Steht ne Frau an der Bushaltestelle

Steht ne Frau an der Bushaltestelle

busErst springt das blöde Auto nicht an, dann hat das Fahrrad einen Platten. Als sie sich zu Fuß aufmachte, fing es auch noch an zu regnen. Auf die Schnelle konnte sie ihren Regenschirm nicht finden und beim schnell schnell zur Bushaltestelle laufen ist ihr auch noch der Stöckel abgebrochen. Und das alles an ihrem ersten Arbeitstag.

Nun stand sie in einem runtergekommenen Bushäuschen, in dem noch nicht mal ein Fahrplan hing und es regnete in strömen. Das Bushäuschen war auch noch undicht und so stand sie da wie ein begossener Pudel. Zum Glück lag eine alte Zeitung auf der Bank, die sie sich nun notdürftig über den Kopf hielt und von einem Bein auf andere hüpfte, nicht weil sie nervös war. Sie versuchte nur den Tropfen auszuweichen, die durch das undichte Dach auf sie herab prasselten.

Ein älterer Mann ging in aller Seelenruhe ohne zu schauen über die Straße auf die Bushaltestelle zu. Er trug einen gestreiften Schlafanzug, Badeschlappen und einen offenen roten Bademantel. Und es schien ihn nicht weiter zu stören, dass es regnete. Seine nackten Füße quietschten bei jedem Schritt in den Badeschlappen und ihr stellte es bei dem Geräusch die Nackenhaare auf.

Der Mann blickte sie für einen Moment freundlich an und meinte: ‚Schönes Wetter heute!‘

Die Frau schüttelte verständnislos den Kopf und tat so, als ob sie die durchweichte Zeitung lesen würde.

Eine gefühlte halbe Stunde standen sie beide in dem Bushäuschen und es geschah nichts, außer das der Regen nun quer daher kam und sie sich weiter unter das löchrige Dach des Bushäuschens zurück zog. Der alte Mann stand im Regen und lächelte.

Nach einem Moment kam eine weißgekleidete Frau mit einem pinken Regenschirm über die Straße gelaufen und meinte: ‚Herr Schicklgruber! Ich grüße Sie, schön dass Sie schon da sind! Jetzt aber schnell, das Essen ist gleich fertig!‘

Erst als die Beiden schon fast um die nächste Straßenecke verschwunden waren, kam es ihr, dass es eine Krankenschwester gewesen sein musste.

Wenig später kam ein Lieferwagen mit der Aufschrift ‚Sanatorium Herschiba Kimmelmann‘ um die Ecke gebogen und der Wagen hielt an der Haltestelle. Der Fahrer kurbelte die Scheibe runter und meinte: ‚Hey Lady, hier kommt kein Bus! Das ist eine Fakehaltestelle!‘

‚Bitte was!?‘ schrie die Frau gegen den Regen an.

‚Hüpfen Sie schon rein, Sie werden ja ganz nass!‘

Sie humpelte los, lief um den Wagen herum und stieg ein. Im Wagen blickte sie ein breit grinsender Mann an, der offensichtlich schwarze Hautfarbe hatte.

‚Sie sind aber ganz schön mutig, einfach bei einem schwarzen Mann ins Auto zu steigen.‘ lachte er ihr herzlich entgegen. Er hatte so eine angenehme und witzige Art und versprühte so viel Lebensfreude, dass sie nie auf die Idee gekommen wäre, an etwas Schlimmes zu denken.

‚Ich weiß wo Sie arbeiten, steht auf dem Auto!‘

‚Und wenn ich den Wagen geklaut hätte!‘

‚Dann wäre das wohl wirklich nicht mein Tag heute!‘ meinte sie, zog ihren kaputten Schuh aus und betrachtete ihn scheel.

‚Scherz bei Seite, ich bin Hans Mutembe! Ich bin der Hausmeister von der Anstalt da hinten. Und die Haltestelle ist da nur, damit die Verrückten nicht so weit weglaufen.‘

‚Hab ich doch richtig verstanden. Fakehaltestelle!‘

‚Ja, die Leute wollen immer nach Hause, hauen ab und wenn sie dann an der Haltestelle stehen, vergessen sie was sie eigentlich wollten und dann holen wir sie wieder zurück und sie denken sie wären zuhause. Das ist sogar eine anerkannte Methode in der Demenzforschung.‘

‚Gut, dass ich das jetzt weiß, sonst würde ich morgen noch da stehen!‘

‚Wo wollen Sie denn hin. Ich muss zum Rechts der Isar, einen Abholen. Ist billiger, wenn ich das mache, als wenn die nen Krankentransport schicken müssen.‘

‚Sie können mich da irgendwo rausschmeißen, ist eh voll super, dass Sie mich mitnehmen.‘

‚Ne, kein Problem, ich kann Sie doch nicht im Regen stehen lassen.‘

‚Ich bin Ihnen auch echt ungemein dankbar, wenn Sie jetzt noch einen Kleber hätten, dann sind Sie mein Held.‘

‚Im Handschuhfach ist eine Rolle Tape!‘

Sie machte das Handschuhfach auf und darin war nicht nur eine Rolle Tape, sondern auch eine Flasche WD 40! Sie zog die Flasche aus dem Handschuhfach, roch daran und dann machte sie das, was Frauen im Allgemeinen tun, wenn sie ein neues Parfüm testen. Und ganz beiläufig purzelten ein paar Worte aus dem Mund: ‚Wollen Sie mich heiraten?‘

Er blickte sie kurz an, grinste und meinte dann ziemlich trocken. ‚Ich kann Sie gar nicht heiraten!‘

‚Wieso? Sie sind schon verheiratet!‘ fragte sie verdutzt, legte das WD 40 weg und griff sich die Rolle Tape.

‚Nein, ich weiß doch gar nicht wie Sie heißen!‘

‚Oh, ich heiße Regen…!‘ meinte sie und zog ein Stück Tape von der Rolle ab, was ihren Satz mit dem typischen Geräusch unterbrach und sie fortfuhr. ‚Mali Regen!‘

‚Sie wissen, dass Mali auf Bambara Nilpferd bedeutet!‘

‚Ja, das weiß ich schon und Reichtum auf Suaheli, meine Eltern haben sich bei Ärzte ohne Grenzen kennengelernt, deshalb der Name!‘

‚Oh, was für ein Zufall, meine auch!‘

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Mein erster Schultag

Mein erster Schultag

heimOh Mann, ich hätte mir echt nie träumen lassen, dass ich mit 36 nochmal die Schulbank drücken würde. Aber so ist es nun. Gut, sagen wir es mal so, ich werde hinter dem Pult stehen. Komisch ist es schon, ich bin meinen Lehrern bis zum Abi ziemlich auf den Sack gegangen. Mann, musste ich viel Strafarbeiten machen. Manchmal kam ich mir echt so vor, wie Bart Simpson. Nur der kleine blonde Junge ist mit 36 nicht im Mindesten erwachsen geworden und ich komme im Moment noch nicht so ganz damit klar, dass ich jetzt Lehrer sein soll.

Als ich in Ulm im Krankenhaus lag, hat mir der Berufsberater gesagt, selbst wenn ich nicht wieder laufen könne, dann könnte ich mit meinen Qualifikationen immer noch Lehrer werden. Damals wusste ich nicht so genau, ob er mich beleidigen oder aufmuntern wollte. Ich habe meine Zeit im Krankenhaus genutzt und habe ein Aufbaustudium fürs Lehramt gemacht. Ich bin jetzt Lehrer für Geschichte und Sozialkunde und wenn ich endlich wieder sporttauglich bin, dann werde ich vielleicht auch Sportlehrer sein.

Ja, der Sport. Ich war ein erfolgreicher Sportler. Hab ein paar Goldmedaillen gewonnen. Habe bei der Bundeswehr studiert und war im Sportförderprogramm. Dann gab es einen kleinen Skandal. Der Goldjunge ist eine Schwuchtel. Es gab ein paar blöde Fotos von früher. So Nacktfotos. Ich war jung und brauchte das Geld. Ich wurde aus der Olympiamannschaft ausgeschlossen. Der Skandal kam eigentlich zur rechten Zeit, weil nach 30 hat man im Profisport eh fast nichts mehr verloren. Entweder Doping, Werbestar oder Trainer. Und für einen schwulen Trainer hatten sie keine Verwendung.

Mein Freund hat sich von mir getrennt, weil er mit meinem Outing nicht klar kam. Verstehen muss des keiner, am Allerwenigsten ich. Eigentlich wäre das der Punkt gewesen, wo jeder normale Typ zum Saufen angefangen hätte, aber nein der Goldjunge hat sich für einen Auslandseinsatz gemeldet. Ich war in Afghanistan und bin von ein paar einheimischen Müttern angeschossen worden. Dabei wollte ich ihnen nur Lebensmittel bringen. Zum Dank haben sie mir noch eine deutsche Handgranate hinterher geworfen. Hm. Ein paar von diesen Splittern der deutschen Wertarbeit stecken immer noch in meinem Hintern. Ein Schuss ging um Haaresbreite an meiner Libido vorbei, ein Zweiter zerfetzte meinen linken Oberschenkel. Deswegen humple ich auch noch ein Wenig. Ein dritter und vierter Schuss zerfetzte nur die Milz und ging zum Glück an allem anderen Lebenswichtigen vorbei. Als ich aufgrund der Detonation der Handgranate mit meiner Fresse im Natostacheldraht von den lieben Kollegen des Nachbarstützpunkt landete, waren die Amis es, die mir das Leben und den Großteil meines Gesichtes gerettet hatten. Deswegen bin ich heute besonders hübsch anzuschauen.

Ich bin nach der Reha umgezogen in die Nähe von meiner neuen Arbeitsstelle. Mein Bein tut mir weh, jeden Tag. Vor allem wenn ich laufe. Warum habe ich Depp den Gehstock daheim gelassen? Nur keine Schwäche zeigen, dass haben sie uns schon in der Grundausbildung beigebracht. Jetzt stehe ich vor dem Tor, des ‚Herschiba Kimmelmann – Internat für schwer erziehbare Mädchen und Jungen‘.

Hm. Jungen. Mit Jungs hatte ich es auch selten. Egal. Auf dem Schild des Internats hat einer mit roter Farbe aus dem K ein P gemacht und einen phantasmagorischen Überpenis auf das Schild gemalt. Ich ziehe das Handy und mache ein Foto.

Ein griesgrämiger Mann kam mir entgegen, mit einem Eimer mit Chemikalien und einem Schwamm. Er schimpfte über die Jugend Heutzutage. Ich legte meine Keykarte auf den Sensor beim Einfahtstor und das Tor öffnete sich.

Der Griesgram blickte im Vorbeigehen auf und grüßte mich: ‚Ah, der Neue!‘

‚Ja, der Neue! Einen wunderschönen guten Morgen!‘ sagte ich freundlich.

Er ging an mir vorbei, griff an seine Mütze und sagte dann: ‚Sie sind ein Wenig dürr für den Knochenjob! Nicht dass sie uns am ersten Tag noch zusammenklappen!‘

‚Nein, keine Sorge, so schnell kriegt man mich nicht klein.‘

Was für ein Penner, den hätte ich mal erleben wollen, wenn um einen die Granaten einschlagen. Ich humpelte die Einfahrt entlang und trat durch die nächste Tür. Das Piepsen des Türöffners geht mir jetzt schon auf den Sack.

Ich bin grade einen Schritt in der Schule und da rannte ein Mädchen an mir vorbei. Sie heult und sieht ziemlich verängstigt aus. Wie ich heulende Frauen hasse. Ein Kerl kam um die Ecke gebogen, ein richtiger Schlägertyp.

Als er an mir vorbei rasen wollte, hielt ich ihn auf. ‚Was geht hier vor?‘ rief ich in meinem üblichen Ausbilderbefehlston. Der Typ zuckte zusammen und blickte mich entgeistert an. Ich war doch einen ganzen Tacken größer wie er.

‚Hey, ich will mit meiner Freundin reden!‘ stammelte er.

‚Ich geb dir mal n Tipp. Wenn deine Freundin flennt, aus welchem Grund auch immer, und vor dir weg rennt. Dann ist das vielleicht der Grund, dass du ihr nicht nachlaufen solltest.‘

‚Ja, aber!‘ versuchte sich der Typ zu rechtfertigen. Danke lieber Gott für dieses: ‚Ja, Aber!‘

‚Nichts aber! Name und Klasse!‘

‚Heino Müller, Klasse 10 b!‘ kam es wie aus der Pistole geschossen.

‚Heino Müller, Klasse 10 b, sehr schön!‘ sagte ich und notiere mir den Namen auf einem Notizblock, den ich aus meinem Hemdsärmel gezaubert hatte. Irgendwie gefällt es mir hier.

Ich lies den verdutzten Jungen stehen und ging weiter und hoffte inständig, dass da hinten das Lehrerzimmer war. Um die Ecke kniete eine Frau bei dem Mädchen, das sich allen Anschein nach schon wieder beruhigt hatte.

‚Ist dieser Heino Müller, Klasse 10b, dein Freund?‘ fragte ich.

‚Nein!‘

‚Ja, aber er denkt das!‘ meinte die Frau, die bereits aufgestanden war und mir die Hand hinstreckte. ‚Ich bin Abby Miller, Deutsch, Englisch, Kunst und Erziehungskunde bei den Mädchen!‘

‚Oh, guten Tag, Herbert Kowalski, Lehrer Geschichte, Sozialkunde!‘

‚Ähm und Sport und Erziehungskunden bei den Jungen!‘

‚Bitte was?‘ Ich muss leicht hysterisch geklungen haben, als ich das fragte.

‚Der Unterrichtsplan wurde nochmal geändert. Der Sportlehrer der Jungen hat sich vor 3 Wochen erhängt, dann gab es einen kleinen Skandal und die Chefin ist suspendiert. Das Jungen und Mädcheninternat wurden zusammen gelegt. Willkommen im Chaos.‘

‚Gut, nun zu dir Mädchen.‘ Die Kleine stand auf, wischte sich die Tränen vom Gesicht und zog den Rotz hoch. ‚Also, wenn du nicht jeden Tag hier heulend durch die Gänge laufen willst, dann solltest du ein Exempel statuieren und zwar vor allen Leuten. Aber keine Gewalt, irgendwas Irrationales.‘

‚Frl. Miller, was ist denn mit Müller los, der ging grad freiwillig in seine Klasse und es ist grade Mal…‘ Der weißhaarige Mann, der zu ihnen gesprochen hatte, blickte auf die Uhr. ‚Es ist grade Mal 7.30 Uhr!‘

‚Ähm, Guten Morgen Herr Direktor, da müssen Sie den Kollegen Kowalski fragen!‘

‚Guten Morgen, Herr Direktor! Ich habe seinen Namen auf meinen Block geschrieben und ich gab ihm Beziehungstipps, Herr Direktor!‘ machte ich stolz Meldung.

‚Gut Herr Kowalski. Kommen Sie gleich mit in mein Büro!‘

Ich folgte ihm und das Mädchen lächelte schon wieder. Diese Frau Miller grinste uns hinterher.

‚Mein Name steht da auf dem Schild. Aber ich habe es nicht so mit den Förmlichkeiten. Ich habe diesen Schießjob übernommen, weil sie keinen Besseren gefunden haben. Unser Ziel ist es hier, alle irgendwie zu einen Abschluss zu verhelfen und dass sie einen Job kriegen. Wir haben zu wenig Lehrer, keine Mittel und die neue Schulreform und der Skandal haben uns die wenig durchdachte Zusammenlegung beschert.‘

‚Herr Direktor Walddorfer!‘ Las ich auf dem Schild. ‚Ich bin ein Wenig überfahren. Ich weiß nicht, ob Sie meine Akte gelesen haben, aber ich kann mit den Jungen keine Erziehungskunde und im Moment keinen Sport machen.‘ Ich tippte gegen mein kaputtes Bein.

‚Ich habe mir ihre Akte letzte Nacht sogar mit ins Bett genommen, wirklich sehr spannend. Sie sind ein Held. Genauso jemanden brauchen wir hier!‘

‚Ich habe aufgrund meiner sexuellen Ausrichtung darum gebeten, keine Jungen unterrichten zu müssen und deswegen hab ich mich auch für das Mädcheninternat beworben.‘

‚Machen Sie sich keine Sorge. Es wird sich keiner Beschweren. Ich bin ein Freund von unkonventionellen Mitteln und wir versuchen die Kinder auf das Leben da draußen vorzubereiten. Die meisten Eltern können sich nicht beschweren, weil sie selbst im Knast sitzen, tot oder ständig auf Geschäftsreise sind. Den Eltern sollte klar sein, dass es für ihre Kinder keine Alternativen mehr gibt. Entweder sie packen das hier, oder sie haben ein Leben zwischen Harz IV und Knast vor sich.‘

‚Aber ich kann im Moment noch keinen praktischen Sportunterricht machen.‘

‚Ja, deswegen haben wir unseren Werklehrer gebeten für die praktischen Übungen einzuspringen. Er hat im Sommer schon das Ferienprogramm mit den Schülern gestaltet. Er war in der DDR mal Meister im Zehnkampf.‘

‚Warum macht er dann nicht den Sport?‘

‚Weil er eigentlich der Hausmeister ist!‘

‚Ich dachte er wäre der Werklehrer?‘

‚Ja, Werken, Aufsicht und Berufsvorbereitung darf er machen, aber er ist halt kein Pädagoge.‘

‚Das bin ich auch nicht!‘

‚Ja, aber Sie haben doch bei der Bundeswehr Bildungswissenschaften, Geschichte und Sport studiert und waren jahrelang Ausbilder. Mit dem Aufbaustudium sind Sie Lehrer. Sie haben nicht mal Probezeit. Der Staat mag Sie und ich will ihnen eine Chance geben.‘

‚So lange Sie ihren Kopf hinhalten!‘

‚Holen Sie sich ihre Unterlagen im Lehrerzimmer ab und dann treffen wir uns alle in der Aula. Ich habe eine Ansprache zu halten. Dann gehen Sie in ihre Klasse.‘

Ich ging kopfschüttelnd aus der Tür. Das Mädchen stand vor mir.

‚Wollt mich noch für Ihre Hilfe bedanken!‘ Dann rannte sie weg.

Noch mehr kopfschüttelnd ging ich ins Lehrerzimmer.

Als ich das Lehrerzimmer betrat, wurde ich von Standing Ovations begrüßt.

‚Willkommen im Bootcamp!‘ meinte ein älterer Herr und klopfte mir auf die Schulter.

Das Frl. Miller grinste mich an. An den Wänden waren Bilder und Lebensläufe der Schüler aufgehängt.

‚Danke die Herrschaften.‘ Hände schüttelnd wurde ich zu meinem Platz geschoben. Ich blickte auf den Stapel Papiere auf meinem Platz.

Erste Stunde Gemeinschaftlich in der Aula. Zweite Stunde Erziehungskunde 10b. Super. Dritte Stunde Sozialkunde 10 a + b. Dann Doppelstunde Geschichte 7 a + b. Sozialkunde 8 a +  b. Nachmittags. Sport Zweimal Doppelstunden 10a und 9a Klassen. Ich überflog den Stundenplan und sah, dass ich am Mittwoch und am Freitag früher Schluss hatte. Zücke mein Handy und wählte die Nummer meiner Krankengymnastik. Es ging nur der AB ran und ich sprach nach dem Pfeifton. ‚Guten Tag, hier spricht Herbert Kowalski. Hallo Emma, ich kann den Termin morgen und am Donnerstag nicht wahrnehmen. Meine freien Nachmittage sind Mittwoch und Freitag. Notfalls halt nach 18 Uhr. Schicken Sie mir die neuen Termine per Mail. Danke.‘ Ich legte auf und alle starrten mich an. ‚Krankengymnastik.‘ meinte ich entschuldigend.

Alle lächelten mich an. Ich wühlte die Unterlagen durch und suchte nach dem Lehrplan für Erziehungskunde. Klasse 5-9. Für die 10 gab es keinen. Ich bekam eine Liste unter die Nase gehalten. Freiwilliger Wochenenddienst. 1Mal Pro Monat.

‚Keine Sorge, ich bin am Wochenende immer da, wenn was ist.‘ meinte Frl. Miller.

Ich trug mich am Ende des Monats ein und blickte sie fragend an.

‚Ich wohne hier. Ich bin die Vertrauenslehrerin der Mädchen. Haben Sie sich überlegt hier eine Dienstwohnung zu nehmen. Im Moment ist der Hausmeister der Vertrauensmann von den Jungen.‘

‚Ich kann hier keine Dienstwohnung nehmen, ich bin grad erst hier her gezogen und wohne drei Straßen weiter und haben Sie überhaupt keine Freizeit?‘

‚Ich war früher selbst auf der Schule, habe mein Abi nachgemacht und hab studiert und bin jetzt wieder hier, weil ich den Kindern helfen will.‘

‚Warum gibt es keinen Lehrplan für Erziehungskunde der 10. Jahrgangsstufen?‘

‚Weil es keinen gibt. Sie müssen improvisieren.‘

‚Hier ist noch der Essensplan. Sie können an allen Mahlzeiten teilnehmen, wenn Sie davor oder danach Unterricht haben.‘ meinte der ältere Herr von vorhin.

‚Das ist super, wo krieg ich hier nen Kaffee her?‘ stammelte ich.

Sie deutete ans Ende des Zimmers, da stand eine Kaffeemaschine. Der ältere Herr war bereits dort und goss eine Tasse ein und fragte: ‚Mögen Sie ihn schwarz?‘

‚Wenig Milch und viel Zucker, bitte.‘

‚Ach Sie haben in der Mittagspause einen Termin bei mir und morgen bei der Schulpsychologin!‘ meinte eine herrische Frauenstimme. ‚Ich bin die Schulärztin Fr. Dr. Erna Grau!‘ Sie stand in der Tür und blickte mich ernst an.

‚Alle neuen Lehrer müssen durch gecheckt werden!‘ meinte Frl. Miller und ihre süße säuselnde Stimme ging mir auch schon auf den Sack.

Der Kaffee wurde ihm hingestellt. ‚Ich bin Guido Hansmann, ich mach die Naturwissenschaften!‘

‚Danke für den Kaffee!‘ meinte ich und schüttelte seine Hand.

Die Frau Dr. stand immer noch da. ‚Ja, sorry Frau Dr. Grau, sorry ich bin ein Bisschen überfordert. Hätte ich meine Röngtenbilder mitbringen sollen?‘

‚Nein keine Sorge, die habe ich schon. Kriegen Sie noch Anwendungen?‘

Ich musste kurz überlegen, was sie meinte. ‚Ähm. Anwendungen. Ja, wenn ich meine Termine verschieben kann, dann ja.‘

Sie musterte mich von oben bis unten. ‚Sie haben eine Saniausbildung bei der Bundeswehr gemacht!‘

‚Ja, Helfer im San-Dienst!‘

‚Wir haben nämlich keine Krankenschwester mehr…und ich habe nebenan noch die Sozialsprechstunde zu machen, bin also nicht immer da!‘

Sie warf mir einen Schlüsselbund hin und meinte: ‚Der Schlüssel vom Ersthilfe-Raum! Kommen Sie dann nach dem Essen rüber zur Sozialsprechstunde!‘ Dann verschwand sie.

Ich rührte meinen Kaffee um, nahm einen kräftigen Schluck und lies mich erschöpft in den Stuhl sinken. ‚Kann ich aus der Horrorstory noch aussteigen?‘ flüsterte ich in mich hinein.

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