßen. Die beiden Kleinen hatten je eine kleine Spindel bekommen, damit sie sich vielleicht leichter damit taten dünne Fäden zu spinnen. Der Junge bekam ein kleines Messer, damit er seiner Mutter nicht immer die großen Küchenmesser verzog, um zu schnitzen. Die beiden großen Mädchen hatten jeweils eine eigene Bürste bekommen, damit sie sich nicht immer um den Kamm ihrer Mutter stritten. Nach dem Essen räusperte sich Wena und auch sie erhob den Becher.

‚Meister Kejnen, wie kann ich mich nur für die lieben Geschenke bei Euch bedanken? Und das größte Geschenk, dass das im Zelt liegt und stinkt und schnarcht. Auch wenn er mich vorhin nicht erkannt hat, als er die Augen aufschlug! Danke!‘ Sie schluckte schwer, Tränen rannen ihr über die Wangen. ‚Wenigstens habe ich sie nun wieder alle beisammen, und ich traue mich kaum mich zu freuen, da die Trauer in unseren Herzen so groß ist, über den schmerzlichen Verlust, den diese Familie erleiden musste…‘ Sie brach nun ab und weinte bitterlich. Ziska nahm sie in den Arm und versuchte sie zu trösten. Alle waren auf einen Schlag sehr still geworden. Erst als Wena sich wieder beruhigt hatte, fingen sie wieder an sich leise zu unterhalten. Lamina erklärte den beiden Kleinen, wie man dünne Fäden spann. Und wie durch ein Wunder klappte es endlich.

‚Ziska, darf ich Euch kurz belästigen?‘ flüsterte Ainur zu ihr.

Ziska blickte ernst auf, lächelte kurz und schon erhellte sich ihr Ausdruck wieder.

‚Mein Pferd lahmte schon, bevor wir los geritten sind, habt ihr irgendwas…?‘

‚Was hab ihr Männer nur mit euren Pferden?‘ fragte sie fast beiläufig.

‚Dieses Pferd begleitet mich schon genauso lange, wie ich Kejnen! Und ein humpelnder Freund ist wahrlich genug!‘ lachte er. Kejnen setzte lachend ein und sein Gesicht verzog sich zu seiner üblichen Fratze.

Sie griff unter die Bank und wühlte in ihrem Korb, holte einen Tiegel nach dem anderen herauf, bis sie den Richtigen gefunden hatte. ‚Verschmier das großzügig. Ich schau’s mir morgen an!‘ Sie schob den Tiegel zu Ainur hinüber und räumte die anderen Gefäße wieder in den Korb zurück.

‚Ziska, ist das nicht das Zeug, was du immer nachts heimlich auf mein Bein schmierst!‘

‚Was für Pferde gut ist, kann für Menschen doch nicht schlecht sein?‘ meinte sie und blickte Kejnen ernst an. Dann schmunzelte sie und alle lachten. ‚Solange du mich nicht heimlich mit eingedickter Kuhpisse beschmierst, ist es mir wahrlich egal.‘ meinte Kejnen ernst. Halef verzog das Gesicht. Ainur lachte wieder und meinte dann: ‚Wir hatten mal einen Feldscher, der hatte alles mit eingedickter Kuhpisse behandelt!‘

‚Kein Wunder, dass ich Kejnens Bein nicht wieder gerichtet bekomme, eingedickte Kuhpisse nehmen wir zum Vertreiben gefräßiger Waldbewohner.‘ Sie schaute wieder ernst und lächelte dann. ‚Scherz beiseite, wenn alle Stricke reißen, verwende selbst ich eingedickte Kuhpisse. Ich kann es holen, wenn ihr wollt.‘

Kejnen, Ainur und Halef riefen gleichzeitig: ‚NEIN!‘ Es dauerte eine ganze Weile bis das darauffolgende Gelächter verstummte.

Kejnen schnappte sich den Teller mit den Köstlichkeiten und verteilte sie. Lamina lies sich von Halef füttern, ihr standen die Tränen in den Augen, als sie den Geschmack erkannte.

Es war bereits dunkel geworden. Die Kinder räumten den Tisch ab und wuschen die Teller und Becher ab. Lamina half ihnen beim Trocknen. Halef brachte die Kochstelle in Ordnung. Ziska schlief am Tisch ein und sank auf Kejnens gesundes Bein. Er streichelte ihr Haar und unterhielt sich mit Ainur über alte Zeiten. Wena schickte die Kinder ins Bett. Ging aber dann doch mit und hielt sie an leise zu sein.

Vira war den ganzen Abend über sehr ruhig gewesen, sie versuchte nur hin und wieder zu lächeln, was ihr nur in den seltensten Fällen gelang.

Als sie alle wieder am Tisch saßen, räusperte sich Kejnen wieder und hob seinen Becher.

Wenn nun jeder von euch mal unter seinen Platz sieht, was ich dort versteckt habe.‘

Ainur lächelte ihn an und meinte: ‚Das wäre doch nicht nötig gewesen!‘

‚Ainur, du nicht!‘

Halef zog einen Reiterbogen unter seinem Sitzplatz hervor. ‚Kejnen, Ihr seid verrückt, der muss einen Vermögen gekostet haben!‘

‚Er war nur halb so teuer, wie die junge Dame, die neben dir sitzt.‘ Er griff nach ihrer Hand und fuhr fort. ‚Und das seid ihr beide wert und noch viel mehr!‘

Lamina lächelte ihn an und hatte Tränen in den Augen. Er griff ihr an die Wange und flüsterte in ihr Ohr. ‚Schau mal unter die Bank!‘

Wena und Vira beobachtete das Geschehen sehr skeptisch. ‚Jetzt los, traut euch!‘

Wena zog ein neues Messer, in einer wunderschönen Lederscheide unter der Bank hervor.

‚Deine ganzen Messer sind in Kriegszeiten mal Kurzschwerter gewesen, deswegen etwas Handlicheres zum Schneiden!‘

‚Das haben wir doch gar nicht verdient!‘ meinte Wena.

‚Doch das habt ihr!‘

Lamina packte gerade einen Klappenmantel aus und fiel ihm vor Freude um den Hals. Dann sprang sie auf und Halef half ihr in den Mantel. Halef verschwand kurz in der Jurte.

‚Da fehlt aber noch ein Gürtel!‘ meinte Ainur. ‚Ich glaub, ich hab noch ein paar Lederriemen, dann können wir morgen einen schönen Gürtel machen!‘

‚Ihr kennt Euch mit Leder aus?‘ fragte Vira.

‚Ja und mit Eisen und mit Holz und so!‘ stotterte Ainur.

‚Wo wir gerade bei Eisen sind, Vira. Wenn du dein Geschenk mal hervor holen würdest, dann kann ich euch endlich erzählen, wie wir beide uns wieder gefunden haben.‘

Vira griff wortlos unter Ihren Stuhl und tastete am Boden, bis sie ein Stück Holz ergriff. Es war schwer. Wenig später hielt sie eine handliche, kleine Axt in ihren Händen.

‚Ja, schade um deine schöne Streitaxt!‘ meinte Ainur sehnsuchtsvoll.

Vira war den Tränen nahe, fing sich aber gleich wieder, weil Ainur aufstand und zu ihr ans andere Ende des Tisches kam. ‚Also, Kejnen kam an die Schmiede, bei der ich gerade gearbeitet hatte. Er wollte seine schöne Streitaxt umbauen lassen.‘

‚Ja und ich hab diesen Bastard erst gar nicht erkannt, er war von oben bis unten mit Ruß beschmiert.‘

‚Ich weigerte mich das gute Stück umzubauen, ich bot ihm einen Tausch an.‘

‚An seiner Axt erkannte ich ihn dann!‘

‚Ich hab dann doch eine neue Axt für dich gefertigt! Und ich besitze jetzt zwei schöne Streitäxte.‘ Er nahm ihr kurz die Axt ab und balancierte sie auf seinem riesigen Finger. ‚Also, die liegt unglaublich gut in der Hand!‘ Er warf sie kurz hoch und fing sie gleich wieder auf. ‚Für das sie so klein ist, meine ich!‘

Er drückte sie ihr wieder in die Hand, sie stand auf, ging um ihren Stuhl herum und er fuhr dann fort. ‚Sie lässt sich auch sehr gut werfen! Wenn du mal daneben wirst, ich habe sie so oft gefaltet, sie wird nie stumpf werden!‘ Sie drehte sich zum Holzstoß, holte aus und warf. Die Axt trat einen der aufgestapelten Scheite. Der getroffene Scheit wurde durch die Wucht des Wurfes sofort entzweit. Die Axt bleib zitternd in einem dahinter liegenden Scheit stecken.

Ainur piff die Luft durch die Zähne, er war von dem kraftvollen Wurf und dem zielgenauen Treffer dieser Frau einfach nur erstaunt und begeistert zugleich. Vira stand auf und ging zum Holzstoß. Lässig zog sie die Axt aus dem Holz und schob sie dann in ihrem Gürtel. Als sie zum Tisch zurückkam, tätschelte sie die Axt und drückte Kejnen einen Kuss auf die Stirn. ‚Danke!‘ Sie hatte wieder Tränen in den Augen, also wand sie sich hastig in Richtung Fluss. Als sie die Wäsche im Wind flattern sah, sprach sie ebenso hastig. ‚Oh, verdammt, wir haben die Wäsche vergessen.‘ Sie schnappte sich einen Korb und lief zum Fluss hinunter.

Ziska wurde wach und hob den Kopf. ‚Los, junge Dame, es ist schon spät, ich bring dich ins Bett, da liegt noch eine Überraschung für dich!‘ Sie lächelte nur und lies sich dann von ihm aufhelfen.

