Mein erster Schultag – Folge 1

Mein erster Schultag – Folge 1

heim

Oh Mann, ich hätte mir echt nie träumen lassen, dass ich mit 36 nochmal die Schulbank drücken würde. Aber so ist es nun.

Gut, sagen wir es mal so, ich werde hinter dem Pult stehen. Aber komisch ist es schon. Ich bin meinen Lehrern bis zum Abi ziemlich auf den Sack gegangen.

Meine Fresse, musste ich viel Strafarbeiten machen. Manchmal kam ich mir echt so vor, wie Bart Simpson. Bart Simpson mit Abi. Nur der kleine blonde Junge ist mit 36 zwar gewachsen, aber nicht im Mindesten erwachsen geworden und ich komme im Moment noch nicht so ganz damit klar, dass ich jetzt Lehrer sein soll.

Als ich in Ulm im Krankenhaus lag, hat mir der Berufsberater gesagt, selbst wenn ich nicht wieder Laufen könne, dann könnte ich mit meinen Qualifikationen immer noch Lehrer werden. Damals wusste ich nicht so genau, ob er mich beleidigen oder aufmuntern wollte. Ich habe meine Zeit im Krankenhaus genutzt und habe ein Aufbaustudium fürs Lehramt gemacht. Ich bin jetzt Lehrer für Geschichte und Sozialkunde und wenn ich endlich wieder sporttauglich bin, dann werde ich vielleicht auch Sportlehrer sein.

Ja, der Sport. Ich war ein erfolgreicher Sportler. Hab ein paar Goldmedaillen gewonnen. Habe bei der Bundeswehr studiert und war im Sportförderprogramm. Dann gab es einen kleinen Skandal. Der Goldjunge ist eine Schwuchtel. Es gab ein paar blöde Fotos von früher. So Nacktfotos nach dem Motto: ‚Ich war jung und brauchte das Geld!‘

Ich wurde aus der Olympiamannschaft ausgeschlossen. Der Skandal kam eigentlich zur rechten Zeit, weil nach 30 hat man im Profisport eh fast nichts mehr verloren. Entweder Doping, Werbestar oder Trainer. Und für einen schwulen Trainer hatten sie keine Verwendung.

Mein Freund hatte sich dann von mir getrennt, weil er mit meinem unfreiwilligen Outing nicht klarkam. Verstehen muss das keiner, am Allerwenigsten ich. Eigentlich wäre das der Punkt gewesen, wo jeder normale Typ zum Saufen angefangen hätte, aber nein der Goldjunge hat sich für einen Auslandseinsatz gemeldet. Ich war in Afghanistan und bin von ein paar einheimischen Müttern angeschossen worden. Dabei wollte ich ihnen nur Lebensmittel bringen. Zum Dank haben sie mir noch eine deutsche Handgranate hinterhergeworfen. Hm. Ein Paar von diesen Splittern der deutschen Wertarbeit stecken immer noch in meinem Hintern. Ein Schuss ging um Haaresbreite an meiner Libido vorbei, ein Zweiter zerfetzte meinen linken Oberschenkel. Deswegen humple ich auch immer noch. Ein dritter und vierter Schuss zerfetzte nur die Milz und ging zum Glück an allem anderen Lebenswichtigen vorbei. Als ich aufgrund der Detonation der Handgranate mit meiner Fresse im Natostacheldraht von den lieben Kollegen des Nachbarstützpunkt landete, waren die Amis es, die mir das Leben und den Großteil meines Gesichtes gerettet hatten. Deswegen bin ich heute besonders hübsch anzuschauen.

Nach der Reha bin ich in die Nähe von meiner neuen Arbeitsstelle gezogen und wartete, dass endlich die Sommerferien vorbeigingen. Dass jemand, der früher die Schule so sehr hasste wie ich, sich mal darüber freuen könnte, dass die Sommerferien endlich vorbei waren, bringt mich tatsächlich sehr zum Grübeln.

Aber heute war es endlich soweit: Mein erster Schultag, ich komme.

Mein Bein tut mir weh, jeden Tag. Vor allem, wenn ich laufe. Warum habe ich Depp den Gehstock daheim gelassen? Nur keine Schwäche zeigen, dass haben sie uns schon in der Grundausbildung beigebracht. Jetzt stehe ich vor dem Tor, des ‚Herschiba Kimmelmann – Internat für schwer erziehbare Mädchen und Jungen‘.

