Drei und eine Axt – Teil 32

Eine Axtgeschichte – Drei und eine Axt – Teil 32

reiter_neuAm nächsten Morgen war das Lager des Khan bis auf eine Jurte abgebaut und sie waren weitergezogen. Und als Wena vor die Jurte trat, stand Merle und Elger mit ihren Kindern auf den Armen vor ihr. Merle war ziemlich blass um die Nase und sie schien geweint zu haben.

‚Der Khan hat es vorgezogen weiterzuziehen und es auf den Fluch der weißen Hure ankommen zu lassen. Ich widersprach ihm und da unten steht alles was ich noch besitze.‘

‚Was ist denn nur in ihn gefahren?‘ rief Wena aufgebracht.

‚Mutter ist dem Wahnsinn anheim gefallen und vergiftet alle mit ihren Lügen!‘

‚Dann kommt erst mal rein! Ich wecke Halef und unsere weiße Hure!‘

Wenig später saßen sie alle in der Jurte des Sippenführers und hielten Rat, während sie aßen und Tee tranken.

‚Macht es Sinn die Jurte rüberzuholen?‘ fragte Halef.

‚Wir sollten es gleich tun, bevor der Schnee zu hoch wird.‘ stammelte Otar und blickte Elger an, der ihm freundlich zunickte.

‚Haben wir genug Vorräte, um alle durch den Winter zu bringen?‘ fragte Vira nachdenklich.

‚Ähm… ich hab die letzten Tage damit verbracht, Vorräte in unserer Jurte zu verstecken.‘ beichtete Merle.

‚Ihr habt das schon kommen sehen?‘ fragte Wena.

‚Ich hab das schon kommen sehen!‘ rief Merle. ‚Als Elger und der Khan fort war, wurde mir verboten zu euch zu gehen und da hab ich angefangen Vorsorge zu treffen.‘

‚Eine schlaue Frau hast du da!‘ grinste Wena und schloss Merle in die Arme.

‚Mein Anteil an der Rinderherde habe ich heute Nacht schon über den Fluss getrieben und sie im Wald gelassen! Dein Hund war so nett mir dabei zu helfen.‘ berichtete Elger.

‚Und ich hab mich schon gewundert, wo dieser Köter sich schon wieder herumtreibt.‘ lachte Halef erstickt.

‚Na dann mal los, wir haben noch viel zu tun.‘ rief Vira und stand auf.

‚Wenn mir jemand aufs Pferd helfen könnte, kann ich nach der Herde sehen!‘ meinte Halef. Er stemmte sich hoch und humpelte durch die Jurte.

‚Alur wird dir helfen. Die Kinder sollen sich anziehen und den Schnee wegräumen.‘ meinte Otar und eilte aus der Jurte.

Elger folgte ihm und meinte: ‚Ich hab ein paar Hühner, 12 Pferde. Eine Herde Schafe und Ziegen habe ich auf der Steppe gelassen. Zum Glück hatte ich genug Seil.‘

Ziska nahm Merle auf die Seite und zischte ihr zu: ‚Wie lang weißt du schon, dass du schwanger bist?‘

‚Bitte was?‘ riefen Vira und Wena.

Merle kam ins Straucheln und Lamina konnte sie gerade noch festhalten, damit sie nicht hinfiel.

‚Ups, du wusstest es gar nicht? Herzlichen Glückwunsch.‘ rief Ziska überrascht.

‚Woher weißt du es?‘ stammelte Merle, während sie sich an Lamina klammerte.

‚Übertriebener Nesttriebbau!‘ rief Wena und grinste über beide Ohren. ‚Na dann lasst uns mal ein Nest für euch bauen.‘

‚Ja und du steigst mir auf kein Pferd mehr…!‘ meinte Vira ernst.

Dann gingen die Frauen nach draußen und machten sich ans Werk.

Am Ende des Tages waren alle völlig geschafft und saßen ums Feuer in der Jurte des Sippenführers.

‚Wir sind schon so ein Haufen!‘ rief Kejnen. Er hatte zu viel vom Likör erwischt, den Ziska zur Feier des Tages aufgemacht hatte. ‚Ein Krüppel und eine H…!‘ Er räusperte sich und meinte dann: ‚H… Hexe!‘

‚Ich dachte ich bin der Krüppel!‘ meinte Halef und lachte bitter.

‚Nein, mein Sohn. Wenn sie die Hexe ist, dann bin ich wohl die Hure.‘ meinte Vira ernst. Auch sie hatte etwas zu viel getrunken.

‚Nein, nein. War ich nicht die Hure?‘ meinte Lamina und grinste über beide Ohren.

