Am Ende ist ein Anfang

Jakobsweg Zeitreise – Am Ende ist ein Anfang

Freitag, der 04.04.08:

Wir sind in der Früh, dann wieder zeitig los und haben alles sauber hinterlassen. Sogar den Müll haben wir mitgenommen. Langsam muss ich auch echt zugeben, dass man früh morgens einfach am besten vorankommt. Aber man hat halt nicht immer Bauarbeiter, die einen aus dem Schlummer reißen. Und einen Wecker werde ich bei der nächsten Etappe nicht mitnehmen. Meine Abneigung gegen Uhren möchte ich somit zum Ausdruck bringen. Ich werde in der Regel wach sobald es hell wird. Wir werden es in Zukunft sehen.


Huckenham hinter uns lassend, geht es weiter nach St. Veit. Wir blicken doch zurück und versuchen noch ein paar Fotos zu machen. Aber bei dem Nebel ist es echt schwierig die schöne Skyline von Huckenham einzufangen.

In St. Veit angekommen, finde ich es fast schade, dass wir nicht hier übernachtet haben. Die Höfe sind hier noch älter und die Kapelle ist noch viel, viel noch älter. Das Bild aus dem Reiseführer wird nachfotografiert. Ich beschließe, wenn ich einmal heiraten sollte, werde ich dies wohl hier tun. Diese Kapelle ist so schön und keiner ist hier, um diese alten Gemäuer zu ehren. Aber dass hab ich ja schon angemerkt, oder? In jeder Kirche, die wir betreten haben, war keiner außer uns und einer Alarmanlage. Auf dem vergangenen Weg haben wir so viele heilige Stätten gesehen, wie ich im ganzen Leben noch nicht gesehen habe, aber sie stehen alle leer. Ich finde es echt schade, da stehen uralte Kirchen und keiner kümmert sich darum, ein Alarmanlage und gut ist. Eine spirituelle Stätte kann ihren Zauber nur erhalten, wenn Menschen hingehen und den Zauber sehen und spüren. Und ihn dann nach Hause tragen. Ich finde es echt schade. Mir geht’s dabei garantiert nicht um die katholische Kirche. Mir geht es um die Gemäuer, die von den Menschen, im Schweiße ihres Angesichts und mit wunden Fingern, auf uralten gebaut wurden. Wie zum Beispiel, die Kapelle zu Rotthof, die auf eine römische Kultstätte gebaut wurde. Und wenn es nur ein Naturaltar mitten im Wald ist, es ist eine spirituelle Stätte und die Menschen zieht es immer wieder dort hin. Damals und heute?

Meine spirituellen Stätten sind der keltische Opferstein in der Amperschlucht in der Nähe von Grafrath. In Germansbergl ins Tal blickend beim Sonnenaufgang. Beim Herrrn Numberger aufm Hof bei seinen Schafen. Die Kapelle zu Rotthof und hier, in St. Veit.

Ich finds richtig schade, dass wir weiter gehen müssen und die kleinen windschiefen Häuser in St. Veit verlassen müssen. Es geht weiter nach Luderbach. Es ist auch ein malerisches Fleckchen Erde und nach Luderbach verlangt die Natur ihr Recht. Und jetzt merke ich wieder, wie mein Knie mir schmerzt. Und wie beschwerlich es ist, mit einem Bein sich hinzusetzen und sein Geschäft zu verrichten. Die restliche Etappe ist wieder der Horror und so beschließen wir auf einer Bank in der Nähe eines Biotopes, dass wir uns in Bad Birnbach noch einen Stempel holen und dann nach Hause fahren. Schweren Herzens legen wir die letzten Paar Kilometer zurück. Aber es geht wirklich nicht mehr, mein Knie brauch ich noch ein Leben lang und der Jakobsweg läuft mir nicht davon.


In Bad Birnbach, stellen wir erschreckenderweise fest, dass die Leute hier ganz schön kleingeistig sind. Wir werden angehupt und von Blicken verfolgt. Ich spüre Finger, die auf uns zeigen und ich fühle mich schmutziger als ich wahrscheinlich bin und es beginnt mir peinlich zu sein, hier so rumzulaufen. Aber dass ist doch wieder die Gesellschaft, die uns dies aufdrückt und der Volksmund, der uns ins Ohr flüstert, dass wir nicht der Norm entsprechen. Wie ich genau das hasse, aber ich bin so fertig, dass ich mich füge und weiter trotte. Wir verursachen beinahe noch den ein oder anderen Auffahrunfall, weil die Leute in den Autos plötzlich stehenbleiben, um uns nachzustarren oder gar dabei von der Fahrbahn abkommen. Des ist doch wirklich ganz schön peinlich, aber für die, nicht für uns.

