Drei und eine Axt – Teil 35

Eine Axtgeschichte – Drei und eine Axt – Teil 35

reiter_neu‚Vira iss deinen Fisch, ich hab ihn nur für dich in einer Kräutersoße ertränkt.‘ meinte Wena.

Vira würgte wieder und Wena hielt ihr erbarmungslos einen Tee hin. ‚Dann trink den Tee, der ist gegen die Übelkeit.‘

Sie trank den Tee und versuchte sich ernsthaft zusammenzureißen.

‚Die letzten Monate war dir auch nicht übel.‘ flüsterte Wena mehr zum Fisch als zu Vira.

Ziska wurde von Kejnen zur Jurte herein gebracht, sie blickte erschöpft und mürrisch drein und genauso hörte sie sich auch an, als sie Vira anzischte: ‚Wenn du deinen Fisch nicht isst, wird dich Otar nicht zu deinem Mann ins Bett tragen.‘

‚Deine Laune ist ja wirklich unerträglich!‘ flüsterte Kejnen. ‚Und deswegen muss die weiße Hexe jetzt auch ins Bett. Morgen ist alles besser, als heute.‘

‚Sagt der Krüppel zu der Hexe!‘ zischte Ziska.

‚Ich wusste nicht, dass ich schwanger bin.‘ flüsterte Vira. ‚Ich wollte es nicht wahr haben.‘

‚Ich wusste nicht, dass die Trauerzeit schon vorbei ist.‘ zischte Ziska, während Kejnen ihr dabei half sie zu entkleiden.

‚Wie, die Trauerzeit ist noch nicht vorbei?‘ fragte Kejnen. ‚Jetzt fühl ich mich ganz schlecht, als wir letzten Badetag…!‘ Ziska hielt ihm den Mund zu und grinste. Er schüttelte sie ab und fuhr fort. ‚Und an der Wintersonnenwende und…!‘

‚Schlampe!‘ meinte Vira und grinste sie schamlos an.

‚Ich muss meinem Namen, als die weiße Hure, ja auch gerecht werden, was sollen nur die Leute sagen?‘

‚Was für Leute? Außer uns ist hier niemand. Wir wohnen am Ende der Welt und das ist gut so. Gib mir den Fisch und lasst mich in Ruhe essen!‘ murmelte Vira und schnappte sich den Teller aus Wena’s Händen.

‚Sag mal schämt ihr euch nicht, die Götter…!‘ rief Wena entrüstet.

‚Die Götter liegen mir zu Füßen!‘ meinte Ziska und lies sich erschöpft aufs Bett fallen.

‚Die Ahnen werden sich im Grab umdrehen, ausgeschamtes Weibsvolk.‘ rief Wena wieder.

‚Ich sag nur Weinfest.‘ zischte Ziska gehässig.

‚Was auf dem Weinfest passiert, bleibt auf dem Weinfest.‘ rief Kejnen erbost und beendete damit die Streiterei der drei Frauen. Er versuchte Ziska mit fahrigen Handbewegungen zuzudecken und humpelte dann ohne auch nur eine der drei Frauen direkt anzublicken aus der Jurte.

Als Vira aufgegessen hatte, wurde sie in ihr eigenes Bett gebracht, in dem Ainur bereits schlief. Seine Hände und Füße waren verbunden, sein Atem rasselte bei jedem Atemzug und sein Gesicht war mit irgendwas Fettiges eingeschmiert worden. Er schien Fieber zu haben, deshalb bereitete Lamina ihm kalte Wadenwickel. Zumindest war er nicht erfroren. Sie legte sich auf die Seite, klammerte sich an seinen Arm und schlief gleich darauf ein.

Sie bemerkte nicht, dass Kejnen wieder zurück in die Jurte schlich. Erschöpft lies er sich aufs Bett sinken und unter Schmerzen zog er seine Schuhe aus. Ziska griff nach ihm, zog ihn zu sich aufs Bett und flüsterte ihm ins Ohr: ‚Ich wollte dich nicht beschämen!‘

‚Ich dich auch nicht, weiße Hexe!‘ erwiderte er sanft und küsste sie dann auf die Stirn, bevor er sich endgültig an ihrer Seite niederließ.

Mitten in der Nacht wurde Ainur wach. Lamina hatte ihm eben die Wadenwickel erneuert und hatte ihm ein kaltes Tuch auf die Stirn gelegt. Als sie bemerkte, dass er wach war, flößte sie ihm Tee ein und deckte ihn ordentlich zu. Er blickte sie dankbar an und dann wurde ihm erst gewahr, dass Vira an seiner Seite lag. Er hatte nur verschwommen mitbekommen was vorhin in der Jurte gesprochen worden war, aber eines hatte er genau verstanden. Er regte sich und entzog ihr seinen Arm, um sie gleich wieder in seine Arme zu schließen. Seine Finger fühlten sich taub an, aber er versuchte trotzdem sie mit beiden Händen am Bauch zu berühren. Vira wurde wach und griff nach seinen Händen.

‚Verzeih meine Verspätung, ich hab den Weg nicht mehr gefunden.‘ krächzte er ihr ins Ohr, dabei konnte er ihre Tränen schmecken, die ihr über die Wange liefen.

‚Ich hoffe du hast gefunden, was du suchtest!‘ schluchzte sie.

Er strich über ihren Bauch, küsste sie auf die Schläfe und versuchte dann zu flüstern: ‚Jetzt schon! Ich habe gefunden was ich suchte. Den Weg nachhause ohne Schuld auf meiner Seele.‘

‚Was hast du mit meinem Pferd gemacht?‘ fragte sie ohne Umschweife.

‚Es ist mir letzte Nacht erfroren und dann hat es mir das Leben gerettet!‘ meinte er fast schon ehrerbietig.

‚Du hast nicht das gemacht, was ich denke!?‘

‚Ich hab im Bauch deines Pferdes übernachtet, sonst wäre ich jetzt nicht hier, sondern würde mich im Jenseits mit deinem Mann bis ans Ende aller Tage prügeln, für die Unverfrorenheit, die ich begangen habe.‘

‚Das du mein Pferd getötet hast, wird er dir nie verzeihen, dass war sein Hochzeitsgeschenk!‘

‚Jetzt fühl ich mich richtig schlecht!‘

‚Ich sehe das als gutes Zeichen, er hat uns seinen Segen geschickt.‘

‚Also hat er dein Pferd getötet?‘

‚Der Willen der Ahnen ist manchmal unergründlich!‘ flüsterte sie ihm ins Ohr und küsste ihn zärtlich.

‚Ich hab mich jede Nacht danach gesehnt, bei dir liegen zu dürfen!‘ krächzte er und erwiderte den Kuss. Morgen würde tatsächlich ein besserer Tag werden, jetzt hatten sie endlich wieder alle beisammen.

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Drei und eine Axt – Teil 34

Eine Axtgeschichte – Drei und eine Axt – Teil 34

reiter_neuDie Sonne war bereits aufgegangen und drang zaghaft durch den dichten Nebel, als die beiden Männer wieder kamen. Die beiden Hunde liefen über den Fluss, gefolgt von Halef und Elger auf ihren Pferden.

Als Vira die beiden Hunde erblickte, lies sie die Schneeschaufel fallen, die sie gerade noch in den Händen gehalten hatte. Erst als sie schon fast über den Fluss gelaufen war, erblickte sie das dritte Pferd. Doch es saß niemand auf dem Rücken des Pferdes. Sie blieb abrupt stehen und musste sich den Bauch halten.

‚Mutter, dein Pferd ist tot, aber dein Mann lebt.‘ rief Halef ihr entgegen. Sie fiel auf die Knie und ehe Halef bei ihr angelangt war, war sie bereits ohnmächtig aufs Eis gesackt.

Als sie wieder erwachte, lag sie im Bett und Lamina saß neben ihr und versuchte ihr Tee einzuflößen. Sie hörte ein ersticktes Keuchen und schreckte hoch.

‚Vira, du musst unbedingt liegen bleiben. Du hattest Blutungen.‘ flüsterte Lamina ihr ins Ohr. ‚Du hättest uns wirklich sagen können, dass du schwanger bist.‘

Vira blickte sie erschrocken an.

‚Es ist alles gut, sagt Ziska!‘ flüsterte Lamina weiter. ‚Und Ainur geht es auch gut. Sie reiben ihm gerade seine Erfrierungen mit Senf ein.‘

Vira setzte sich doch auf und schob Lamina auf die Seite. Sie erblickte Ainur. Er saß zitternd auf ihrem Bett, mit einer Decke über den Schultern, seine Füße waren in einer hölzernen Wanne mit offensichtlich heißem Inhalt. Erst in diesem Moment bemerkte sie, dass sie gar nicht in ihrem eigenen Bett lag. Ziska legte ein heißes Tuch auf Ainurs Kopf und goss heißes Wasser in eine Schüssel zum Inhalieren. Es roch nach Senf, Schnaps und Kräutern.

‚Ainur…!‘ stolperte aus ihrem Mund, doch mehr vermochte sie nicht zu sprechen. Er blickte auf, zog sich das Tuch vom Kopf und machte Anstalten aufstehen zu wollen.

‚Lass mich erst deine Füße versorgen!‘ meinte Ziska streng und zwang ihn dazu sitzen zu bleiben. Dann drehte sie sich zu Vira um und zischte: ‚Und du bleibst auch liegen!‘

‚Die weiße Hexe hat gesprochen!‘ rief Wena, die gerade mit einem Topf Suppe herein kam.

‚Ihr könnt euch nicht immer alle drauf verlassen, dass ich alles richte. Der Winter nagt an uns allen und mir fehlt langsam die Kraft…!‘ schimpfte sie, bis ihr Stimme versagte.

‚Jetzt reichts mir aber, Ziska! Setz dich und iss deine Suppe!‘ rief Wena und hielt ihr eine Schüssel mit Suppe hin. ‚Wir haben schon noch genug für alle, bis der Schnee schmilzt.‘

Halef und Elger kamen herein und meinten, wie aus einem Mund: ‚Heute Abend gibt’s Fisch!‘

Alle drehten sich erschrocken um und starrten sie fragend an.

‚Wir waren lange unterwegs, haben kaum etwas erlegt und haben dann ein Loch in den größten Weiher geschlagen…!‘ rief Elger und hielt seine Hand hoch. Er hatte eine beachtliche Menge Fische mitgebracht.

‚Mir wird schlecht!‘ stöhnte Vira und drehte sich auf die Seite. Lamina konnte ihr gerade noch eine leere Schüssel hinhalten. Zum Haare hochhalten war es zu spät.

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