Gedanken eines Thelocactus Freudenbergeri

Gedanken eines Thelocactus Freudenbergeri oder ich kann mein Fleisch nicht allein schneiden!

Mein Tag begann heute ziemlich früh, wie immer, draußen vor dem Fenster war es noch dunkel, als Die Nonna Calabrese die Arbeitslichter anknipste, den Radio voll aufdrehte und mit dem Putzen begann. Die Nonna ist schwerhörig, eigentlich fast taub und quält mich jeden Morgen mit schrecklicher Volksmusik. Warum Die Nonna auf Hansi Hinterseer steht, wird wohl nie ergründet werden. Ein Vorteil daran ist, ich kriege jeden Tag den Sonnenaufgang mit und ich höre jeden Tag mehrmals die Nachrichten. So erfahre ich immer alles, was die Welt mehr oder weniger bewegt. Heute zum Beispiel kam die weltbewegende Nachricht, dass die Wissenschaft nun festgestellt hat, woran der Ötzi gestorben ist. Er ist von hinten erschossen worden, mit einem Pfeil und hatte aber auch noch einen Schlag auf den Kopf bekommen. Dinge die ich schon immer wissen wollte und ohne die man nicht weiterleben könnte, wenn man sie nicht erfahren hätte. Heute muss mein Glückstag sein.

So gegen 10 Uhr kommt Giovanni, das schwarze Schaf der Familie Calabrese und der jüngste Sohn von Die Nonna, in den Gastraum. Er schleppt unzählige Kisten voll entfernter Verwandter durch den Gastraum in die Küche, wo er dann wenig später sein Mordhandwerk beginnt. Das Geschrei meiner entfernten Verwandten begleitet mich dann den ganzen Tag, bis das Gebrabbel der Gäste das Geschrei scheinbar überdeckt. Die Glasvitrine wird mit eingelegten Verwandten und Freunden bestückt, die halbtot vor sich hin wimmern. Ich bete jeden Tag inbrünstig ans Universum, dass diese Mörder und Folterer nicht auf die Idee kommen, mich in Scheiben zu schneiden, zu grillen und mit Olivenöl oder Balsamico zu ertränken und für Schaulustige auszustellen, bis ich dann von einem fetten Einheimischen verschlungen werde, um dann in dessen Magensäure schwimmend an meiner eigenen langsamen Auflösung beizuwohnen. Grausame Bestien sind diese Menschen.

Der fette Herr Baumhauer betritt den Gastraum und bestellt wie jeden Tag ein Wiener Schnitzel und ein Weißbier. Warum er dazu in ein italienisches Restaurant geht, erfährt wohl auch niemand. Der Nachmittag ist äußerst langweilig, langweiliger als sonst. Ich dämmere stundenlang vor mich hin. Die Dämmerung setzt ein, der Tag geht vorbei und ich döse immer noch. Ein Pärchen kommt in den Gastraum und der spanische Kellner Diego setzt sie an den Tisch vor meine Fensterbank. So wie die Tussi aussieht, wird es wohl heute nur einen meiner Artverwandten zu Essen geben und so wie der Typ aussieht, wird er wohl einen seiner Artverwandten fressen. Sie bestellen erstmal einen ‚Schampus‘. Und wie ich es nicht anders vermutet hatte, die Tussi kippt ihn runter, weil Schampus IN ist und der Typ kippt ihn in meinen Topf, weil Schampus einfach eine grässliche Plörre ist. Typisch. Wenn ich kotzen könnte, dann würde ich es tun. Ich kann nicht mal Selbstmord begehen, weil wenn ich kurz vorm Verrecken bin, dann blühe ich wie verrückt. Spätestens dann gießt mich Die Nonna mit Pellegrino und redet mit mir den ganzen Tag jenseits der Zimmerlautstärke, damit ich mich wieder erhole. Alles klar. Mein Leben ist ein Alptraum. Das Pärchen hat das Essen bestellt und der Diego macht die Tussi auch noch total schleimig an. Er mimt wirklich den perfekten Italiener. Der Typ ist zurecht sauer und bestellt noch vor dem Essen einen Jägermeister. Die Tussi nestelt an ihren aufgepimpten Fingernägeln rum. Dann schaut sie in meine Richtung.

‚Igitt, was ist denn das für ein obszönes Gewächs?‘

Der Typ schaut auf und sagt: ‚Des sind Kaktusse, Schatzi!‘ Er wundert sich bestimmt immer warum seine Mehrzahl von Kaktus nicht in die vorgesehenen Kästchen seines Kreuzworträtsels passen. Außerdem sind die Gewächse neben mir keine Kakteen, sondern Dickblattgewächse. Und eine von den hässlichen Fetten Hennen ist bereits mehr als mumifiziert. Dann kommt endlich die Hauptspeise. Er stürzt sich auf den Fransen Fleisch und sie hühnert auf dem Teller rum. Er hatte alles aufgefessen, außer das ‚Grünzeug‘ natürlich. Er wird mir langsam sympathisch. Nun bemerkt er, dass sie ihr Fleisch nicht angerührt hat. ‚Schmeckts net?‘

Dann schaut sie auf und meint in einem flötenden Ton: ‚Ich kann mein Fleisch nicht allein schneiden!‘ Ich glaub ich hör nicht recht und ich glaub ich sehe nicht recht. Was macht der Depp. Er schneidet ihr Fleisch klein. Was für ein Waschlappen. Beschließe bis morgen in der Früh ins Koma zu fallen und hoffe, dass mich Die Nonna morgen mit einem Schluck Pellegrino weckt. Ich bete inständig ans Universum einmal intellektuelle Gäste vor meine Fensterbank gesetzt zu bekommen. Der Abend im ‚Al Dente‘ endet mal wieder damit, dass Diego die Norgerl in meinen Blumentopf kippt und ich schlafe dann tatsächlich ziemlich komatös, weil ich nun ziemlich betrunken bin, morgen werd ich voll lauter schwuler violetter Blüten aufwachen und ich kann einfach nicht kotzen. Mein Leben ist echt die Hölle.

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