Bei der Kurverwaltung angekommen, kriegen wir unseren letzten Stempel. Die nette Dame erklärt uns, wie wir zum Bahnhof kommen und dass gleich ein Zug gehen würde.

Ab zum Bus und an der Bushaltestelle werden wir gleich wieder angepöbelt. Ich will hier weg, in den Wald und ich will meine Ruhe. Bad Birnbach ist übrigens ein Kurort, anscheinend für allerlei Bekloppte und für Alkoholkranke, bloß weg hier.

Wie kommt man aber mit 2 Pilgerinnen, 2 Pilgerstäben und 2 Pilgerkraxen in einen Bus. Um Himmels Willen. Des ist gar nicht so einfach, wie man so denken könnte. Der Bus kommt, die Türen gehen auf, ich schmeiße die beiden Stecken rein und dann die Kraxen, dann krabble ich auf allen Vieren hinterher, die Hanna holt die Fahrkarten. Die Leute kucken uns ganz schön komisch an. Der Bus hält an jedem Kuhfladen, wir kommen aber doch noch rechtzeitig am Bahnhof an, bevor der Zug kommt. So ein Stress. Wir haben gerade noch Zeit eine Zugkarte zu kaufen und einen Plan zu machen, wie wir in den Zug kommen. Der Zug kommt nicht, es werden Fotos gemacht. Der Zug kommt mit ein wenig Verspätung. Selbes Spiel, erstmal rein mit dem Zeug und wir hinterher. Wir bekommen einen schönen Sitzplatz für unsere Kraxen und uns. Die deutsche Bahn hat keine Gepäckfächer für Kraxen, also besetzen wir 4 Plätze und machen erstmal Brotzeit. Wir werden durchaus ganz schön blöd angesehen und ich belausche die anderen Fahrgäste. Was für Probleme die haben. Gott, sind die Peinlich!

Beim Blick nach draußen ins schöne Bayernland zieht die Landschaft so an uns vorbei und unser Blick fällt bei jeder Ortschaft sofort auf den Kirchturm. So bewusst war mir des noch nie, aber sieht man immer hin, wenn man in einen Ort kommt, nicht nur als Pilger.

Werbeanzeigen

Früher oder später bringt der Weg dich zum Weinen.

Jakobsweg Zeitreise – Früher oder später bringt der Weg dich zum Weinen.

Wir kamen wieder aus der Wallfahrtskirche um unseren Weg fortzusetzen. Es regnete immer noch, aber es hilft alles nichts, wir müssen weiter. Der Blick runter nach Bayerbach ist gigantisch. Aber der Weg selbst war schrecklich. Durchnässt ist auch gar kein Ausdruck mehr für den Zustand unserer Sachen. Für den Zustand meines Knies finde ich auch keine Worte mehr. Wir kommen irgendwann in den Ort und suchen dann die Kirche, in der wiedermal keiner ist. Wir fragen uns durch zum Pfarramt. Ich kann echt nicht mehr. Wir irren durch Bayerbach und finden dieses blöde Pfarramt nicht. Die Fragen, die wir stellen, bringen uns auch nicht weiter, irgendwie will uns keiner helfen. Am Kindergarten werden wir wieder zurückgeschickt, wir sind anscheinend am Pfarramt vorbeigelaufen. Ist auch kein Wunder, es ist ein Wohnhaus. Wir klingeln, es macht keiner auf. Ich kann nicht mehr. Wir diskutieren, was wir jetzt machen. Hanna will weiter gehen, ich will nicht mehr. Ich breche zusammen, weil ich wirklich nicht mehr weiter kann. Hanna ist mit der Situation heillos überfordert, entschließt sich aber doch nochmal fragen zu gehen. Wir erfahren, dass der Pfarrer seinen Mittagsschlaf hält und wenn er dies tut, macht er grundsätzlich nicht auf, das wüsste hier jeder. Wir beschließen zu warten, bis sich der Pfarrer rührt. Also warten wir, und warten, und warten… irgendwann regt sich was im Inneren des Pfarrhauses.

Der Pfarrer steht vor der Glastür und macht uns endlich auf, nach über einer Stunde. Wir sagen wieder unser Sätzchen auf und ich überlege mir ehrlich ob ich Sternsinger werden soll. Er ist heillos mit uns überfordert. Er bittet uns erstmal rein, sagt uns aber gleich, dass er für uns eigentlich nichts tun kann. Bayerbach hat keine Unterbringungsmöglichkeit für uns und vorallem nicht der Pfarrer. Was sollen da die Leute sagen, wenn er zwei junge Pilgerinnen aufnimmt. Er hat aber so ein schlechtes Gewissen, weil er uns nicht helfen kann und drückt jeder von uns 20 Euro in die Hand, schickt uns aber dennoch weiter.