‚Wenn hier einer das Wort ‚Hure‘ im Titel trägt, dann bin ich das, Halef Hurensohn!‘

‚Da blickt doch keiner mehr durch!‘ meinte Otar. ‚Ich bin der Schwachkopf, soviel ist mal klar.‘

‚Ja, aber mein Schwachkopf.‘ rief Wena. ‚Und ich bin die Glucke!‘

‚Und ich bin wohl die diebische Elster!‘ rief Merle und gab die Likörflasche an ihren Mann weiter, ohne zu trinken. ‚Und schwanger!‘

Elger lies fast die Flasche fallen. Er stotterte vor sich hin und brachte doch kein Wort heraus. Dann versuchte er seine Frau in die Arme zu schließen und selbst das schaffte er nicht. So rutschte Merle näher zu ihm hin und nahm ihn liebevoll in den Arm und küsste sein Stirn.

‚Gut, mein Bruder ist der Schwachkopf!‘ meinte Wena und lachte laut.

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Drei und eine Axt – Teil 31

Eine Axtgeschichte – Drei und eine Axt – Teil 31

reiter_neuDie ersten Schneeflocken tanzten vom Himmel und der Khan und Elger kamen wieder. Seine Laune war nicht viel besser, als die Stimmung in seinem Lager. Aber das Leben ging wieder seinen gewohnten Gang, irgendwie. Der Khan war still und alle kuschten vor ihm. Keiner wagte es ihm in die Quere zu kommen. Auch Elger erzählte nichts von dem, was sie in den letzten Tagen erlebt hatten. Und Merle schien ständig von den anderen Frauen beschäftigt zu werden, so dass sie nicht mal den Blick über den Fluss werfen konnte. Wena litt darunter, dass ihre eigene Familie kein Wort mehr mit ihr wechseln wollte. Und vor allem wusste sie nicht wieso?

Mittlerweile hatte der Winter das Land in seiner Gewalt und Ziska entschloss sich dem Schweigen ein Ende zu bereiten. Sie kleidete sich in ihr Festtagsgewand und schritt barfuß über den zugefrorenen Fluss hinüber zum Lager des Khan.

Keiner wagte es, sich ihr in den Weg zu stellen und so ließ man sie in die Jurte des Khan.

‚Auch wenn du einen Sohn schon vor Jahren verloren hast, rechtfertigt es nicht, dass du deine Tochter mit Missachtung strafst. Sie trifft keine Schuld, nur weil sie ihr Leben auf der anderen des Flusses führt.‘

‚Wir haben viel zu tun, der Winter hat uns überrascht!‘ erwiderte der Khan.

‚Wie kann etwas überraschen, was doch jedes Jahr zur selben Zeit daher kommt.‘

‚Du beschämst deinen Khan!‘ rief der Khan ungehalten.

‚Der Khan beschämt sich selbst. Wenn der Khan uns überdrüssig ist, warum seid ihr dann noch hier auf dem Land des Sippenführers.‘ spie sie ihm förmlich entgegen.

Der Khan war das erste Mal in seinem Leben wirklich sprachlos.

Sie riss sich den Kopfschmuck vom Kopf und warf ihn dem Khan vor die Füße. ‚Wenn das so ist, braucht der Khan auch keine Hexe, die für ihn zu den Ahnen betet.‘

Dann spie sie den Wachen des Khan vor die Füße und verließ die Jurte mit einem grimmigen Ausdruck auf dem Gesicht. Und als sie draußen war, fing sie an zu fluchen. ‚Ihr werdet schon sehen, was ihr davon habt, wenn eure Kinder krank werden und euer Samen verdorrt und eure Frauen unfruchtbar werden, dann kommt bloß nicht zu mir. Weil ich bin ja nur die weiße Hure. Ich gehe jetzt wieder zu dem Bastard, den euer Khan zum Sippenführer gemacht hat und auf dessen Land ihr euer Lager aufgebaut habt.‘

Ihre Worte hallten noch über die Ebene, als sie schon längst wieder über die Eisfläche des Flusses schlitterte.

Als sie die Jurte des Sippenführers betrat, blickten sie alle fragend an.

‚Sag mal, meinst du, dass es so schlau war…!‘ fing Vira an.

‚Ihr habt doch wieder Mäuschen gespielt…Wir kommen auch ohne dem Khan aus.‘ zischte Ziska. Sie war immer noch ziemlich wütend und strafte Kejnen mit ihrem Blick, der hastig sein Fernglas wegpackte. Dann tapste sie zum Feuer, setzte sich hin und wärmte ihre Füße.

‚Nein, die weiße Hure hat schon recht. Sie lagern auf unserem Land. Ein bisschen Höflichkeit kann man schon erwarten.‘ grinste Halef grimmig.

‚Was nutzt eine Familie, die kein Wort mehr mit uns wechselt. Wenn sie morgen weg sind, dann ist es nicht unsere Schuld.‘ flüsterte Wena traurig.

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