AlpenRoadMovie 2

AlpenRoadMovie 2

Dienstag, 14.08.2012, 18.00 Uhr

B 23, kurz vor der österreichischen Grenze.

Sie packte alles wieder zusammen und steckte alle blutigen Sachen in eine alte McDonaldstüte, die sie unter dem Sitz gefunden hatte. Und genau dahin steckte sie die Tüte auch wieder. Ihr war schlecht, sie musste etwas essen. Zuerst reinigte sie noch alles von Blutspritzern und räumte das Auto soweit auf, so dass sie bei einer Polizeikontrolle nicht weiter auffallen würden.

Sie fuhr den Wagen wieder zur Straße und bog dann Richtung Fernpassstraße ab und kam wenig später über die Grenze nach Österreich. Das Einzige, was an der EU gut zu sein scheint, dass die lästigen Grenzkontrollen weggefallen sind.

Sie aß eine belegte Semmel, ein Twix und trank ein Red Bull.

Die Strecke war eigentlich sehr schön zu fahren, wenn sie nicht immer nach hinten blicken hätte müssen, um zu sehen, ob Bambi noch atmete. Außerdem überlegte sie, ob das was sie tat richtig war. Sie legte sich eine Geschichte zurecht. Sie war dazu verpflichtet zu helfen, da konnte man ihr sicher keinen Strick draus drehen. Ansonsten konnte sie immer noch sagen, dass er sie so eingeschüchtert hätte, dass sie das tat, was er sagte, ohne auf die Idee zu kommen zu fliehen oder die Polizei zu holen. Außerdem hatte sie Angst um ihr Auto, er hatte versprochen ihr nichts zu tun, wenn sie machte was er sagte. Er war ein echt netter Entführer. Hm. Ach, verdammt Blume, es ist ein Verbrecher, verknall dich nicht in ihn, genau deswegen bist du ja keine Krankenschwester mehr, weil dir Patientenschicksale emotional zu nahe gehen. Böses Mädchen und schau auf die Straße! Na ja, immerhin hatte sie jetzt Urlaub! Und sie hatte nichts dabei, außer dem was sie am Leib trug und den Inhalt ihrer Handtasche, einer Jacke und einem Schal im Kofferraum und einem Hut und einer Mütze auf ihrer Ablage. Ach und einen Regenschirm hatte sie irgendwo im Auto. Toller Urlaub, dann blieb fast nur noch FKK, ein Handtuch könnte sie sich ja kaufen. Hm. Sie hatte viel nachgedacht, ohne zu einem zufriedenen Ergebnis zu kommen und wurde langsam müde. Es war mittlerweile dunkel geworden. Sie trank ein weiteres Red Bull und kramte nach etwas Süßen. Irgendwann machte sie das Radio an und sang mit. Bambi wurde erst wach, als sie halten musste, um ihre beiden Red Bull wieder loszuwerden. Sie zog es vor an einem Waldweg zu parken und in den Wald zu pinkeln.

Er brauchte eine Weile, bis er wieder halbwegs ansprechbar war.

‚Keine Sorge, ich musste nur pinkeln!‘ sie flüsterte, als sie sich wieder ins Auto setzte.

‚Wo sind wir?‘

Kurz vor Prutz.‘

‚Müssen Sie auch?‘

‚Waren wir nicht beim Du?‘

‚Oh ja, Du!‘

‚Nein, aber ich hab Hunger.‘ meinte er ernsthaft verschmitzt.

Oh Mann, großer, böser Entführer, jetzt verknall dich nicht in die Krankenschwester. Das gibt nur Ärger. Der Don dreht eh schon durch. Alfons wird sie abknallen. Die Familie mag keine Mitwisser, auch wenn sie noch so nett sind.

‚Dann setzen wir dich ein bisschen auf und ich nehm den Tropf ab, der ist eh durch.‘ trällerte sie, während sie den Fahrersitz ganz nach hinten schob. Sie kniete sich auf den Fahrersitz und streckte den Oberkörper zwischen den beiden Sitzen hindurch. Fachmännisch machte sie sich an der Infusion zu schaffen. Und er konnte ihr nur ganz gebannt auf ihre Titten starren.

Warum ist keiner da, der mir in die Augen schießt. Oder wenigstens in die Hand. Mann, Enzo, behalt Bambi in der Hose und behalt verdammt nochmal deine Hände bei dir.

‚Magst du deine Jacke wieder anziehen, dann sieht man deine Blutflecken nicht so.‘ fragte sie. Er blickte sie nur fragend an.

‚Magst du deine Jacke anziehen?‘

‚Oh, ja. Das schaff ich schon!‘ antwortete er irritiert.

Sie setzte sich wieder, kramte nach dem Proviant und hielt ihm die Tüte hin. Sie behielt aber noch ein Red Bull und einen Schokoriegel bei sich vorne. Er hatte unter Schmerzen seine Jacke angezogen und nahm die Tüte entgegen.