Das Wetter ist mittlerweile wesentlich besser, der April tut gerade so, als hätte es heute nie geregnet. Hanna läuft voraus und ich humple hinterher. Am Beginn unserer Pilgerschaft war ich immer vorne und musste immer auf die Hanna warten, jetzt ist es umgekehr, was für mein Gemüt nicht unbedingt so prickelnd ist. Als Kind habe ich wandern mit meinen Eltern immer gehasst, weil mein Vater immer voran gelaufen ist und meine Mutter und meine Schwester haben immer versucht den Anschluss nicht zu verpassen. Und ich war immer die Letzte und hatte immer die Angst sie würden mich in der Wildnis zurücklassen. Genau so fühle ich mich jetzt, dabei sind wir mitten in Bayerbach.

Am Bahnhof von Bayerbach haben wir uns vorsichtshalber mal erkundigt, wie des mit den Zügen so ist. Ja, es ist ein Bahnhof und es kommt ganze 3mal am Tag ein Zug. Wir entschließen uns weiterzulaufen, bevor wir jetzt abbrechen und uns 3 Stunden am Bahnhof den Arsch abfrieren, weil ein Bahnhofsmission gibt es in Bayerbach nicht, dass wurde an Privat verkauft. Also weiter geht es.

In Huckenham entscheiden wir uns nochmal nach einer Unterkunft zu fragen. Wir hoffen inständig auf die Nächstenliebe der Bewohner von Huckenham. An der ersten Tür, an der wir klingeln, kommt nach einer Weile, ein Freizeichen und dann geht der Anrufbeantworter an die Tür. Ganz schön strange. Wir sprechen nichts drauf, außer mein verwundertes: ‚Häh!‘

Dann kommt eine Frau aus einem anderen Haus, die kann uns auch nicht helfen, lässt uns aber in die kleine Kapelle zu Huckenham. Die auch echt malerisch ist, sie ist aber immer versperrt, wegen den Diebstählen in der Gegend. Eigentlich echt der Hammer, wer klaut was aus einer Kirche?

Da kann ich mich an ein Ereignis in meiner Kindheit erinnern, da ist in der Klosterkirche Fürstenfeld, dem kleinen Jesuskind die Königsinsignien geklaut worden. Dann wurde die Klosterkirche solange für die Öffentlichkeit gesperrt, bis sie sie ordentlich vergittert hatten. Seit der Zeit, konnte ich das Jesuskind nur noch durch Kitterstäbe sehen. Erst wird des eh schon nackerte Jesuskind beklaut und dann wird’s auch noch dafür eingesperrt. So komisch ist die Welt.

Ich schweife schon wieder ab, ich weiss. Die Frau, die uns nicht helfen konnte, rannte gleich mal zum Nachbarn, um den zu fragen, ob er uns helfen kann. Vergeblich. Da war jetzt nur noch ein Hof in Huckenham, unsere letzte Hoffnung. Da war ein Herr, der gerade Holz schnitt, der war total von uns begeistert, er hatte uns schon gesehen und hat gleich erkannt, dass wir Pilger sind. Weil er hat gewusst, dass der Jakobsweg an Huckenham vorbeiführt, weil er an dem Jakobswegschild jeden Tag unzählige Male mit dem Traktor vorbeifährt. Er schleift uns auf den Hof, seine Frau ist recht mürrisch. Sie will uns nicht übernachten lassen, er aber schon. Sie hat Angst, dass wir die Ferienwohnung dreckig machen könnten, des ist irgendwie verständlich, so wie wir aussehen. Der Mann überredet sie, weil er es so toll findet, weil zwei so junge Frauen pilgern. Wir versprechen keinen Dreck zu machen und auf dem Boden zu schlafen. Sie gibt irgendwann nach. Wir müssen die Schuhe vor der Tür ausziehen und sie warnt uns nochmal inständig davor Dreck zu machen.

Wow, eine richtige Suite. Wir rühren nichts an, anfangs nichtmal den Fernseher. Ich konnte nach langem Verhandeln mit Hanna wenigstens die Nachrichten rausschlagen. Wir drehten alle Heizungen auf und trockneten erstmal alle unsere Sachen. Ich sitze nun auf dem Sofa, von dem ich mich nun nicht mehr runter bewege. Ich schone mein Knie. Wir essen unsere Vorräte auf, irgendwie haben wir schon gewusst, dass wir morgen heimfahren werden. (Mir ist eingefallen, dass wir den Anderl telefonisch vorgewarnt hatten, für den Fall, dass wir morgen abbrechen!) Obwohl wir nicht darüber geredet hatten, die nächste Bahnstation ist in Bad Birnbach und bis dahin sollten wir doch noch kommen, oder?

Es ist übrigens schon den ganzen Tag und die letzten zwei Blogs lang, der 03.04.08 und morgen ist ein neuer Tag.

%d Bloggern gefällt das: