Des Nächstens… der Mond schien voll!

Des Nächstens… der Mond schien voll!

düsterwaldDunkel war’s der Mond schien voll. Und Tirsch und Gerk saßen in der Taverne zu Ludwigsdorf. Sie hatten den ganzen Abend von dem dunklen Bier getrunken und waren schon ein Bisschen beschickert. Der Wirt fiedelte auf seiner Geige und seine Tochter tanzte dazu. Die Schankmaid wuchtete volle Humpen herum und immer wenn sie an ihren Tisch kam, konnten die Jungs ihr in den Ausschnitt blicken, wenn sie die Bierkrüge am Tisch abstellte und sich dazu tief hinunter beugen musst. Das war mit ein Grund, warum sie so viel getrunken hatten.

Plötzlich ging die Tür auf, ein Windsog pfeifte durch die Taverne und der Totengräber humpelte herein. Augenblicklich verstummte das Gebrabbel im Schankraum, der Wirt hörte auf zu spielen, er packte hastig seine Tochter und schob sie hinter die Theke. Nach einem viel zu langen Moment, begannen die Leute wieder zu tuscheln und der Lärmpegel schwoll langsam wieder an. Der Totengräber verzog keine Miene, wie auch, sein ihm eigener Blick war eh so finster und grimmig, dass man den Eindruck haben hätte können, er würde zum Lachen in den Keller gehen, so wie die meisten Dorfbewohner es ohnehin taten.

Der Totengräber humpelte durch den Schankraum, setzte sich zu den beiden Jungs an den Tisch und blickte sie mürrisch an. Er sah abgekämpft und ziemlich schmutzig aus und seit wann humpelte er denn?

‚Habt ihr eure Post nicht gelesen?‘ fragte der Totengräber mürrisch.

‚Ja, schon!‘ rief Gerk.

‚Ja und wo wart ihr die ganze Zeit.‘

‚Es hieß wir sollten zu Hause auf weitere Nachricht warten und es würde uns jemand abholen kommen, wenn es etwas zu tun gibt. Währenddessen sollten wir das Handbuch aufmerksam durchlesen. Wir haben uns sogar von unserem Ersparten die Sachbücher gekauft, die empfohlen wurden.‘ berichtete Gerk.

‚Und dazu sind wir eigens bis nach Bistritz gefahren!‘ meinte Tirsch, räusperte sich und fuhr dann fort. ‚Mit dem Fahrrad!‘

‚Dann müssen wir uns verpasst haben, habt ihr es denn nicht mitbekommen?‘ fragte der Totengräber.

‚Was mitbekommen?‘

‚Ja, die unerklärlichen Tode beim letzten Vollmond.‘

Jemand vom Nachbartisch drehte sich um und meinte ziemlich ernst: ‚Der Wolf hat sie sich geholt, weiter nichts!‘

Der Dorfdepp packte die Schankmaid bei der Hand, fing an zu jaulen und zu tanzen. ‚Ja, der Wolf der auf zwei Beinen tanzt. Jaaaaaauuuuuuhhhhh!‘

Der Wirt packte den Dorfdeppen, hielt ihm den Mund zu und zerrte ihn in die Küche. Dann kam er wieder und meinte: ‚Der Wolf war es und nichts weiter!‘

‚Ihr habt recht und gebt mir doch eine Flasche von eurem Wein, wir wollten eh grad gehen.‘ meinte der Totengräber, schnipste ihm ein Silberstück entgegen und fuhr dann fort. ‚Und ein Paar von den gelegten Broten!‘

‚Kommt sofort!‘ meinte der Wirt in seiner eigenen schmierigen Art und stieß seine Tochter an, während er das Silberstück auf seine Echtheit überprüfte.

‚Dafür bekommt ihr 2 Flaschen von meinem besten Wein und die Brote oben drauf.‘ rief er dann und klatschte in die Hände.

Wenig später überreichte er Tirsch das Päckchen mit den Broten und zischte: ‚Was habt ihr denn mit dem da zu schaffen?‘

‚Ach, meine Großmutter hat mir nur aufgetragen ihm bei seiner Arbeit zu helfen. Sie hat doch immer die Blumen gebracht für die unbekannten Toten. Und der Herr da oben mag es wahrlich nicht, wenn man ein Versprechen bricht, was man auf dem Totenbett gegeben hat.‘ rief Tirsch, zog seine Mütze vom Kopf und blickte den verwunderten Wirt andächtig an. Der Wirt machte 3 Kreuzzeichen, drückte Gerk die zwei Weinflaschen in die Hand und meinte abschließend. ‚Gebt bloß auf euch Acht. Der Mond scheint voll heute Nacht!‘

‚…der Wolf weiter nichts!‘ murmelte der Totengräber und humpelte aus der Taverne.

Als sie allein vor dem Gasthaus standen, zischte er ihnen zu: ‚Unwissendes und ignorantes Pack!‘

‚Wer hat dir nur so schwere Wörter beigebracht?‘ fragte Tirsch und grinste ihn albern an.

Der Totengräber blickte ihn fassungslos an, sagte aber nichts und humpelte ein paar Schritte weiter von der Taverne weg.

‚Sag mal, Totengräber! Seit wann humpelst du?‘ fragten die beiden Jungs.

‚Ich war ihm tagelang auf der Spur und doch hat er mich abgehängt.‘

‚Wer?‘ wollte Gerk wissen.

‚Der Wolf, wer sonst!‘

‚Das erklärt aber nicht dein Humpeln!‘

‚Ich bin über eine Wurzel gefallen und aufs Knie gestürzt. Keine Sorge, ich war nicht nah genug dran, als dass er mich hätte beißen können.‘ meinte er und lief über die Straße.‚Ich hab meinen Beobachtungsposten im Stall aufgeschlagen.‘

Es begann zu regnen. Sie duckten sich unter das Dach des Schobers und versuchten nicht weiter aufzufallen. Nach gefühlten Stunden anhaltenden Regens, begann es zu Stürmen und zu Gewittern. Und sie harrten immer noch im Stall aus, in der Hoffnung, dass etwas Außergewöhnliches geschehen möge. Der Regen kam sintflutartig vom Himmel und schon bald tropfte es durchs undichte Dach.

‚Ganz schön feucht hier!‘ meinte Tirsch, der an einem Stab herum schnitzte. Ein Blitz erhellte das Geschehen einen Moment lang und dann donnerte es.

‚Was schnitzt du denn da eigentlich?‘ fragte der Totengräber, der ihn noch dazu misstrauisch anstarrte.