Während Kejnen Ziska ins Bett brachte, stand Halef plötzlich in der Tür der Jurte. Er hatte das kleine Paket in Händen, dass er vom Khan bekommen hatte. Er ging auf Wena zu und drückte es ihr in die Hand. ‚Großvater hat es mir mitgegeben!‘

Wena blickte ihn ungläubig an und öffnete das Paket. Es war erst in Pergament und dann zehn mal in roter Seide eingewickelt. In dem Paket befanden sich viele Spulen mit dünnen Fäden, Nähnadeln in verschiedenen Größen und ein Kamm, der wohl aus Elfenbein geschnitzt war. ‚Der Khan hat den Verstand verloren!‘ stammelte sie. Mit zitternden Fingern legte sie das Bündel auf den Tisch und zog den Seidenstoff heraus. ‚Schaut euch das an. Und der Kamm erst. Ist das Elfenbein? Er muss auf den Kopf gefallen sein.‘ Sie hatte wieder Tränen in den Augen, hastig hob sie ihre Geschenke auf und ging in die Jurte.

Lamina nahm sich ein frisches Tuch und die Tinkturen, die ihr Ziska gegeben hatte und Halef begleitete sie zum Abort. Ainur ging zu seiner Stute, um ihr den Lauf einzuschmieren. Vira kam mit der Wäsche zurück und brachte sie in die Jurte und hängte die restlichen nassen Sachen auf. Dann machte sie sich daran den Tisch aufzuräumen und ihn abzuwischen. Mit Sorgenfalten im Gesicht kam Ainur zurück zum Tisch. Vira hatte sich über den Tisch gebeugt und blickte ihm entgegen, während sie putzte. Sie gewährte ihm unabsichtlicher Weise tiefe Einblicke. Sie sah richtig geschafft aus.

‚Kann ich Euch irgendwas Gutes tun?‘ fragte er.

‚Das wollte ich Euch gerade fragen!‘ konterte sie.

Er seufzte und stellte den Tiegel mit der Pferdesalbe auf den Tisch.

‚Das wird schon alles wieder werden!‘ meinte Vira aufmunternd, hatte dabei aber Tränen in den Augen. Er griff nach dem Lumpen und blickte sie an. ‚Lasst mich weitermachen und setzt Euch!‘ Sie ließ es zu, wand sich aber ab, um eine Flasche aus einem Korb zu holen. ‚Trinkt Ihr noch einen mit mir?‘

‚Aber natürlich!‘

Sie goß den Inhalt in zwei frische Becher. ‚Auf das Ende von Ihr und Euch und auf du und du!‘ sagte sie feierlich. Sie stießen an und tranken. Halef kam mit Lamina auf dem Arm vorbeigelaufen. Ziska blickte ihn an, er blickte zurück und schüttelte unmerklich den Kopf. Sie nickte und schnappte sich ein trockenes Tuch und holte einen heißen Stein aus dem Feuer und trug ihn in die Jurte.

Nach einiger Zeit kam sie wieder aus der Jurte und blickte Ainur an, entschuldigend und um einen kleinen Moment Geduld bittend. Sie holte eine Kanne Tee und einen Becher und ging wieder in die Jurte.

Als sie wieder herauskam, schaute sie sich irritiert um. ‚Wo habt Ihr…äh… du deine Felle hin… ihr hab noch gar kein Nachtlager!‘

‚Ich kann am Feuer schlafen.‘

Sie hob nur eine ihrer Augenbrauen und er blickte zur Jurte hinüber. Sie verstand es sich wirklich wortlos zu reden. Er würde wohl nicht am Feuer schlafen. Sie blickte zurück und da lag sein Bündel. Sie war vorhin einfach daran vorbei gelaufen. Bevor sie wieder weglaufen konnte, drückte er ihr ihren Becher wieder in die Hand, er hatte bereits nach geschenkt. ‚Auf Du!‘

‚Und Du!‘ erwiderte sie.

Sie blickte ihm in die Augen und Tränen liefen ihr die Wangen herab. Er sprang vom Tisch auf und nahm sie ungefragte in die starken Arme. ‚Es ist keine Schande im richtigen Moment Schwäche zu zeigen. Ich hab heute fast geweint, als mich eines der Mädchen Onkel Ainur nannte.‘ Sie blickte ihm durch den Tränenschleier an und musste lächeln. Ihr nächster Blick sagte nur Betten bauen.

Als sie in die Jurte gingen, stand Halef gerade auf und blickte seiner Mutter entgegen. Er würde noch die Feuer löschen. Lamina schlief bereits. Kejnen und Ziska auch. Ainur brachte sie ins Bett und duldete keine Widerrede. Sein Bett baute er sich selbst und als Halef wieder kam, lag er bereits auf dem Boden vor Viras Bett und versuchte zu schlafen. Es gelang ihm nicht recht, Vira hatte ihm ganz schön den Kopf verdreht und es war äußerst makaber. Sie hatte bestenfalls gestern erfahren, dass ihr Mann schon lange tot war. Und sie wird ihn nicht begraben können und er hatte nichts besseres zu tun, als ihr schöne Augen zu machen und ihr hinterher zu spannen.

Vira schreckte mitten in der Nacht hoch, sie hatte wirres Zeug geträumt. Ainur wälzte sich am Boden im Schlaf hin und her. Sie bleib weinend an der Bettkante sitzen und zögerte ziemlich lange, bis sie völlig durchgefroren zu ihm runter auf den Boden glitt und unter seine Decken kroch. Er wand sich zu ihr und machte ein Auge auf, lächelte schwach und nahm sie in den Arm. Ihr ganzer Körper zitterte. ‚Hast du da oben keine Decken?‘ Sie schluchzte nur in sein Brusthaar. Sein männlicher Duft ließ ihr fast die Sinne schwinden. Er hielt sie einfach nur fest. Völlig unbewusst kamen ihm beruhigende Laute aus seiner Kehle. Sorgsam deckte er sie zu und traute sich kaum sie zu berühren. Er hatte einfach kein Recht eine trauernde Witwe zu berühren. Sie aber klammerte sich mit ihrem ganzen Körper an den Seinen, was die Sache für ihn nicht einfacher machte, sie nicht berühren zu wollen. Ihr sinnlicher Duft betörte ihn und ihr zitternder Körper rieb sich an dem Seinen. Er konnte kaum an sich halten, aber er musste. Er musste sich irgendwie ablenken. Im Kopf ging er seine Kampfübungen durch, bis er irgendwann einschlief.

Drei und eine Axt – Teil 13

Eine Axtgeschichte – Drei und eine Axt – Teil 13

Meister Kejnen und Ainur ließen die Pferde durch die Furt traben. Ziska stand bis zu den Knien im Wasser und wusch die Wäsche aus. Seifenschaum schwamm auf der Wasseroberfläche und trieb langsam flussabwärts.

Als sie die Pferde hörte, blickte sie auf und lächelte ihnen entgegen. Die Pferde blieben am Ufer stehen und Ziska watete, mit der nassen Wäsche im Arm aus dem Wasser, warf sie fast beiläufig auf einen Stein und lief ihnen entgegen.

Kaum hatte sich Kejnen vom Pferd fallen lassen, sprang Ziska ihn schon an. In dem Moment als ihre Beine seine Hüften und ihre Arme seinen Hals umschlangen, wurde ihm gewahr, dass sie nur eine nasse Tunika trug. Er bedeckte mit einer Hand ihren nackten Hintern und mit der anderen Hand musste er sich am Sattel festhalten, weil er sonst umgestürzt wäre.

‚Hast du mich etwa vermisst?‘ fragte er mit einem breiten Lächeln im Gesicht. Sie zog ihm mit einer Hand das entstellte Gesicht zurecht und musste auch grinsen.

‚Nein, überhaupt nicht!‘ sagte sie in ihrer albernen Art und hielt einen langen Moment inne, bis sie ihm einen langen Kuss aufdrückte. Er verlor fast das Gleichgewicht, aber sein Pferd hielt sein Stolpern auf. An sein Pferd gelehnt rang er nach Luft, erwiderte aber ihren Kuss. Ainur grinste nur.

Als Kejnen seinen Mund wieder zur freien Verfügung hatte, meinte er sanft: ‚Meine Schöne, du hast einen Patienten und wir haben einen weiteren Gast.‘

Langsam löste sie sich von Kejnen und glitt an seinem Körper herab. Als ihre Füße wieder den Boden berührten, zupfte sie ihre Tunika zurecht und hielt Ainur die Hand hin, der immer noch feixend auf seinem Pferd saß.

‚Das ist Ainur, ein alter Kriegskamerad.‘ erklärte Kejnen kurz und zog endlich seinen Stock aus dem Sattel. Nun stand er wieder sicherer auf seinen Beinen und lies sein Pferd los. Das unaufgefordert zusammen mit dem Packpferd langsam zum Gatter trottete.

Ziska machte einen Knicks, während Ainur ihre Hand ergriff.

Wie von einem Schlag getroffen, wurde ihr plötzlich bewusst, dass sie tatsächlich nur eine ziemlich nasse Tunika an hatte. Sie entzog Ainur mit einem entschuldigenden Augenaufschlag die Hand und lief zu einem Stapel Kleidung, der auf einem anderen Stein lag.

‚Ach, so begrüßt du unsere Gäste?‘ meinte Vira, die völlig lautlos aus dem Wald getreten war und nun hinter den beiden vorbei trottenden Pferden hervor kam, um mit beiden Händen in die Hüften gestemmt, das Geschehen ungeduldig zu mustern.

Sie ging zum Pferd von Ainur und hob vorsichtig den Kopf des bewusstlosen Otar an.‚Otar!‘

Dann blickte sie finster zu Kejnen.‚Kejnen, Ihr habt ihn doch nicht den ganzen Weg laufen lassen?‘ Sie lies den Kopf wieder sinken und blickte Kejnen ernst an.

