Ihre Bestellung bitte…

Ihre Bestellung bitte… (Dez. 2008)

Es war der absolut beschissenste Arbeitstag seit langem. Die ganze Welt ist gerade heute auf die Idee gekommen, dass es eine Sozialversicherungspflicht geben könnte. Die haben heute alle auch nur bei mir angerufen, um sich von mir aufs ausführlichste Beraten zu lassen. Die 100 Fälle, die ich heute auch noch bearbeiten hätte müssen, schreien wie hungrige kleine Vogelkinder in meinem Postkorb. Dann geht auch noch der Drucker kaputt und ich muss eigentlich noch ein Mitarbeiterschulung halten. So ist es jetzt fast jeden Tag. (So ist es seit dem eigentlich jeden Tag!) Nicht, dass ich mich daran gewöhnen könnte, gewöhnen kann sich keiner an so einen Stress. Nach halb sieben steht der Hausmeister da, mit dem Zeigefinger auf der Uhr pochend und setzt mich vor die Tür. Aus der Tiefgarage raus und weiter quer durch die Stadt zum nächsten Termin. Auf dem Mittleren Ring fällt mir auf, dass ich heute noch nichts gegessen habe. Ich fahre zum McDonalds in den Drive Inn.

‚Willkommen bei McDonalds, Ihre Bestellung Bitte!‘

‚Ein Hamburger Royal TS Maxi Menü mit Sprite ohne Eis und Curly Fries, ne Mayo und ein Chicken Wrap!‘

‚Chicken Wrap mit Senfsoße!‘ (Das behaupten die jedes mal, egal an welchen McDonalds ich einen Chicken Wrap bestelle!)

‚Nein, weiße Soße, weiße Soße verdammt!‘ (Verdammt nochmal! Auf die Scheiß Senfsoße muss ich kotzen!)

‚Wirklich keine Senfsoße?‘

‚NEIEN!‘

‚Fahren Sie zum nächsten Fenster vor!‘

Da steht ein Typ und sagt mir einen Betrag, ich habe diesen schon abgezählt und reiche Geld rüber.

‚Musst du allein essen, heute?‘

‚Des geht Sie nichts an!‘

‚Oh, du musst allein essen heute!‘

‚Kann ich mein Wechselgeld haben?‘

Beim Überreichen des Wechselgeldes streichelt er mir über die Hand. Ich gebe Gas und fahre zum nächsten Fenster. Da steht der Kerl wieder da. (Der hat sich aber ganz schön beeilt!)

‚Musst du allein essen heute?‘

‚Kann ich verdammt nochmal mein Essen haben!‘

‚Woher kommst du?‘

‚Von der Arbeit und gehen Sie mir jetzt endlich mein Essen, sonst…!‘

Da wird er auch schon von einer Kollegin zur Seite geschubst und ich kriege endlich mein Essen! Sein Glück!

Hab fest vor, an dem selben McDonalds wieder hinzufahren und wenn ich da nochmal sexuell Belästigt werde, dann zieh ich den Typen aus seinem Glaskasten und wisch mit ihm den Boden, bis zu seinem Geschäftsführer, bei dem ich mich dann auch noch beschwere. Komme nie zwischen mich und mein Essen, verdammt!

(Damals gab es noch die guten alten Chickenwraps, heul!)

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Zurück in der Realität und die Sehnsucht bleibt.

Jakobsweg Zeitreise – Zurück in der Realität und die Sehnsucht bleibt.

Der Zug und die ganzen Menschen sind schon Realität genug, könnte man meinen. Wir haben mit dem Handy telefoniert, es ist so ungewohnt plötzlich. Der Anderl holt uns vom Hauptbahnhof in München ab. München, die große Stadt, sie hat uns wieder, und sie ist so laut und es sind so viele Menschen, da fallen zwei Pilgerinnen gar nicht auf. Schon sind wir wieder anonym und wenn wir hier nackig mit den Kraxen zum Parkplatz laufen würden, dann würde es auch kaum einen interessieren, außer die Japaner vielleicht.

Wir werden vom Anderl am Parkplatz vor dem Hauptbahnhof in Empfang genommen und des Erste was klar ist, wir stinken. Wir planen nun was wir machen. Wir müssen noch zum Einkaufen und der Anderl muss zum Arzt und dann geht’s nach Hause.

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen, so denkt man, aber uns fällt nicht so recht ein, was wir erzählen sollen. Lassen uns durch München kutschieren. Der Anderl geht zum Arzt wegen seiner Nichtwichsschulterverletzung. Im Auto wartend, bin ich dermaßen Bewegungsunfähig, dass ich zwar mein Docs in der Hand habe, aber eine halbe Ewigkeit brauche, um mich überhaupt zu bewegen. Ich habe meine Haare gekämmt, mir einen Zopf gemacht und ganz genüsslich meine Ohren geputzt und die beschreibungsunwürdigen Ohrenstäbchen aus dem Fenster geschmissen. Mein Deo ist eine Wohltat und wir riechen zumindest wieder erträglich.

Wir waren dann beim Einkaufen und entschlossen uns zuhause zu kochen und nicht zum McDonalds zu gehen. Es gab Spagetti mit Hackfleischsoße. (Meine Erinnerung scheint mir einen Streich zu spielen, wir waren anscheinend doch beim McDonalds. Ich kann mich nicht erinnern, aber anscheinend kann es kein großes Geschmacksereignis gewesen sein, weil sonst würde ich mich ja daran erinnern. Ich kann mich aber noch lebhaft daran erinnern, dass wir gekocht haben, ich werd alt. Oh, Gott, wir waren wirklich beim McDonalds und wenn ich auch so einen Shrimp Lemon gegessen habe, dann war es wahrscheinlich sogar ein Geschmacksereignis. Aber bevor wir gegessen haben, waren wir ausgiebig auf dem Klo und das war toll ausgiebig die Hände zu waschen. Dann sind wir stinkend aber mit sauberen Händen zur Theke und haben was auch immer bestellt. Der Verkäufer war so baff und wir dann auch, als er uns einen Gutscheinzettel in die Hand drückte, wo auf der Rückseite die Werbung vom Mittelaltermarkt in München aufgedruckt war. Wie könnt ich das nur vergessen?)

Zuhause haben wir uns und unsere Sachen gewaschen, ich meine Kraxe nicht gewogen und gegessen, geschrieben und geschlafen. So wie beim Pilgern gegessen, geschrieben, geschlafen und gelaufen wird erstmal nicht mehr.

Am nächsten Tag hatte ich mein Knie völlig vergessen, es tat auch nicht mehr weh. Für dass wir wegen diesem blöden Knie abbrechen müssten, tut es jetzt so, als wären wir nie wandern gewesen. Ich bin auch bei der Wanderung nicht auf die Idee gekommen Schmerzmittel zu nehmen. Wir hatten uns ins Ruhstorf nur Doppelherz aktiv Magnesium + B6 + B12 aktiv gekauft, gegen den Muskelkater. Die Darreichungsform ist zwar ungewohnt und es schmeckt beschissen, aber es wirkt wunder. Ich nehme sie zuweilen mit, wenn ich mit meinen Orks auf Con gehe und wir wieder über Stock und Stein gejagt werden. Nie wieder Muskelkater.

Wir schreiben am Samstag sehr viel und warten, dass unsere Wäsche trocken wird. Um wieder mit den Pilgerklamotten in die Schandgeige und mittelalterlich Essen zu gehen. Ich kann mich nicht entscheiden welches Häubchen ich anziehen soll, ich nehme am Ende mein kleines Rotes. Aber ich weiss was ich essen soll, ein Schnitzel mit Meerrettichsenfmarinade und einem Sößchen und einen orgastischen Schokoladenkuchen. (Ich glaube es zumindest, aber ich habe mich beim McDonalds ja auch getäuscht!) Es war lecker (Das weiss ich ganz sicher!) und wir erzählten von unserer Reise. Wenn man eine Reise tut, dann kann man was erzählen. Es war ein schöner Abend.

Ich habe seither viele schöne Momente erlebt und weniger Schöne. Auch wenn die nicht so schönen Momente meistens die Oberhand behalten, bleiben die Schönen einem ewig in Erinnerung. Aber egal was ich tue, ich habe immer wieder Sehnsucht nach dem Weg. Weiterzumachen, immer wenn ich nicht mehr kann oder wenn ich nicht mehr weiter weiss oder wenn mir mal wieder alles über den Kopf wächst, dann würde ich am liebsten alles stehen und liegen lassen und abhauen, ab auf den Weg und einfach weg von dem ganzen Müssen. Aber die Sehnsucht bringt mich oft schon über den Berg und es geht weiter. Und es wird wohl genau ein Jahr seit der letzten Pilgerschaft vergehen müssen, bis es bei mir wieder los geht, weg von dem Müssen und einfach weg. Mich drei Wochen lang von der Gesellschaft am Arsch lecken lassen. Zu gehen, zu essen, zu schreiben und zu schlafen und dort zu bleiben wo es schön ist, so lange die Füße mich Tragen und solange das Wetter und der Herr (der über uns wohnt, wie er auch heißen mag!) mir huld ist.

Ein vorläufiges Fazit: Ich lass mich mehr oder weniger schon das ganze Jahr am Arsch lecken, von der Welt und von der Gesellschaft, aber doch fickt mich das Schicksal das ganze Jahr schon. Mit den Männern hab ich es langsam echt satt, weil ich immer an die Irren gerate und dafür habe ich mittlerweile keine Kraft mehr. Meine Kraft brauche ich für anderen Dinge, fürs Laufen, fürs Essen (verdienen), fürs Schreiben und fürs Schlafen. In meinem Beruf bin ich einigermaßen Erfolgreich und ich bin furchtbar unentbehrlich und es macht mir nachwievor Spaß für den Staat zu arbeiten. Dann schreib ich wieder und nun hab ich endlich meine Jakobsweggeschichte beendet, es hat lange genug gebraucht, bis ich sie endlich zu Ende gebracht habe, nun ist es fast soweit…


Die Überlegung eine Nonne zu werden, habe ich nicht ganz geschafft, aber ich war lange Zeit sehr brav. Die Gedanken sind frei und unzüchtige Gedanken, werd ich wohl immer haben, egal ob ich ansonsten brav bin oder nicht. Und nachdem ich nachwievor auch noch ständig von der Gesellschaft gefickt werde, wird mir der Schreibstoff auch nie ausgehen, Amen.

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