‚Einen Stock, falls es mit deinem Knie schlimmer wird. Weil ich hab in den letzten Wochen jeden Tag einen Palmarec geschnitzt und am Sonntag auch mal zwei…‘ fing Tirsch an, wurde dann aber von Gerk unterbrochen. ‚Und der Pfaffe weigert sich schon seit einer geschlagenen Woche sie zu weihen!‘

‚Mit dem Pfaffen habe ich eh noch ein Hühnchen zu rupfen, der ist nämlich zur Mitarbeit verpflichtet.‘ flüsterte der Totengräber. Es tat einen gewaltigen Schlag und wieder blitzte und donnerte es. Der Totengräber blickte noch misstrauischer nach draußen: ‚Es muss ganz in der Nähe eingeschlagen haben!‘

‚Der Herrgott gibt es und der Herrgott nimmt es!‘ meinte Tirsch und schnitze weiter.

‚Du hast echt ein Gemüt wie ein Fleischerhund!‘ nuschelte der Totengräber.

‚Hatte deine Oma nicht mal einen Fleischerhund?‘ rief Gerk aufgeregt.

‚Der Herr ist hoffentlich mit Beiden. Mögen ihre Seelen in Frieden ruhen…!‘ meinte Tirsch, kam dann ins Stocken und fuhr erst fort, als er mit dem Stab auf die Tavernentür zeigte. ‚Wenn man vom Teufel spricht…!‘

Der Pfaffe war gerade in der Taverne verschwunden und wenig später kamen alle aus der Taverne gestürmt. Sogar der Wirt, der seine Tochter mit sich schleifte. Sie liefen Richtung Kirche.

Der Totengräber rappelte sich auf und war im Begriff loslaufen zu wollen, doch Tirsch und Gerk waren schneller. Tirsch hatte ihn noch den Stecken in die Hand gedrückt und war verschwunden.

Als der Totengräber endlich an der Kirche ankam, sah er schon den Grund des Aufruhrs.

Der Blitz hatte im Kirchturm eingeschlafen. Zum Glück war das Feuer von dem starken Regen gleich wieder gelöscht worden, doch heruntergefallene Trümmer waren durch die Dachkonstruktion der Kirche gestürzt und die halbe Kirche war eingestürzt.

Die Dorfbewohner versuchten zu retten, was zu retten war. Und Tirsch und Gerk sahen sich nach etwas Ungewöhnlichen um.

Weiter nichts, außer dem Offensichtlichen. Bis der Dorfdepp zu niesen begann.

‚Riecht nach nassen Hund.‘ rief er und fing wieder an zu tanzen.

Tirsch und Gerk wurden hellhörig und schnupperten sich durch die Dorfbewohner, bis sie an der Tochter des Wirtes hängen blieben, die sie Beide mit glühend roten Augen anstarrte. Sie hörten noch ein Knurren, dann ein Fauchen. Ihre Beine verwandelten sich, in dem Moment als der Regen aufhörte und die Wolken den Vollmond freigaben, in etwas Unmenschliches. Sie fing augenblicklich an zu jaulen, sprang über die beiden Jungs hinweg und landete auf dem Dorfdeppen. Im nächsten Moment hörte man ziemlich viel Blut auf den Boden britscheln, noch bevor der tote Körper des Deppen auf den Boden krachte und die mittlerweile ziemlich haarige Tochter der Wirtes auf allen Vieren davon sprang. Der Totengräber spannte seine Armbrust, zielte auf sie und schoss, doch der Wirt warf sich in den Weg und fing den Bolzen mit seinem eigenen Körper auf.

‚Du dummer Naar, sind nicht schon genug Deppen gestorben, für einen Abend!‘ rief der Totengräber, der zu dem Wirt hinüber humpelte, der bereits stöhnend zu Boden gesunken war.

‚Aber sie ist doch meine Tochter!‘ flüsterte er dem Totengräber zu, als er ihn packte und versuchte die Wunde mit den Händen abzudrücken.

‚Aber sie hat schon das halbe Dorf auf dem Gewissen.‘

‚Versprich mir, dass meine Tochter nicht leiden…! röchelte der Wirt und starb in den Armen des Totengräbers. Dieser schloss dem Wirt die Augen und zog ihm den silbernen Bolzen aus der Brust. ‚Der Pfaffe kümmert sich um dein Seelenheil, mein Freund!‘

Er rappelte sich auf und ging zu der Leiche des Dorfdeppen hinüber. Er nahm seinen Geldbeutel zog zwei Silbermünzen heraus und legte sie in die klaffende Halswunde des Toten.

‚Wir sollten ihn sicherheitshalber verbrennen!‘ meinte er und blickte den Pfaffen an.

Der Pfaffe nickte.

‚Und sorgt dafür, dass die Silbermünzen dort bleiben…!‘ rief der Totengräber und wickelte ein Tuch um den blutigen Hals des Dorfdeppen.

Der Pfaffe nickte wieder.

‚Tirsch!‘ rief der Totengräber und Tirsch antwortete wie aus der Pistole geschossen. ‚Jawohl!‘

‚Nimm die Armbrust! Und Gerk!‘ rief der Totengräber wieder, drückte Tirsch die Armbrust und den blutigen Bolzen in die Hand.

‚Jawohl!‘ schrie Gerk.

‚Den silbernen Nagel!‘

‚Steckt in der Wirtstochter!‘ rief Gerk beinahe ratlos.

‚Dann wird sie nicht weit kommen! Ich hab da noch eine Überraschung für sie!‘ rief der Totengräber, zog eine Flinte unter seinem Mantel hervor und fuhr fort. ‚Dann lass uns ihr das Fell über die Ohren ziehen!‘

Sie liefen los und verschwanden an der Stelle, wo die Wirtstochter im Wald verschwunden war. In dieser Nacht hörten die Dorfbewohner zwei Schüsse. Und am nächsten Morgen zogen Rauchschwaden durchs Dorf und es roch verdächtig nach verbrannten Hund.

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Des Nächtens… der Mond schien fahl!

Des Nächtens… der Mond schien fahl!

002Dunkel war’s, der Mond schien fahl, da schlichen zwei Männer durch die Nacht.

‚Hey, Tirsch! Bist du dir sicher, dass du…!‘ flüsterte der Eine dem Anderen zu.

‚Scht!‘ zischte der Andere und legte ärgerlich den Finger auf den Mund.

‚Es ist halt schon ganz schön gruselig hier draußen!‘ stotterte der Eine.

‚Spinn dich aus, Gerk!‘ rief der Andere, der wohl Tirsch hieß und einen Rucksack dabei hatte.

‚Ich mein ja nur!‘ rief der Eine, der Gerk hieß und mit sich selbst schon genug zu kämpfen hatte.

‚Halt, wer da?‘ rief jemand zu ihnen hinüber. Jemand spannte seine Armbrust, das Geräusch war unverkennbar.

