Munich 20:15

Munich 20:15

Die Dämmerung kroch ganz langsam über die Stadt, so langsam eben, wie die letzten Sonnenstrahlen ihr warmes, rotes Leuchten über sie getaucht hatte und sich nun langsam wieder zurückzogen, wie ein Hund mit eingezogenen Schwanz, besiegt nach einem Kampf.

Ich wache auf, von meinem eigenen Sabber, der mir vom Kinn in mein Dekolleté tropft. Schlaftrunken wische ich mit meinem Ärmel meine Wange trocken und stecke meine beärmelte Hand zwischen meine Brüste.

Ich checke es halt jetzt erst, dass ich im Auto sitze, komisch ich muss wohl auf dem Lenkrad eingeschlafen sein. An der Ampel, alles klar. Der Motor meines Wagens läuft noch und der Exorzist in meinem CD-Player auch, also kann es ja nicht lange her sein, als ich eingeschlafen bin. Ich zieh die Hand aus meinem Ausschnitt. Eine Menge Spucke für einen Sekundenschlaf. Ich blicke auf die Ampel. Die ist aus. Nicht blinkend aus, sondern ganz aus. Ich blicke gedankenverloren auf die Kreuzung. Da war ja niemand. Keiner. Kein Auto. Kein Fußgänger. Kein Radfahrer. Auch keine Tram. Hatten wir wieder Fußball-WM und war Deutschland wieder im Endspiel und ich habe es mal wieder nicht mitbekommen?

Vorsichtig krieche ich mit meinem Auto ganz langsam über die Kreuzung, die Nadel vom Tacho bewegt sich quasi nicht. Die Digitalanzeige meines Autos zeigt mir 20:15 Uhr und die Außentemperatur von 20 °C an. Wir müssen Sommer haben… afo… away from office… Amt macht einfach brainfucked. Schließlich bin ich drüber über die Kreuzung und fahre auf die Donnersberger Brücke. Und eigentlich sollte ich mich nicht mehr darüber wundern, dass meine Arbeit mir scheinbar den Resetknopf meines Gehirns durchgedrückt hat. Kein Wunder, dass mir der Sabber aus dem Mund läuft. Aber, ich checks echt nicht. Kein Auto. Kein Fußgänger. Kein Radfahrer. Auch keine Busse. Die Anzeigen an den Haltestellen sind aus und ich rausche wieder von der Brücke und blicke über die Stadt. Sie erstrahlt in der Restsonne und ansonsten strahlt halt mal gar nichts. Stromausfall. Ein richtig großer Stromausfall vielleicht. So ein Stromausfall, der beim RTL einen Sendeplatz bekommen hätte. Hm. Wie geil.

Kein Auto behindert meinen Heimweg. Auch mal schön. Auf der Landshuter Allee bemerke ich, wie der Grünstreifen ziemlich hoch gewuchert, langsam die Fahrbahn begrünt. Komisch die Stadtwerke schlafen wohl auch in letzter Zeit oder es ist ein echt langer Stromausfall und ich hab halt die letzten Wochen und Monate mal gar nichts mitgekriegt. Hm. Ich fahre eh in der Mitte der beiden Spuren und scheiße auf die Schlingpflanzen, die in meiner Fantasie mein Auto fressen wollen.

Ich blicke wieder in die Ferne und sinniere darüber nach, wo die bei uns im Amt das Stromaggregat versteckt haben und wer da literweise Diesel einfüllt. Der alte Wachmann mit dem Elektroschocker schlürft gerade humpelnd in meine Gedanken, mit einer Dieselkanne in der anderen Hand und tränkt das hungrige Aggregat. Schlürf. Das Einzige was in der großen Stadt noch leuchtet, ist das rote Matschauge in meinem Rücken und die Kegel meiner Scheinwerfer.

Über dem Olympiagelände kreisen die Krähen im Wind. Eigentlich nichts Ungewöhnliches, machen sie eigentlich immer, wenn der Wind über den Olympiapark pfeift. Ist ein sehr ergreifendes Bild. Und die Einzigen, die heute Nacht Spaß haben, sind wohl die Krähen im Wind. Mir war vorhin gar nicht aufgefallen, dass Wind ging. Die Bäume biegen sich im Wind. Krasser Wind eben. Langsam wird die Sicht immer schlechter, weil die Sonne nun vollends untergegangen ist. Jetzt wäre eigentlich der Moment, an dem die Straßenbeleuchtung angehen müsste und das beklemmende Gefühl vertreiben sollte, dass sich jetzt langsam aber sicher in meinem Magen ausbreitet. Pfeifendeckel. Die Nacht fällt. Himmel, heut kommt das Dunkel aber schnell, wir sind doch nicht in Afrika. Keine Lichter gehen an, die große Stadt bleibt im Dunkeln.

Ein gelber Mond geht über den Bäumen des Olympiageländes auf und die schwarzen Krähen geben den merkwürdigen Vorahnungen, die sich nun langsam in meinem Kopf zusammenbrauen, den nötigen Antrieb. Paranoia lässt grüßen. Der gelbe Mond strahlt sein surreales Licht, wie ein Flakscheinwerfer, übers Olympiagelände. Aber wenigstens hat der Mond ein Einsehen und leuchtet heute Nacht.

Der Wind ist noch heftiger geworden und Blätter und kleine Äste wehen über die Straße. Der Wind treibt auch große, schwere Wolken über den Himmel, die nun zu weilen den Mond verdecken. Mist. Das war es dann mit dem Flakscheinwerfer. Als allerdings ein rollender, runder Busch vor meinem Auto über die Straße huscht, bremste ich scharf und blicke ihm ungläubig nach. Da ist doch was faul. Es ist keine Sau auf der Straße, aber rollende Büsche springen über die Fahrbahn. Verdammt. Ich lasse die Scheiben ein Wenig hinunter und der Wind bringt frische klare Luft herein, erschreckend frische Luft. Komisch. Ich stehe mitten in der großen Stadt unweit von der am schlimmsten, feinstaubbelasteten Stelle der Stadt und es riecht nach einer blühenden Alm im Nachtwind. Ich blicke wieder auf die Digitalanzeige meines Autos und es ist 20:15 Uhr und es hat nur noch 15°C. Ich schüttle meinen Kopf und blicke wieder auf die Anzeige: 20:15 Uhr und nur noch 13°C. Der Fehler in der Matrix wird von den Hintergrundgeräuschen des Exorzisten nur noch verstärkt. Ich schalte schnell meinen CD-Player aus, bevor noch Blut und Schlonze aus den Lautsprechern fließt. In der Matrix ist alles möglich. Verzweifelt warte ich auf eine doppelte schwarze Katze, die vom Wind über die Straße getrieben wird. Nein, keine Katze. Aber ein zweiter rollender Busch. Hm. Da sind sie wieder meine zwei Probleme.

Nachdem nach wie vor niemand hier ist, auch keiner kommt, wende ich mitten auf dem Verbindungsstück zum Frankfurter Ring und fahre äußerst verkehrswidrig in Richtung Mittlerer Ring zurück, um zu sehen, ob sich da was rührt. Sich wie der letzte Mensch auf Erden fühlen, hab ich mir nie so nervenzerreißend vorgestellt.

Regen setzt ein. Unglaublicher Regen. Ich schließe schnell die Fenster, werde aber trotzdem ziemlich nass. Der Regen riecht gut und fühlt sich sauber an. Aber draußen geht der Punk ab. Ich fahre langsam weiter. Große Äste stürzen auf die Fahrbahn und mein Scheibenwischer macht nicht mehr so wirklich mit. Ich komme noch bis zu einer der Brücken zwischen Olympiahalle und BMW. Ich habe bereits das Gefühl, dass mein Auto im Rollen schon Aquaplaning kriegt. Ich kann nicht genau sagen, unter welcher der Brücken ich nun stehe, weil einfach alles dunkel ist, hier. So dunkel, wie im Arsch eines Homophobikers.

Da die höchste Stufe meines Scheibenwischer nicht mehr nachkommt und ich die Lichter meiner Scheinwerfer nicht mehr erkennen kann, obwohl ich scheinbar unter einer Brücke stehe, schalte ich meinen Scheibenwischer aus. Ich blicke paranoid auf die Digitalanzeige meines Autos und es ist ja kaum zu erraten: 20:15 Uhr und 6°C. Die Tankanzeige, sie leuchtet schon. Meine Güte, warum tanke ich eigentlich nie voll. Ich mache vorsichtshalber den Motor aus, schalte aber die Warnblickanlage und den Radio an. Immer noch der Exorzist. Zitternd schalte ich von CD auf Radio. Rauschen. Ich drücke nervös auf den Sendersuchlauf. Ich warte eine halbe Ewigkeit. Nichts. Nur Rauschen. Ich drücke auf AM und wieder auf den Sendersuchlauf. Rauschen. Ein Blitz erhellt den Himmel. Ich kann für den Bruchteil einer Sekunde die BMW-Welt sehen. Beziehungsweise, das was davon übrig ist. Bevor ich begreife, was ich da scheinbar durch die nasse Scheibe zu erkennen glaube, lässt der folgende Donner die Scheiben meines Autos erzittern. Augenblicklich hatte ich ein Pfeifen im Ohr. Der Radio rauscht immer noch und ich starre wie gebannt auf meine Windschutzscheibe. Ich kann meinen Atem sehen. Alles Klar. Kann ich aus der Horrorstory noch aussteigen? Geistesgegenwärtig lasse ich den Motor an und mach den Scheibenwischer wieder an.

Auf der Digitalanzeige steht, wie wahr es auch anders zu erwarten: 20:15 Uhr und -4°C. Jetzt kriege ich Panik. Der nächste Blitz macht die Nacht zum Tage und ich kann erkennen, dass die BMW-Welt tatsächlich eingestürzt ist. Weil…. Donner. Ich schrecke zusammen und fasse mir ganz unwillkürlich ans Herz. Das Pochen übertönt nun das Pfeifen in meinem Ohr und ich blicke aus dem Seitenfenster, da wo eigentlich der Olympiaturm hätte sein müssen. Der nächste Blitz bestätigt meine Vermutung. Der Turm ist über den Ring gestürzt und hat die BMW-Welt zermalmt. Den nächsten Donner höre ich schon gar nicht mehr. Mein Verstand hat sich wohl bereits auf die Socken gemacht, so dass das nächste Bild vom Blitz erhellt mich den Verstand nicht mehr verlieren lassen hätte können. Große Tentakeln glitten über den umgestürzten Turm und waberten auf mein Auto zu. Dahinter kam ein riesiges dunkles Auge zum Vorschein und die monströse Hand eines klavierspielenden, grünen Riesen und dann war wieder alles dunkel. Das Rauschen des Radios drang wieder an mein Ohr. Und dann kommt tatsächlich etwas aus dem Radio…

Düüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüh. Ich schrecke hoch. Weil hinter mir jemand hupt, ich bin an der Ampel eingeschlafen. An der Donnersberger Brücke. Die Ampel schaltet auf rot. Ich wische mir den Sabber vom Kinn. Im Radio läuft: Last Christmas. Es ist 18:47 Uhr, es hat -4°C.

Eine hell erleuchtete Trambahn fährt an mir vorbei. Das öffentliche Reality-Live in dieser Tram kommt mir surreal vor. Menschen in dicken, bunten Jacken und bunten Einkaufstüten, die nur nach Hause wollen, um die Tür vor dem Horror des Alltags hinter sich zuzuschlagen. Es wird Grün. Ich gebe Gas und fahre auf die Donnersberger Brücke, die Stadt blinkt und leuchtet wie nie.

P.S. Ich hatte wohl vergessen, mein 15. Türchen vom Adventskalender zu öffnen.

%d Bloggern gefällt das: