Der schnellste Heber von Boandlkirch

Der schnellste Heber von Boandlkirch

nebel‘Ich heiße Emma!’ stammelte sie und hielt ihm vorsichtig die Hand hin. Er hatte den Rückwärtsgang eingelegt, streifte kurz ihre Hand und meinte kurz: ‘Samma beim Du?’

‘Ich denke schon!’ meinte abwesend und blickte aus dem Fenster. Im nächsten Moment stand das Auto wieder auf der Straße. Er stellte den Motor ab und sie blickte ihn fast schon einwenig beleidigt an, so wie ein Kind, dem man sein liebstes Spielzeug weggenommen hatte. Er drückte ihr den Schlüssel in die Hand. ‘Der Kühler ist auch hin!’

‘Der Kühler!? Scheiße!’ stammelte sie.

‘Kannst du mir leuchten?’ fragte Toni und hielt ihr die Taschenlampe hin.

‘Klar, hatte eh grad nichts vor!’ rief sie und versuchte zu lächeln, es gelang ihr aber nicht wirklich.

Er stieg aus, ging zu seinem Wagen und kam wenig später wieder und öffnete den Kofferraum. Sie schaltete die Taschenlampe an, öffnete die Beifahrertür und beobachtete ihn, wie er einen Wagenheber anlegte. Ganz aus Reflex sprang sie aus dem Wagen und leuchtete ihm, ohne jedoch die Decke dabei loszulassen.

Er strich sich den Ärmel seines Pullis hoch und bockte das Auto auf. Und sie starrte einfach nur auf seine muskulösen Unterarme. Ihr Verstand ging eine Weile auf Wanderschaft und während ihr nächtlicher Retter in Windeseile den Reifen wechselte, lief vor ihrem Auge die Szene in Slowmotion ab. Ihre Augen zogen ihn schier aus, weil es ihrem Verstand scheinbar nicht reichte, nur bei der Vorstellung von seiner körperlichen Gewalt unter seinem Pulli zu bleiben. Sie hatte mittlerweile den Kopf schief gelegt und ihre Gedanken wandelten in Gefilde, die ihr langsam aber sicher die Schamesröte ins Gesicht steigen lies. Erst als der Lichtkegel der Taschenlampe ebenfalls auf Wanderschaft ging, bemerkte er, dass sie nicht ganz bei der Sache war.

‘Emma, hier spielt die Musik!’ flüsterte er und riss sie aus ihren Gedanken.

Vor Schreck wäre ihr beinahe die Taschenlampe aus der Hand gefallen und sie stammelte ein: ‘Tschuldigung!’ Die Schamesröte die ihr blitzartig ins Gesicht geschossen war, wärmte sie zumindest, machte sie aber auch noch mehr verlegen, weil er sie für einen Moment musterte, bis er sich wieder dem platten Reifen widmete.

‘Ich glaub ich hab den Übeltäter gefunden, Emma!’ lenkte er sie ab und popelte mit seinem Multitool im Profil des kaputten Reifens herum.

‘Des ist aber ein Mordsoschi, den Sie sich da eingefahren haben!’ rief er aufgeregt und hielt ihr ein großes Stück Plastik in der Form eines verdammt großen Haifischzahnes hin.

‘Waren wir nicht beim Du?’ fragte sie kleinlaut.

‘Ja du, sei froh, dass es den Hinterreifen erwischt hatte, auf der Vorderachse hätte des auch echt ins Auge gehen können!’

Sie nahm den Plastiksplitter entgegen, schluckte schwer und fing wieder an zu stottern: ‘Ich verstehe nicht, wie…!’

Während sie weiter auf das schmutzige Ding in ihrer Hand starrte hatte er den Ersatzreifen schon fast wieder montiert. Sie schüttelte den Kopf und blickte wieder auf ihn, wie er mit einer Hand die Schrauben mit der Ratsche anzog. Seine enorme Pranke hatte das Werkzeug fest umschlossen, als wäre sie selber ein Schraubstock und obgleich es wohl eine Leichtigkeit war, den Reifen mit dem richtigen Werkzeug zu wechseln, machte er eine unglaublich gut Figur dabei. Ihre Knie zitterten, sie konnte ihren Atem sehen, während der Schnee wieder um sie herum tanzte, aber doch war da wieder die innere Hitze, die in ihr aufstieg. Sie musste sich am Türrahmen festhalten, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren.

‘Passt, wackelt und hat Luft!’ meinte er und lies den Wagen wieder runter. Er überprüfte die Festigkeit der Schrauben erneut und packte den kaputten Reifen in den Kofferraum.

‘Du kannst schon mal deine Handtasche einpacken, ich fahr den Abschlepper näher ran.’ meinte er als es sich nach seinem Werkzeug bückte, um es im nächsten Moment unter seinen Arm zu klemmen.

Wenig später hatte er seinen Wagen näher heran gefahren und die Lichter seines Abschleppwagens, brannten in ihren Augen.

Er stieg aus, kam wieder zu ihr und hielt ihr die Hand hin. Sie zögerte einen Moment, gab sich aber dann einen Ruck und er führte sie zur Beifahrerseite seines Wagens. ‘Wenn ich bitten darf!’

Sie war immer noch ziemlich wackelig auf den Beinen und um so näher sie den rotierenden Lichtern des Abschleppwagens kam, um so schwindeliger wurde es ihr. Als hätte er es gerochen, dass sie gleich ins Straucheln geraten würde, fing er sie auf, als sie tatsächlich stürzte. Ein niedliches Quietschen stolperte aus ihrer Kehle, als er sie fest an seine Brust drückte. Sie blickte ihn nur erschrocken an und schnappte nach Luft, als wäre sie nach einem langen Tauchgang in diesem Moment erst wieder an die Oberfläche gekommen.

‚Vorsicht, junge Dame!‘ hauchte er ihr zu. Er strich ihr ein paar Haarsträhnen aus dem Gesicht und lächelte sie an. Als sein betörender Geruch in ihre Nase stieg, purzelte in kleiner Stöhner über ihre Lippen und ihre Sinne schwanden nun vollends als der Geruch von Moschus in ihrem Gehirn angekommen war. Mit Leichtigkeit hob er sie einfach hoch und bugsierte sie in den Wagen.

Als sie endlich im Wagen saß, tätschelte er ihre Wangen und sie kam wieder zu sich.

‘Du hast mir jetzt aber einen ganz schönen Schrecken eingejagt!’

‘Die Lichter, plötzlich ist mir schwindlig geworden.’ stammelte sie.

‘Ich hab dich ja aufgefangen! Und jetzt noch anschnallen, ich möchte nicht, dass du mir aus dem Wagen purzelst.’ witzelte er, beugte sich über sie, zog den Gurt fest über ihren Körper und als es Klick machte, kroch wieder sein anregender Geruch in ihre Nase. Und wieder kündigte ein winzigkleiner Stöhner eine nahende Ohnmacht an.

‘Schöne Frau, schön hier bleiben!’ flüsterte er, während er sich zurückzog und eine Stufe hinunterstieg. Durch die frische Luft die durch seinen Rückzug in den Wagen strömte, kamen auch ihre Sinne wieder zu ihr zurück.

‘Emma, einen Moment noch, dann fahren wir los! Wir nehmen nur noch deinen Wagen Huckepack!’

Sie nickte tapfer, er legte ihr seine Jacke auf die Knie und drückte ihr eine Dose Cola in die Hand. ‘Fühl dich ganz wie zu Hause!’

Als er die Türe geschlossen hatte, bemerkte sie erst, wie sehr ihr Kopf rauschte und wie durchgefroren sie war. Ihre Klamotten waren völlig durchnässt und ihr Gesicht tat ganz schön weh. Sie klappte die Sonnenblende runter und blickte in den Spiegel. Ihr Gesicht war schmutzig und sie hatte das Gefühl, als würde ihr morgen ein wunderschönes Veilchen im ganzen Gesicht wachsen. Resigniert klappte sie die Sonnenblende wieder zu und blickte sich im Auto herum, während dieses Toni hinter dem Wagen herumwirtschaftete.

Ihre Augen blieben auf einem kleinen Pokal hängen, der am Armaturenbrett angebracht worden war. Dort stand: ‘Der schnellste Heber – ADAC Bezirksmeisterschaften’

Als sie den Pokal mit den Fingerspitzen berührte, ging die Tür auf und Toni hüpfte hinein: ‘Das ist mein ganzer Stolz. Das ist Quasi der Oskar für Abschleppunternehmer!’

 

Fortsetzung folgt in der schnelle Berger von Boandlkirch…

Der schnellste Schlepper von Boandlkirch

Der schnellste Schlepper von Boandlkirch

nebelSchwarze schwere Wolken zogen über den wolkenverhangenen Himmel. Sie fuhr mit überhöhter Geschwindigkeit und die Nässe und das Laub gaben dem Ganzen die nötige Gleitfläche und bevor sie sich versah, war sie schon mit dem Auto ins Schleudern geraten und alles Gegenlenken half nichts, da war sie schon mit ihrem Auto im Graben gelandet. Ihre Handtasche ergoss sich bei dem Aufprall in den Fußraum und ihr Gesicht küsste den ihr entgegenspringenden Airback. Völlig benommen versuchte sie die Autotür zu öffnen, schaffte es aber nicht, ihre Hände zitterten so, dass sie den Hebel kaum greifen konnte. Ihr Atem ging so schnell, wie nach einem 100 Meter Sprint.

Sie versuchte sich irgendwie zusammenzunehmen und als sie es endlich schaffte den Türmechanismus zu öffnen, erklang ein Pfeifen, weil die Tür ja auf war und das Licht noch an. Sie schüttelte den Kopf und lies den Türgriff los. Dann wollte sie aussteigen, doch der Gurt hielt sie zurück. Sie war immer noch angeschnallt. Kopfschüttelnd wollte sie den Gurt lösen, doch ihre Finger zitterten immer noch so stark, dass sie auch den Gurt kaum aufbrachte. Endlich hatte sie sich befreit, doch der Gedanke, dass sie ihr Handy suchen musste, hielt sie zurück. Die Tür fiel wieder zu, der Ton verging und sie war im Fußraum verschwunden.

Wenig später lief sie mit dem Handy in der Hand wie ein aufgeschrecktes Huhn auf der Straße auf und ab und versuchte krampfhaft einen ihrer Brüder zu erreichen.

‘Hans, steig von deinem Flietscherl runter und nimm endlich ab!’ konnte man sie in ihr Handy rufen hören. ‘Ich hab an Unfall gehabt, ich steh irgendwo im Outback!’

Sie legte auf und wählte neu, es ging keiner ran, dann legte sie wieder auf und es läutete: ‘Eberhard! Wo treibst du dich rum? … Bist du betrunken? Super, ich hab ne Panne und du bist besoffen… Nein, mach da weiter wo du gerade aufgehört hast, ich ruf den ADAC!’ kopfschüttelnd legte sie auf.

Sie atmete tief durch und könnte den Schnee schier riechen. Dann erst fiel ihr auf, wie kalt es hier draußen war. Die Nummer vom ADAC musste irgendwo im Auto sein, also lief sie wieder zu ihrem Wagen zurück. Wenig später war sie wieder auf der Straße, doch das schlechte Netz brachte sie schier zur Verzweiflung. Sie lief die Straße entlang und hoffte inständig, dass ihr das Netz ihr hold werden würde…

‘Bitte haben Sie einen Moment Geduld…!’ konnte sie hören und dann machte sich zu allem Überfluss ihr Akku bemerkbar. ‘Bitte haben Sie einen Moment Geduld…!’

Die elektronische Stimme sagte wieder und wieder ihr Mantra auf und am anderen Ende der Leitung zitterten ihr die Knie. Dann wurde es still und sie stand Mutterseelenallein im Dunkeln, nur am Ende der Straße konnte sie die Lichter ihres Wagens sehen. Genau so fangen Horrorfilme an…

Nachdem sie nicht weiter auf der Straße herumstehen wollte, stolperte sie durchs Dunkle zu ihrem Wagen zurück und begann in ihrem Auto nach dem Ladekabel zu suchen. Nach gefühlten 10 Minuten vergeblicher Suche kam sie auf die Idee, dass sie den Warnblinker anschalten und das Warndreieck aufstellen könnte. Als sie in den Kofferraum kletterte, begriff sie erst, dass der Wagen so tief im Graben steckte, aber dennoch das Heck halb auf der Straße stand. Nach weiteren 10 Minuten stand sie immer noch mit der Warnweste in der Hand auf der Straße herum. Sie konnte Lichter auf der Straße sehen, sie begann wild mit der Warnweste zu winken, doch das Auto, dass ihr immer schneller entgegenfuhr, hätte sie beinahe überfahren, wenn sie nicht zur Seite gesprungen wäre. Schimpfend wie ein Rohrspatz stolperte sie über die Straße, rutschte auf ein paar Blättern aus, kam ins Straucheln und blieb am Ende ihres Sturzes mit der Nase an ihrer Seitenscheibe kleben. Die ersten Schneeflocken stolperten um sie herum. Und da sah sie ihr Ladekabel. Es hing am Rückspiegel. Ein weiteres Auto fuhr an ihr vorbei. Sie drehte sich um und lief armewedelnd hinter dem Wagen her, blieb dann aber resigniert mitten auf der Straße stehen. Nach einen viel zu langen Moment ertappte sie sich selber dabei, wie sie den immer kleiner werdenden Rücklichtern hinterherstarrte.

Hastig stieg sie wieder in den Wagen, steckte ihr Handy an und saß dann da und starrte auf ihr Display. Den Motor hatte sie nicht wieder anbekommen, aber sie war sich ziemlich sicher, dass die Batterie noch lief, zumindest leuchteten die Lichter wie ein Weihnachtsbaum. Doch ihr Handy reagierte nicht. Sie stieg wieder aus und hoffte auf ein weiteres vorbeifahrendes Auto. Irgendjemand musste ihr doch helfen. Es fing an zu regnen und der Schnee mischte sich mit dem Nass und am Ende würde nur Matsch rauskommen.

Da kamen wieder Lichter auf sie zu. Sie ging ein Schritt auf ihren Wagen zu, denn sie wollte nicht wieder fast überfahren werden. Sie schrie und winkte wieder, doch der Fahrer des herankommenden Wagens schien sie nicht zu sehen. Als er vorbeirauschte, raste er durch eine Pfütze und das aufspritzende Wasser traf sie mit einer vollen Ladung ins Gesicht.

‘Du blöder Wichser, magst dich net vorstellen, bevor du mir ins Gesicht spritzt.’

Wie ein begossener Pudel trottete sie wieder in ihr Auto und legte den Kopf auf den geplatzten Airback. Sowas konnte doch nur ihr passieren. Da kamen wieder Scheinwerfer näher, diesmal von der anderen Seite, sie hatte aber das Gesicht im Airback vergraben, deshalb sah sie nicht, dass ein großer Wagen rechts ranfuhr.

Ein Kerl in Arbeitskleidung sprang vom Wagen und wenn sie aufgeblickt hätte, dann hätte sie gesehen, wie die Leuchtstreifen auf seiner Hose im Scheinwerferlicht zu strahlen begannen. Erst durch das Klopfen an der Scheibe schreckte sie hoch, er wischte mit seinem Ärmel die Scheibe trocken und zog gleichzeitig irgendwas aus seiner Hose, was ihr im nächsten Moment ins Gesicht blendete. Er riss einfach die Tür auf und plapperte los. ‘Geht’s eana guat? San’s verletzt?’

Sie war völlig perplex und starrte ihn einfach nur an, wie ein Schwaiberl wenn’s blitzt. ‘Sind sie verletzt? Soll ich nen Sanka rufen?’

‘Nein, mein Akku ist alle!’

‘Es geht eana oiso guat?’ fragte er wieder und berührte ihre Schulter.

‘Ja, nein…!’ stammelte sie, wich vor ihm zurück und begann zitternd mit den Zähnen zu klappern.

‘Einen Moment, ich hole eine Decke!’ rief er und lief zu seinem Auto. Einen Moment später kam er wieder mit einer Decke und schon war sie darin eingehüllt. Er beugte sich langsam über sie und sie merkte erst, dass er mit der Hand zwischen ihren Beinen hindurch gegriffen hatte, als der Sitz mit einem Ruck nach hinten rutschte. Sie blickte ihn nur weiter völlig verstört an, während er nach dem Hebel für die Motorhaube tastete.

‘Keine Angst, ich will nur ihr Auto abschleppen, nicht sie. Ich bin zufällig vom Fach!’ erklärte er so ruhig wie möglich und zeigte auf sein Auto. ‘Ich kam zufällig mit meinem Abschlepper vorbei und hab das Warndreieck gesehen!’

Sie blickte an ihm vorbei und wirkte völlig abwesend, bis er mit seinen schmutzigen Fingern ihr Kinn berührte und flüsterte: ‘Sind sie sich sicher, dass sie nicht verletzt sind?’

Sie nickte und schüttelte gleichzeitig den Kopf.

‘Ich werd mir ihr Auto anschauen und dann bring ich sie ins Warme, ja!’ meinte er und seine tiefe Stimme schien irgendwas in ihr zu bewirken. Sie nickte, blickte ihn mit Tränen in den Augen an und flüsterte: ‘Ich konnte meine Brüder nicht erreichen…und die Warteschleife beim ADAC hat meinen Akku gekillt!’

‘Des wird alles wieder. In der Werkstatt könnens dann auch telefonieren!’ meinte er und berührte dann wieder ihre Schulter, bevor er vorsichtig die Autotüre wieder schloss. Er ging ums Auto herum und im nächsten Moment ging der Kofferraum auf. ‘Der Reifen hinten ist hin!’

‘Er springt auch nicht mehr an!’ flüsterte sie mit weinerlichen Stimme.

‘Okay, eines nach dem Anderen, des kriegen wir alles wieder hin!’ rief er mit fester Stimme und blickte sich im Kofferraum nach dem Ersatzreifen um.

‘Bei den Scheissfranzosen ist der Ersatzreifen ja unterm Auto!’ meinte er und tauchte einen kurzen Moment unterm Auto ab und als es krachte, tauchte er völlig verdreckt mit dem ziemlich versifften Ersatzreifen wieder auf. Mit einem Rums landete der Reifen im Kofferraum und er schloss die Klappe des Kofferraums so vorsichtig es ihm möglich war. Dann tauchte er wieder in der Beifahrertür auf und öffnete sie.

‘Und jetzt holen wir die Karre erstmal aus dem Dreck! Starten Sie mal!’

Nach einem kurzen Jodler, meinte er: ‘Der Anlasser, des ham wa glei!’ Und verschwand sogleich hinter der Motorhaube.

‘Probierens mal nochmal und bitte bleibens auf der der Kupplung, lassens es ruhig ein bisschen Jodeln!’ meinte er und hantierte mit einer Brechstange herum. Woher er nun die Brechstange herhatte, konnte sie gar nicht wirklich sagen, anscheinend hatte er sie aus einer seiner Taschen seiner Hose gezaubert und genau von da, zog er auch einen ernormen Hammer. Was er damit anstellen wollte, wollte sie sich in den schlimmsten Alpträumen nicht ausmalen.

‚Starten Sie bitte den Wagen!’ rief er, steckte die Brechstange in den Motor und sie hatte das Gefühl, als wollte er mit der Brechstange ein wildes Tier abstechen. Völlig schockiert, startete sie den Wagen und dann schlug er zweimal mit seinem Fäustling auf die Brechstange und schwupps lief der Motor wieder. Sie gab Gas, blieb aber auf der Kupplung.

Völlig schockiert blickte sie auf den Mann an und schüttelte apathisch den Kopf.

‘So, nehmens mal den Gang raus und rutschens mal rüber, ich fahr den Wagen auf die Straße, damit ich den Reifen wechseln kann!’ meinte er wieder völlig ruhig.

Sie stammelte ein: ‘Wie, Wie….?’ und versuchte umständlich auf den Beifahrersitz zu klettern.

Er hatte einen angenehmen Blick auf ihren Hintern, bis sie leider wieder drauf Platz nahm. Sie hatte eine verboten enge Hose an und eines von diesen Kleidern an, die wohl eher längere Pullis sein sollten.

‚Ich bin von den gelben Engeln und ich kann zaubern.‘ meinte er und nahm auf dem Fahrersitz platz.

Sie lächelte ihn verstohlen an und er grinste diebisch zurück.

‚Schauns, Sie lachen ja schon wieda!‘ rief er und hielt ihr die Hand hin. ‚I bin der Berger Toni, der schnellste Schlepper von Boandlkirch!‘


Fortsetzung folgt in der schnellste Heber von Boandlkirch…

Der steinerne Thron

Der steinerne Thron

kob_tiefer_kleinDer Berg stand stumm und steinern über dem Wald und ein Fluss schlängelte sich an ihm vorbei, wie ein stiller und ruhiger Begleiter. Stille umgab den Berg, sogar die Krähen gaben keinen Ton von sich. Obwohl die stummen Zeugen unruhig auf den Wipfeln der Bäume saßen und auf das kühle Nass herab blickten. Sie schienen auf etwas zu warten. Ein Wanderer lief den kleinen verschlungenen Pfad entlang zum Fluss hinunter. Er zog einen Handkarren hinter sich her und war in seinen eigenen kleinen verwirrten Gedanken versunken. Ob er sich verlaufen hatte? Er wollte in die nächste Stadt, um seine Waren feilzubieten, doch bei der Umrundung des Berges musste er sich dann irgendwie verlaufen haben.

Er bemerkte nicht, dass er beobachtet wurde. Nur das klamme Gefühl, das in ihm aufstieg, machte ihn unruhig und er schien schneller zu laufen. Irgendwann bemerkte er, dass der Pfad in der Ebene von Bäumen gesäumt war und dass sich auf den Bäumen neben dem Weg eine Unzahl von Vögeln niedergelassen hatten, die ihn nun stumm anstarrten. Er kam sich ziemlich verloren vor auf dem schmalen Weg, denn die Bäume standen weit auseinander und waren riesig. Es war eine ansehnliche Allee, die zum Fluss führte. Aber warum? Warum wuchsen Bäume so geradlinig in einer Reihe? Die musste doch jemand gepflanzt haben. Doch die alten Riesen würden es ihm nicht verraten, sie standen schon eine lange Weile hier und führten zum Fluss hinunter. Zu keinem wirklichen Ziel, nur zu einem Fluss an dem offensichtlich nichts weiter war als Wasser.

Es hatte den Anschein, als wäre es früher mal eine richtig breite Straße gewesen, aber er lief auf einem bloßen Trampelpfad entlang, der für den seinen Karren viel zu schmal zu sein schien. Deshalb kam er auch kaum voran, weil die Räder immer wieder im hohen Gras hängen blieben und er große Mühen damit hatte den Wagen hinter sich her zu zerren. Als er nach gefühlten Stunden endlich am Fluss ankam, hatte er noch nicht bemerkt, dass die Vögel ihn zu verfolgen schienen. Sie hüpften von Ast zu Ast und blieben ihm lautlos auf den Fersen, bis er am Flussufer endlich stehen blieb. Und da erkannte er, dass der Weg tatsächlich nur ein Trampelpfad auf einer ziemlich breiten steinernen Straße war, die im Laufe der Zeit von Gras, Moos und Flechten überwuchert worden war. Nur am Ufer waren die Pflanzen fortgeschwemmt worden und der blanke Stein lag vor ihm und führte in den Fluss hinein. Links und rechts konnte man tatsächlich noch ein paar alte Mauerreste sehen. Aber sonst war hier nichts außer das leise Plätschern des Flusses.

Wer baut eine Straße von einem Berg zum Fluss und dann ist hier niemand mehr? Er drehte sich grübelnd um und blickte zum Berg hinauf. Die Allee zog sich wirklich schnurgerade bis zum Hang des Berges hinauf und verlor sich dann im Wald. Auf den Ästen der Bäume saßen hunderte und aberhunderte Krähen und blickten ihn fragend an. Sie gaben keinen Mucks von sich, obwohl die tumben Gesellen sonst doch auch nie ihren Schnabel halten konnten. Seine Mutter hatte ihm immer gesagt, wenn du eine Krähe siehst, dann gehe weiter, denn das Glück ist dir auf den Fersen. Wenn du zwei Krähen siehst, dann gehe schnell nach Hause und bete darum, dass dich das Pech nicht verfolgt. Doch von unzählig vielen Krähen hatte sie nicht gesprochen. Er bekam es mit der Angst zu tun, aber er wusste auch nicht weiter.

Ziellos blickte er ins Wasser und nach einem viel zu langen Moment stand er einfach auf und ging wieder den Weg zurück, den er gekommen war. Seinen Karren hinter sich lassend, lief er dem Berg entgegen. Erst ging er langsam und dann wurde er immer schneller. Bis er schließlich zu laufen begann. Er rannte so schnell er konnte den Weg zurück bis zum Berghang. Warum er dies tat, konnte er nicht sagen. Irgendwas zog ihn hinauf. Waren es die Krähen? Oder war es etwas, was auf dem Berg war? Etwas mysteriöses Unbekanntes? Ein unsichtbares Blitzen? Ein unsichtbarer Eindruck, der sich auf der Netzhaut einbrannte und einen nicht mehr losließ? Er würde es erst erfahren, wenn er oben ankommen würde. Obwohl er zwar seinen lästigen Wagen am Flussufer stehen gelassen hatte und außer sich selbst und dem, was er am Leibe trug, nichts mit sich führte, war der Weg zum Gipfel doch steiniger und härter, als er gedacht hatte.

Nach weiteren gefühlten Stunden stand er völlig ausgelaugt vor dem steinernen Bergmassiv, das ihn genauso stumm anstarrte wie die Vögel vorhin. Seine Schritte wurden immer schwerer, bis sich im Bergmassiv etwas abzeichnete. War das ein Bauwerk, oder nur ein Felsvorsprung? Und da war wieder das Blitzen. Es musste etwas sein, was von Menschenhand erbaut worden war. Nun packte es ihn wieder und er würde erst Ruhe geben, wenn er den Felsvorsprung erklommen hatte. Wenn er ergründet hatte, was ihn da so magisch anzog. Und so kletterte er den Felsen hinauf und lies den Wald und die breite Allee mit all den Krähen hinter sich. Nur der Fluss schlängelte sich durch die Landschaft und plätscherte leise vor sich hin, als er völlig am Ende seiner Kräfte den letzten Felsen erklommen hatte und sich erschöpft auf einem kleinen Plateau niederließ.

Schwer atmend blickte er ins Tal und sah den Fluss wie er wie ein kleiner, blauer Faden auf dem satten Grün lag. Es war kalt, er konnte seinen keuchenden Atem sehen und er hatte das Gefühl, er könne Schnee riechen. Er starrte ins Tal und erkannte, dass dort unten vor langer, langer Zeit tatsächlich mehr gewesen war, als nur eine Straße, die zum Fluss führte. Vom Grün der Wiesen überwuchert, lagen die Ruinen einer gigantischen Stadt unter ihm. Und blickten ihn genauso stumm an, wie die Krähen es taten. Urplötzlich, als würden sie einem unhörbaren Befehl folgen, stoben die Krähen schlagartig auf, flogen ihre Kreise im Wind und ließen sich von den Windströmungen zum Berg hinauf treiben, wo sie sich dann Eine nach der Anderen auf dem kargen Felsen niederließen. Ob es heute schneien würde? Es hatte nur den Anschein, als ob die Götter es heute Krähen schneien ließen. Er atmete tief ein, lehnte sich nach hinten, gegen die Felswand und dann bemerkte er erst, dass er einen riesigen steinernen Stuhl erklommen hatte. Und in dem Moment, als sein Rücken die Lehne berührte, fiel ihm wieder ein, was die Leute sich über diesen Berg erzählten. Ein alter Fluch, der über dem Berg hing wie ein pechernes Laken.

Die Leute hatten recht, der steinerne Thron, wie man den Berg nannte, hatte sich schon viele Leben genommen und nun wohl auch seines. Er griff sich erschrocken an die Brust und riss sein Hemd auf, um sich von den Zwängen seiner Kleidung zu befreien. Panisch versuchte er tief einzuatmen, doch der Fluch hatte ihn schon ergriffen und schnürte ihm von einem Augenblick zum anderen plötzlich den Brustkorb ein, so dass es ihm unmöglich war, einen weiteren Atemzug zu tun. Sein kurzes und ärmliches Leben lief an seinem inneren Auge vorbei und es war zu kurz gewesen. Doch jetzt war es zu spät, seine Seele gehörte nun dem Berg. Seine Seele würde so lange im Berg gefangen sein, bis der nächste einsame Wanderer dieses Blitzen sah und dann in sein Unglück rannte.

10007060_10201900724586395_5187719997572774077_nDoch im Angesicht des Todes hatte er ein Lächeln auf den Lippen, weil seine Aufgabe war heute eine Andere, als einfach nur zu sterben. Er hatte heute eine gute Tag getan und eine alte Seele befreit. Die Seele des armen Tropfs, der vor ihm diesen Berg erklommen hatte und seine Seele für die Befreiung eines Anderen gab. So war es seit je her, dass die gefangene Seele nur befreit werden konnte, wenn man selbst seine Seele dem Berg gab. Diese alte Seele würde nun endlich ihren Frieden finden, bis eines Tages seine Seele erlöst werden würde. Eines Tages, wenn die Krähen wieder stumm dabei zu sehen würden, wie einer in sein Verderben lief. Und mit einem letzten Röcheln blieb einfach sein Herz stehen und er starb. Die Krähen stoben wieder auf und fingen augenblicklich an, ihr gewohntes Geplärr von sich zu geben.

Geschrieben zu dem Lied ‚Der Fluch‘ von Kafkas Orient Bazaar und abgedruckt im Kurzgeschichtenband ‚Tiefer‘ erhältlich im Shop auf: http://www.kafkasorientbazaar.de/

Die Zeit des Wartens

Die Zeit des Wartens

5309429112_aa95bcb12cDie letzten Tage waren gleichermaßen anstrengend wie aufschlussreich. Doch war der Rückzug eine bittere Niederlage gewesen. Aber es war diesmal nicht die Zeit zu kämpfen.

Doch das Warten lag ihm auch nicht so wirklich. Er wollte eigentlich nicht schlafen und doch schlief er, um seine Gedanken zu ordnen. Und genau diese Gedanken spülten nun ungeordnet durch seinen Kopf und ließen ihn erwachen. Es war kalt in seinem Zelt. Seine Decke war klamm und er fror. Die Anstrengungen der letzten Tage hatten seinen Körper ausgelaugt und seine Muskeln zitterten vor Erschöpfung.

Er roch schwachen Rauch und öffnete die Augen. Die Zelthaut war durchgefroren, es fröstelte ihn. Er blickte über eine Öllampe hinweg zur Feuerschale hinüber, in der das letzte bisschen Glut vor sich hin schwelte.

Er atmete tief ein und hatte den Eindruck Schnee riechen zu können. Dann setzte er sich auf und rieb sich über die Wange und musste schmunzeln. Es sollte der einzige Schlag ins Gesicht sein, der ungesühnt bleiben wird, weil er hatte ein sehr wertvolles Geschenk dafür erhalten. Sein Leben, dass seines Heilers und dass seines Freundes. Und sie hätte es nicht machen müssen. Sie hätte sie auch einfach bei sich behalten können. Er strich sich wieder übers Gesicht und stand mürrisch auf. Der Teppich vor seinem Bett war auch gefroren und er tappte zur Feuerschale hinüber. Er brauchte wirklich einen Diener, der Nachts das Feuer am Laufen hält. Auch so eine Sache, um die er sich kümmern musste, wenn er wieder zuhause war.

Er warf ein paar Scheite ins Feuer, kniete sich vor die Feuerschale und blies in die Glut. Ein kleines Flämmchen erhellte den düsteren Morgen für einen Moment. Und dann begannen die Trommeln wieder und der Funke der Hoffnung, der für einen Moment in ihm entfacht war, wurde wir zu Nichte gemacht. Seine schlechte Laune hatte ihn wieder. Am Liebsten würde er alleine über den Pass laufen und sich durch die Armee des Feindes schlagen, bis keiner mehr von ihnen übrig war. Aber es war nicht die Zeit des Kämpfens. Weil es war auch nicht die Zeit des Sterbens. Nicht schon wieder.

Aber das Warten liegt ihm einfach nicht. Er grummelte mürrisch und ging wieder zu seinem Bett. Sein Blick streifte über seine Sachen, die er gestern vor dem zu Bett gehen einfach nur auf seine Truhe geworfen hatte. Er brauchte wirklich einen Diener. Seine Augen blieben auf der roten Schärpe hängen, die sie ihm überlassen hatte. Er konnte den Namen im halbdunkel nicht lesen, aber er wusste, dass da stand.

Halef, der kleine Junge, der an einer Lungenentzündung gestorben war und den er eigentlich gar nicht kannte und doch hatte sie ihn ihm überlassen.

Die Trommeln wurden immer lauten, sein Kopf sauste und noch bevor er es bemerken konnte, gingen seine Sinne auf Wanderschaft, während sein Körper der Länge nach aufs Bett krachte. Nicht schon wieder.

Er öffnete die Augen und blickte einer roten Sonne entgegen, die vor roten Wolken am roten Horizont stand. Sie neigt heute wohl wieder zu leichten Übertreibungen. Während die letzten Träume eher dunkel und abgeschieden waren, wollte sie sich heute wohl in ihrer ganzen Herrlichkeit präsentieren. Pah!

Die Sonne stand über einem Berg und schien über einem See, der ebenfalls rot war und er schien nicht nur mit Blut gefüllt zu sein… Davon hatte sie ihm ja erzählt. Der See aus Blut. Er war ziemlich groß und er schien nicht überwindbar zu sein und da wurde ihm die Aufgabe wieder bewusst, die er sich da aufgehalst hatte. Aber wachsen Männer nicht an ihren Aufgaben. Er blickte über den See und sah viele in rote Gewänder gehüllte Gestalten am Ufer stehen, die wohl mit Blut gefüllte Karaffen hineinschütteten. Er war aber zu weit weg, um mehr erkennen zu können, also lief er ans Ufer hinunter.

Weil sie hatte sich bestimmt etwas dabei gedacht, dass sie ihn hier her geholt hatte. Die rotgewandeten Gestalten hatten wohl ihr Tagwerk verrichtet und gingen über das Ufer davon. Nur vereinzelt blieb Eine von ihnen am Ufer stehen und machte irgendwas Merkwürdiges. Soviel war klar, es waren alles Frauen, die so waren wie sie und es war erschreckend wie viele es von ihnen gab. Da hatte sie nicht gelogen. Er ging zielstrebig ans Ufer zu einer dieser Damen hin, weil er hatte den Namen Rutger auf einer roten Schärpe gelesen und war sich sicher dass es die Richtige war.

Sie schien ihn nicht zu bemerken, weil sie in den See hinein geschritten war. Er zog es vor, nicht hinterher zu gehen und beobachtete sie von der Seite. Sie hatte ihren Mantel abgelegt, der nun auf dem Blut schwamm. Ihr Körper war komplett gebunden, mit diesen roten Schärpen, von den er auch eine besaß. Am Ende jeder Schärpe war immer ein Name zu sehen, aus den verschiedensten Schriftzeichen geformt. Einige Schärpen schienen ihr aus der Haut zu wachsen und das bisschen Haut, die nicht von den Schärpen bedeckt war, war gezeichnet und vernarbt. Er war sich nicht ganz sicher, ob er bis jetzt nur immer mit einem Trugbild gesprochen hatte, weil ihm die Tragweite ihrer Priesterschaft bis zu diesem Moment nicht klar war. Sie war wirklich mit den Seelen verbunden, die sie sammelte. Sie blieb vor einem Stein stehen, der aus dem Blut ragte, auf dem ein Messer lag. Sie legte ein gefaltetes Stück Papier auf den Stein und nahm das Messer. Das Stück Pergament kannte er sehr gut, er hatte es für sie geschrieben. Die Halbmondschneide des Dolches blitzte in der Sonne. Sie setzte an ihrer Stirn an und schnitt sich die Schärpen mit samt ihres restlichen Haupthaares vom Kopf. Sie trennte sich von 3 Schärpen in einem einzigen Schnitt, dem ein widerliches Geräusch folgte, als sich der Skalp vom Schädel trennte. Eine kleine Strähne ihrer schwarzen Haare behielt sie in der Hand und legte eine kleine Schärpe darum, auf der wohl ihr Name stand…

In seinem Kopf konnte er eine Stimme hören: ‚Du musst dir deine Haare erst verdienen, kleines Mädchen!‘ Und es zuckte für einen kurzen Moment ein Bild eines kleines Mädchens an seinen Augen vorbei, dass bis zum Bauch im Blutsee stand und eine ältere Priesterin ihr den Kopf schor. Die niedlichen, kleinen dunkelroten Löckchen purzelten in den See und versanken nach einer Weile….Ein Traum in einem Traum, langsam hatte er ein wenig Panik, nie wieder aufwachen zu können. Doch er stand immer noch am Ufer des Blutsees und sie stand vor ihm und stieß sich das Messer in die Brust. Er zuckte zusammen und im nächsten Moment bemerkte er, dass er mit einem Bein im Blutsee stand. Er hörte ein widerliches Knacken, als sie mit beiden Händen ihren Brustkorb öffnete und etwas herausnahm, was wenig später ebenfalls in der roten Sonne glitzerte. Es war ein kristallernes Gefäß, dass wohl an der Stelle ihres Herzens in ihrer Brust wohnte. Das Blut tropfte davon herab, als sie das Gefäß abstellte. Sie öffnete es und nahm eine Locke roten Haares heraus, an der eine kleine, rote Schärpe hing. Dann faltete sie den Brief und legte ihn in das Gefäß, legte die Locke des schwarzen Haares dazu und verschoss sie wieder und schob das Gefäß wieder an die Stelle, an der irgendwann mal das Herz eines kleinen Mädchens geschlagen hatte. Wie viele Haarlocken in dem Gefäß waren, konnte er nur erahnen.

Auf dem Stein lag nur noch der Dolch und die rote Locke, als sie ins Straucheln kam und langsam im Blutsee versank. Für einen Moment stand er regungslos da und wusste nicht was er machen sollte. Der Ritter in ihm wollte hinterher springen, um sie zu retten und er konnte nicht sagen, was in ihm ihn zurückhielt. Nach einem langen Moment glättete sich das Wasser und Stille überkam ihn. Nicht einmal mehr das Plätschern des Blutes konnte er vernehmen. Und bevor er selbst einen weiteren Gedanken fassen konnte, watete er an die Stelle, an der sie eben noch gestanden hatte und griff ins Wasser. Nichts. Dort war nichts mehr. Sie war verschwunden. Als er sich wieder erhob, erblickte er auf dem Stein die rote Locke und auf der Schärpe stand ihr Mädchenname.

Nur in dem Moment als er danach greifen wollte, tauchte hinter ihm jemand auf und griff nach seiner Hand. Er drehte sich blitzschnell um und blickte ihr direkt ins blutüberströmte Gesicht. Von seinen Lippen purzelte ein erschrockenes Keuchen, dass sich wie ihr Name anhörte.

Sie öffnete den Mund und Blut rann heraus und sie sprach mit einer schleppenden, aber durchdringenden Stimme, die in seinem Kopf widerhallte. ‚Sie ist Tod. Sie lebt in uns weiter. Wir sind eins! Der Tod ist erst der Anfang!‘

Sie hob die Hand und ruderte elegant in der Luft herum und an seinem Ohr flog der Dolch vorbei und er landete direkt in ihrer Hand.

‚Du gehörst nicht hier her!‘ lachte sie ihm entgegen und stürzte auf ihn zu. So schnell, dass er tatsächlich nicht reagieren konnte und sie stach ihm den Dolch mitten in sein Herz.

In dem Moment als er den dumpfen Schmerz spürte, erwachte er neben seinem Bett. Keuchend griff er sich an die Brust und richtete sich gleichzeitig auf. Dort saß er einen langen Moment. Noch eine Nahetoderfahrung mehr und ihm würde einfach nur sein Herz stehen bleiben.

Erst als er die besorgten Rufe seines Heilers vor dem Zelt hörte, bemerkte er, dass er etwas in der anderen Hand festhielt. Die Locke roten Haares des kleinen Mädchen. Er hatte für einen Moment das Gefühl, dass er ihren Herzschlag hören konnte. Er drehte sich um und blickte sich in seinem Zelt um, doch da war nichts…

Die Affäre um den LiebesFischer zu Grimgard – Teil 4

Die Affäre um den LiebesFischer zu Grimgard – Teil 4

tafelZur Mittagsstunde kamen die drei Mannen der Grimgarder Bürgerwehr wieder zurück in die große Stadt und brachten reichlich Fisch.
An der Taverne wurde sogleich ein Schild angebracht:
Heute frischer Fisch gebraten
und am Steckerl!

Aber vom Fischer weiter keine Spur.

~*~

Eines Morgens in aller Frühe kam Helena zum Dienst. Sie hatte sich eine Decke über die Schultern gezogen, es war heute Nacht richtig kalt gewesen. Die kleinen Pfützen auf der Straße waren gefroren und dabei war es ja schon fast Sommer. Das Beltanefest war schon eine halbe Ewigkeit vorbei und sie hatten schon wieder Bodenfrost. Irgendwas ist doch  faul in der Hag Raurik, langsam glaubte auch sie, dass ihnen ein großes Unheil bevorstehen würde. Alle Mann sprachen vom Krieg. Gänsehaut lief ihr über den Rücken und man konnte ihren Atmen sehen, wie er in der Luft gefror. Sie rieb sich die Nase, weil sie konnte es kaum fassen, sie konnte Schnee riechen.

Sie betrat die Taverne und ihr Blick blieb auf dem Rahmen hängen, den Börte aufgehängt hatte. Sie hatte den Liebesbrief des irrsinnigen Fischer rahmen lassen und in der Taverne aufgehängt, darunter war ein ziemlich schlecht gemaltes Bild von ihm und mit einer krakeligen Kinderschrift stand drunter: ‚Wehr kehnt diisen Mahn? Wehr haht ihn gesähn?‘

Eigentlich sollte Einer ihr mal das Schreiben beibringen. Das ist ja wirklich peinlich!
Kurzerhand nahm sie einen Kohlestift und strich die Wörter durch und schrieb drunter: ‚Wer kennt diesen Mann? Wer hat ihn gesehen? Finderlohn bei Wiederbeschaffung des Fischers!‘

Dann verschönerte sie das Bild bis es ihm auch ähnlich sah. Als sie sich wieder abwenden wollte, blieb ihr Blick nochmal auf dem Brief hängen. Sie konnte ihn mittlerweile fast auswendig, weil Rinelda ständig daraus zitierte, um Börte das Lesen und Schreiben beizubringen. Was für eine faule Ausrede.

Sie lass die ersten Zeilen und plötzlich stieg die Schamesröte in ihr auf, obwohl man ihren Atmen hätte sehen können, wurde ihr ziemlich heiß.

Ob es nun das schlechte Gewissen war, oder die Leidenschaft, die in ihr aufstieg…

Sie schnappte sich eine Kreide und schrieb auf die große Tafel:

Ich kündige und suche den Fischer.

Drunter schrieb sie:

Der Frostbold ist mit der Spinnenfee im Bunde!

Helena

Dann verschwand sie, aber nachdem noch keiner wach war, sah niemand wie sie im Wald verschwand.

~*~

Etwas Später in Grimgard:
Börte war außer sich, als sie versuchte die Worte zu lesen, die auf der Tafel standen. Sie stürzte nach draußen und schrie. ‚Helena ist fort! Hilfe!‘
Die Leute auf der Straße blickten sie an, als wäre sie von Sinnen. Vor der Taverne brach sie allerdings zusammen und stürzte in den Matsch, der mittlerweile wieder aufgetaut war und fing schrecklich zu weinen an.
Asbirg kam gerade vom Eponaschrein und lief ihr entgegen, als Rinelda ebenfalls aus der Taverne lief. ‚Der Frostbold ist mit der Spinnenfee im Bunde?‘
Alle Leute schüttelten den Kopf und gingen weiter. Da schickte sich eine kleine Schneeflocke an aus dem Himmel zu purzeln, dann eine Zweite und eine Dritte. Es dauerte nicht lange, dann war ganz Grimgard mit einer feinen Schneeschicht überzogen.
Der Grimgarder Bürgermopp der auf den Schneefall folgte, war diesmal in Decken gehüllt und hatte Mützen, Schal und Handschuhe an.
‚Der Winter wird kommen!‘
‚Der Frostbold ist mit der Spinnenfee im Bunde!‘
‚Und wer sucht nun die Helena!‘
‚Nicht noch so einen Winter!‘
‚Ich brauch eine neue Schankmaid, wenn Helena von den Wölfen gefressen wird!‘

Aber irgendwie war allen zu kalt und der Grimgarder Bürgermopp löste sich genauso schnell auf, wie er gekommen war. Etwas später konnte man die Grimgarder Bürgerwehr beobachten, wie sie wieder in den Wald liefen.

~*~

Diese Geschichte basiert auf dem Hintergrund der Rauriker (http://www.rauriker.de) und dem Dorfspiel im und um den freien Handelsposten Grimgard. Ähnlichkeiten von Personen im realen Leben sind völlig ausgeschlossen und somit reiner Unfug. Wir bitten um Verständnis.
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