‚Wir sinds!‘ riefen die Beiden, wie aus einem Mund.

‚Wenn ich jedes Mal geschossen hätte, wenn jemand ‚Wir sinds!‘ gerufen hat, dann wäre hier wegen Überfüllung geschlossen und ich wäre am Ende arbeitslos.‘ rief der Kerl und hielt eine schmutzige, alte Laterne hoch, um besser sehen zu können.

Die Beiden traten ins Licht seiner Laterne und stammelten vor sich hin: ‚Wir sinds, Tirsch und Gerk ausm Dorf!‘

‚Und was macht ihr hier draußen zu einer so unchristlichen Stunde?‘ rief der Mann, der seine Armbrust mittlerweile weggelegt hatte und eine Schaufel zur Hand nahm.

‚Nun ja, wir wollten uns vergewissern…!‘ rief der Tirsch, brach dann aber mitten im Satz ab.

‚Was vergewissern?‘ wollte der Mann wissen.

‚Die Marie ist ihm drei Mal in seiner Kemenate erschienen und jetzt denkt er, sie wär ein Nachzehrer!‘ rief der Gerk aufgeregt.

‚Ein Nachzehrer bleibt für gewöhnlich in seinem Grab und zehrt an seinem Leichentuch oder an sich selbst und man kann nur Nachts das Schmatzen und Stöhnen hören, wenn man genau hinhört.‘ rief der Mann, lehnte sich auf seine Schaufel und legte eine Hand an sein Ohr, um zu lauschen.

‚Du musst es ja wissen!?‘ meinte der Tirsch skeptisch.

‚Der Beruf des Totengräbers ist anspruchsvoller, als mancher denken mag.‘ meinte der Totengräber und zog ein kleines Büchlein aus seiner Manteltasche. ‚Wenn ihr das vorhabt, was ich denke, müsst ihr mir erst mal ein paar Fragen beantworten!‘

Die beiden Männer nickten folgsam.

‚Also, hatte die verstorbene Marie, Tochter des Waldwarts Lunz, zu Lebzeiten eine wie auch immer geartete Beziehung zu dem nächtlich Aufgesuchten?‘

‚Des geht dich einen Scheißdreck an!‘ rief Tirsch aufgebracht und machte Anstalten gehen zu wollen.

‚Wenn du weiter von der schönen Marie um deine Nachtruhe gebracht werden willst, solltest du meine Fragen beantworten!‘ meinte der Totengräber und hielt ihm ein amtliche Urkunde hin, die vorne in das Buch geheftet war. Dort stand: ‚Erfüllungsgehilfe der Jägergewerkschaft, Watzlaf, der Totengräber zu Ludwigsdorf…!‘

‚Ich wusste gar nicht, dass du Wa…!‘ plapperte Gerk, bis der Totengräber ihm blitzschnell den Mund zu hielt.

‚Nenn ihnen nicht meinen Namen, weil wenn sie deinen Namen wissen, dann haben sie Macht über dich!‘ zischte der Totengräber und lauschte bedenklich über den Friedhof. Er hätte schwören können ein Schmatzen gehört zu haben.

‚Was steht da nun?‘ fragte Tirsch. Er konnte anscheinend nicht lesen.

‚Er ist Mitglied in der Jägergewerkschaft!‘ meinte Gerk.

‚Ja, der Waldwart Lunz ist auch Jäger und dem erzähl ich auch nicht, dass ich seine Tochter gepimpert habe!‘ rief Tirsch und merkte nicht, dass er mit seinem Ausruf die Frage bereits beantwortet hatte.

‚Aber er ist nicht in der Jägergewerkschaft! Wir haben den geheimen Auftrag das Außergewöhnliche, Übernatürliche und Unerklärbare zu jagen und zur Strecke zu bringen und ihr tatet gut darin mit eurem Problem zu mir zu kommen.‘ meinte der Totengräber feierlich.

Er zog einen kleinen Kohlestift aus dem Buchrücken und kritzelte in das Buch.

‚Hast du das dauernde Gefühl, dass heute eigentlich gestern ist?‘

‚Ich hab seit 3 Nächten nicht geschlafen, ich bin mir nicht mal sicher, ob ich überhaupt wach bin.‘ rief Tirsch aufgebracht. Der Totengräber kritzelte in sein Buch und flüsterte: ‚Sagen wir mal ja! Hast du, wenn du nach oben blickst das Gefühl zu fallen?‘

Tirsch und Gerk blickten nach oben, nach einem viel zu langem Moment blickten beide den Totengräber an und schüttelten den Kopf.

Der Totengräber zog die Luft zwischen den Zähnen hindurch, kritzelte wieder in sein Buch und meinte: ‚Also nein!‘

Er blätterte um und fuhr fort: ‚Hast du kürzlich etwas gerochen, dass man am Besten beschreiben kann als Praline, obwohl dort keine Pralinen waren?‘

‚Das verstehe ich nicht!‘ meinte Tirsch, während Gerk in seiner Nase bohrte.

‚Hast du Pralinen gerochen, bevor sie dir erschienen ist.‘

‚Sie ist mir nicht erschienen, die hat mich angepackt und das war mehr als körperlich!‘

‚Was du davor irgendwas gerochen?‘

‚Ja!‘

‚Und was?‘

‚So wie sie halt immer gerochen hat. Nach Fichte, Moos und Honig, Nach Lavendel, Rosmarin und Eierlikör…‘ Bei der Aufzählung kam Tirsch richtig ins Schwärmen. ‚…deshalb hab ich sie auch reingelassen!‘

‚Neue Geschmacksrichtung. Muss weiter beobachtet werden.‘ flüsterte der Totengräber und kritzelte wieder ins Buch und fuhr fort. Fühlt sich deine Gallenblase irgendwie taub an?‘

‚Also jetzt wird’s aber hint höher wie vorn!‘ meinte Tirsch und drehte sich zu Gerk um, der nun in seinem Ohr herum puhlte. ‚Hast du auch so eine Gallenblase?‘

‚Gut, streichen wir die letzte Fragen. Nun wollen wir überprüfen, ob es sich um eine unverweste Leiche oder einen Nachzehrer handelt, oder etwas Schlimmeres.‘ meinte der Totengräber und drückte dem Gerk die Schaufel in die Hand. Er griff sich seine Armbrust und ging voran, geheimnistuerisch legte er den Finger auf den Mund und lauschte.

An der Begräbnisstätte angekommen, öffnete Tirsch seinen Rucksack und kramte darin herum. Er zog einen Rosenkranz an und biss in eine Knolle Knoblauch. Wortlos drückte er Gerk den Knoblauch in die Hand, der ebenfalls davon abbiss.

‚Ich merk schon, ihr seid ganz gut ausgerüstet. Was habt ihr denn da alles im Beutel!‘ fragte der Totengräber und blickte neugierig in den Beutel, in dem Tirsch immer noch herum kramte.

‚Großmutters Palmarec¹), Weihwasser, reichlich Knoblauch, ein Silbernagel, ein Kreuz groß, noch einen Rosenkranz!‘ fing Tirsch an aufzuzählen, reichte Gerk den zweiten Rosenkranz und fuhr fort. ‚Einen Hammer, einen Klappspaten, Leinsamen, ein Seil, eine Zitrone und Schnaps.‘

‚Der Palmarec ist aus Weißdorn?‘

‚Und vom Pfaffen gesegnet!‘

‚Tirsch, du solltest dringend lesen und schreiben lernen!‘

‚Wieso?‘

‚Nur für den Fall, dass du einen Brief von der Jägergewerkschaft bekommst, dann wäre die erste Voraussetzung, dass du ihn auch lesen könntest.‘

Ihr Gespräch wurde von einem stöhnenden Schmatzen unterbrochen. Gerk blieb der Knoblauch schier im Halse stecken und Tirsch packte sich erschrocken die Zitrone.

Kauen und Schmatzen!‘ flüsterte der Totengräber und kritzelte wieder in seinem Buch herum. ‚Bevor ihr mit dem Graben beginnt, müssen wir den Platz segnen.‘

‚Ich kann ein Gebet sprechen!‘ meinte Gerk.

Und Tirsch nahm die Flasche mit dem Weihwasser aus dem Rucksack und blickte den Totengräber neugierig an.

‚Ja, sehr gut Tirsch. Trete ans Grab heran, drehe dich zu mir herum und träufle das Weihwasser auf den Boden und gehe dabei einmal ums Grab herum.‘

Tirsch tat was ihm geheißen und Gerk begann zu beten. Müde bin ich, geh zur Ruh, schließe beide Augen zu. Vater, lass die Augen dein, über meinem Bette sein. Hab ich Unrecht heut getan, sieh es, lieber Gott, nicht an, deine Gnad und Jesu Blut, machen allen Schaden gut. Alle, die mir sind verwandt. Gott, lass ruhn in deiner Hand, alle Menschen, groß und klein, sollen dir befohlen sein. Kranken Herzen sende Ruh, müde Augen schließe zu. Gott im Himmel halte Wacht, gib uns eine gute Nacht. Amen!‘

Der Totengräber stand mit offenen Munde da und puhlte nun selbst in seinen Ohren herum. ‚Besser hätte ich es auch nicht machen können. Tirsch gib mir die Flasche und bleibe in dem gesegneten Kreis. Gerk gib ihm die Schaufel.‘

Während Tirsch sich an die Arbeit machte, kniete sich der Totengräber neben das Grab und beobachtete jeden Handgriff. Er murmelte immer wieder etwas und kritzelte in sein Buch. ‚Das Blumengesteck war wesentlich verschoben und die Erde war weich und aufgewühlter als ich sie verlassen habe.‘

Als Tirsch auf den Sargdeckel stieß, blickte er ins Gesicht des Totengräbers, der wieder den Finger vor den Mund legte. Ein schmatzendes Stöhnen erklang und Tirsch wurde unter dem Schmutz kreidebleich. ‚Nun klopfe dreimal auf den Sargdeckel, stemm ihn auf und halte die Zitrone bereit. Gerk Weihwasser und Plamarek bereithalten.‘

‚Gib mir mal den Klappspaten!‘ rief Tirsch und warf die Schaufel nach oben. Der Totengräber zog eine Axt aus dem Gürtel.

‚Die Regel 1 der Jägergewerkschaft ist eigentlich, führe immer eine Axt mit dir. Man weiß nicht für was man sie brauchen kann, aber so ein Klappspaten ist genauso gut.‘

Mit lautem Knarzen hebelte Tirsch den Sarg auf und der Totengräber leuchtete ihm.

‚Sag mal, die ist doch schon eine Woche tot und sie sieht immer noch drall und gesund aus.‘ meinte Gerk, der einen Blick riskiert hatte. Tirsch beugte sich runter und legte ihr die Zitrone in den offenen Mund. Ihre Lippen waren noch genauso rot, wie an dem Tag, als er sie das letzte Mal lebendig sah.

‚Ein Anzeichen für Untote, Strigoi, Wiedergänger oder Vampire ist, die lebenden Leichen wirken vollgefressen und feist, die Wangen schimmern rosig bis rot, die Fingernägel und Haare scheinen gewachsen zu sein!‘ meinte der Totengräber und kritzelte in sein Buch. ‚Der Mund steht meist offen und ist voll Blut, dass meist frisch zu sein scheint!‘

‚Öhm ja!‘ rief Tirsch und blickte den Totengräber ernst an, der bereits einen Haken gemacht hatte und dann fortfuhr. ‚Wenn diese Anzeichen nicht erfüllt wurden, ist ein beschimpfender Unfug an einer Grabstätte nicht gestattet und unter Strafe vom Erfüllungsgehilfen umgehend zu vollstrecken.‘

‚Also sie hat sich an mir vergangen, als ich in meinem Bette lag, dass ist ja wohl Anzeichen genug.‘ rief Tirsch aufgebracht.

‚Aber gebissen hat sie dich nicht, oder?‘

‚Wie meint ihr das?‘

‚Er meint, dass dir dein Kasper abfault und du ihn nie wieder Schnäuzen wollen wirst, wenn sie dir in den Zipfel gebissen hat.‘ rief Gerk und kicherte in sich hinein.

Tirsch zog den Gürtel seiner Hose auf und riskierte einen Blick in seine Hose. Der Totengräber leuchtete, blickte ihm über die Schulter und konnte sich auch kaum mehr zurückhalten.

‚In der Regel beißen die Vampirartigen an gut erreichbaren Stellen des Körpers, wo die großen Adern verlaufen. Also Hals, Hand- und Fußgelenk. Aber in deinem Fall sollten wir Oberschenkel Innenseite und Bauch untersuchen, nur für den Fall der Fälle.‘

Tirsch schob auch noch das Hemd hoch und blickte auf seinen Bauch, als die schöne Marie plötzlich die Augen aufriss, ihm die Zitrone gegen den Kopf spuckte, ein markerschütterndes Keuchen von sich gab und ihren Körper pfeilschnell aufrichtete. Tirsch konnte ihre spitzen Zähne sehen und das Blut, dass ihr aus dem offenen Mund auf ihre drallen Brüste rann. Während der Totengräber aufgeregt in seinem Buch blätterte, schlug Tirsch beherzt zu, noch bevor ihre langen Krallen ihn erreichen konnten.

‚Den Platz mit Weihwasser tränken, Ausgraben und/oder Gruft öffnen, persönliche Schutzzeichen, wie Kreuze und/oder Knoblauch können hilfreich sein. Wenn das Aussöhnen mit dem Verstorbenen und /oder eine Zitrone nicht helfen, ist die Tötung der Leiche empfohlen. Das Pfählen mit einem handelsüblichen Palmarec aus Weißdorn oder eisernen oder silbernen Nagel und das Abtrennen des Kopfes mit einer Axt oder einem Spaten, den Leichnam verbrennen und die Überreste mit reichlich Knoblauch, Leinsamen und einen geknoteten Strick wieder eingraben. Einen Segen und/oder ein Gebet sprechen hat auch noch nie geschadet.‘ rief der Totengräber, doch Tirsch hatte der schönen Marie schon mit dem Klappspaten den Kopf sauber abgetrennt. Gerk reichte ihm den Palmarec und Tirsch trieb ihn ihr mit einem harten Schlag zwischen die Brüste. Dabei hätte er fast seine Hose verloren. Als er aus der Grube kletterte war er mit Blut und Dreck besudelt. Er steckte sein Hemd in die Hose und schloss den Gürtel, während Gerk ihm den Flachmann reichte. ‚Von dem geweihten Schnapse sollst du kosten, liebste Marie. Möge der Herr deiner Seele gnädig sein und dich Heimholen in sein Reich. Grüße Großmutter von mir. Amen.‘ rief Tirsch und verschüttete den Schnaps über dem Leichnam. Gerk zündete einige Streichhölzer an und warf sie hinterher. In Windeseile fing alles Feuer und die Flammen züngelten aus der Grube. Während Gerk einige Knoten in das Seil band, kniete sich Tirsch neben das brennende Grab und wusch sich mit dem restlichen Weihwasser Hände und Gesicht. Dabei schien er in ein stilles Gebet vertieft zu sein.

Der Totengräber war so beeindruckt von den Beiden, dass er sein Buch wieder in seinem Mantel verschwinden ließ und sie mit offenen Mund weiter beobachtete.

‚Gesegnet sei der, der im Namen der Barmherzigkeit und des guten Willens die Schwachen durch das Tal der Dunkelheit geleitet, denn er ist der wahre Hüter seines Bruders und der Retter der verlorenen Kinder.‘ flüsterte Tirsch.

‚Ich will große Rachetaten an denen vollführen, die da versuchen meine Brüder zu vergiften und zu vernichten, und mit Grimm werde ich sie strafen, dass sie erfahren sollen, ich sei der Herr, wenn ich meine Rache an ihnen vollstreckt habe!‘ erwiderte der Totengräber.

Als das Feuer runter gebrannt war, warf Gerk die Leinsamen, das geknotete Seil und den Knoblauch in das Loch, während Tirsch die Grube wieder zu schaufelte. Als sie fertig waren zog Gerk das große Kreuz aus dem Rucksack und steckte es in die weiche Erde. Der Totengräber zog einen Flachmann aus seiner Tasche und schüttete den Inhalt auf das Frische grab. ‚Möge sie in Frieden ruhen. Amen!‘

‚In nomine patris et filii et spiritu sancti!‘ sprachen Gerk und Tirsch wie aus einem Mund.

Ende

¹) Palmarec – bulgarischer oder rumänischer Eigenname für einen Nagel zum Pfählen oder Durchstoßen von Vampiren, der bestenfalls aus Weißdorn oder Metall besteht.

P.S. Der Wortdieb bedankt sich bei Wikipedia, Dr. Mark Benecke, Quentin Tarantino, Warehouse 13, Akte X, Supernatural und der Bibel für die vielen Inspirationen. Danke.

Blut ist dicker als Wasser – Die Geschichte eines Holzfällers – Teil 9

Blut ist dicker als Wasser – Die Geschichte eines Holzfällers – Teil 9

schweiniBranu humpelte Schweini hinterher, Richtung Waldrand. Er war auf der Suche nach Bruna, die war schon seit Stunden fort und langsam machte er sich wirklich Sorgen um sie. Auf seiner Wange leuchtete immer noch ihr Handabdruck und in seinem Kopf sang der Met manch rauschendes Lied.

Er hatte nicht nur die eine Flasche Met zusammen mit dem Meister Ulgur vernichtet und deswegen spürte er jetzt auch keinen Schmerz. Der Heiler hatte ihm eigentlich verboten, den Hof zu verlassen und er würde es morgen bitter bereuen, dass er so weit gelaufen war. Aber wenn die Götter ihm nun endlich eine richtige Familie geschenkt haben, dann musste er sich auch darum kümmern. Und sein Vater, also der Meister Ulgur, war zu betrunken um sie zu suchen.

Er hatte ihn vorhin ins Bett bringen müssen, weil er so besoffen gewesen war, dass er nicht mehr laufen konnte und das am helllichten Tag. Aber es war ja auch durchaus ein Grund zu feiern. Mann wurde ja nicht jeden Tag, zum zweiten Mal Vater und Mann bekam auch nicht jeden Tag seinen richtigen Vater zu Gesicht. Das Schwein verschwand im Dickicht und das riss ihn aus seinen betrunkenen Gedanken.

Als er zum Bachlauf kam, sah er schon den Rauch aufsteigen. Und wenig später stieg ihm der Geruch verbrannten Haares in die Nase. Bruna lag im Bach, blickte ohne auch nur einmal zu blinzelnd nach oben und das Wasser dampfte um sie herum. Der Wasserdampf ergoss sich schon über das ganze Tal.

Er versuchte möglichst unbeschadet die Böschung runter zu rutschen. Sein Bein tobte jetzt auch noch oder schon, aber er würde nicht ohne Bruna wieder zurück gehen, nach Hause. Er humpelte weiter auf den Bach zu und kniete sich umständlich ans Ufer in den Schlamm und flüstere: ‚Bruna, für ein Bad ist es entschieden zu kalt!‘ Dann griff er nach ihrer Hand und kam fast aus dem Gleichgewicht. Das Bachwasser schien tatsächlich erwärmt zu sein. ‚Komm da raus. Ich würd mich gerne bei dir entschuldigen.‘

Mit einer ruckartigen Bewegung wand sie ihren Kopf in seine Richtung und Tränen liefen unentwegt aus ihren Augen und verdampften in nächsten Moment auf ihrer Haut. Ihre Hand schien in Flammen aufzugehen und er ließ sie schlagartig wieder los.

‚Komm bitte da raus, du musst mir helfen. Ohne dich komme ich die Böschung nie wieder rauf.‘

Ihre Hand brannte tatsächlich, obwohl sie halb im Wasser lag. Er musste den Kopf schütteln, das musste am Met liegen. Die Hand brannte immer noch. Er kniff die Augen zu und sie brannte immer noch, als er seine Augen wieder geöffnet hatte.

‚Ich glaub, du brennst Bruna?!‘ stotterte er.

Plötzlich schloss sie die Hand und das Feuer erlosch. Er konnte sie atmen hören und er dachte er hätte so was wie ein Seufzer gehört. Sie blinzelte und hielt einen schrecklich langen Moment ihre Augen geschlossen und als sie endlich ihre Augen wieder öffnete, stand das Blau ihrer Augen voll Tränen. Ihr Kinn zitterte und ihre Maske zerbrach, so wie die Tränen über ihr Gesicht flossen.

Beherzt griff er wieder nach ihrer Hand und zog sie zu sich heran.

‚Du heulst doch nicht wegen mir?‘ fragte er unverblümt.

Ein feuriger Schlag in seine Nieren, war ihm Antwort genug. Ihm blieb für einen Moment die Luft weg, hielt sie aber eine Weile im Arm und während ihm beruhigende Laute über die Lippen huschten. Endlich regte sie sich und blickte ihn mit verheulten Augen an.

‚Verzeihst du mir den kleinen Ausrutscher? Ich war irgendwie verwirrt!‘ fragte Branu.

‚Wenn hier Einer verwirrt ist, dann bin ich das wohl und was fällt dir überhaupt ein, deine Zunge in meinen Hals stecken zu wollen. Ich glaub es hackt.‘ plapperte sie los, bis der Rauch wieder von ihr aufstieg. Dann fing sie wieder an zu weinen und krächzte. ‚Der Einzige, der mich je berührt hat, war das wandelnde Feuer…! Und das ist schon schlimm genug und der Nächste ist dann mein Bruder…‘ Den Rest des Satzes konnte er nicht mehr verstehen, aber er glaubte, dass sie ihn zwischen den ganzen Schluchzern ganz schön beleidigt hatte. Sie heulte, wie sie es als 12 jähriges Mädchen nicht getan hätte und dann fing sie sich wieder. ‚Wenn du das irgendjemanden erzählt, schleife ich dich an deinen … Ohren… in den Wald und leg dich wieder unter den Baum!‘

Sie zog den Rotz hoch und lächelte ihn an. Mit einer zarten, ja einer erschreckend zarten Bewegung berührte sie seine Wange, an der Stelle wo ihr Handabdruck immer noch feuerrot leuchtete und tierisch brannte.

‚Das gibt, ich brenn dir Eine, eine ganz neue Bedeutung!‘ meinte sie. Beide mussten Lachen.

‚Der Phönix aus der Asche, Schwesterlein! Der Phönix aus der Asche.‘ meinte er und versuchte zu grinsen, doch sein Gesicht tat ihm fast mehr weh als sein Bein.

ENDE

Diese Geschichte basiert auf dem Hintergrund der Rauriker und den Ereignissen nach dem Imbolcfest (http://www.rauriker.de) Ähnlichkeiten von Personen im realen Leben sind völlig ausgeschlossen und somit reiner Unfug. Wir bitten um Verständnis.

Erwischt – Die Geschichte eines Holzfällers – Teil 8

Erwischt – Die Geschichte eines Holzfällers – Teil 8

schweiniNach einer Woche war der Holzfäller mehr oder weniger wieder auf den Beinen. Er versuchte sich zumindest nützlich zu machen. Nachdem Meister Ulgur die Heiler bezahlt hatte, würde er seine Schuld in den nächsten Monaten abarbeiten müssen. Das Gehen fiel ihm noch schwer und irgendwie hatte er immer das Gefühl er würde dem Metzger und seiner Tochter nur im Weg umgehen. Er musste wirklich noch viel über das Metzgerhandwerk lernen.

Im Großen und Ganzen ging es ihm einen Tag gut und am nächsten Tag wieder schlecht. An schlechten Tagen hatte er wieder Fieber und Bruna wachte an seinem Bett und es schien ihm so, als würde sie seine Hitze anziehen und in sich aufsaugen. Und am nächsten Tag ging es ihm wieder gut.

Heute war so ein Tag, es ging ihm mehr als gut und er wurde leicht übermütig. Er hatte sich in der Küche nützlich gemacht, der Meister hat seine Blutwürste gemacht und der Holzfäller hatte ihm dabei über die Schulter gesehen und versucht zu helfen.

Nun waren sie fertig und der Holzfäller trat in die Metzgerstube und erblickte Bruna, die gerade den Boden wischte. Sie kniete neben einem grintigen Eimer auf den blutigen Dielen und er konnte den Blick nicht von ihr wenden. Einen Moment musste er auf ihren Hinter gestarrt haben, bis es ihm Gewahr wurde. Hastig begann er zu faseln. ‚Bruna? Ich wollt mich noch bei dir bedanken.‘

‚Für was denn? Bedank dich lieber bei Schweini!‘ meinte sie mehr zum Putzeimer, als zu ihm.

‚Ich hab die Nächte sehr genossen, in denen du an meiner Seite wachtest!‘

‚Zeit wann redest du so geschwollen daher?‘ fragte Bruna, die den blutigen Lumpen ins Putzwasser warf und den Holzfäller entsetzt anstarrte.

‚Ich wollte…!‘ stotterte der Holzfäller und ging einen Schritt auf sie zu. Bruna nahm den blutigen Lappen, wand ihn aus und stand dann aber auf, weil Branu ihr irgendwie zu Nahe gekommen war.

‚Sag mal hast du wieder Fieber, soll ich dir nen Tee und kalte Wickel machen.‘ meinte sie fast beiläufig.

‚Ja, es muss das Fieber sein, es verbrennt mich.‘ meinte er ziemlich ernst und griff nach ihrer Schultern. ‚Es ist Etwas in mir entbrannt und ich vermag es nicht zu löschen!‘ säuselte er ihr ins Gesicht und kam ihr immer näher.

‚Und da kommst du zu mir?‘ fragte sie ihn ungläubig und versuchte sich aus seinem Griff zu winden. Er kam ihr noch näher und machte Anstalten sie küssen zu wollen. Als sich ihre Lippen sich flüchtig berührten, scheuerte sie ihm Eine und zwar so heftig, dass er nach hinten taumelte. Beinahe wäre er über den Putzeimer gestolpert. Er hielt sich die Wange, die nicht nur wie Feuer brannte, sondern auch so aussah. Aber der Schmerz war es wohl nicht, was ihn so erschreckte. Es war irgendwas anderes. Bruna blickte ihn wutschnaubend an, eine Ader pulsierte auf ihrer Stirn und ihre Finger fingen an zu rauchen.

‚Es tut mir leid, ich konnte nicht anders, ich musste es dir sagen!‘ meinte er und humpelte wieder auf sie zu.

‚Was sagen? Dass du den Verstand verloren hast!‘ rief sie aufgebracht und ging rückwärts durch die Stube, bis ihr Rücken an der Wand anstieß. Er versperrte ihr den Weg, packte sie unsanft und zog sie in eine Umarmung.

‚Nein Bruna, ich habe mein Herz verloren!‘ meinte er und versuchte sie erneut zu küssen, dabei glitten seine groben Finger an ihrem Rücken entlang und vergruben sich in den Stoff ihrer Tunika, die ihren mächtigen Hintern verdeckte. Er presste sie gegen die Wand und küsste sie hart und unnachgiebig, bis ein Räuspern ihn unterbrach.

‚Nimm deine Drecksbatschen von deiner Schwester.‘ stolperte dem Metzger Ulgur aus dem Mund.

Bruna und Branu stoben auseinander und sie blickten erst den Metzgermeister und dann sich gegenseitig verwirrt an.

‚Was zu Beltane passiert, weiß nur der Zwölfender!‘ meinte Ulgur und machte Anstalten nach draußen gehen zu wollen.

‚Ich glaub es hackt. Ich komme seit dem ich laufen kann in dein Haus, Bruna und ich haben unsere halbe Kindheit miteinander verbracht und dann so was und du siehst mir nicht mal ins Gesicht…‚ rief Branu völlig außer sich, bis seine Stimme brach.

Ulgur drehte sich noch mal um, legte den Finger an den Mund und sprach leise aber eindringlich genug: ‚Scht. Deine schwindlige Verwandtschaft darf davon nie etwas erfahren und jetzt beruhige dich, ich geh eine gute Flasche Met holen und dann werde ich dir ins Gesicht sehen, mein Sohn.‘

Bruna konnte nicht fassen, was sie da hörte. Ihr ganzer Körper bebte vor Wut, ihre Finger fingen wieder an zu qualmen und zu rauchen und sie stürzte hastig nach draußen. Ihr Vater kam ihr entgegen, als sie über den Hof lief. Wutentbrannt knallte sie ihm Eine. Und die hatte er sich wohl verdient. Bruna strafte ihn mit einem wütenden Blick und verließ den Hof Richtung Wald.

Als Meister Ulgur mit der Flasche Met in Händen in sein Haus zurück ging, stand Branu immer noch an der selben Stelle mitten in der Metzgerstube und rieb sich die Wange.

‚Die haben wir wohl beide verdient!‘ meinte Ulgur und rieb sich ebenfalls die Wange. ‚Deine Schwester hat nen ziemlichen Schwinger drauf!‘

Branu musste grinsen und blickte Ulgur in die Augen. Ulgur erwiderte den Blick. Sie umarmten sich kurz. Ulgur klopfte Branu auf die Schulter und flüsterte ihm ins Ohr: ‚Ich hätte es dir schon viel früher sagen müssen, mein Sohn!‘

Diese Geschichte basiert auf dem Hintergrund der Rauriker und den Ereignissen nach dem Imbolcfest (http://www.rauriker.de) Ähnlichkeiten von Personen im realen Leben sind völlig ausgeschlossen und somit reiner Unfug. Wir bitten um Verständnis.

Sprechstunde – Die Geschichte eines Holzfällers – Teil 7

Sprechstunde – Die Geschichte eines Holzfällers – Teil 7

schweiniIn der Wohnstube roch es nach deftigen Eintopf, gebratenen Zwiebeln und Speck. Bruna kochte gerade das Abendessen.

‚Aber das sieht doch schon ganz gut aus!‘ meinte der Heiler zum Holzfäller und erneuerte den Verband.

‚Kann ich aufstehen?‘ fragte Branu ungestüm und war im Begriff aus dem Bett springen zu wollen. Der Heiler hielt ihn zurück und meinte: ‚Na, na, na, morgen, vielleicht!‘

‚Kann ich wenigstens zum Abort gehen?‘

‚Morgen dann, aber überanstrenge dein Bein nicht, sonst waren unsere ganzen Bemühungen für die Katz. Der Eimer wird es heute Nacht für deine kleinen Geschäfte noch tun.‘

‚Muss ich die ganze Zeit im Bett liegen?‘

‚Nein, wenn du eh schon raus humpelst, kannst du morgen ein Bisschen in der Sonne sitzen, aber leg dein Bein hoch!‘

Bruna schaute durch einen Spalt im Vorhang.

‚Ah Bruna, komm nur rein!‘ meinte der Heiler. ‚Sehr gute Arbeit! Ich werd bei Zeiten auf dein inneres Feuer zurückkommen, du kannst viel Leid lindern.‘

‚Ich habe aber keine Ahnung was ich gemacht habe!‘

‚Dein Handabdruck ist auf seiner Wunde eingebrannt.‘

Ein erschrockenes ‚Oh!‘ kam aus ihrem Mund gestolpert, doch der freundliche Gesichtsausdruck des Heilers besänftigte ihren Schrecken und sie fuhr fort. ‚Ich hab einen Moment nicht aufgepasst und dann fing der Verband schon flammen.‘

‚Sehr gut, weiter so!‘ meinte der Heiler und war in der Versuchung ihr auf die Schulter zu klopfen.

‚Irgendwann brennt sie noch das ganze Haus nieder, wenn sie nicht aufpasst!‘ hörten sie Meister Ulgur rufen, der gerade am Vorhang vorbeigelaufen war.

Der Heiler sprang auf und meinte noch: ‚Also immer schön das Bein hochlegen und nicht überanstrengen. Ich schau morgen Abend wieder vorbei.‘

Er war schon hinter dem Vorhang verschwunden, bevor sie ihn rufen hörten: ‚Meister Ulgur!‘

Schweini lief durch den Vorhang und verhedderte sich im ausgerissenen Saum des Vorhangs. Bruna lief zum Schwein und befreite es. ‚Wär ja mal a G’schicht, wenn du durch die Öffnung laufen würdest.‘

Schweini grunzte erbost, so schien es zumindest dem Holzfäller.

‚Ist ja schon gut, ich wollt den Saum schon lang mal um nähen.‘ meinte sie und wand sich wieder zum Holzfäller, der sie belustigt angrinste.

Plötzlich kroch ihr der Geruch von Verbrannten in die Nase. Sie lies das Schwein aufs Bett fallen und blickte auf ihre Hände. Nun roch auch der Holzfäller etwas Verbranntes. Sie drehte sich um und versuchte auf ihren Hintern zu blicken und dann fiel es ihr ein. ‚Bei allen Göttern, mein Kuchen!‘

Und schon stolperte sie durch den Vorhang und er konnte nur noch ein Zischen hören. Bruna hatte wohl wieder den Herd mit bloßen Händen geöffnet.

‚Ach du gute Güte, da wären mir doch beinahe meine Küchlein verbrannt!‘

Der Holzfäller hielt sich die Hand vor den Mund, um ein lautes Loslachen zu verhindern, was ihm nur bedingt gelang.

‚Hör bloß auf zu Lachen!‘ meinte Bruna mürrisch.

‚Ich lach ja gar…!‘ und schon war es um ihn geschehen. Ohrenbetäubendes Gelächter drang durch den Vorhang. Er hielt erst inne, als Bruna ihr wütendes Gesicht im Spalt des Vorhanges auftauchte.

‚Da will wohl einer keinen Kuchen!‘

‚Doch Bruna, sehr gerne.‘

‚Dann hör auf zu Lachen!‘

‚Es tut mir leid, ich höre von dir nur so selten so Sachen wie: Vorhang versäumen und ach du gute Güte, da wären mir doch beinahe meine Küchlein verbrannt!‘ meinte der Holzfäller mit verstellter Stimme.

‚Versucht sie wieder das Haus anzuzünden?‘ meinte Metzger Ulgur, der gerade wieder in die Wohnstube getreten war.

‚Nein, sie hat versucht einen Kuchen zu backen!‘ rief der Holzfäller.

Der Metzger blickte auf den leicht verkohlten Kuchen auf der Anrichte. ‚Ah, die alten Äpfel mussten eh weg. Aber was hast du mit dem Zwiebelkuchen von vorhin gemacht?‘

Diese Geschichte basiert auf dem Hintergrund der Rauriker und den Ereignissen nach dem Imbolcfest (http://www.rauriker.de) Ähnlichkeiten von Personen im realen Leben sind völlig ausgeschlossen und somit reiner Unfug. Wir bitten um Verständnis.

Aufgeschreckt – Die Geschichte eines Holzfällers – Teil 6

Aufgeschreckt – Die Geschichte eines Holzfällers – Teil 6

schweiniEin dumpfer Schmerz zerrte an seinen Träumen und riss ihn unsanft aus dem Schlaf. Er war benommen und sein Kopf rauschte. Sein Bein fühlte sich taub an, schmerzte aber unvorstellbar und er konnte sich nicht bewegen, auch die Arme nicht. Vorsichtig öffnete er ein Auge und sofort rannen ihm Schweißperlen hinein. Hastig kniff er das Auge wieder zu und versuchte sich doch zu bewegen. Er bekam kaum Luft. Es schien so als würde etwas auf seiner Brust sitzen. Röchelnd versuchte er zu sprechen, doch seine Stimme brach und er hustete. Bruna wurde wach und schreckte von seiner Brust hoch. Sie war wohl am Bett sitzend eingeschlafen. Als sie wieder aufrecht da saß, begriff sie erst, das der Holzfäller wach war und panisch versuchte sich aus seiner Verschnürung zu winden. Beruhigende Laute kamen ihr über die Lippen während ihre Hände nach den Seinen suchte, um die Fesseln zu lösen. ‚Sch sch sch! Ich musste dich am Bett festbinden, du bist im Fieber handgreiflich geworden.‘

‚Bruna?‘ hustete der Holzfäller hervor. ‚Hab ich…!‘ Und seine Stimme brach wieder.

Sie legte einen Finger auf seinen Mund und wischte ihm mit einem feuchten Lumpen übers Gesicht. Vorsichtig öffnete er die Augen und blickte in ihre lächelnde Gesicht. ‚Nein, du hast dir keine Schande gemacht und dein Bein ist auch noch dran.‘ Sie musste ein Gähnen unterdrücken und nestelte weiter an seinen Fesseln. Endlich waren seine Hände frei. Und in einer ungeschickten Bewegung ergriff er sie an ihren Schultern, dass ihr vor Schreck der Lumpen aus der Hand fiel. ‚Hab ich dir Schande gemacht?‘ keuchte er ihr ins Gesicht.

Sie schüttelte verschmitzt den Kopf und als ihr Gewahr wurde, dass ihr das Blut in den Kopf stieg, riss sie sich los. Hastig griff sie nach der Wasserkanne und fing auch genauso hastig an zu reden: ‚Du musst viel trinken…!‘ Mit zitternden Fingern goss sie Wasser in einen Becher und setzte ihn an seine Lippen. Er nahm einen Schluck und griff dann nach ihrer Hand.

‚Halt, bevor du mir weiter was einflößt, müsste ich langsam mal was loswerden.‘ sagte er grade heraus.

‚Ja, natürlich! Lass mich erst die Fesseln lösen.‘ Was sie auch machte, dann drückte sie ihm eine Tunika in die Hand und half ihm hoch. ‚Langsam solltest du dir wirklich was anziehen.‘

Dann schob sie ihm einen Eimer vor die Füße und meinte: ‚Ich hoffe, dass schaffst du alleine!‘

Und ehe er sich versah, eilte sie von ihm fort und zog den Vorhang hinter sich zu. Er hörte wie sie sich am Ofen zu schaffen machte, als er sein Bein aus dem Bett hob. Jetzt spürte er es und es schmerzte. Er biss sich auf die Lippe, um ein Stöhnen zu unterdrücken. Nichts desto trotz zog er sich erst seine Tunika an und stutzte nicht schlecht, als er begriff, dass es tatsächlich eines seiner leichten Hemden war.

‚Das ist ja meine Tunika?‚ fragte Branu, über den Vorhang hinweg, während er schwerfällig seine Tunika anzog.

‚Ja, ich war heute untertags bei deiner Hütte und hab dir ein paar Sachen eingepackt und deinen Ochsen geholt. Du hast gestern Nacht im Fieberwahn ziemlich viel wirres Zeug geredet.‘ meinte sie und fuhr umgehend weiter fort, als sie das Plätschern hörte. ‚Aber nachdem du immer nach deinem Ochsen geplärrt hattest, beschloss ich ihn einfach herzuholen. Hab auch die paar Stämme mitgebracht. Nur die Kiefer hab ich liegen lassen.‘

‚Ich werd jeden einzelnen Spreißel von dem krummen Bastard einschüren.‘ fluchte er.

Fortsetzung folgt vielleicht…

Diese Geschichte basiert auf dem Hintergrund der Rauriker und den Ereignissen nach dem Imbolcfest (http://www.rauriker.de) Ähnlichkeiten von Personen im realen Leben sind völlig ausgeschlossen und somit reiner Unfug. Wir bitten um Verständnis.

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