Narr in dröger Gesellschaft

Narr in dröger Gesellschaft

jokerNun sitzt er da, der arme Tor, auf den Stufen vor dem Thron und wartet darauf, dass etwas Aufregendes geschehen möge. Denn die unachtsamen Tritte und spitzen Kommentare und sonstige Anzüglichkeiten langweilten ihn schon so lange er denken konnte.

Sonst ist bei Hofe leider nichts los und wenn er heute Tod umfallen würde, würde der Hofstaat wahrscheinlich in einen tiefen, tiefen Schlaf versinken und nie wieder erwachen. Weil selbst seit dem er am Hofe seine Aufwartung gemacht hatte, gingen die Meisten doch immer noch zum Lachen in den Keller.

Das Aufregendste was in den letzten Jahren passiert ist, war als er in seinem ersten Jahr von den Stufen zum Thron stolperte und dabei einen unbesetzten Stuhl mit sich gerissen hatte, der dann umfiel! Es haben tatsächlich ein Paar geschmunzelt. Das ist nun 8 Jahre her.

Einmal hatte er eine unpassende Bemerkung darüber gemacht, dass hier alle zum Lachen in den Keller gehen würden und dass für diese traurige Tatsache der Thronsaal aber immer ziemlich überfüllt wäre. Und dafür hatte der dröge König ihn mit einer Zitrone beworfen. Diese zerplatze auf seinem Kopf und die Wucht des Aufpralls lies ihn zurück taumeln. Er rappelte sich wieder auf und meinte nur lautstark: ‚Mein Herr, Ihr habt mich befruchtet.‘ Das war sein größter Moment. Und diesen einen Lacher würde er bis an sein Lebensende nie vergessen.

Das war aber das Einzige mal, als man ihm einen Ball zugeworfen hatte und er betete inständig jeden verdammten Tag hier am Hofe, es möge ihm doch jemand einen Ball zuwerfen. Nur er würde ihn aufheben, damit spielen und sich dann im Gelächter der Menge suhlen.

Seine Tagträume wurden je unterbrochen, weil die Königin nichts Besseres zu tun hatte, als vor den Augen ihres Mannes mit ihrem hochwohlgeborenen Fuße dem armen Narren am Hintern herumzuwirtschaften. Der König war aber seit jeher nur mit dem Zelebrieren seiner Langweile beschäftigt, dass er es wahrscheinlich nicht mal merken würde, wenn die Königin nackt auf seinem Gesicht säße. Nicht, dass sie es schon mal getan hätte. Der Narr grinste breit und ein besticktes Taschentuch flatterte vor seinem Gesicht vorbei. Die Königstochter war zum Spielen aufgelegt. Und er würde umgehend am Halse aufgehängt werden und von der höchsten Zinne baumeln, wenn die Königin heraus fände, dass der Narr es auch mit der Tochter triebe.

Aber nachdem dem Narren die Tage schon zu dröge waren, konnte er in den Nächten den Damen aber auch gar nichts abschlagen. So stahl er sich des Nächtens wie ein Dieb durchs Schloss und beglückte erst die Königin und wenn diese danach endlich eingeschlafen war, zerrten schon die Hände der Prinzessin an seinen Hosen. Und er machte was von ihm verlangt wurde. Und der König schlief jede Nacht den Schlaf des zu Recht Gelangweilten und bekam davon zum Glück überhaupt nichts mit.

Die Tochter beugte sich zu ihm runter und er hatte ihre prallen Brüste voll im Blick, als er ihr das Taschentuch reichte. Sie tätschelte ihm auf dem Kopf herum und setzte sich wieder aufrecht auf ihren Stuhl. In seinem Schoß lag nun ein Zettel.

‚Heute Nacht an der großen Eiche!‘ Er steckte den Zettel in seinen Schuh und langweilte sich weiter zusammen mit dem Hofstaat. Nach dem Essen schlich er in seine Kammer, doch die Königin passte ihn ab und schleifte ihn in ihre Kemenate.

Als sie ihm seiner Gewandung entledigte, fiel der Zettel aus seinem Schuh.

‚Was hat er da für einen Zettel?‘ rief die Königin und gähnte gelangweilt.

‚Was für ein Zettel?‘ stammelte der Narr.

‚Dieser da, der soeben aus dem Schuh purzelte!‘ rief die Königin und wollte sich tatsächlich danach bücken. Er war aber schneller. Sie blickte ihn grimmig an und dann schrie sie fast: ‚Wage er es nicht den Zettel zu essen, sonst schreien wir so laut, dass der König es hören muss.‘

Der Narr hatte den Zettel schon im Mund und hielt dann inne. Dann streckte er folgsam die Zunge heraus.

‚Spuckt er ihn aus!‘ meinte sie und hielt ihn die Hand hin.

Er tat was ihm geheißen. Sie nahm den feuchten Zettel und blätterte ihn auf. ‚Heute Nacht an der großen Eiche!‘ sprach sie und zog eine Augenbraue hoch.

‚Ich wollte Euch den Zettel vorhin zustecken!‘ stotterte er.

‚Er hat doch nicht gedacht, dass wir bei dem Wetter und in stockdüsterer Nacht das Schloss verlassen würden?‘

‚Ich wollte nur etwas zu Euer Erheiterung beitragen.‘

‚Ja, wir sind erheitert über den Erfindungsgeist den du an den Tag legst.‘ meinte sie und verzog dabei keine Miene.

Sie zog einen Cricketschläger unter dem Bett hervor und meinte trocken: ‚Versohl er uns den Hintern, wir waren ein böses Mädchen!‘

Er versuchte nicht die Augen zu verdrehen und tat was ihm geheißen. Als er mit ihr fertig war, schlich er zum Abbild der großen Eiche. Dort wartete schon die Nächste, er packte die Königstochter und zerrte sie in eine Nische hinter einen Wandbehang. Er hob den Finger an den Mund, während sie ihm umgehend an die Wäsche ging. Sie machte sich an seiner Hose zu schaffen und kniete sich langsam vor ihn hin.

Er hörte ein Geräusch auf dem Gang und hielt inne. Die zügellose Königstochter hatte sein Gemächt bereits erfasst und war im Begriff seinen kleinen Schelm in den Mund zu nehmen. Jemand kam über den Gang geschritten. Er packte ihren Kopf und hielt sie fest, dass spornte sie aber nur noch mehr an und sie saugte unablässig an seinem Schaft.

Die Königin schritt an ihrem Versteck vorbei und blieb vor dem Wandbehang mit der großen Eiche stehen. Und dann ging ihr tatsächlich ein Licht auf. Hastig riss sie den Wandbehang zur Seite und schnappte pikiert nach Luft.

Er drückte den Kopf der Tochter fest an seine Lenden und das Letzte was sie zu atmen versuchte, war sein Schwanz. Als er kam, ging sie, für immer. Er zerdrückte tatsächlich eine kleine Träne darüber. Aber zum Trübsalblasen war jetzt keine Zeit, er lies von ihrem schlaffen Körper ab und die letzte Geste die ihr regloser Körper machte, war theatralisch zu Boden zu gleiten und ihre Hand landete angewinkelt auf ihrer Stirn. Ein letzter Seufzer entwich ihrem Mund.

Die Königin stand einen erschreckend langen Moment einfach nur da und beobachtete sie skurrile Darbietung. Sie zog die Luft zwischen die Zähne ein, erhob ihren Cricketschläger und wollte ihn damit vermöbeln. Er wich dem ersten Schlag aus und bekam den Schläger zu fassen. Ehe ihm bewusst wurde, was er da tat, lag die Königin schon in ihrem Blute da und das Erste mal hatte sie keinen gelangweilten Ausdruck auf den Lippen. Sie war erlöst und lächelte sogar. Und er stand blutüberströmt mit heruntergelassen Hosen da und blickte auf sein Werk und lachte.

‚Was ist das für ein ungeheuerlicher Lärm, Possenreißer!‘ rief der König, der noch mit seiner Schlafbrille auf der Nase aus seinem Gemach stolperte. Der Narr zog hastig seine Hose hoch und hob den Schläger und grinste: ‚Ich musste einfach etwas Schönes kaputt machen!‘

Dann lies er den Schläger sinken, drehte sich schwungvoll um und ging. Den Schläger hinter sich her schleifend.

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Des Narren Winterstimmung…

Des Narren Winterstimmung…

hofnarrDraußen pfiff der Wind Staub, Federn und seltsame Gerüche über den Richtplatz. Die Kappe tief ins Gesicht gezogen rannte er über den Hof. Vereinzelte Tropfen fielen vom Himmel. Der aufgewirbelte Staub machte ihm das Atmen schwer. Die salzige Luft, die der Wind aus der Bucht hergebracht hatte, vermischte sich mit dem Gestank. Würgend hustete er, als hätte er eine der Federn einatmete. Sicherheitshalber wickelte er seinen Schal um Mund und Nase, nicht dass er noch eine dieser Federn verschlucken würde. Leise und geduckt rannte er in Richtung Thronsaal. Die Wachen schliefen, wie nachlässig, also konnte er ungehindert durch die Seitentür in den Saal gelangen. Für einen Moment pfiff der Wind durch die Tür, bis er sie mit Müh und Not geschlossen hatte. Die kleine, geduckte Gestalt tapste an den Säulen vorbei und lief schnurstracks auf den Thron zu. Er war sehr erschöpft und dachte er käme gar nicht mehr an seinem Ziel an, seine Schritte wurden immer langsamer. Bei jedem seiner Schritte schien der Weg weiter zu sein, als der Thronsaal eigentlich lang war und er hatte das blöde Gefühl, als wäre ein böser Zauber im Spiel. Er musste sich ausruhen, er war so müde und ausgebrannt. Durch seinen Erschöpfungszustand wirkte seine Gestalt noch kleiner, als sie ohnehin war. An seinen Schuhen waren Schellen befestigt und an seinem Gürtel hingen ein paar Glöckchen. Doch sie gaben keinen einzigen Ton von sich. Es schien so, als wären die Glocken des Klingens genauso Müde geworden, so wie die Beine des Narren müde waren zu laufen.

Endlich war er an den Stufen angekommen, die zum Thron seines Herren führten. Schwerfällig kroch er die Stufen hinauf und blieb schwer atmend auf dem kleinen Teppich vor dem großen Stuhl sitzen. Nach einem langen Moment rappelte er sich auf und kletterte auf die Sitzfläche des Thrones und lies sich keuchend auf den Sitz fallen. Nach einem nicht endend wollenden Hustenanfall, bei dem er tatsächlich eine Feder aus hustete, blieb er wie ein Häuflein Elend an Ort und Stelle liegen.

Irgendwann regte er sich, als er die Kappe aus seinem Gesicht schob und sich verstohlen nach allen Seiten umblickte. Sein Herr und Meister war weit und breit nicht zu sehen. Er seufzte laut und atmete tief ein, seine Knochen knackten und er richtete sich so seiner vollen Größe auf. Nun ja, größer als er eigentlich war, ging es eben nicht. Da lies er die Luft wieder aus seinen Lungen und sackte wieder etwas zusammen. Ein kurzes Aufblitzen in seinen Augen brachte wieder Leben in seine Gestalt. Er legte blitzschnell beide Füße über die Armlehne. Die Schellen an seinem Schuh machten einen ungeheuren Lärm und verstummten auch nicht, als er sich gelangweilt zurücklehnte und die Arme hinter dem Kopf verschränkte. Die Kappe war ihm nun gänzlich vom Kopf gerutscht und viele verfilzte Strähnen fielen ihm über sein pockennarbiges Gesicht. Er grinste bis über beide Ohren, was sein narbiges Gesicht zu einer hässlichen Fratze verzog. Sein Herr hatte an seinem abartigen Äußeren gefallen gefunden, weil sonst wäre er nicht sein Narr und Prügelknabe geworden. Summend blies er ein paar Strähnen aus seinem Gesicht und wippte mit den Füßen, so dass die Schellen keinen Moment verstummen würden. Als er ein Geräusch hörte, zog er die Beine von der Armlehne, setzte sich wieder aufrecht hin und lauschte. Sein Grinsen entspannte sich und sein Gesicht sah eingefallen und leer aus. Er stütze sich auf seine Fäuste und lehnte sich ein wenig auf die Seite. Sein knochiger Hintern erhob sich halbseitig vom Thron, er machte ein angestrengtes Gesicht und dann erschallte ein gewaltiger Furz. Das Geräusch hallte unerbittlich durch den Saal und man hätte den Eindruck gewinnen können, dass die schweren Wandbehänge ehrfürchtig vor dem Furz erzitterten. Keiner hätte vermutet, dass so ein kleiner Kerl einen solchen weltenerschütternden Furz vollbringen hätte können. Aber er konnte es und der erbärmliche Gestank hätte jede Arme in die Flucht geschlagen. Sein Gesicht entspannte sich wieder und er lies sich wieder auf die Sitzfläche sinken.

‚Warzengesichtiger Possenreißer, was sitzt er auf meinem Stuhl!‘ erschall eine Stimme hinter ihm.

Vor Schreck wäre er fast vom Stuhl geflogen und er begann unterwürfig zu stottern: ‚Meine Wenigkeit wollte Eurer Magnifizenz die Sitzfläche etwas erwärmen!‘

Sein Herr und Meister holte aus und der Narr rutschte geschickt vom Thorn und purzelte die Stufen hinunter und blieb breitbeinig auf dem roten Teppich liegen.

‚Was stinkt hier so?‘

‚Als Ihr in Eurem unermesslichen Ratschluss den Kanalbauer köpfen lieset, hättet Ihr seinen Lehrling vielleicht doch nicht aus der Stadt jagen sollen!‘ rief der Narr, rappelte sich auf und lief so schnell er konnte davon. Erst vor der Tür zu seiner Kammer blieb er stehen und schlüpfte geschmeidig durch den Spalt. Er hatte nicht mal ein Bett, so hatte er sich ein altes Fell auf den Fenstersims gelegt. Und genau da lies er sich nun nieder. Mit einem alten Vorhang deckte er sich zu. Der Wind pfiff durch den Bretterverschlag, der vor dem Fenster angebracht wurde, damit es nicht so zöge. Er blickte durch ein Astloch nach draußen. Der Dreikönigstag war vorbei und der Winter lies sich wahrhaftig Zeit. Es war entschieden zu warm für diese Jahreszeit, aber doch fror der Narr. Zähneklappern hüpfte er vom Sims und schürte das Feuer nochmal hoch. Dann suchte er sich eine weitere Decke und ging wieder auf seinen Platz, um weiter nach draußen zu starren und weiter vor sich hin zu zittern. Der Wind schlug gegen die Bretter. Er glitt in einen unruhigen Schlaf über und er träumte seltsame Dinge. Er lag in einem Fischerboot, das antriebslos im Meer von einer Welle zur Nächsten hilflos hin und her geschaukelt wurde. Ein Meer von Tränen seiner eigenen Unzulänglichkeiten. Der Wind war eiskalt, doch der Himmel hatte nicht mal eine Schneeflocke für ihn. Verwirrt schreckte er aus dem Schlaf hoch und schaute wieder nach draußen. Er konnte seinen Atem sehen. Neugierig kroch er näher, um besser nach draußen blicken zu können. Der Mond stand groß und rund über dem Meer. Ein paar hilflose Fischerboote wurden vom Wind übers Meer getrieben. Schwere, schwarze Wolken wurden über den Himmel getrieben und dann brachen sie auf. Große, weiße Flocken schwebten langsam vom Himmel herab.

Er atmete tief durch und blickte lächelnd nach draußen. Die Schneeflocken tanzten an seinem Auge vorbei und bedeckten schon bald den feuchte Boden. Ein Träne rann ihm über die Wange und sie gefror noch bevor sie von seiner Wange tropfen hätte können. Der Winter war endlich gekommen und brachte endlich Ruhe und Frieden. Mit einem Lächeln auf dem Gesicht schlief er wieder ein. Am nächsten Tag fand man ihn erfroren in seiner Kemenate.

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