‚Nicht den Ganzen.‘ stammelte Kejnen entschuldigend.

‚Und warum ist er völlig durchnässt?‘ löcherte sie weiter.

Ainur rümpfte die Nase und meinte hastig: ‚Er ist vom Pferd in den Fluss gefallen.‘ Dann räusperte er sich und hielt ihr die Hand hin. ‚Ich bin Ainur, ein…!‘

‚…alter Kriegskamerad und so viele Flüsse gibt es nicht, die es zum Überqueren gegeben hätte!‘ unterbrach ihn Vira schnippisch, hielt ihm dann aber ihre Hand hin: ‚Vira.‘ Ainur packte ihre Hand und stotterte dann: ‚Freud mich!‘ Es war ihm peinlich, dass er kein vernünftiges Wort herausbrachte und lies ihre Hand nach einem viel zu langem Moment, hastig wieder los.

Ziska hatte bereits eine Hose angezogen und stolperte wieder zurück, noch bevor sie diese ganz geschlossen hatte. Mit einer kraftvoller Bewegung war Ainur vom Pferd gestiegen und half Vira ihren Schwager vom Pferd zu heben. Wo sie sich schwer tat, hob er den Bewusstlosen mit einer Hand vom Pferd und legte ihn auf seine Schulter. Ainur gab seinem Pferd einen liebevollen Schlag aufs Hinterteil und es humpelte den anderen Pferden hinterher.

Währenddessen balgte Halef sich mit seinem beiden Hunden am Waldrand, stand dann aber schlagartig auf, als er die Bewegung der Pferde am Flussufer wahrnahm. Seine Mutter gab ihm ein Zeichen, dass er die Pferde absatteln sollte, während sie die Herren zu den Jurten führte. Wena stand mit den Kindern gerade am Tisch und bereitete das Essen vor, während ihre Kinder lautstark um sie herum wuselnden. Aufgrund des Geräuschpegels ihrer Kinder hatte sie die Ankunft der Pferde nicht bemerkt.

Sie blickte auf und wischte gleichzeitig die feuchten Hände an ihrer Schürze ab. Dann erkannte sie in dem bewusstlosen Mann, den man ihr vor die Füße legte, ihren Mann Otar. Sie stürzte schluchzend auf die Knie. Vira scheuchte die aufgeregten Kinder wortlos zu den Pferden, sie sollten Halef helfen die Sachen herbei zutragen.

Ziska und Wena nahmen sich Otar an und Ainur half ihnen Otar in Wena’s Jurte zu bringen.

Vira schenkte den Herren zwei Becher Tee ein. Ainur kam aus der Jurte, während Vira Kejnen aus seinem Klappenmantel half. Ainur grinste wieder breit.

‚Nachdem wir heute Waschtag haben, würde ich euch bitten mir eure Schmutzwäsche zu geben, während ihr euch frisch macht, ich bring euch frische Kleider zum Fluss!‘ meinte Vira und machte sich auf, wieder zum Fluss gehen zu wollen. ‚Aber trinkt nur erst und verschnauft erst mal.‘

Als sie außer Hörweite war, meinte Kejnen grinsend zu Ainur: ‚Darf ich dir Vira vorstellen! Die Herrin dieser kleinen Gemeinschaft!‘

Ainur grinste nur weiter und hatte dem nichts hinzuzufügen. Sie folgten ihr langsam zum Fluss. Vira hatte sich ihre Obertunika ausgezogen und hatte den Mantel von Kejnen schon ausgebürstet und gewaschen und hing ihn gerade zum Austropfen über einen Stein. Ihr Unterkleid war unter der Brust gebunden und an einigen Stellen durchnässt. Nun wand sie die Wäsche, an der Ziska vorhin gearbeitet hatte, aus und hing sie auf die Leine, die sie zum Zwecke des Wäschetrocknens quer über den Hof gespannt hatten.

Halef kam auch zum Fluss, gab seiner Mutter ein Zeichen und ging zu Lamina, die immer noch auf dem Stein lag und schlief. Vira blickte ihn etwas ungeduldig an und gab ihm nur mit Gestik und Mimik zu verstehen, dass er sich beeilen solle, sich waschen, weil sich jemand ums Essen kümmern sollte, und der wird wohl er sein. Aber er könne sich ruhig erst um Lamina kümmern.

Die Herren entkleideten sich indes und tuschelten mit einander. ‚Sie sagt kein Wort und dennoch schallt ihr herrischer Ton über den ganzen Hof.‘ flüstere Ainur.

‚Dem ist nichts hinzuzufügen!‘ grinste Kejnen und humpelte nur mit seinem Stock bekleidet ins Wasser. Ainur folgte ihm. Vira blickte über das letzte Wäschestück hinweg und beobachtete Ainur, wie er sich nach der Seife bückte, bevor er ins Wasser watete. Ihr schoss es die Schamesröte ins Gesicht, so dass sie sich gleich abwandte und zur Jurte ging.

Halef war zu Lamina auf den Stein geklettert und beobachtete sie einen Moment und kitzelte sie mit einer Blume aus dem Schlaf. Ihre Haare leuchteten goldbraun in der Sonne und als sie die Augen öffnete, strahlte ihr Bernstein ihm entgegen. Sie lag auf dem Bauch und drehte nur ihren Oberkörper in seine Richtung und zog die Arme mit der Decke an ihren Körper.

‚Ich hab mich fast nicht getraut, dich zu wecken, aber…ähm…wie geht’s dir?‘ stotterte Halef.

‚Gut! Glaub ich!‘ flüsterte Lamina und nahm die Blume entgegen. ‚Danke!‘ Ihre Wangen wurden rot und sie schloss beschämt die Augen.

‚Meister Kejnen ist gekommen und Ainur und erschreck dich nicht, sie waschen sich gerade am Fluss!‘

Sie lächelte, öffnete die Augen wieder.

‚Ähm, ich werd mich auch waschen und muss dann…!‘ Er brach ab, räusperte sich und fuhr dann fort. ‚Magst du mir nachher beim Essen machen helfen?‘ Sie nickte und ihr fielen die Augen wieder zu.

‚Also, ich bin in der Nähe, wenn… was…ist!‘ Er wunderte sich selber über sein Stottern, strich ihr noch über die Wange und sprang dann vom Stein.

Im Lauf entkleidete er sich und sprang in den Fluss, er tauchte zu den beiden Herren und erbat sich die Seife.

‚Wie geht es der Kleinen?‘ erkundigte sich Meister Kejnen.

‚Gut soweit!‘

‚Und dir?‘

‚Hm!‘

‚Hast du Ziska alles berichtet, was ich dir aufgetragen habe?‘

‚Ja, ähm, Mutter hat es ihr gesagt.‘

‚Und?‘

‚Sie wusste es irgendwie bereits!‘

‚Und das mit Otar?‘

‚Das hab ich ihr in der Jurte bereits gesagt!‘ meinte Ainur. ‚Und sie wusste es irgendwie bereits!‘

‚Ich habs ihr gesagt! Sie hat es erschreckend gut aufgenommen!‘ erklärte Halef.

Die drei Männer guckten sich ratlos an. Halef tauchte wieder unter.

Wenig später kam Vira wieder zum Fluss und legte 3 Stapel Wäsche auf einen freien Stein und griff sich die Kleidungstücke, die am Ufer verstreut lagen, um sie in den Kessel zu werfen. Ainur watete ans Ufer. Ganz beiläufig hielt sie ihm ein trockenes Tuch hin, aber nicht ohne seinen nackten Körper einen flüchtige Moment lang zu mustern. Meister Kejnen kam ebenfalls aus dem Wasser gehumpelt. Sie eilte ihm entgegen, drückte ihm auch ein trockenes Tuch in die Hand, stütze ihn an der Schulter und nahm ihm für einen Moment den Stock ab, damit er sich das Tuch um die Hüften schlingen konnte. Dann geleitete sie ihn zu einem Stein, wo er sich setzten konnte. Dort hatte sie ihm bereits seine Kleidung zurechtgelegt. Ainur trocknete seinen massigen Körper ab, als Vira ihm einen Stapel Wäsche vor die Nase hielt. ‚Das müsste passen!‘ meinte Vira und wand sich ab, aber nicht ohne noch einmal in den Kessel zu blicken und ein Scheit nachzulegen. Dann lief sie zu den Jurten zurück. Als die Beiden angekleidet waren, folgten sie ihr ebenfalls.

Lamina schreckte im Schlaf hoch, in dem Moment als Halef mal wieder auftauchte. Er warf die Seife an den Strand und hechtete in Richtung des Steins, auf dem Lamina nun aufrecht saß und sich verängstigt die Decke vor die Brüste presste. Die Blume war aus ihrer Hand gepurzelt und blieb am Rand des Steins liegen. Halef sprang mit einem Satz aus dem Wasser und kletterte den Felsen hoch und lugte über den Rand. Beruhigende Laute kamen ihm über die Lippen. Er stemmte sich hoch, nahm die Blume auf und hielt sie ihr erneut hin. Sie blickte ihn durch einen Tränenschleier an. Ein flüchtiges Lächeln brach ihre versteinerte Maske und sie machte Anstalten ihn zu umarmen. Dabei lies sie beinahe die Decke fallen.

‚Vorsicht!‘ meinte er noch kurz. Er musste die zweite Hand wieder zum Stützen senken, sonst wäre er in den Fluss gestürzt. ‚Na..ss!‘ Sie umarmte ihn nun weniger stürmisch. Er blickte ihr über die Schulter auf ihren blanken Rücken. ‚Dein Rücken sieht schon viel besser aus.‘ meinte er beklommen. Es war ihm irgendwie reichlich unangenehm, sich vor ihr splitternackt an den Felsen zu klammern.