‚Geht’s mit den Schmerzen?‘

‚Geht schon!‘ meinte er kurz und griff nach einer belegten Semmel.

Er aß die Semmel, trank etwas und legte sich dann wieder hin. Sie fuhr weiter.

‚Weckst du mich vor Nauders wieder?‘

‚Klar, Bambi!‘

Es dauerte nicht lange, bis sie endlich in Nauderns sein würden.

‚Bambi, Nauderns liegt vor uns.‘

Er regte sich und kramte nach seinem Handy, fand es und machte es an. Ungeduldig blickte er auf das Display. ‚Kannst das Navi ausmachen und wegpacken!‘

Das machte sie sofort und verstaute das Navi in einem handgestrickten Täschchen und steckte es in ihr Handschuhfach. Er wartete bis er Netz hatte. Dann wählte er.

‚Alfons….ja….ja….20 min….Citroen, schwarz…ja… nein….sag dem Viechdoktar Bescheid. Mich hats ziemlich erwischt.‘

Sie winkte ihm. ‚Warte mal!‘ Er nahm das Handy vom Ohr und hielt es an seine Brust.

‚Kann dieser Viechdoktor Kochsalzlösung, Infusionsbeutel, Schmerzmittel und Antibiotikum besorgen?‘ fragte sie besorgt.

‚Er soll Kochsalzlösung, Infusionsbeutel, Schmerzmittel und Antibiotikum besorgen… Ja, schreib dir das auf… Ich lass anklingeln, wenn ich da bin….Ja danke.‘

Er baute seine Knarre wieder zusammen und steckte sie in seine Hose. Die Überreste ihres Handy steckte er in die Tasche. Sie fuhr durch Nauderns durch und weiter bis er wieder etwas sagte: ‚Da vorne links und schalte bitte auf Standlicht!‘

Er lies es anklingeln. Sie machte was ihr gesagt wurde und fuhr auf den Hof eines verlassenen Gasthauses. Das Schiebetor eines angrenzenden Stadels ging auf und sie fuhr hinein. Ein älterer, braungebrannter Mann blickte ins Auto, als sie durch das Tor fuhr. Das musste Alfons sein.

‚Bleib sitzen und lass mich reden, Blume.‘ zischte Bambi mit einem unmissverständlichen Unterton. Langsam wurde sie nervös. Der alte Mann kam zum Fenster und machte eine Geste, dass sie die Scheibe runter lassen sollte.

‚Machens den Motor und das Licht aus.‘ befahl er ihr. Sie konnte eine Waffe in seinem Gürtel sehen. Sie blickte verwirrt auf die Rückbank. Alfons griff nach dem Griff der hinteren Schiebetür und machte sie auf.

‚Enzo, siehst net guad aus.‘ meinte er ernst und begann erst nach einem langen, langen Moment mit einem breiten Lächeln, dass in ein herzhaftes Lachen überging.

‚Danke, Alfons!‘ flüstere Bambi ähm Enzo.

‚Wer is des Weibats!‘

Meine Krankenschwester!‘

‚Für was brauchst dann n Viechdokta?‘

Enzo blickte sie etwas ratlos an, sprach dann fuchtelnd weiter: ‚Wegam Zeugs.‘

‚Er is eh beim Kaibeziang aufm Berchhof.‘

Blume verzog das Gesicht. ‚Des is weniger guad!‘ meinte Enzo verbittert.

Alfons machte Anstalten Enzo aus dem Auto zu helfen. Dabei konnte er einen Blick auf die Wunde und auf die Blutflecken werfen und es stolperte ein. ‚Ah!‘ aus Alfons‘ Mund. ‚Dann komm, ich bring di aufs Zimmer. Wo is da Laptop? Der Don wartet.‘

‚Frl. Blume würden Sie bitte die Tasche nehmen?‘ meinte Enzo.

Blume stieg aus. Alfons half Enzo aus dem Auto. Blume nahm ihre Handtasche, den Autoschlüssel und die Tasche von Enzo und folgte ihnen. Sie gingen durch einen Durchgang einige Stufen hoch und kamen in einen Vorraum. Es musste ein Puff gewesen sein, alles in Altrosa mit Schnörkel. Eine Putzfrau könnten die hier gebrauchen…

Unter Stöhnen ging es für Enzo weitere Stufen nach oben. Im ersten Zimmer stand die Tür offen und da gingen sie auch hinein. Alfons lies ihn aufs Bett sinken. Genauso hatte sie sich ein Zimmer in einem Puff vorgestellt. Großes Himmelbett. Verschnörkelte Möbel und viel roter Samt.

‚Ich hol den Don!‘ meinte Alfons dienstbeflissen.

‚Ja!‘ keuchte Enzo schmerzverzerrt.

Blume stellte die Tasche aufs Bett und legte die Handtasche auf einen Stuhl.

‚Ähm, Herr Alfons, könnten wir die blutigen Sachen verbrennen?‘ fragte sie schüchtern.

‚Wo hastn die aufgabelt?‘

‚Ich steh im Telefonbuch unter Cleaner!‘ sprach sie mit erschreckend fester Stimme.

‚Ah, Cleaner. Warum sagens des net glei!‘

‚Haben Sie Chlorrreiniger oder Domestos?‘

‚Scho!‘

‚Gut, ans Werk!‘ meinte Blume und machte Anstalten wieder hinaus zu gehen.

Enzo unterbrach sie unwirsch. ‚Alfons, bring Sie dann wieder hoch, ich hab Schmerzen.‘

‚Ja, Enzo, was denkts’n!‘

‚Untersteh di!‘ warnte er Alfons.

Alfons klopfte Enzo auf die Schulter und ging dann mit Blume aus dem Zimmer.

‚Du heißt Blume und bist Cleaner?‘ fragte Alfons in merkwürdig gestellten Hochdeutsch.

‚Ja, wieso?‘ fragte Blume und blieb am Treppenabsatz stehen, weil Alfons vor ihr stehenblieb. Er klopfte an eine halboffene Tür und steckte kurz den Kopf durch den Schlitz. Was nun gesprochen wurde, konnte sie nicht verstehen. Er wand sich wieder zu ihr und ging weiter voraus. ‚Arbeitest du nur für die Familie?‘

Sie schüttelte den Kopf. ‚Bin freiberuflich!‘

‚Aha. Rentiert sich des.‘

Sie zog nur eine Augenbraue hoch.

‚Ich versteh schon.‘

Am Auto angekommen fragte Alfons: ‚Soll ma die Schilder auch verbrennen?‘

‚Ist glaub ich nicht nötig. Man findet nur eine ledige Krankenschwester, die ab und zu zu schnell fährt und grad Urlaub hat, wenn man die Schilder überprüft.‘

‚Gutes Backup!‘

Sie grinste nur und machte das Auto auf und griff unter den Sitz.

‚In der Tüte ist alles, was zu verbrennen ist, die Injektionsnadel steckt noch in seinem Arm.‘

‚Ich bring gleich den Chlorreiniger.‘

Sie nahm den Sanikoffer aus dem Auto und die Tüte mit dem Essen. Dann zog sie wieder Gummihandschuhe an und machte alle Lichter im Auto an. Er brachte eine Tonne, darin war der Reiniger und ein Benzinkanister. Er gab ihr den Reiniger und schraubte schon mal den Benzinkanister auf. Sie warf alles in die Tonne was weg konnte. Er machte ein hübschen Feuerchen. Sie wischte inzwischen alle Armaturen, die Griffe und Türen mit Alkohol aus dem Sanikoffer ab. Dann machte sie sich an die restlichen Blutspritzer. Am Ende blickte sie in den Kofferraum und nahm ihre Jacke mit.

‚Sie ham Proviant mitgebracht. Gut. Die Küche hat schon zu.‘

‚Sie machen Witze. Ich dachte der Rasthof sei geschlossen.‘

‚Der Puff aber net.‘

‚Ah, und wo sind die Ladys?‘

‚Ham heute frei.‘

‚Schade.‘

‚Wieso?‘

‚Hätte mir gerne nen frischen Schlüpfer ausgeliehen!‘

Alfons grinste versaut. ‚Ich schau mal, was ich bis morgen machen kann.‘

Sie gingen wieder hoch in den Vorraum und ein eleganter Mann kam ihnen von der anderen Treppe aus entgegen.

‚Alfons, wo ist die…!‘ Er stockte und sprach gleich überfreundlich weiter. ‚Ah. Fräulein Blume, sehr gut. Kümmern Sie sich Bitte um Enzo bis der Doktor kommt!‘ Sein Ton war freundlich aber bestimmt und sie wusste, dass sie sich zu benehmen hatte und dass dieser Mann keinen Spaß verstehen würde.

‚Natürlich, der Herr…!‘ meinte sie freundlich und machte einen Knicks.

‚Herr Alfons geben Sie mir den Koffer, den Rest schaff ich allein!‘ lächelte sie ihn freundlich an. Alfons übergab den Sanikoffer und sie lief die letzten Stufen allein hinauf und verschwand im ersten Zimmer. Als sie die Tür knallen hörten, unterhielten sich Alfons und der Don leise.

‚Sie ist ein Cleaner und eine Krankenschwester!‘

‚Interessante Kombi!‘

‚Und nützlich!‘

‚Für wen arbeitet Sie noch!‘

‚Sie sagt, sie wär freiberuflich! Ihr Backup ist eine ledige Otto Normal Krankenschwester!‘

‚Ist für einen Cleaner nicht blöd. Keine Fragen. Kein Ärger!‘ stellte der Don fest, machte eine Pause und fuhr dann grinsend fort. ‚Alfons bring mir eine Flasche Spumante, wir haben was zu feiern!‘

Fortsetzung folgt im AlpenRoadMovie 3

 

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