Hm. Jungen. Mit Jungs hatte ich es auch selten. Egal. Auf dem Schild des Internats hatte einer mit roter Farbe aus dem K ein P gemacht und einen phantasmagorischen Überpenis auf das Schild gemalt. Ich zog mein Handy aus der Hosentasche und machte ein Foto.

Ein griesgrämiger Mann kam mir entgegen, mit einem Eimer mit Chemikalien und einem Schwamm. Er schimpfte über die Jugend heutzutage. Ich legte meine Keykarte auf den Sensor beim Einfahrtstor und das Tor öffnete sich.

Der Griesgram blickte im Vorbeigehen auf und grüßte mich: ‚Ah, der Neue!‘

‚Ja, der Neue! Einen wunderschönen guten Morgen!‘ sagte ich freundlich, aber ohne zu lächeln. Das habe ich mir abgewöhnt, weil immer wenn ich mein Gesicht zu einem Lächeln verziehe, verziehen meine Narben mein Gesicht zu einer gruseligen Fratze und das verschreckt die Meisten.

Er ging an mir vorbei, griff an seine Mütze und sagte dann zu mir, in einem leicht ostdeutschem Dialekt: ‚Sie sind ein Wenig dürr für den Knochenjob! Nicht, dass sie uns am ersten Tag noch zusammenklappen!‘

Sein Dialekt war kaum erkennbar, aber ich erkannte ihn sofort. Viele meiner Sportlerkollegen kamen nach der Wende in den Kader und waren wirklich eine starke Bereicherung für den Sport. Was nun diesen Mann hierher verschlagen hatte, würde ich noch rauskriegen, also antwortete ich freundlich: ‚Nein, keine Sorge, so schnell kriegt man mich nicht klein.‘

Den Hausmeister hätte ich mal erleben wollen, wenn um einen herum die Granaten einschlagen. Ich humpelte kopfschüttelnd die Einfahrt entlang, dachte darüber nach, dass ich tatsächlich ziemlich viel Gewicht verloren hatte. Mein Appetit war so gut wie gar nicht vorhanden und mein Arzt meinte, dass das ganz normal wäre, bei einer beginnenden Depression. Die Medikamente, die er mir verschrieben hatte, habe ich mit meinen Schmerzhämmern das Klo runtergespült und mein Rezept für CBD endlich eingelöst. Ich verdampfe nun das, was andere in den Knast bringt. Der einzige Nachteil, das Autofahren sollte ich sein lassen, aber dafür habe ich gezwungenermaßen mehr Bewegung, alles zusammen hat sich die Sache mit dem Appetit auch irgendwie gelöst. Grübelnd trat ich durch die nächste Tür. Das Piepsen des Türöffners ging mir schon auf den Sack und ich war noch nicht mal im Schulgebäude. Ich ging also durch die zweite Tür und kam mir schon vor wie im offenen Vollzug.

Ich war gerade einen Schritt in der Schule und da rannte auch schon ein Mädchen an mir vorbei. Sie heulte und sah ziemlich verängstigt aus. Wie ich heulende Frauen hasse. Ein Kerl kam um die Ecke gebogen, ein richtiger Schlägertyp.

Als er an mir vorbei rasen wollte, hielt ich ihn auf.

‚Was geht hier vor?‘ rief ich in meinem üblichen Ausbilderbefehlston. Der Typ zuckte zusammen und blickte mich entgeistert an. Ich war doch einen ganzen Tacken größer wie er. Zum Glück bin ich ein ganzes Stück gewachsen, seitdem ich das letzte Mal in der Schule war.

‚Hey, ich will mit meiner Freundin reden!‘ stammelte er.

‚Ich geb dir mal n Tipp. Wenn deine Freundin, aus welchem Grund auch immer, flennt und vor dir wegrennt. Dann ist das vielleicht der Grund, dass du ihr nicht nachlaufen solltest.‘ versuchte ich ihm zu erklären.

‚Ja, aber!‘ versuchte sich der Typ zu rechtfertigen. Und danke lieber Gott für dieses: ‚Ja, aber!‘

‚Nichts ja aber! Name und Klasse!‘ rief ich in meiner üblichen Art, ohne darüber nachzudenken, dass ich vielleicht meinen Ton zügeln sollte, wenn ich mit Kindern redete. Gut, der Typ sah nicht aus wie ein Kind und er konnte den harten Umgangston anscheinend gut gebrauchen.

‚Heino Müller, Klasse 10 b!‘ kam es wie aus der Pistole geschossen.

‚Heino Müller, Klasse 10 b, sehr schön!‘ sagte ich und notierte mir den Namen auf einem Notizblock, den ich aus meinem Hemdsärmel gezaubert hatte. Irgendwie gefiel es mir hier.

Ich ließ den verdutzten Jungen stehen, ging weiter und hoffte inständig, dass da hinten das Lehrerzimmer war. Um die Ecke kniete eine Frau bei dem Mädchen, das sich allen Anschein nach schon wieder halbwegs beruhigt hatte.

‚Ist dieser Heino Müller, Klasse 10b, dein Freund?‘ fragte ich und blickte auf meinen Block.

‚Nein!‘ krächzte sie.

‚Ja, aber er denkt das!‘ meinte die Frau, die bereits aufgestanden war und mir die Hand hinstreckte. ‚Ich bin Abby Miller, Deutsch, Englisch, Kunst und Erziehungskunde bei den Mädchen!‘

‚Oh, guten Tag, Herbert Kowalski, Lehrer Geschichte, Sozialkunde!‘

‚Ähm und Sport und Erziehungskunde bei den Jungen!‘ erklärte sie mir.

‚Bitte was?‘ stolperte aus meinem Mund. Ich muss leicht hysterisch geklungen haben, als ich das fragte, weil sie mich amüsiert anblickte.

‚Der Unterrichtsplan wurde gestern nochmal geändert. Der Sportlehrer der Jungen hat sich vor 3 Wochen erhängt, dann gab es einen kleinen Skandal und die Chefin ist suspendiert. Das Jungen und Mädcheninternat wurden zusammengelegt. Willkommen im Chaos.‘ rief sie wieder und lächelte mich herzlich an.

‚Gut, nun zu dir, Mädchen.‘ Die Kleine stand auf, wischte sich die Tränen vom Gesicht und zog den Rotz hoch, bevor sie mich neugierig anblickte. ‚Also, wenn du nicht jeden Tag hier heulend durch die Gänge laufen willst, dann solltest du ein Exempel statuieren und zwar vor allen Leuten. Aber keine Gewalt, irgendwas Irrationales. Küss den Klassen-Nerd oder die Klassen-Nerdin, oder beide, was dir in den Sinn steht.‘

‚Fräulein Miller, was ist denn mit Müller los, der ging grad freiwillig in seine Klasse und es ist grade Mal…!‘ Der weißhaarige Mann, der zu ihnen gesprochen hatte, blickte auf die Uhr. ‚Es ist grade Mal 7.20 Uhr!‘

‚Ähm, guten Morgen Herr Direktor, da müssen Sie den Kollegen Kowalski fragen!‘

‚Guten Morgen, Herr Direktor! Ich habe seinen Namen auf meinen Block geschrieben und ich gab ihm Beziehungstipps, Herr Direktor!‘ machte ich stolz Meldung.

‚Gut Herr Kowalski. Kommen Sie gleich mit in mein Büro!‘

Ich folgte ihm und das Mädchen lächelte schon wieder. Diese Frau Miller grinste uns hinterher.

‚Mein Name steht da auf dem Schild. Aber ich habe es nicht so mit den Förmlichkeiten. Ich habe diesen Schießjob übernommen, weil sie keinen Besseren gefunden haben. Unser Ziel ist es hier, alle irgendwie zu einem Abschluss zu verhelfen und zwar so, dass sie einen richtigen Job kriegen und dem Staat nicht weiter auf der Tasche liegen. Wir haben zu wenig Lehrer, keine Mittel und die neue Schulreform und der Skandal haben uns die wenig durchdachte Zusammenlegung beschert. Ich musste mein Lieblingsfach abgeben, mache aber nun die Hausaufgabenbetreuung. Wir müssen nun alle zusammenhalten!‘

‚Herr Direktor Walddorfer!‘ Las ich auf dem Schild. ‚Ich bin ein Wenig überfahren. Ich weiß nicht, ob Sie meine Akte gelesen haben, aber ich kann mit den Jungen keine Erziehungskunde und im Moment keinen Sport machen.‘ Ich tippte gegen mein kaputtes Bein.

‚Ich habe mir Ihre Akte letzte Nacht sogar mit ins Bett genommen, wirklich sehr spannend. Haben Sie sich schon mal überlegt ein Buch zu schreiben? Sie sind ein Held. Genauso jemanden brauchen wir hier!‘

‚Ich habe aufgrund meiner sexuellen Ausrichtung darum gebeten, keine Jungen unterrichten zu müssen und deswegen hab ich mich auch für die Halbtagsstelle für das Mädcheninternat beworben.‘

‚Machen Sie sich keine Sorge, so schnell kommen Sie nie wieder von Teilzeit auf Vollzeit. Es wird sich keiner beschweren und ich gehe davon aus, dass Sie Ihre Finger bei sich behalten können! Wir sind hier nicht auf einer katholischen Schule, Herr Kowalski!‘ meinte der Direktor, grinste blöd und blickte mich fragend an, obwohl sein Satz nicht als Frage zu verstehen war, eher als Feststellung. Und sein Humor ging völlig an mir vorbei.

Ich zog nur eine Augenbraue rauf und erklärte dann: ‚Ich war bei der Bundeswehr und ich weiß mich zu benehmen!‘

‚Sehr gut! Ich bin ein Freund von unkonventionellen Mitteln und wir versuchen die Kinder auf das Leben da draußen vorzubereiten. Und bei der Jugend heutzutage sind Sie richtiger als Sie jetzt vielleicht denken. Denn wenn Sie den Kindern nicht zu einem dicken Fell verhelfen können, dann weiß ich auch nicht weiter. Die meisten Eltern können sich nicht beschweren, weil sie selbst im Knast sitzen, tot oder ständig auf Geschäftsreise sind. Den Eltern sollte klar sein, dass es für ihre Kinder keine Alternativen mehr gibt. Entweder die Kids packen das hier, oder sie haben ein Leben zwischen Harz IV und Knast vor sich.‘

‚Aber ich kann im Moment noch keinen praktischen Sportunterricht machen.‘

‚Ja, deswegen haben wir unseren Werklehrer Lempke gebeten für die praktischen Übungen einzuspringen. Er hat im Sommer schon das Ferienprogramm mit den Schülern gestaltet. Er war in der DDR mal Meister im Zehnkampf.‘

‚Warum macht er dann nicht den Sport?‘

‚Weil er eigentlich unser Hausmeister ist!‘

‚Ich dachte er wäre der Werklehrer?‘

‚Ja, Werken, Aufsicht und Berufsvorbereitung darf er machen, aber er ist halt kein Pädagoge.‘

‚Das bin ich auch nicht!‘

‚Ja, aber Sie haben doch bei der Bundeswehr Bildungswissenschaften, Geschichte und Sport studiert und waren jahrelang Ausbilder. Mit dem Aufbaustudium sind Sie Lehrer. Sie haben nicht mal Probezeit. Der Staat mag Sie und ich will Ihnen eine Chance geben, wieder aufs Pferd zu steigen.‘

‚So lange Sie Ihren Kopf hinhalten!‘

Er nickte und hörte sich nun an, wie ein richtiger Lehrer: ‚Holen Sie sich ihre Unterlagen im Lehrerzimmer ab und dann treffen wir uns alle in der Aula. Ich habe eine Ansprache zu halten. Dann gehen Sie in ihre Klasse. Viel Vergnügen an ihrem ersten Tag!‘

Ich ging kopfschüttelnd aus der Tür und vor der Tür stand das Mädchen von vorhin. Sie hatte scheinbar auf mich gewartet.

‚Wollt mich noch für Ihre Hilfe bedanken!‘ krächzte sie wieder und dann rannte sie einfach weg.

Noch mehr kopfschüttelnd ging ich ins Lehrerzimmer, dass netterweise gleich gegenüber vom Rektorenzimmer war.

Als ich das Lehrerzimmer betrat, wurde ich von Standing Ovations begrüßt.

‚Willkommen im Bootcamp!‘ meinte ein älterer Herr und klopfte mir auf die Schulter.

Erstveröffentlicht: 02.07.2013

Fortsetzung folgt vielleicht…

 

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