‚Lamina, ich hab…!‘ stotterte er wieder.

Sie löste sich, erkannte seine Nacktheit und errötete.

‚Ich bin gleich wieder da!‘ meinte er kurz, wand sich ab und sprang ins Wasser zurück. Als er wieder auftauchte war er schon fast an der Stelle, wo seine Mutter ihm die Kleidung zurecht gelegt hatte. Er hielt sich nicht weiter mit abtrocknen auf und schlüpfte, nass wie er war in seine Hose und stolperte bereits wieder zurück zu Lamina.

Sie musste lachen, weil er ziemlich albern dabei aussah.

‚Hätte ich mich gar nicht so beeilen müssen, wenn du schon wieder lachst!‘

‚Wenn du dich nicht beeilt hättest, hätte ich wahrscheinlich nicht lachen müssen.‘

Mit einem Satz war er auf dem Felsen.

Sie hatte eine leichte Tunika in der Hand und versuchte sie anzuziehen, ohne aber die Decke los zulassen. Er ging ihr ziemlich umständlich zur Hand, am Ende hatte sie die Tunika endlich an und war ihm dabei auch noch in den Schoß gestürzt. Worauf beide wieder lachen mussten. Er umarmte sie liebevoll und lächelte sie an: ‚Es ist schön, wenn du lachst.‘ Sie drehte sich in seiner Umarmung und blickte ihm direkt ins Gesicht. ‚Es auch schön, wenn du lachst!‘ Dabei strich sie ihm die nassen Haare aus dem Gesicht. ‚Wir müssen langsam!‘ meinte Halef. Ihre Hand blieb auf seiner Wange liegen, dann drückte sie ihm einen flüchtigen Kuss auf die Lippen. Beide wurden schlagartig rot im Gesicht und stoben auseinander, dabei wäre er beinahe vom Felsen gefallen. Als er sie wieder anblickte, lächelte sie ihn verschmitzt an. Er bot ihr lächelnd seine Hand an, als er den Felsen wieder herunter kletterte. Sie nahm die Blume in die Hand und klemmte sich die Decken unter den Arm und hielt ihm die freie Hand hin. Dann erkannte er, dass sie seine Hose trug: ‚Meine Hose steht dir ausnehmend gut!‘

‚Ja, findest du?‘

‚Ist ja auch meine Hose!‘

Drei und eine Axt – Teil 12

Eine Axtgeschichte – Drei und eine Axt – Teil 12

Als Halef zum großen Tisch kam, war es bereits dunkel geworden und Wena scheuchte gerade die Kinder ins Bett. Während er versuchte zu essen, nickte er mehrmals ein. Ziska saß in eine Decke gehüllt auf Kejnens Stuhl und schlief. Vira kam gerade aus der Jurte, als Halef ein weiteres Mal ein nickte. ‚Halef, ich glaube, da möchte dich jemand sprechen!‘ Halef schnellte von der Bank hoch, wurde aber von seiner Mutter gestoppt, bevor er in die Jurte stürmen konnte. ‚Nicht so stürmisch!‘

Halef atmete durch und ging dann halbwegs besonnen in die Jurte. Drinnen, war alles hell erleuchtet, das Feuer brannte hoch. Der Duft beruhigender Kräuter lag in der Luft. Er blickte auf sein Bett. Lamina lag auf dem Bett. Sie blinzelte und versuchte etwas zu sagen. Nun stürmte er doch an sein Bett, fiel auf die Knie und rutschte ganz nah an die Bettkante heran. ‚Lamina, he! Wie geht’s dir?‘

Sie drehte den Kopf zu ihm und versuchte etwas zu sagen, ihre Stimme brach aber sofort, sie schluckte schwer. Beruhigende Laute kamen aus seinem Mund, als er mit dem Handrücken über ihre Stirn strich. Mit der anderen Hand suchte er nach ihrer Hand unter der Decke und fand sie. Er zog sie hervor und führte sie zu seinem Mund, umfasste sie mit der zweiten Hand und dann küsste er ihre Hand, so behutsam er auch nur konnte. Sie schloss die Augen und ein flüchtiges Lächeln huschte über ihr Gesicht. Seine Mutter stand plötzlich neben ihm und hielt ihm einen Becher hin. Er setzte sich auf die Bettkante und flüsterte ihr leise ins Ohr: ‚Lamina!‘ Und hielt ihr dabei den Becher hin. Sie stemmte sich kraftlos hoch, hastig stütze er sie und half ihr beim Trinken. Als sie den letzten Schluck geleert hatte, sank sie erschöpft auf seinen Oberschenkel. Mit einem langen Seufzer lehnte er sich an den Bettpfosten und nickte ein.

Er erwachte erst wieder, als seine Mutter ihm den Becher aus der Hand nahm und ihn ernst anblickte. Sie blickte auf den Boden, wo sie ihm seine Felle ausgebreitet hatte. Ihr ernster Blick verschwand auch nicht, als er sie mitleidig anblickte. Langsam tauschte er seinen Oberschenkel durch ein Kissen aus und stand dabei auf. Sein ganzer Körper zitterte, so dass er sich beinahe freiwillig ans Feuer legte und sich in seine Felle kuschelte. Er schlief bereits tief und fest, als Lamina aus dem Schlafe hoch schreckte und verwirrt umher blickte. Sie kroch zur Bettkante und blickte zum Feuer hinüber. Als sie den schlafenden Halef am Boden erblickte, krabbelte sie aus dem Bett und kroch zu ihm unter seine Felle. Im Halbschlaf nahm er sie in die Arme und fiel sofort wieder in tiefen Schlaf. Beruhigt blieb sie mit dem Kopf auf seiner Brust liegen und schlief alsbald wieder ein.

Er schrak hoch als Ziska in von Oben aus anstarrte. ‚Wollt ihr nicht im Bett schlafen?‘ Sie legte ein paar Scheite nach und ging wieder. Lamina schlief tief und fest, er brachte es aber nicht übers Herz, sie zu wecken. Das musste er auch nicht, sie erwachte nach wenigen Momenten, weil sie sich beobachtet vor kam. ‚Komm, ich bring dich wieder ins Bett.‘ Sie schüttelte den Kopf. ‚Dir tut grad nichts weh?‘ Sie blickte ihn angestrengt an und schüttelte wieder den Kopf, da begriff er.

Er hob sie hoch und stand langsam auf. Als er mit ihr auf dem Arm aus der Jurte kam, schreckten seine Mutter und Ziska auf. Er ging wortlos Richtung Abort. Ziska sprang auf und lief in die Jurte, kam wenig später mit zwei Tiegel und einen frischen Tuch wieder heraus. Sie schnappte sich eine saubere Schüssel und goss heißes Wasser hinein. Als sie am Abort ankam, kam Halef sich an der Hose nestelnd hinter einem Busch hervor und sie hörte Lamina hinter dem Vorhang wimmern und dann konnte man nur noch einen erstickten Schrei hören.

‚Lass uns allein!‘ befahl sie ihm. Er gehorchte und verschwand mit hängenden Schultern außer Sichtweite. Wortlos ging er in die Jurte, packte seine Felle und warf sie aufs Bett. Seine Mutter kam zur Jurtentür, als Ziska nach ihm pfiff.

‚Lass, ich mach schon!‘ rief er und rannte aus der Jurte, am Tisch vorbei hinter zum Abort. Ziska stütze Lamina, die offensichtlich bewusstlos war. ‚Nimm sie mir ab und bring sie ins Bett.‘

Er brachte sie ohne Fragen zu stellen ins Bett und deckte sie zu. Ziska folgte ihm, sie hatte eine Kanne mit Tee in der Hand und einen Becher. ‚Setz sie auf und setz dich bitte hinter sie und halt ihr den Kopf zurück.‘ Er gehorchte abermals, hatte aber keine Ahnung, was sie vorhatte. Ziska stellte Kanne und Becher ab und ging zum Feuer, um einige Kräuter ins Feuer zu werfen. Dann holte sie einige Dinge aus ihrem Korb und kam wieder ans Bett und setzte sich. ‚Mäuschen, du musst mehr trinken!‘ Dann hielt sie ihr ein kleines Gefäß unter die Nase. Lamina schreckte hoch und krümmte sich sogleich zusammen. Ihr ganzer Körper zitterte. ‚Mäuschen, du musst mehr trinken!‘ meinte Ziska ruhig und hielt ihr den ersten Becher vor die Nase. Lamina schüttelte den Kopf. ‚Es wird nur besser, wenn du mehr trinkst. Komm schon, glaub mir, ich weiß das.‘ Die Eindringlichkeit und der Schmerz in ihrer Stimme brachte Lamina dazu, den Becher auszutrinken. In den zweiten Becher gab sie noch einen Schuss ihres Schnapses dazu. ‚Und das ist gegen die Schmerzen!‘

Halef flüsterte ihr etwas ins Ohr, bevor sie trank: ‚Du weißt ja, verdünnt kann man es fast trinken.‘ Dann half er ihr beim Trinken. Sie leerte brav den Becher. ‚Einen noch und dann lass ich euch schlafen.‘ Nach diesem Becher, rollte sie zitternd von Halef runter und blieb reglos mit angezogenen Beinen liegen. Halef deckte ihren schweißnassen Körper liebevoll zu und schob ihr eines seiner Felle unter den Kopf. Dann stand er auf und kam nach einem Moment wieder ins Bett. Er hielt ein Bündel in der Hand, dass er unter ihrer Decke an ihr vorbeiführte und ihr dann in ihre Hände legte, die sie an ihren Unterleib gepresst hatte. Es war ein heißer Stein, den er in ein Tuch gewickelt hatte. Ihr Körper entspannte sich augenblicklich. Als er seine Hand wieder zurückziehen wollte, hielt sie ihn bestimmt zurück. Ziemlich umständlich kam auch er zum Liegen. Er legte den anderen Arm oberhalb ihres Kopfes ab und sank mit seinem Kopf auf das selbe Fell, auf dem auch Lamina lag. Ihr Körper wurde wieder durch ein Schaudern gebeutelt, unmerklich rückte er näher an sie ran. Nun entspannte auch er sich und kam nun auch zur Ruhe.

Am nächsten Morgen weckte ihn seine Mutter. Lamina schreckte hoch und sah ihm zu, wie er seine Schuhe anzog. Er versuchte sie zu beruhigen: ‚Schlaf weiter, ich muss arbeiten. Tante Ziska kümmert sich um dich. Am Nachmittag bin ich wieder da!‘

Sie mussten sich ums Holz kümmern. Er spannte einen der Gäule an. Der Hund begleitete sie, als sie in den Wald gingen, um umgestürzte Bäume aus dem Unterholz zu ziehen. Wena und Ziska hatten heute Waschtag. Die Kinder machten ihre Arbeiten, die Großen halfen Vira und Halef und brachten die kleinen Holzstücke und Äste zurück zu den Jurten und sammelten dann Beeren. Die Kleinen gingen Wena und Ziska zur Hand. Als Lamina wieder erwachte, stand die Sonne bereits hoch am Himmel. Ziska kümmerte sich rührend um sie. Sie brachte Lamina zum Fluss, um sich ihre Verletzungen bei Tageslicht anzusehen. Ziska half ihr beim Waschen und reinigte ihre Wunden. Lamina war sehr still, sie bat nur darum, auch ihre Haare waschen zu dürfen. Als das Gestrüpp auf ihrem Kopf endlich gewaschen und halbwegs gebändigt war, taute sie langsam auf.

Danke!‘ flüsterte sie, während Ziska ihr die feuchten Haare kämmte.

‚Ist schon gut, dazu bin ich doch da!‘ meinte Ziska nur kurz.

‚Meister Kejnen hat 3 Gold für mich bezahlt!‘ stammelte Lamina beunruhigt.

‚Ehrlich!‘ Ziska war sichtlich erstaunt.

‚Ich gehöre jetzt ihm! Meinst du, dass er…!‘ ihre Stimme brach.

Ziska nahm sie sachte am Kinn und drehte ihren Kopf, damit sie ihr besser ins Gesicht blicken konnte. ‚Er wird auf nichts bestehen, was dich beunruhigt.‘

‚Sicher?‘ fragte Lamina ungläubig und wischte sich dabei Tränen aus den Augen.

‚Ganz sicher, da habe ich noch ein Wörtchen mit zureden und ich glaube auch nicht, dass Halef damit einverstanden wäre.‘

Lamina versuchte zu lächeln, es gelang ihr nicht so wirklich, deswegen seufzte sie nur hilflos.

‚Halef ist bis über beide Ohren in dich verliebt!‘ grinste Ziska.

Lamina blickte sie nur ungläubig an und schüttelte den Kopf. Ihr standen wieder Tränen in den Augen.

‚Du brauchst dir darüber auch keine Sorgen machen, er ist wohl erzogen und und…ähm…!‘ Ziska stockte, sie wusste nicht genau, wie sie dass erklären sollte, was sie zu erklären versuchte.

‚Was und…!‘ fragte Lamina.

‚Er hatte eine Vision, als er den Knebel berührte, bevor er ihn ins Feuer warf!‘ Sie stockte wieder, fuhr aber dann fort. ‚Er hat gesehen, was sie mit dir gemacht haben… und ich habe das auch gesehen, als ich dich geheilt habe!‘

Lamina starrte sie nur fassungslos an. ‚Da hatten die alten Damen ja doch recht, dass er von den Göttern gesandt wurde.‘

‚Wir sind ein wenig außergewöhnlicher als üblich, aber soweit würde ich nicht gehen! Von den Göttern gesandt!‘ Ziska schüttelte lachend den Kopf und schloss Lamina dann liebevoll in die Arme.

‚Du hättest ihn sehen müssen, als er mit dir angeritten kam, er war klitschnass, er war im vollen Lauf durch den Fluss geritten und er war so aufgelöst, dass ich erst mal kein Wort aus ihm rausgebracht habe. Ihm liefen die Tränen über das verstaubte Gesicht. Ich hab ihn schon lange nicht mehr so aufgelöst gesehen.‘

‚Er hat doch nicht nur wegen mir geweint?‘

‚Vielleicht nicht nur, aber auch wegen dir!‘ meinte Ziska abschließend. ‚So, nun leg dich ein bisschen hin, damit deine Haare trocknen können. Ich geh dir einen Tee holen und noch was für deinen Rücken!‘

Irgendwann verschwand der Hund von Halef’s Seite und da wusste er, dass Meister Kejnen bald kommen würde. Als Ziska von den Jurten wieder zum Fluss lief, sah sie, wie der Hund an den Jurten vorbei lief und an der schmalsten Stelle über den Fluss sprang und in Richtung Ebene davon flitzte. Lamina war tatsächlich eingeschlafen, Ziska versorgte ihre Wunden, ohne sie aber dabei zu wecken und machte sich dann dran, die gewaschene Wäsche im Fluss auszuspülen.

Drei und eine Axt – Teil 11

Eine Axtgeschichte – Drei und eine Axt – Teil 11

Kejnen stieß Halef mit seinem Stock an, worauf der Junge seine Augen aufriss. ‚Der Tag bricht gleich an!‘ Lamina lag auf seiner Brust. Behutsam bettete er sie um und ließ sie weiter schlafen. Er stand auf, packte seinen Sattel und kam aus der Jurte. Mit den ersten Sonnenstrahlen, brach alles wieder auf ihn ein. Der gestrige Abend war kein böser Traum gewesen, es war die traurige Wahrheit. Sein Onkel Otar lag schnarchend auf dem Boden und sabberte in den Dreck. Einige der alten Damen waren wieder da, sie bereiteten ihnen Frühstück und sie legten dem Jungen wieder Geschenke vor die Füße und küssten seine Hände. Dessen ungeachtet ging Halef hinters Zelt, um sich zu erleichtern. Als er fertig war, stand plötzlich ein Mann hinter Halef und sprach: ‚Ich hab mich gestern Nacht nicht vorgestellt, ich bin Ainur, ein alter Freund von dem Krüppel da drüben.‘

‚Ich hab dich auch gern, Ainur!‘ rief Kejnen laut.

Halef blickte ihn an und die alten Damen waren wieder da und sie wuschen seine Hände. Halef schüttelte nur den Kopf und ging zu seinem Pferd, um es zu satteln. Sie packten alle leichten Sachen auf Halef’s Pferd. Die Damen weckten das Mädchen, versorgten sie und zogen sie an.

Der Khan stand plötzlich mitten im Lager. ‚Es ist tatsächlich Otar.‘ meinte der Khan. Er war sichtlich bestürzt darüber, wie runtergekommen sein Schwiegersohn aussah. ‚Tut mir einen Gefallen und werft ihn in den Fluss, bevor ihr ihn zu meiner Tochter bringt. Er stinkt erbärmlich.‘

‚So was in der Art war mein Plan.‘ meinte Kejnen.

‚Wie habt ihr ihn gefunden? Meine Männer hatten das ganze Zeltlager nach ihm durchkämmt.‘

‚Ainur hat ihn gefunden!‘ meinte Kejnen und wies auf Ainur.

‚Ah, der Schmied. Ainur, mein Dank ist Euer.‘ rief der Khan.

‚Es war mir eine Ehre helfen zu können.‘ meinte Ainur und verbeugte sich kurz.

Halef trat in die Runde, um sich zu verabschieden.

‚Halef, Junge. Gib auf das Mädchen acht, du hast mehr zu tragen, als nur schlechte Nachrichten. Und gib dass meiner Tochter.‘ sprach der Khan und drückte ihm ein dünnes Päckchen in die Hand und dabei steckte der Khan ihm seinen Dolch in den Gürtel. ‚Ich habe gehört, des es bei euch mit scharfen Messern nicht so gut bestellt ist.‘

‚Habt Dank, ehrenwerter Khan.‘ meinte Halef und ging rückwärts zu seinem Pferd, steckte das Paket in seine Satteltasche und stieg auf. Ainur nahm den alten Damen das Mädchen ab und hob es vor ihn in den Sattel. ‚Róka, bleibt bei euch, Kejnen.‘

‚Kann ich nicht den Angsthasen haben? Du weißt doch, deine Hunde mögen mich nicht.‘

‚Nyúl findet den Weg aber nicht ohne mich!‘

‚Gut, Junge. Dann sieh zu, dass du los kommst und bring es ihnen schonend bei.‘

Halef ritt los. Als er außer Reichweite war, meinte der Khan: ‚Wann wird er mich endlich Großvater nennen?‘

‚Wer weiß?‘ meinte Kejnen und zuckte mit den Achseln.

Einer der Söhne des Khan kam und blickte verdrießlich in die Runde.

‚Die Geschäfte rufen, Meister Kejnen. Wir werden uns wieder sehen, so oder so. Ihr seid ein außergewöhnlicher Mann und die Götter scheinen es gut mit Euch zu meinen.‘

‚Wir sehen uns, wenn sich unsere Wege wieder kreuzen!‘

‚Wir sehen uns, wenn ich den kleinen Hügel am Ende der Steppe erblicke und den Rauch rieche.‘ sprach der Khan und fuhr dann fort. ‚Bringt ihn gut heim und passt mir auf meine Mädchen auf, mein Freund!‘

Halef ritt wie der Wind über die Ebene. Lamina saß in eine Decke gewickelt vor ihm im Sattel. Er hielt sie so behutsam, wie möglich, aber doch bestimmt in seinen Armen, während er das Pferd im schnellen Lauf über die unwegsame Ebene hetzte. Völlig verkrampft klammerte sie sich an einen seiner Arme. An ihrem Gesichtsausdruck konnte er erkennen, dass sie sehr große Schmerzen haben musste. Sie hielt sich aber Tapfer im Sattel.

Um die Mittagsstunden bekam sie Fieber, das von Stunde zu Stunde immer stärker wurde. Zu dem beutelte sie heftiger Schüttelfrost, so dass er sie kaum halten konnte, ohne ihr noch mehr Schmerzen zu bereiten. Es half alles nicht, er drückte ihren schweißnassen Körper fest an sich und ritt so schnell, dass selbst sein Hund ihm kaum folgen konnte.

Am späten Nachmittag war sie vom unruhigen Schlaf in eine tiefe Bewusstlosigkeit gefallen. Panisch trieb er sein Pferd noch unerbittlicher in Richtung Heimat.

Endlich konnte er am Horizont den kleinen Hügel erkennen und Rauch, der gekräuselt gen Himmel stieg. Er holte die letzten Kräfte aus seinem Pferd und klammerte Lamina noch fester an sich. Sein Hund verlor endgültig den Anschluss und blieb nun weit zurück. Im vollen Lauf ritt er durch die Furt, am Gatter vorbei bis fast vor den Jurteneingang. Er schrie nach seiner Tante, noch bevor er das Pferd stoppen konnte.

Tante Ziska kam aufgeregt aus der Jurte gelaufen und blickte ungläubig auf den triefenden Gaul und ihren Neffen, dem das Spritzwasser vom Fluss ebenfalls von der Reisekleidung ran.

Hastig sprang er mit dem Mädchen im Arm vom Pferd und eilte ihr entgegen.

‚Sie hat Fieber und und…!‘ seine Stimme brach. Ziska blickte ihn verstört an und sah die Tränen in seinen Augen. ‚Bring sie erst mal rein.‘ meinte sie beschwichtigend und schob ihn zur Jurte.

Er stolperte vor Ziska in die große Jurte und sah sein Bett. Ziska hatte ihre Drohung also wahr gemacht, dass sie ihn nun nicht mehr draußen schlafen lassen würde.

‚Leg sie hin und setz dich bitte!‘ sagte sie ruhig, während er vor Aufregung nach Luft schnappte. ‚Und beruhige dich bitte, bevor du mir erzählst was überhaupt los ist.‘

Er atmete tief durch und schluckte schwer.

‚Lamina ist ähm… Meister Kejnen hat sie einem Sklavenhändler abgenommen. Sie haben sie ausgepeitscht und und…‘ Seine Stimme brach wieder. ‚Ver… Ver…!‘ Ziska unterbrach sein Stottern. ‚Ist schon gut! Lass mich allein, ich kümmere mich schon um sie.‘

In dem Moment als er aufstand und zurück taumelte, stand seine Mutter schon in der Jurtentür.

‚Halef, was ist hier los und wo ist Kejnen?‘

Halef stürzte seiner Mutter in die Arme und schluchzte: ‚Er kommt später.‘

‚Was soll das heißen, er kommt später?‘ Nachdem aber außer stottern und schluchzen nichts aus ihrem Sohn herauszubekommen war, lies sie ihn einfach vor der Jurte stehen und fing erst mal sein Pferd ein, dass sich gerade über Ziska’s Kräutergarten hermachen wollte.

Erst als sie versuchte das voll bepackte Pferd von dem Gewicht der vielen Taschen und Beuteln zu befreien, stand er plötzlich neben ihr und packte lautlos mit an.

‚Kejnen hat Otar gefunden!‘ flüsterte er fast beiläufig.

Vira lies fast den Sattel fallen und starrte ihn ungläubig an, dann stotterte sie: ‚Und…und…Ulgur… und dein…dein…Va…!‘

Halef schüttelte nur den Kopf, dabei rannen ihm wieder Tränen die Wangen hinunter. Nun krachte der Sattel auf den Boden und Vira stolperte rücklings zum Gatter. Dort musste sie sich fest klammern, um nicht auf die Knie sinken zu müssen. Halef nahm seinen Sattel auf und versuchte ihn auf die Schulter zu heben, dabei bebten seine Arme so, dass er ihn nicht halten konnte. Völlig geschwächt sank er mit samt dem Sattel zu Boden und begann mit einem entsetzlichen Seufzer zu weinen. Seine Tränen tropften auf den Sattel, doch sein Gesicht war von seinen zerzausten Haaren verdeckt. Nun sank auch Vira zu Boden und stürzte in seine Arme. Beide schluchzten und hielten sich fest. Ihre Körper bebten. Es dämmerte bereits, als sie sich nach einem viel zu langen Moment wieder regten und sich aufrappelten, um die Arbeit zu vollenden, die sie beide so kläglich begonnen hatten. Irgendwann fand Vira ihre Stimme wieder.

‚Und das Mädchen? Was ist mit dem Mädchen?‘

‚Lamina?‘ fragte er.

‚Hast du etwa noch ein zweites Mädchen mitgebracht?‘ nörgelte sie weiter.

‚Nein, natürlich nicht.‘ Er stockte, setzte dann wieder an. ‚Auf dem Markt, hat ein Sklavenhändler sie an einem Strick vorbei geschleift, ich wollte hinterher, aber Kejnen hat mich daran gehindert, ich weiß nicht wie er sie befreit hat…‘

‚Und wer hat sie so zugerichtet?‘

‚Der Sklavenhändler, wahrscheinlich!‘

‚Und jetzt?‘

‚Kann sie bitte bei uns bleiben?‘

‚Du wirst für zwei Arbeiten müssen!‘ meinte sie ernst, dann erzwang sie sich ein Lächeln, als sie seine Miene sah. ‚Natürlich kann sie bei uns bleiben, wir kriegen dass alles schon hin, irgendwie.‘

Der Hund kam vom Fluss herauf geschlichen, blieb mitten im Hof stehen und brach einfach nur zusammen. Halef lies die Luft durch seine Zähne pfeifen, sein Hund reagierte erst nicht. Nach einem langen Moment hob er den Kopf, grunzte und lies seinen Kopf nun wieder sinken.

Wena kam aus der Jurte. Sie gähnte verschlafen: ‚Was ist denn los, ich hab vorhin was gehört. Ich muss wohl eingeknickt sein.‘

‚Wo sind die Kinder grad? Es ist so ruhig.‘ fragte Vira.

‚Die Großen sind Kleinholz und Beeren sammeln und die Kleinen kämmen Wolle.‘

‚Klappt des mit dem Spindeln?‘

‚Mutter!‘ nörgelte Halef und drängte Wena auf einen Stein. ‚Setz dich besser!‘

Er räusperte sich. ‚Ainur, ein alter Kriegskamerad von Kejnen hat Otar gefunden…!‘ Er stockte wieder, setzte dann aber nochmal an: ‚Aber…!‘

Wena unterbrach ihn mit einer stürmischen Umarmung. ‚Wo ist er und was ist mit….‘ Ihre Stimme brach. ‚Ulgur und… und…deinem…!‘

Sie blickte über die Schulter des Jungen Vira ins Gesicht. Doch Vira schüttelte fast unmerklich den Kopf.

‚Wie kann ich mich freuen, wenn ihr alle trauern müsst?‘ heulte Wena los.

‚Halef was ist mit dem Aber!?‘ fragte Vira ungeduldig.

Halef versuchte Wena zu beruhigen und sprach dann langsam und stockend weiter. ‚Wena, er hat beim Versuch Vater und Onkel Ulgur zu retten einen üblen Schlag auf den Kopf bekommen…‘ Er machte wieder eine Pause, um nach den richtigen Worten zu suchen, während ihn Wena nur fragend anblickte. Er würde die richtigen Worte eh nicht finden, also platze es aus ihm heraus. ‚Er ist nicht mehr ganz richtig im Kopf und…und…!‘ Seine Stimme brach erneut. Wena schrie in fast an: ‚Was?‘ Von ihrem Gefühlsausbruch ziemlich irritiert, spie er die nächsten Worte förmlich aus: ‚Er war so verwirrt, dass er die Leichen seiner Brüder verloren hat und… und… und!‘

‚Jetzt lass dir nicht jedes Wort aus der Nase ziehen!‘ unterbrach ihn Vira.

‚Er ist ein Säufer!‘ schrie er, während ihm Rotz und Wasser aus Mund und Nase ran. ‚Er ist ein verrückter Säufer!‘ Dann sprang er auf und lief zum Fluss hinunter. Wena blieb fassungslos auf dem Stein sitzen.

Vira setzte sich neben sie und sprach ganz ruhig: ‚Wena, du bist der verständnisvollste Mensch den ich kenne, du wirst auch damit zurecht kommen.‘

Wena blickte sie nur an und meinte trocken: ‚Wir sollten den Schnaps und den Wein verstecken, bevor sie kommen!‘

‚Ich red mit Ziska, sie soll ihre Kräfte schonen, vielleicht kann sie ja was tun.‘ meinte Vira im Aufstehen und lief langsam zur Jurte hinüber.

Sie streckte den Kopf bei der Tür herein. Ziska schaute besorgt auf. Viras Blick schweifte über den Körper des Mädchens.

‚Sie ist noch nicht übern Berg, aber das wird schon wieder.‘ flüsterte Ziska.

Vira zog nur eine Augenbraue hoch. Ziska stand schwankend auf und ging zu Vira hinüber. Beide gingen aus der Jurte, Ziska lehnte die Tür nur an und ging weiter.

‚Sie ist auf grausamste Art und Weise vergewaltigt worden und ausgepeitscht und…‘ Sie stockte und blickte Vira besorgt an. ‚Die Wunden werden wieder heilen und alles Körperliche habe ich repariert…!‘ Vira packte sie an der Schulter und drückte sie in eine Umarmung.

‚Manchen Wunden heilen nie!‘ meinte Ziska trocken.

‚Kejnen hat Otar gefunden!‘ meinte Vira ebenso belanglos, wie Halef vorher. Ziska blickte Vira in die Augen und sie sah, dass Vira Tränen in den Augen hatte.

‚Mein Herz hat es schon seit langem gewusst!‘ flüsterte Ziska.

‚Wir wollten es nur nicht wahr haben!‘ flüsterten sie beide.

‚Otar hat einen Schlag auf den Kopf bekommen, Halef sagt er sei verrückt und ein Säufer und er hat die Leichen unserer Männer verloren.‘

Ziska nickte nur: ‚Wo ist Halef? Ich möchte mit ihm über das Mädchen reden!‘

Vira blickte zum Fluss hinunter und ging dann in die Jurte. Das Mädchen lag bewegungslos im Bett, ihr Brustkorb hob und senkte sich ganz leicht auf und ab. Vira griff in eine Kiste, zog ein paar Kleidungstücke heraus und nahm ein Tuch von einer Leine. Als sie wieder aus der Jurte trat, stand Ziska immer noch davor. Sie drückte ihr die Sachen in die Hand und ein Stück Seife.

Halef saß am Ufer, er hatte sich die Schuhe ausgezogen, weiter war er nicht gekommen. Ziska setzte sich neben ihn ins Wasser. Die Wäsche legte sie hinter sich, an einer trockenen Stelle ab. Blitzartig schnellte sein Kopf herum. Seine Tränen waren getrocknet und hatten in seinem staubigen Gesicht seltsame Streifen hinterlassen. Er wischte sich den Rotz mit dem Ärmel aus dem Gesicht und blickte sie fragend an.

‚Das Fieber steigt nicht mehr, das was ich heilen konnte, habe ich geheilt.‘ Er wollte schon aufspringen, doch sie hielt ihn zurück. ‚Sie schläft erst mal eine ganze Zeit lang und deine Mutter ist bei ihr.‘

‚Tante Ziska?‘ Er fiel ihr um den Hals. ‚Danke!‘

Sie löste sich aus der Umarmung und blickte ihn ernst an. ‚Dir liegt sehr viel an der Kleinen?‘ Nach einem langen Zögern nickte er nur. ‚Das wird sie jetzt auch brauchen.‘

Er drehte seinen Kopf wieder zum Fluss und starrte in die Ferne. ‚Sie hatten sie geknebelt, damit sie nicht schreit, ich habe den Knebel gefunden, er hatte sich in ihrem Haar verfangen…‘ Er stockte. ‚Das Holz war zerbissen und blutig… ich habe ihn verbrannt… ich kriege aber die Bilder nicht mehr aus dem Kopf, die ich vor meinem inneren Auge gesehen habe, als ich den Knebel berührte…‘ Sie strich ihm über die schmutzige Wange. ‚Sie wird schon wieder und sie kann froh darüber sein, dass es dich gibt.‘ Sie stand auf und warf ihm die Seife zu. ‚Beeil dich, ich mach dir was zum Essen.‘

Drei und eine Axt – Teil 10

Eine Axtgeschichte – Drei und eine Axt – Teil 10

Er schreckte plötzlich hoch, als seine Hunde anschlugen. ‚Halef, deine Hunde mögen mich einfach nicht.‘ hörte er Meister Kejnen sich von draußen lauthals beschweren. Halef pfiff nur leise und bettet die Kleine dabei wieder auf die Felle zurück und deckte sie sachte zu. Sie wollte im Schlaf seinen Arm kaum loslassen.

Kejnen stand bereits vor dem Zelt als Halef, seinen Klappenmantel überziehend, aus dem Zelt trat.

‚Verzeih die Verspätung, aber die Damen hier und Neuigkeiten haben mich aufgehalten.‘

Eine Schar älterer Damen strömten in gebückter Haltung in ihr Lager. Sie legten ihm viele Dinge vor die Füße und küssten seine Hände. Er hatte Einige davon gestern im Lager des Khan gesehen.

‚Sie wollten dir helfen und dir die Sachen bringen, aber deine Hunde haben sie nicht ins Lager gelassen. Und sie sind steif und fest der Meinung, dass du von den Göttern gesandt wurdest.‘

Halef blickte Meister Kejnen nur ungläubig an und schüttelte den Kopf.

‚Wie geht es dem Mädchen?‘ fragte er und blickte ihn dabei ernst an.

‚Ich habe sie gewaschen und ihre Wunden versorgt und die Damen sollten besser dafür beten, dass sie keinen Wundbrand bekommt… Am Liebsten würde ich morgen schon mir ihr aufbrechen und sie zu Tante Ziska bringen.‘

‚Ja, da hast du wohl recht…es wird das Beste sein.‘

‚Was für Neuigkeiten haben dich aufgehalten?‘

‚Überraschende! Ein alter Kriegskamerad will sich mit mir treffen. Deswegen muss ich gleich noch einmal los.‘

Während die Beiden sich unterhalten hatten, machten sich die Damen an der Kochstelle zu schaffen und setzten frisches Wasser auf. Sie fütterten die Hunde mit dem Kesselinhalt und machten ihnen neues Essen.

Kejnen durfte erst gehen, als er etwas gegessen hatte. Auch Halef flößten sie Tee ein und drückten ihm die verschiedensten Köstlichkeiten in die Hand. Er konnte sich ihrer erst erwehren, als das Mädchen im Zelt wieder zum Wimmern begann. Sich immer noch bedankend verschwand er rücklings im Zelt. Das Mädchen saß aufrecht und völlig verschreckt auf den Fellen und ihr liefen gerade wieder Tränen die Wangen herab, als er sich zu ihr umdrehte. Eine der Damen folgte ihm und brachte ein Tablett voll mit Essen und Tee herein und stellte es ab. Genauso lautlos wie sie ihm gefolgt war und verschwand sie auch wieder. Halef kniete sich zu dem Mädchen und nahm sie in den Arm.

‚Wir haben Besuch vieler netter alter Damen!‘ flüsterte er ihr ins Ohr, während sie sich weinend an ihn klammerte. ‚Sie haben uns zu Essen gebracht!‘ Er hangelte nach dem Tablett, schnappte sich eine der süßen Köstlichkeiten und bot es ihr an. Sie schüttelte nur den Kopf.

Genüsslich biss er selbst davon ab und man konnte es wirklich an seinem Gesicht ansehen, dass er nie etwas Köstlicheres zu sich genommen hatte. Ihm standen fast die Tränen in den Augen, als er ihr die andere Hälfte davon anbot. Sie öffnete ganz leicht den Mund und lies sich füttern. Der unglaubliche Geschmack explodierte schier in ihrem Mund und die Tränen, die nun aus ihren Augen schossen, mussten Freudentränen gewesen sein, weil sie ihn überglücklich dabei anlächelte. Bei diesem Lächeln ging ihm schier das Herz auf, er drückte sie noch fester an sich und küsste ihre Stirn.

Irgendwann schloss sie die Augen und sackte dann ganz langsam wieder in die Felle zurück. Er rückte die Felle zurecht, räumte das übrige Verbandszeug in Ziska’s Beutel zurück und legte ihn in Reichweite der Schlafstätte ab.

‚Man kann ja nie wissen!‘ flüsterte er. Er kramte eine weitere Decke hervor und setzte sich neben das Mädchen.

Die Dame von eben kam wieder ins Zelt, brachte einen Stapel mit Kleidung und legte ihn zu ihren Füßen ab. Oben auf dem Stapel lagen ein Paar gebundene Strümpfe. Er griff unter die Decke und fühlte nach ihren Füßen, die wie er vermutet hatte eiskalt waren. Die Decke beiseite schiebend zog er ihr die Strümpfe an, klappte das Letzte der Felle am Fußende über ihre Beine und deckte sie wieder sorgfältig zu. Er griff sich die zweite Decke und legte auch diese über das Mädchen. Dann ging er zum Zelteingang und streckte den Kopf hinaus, draußen waren noch immer einige Damen, die gleich aufgeregt zu ihm stürmten, um ihm wieder die Hände zu küssen. Sie drückten ihm noch eine Decke in die Hand und ein Öllicht. Er pfiff nach seinen Hunden und wies sie wortlos an, am Feuer Wache zu halten. Ebenso wortlos bedankte er sich bei den Damen und verschwand wieder im Zelt. Die Damen schlossen das Zelt hinter ihm. Er hängte das Öllicht an eine Kette, die von der Mittelstange herab hing, dann setzte er sich zu ihren Füßen und zog endlich seine Schuhe aus.

Währenddessen humpelte Meister Kejnen zum Treffpunkt, an dem er einen seiner alten Kriegskameraden Ainur treffen wollte, den er gleich zu Beginn ihrer Ankunft auf die Männer der drei Damen angesetzt hatte.

Sein Kamerad führte ihn gleich nach ihrem Zusammentreffen in eine Kaschemme. Am Tresen kauerte ein Mann, der ziemlich heruntergekommen und völlig betrunken war. Kejnen humpelte zu ihm hinüber.

‚Bist du Otar, Sohn des Alur?‘ fragte Kejnen ihm gerade auf den Kopf zu.

Der Mann schreckte hoch und starrte ihn fassungslos an.

‚Deine Frau Wena und deine Kinder vermissen dich!‘

Der Mann, der wohl tatsächlich Otar war, brach vor Kejnen auf die Knie und weinte.

