Gehe nicht dort hin!

Gehe nicht dort hin!

4673266189_335122039bEin Wagen fuhr über eine gewundene, vom Regen nasse, Straße. Die Lichtkegel der Scheinwerfer erhellten den Asphalt nur spärlich. Im Wagen saß eine junge Frau, die nervös am Radio herum drückte. Der Sendersuchlauf brachte abwechslungsweise Rauschen oder Pfeifen hervor. Obwohl die Dämmerung noch nicht eingesetzt hatte, wurde die Sicht immer schlechter. Die junge Frau kramte genervt in ihrer Handtasche, die auf dem Beifahrersitz stand und fuhr in leichten Schlangenlinien weiter.

Dabei raste sie an einem Schild vorbei: ‚Djatlow Sanatorium‘

Jemand hatte mit roter Farbe über das Schild geschmiert: ‚Gora Otorten‘

Die Straße führte nun in einen dichten Wald. Die Gipfel der Bäume bildeten einen Hohlweg. Der Frau wurde es für einen kurzen Moment mulmig zu Mute, als sie in den Hohlweg fuhr und es schlagartig dunkel wurde. Hastig kippte sie den Inhalt ihrer Handtasche auf den Beifahrersitz und schon fand sie dass, was sie so emsig gesucht hatte. Ihr Handy. Der Akku war fast leer und es war auch kein Netz verfügbar. Als sie sich nach dem Ladekabel in den Fußraum der Beifahrerseite lehnte, kam sie wieder an einem Schild vorbei: ‚Aokigahara Forest‘

Über dieses Schild war ebenfalls mit roter Farbe geschrieben: ‚Gehe nicht dort hin!‘

Und auch dieses Schild hatte die junge Frau nicht gesehen, sie fuhr weiter und stöpselte das Handy ans Ladekabel und das Kabel in die Buchse des Zigarettenanzünders.

Das Handy fing augenblicklich an zu leuchten und das Akkuzeichen blinkte aufgeregt. Nun konzentrierte sie sich endlich wieder auf die Fahrbahn und fuhr weiter. Der Wald war ziemlich düster. Die Bäume waren vollends von Moos und Flechten überwuchert und Farne hatten sich in den Astgabeln breit gemacht. An sich sah draußen alles ziemlich feucht und morsch aus. Schlingpflanzen hingen von den Ästen auf die Fahrbahn.

Die Straße endete ziemlich abrupt. Am Ende der Ausbaustrecke war nur eine Kette vorgespannt. Dort waren ebenfalls Schilder angebracht, auf einem stand: ‚No Entry!‘

Sie parkte den Wagen, lies den Motor aber noch einen Moment laufen. Hastig stopfte sie den Inhalt ihrer Handtasche wieder zurück und stieg aus. Gedankenverloren zog sie eine pinke Jacke an, die sie vom Rücksitz gefischt hatte. Dann beugte sie sich über den Fahrersitz und beäugte ihr Handy. Sie schüttelte den Kopf, zog es vom Kabel ab, machte den Motor aus, zog den Schlüssel ab und packte ihn in die Handtasche.

Als sie die Fahrertür schloss, fuhr ein eisiger Wind durch ihr Haar. Sie lief ums Auto herum und öffnete den Kofferraum, sie packte einen kleinen Rollkoffer und eine Taschenlampe und schloss dann den Kofferraum. Gedankenverloren kramte sie in der Handtasche und drückte wohl auf den Knopf der Zentralverriegelung, der Wagen blinkte zweimal kurz auf und verriegelte dann den Wagen.

Lässig stieg sie über die Absperrung, hob den Koffer über die Kette und stöckelte den Weg entlang, der Rollkoffer stolperte hinter ihr her. Hinter ihr zog Nebel auf. Das bemerkte sie aber nicht.

Am Ende des Weges kam sie auf eine Lichtung, auf der ein Aggregat stand, dass ziemlich laut vor sich hin sang. Ein Filmset war aufgebaut, aber es schien niemand hier zu sein.

