Des Narren Winterstimmung…

Des Narren Winterstimmung…

hofnarrDraußen pfiff der Wind Staub, Federn und seltsame Gerüche über den Richtplatz. Die Kappe tief ins Gesicht gezogen rannte er über den Hof. Vereinzelte Tropfen fielen vom Himmel. Der aufgewirbelte Staub machte ihm das Atmen schwer. Die salzige Luft, die der Wind aus der Bucht hergebracht hatte, vermischte sich mit dem Gestank. Würgend hustete er, als hätte er eine der Federn einatmete. Sicherheitshalber wickelte er seinen Schal um Mund und Nase, nicht dass er noch eine dieser Federn verschlucken würde. Leise und geduckt rannte er in Richtung Thronsaal. Die Wachen schliefen, wie nachlässig, also konnte er ungehindert durch die Seitentür in den Saal gelangen. Für einen Moment pfiff der Wind durch die Tür, bis er sie mit Müh und Not geschlossen hatte. Die kleine, geduckte Gestalt tapste an den Säulen vorbei und lief schnurstracks auf den Thron zu. Er war sehr erschöpft und dachte er käme gar nicht mehr an seinem Ziel an, seine Schritte wurden immer langsamer. Bei jedem seiner Schritte schien der Weg weiter zu sein, als der Thronsaal eigentlich lang war und er hatte das blöde Gefühl, als wäre ein böser Zauber im Spiel. Er musste sich ausruhen, er war so müde und ausgebrannt. Durch seinen Erschöpfungszustand wirkte seine Gestalt noch kleiner, als sie ohnehin war. An seinen Schuhen waren Schellen befestigt und an seinem Gürtel hingen ein paar Glöckchen. Doch sie gaben keinen einzigen Ton von sich. Es schien so, als wären die Glocken des Klingens genauso Müde geworden, so wie die Beine des Narren müde waren zu laufen.

Endlich war er an den Stufen angekommen, die zum Thron seines Herren führten. Schwerfällig kroch er die Stufen hinauf und blieb schwer atmend auf dem kleinen Teppich vor dem großen Stuhl sitzen. Nach einem langen Moment rappelte er sich auf und kletterte auf die Sitzfläche des Thrones und lies sich keuchend auf den Sitz fallen. Nach einem nicht endend wollenden Hustenanfall, bei dem er tatsächlich eine Feder aus hustete, blieb er wie ein Häuflein Elend an Ort und Stelle liegen.

Irgendwann regte er sich, als er die Kappe aus seinem Gesicht schob und sich verstohlen nach allen Seiten umblickte. Sein Herr und Meister war weit und breit nicht zu sehen. Er seufzte laut und atmete tief ein, seine Knochen knackten und er richtete sich so seiner vollen Größe auf. Nun ja, größer als er eigentlich war, ging es eben nicht. Da lies er die Luft wieder aus seinen Lungen und sackte wieder etwas zusammen. Ein kurzes Aufblitzen in seinen Augen brachte wieder Leben in seine Gestalt. Er legte blitzschnell beide Füße über die Armlehne. Die Schellen an seinem Schuh machten einen ungeheuren Lärm und verstummten auch nicht, als er sich gelangweilt zurücklehnte und die Arme hinter dem Kopf verschränkte. Die Kappe war ihm nun gänzlich vom Kopf gerutscht und viele verfilzte Strähnen fielen ihm über sein pockennarbiges Gesicht. Er grinste bis über beide Ohren, was sein narbiges Gesicht zu einer hässlichen Fratze verzog. Sein Herr hatte an seinem abartigen Äußeren gefallen gefunden, weil sonst wäre er nicht sein Narr und Prügelknabe geworden. Summend blies er ein paar Strähnen aus seinem Gesicht und wippte mit den Füßen, so dass die Schellen keinen Moment verstummen würden. Als er ein Geräusch hörte, zog er die Beine von der Armlehne, setzte sich wieder aufrecht hin und lauschte. Sein Grinsen entspannte sich und sein Gesicht sah eingefallen und leer aus. Er stütze sich auf seine Fäuste und lehnte sich ein wenig auf die Seite. Sein knochiger Hintern erhob sich halbseitig vom Thron, er machte ein angestrengtes Gesicht und dann erschallte ein gewaltiger Furz. Das Geräusch hallte unerbittlich durch den Saal und man hätte den Eindruck gewinnen können, dass die schweren Wandbehänge ehrfürchtig vor dem Furz erzitterten. Keiner hätte vermutet, dass so ein kleiner Kerl einen solchen weltenerschütternden Furz vollbringen hätte können. Aber er konnte es und der erbärmliche Gestank hätte jede Arme in die Flucht geschlagen. Sein Gesicht entspannte sich wieder und er lies sich wieder auf die Sitzfläche sinken.

‚Warzengesichtiger Possenreißer, was sitzt er auf meinem Stuhl!‘ erschall eine Stimme hinter ihm.

Vor Schreck wäre er fast vom Stuhl geflogen und er begann unterwürfig zu stottern: ‚Meine Wenigkeit wollte Eurer Magnifizenz die Sitzfläche etwas erwärmen!‘

Sein Herr und Meister holte aus und der Narr rutschte geschickt vom Thorn und purzelte die Stufen hinunter und blieb breitbeinig auf dem roten Teppich liegen.

‚Was stinkt hier so?‘

‚Als Ihr in Eurem unermesslichen Ratschluss den Kanalbauer köpfen lieset, hättet Ihr seinen Lehrling vielleicht doch nicht aus der Stadt jagen sollen!‘ rief der Narr, rappelte sich auf und lief so schnell er konnte davon. Erst vor der Tür zu seiner Kammer blieb er stehen und schlüpfte geschmeidig durch den Spalt. Er hatte nicht mal ein Bett, so hatte er sich ein altes Fell auf den Fenstersims gelegt. Und genau da lies er sich nun nieder. Mit einem alten Vorhang deckte er sich zu. Der Wind pfiff durch den Bretterverschlag, der vor dem Fenster angebracht wurde, damit es nicht so zöge. Er blickte durch ein Astloch nach draußen. Der Dreikönigstag war vorbei und der Winter lies sich wahrhaftig Zeit. Es war entschieden zu warm für diese Jahreszeit, aber doch fror der Narr. Zähneklappern hüpfte er vom Sims und schürte das Feuer nochmal hoch. Dann suchte er sich eine weitere Decke und ging wieder auf seinen Platz, um weiter nach draußen zu starren und weiter vor sich hin zu zittern. Der Wind schlug gegen die Bretter. Er glitt in einen unruhigen Schlaf über und er träumte seltsame Dinge. Er lag in einem Fischerboot, das antriebslos im Meer von einer Welle zur Nächsten hilflos hin und her geschaukelt wurde. Ein Meer von Tränen seiner eigenen Unzulänglichkeiten. Der Wind war eiskalt, doch der Himmel hatte nicht mal eine Schneeflocke für ihn. Verwirrt schreckte er aus dem Schlaf hoch und schaute wieder nach draußen. Er konnte seinen Atem sehen. Neugierig kroch er näher, um besser nach draußen blicken zu können. Der Mond stand groß und rund über dem Meer. Ein paar hilflose Fischerboote wurden vom Wind übers Meer getrieben. Schwere, schwarze Wolken wurden über den Himmel getrieben und dann brachen sie auf. Große, weiße Flocken schwebten langsam vom Himmel herab.

Er atmete tief durch und blickte lächelnd nach draußen. Die Schneeflocken tanzten an seinem Auge vorbei und bedeckten schon bald den feuchte Boden. Ein Träne rann ihm über die Wange und sie gefror noch bevor sie von seiner Wange tropfen hätte können. Der Winter war endlich gekommen und brachte endlich Ruhe und Frieden. Mit einem Lächeln auf dem Gesicht schlief er wieder ein. Am nächsten Tag fand man ihn erfroren in seiner Kemenate.

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Wintervollmondnacht

Wintervollmondnacht

Der Blick im Dunkeln ins Tal war atemberaubend. Durch die verschneite Landschaft konnte man über das ganze Tal blicken, obwohl es schon kurz vor Mitternacht war. Der Vollmond erhellte die Winterlandschaft noch mehr. Sie hatte das Gefühl, als würde sie jede einzelne Schneeflocke anblinzeln.

Die klirrende Kälte ließ ihr die Nasenflügel beim Atmen aneinander kleben. Schwer atmend wickelte sie den Schal noch fester um ihr Gesicht und machte sich an den Abstieg. Die Kälte saß ihr schwer in der Brust. Der gefrorene Schnee knirschte unter ihren Trippen. Die Kraxe auf ihrem Rücken war schwer, hielt ihr aber den kalten Wind vom Rücken.

Der Bauer wird sich schon Sorgen machen, weil sie so spät noch nicht wieder aufm Hof war. Sie war zu Besuch bei ihrer Großmutter gewesen und sie hatten sich so viel zu erzählen. Deswegen war sie jetzt auch viel zu spät noch unterwegs. Aber jetzt hatte sie es fast geschafft, sie musste nur noch den Berg wieder hinunter laufen, dann noch durch den Ort und dann war sie wieder daheim.

Mit den Gedanken an die warme Stube, machte sie einen Schritt den Abhang hinab, trat dabei wohl auf eine Eisplatte und rutschte aus. Sie konnte sich mit dem Wanderstab gerade noch abfangen. Und in dem Moment als sie sich gerade wieder aufrappelte, kam sie erneut ins Rutschen. Der Schnee gab unter ihr nach und sie rutschte mit samt allen Schnee den Hang hinunter. In einer Wolke aus aufgewirbelten Schnee purzelte sie den gesamten Berg hinab und kam erst wieder zum Stillstand als sie mit dem ganzen Körper an einer Holzwand des ersten Hofes auftraf.

Von der Wucht des Aufpralls stürzte sie in den Schnee zurück und wurde vom nachrutschenden Schnee begraben. Reglos blieb sie liegen. Die Kraxe hatte sich im Laufe ihres Sturzes entleert und war dann unter ihr zerbrochen.

Benommen versuchte sie ihre Arme zu bewegen. Sie hatte den Wanderstab immer noch in der Hand und umklammerte ihn vor ihrer Brust. Beim Zusammenstoß mit der Hütte hatte sie sich die Hand verletzt, deswegen konnte sie nun auch den Stab nicht loslassen, weil ihre Finger vor Schmerzen so verkrampft waren. Sie atmete schwer aus und blies dabei den Schnee von ihrem Gesicht.

Plötzlich griff sie jemand an ihren Arm und riss sie hoch. Sie öffnete den Mund um schmerzerfüllt aufzuschreien. Es fiel ihr aber nur noch mehr Schnee in den Mund. Vor Schmerz hatte sie dann den Stab doch losgelassen. Dem Ersticken nahe versuchte sie den Schnee auszuhusten. Die starken Hände, die sie gepackt hatten, nahmen sie nun um den Ellbogen und halfen ihr fast schon behutsam aus dem Schnee. Es wurde mit ihr geredet, sie verstand aber kein Wort. Sie wurde nun geschüttelt, weil sie keine Reaktion gezeigt hatte.

Ihr Helfer hob sie grob über die Schulter und trug sie fort. Sie ließ es einfach geschehen, in der Hoffnung ihr würde schon geholfen werden. Zu mehr hätte sie eh die Kraft nicht gehabt. Sie wurde umständlich auf einen Stuhl gesetzt. Dann erst konnte sie die Helligkeit wahrnehmen. Es wurden ihr die Schuhe und Strümpfe ausgezogen und es wurden ihr die Füße mit einer körnigen Masse eingerieben. Erst nach einer Weile stieg ihr der Geruch von Senf in die Nase. Ihr wurde eine warme Flüssigkeit eingelöst. Es war irgendwas mit Schnaps. Sie hustete wieder. Unscharf konnte sie einen Mann erkennen, der ihr aus den nassen Klamotten half.

Nachdem ihr ganzer Körper vor Kälte bebte, ließ sie auch dies wehrlos geschehen. Langsam kamen die Töne in ihr Ohr zurück. Sie hörte erst ganz leise jemand neben ihr reden, dann wurden die Worte immer lauter, bis sie so laut waren, dass sie das Gefühl hatte, dass ihr Kopf jeden Moment zerspringen würde.

‚Geh Bua, lauf zum Dokta nüber. Der soi beim Huababauer bescheit gem und dann her kemma.‘

‚Ja, ähm!‘

Nix, ähm! Der Dokta is da oanzige mit am Telefon im Ort. Und da Huababauer ist da oanzige drüm in Kirch, er soi zum Sattler Toni nüber laufn… Muss i dir ois vorkaun!‘

Sie verstand nicht wirklich, was da geredet wurde. Am Ende des Gespräches spürte sie nur einen kalten Luftzug und hörte eine Tür knallen. Jemand legte ihr eine Decke über die Schultern, nahm sie hoch und trug sie zur Ofenbank. ‚Da hast di aber gscheit verlaufn, Traudl!‘ sagte die Stimme von vorhin zu ihr. Er nahm sie am Kinn und zog ihren Kopf hob. ‚Traudl?‘

Sie öffnete die Augen vollends und starrte in ein freundliches, aber wettergegerbtes Gesicht, dass sie zu kennen schien. Es fiel ihr aber nicht ein, wer sich da so liebevoll um sie kümmerte.

Sie dämmerte wieder weg, bis sie leichte Schläge gegen ihre Wangen verspürte.

‚Des könnt a bissal weh tun!‘ meinte ihr Helfer mit ruhiger Stimme und in dem Moment hatte er ihre Finger schon wieder eingerenkt und vor Schmerz war sie nun endgültig ohnmächtig geworden.

Der Bub war mit einer schlechten Nachricht wieder gekommen. Der Doktor sein wohl bei seinem letzten Hausbesuch eingeschneit worden. Das Telefon sei tot und der Schneepflug sei irgendwo zwischen Berg und Kirch steckengeblieben. Ihr Helfer versorgte die bewusstlose Traudl und brachte sie in sein Bett.

Als sie wieder erwachte, lag sie in einem Bett. Jemand saß neben ihr und war auch eingeknickt. Sie erkannte den Hufschmied zu Berg. Sie hatte sich wohl wirklich ganz schön verlaufen. Tastend suchte mit ihrer Hand nach der Seinen. Er war erwacht, kam ihr mit seiner Hand entgegen und hielt sie fest. Dann flüsterte er: ‚Ois wird guat, der Schneepflug wird kommen!‘

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