‚Deine Schwägerinnen würde gerne wissen, wo ihre Männer sind, deine Brüder!‘

Otar klammerte sich an seinen Füßen fest und schrie: ‚Ich hab sie verloren!‘

‚Wie verloren?‘ rief Kejnen fassungslos.

Ainur stand nun hinter Otar und machte eine kreisende Handbewegung auf Stirnhöhe. ‚Ich sagte doch, er ist nicht nur ein Säufer, sondern auch ganz schön verrückt!‘

‚Das ist mir egal, wir nehmen ihn mit, wenn der Junge ihn erkennt, dann bringen wir ihn morgen heim, die Frauen werden ihn schon wieder hinkriegen.‘

‚Gut, dann lass uns verschwinden!‘ meinte Ainur.

Kejnen warf dem Wirt einen Goldklumpen hin und überließ es seinem Freund, den betrunkenen Otar hochzuziehen und mitzuschleifen.

Halef saß immer noch zu ihren Füßen zusammengesunken und hielt seinen Kopf. Seine Gedanken und Gefühle rauschten völlig wirr durch seinen Kopf. Sie erwachte wieder, öffnete langsam ihre Augen und sah ihn im schummrigen Licht zu ihren Fußen sitzen. Sie versuchte etwas zu flüstern. ‚Ha…h…!‘

Er schreckte hoch und wand sich um. Sie versuchte es nochmal. ‚Halef?‘ Schon war er an ihrer Seite und griff nach ihrer Hand. Sie blickte zu ihrem Becher, der unweit des Tablett stand. Halef goss ihr Tee ein und reichte ihr den Becher. ‚Danke!‘ sagte sie leise. Ihre Stimme war heiser und unsicher, ihm aber machte es so glücklich, dass sie sprach. Er hatte schon die Befürchtung gehabt, sie könnte stumm sein. ‚Ist doch selbstverständlich, kann ich dir noch etwas Gutes tun?‘

Sie zuckte nur mit den Schultern, verzog dann schmerzverzerrt das Gesicht und lies beinahe den Becher fallen. Gelassen griff er nach ihrem Becher und fragte: ‚Soll ich dir was gegen die Schmerzen geben?‘ Sie nickte nur. Er wühlte in dem Beutel nach Ziska’s schönen Träumen und goss ihr einen Schluck davon in den Becher. Sie trank ihn brav aus, während er ihren Kopf etwas hochhielt, damit sie besser trinken konnte. Nachdem sie den Becher wieder absetzte, beutelte es sie und sie kämpfte damit, nicht wieder alles von sich zu geben. Lächelnd lies er ihren Kopf langsam wieder sinken, nahm ihr den Becher ab und rückte mal wieder die Felle zurecht. Als er sich wieder abwenden wollte, hielt sie ihn an seiner Hand fest. Er griff aber nur nach der Decke, die ihm vorhin die Damen gegeben hatten. Schlagartig lies sie seine Hand wieder los und lies ihn sich die Decke über die Schultern werfen. Nach ihren Händen greifend, setzte er sich etwas näher zu ihr hin und blickte sie sanft an. Ihre Augen waren schon fast wieder geschlossen, als sie wieder zum Flüstern ansetzte. ‚La…mi…na…‘

Er lächelte ihr entgegen und sprach ihr nach: ‚Lamina.‘ Auf seine eigene Art hatte er ihren Namen so betont, so dass sie auch lächeln musste. Mit diesem Lächeln auf den Lippen schlief sie wieder ein.

Die Hunde schlugen wieder an, er schnellte hoch und lies ihre Hände los, um im nächsten Moment behände, unter der Zeltplane hindurch, nach draußen zu schlüpfen.

Ihm stockte der Atem, als er drei Gestalten vor dem Zelt erblickte. Eine Gestalt löste sich und trat näher, es war unverkennbar Meister Kejnen.

‚Junge, komm näher und leg ein paar Scheite nach!‘ meinte Kejnen in seinem ihm üblichen Befehlston. Er folgte und bückte sich nach dem Holz und legte es auf die Glut.

‚Wie geht es dem Mädchen?‘

‚Gut, soweit! Wer sind die…!‘ meinte Halef, stockte aber, als einer der Männer, den Anderen losließ und dieser auf die Knie stürzte und ihn gleichzeitig völlig wahnsinnig anstarrte.

‚Halef, Junge. Du bist aber groß geworden!‘ lallte der Mann, der nun in Richtung seiner Füße kroch.

Halef stürzte zu ihm herab und packte ihn an seiner völlig verdreckten Tunika. ‚Du betrinkst dich, anstatt nach Hause zu kommen, Onkel!‘

‚Ich hab den Weg nicht gefunden! Den Weg nicht mehr gefunden‘ jammerte Otar und klammerte sich an Halef’s Bein fest.

‚Wo ist mein Vater?‘ schrie Halef ihn mit einem angewiderten Gesichtsausdruck an. ‚Verdammt, wo sind deine Brüder?‘

‚Ich hab sie verloren! Verloren! Den Weg nicht gefunden!‘ winselte Otar.

Kejnen hielt Halef an der Schulter fest und sprach ganz ruhig: ‚Die Leute erzählen sich, dass er in der letzten Schlacht einen Schlag auf den Kopf bekommen hatte und seit dem hat er sie nicht mehr alle beieinander!‘

‚Ja, und! Er soll mir meine Frage beantworten! Das wird er ja wohl noch können!‘

Kejnen hatte Halef nie so wütend erlebt, deswegen zog er ihn von Otar fort, um ihm ins Gewissen zu reden: ‚Halef, die Leute erzählen sich auch, dass…!‘

Doch er wurde von Otar weinend unterbrochen. ‚Ich wollte ihre Körper heim bringen, aber ich habe sie verloren! Den Weg nicht gefunden!‘ Otar griff wieder nach seinen Füßen, doch der andere Mann hielt ihn zurück und sprach ganz ruhig: ‚Die Kameraden aus seiner Einheit erzählten mir, dass er seine Brüder retten wollte und dabei hat er einen Hieb auf den Kopf bekommen und…!‘

Halef riss sich aber schon von Meister Kejnen los und wand sich ab. Einen Moment später, war er im Zelt verschwunden. Meister Kejnen folgte ihm, so schnell es ihm möglich war.

‚Halef?‘ flüsterte er und griff ihn an der Schulter, als er sich im Zelt wieder aufrichtete. ‚Hast du noch von Ziska’s schöne Träume?‘ Er wand sich nur halb um und nickte dann.

‚Verstecke es so, dass er es nicht findet! Ich möchte morgen früh aufbrechen! Versuch etwas zu schlafen! Wir schlafen draußen.‘

Meister Kejnen packte sich sein Bündel Felle und humpelte wieder nach draußen.

‚Gib mir die Jurtenhaut raus, Junge!‘ meinte Meister Kejnen leise.

Halef tat was ihm befohlen und als er die Jurtenhaut unter seinem Sattel herauszog, blickte ihn Lamina fragend an. Sie sah, dass er Tränen in den Augen hatte, als er sich wieder abwandte. Draußen nahm Kejnen ihm die Jurtenhaut ab und setzte sie auf dem Boden ab.

‚Junge…!‘ sagte Kejnen und packte ihn dann, um ihn in eine Umarmung zu ziehen.

Halef lies es für einen Moment zu, wand sich dann aber aus der Umarmung und sagte kurz: ‚Ist schon gut, Meister Kejnen!‘

Seine Hunde lauschten auf und kamen auf ihn zu gelaufen. Sie hatten in seiner Stimme mehr gehört, als Kejnen verstand. Kejnen griff in seine Hose und drückte ihm die Beutel mit Gold in die Hand. ‚Man kann ja nie wissen!‘ Beide versuchten zu lächeln, es gelang ihnen aber nicht wirklich.

Halef ging zurück ins Zelt, seine Hunde krochen ihm hinterher. Mit einer beiläufigen Handbewegung wies er seinen Hunden den Platz vor seiner Schlafstätte zu, wo die Beiden sich sofort zusammenrollten.

Halef packte seine Schuhe, die immer noch vor seiner Schlafstätte standen, steckte die Beutel hinein und legte sie unter seinen Sattel. Dann griff er nach der Flasche, entkorkte sie, trank einen Schluck, und steckte sie verschlossen zu seinen Schuhen. Noch bevor der Trunk seine Kehle hinunter ran, setzte er sich zu seinem Sattel und legte den Kopf auf seine Knie. Schwer seufzend konnte er die Tränen nun nicht mehr aufhalten. Lamina griff nach seiner Hand und zog ihn zu sich auf die Felle. Er lies es kraftlos zu. Bevor es ihm gewahr wurde, befand er sich bereits mit dem Gesicht auf ihrer Decke. Sie nahm ihn liebevoll in den Arm und zog seinen Kopf auf ihre Brust. Sein ganzer Körper bebte vor Aufgewühltheit, so dass sie ihn kaum beruhigen konnte. Behutsam strich sie ihm durchs Haar und drückte ihn noch fester an sich. Als er sich nach einer Weile wieder halbwegs gefangen hatte, krächzte er: ‚Eigentlich müsste ich dich im Arm halten und dich trösten!‘ Es war ihm ein Wenig peinlich in ihren Armen zu liegen und so liebevoll von ihr umsorgt zu werden. Sie regte sich und flüsterte in sein Haar: ‚Ja, aber mir tut gerade nichts weh!‘ Er seufzte schwer und zog sich den Rotz in der Nase hoch. Sie musste schmunzeln und küsste dann sein Haar. Irgendwann lies sie ihn aber doch los und er drehte sich auf den Rücken. Mit einer Hand nach seiner Decke suchend, nahm er sie in den Arm und deckte sie beide mit der dritten Decke zu, so schliefen sie beide ein.

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