Auf dem Aggregat war in roter Farbe geschrieben: ‚Gehe nicht dort hin!‘

Sie zog ihr Handy aus der Tasche, blickte leicht verärgert darauf und lief damit über die Lichtung. Auf der Suche nach genug Netz bliebt sie irgendwann wieder stehen und wählte eine Nummer.

‚Mann, wo seid ihr? Ich steh am Ende der Welt auf einer Lichtung und hier ist keine Menschen Seele. Ich hab schon meinem Manager gesagt, ich mach nie wieder bei einem Horrorfilm mit. Habt ihr eine Ahnung wie scary es allein hier draußen ist. Und irgendwas stinkt hier!‘

Sie nahm das Handy vom Ohr, tippte wieder daran herum und hielt es sich wieder ans Ohr: ‚Immer wenn ich dich erreichen will, geht deine bescheuerte Mailbox ran. Für was bezahle ich dich eigentlich. Es langt schon, dass ich selbst und Mutterseelen allein hier raus in die Wildnis fahren musste und rate mal, es ist keiner am Set. Ich bin völlig alleine und stehe im Dreck. In einem stinkenden Dreck.‘ Das Jaulen eines Hundes lies sie zusammenfahren. ‚Ruf mich sofort zurück!‘ Ihre Stimme wirkte schon leicht hysterisch.

Am Ende der Lichtung war ein Container, auf den lief sie nun schnurstracks zu. Das Licht im Inneren flackerte und sie rief: ‚Hey, wenn ihr mich verarschen wollt, dass ist nicht witzig!‘ Sie machte sich an der Tür zu schaffen und öffnete den Container. Es liefen einige Szenen über die Bildschirme und hier war auch das ganze Kameraequipment untergestellt.

Aber sonst war niemand hier.

Sie wollte schon wieder gehen, als sie sich auf einem der Bildschirme wiedererkannte. Sie stand mitten auf der Lichtung und telefonierte und dann ging sie auf die Kamera zu.

‚Die Filmen das in Echtzeit!‘ flüsterte sie und dann sah sie, wie hinter ihr jemand im Wald verschwand. Das hatte sie vorhin gar nicht bemerkt, als sie telefoniert hatte. Sie spulte die Szene zurück und beäugte aufmerksam den Bildschirm. Sie erkannte ihren Filmpartner auf dem Bild und erschrak. Er hatte einen wirklich kinskiesken Ausdruck drauf, dass war sie von ihm gar nicht gewohnt. Er hatte bis jetzt nur immer den Schönen in irgendwelchen drittklassigen Telenovelas gespielt.
Im Container hatte sie wesentlich mehr Netz und sogar eine Internetverbindung und sie twitterte: ‚Bin allein am Set von @Gehe nicht dort hin! Wie Scary! Gehe jetzt in den Wald und suche @Mike Müller!

Mutig schulterte sie ihre Handtasche, lies den Koffer stehen und trat vor den Container. Die Dämmerung hatte bereits eingesetzt. Es war immer noch niemand zu sehen. Sie schob das Handy in die Jackentasche, um wenig später ihre Taschenlampe in der Hand zu halten.

Im Wald machte sie die Taschenlampe an und lief einen kleinen Trampelpfand entlang. Wie sie es schaffte mit ihren High Heels unfallfrei über den Waldboden zu laufen, konnte sie sich auch nicht erklären, aber nach einer gefühlten Stunde kam sie aus dem Wald und vor ihr war ein Gutshof zu sehen. Es brannte Licht.
Schnurstracks lief sie drauf zu. Kurz bevor sie den Hof erreichte, lief eine Frau schreiend aus einem der Nebengebäude und stolperte über die Wiese davon.

Sie schüttelte nur den Kopf und flüsterte: ‚Blöde Schlampe. Laut Drehbuch ist das meine Rolle!‘

Sie packte die Taschenlampe weg und zog wieder ihr Handy heraus. ‚Langsam frage ich mich wirklich, für was ich dich bezahle. Für was brauche ich einen Manager, wenn ich ihn nicht mal fernmündlich erreichen kann. Diese blöde Schlampe vom Dschungelcamp mit der du hinter meinem Rücken seit Monaten pimperst, hat mir meine Rolle geklaut. Ich kündige!‘
Darauf twitterte sie: ‚Junge, aufstrebende Schauspielerin sucht neues Management! Immer noch allein am Set von @Gehe nicht dort hin!

Dann flüsterte sie wieder: ‚Ja, alleine mit der blöden Schlampe!‘

Sie ging parallel zur Laufrichtung der schreienden Darstellerin, der mittlerweile ein irrer Axtmörder hinterher lief und schüttelte wieder murmelnd den Kopf. ‚Es gibt doch gar keinen irren Axtmörder im Drehbuch!?‘

Wo war nur das Filmteam? Wenn sie durchs Bild gelaufen wäre, dann hätte bestimmt schon einer: ‚Cut!‘ geschrien. Sie blieb stehen und ging quer. Wenn jetzt keiner Cut schrie, dann würde sie einen Besen fressen.

Der irre Axtmörder hatte die Schlampe erwischt und metzgerte sie gerade nieder. Die Spezial-Effekts sind ja voll der Hammer. Man konnte das Blut schier spritzen hören und insgeheim freute sie sich darüber, dass es so lebensecht wirkte.

Fortsetzung folgt… in ‚Gehe nicht dort hin, kehrt zurück!‘

Advertisements

Steht ne Frau an der Bushaltestelle

Steht ne Frau an der Bushaltestelle

busErst springt das blöde Auto nicht an, dann hat das Fahrrad einen Platten. Als sie sich zu Fuß aufmachte, fing es auch noch an zu regnen. Auf die Schnelle konnte sie ihren Regenschirm nicht finden und beim schnell schnell zur Bushaltestelle laufen ist ihr auch noch der Stöckel abgebrochen. Und das alles an ihrem ersten Arbeitstag.

Nun stand sie in einem runtergekommenen Bushäuschen, in dem noch nicht mal ein Fahrplan hing und es regnete in strömen. Das Bushäuschen war auch noch undicht und so stand sie da wie ein begossener Pudel. Zum Glück lag eine alte Zeitung auf der Bank, die sie sich nun notdürftig über den Kopf hielt und von einem Bein auf andere hüpfte, nicht weil sie nervös war. Sie versuchte nur den Tropfen auszuweichen, die durch das undichte Dach auf sie herab prasselten.

Ein älterer Mann ging in aller Seelenruhe ohne zu schauen über die Straße auf die Bushaltestelle zu. Er trug einen gestreiften Schlafanzug, Badeschlappen und einen offenen roten Bademantel. Und es schien ihn nicht weiter zu stören, dass es regnete. Seine nackten Füße quietschten bei jedem Schritt in den Badeschlappen und ihr stellte es bei dem Geräusch die Nackenhaare auf.

Der Mann blickte sie für einen Moment freundlich an und meinte: ‚Schönes Wetter heute!‘

Die Frau schüttelte verständnislos den Kopf und tat so, als ob sie die durchweichte Zeitung lesen würde.

Eine gefühlte halbe Stunde standen sie beide in dem Bushäuschen und es geschah nichts, außer das der Regen nun quer daher kam und sie sich weiter unter das löchrige Dach des Bushäuschens zurück zog. Der alte Mann stand im Regen und lächelte.

Nach einem Moment kam eine weißgekleidete Frau mit einem pinken Regenschirm über die Straße gelaufen und meinte: ‚Herr Schicklgruber! Ich grüße Sie, schön dass Sie schon da sind! Jetzt aber schnell, das Essen ist gleich fertig!‘

Erst als die Beiden schon fast um die nächste Straßenecke verschwunden waren, kam es ihr, dass es eine Krankenschwester gewesen sein musste.

Wenig später kam ein Lieferwagen mit der Aufschrift ‚Sanatorium Herschiba Kimmelmann‘ um die Ecke gebogen und der Wagen hielt an der Haltestelle. Der Fahrer kurbelte die Scheibe runter und meinte: ‚Hey Lady, hier kommt kein Bus! Das ist eine Fakehaltestelle!‘

‚Bitte was!?‘ schrie die Frau gegen den Regen an.

‚Hüpfen Sie schon rein, Sie werden ja ganz nass!‘

Sie humpelte los, lief um den Wagen herum und stieg ein. Im Wagen blickte sie ein breit grinsender Mann an, der offensichtlich schwarze Hautfarbe hatte.

‚Sie sind aber ganz schön mutig, einfach bei einem schwarzen Mann ins Auto zu steigen.‘ lachte er ihr herzlich entgegen. Er hatte so eine angenehme und witzige Art und versprühte so viel Lebensfreude, dass sie nie auf die Idee gekommen wäre, an etwas Schlimmes zu denken.

‚Ich weiß wo Sie arbeiten, steht auf dem Auto!‘

‚Und wenn ich den Wagen geklaut hätte!‘

‚Dann wäre das wohl wirklich nicht mein Tag heute!‘ meinte sie, zog ihren kaputten Schuh aus und betrachtete ihn scheel.

‚Scherz bei Seite, ich bin Hans Mutembe! Ich bin der Hausmeister von der Anstalt da hinten. Und die Haltestelle ist da nur, damit die Verrückten nicht so weit weglaufen.‘

‚Hab ich doch richtig verstanden. Fakehaltestelle!‘

‚Ja, die Leute wollen immer nach Hause, hauen ab und wenn sie dann an der Haltestelle stehen, vergessen sie was sie eigentlich wollten und dann holen wir sie wieder zurück und sie denken sie wären zuhause. Das ist sogar eine anerkannte Methode in der Demenzforschung.‘

‚Gut, dass ich das jetzt weiß, sonst würde ich morgen noch da stehen!‘

‚Wo wollen Sie denn hin. Ich muss zum Rechts der Isar, einen Abholen. Ist billiger, wenn ich das mache, als wenn die nen Krankentransport schicken müssen.‘

‚Sie können mich da irgendwo rausschmeißen, ist eh voll super, dass Sie mich mitnehmen.‘

‚Ne, kein Problem, ich kann Sie doch nicht im Regen stehen lassen.‘

‚Ich bin Ihnen auch echt ungemein dankbar, wenn Sie jetzt noch einen Kleber hätten, dann sind Sie mein Held.‘

‚Im Handschuhfach ist eine Rolle Tape!‘

Sie machte das Handschuhfach auf und darin war nicht nur eine Rolle Tape, sondern auch eine Flasche WD 40! Sie zog die Flasche aus dem Handschuhfach, roch daran und dann machte sie das, was Frauen im Allgemeinen tun, wenn sie ein neues Parfüm testen. Und ganz beiläufig purzelten ein paar Worte aus dem Mund: ‚Wollen Sie mich heiraten?‘

Er blickte sie kurz an, grinste und meinte dann ziemlich trocken. ‚Ich kann Sie gar nicht heiraten!‘

‚Wieso? Sie sind schon verheiratet!‘ fragte sie verdutzt, legte das WD 40 weg und griff sich die Rolle Tape.

‚Nein, ich weiß doch gar nicht wie Sie heißen!‘

‚Oh, ich heiße Regen…!‘ meinte sie und zog ein Stück Tape von der Rolle ab, was ihren Satz mit dem typischen Geräusch unterbrach und sie fortfuhr. ‚Mali Regen!‘

‚Sie wissen, dass Mali auf Bambara Nilpferd bedeutet!‘

‚Ja, das weiß ich schon und Reichtum auf Suaheli, meine Eltern haben sich bei Ärzte ohne Grenzen kennengelernt, deshalb der Name!‘

‚Oh, was für ein Zufall, meine auch!‘

%d Bloggern gefällt das: