Mein erster Schultag – Folge 9 Katholische Sitzordnung

Mein erster Schultag – Folge 9 Katholische Sitzordnung

‘Jungs ihr habt es gehört, die katholische Sitzordnung wurde angesagt. Rutscht mal zusammen. Zecke kann die freien Tische gleich mal wischen und ich hoffe ihr benehmt euch, sonst wird’s nichts mit dem Schwimmbad oder sonst was.’ warnte ich die Jungs und war schon gespannt, was nun passieren würde.

Die Mädels kamen teilweise wie scheue Rehe ins Zimmer geströmt und die Jungs machten mürrisch Platz. Heino blickte wie gebannt auf die Tür, als das Mädchen von vorhin den Raum betrat. Sie ging ganz nach vorne und ging um den Tisch herum, an dem Kevin gerade seine Sachen zusammen packte, doch er trödelte ziemlich und im Nu waren alle Plätze belegt. Alle Plätze außer der neben Heino, was mich dazu veranlasste, die katholische Sitzordnung empfindlich zu stören.

‘Junge Dame, es tut mir leid. Ihr beide habt den Kürzeren gezogen und zerstört damit die gewünschte katholische Sitzordnung. Aber Kevin hier wird sich benehmen, hab ich Recht!’

Kevin nickte übertrieben aufrichtig, die Kleine nickte kaum merklich und setzte sich neben Kevin. Zecke wischte nur die eine Hälfte des Tisches, warf den Schwamm dann lässig ins Waschbecken und schlenderte durch den Raum, um sich neben Heino zu setzen. Sie blickten sich eine Weile grimmig an, bis Zecke plötzlich zu grinsen begann und Heino dann einfach die Hand hinhielt.

Ich trommelte auf den Tisch und rief: ‘Hier wird gerade ein Kriegsbeil begraben! Sehr schön!’

Heino erstaunte mich wirklich, denn er griff nach Zeckes Hand und schüttelte sie lässig. Dabei funkelte er mich an, verzog sein Gesicht zu einem gequälten Lächeln, um dann wieder seine übliche Haltung einzunehmen. Arme verschränkt und den Blick aus dem Fenster.

‘Gut, Ladies. Herzlich willkommen in der 10b. Wir sind mit der Kennenlernrunde noch nicht ganz fertig und ich frage mich, ob wir nicht langsam alberne Namensschilder basteln sollten.’ fing ich wieder an und nachdem alle Schüler vehement mit ihren Köpfen schüttelten, ließen wir es einfach sein.

Eine Papierkugel hätte mich beinahe am Kopf getroffen, doch ich wehrte sie ab und die Kugel fiel auf den Tisch von Henning und Fritz. Ich ging zu seinem Tisch und nahm die Papierkugel, wickelte sie auf, blickte auf das Papier. Gelächter erscholl und ich drehte das Blatt um. Darauf stand: ‘Homo!’

‘Sehr geistreich, Zecke! Das ist doch deine Schrift, oder?’ meinte ich cooler, als mir zumute war. Ich schluckte aber meinen Ärger hinunter und nahm die Herausforderung dankend an: ‘Katsching, Katsching. Der Witz geht auf die Kosten deines Gefallenkontos. Ich sehe dich schon die Fliesen im Schwimmbad mit einem ganz kleinen Schwamm putzen.’

‘Fürs Protokoll, wenn: ‘Dein Vater ist ein Nazi!’ keine Beleidigung ist. Verdammt, okay ist, homo aber nicht, bin ich zurecht verwirrt.’ versuchte sich Zecke herauszureden.

‘Michael, nenn mich doch bitte einfach Herr Kowalski und stell dich bitte kurz vor.’

Zecke stellte sich hin und griff wieder an seine Hose.

‘Und die Hose bitte anlassen, Michael!’ rief ich fast schon ein bisschen gelangweilt.

Er setzte sich wieder, verschränkte die Arme und blickte auf die Tür.

‘Danke, Zecke! Kann ich dann reden und versuchen eine Unterrichtsstunde zu halten?’ wollte ich abschließend wissen, worauf sich Zecke nicht mehr regte.

‘Also Ladies. Ich bin Herr Kowalski und tatsächlich sind wir gerade mitten in der Vorstellrunde bei einer Fluchkasse hängen geblieben. Und nachdem ich hier neu bin, müsst ihr mir das mit dem Schwimmbad schon erklären.’ fing ich wieder an und zeigte auf den Jungen, der mit dem Schwimmbad angefangen hatte. ‘Stell dich kurz vor und erzähl uns, warum dir das Schwimmbad so am Herzen liegt.’

‘Hallo, ich heiße auch Michael und ich finde gut, wenn Zecke weiterhin Zecke heißt, weil dann ist es weniger verwirrend für mich.’ fing er an und blickte zu Zecke hinüber, der beide Daumen hochhob. Michael krempelte sein Hosenbein hoch und fuhr fort. ‘Ich hab gedopt, habs übertrieben, wurde erwischt, bin von der Schule geflogen. War auf Entzug, bin jetzt clean und dabei ging es doch immer nur ums Schwimmen. Nicht immer nur ums gewinnen, das hab ich wohl aus den Augen verloren.’

Ein Mädchen räusperte sich. ‘Tschuldigung, wenn ich einhaken darf. Ich bin die Maria, ich hab nix ausgefressen. Meine Eltern haben mich hierher geschickt, weil es hier angeblich ein Schwimmbad gibt. Doch es ist außer Betrieb. Das ist doch Beschiss.’

Michael nickte und meinte: ‘Genau. Es wäre alles viel besser, wenn wir schwimmen könnten.’

‘Dem muss ich beipflichten. Schwimmen ist grad der einzige Sport, den ich machen kann, ohne mein Bein zu sehr zu belasten.’ erwiderte ich und zeigte gleich auf den nächsten Jungen, der sich meldete.

‘Hallo, ich bin Jonas. Der Hausmeister sagt, die Umwälzpumpe ist kaputt und er wartet auf Ersatzteile.’

‘Danke Jonas, ich gehe dem nach und berichte nächste Woche, wo es gerade hängt und was wir da tun können.’ schlug ich vor, knüllte das Papier zusammen und legte es auf den Tisch von Kevin und dem Mädchen, bevor ich fortfuhr. ‘Machen wir mit der Vorstellrunde weiter und erzählt mir ruhig ein Bisschen mehr über euch.’

‘Ich bin Kevin, hab ne Fußfessel wegen Ritalin dealen und komme nicht immer mit fremden Menschen zurecht, also bitte nicht böse sein, wenn ich euch nicht in die Augen sehe, wenn ihr mich ansprecht.’ meinte Kevin und schob die Kugel an das Mädchen weiter.

Sie nahm die Kugel in die Hand und blickte sie seltsam an, bevor sie zu sprechen begann: ‘Ich bin Nancy. Meine Vater war ein Trinker. Ich hab ihn daran gehindert meine Mutter totzuprügeln. Hab Bewährung bekommen, bin aber trotzdem hier gelandet, weil meine Mom immer noch im Koma liegt. Ach und ich kann nicht schwimmen, aber ich würde es gerne lernen.’

Wow. Jetzt war ich schockiert. Herr Fußfessel und Frau Vatermörderin, ein toller Titel für einen Roman. Ich schweifte wohl geistig einen Moment ab…

Fortsetzung folgt…

Mein erster Schultag – Folge 8 ‘Ich sag euch das!’

Mein erster Schultag – Folge 8 ‘Ich sag euch das!’

Ich sag euch, dass ihr bei mir sicher seid, weil ich meine Hose anbehalten werde und meine Finger bei mir.’ rief ich wie immer in meinem üblichen Ton.

Dieser Heino schafft es wirklich mich derart auf die Palme zu bringen. Ich musste tief durchatmen, bevor ich in einem etwas gemäßigteren Ton weiterreden konnte. ‘Ich werde immer ehrlich zu euch sein, auch wenn ihr es wahrscheinlich nicht hören wollt, aber ich erwarte auch von euch zu mir ehrlich zu sein. Sagt mir, wenn euch was zu viel ist, ihr was nicht versteht oder wenn euch was belastet oder beschäftigt. Ich kann im seltensten Fall in eure Köpfe schauen.’ Auch wenn ich mich scheinbar um Kopf und Kragen redete, hatte ich das Gefühl ich müsste es einfach mal gesagt haben. 

Gemurmel machte sich breit.

‘Es gab nicht nur einen Moment in meinem Leben, an dem ich nicht an Gott, dem Universum, dem Volksmund oder an meinem Vaterland gezweifelt hatte, aber ich bin ein gutes Beispiel dafür, dass man niemanden in eine Schublade stecken sollte, bevor man sich selbst ein Bild gemacht hat.’ platze es schlussendlich aus mir heraus und das war der Punkt, an dem die Stimmung in meine Richtung kippte. Es knisterte schier in der Luft. Das war der Punkt, der ihre Zungen lockerte.

Kevin nickte, krempelte sein Hosenbein hoch und fing an zu erzählen: ‘Der Arzt meiner Eltern hat ziemlich früh schon diagnostiziert, dass ich ADHS hätte, ich bekam meine halbe Kindheit Ritalin. Tatsächlich hätte der Arzt besser eine leichte Art von Autismus feststellen können, dann würde ich mit 17 nicht aussehen, als wäre ich erst 13. Als ich irgendwann gelernt habe, wie man Google benutzt, hab ich mein Ritalin abgesetzt und die Tabletten am Bahnhof verkauft.’ Er hörte abrupt auf zu reden und blickte einen anderen Jungen in der zweiten Reihe an. 

‘Ich bin Fritz und ich hab die Pillen von Kevin gekauft. Das Ritalin war aber nur der Anfang. Ich wurde abhängig, weil ich auf dem Gymi nicht mehr mitkam. Ich war auf Entzug und das Internat ist meine Strafe.’ meinte Fritz, krempelte sein Hosenbein hoch und fuhr fort. ‘Von meinem Vater, der es immer noch nicht verschmerzen kann, dass ich wohl kein Arzt werde!’ Fritz hatte keine Fußfessel. 

Henning meldete sich sogar und begann zu reden, als ich ihm zunickte: ‘Mich hat meine Großmutter aufgezogen, weil man Vater immer auf Geschäftsreise ist. Sie hat Alzheimer bekommen, sie ist auch zum Arzt und so, aber die konnten ihr nur bedingt helfen und ich Idiot hab sie lange Zeit gedeckt. Und als sie mal wieder ausgebüchst ist, hab ich mir den Oldtimer von meinem Vater gezockt und hab sie gesucht. Die Polizei wollte mich kontrollieren, die Verfolgungsjagd war megageil, bis mich die Leitplanke auf der Auffahrt zur Bundesstraße aufgehalten hat. Ich werde wohl nie meinen Führerschein machen dürfen. Meine Oma ist jetzt in einem tollen Heim und wenn ich die Fußfessel los bin, werd ich hier blieben, weil das Altersheim von meiner Oma hier in der Nähe ist, auch wenn sie sich vielleicht nicht mehr an mich erinnert, werd ich sie endlich besuchen können.’

Ich sah einige Daumen, die nach oben gingen und der Gong ertönte. 

‘Verdammt!’ stolperte aus meinem Mund. 

‘Beleidigen ist nicht okay, aber fluchen schon?’ wollte Zecke wissen.

‘Wenn wir eine Kasse aufmachen und ihr Gefallen und ich nen Euro rein werfe, dann werde ich am Ende des Schuljahres arm sein und ihr könnt eure Gefallenschulden bei mir nie zurückzahlen.’ erwiderte ich cool.

‘Ähm, wenn wir Geld sammeln, vielleicht könnten wir das Schwimmbad wieder öffnen?’ meinte ein Junge in der dritten Reihe. 

Die Tür ging auf und ein Mädchen streckte den Kopf rein. ‘Kommen Sie zu uns, oder sollen wir kommen.’

‘Einen wunderschönen guten Morgen, junge Dame! Ich habe keine Ahnung!’ begann ich und zog meinen imaginären Hut. ‘Wieviele seid ihr und wieviel Platz habt ihr?’ 

Sie blickte in die Runde, zählte kurz durch und meinte dann: ‘Wir kommen zu euch! Aber Einige von uns würden eine katholische Sitzordnung bevorzugen.’

Fortsetzung folgt…

Mein erster Schultag – Folge 7 Quid pro Quo

Mein erster Schultag – Folge 7 Quid pro Quo

‘Quid pro Quo, Herr Kowalski, Quid pro Quo!’ meinte Zecke, stand auf und öffnete seinen Gürtel. 

‘Zecke, lass ihn bitte in der Hose und Jungs bitte versprecht mir, dass ihr euch nachher benehmt, wenn die Mädels dazukommen!’ rief ich und schloss meine Augen. Natürlich blinzelte ich.

Zecke hielt inne und blickte auf die anderen Jungs, als er weiter machte und dabei seinem Statement ein Denkmal setzen wollte: ‘Ich bin links exibitionistisch veranlagt und verabscheue Gewalt.’

Einige lachten. Heino wurde scheinbar wütend und fing an: ‘Ich hab leider kein Handy, aber das wäre ein spitzen Bild für die Lügenpresse.’

‘Touché, Heino!’ meinte ich, hielt mir nun die Augen mit einer Hand zu und fuhr fort: ‘Sagt mir bitte, dass er die Hose noch anhat.’

‘Super Schlagzeile: Schwuler Lehrer vergreift sich an sozial benachteiligten Schüler.’ meinte Heino wieder.  

‘Schubladendenken! Jegliches Vergreifen ist für jeden strafbar der sich vergreift, egal welche sexuelle Orientierung er hat.’ meinte ich und linste durch meine Finger. 

Zeckes Hose hing in den Kniekehlen, er hatte eine verwaschene Short an und auf seinem Bauch stand. ‘Punks not dead!’

Ich nahm die Hand runter und versuchte nicht zu lächeln. ‘Zecke, tu mir bitte einen Gefallen, ziehe deine Hose wieder an und wisch dann die Tafel.’

‘Stimmt das, was in der Bild Zeitung stand?’ wollte Kevin plötzlich wissen. 

Ich griff mir ans Herz und dann blickte ich auf die Uhr: ‘Ich bin stolz auf euch, ihr habt genau 22 Minuten gebraucht, um mir peinliche Fragen zu stellen!’

‘Quid pro Quo, Herr Kowalski!’ meinte Kevin. 

‘Kevin, ich nehm dich beim Wort.’ meinte ich und grinste ihn an. Er schreckte ein bisschen zurück, blickte mich aber unverwandt neugierig an, also fuhr ich fort: ‘Einer meiner damaligen Mitschüler hatte ein paar alte Fotos ausgegraben, als ich an der Spitze meiner Sportlerkarriere war. Nachdem die BLÖD mich als schwul geoutet hatte, bin ich aus der Olympiamannschaft geflogen, mein Kader hat mir den Rücken gekehrt, mein Freund hat sich deswegen von mir getrennt, die Reaktion meiner Kameraden war ausgesprochen eisern und dann hab ich gedacht, es wäre eine gute Idee mich für einen Auslandseinsatz zu melden.’ Ich musste eine kurze Pause machen, bevor ich weiter reden konnte. Ich war tatsächlich ziemlich nervös, aber es würde besser werden, um so öfter ich es erzählte: ‘Was im Nachhinein eine echt blöde Idee gewesen war. Eine Gewehrsalve und eine Handgranate später war ich wieder hier und den Rest hab ich euch vorhin in der Aula schon erzählt.’ 

‘Ja, das ist das, was bei Wikipedia steht.’ meinte Kevin.

Ich lächelte wieder und fuhr etwas ruhiger fort: ‘Und das hübsche Gesicht hab ich von dem Natostacheldraht, auf dem ich mit dem Gesicht voran gelandet bin, nachdem mir eine Handgranate aus deutscher Fertigung hinterhergeworfen wurde.’ 

‘Und wer sagt uns, dass wir nicht das Opfer einer neuer Schlagzeile werden.’ wollte Heino wissen.

‘Ich sag euch das.’ rief ich in meinem üblichen Ton. 

Fortsetzung folgt vielleicht…

Mein erster Schultag – Folge 6 Punks not dead

Mein erster Schultag – Folge 6 Punks not dead

Ich starrte auf das: ‘Punk’s not dead’ und konnte es nicht fassen. Ich hatte wirklich viel zu tun und wie Abby so schön gesagt hatte, würde ich wohl improvisieren müssen. 

Kopfschüttelnd machte ich einen Schritt zur Tafel, wischte den Apostrophen mit dem Daumen weg und drehte mich zur Klasse. Langsam wischte ich meinen Daumen an der Hose ab und überlegte mir, ob ich wieder Pfeifen sollte, doch tatsächlich beruhigte sich die Meute und sie blickten mich neugierig an. 

‘Einer von euch hat das heutige Thema gewählt und nachdem wir weder Deutsch, Englisch oder Musik haben, stelle ich die Frage: Warum schrieb ‘Big John’ Duncan von der Punkband ‘The Exploited’ den Titelsongs ‘Punks not dead’ ohne Apostroph und was wollte er uns damit sagen? Jeder der was zu sagen hat, stellt sich auch gleich noch vor, damit ich mir eure Namen merken kann. Ich bin Herr Kowalski!’ fing ich an und zeigte mit der anderen Hand auf die Tafel.

Ein Junge mit der passenden Frisur zum Thema meinte: ‘Es ist die Antwort auf das Lied ‘Punk is dead’ von ‘Crass’ und mich nennen alle Zecke, meine Erzeuger haben mich aber Michael genannt.’

‘Ja, das steht bei Wikipedia, Zecke! Wenn ich dich so nennen darf?’ erwiderte ich. Zecke nickte mir zu und grinste mich an. 

‘Vielleicht war ihm dieses Strichdings scheißegal!’ meinte ein Anderer, der sich dann räusperte, bevor er fortfuhr. ‘Ich bin Henning und wehe es nennt mich einer Henni!’

‘Henning, wir kommen der Sache schon näher!’ rief ich fast schon ein bisschen euphorisch. 

Ein hagerer Junge mit Brille in der ersten Reihe meinte: ‘Mein Name ist Kevin von Papenheim und der Titel: ‘Punks not Dead’ war seine künstlerische Freiheit und damit schuf er eine dadaistische Wahrheit!’

‘Bingo, junger Mann! Und was heißt das, wenn es vom hohen Ross runter steigt.’ rief ich völlig außer mir. Die Jungs waren nicht dumm, oder nicht auf den Mund gefallen. 

‘Ich sagte doch, das es ihm scheißegal war, K…k…klugscheißer!’ rief Henning wieder, worauf ich nur eine Augenbraue raufzog und versuchte Henning mit einem kurzen Anflug eines Lächelns einhalt zu gebieten. 

‘Kevin, ist noch dran!’ zischte ich ihm zu und Henning verstummte sofort. 

‘Punks not dead war sein Vermächtnis, alles bisher dagewesene ins Lächerliche zu ziehen, einfach nur durch das Weglassen eines simplen Apostrophen.’ erklärte Kevin und schien ganz aufgeregt zu sein. ‘Damit hat er sich ein Denkmal gesetzt und sollte eigentlich dafür viel mehr gewürdigt werden.’

‘Sehr gut Kevin!’ meinte ich und machte mir Notizen, dann blickte ich in die Runde und entdeckte Heino Müller. Er schien gespielt zu schlafen, damit er uns alle ignorieren konnte. 

‘Heino Müller, hast du eine Meinung dazu?’ wollte ich wissen und Heino schreckte von seiner eigenen ignoranten Art hoch. 

‘Punk is nich so meins!’ rief er wie aus der Pistole geschossen. 

‘Und was wäre dann beispielsweise deins?’ wollte ich wissen. 

Heino verschränkte die Arme und blickte zum Fenster hinaus. Draußen hatte es zu regnen begonnen.

‘Unser Heino Hitler, macht es wie sein Alter und läuft im Gleichmarsch auf die Hymnen von den Zillerthaler Türkenjäger oder Frei.Wild. Ich kann das so schlecht unterscheiden!’ erklärte Zecke und grinste dann ziemlich zynisch. 

‘Du weißt überhaupt nix über meinen Vater, Zecke!’ platzte es aus Heino heraus.

Zecke krempelte sein Hosenbein hoch, zeigte ihm dabei den Mittelfinger und meinte ziemlich cool: ‘Ich darf hier wenigstens raus und krieg mit wie viele Nazis hier durch die Straßen ziehen und allen voran, dein Herr Papa!’

‘Fick dich, Zecke!’ kam es aus Heinos Mund gestolpert. 

Ich schaute mir das eine Weile an und meinte dann in meinem üblichen Ton: ‘Jetzt beruhigen wir uns wieder. Über Politik reden wir dann in Sozialkunde weiter, aber vorher müssen wir uns noch über Beleidigungen während einer Diskussion unterhalten.’

Ein Raunen ging durch die Klasse, ich fuhr dessen ungeachtet fort: ‘Es hört sich jetzt wahrscheinlich für euch ziemlich bigott an, wenn ich bei euren Diskussionen die Schweiz spiele, aber ich möchte, dass ihr hier bei den Fakten bleibt und wir uns nicht gegenseitig beleidigen.’

‘Wenn der Fakt: ‘Dein Vater ist ein Nazi!’ keine Beleidigung ist, okay!’ meinte Zecke und verschränkte auch die Arme. 

‘Es ist keine Beleidigung, wenn Heino die politische Meinung seines Vaters nicht teilt!’ warf ich ein. 

‘Muss ich mich dazu äußern?’ wollte Heino wissen. 

‘Auch wenn ein paar von euch nicht meiner Meinung sind, leben wir tatsächlich in einem freien Land und auch deine Gedanken sind frei, solange die Rechte eines anderen dabei nicht verletzt werden.’ erklärte ich kurz.

‘Wollen Sie uns nicht noch mehr über sich erzählen?’ wollte Heino wissen. 

‘Gut, ich erzähle euch etwas über mich, aber ihr erzählt mir auch etwas über euch. Quid pro Quo. Und ich möchte nicht hören, was die anderen erzählen, sondern ich erwarte eure Wahrheit.’ erwiderte ich völlig leichtsinnig. Im nächsten Moment bereute ich es aber wieder, ich war mir gerade nicht sicher wer hier Clarice Starling war und wer Hannibal Lecter. 

Fortsetzung folgt…

 

Mein erster Schultag – Folge 5 Ernie und das Stufenarmageddon

Mein erster Schultag – Folge 5 Ernie und das Stufenarmageddon

Die Aula, unendliche Stufen.

Große breite Stufen runter und dann wieder kleine schmale Stufen zur Bühne hoch und alles ohne Geländer. Die Schüler standen, knieten oder saßen auf den Stufen und ich verfluchte den Moment, als ich den Stock zu hause ließ. Herr Walddorfer ging gerade zum Rednerpult, doch ich hatte erst noch meine persönliches Stufenarmageddon vor mir. 

Zum Glück war Abby immer noch an meiner Seite. Ich musste mich auf ihre Schulter stützen, als wir die Stufen hinab schritten. Obwohl uns niemand sah, hatte ich das Gefühl, dass alle den Krüppel beobachten würden. Ich wäre am Liebsten im Boden versunken und war heilfroh als wir endlich an der kleinen Bühne angelangt waren.

Herr Walddorfer hatte schon angefangen die Schüler zur Ruhe aufzurufen, was ihm nicht im Mindesten gelang. Es war wie ein Unfall, man sollte eigentlich nicht hinschauen, aber man tat es trotzdem. Ich beschloß zu pfeifen, nachdem mich Frau Miller auf die Bühne gezerrt hatte und er immer noch hilflos ins Mikro brabbelte. Mein Pfiff schallte durch die Aula und schon war die Meute still. Geht doch. 

Der Rektor zwinkerte mir zu, räusperte sich und begann zu sprechen: ‘Einen wunderschönen guten Morgen, liebe Kinder. Hat jeder von euch die neuen Stundenpläne bekommen. Für diejenigen, die unsere Emails oder Briefe oder sogar die Zeitung nicht lesen, es ist Einiges passiert, deshalb begrüße ich euch alle heute herzlich als euer neuer Direktor. Die jüngsten Ereignisse haben eine Zusammenlegung unausweichlich gemacht und ich hoffe inständig, dass wir alle am Ende gestärkt daraus hervorgehen. Das gesamte Kollegium, allen voran unsere Vertrauenslehrer und Vertrauenslehrerinnen, sowie das medizinische Schulpersonal sind jederzeit für euch da. Wir sind nicht euer Feind, wir wollen gemeinsam schaffen, dass jeder hier einen guten Abschluss erhält und in eine gesunde Zukunft blicken kann.’ 

Während der Rede, hatte ich einen Moment Zeit mir die Schülerschaft ein bisschen genau anzusehen. Ich erkannte diesen Heino Müller und das Mädchen von vorhin. Sie hatte sich in ein Eckchen gequetscht, wo sie alleine sitzen konnte. Und dieses Eckchen, war sehr weit von Heino entfernt und von dem Platz an dem er saß, konnte er sie nicht sehen. Man merkte wie es in ihrem Kopf ratterte, ihr schien gerade ziemlich viel durch den Kopf zu gehen, dafür war bei Heino nicht viel los, der spielte Taschenbillard. Ich zählte kurz durch und überschlug im Kopf die Klassenstärken. Im Schnitt waren es wohl 10 bis 15 Schüler pro Klasse. Es waren tatsächlich weniger Mädchen als Jungen. Die jüngeren Schüler waren mehr als die Älteren. 

Um so länger der frischgebackene Rektor redeten, um so unruhiger wurden die Kinder.

Einige Buh-Rufe machten sich breit und der Rektor räusperte sich: ‘Wir haben einen neuen Kollegen, der uns ab heute tatkräftig unterstützen wird in Geschichte, Sozialkunde, Erziehungskunde und Sport bei den Jungen. Ich darf Herrn Herbert Kowalski in unserer Mitte begrüßen.’

Ich stand auf und nickte in die Menge. Jemand schubste mich von hinten und ich machte einen Schritt nach vorne, um mein Gleichgewicht halten zu können. 

‘Kommen Sie ruhig und erzählen Sie unseren Schülern und Schülerinnen etwas über sich.’ meinte Herr Walddorfer und winkte mich zu sich. 

Ich versuchte möglichst wenig zu humpeln und ihn bloß nicht anzulächeln. Er machte lächeln Platz am Rednerpult und klopfte mir väterlich auf die Schulter.

Ich räusperte und zog das Mikrophon zu mir. ‘Einen wunderschönen guten Morgen, Herr Direktor, liebe Kollegen und Kolleginnen und vor allem wünsche unserer Schülerschaft einen guten Start ins neue Schuljahr. Eines kann ich euch sagen, als ich vor gefühlten 100 Jahren endlich mein Abi in der Tasche hatte, habe ich geschworen, nie wieder einen Fuß in eine Schule zu setzen, doch dann kam mir leider ziemlich viel Leben und in Afghanistan eine Handgranate in die Quere. Im Krankenhaus schlug man mir vor, dass ich bei meiner Qualifikation immer noch Lehrer werden konnte, für den Fall, dass ich nie wieder laufen könne. Damals dachte ich, dass ist ein blöder Scherz.’ fing ich an und es hörte sich eher wie eine Motivationsrede für meine Kameraden an, die gleich in ein Gefecht geschickt werden würden. ‘Glücklicherweise stehe ich wieder auf meinen eigenen zwei Beinen und ich kann euch sagen, wie sehr das Universum auch versucht euch Steine oder Handgranaten in den Weg zu werfen, wenn du es überlebst, steh auf, schüttel dir den Dreck ab und laufe weiter deinen Weg.’

Das gesamte Lehrerkollegium, minus dem Lackaffen, klatschten und jubelten und sogar einige Schüler schienen einigermaßen von meiner Rede beeindruckt zu sein. Ein paar grübelten noch, aber zumindst wurde ich nicht mit Pausenbroten beworfen. 

Der Rektor scheuchte nun alle in ihre Klassenräume und Frau Miller tauchte vor mir auf, als ich versuchte etwas wackelig von der Bühne zu steigen. 

‘Ernie, soll ich dich in deine Klasse bringen?’ meinte sie und lächelte mich zuckersüß an. 

‘Das wäre allerliebst, werte Abby!’ und hielt ihr meine Hand hin, worauf sie mir die Treppen hinunter half. 

‘Ernie, kannst mich aber auch weiter Bert nennen, wenn du willst!’ meinte sie und grinste mich an. 

‘Warum läuft in meinem Kopfkino jetzt Bambi? Welcher Arsch hat mich auf der Bühne geschubst und warum ist diese Schule nicht im Mindesten behindertengerecht ausgestattet?’ fing ich an zu schimpfen. 

‘Es war natürlich der Lackaffe und ich komme mir so vor, als wären wir nicht mehr in Kansas, Ernie!’ erwiderte sie grinsend und wir liefen hinter den Schülern her, die eine weitere Treppe hoch liefen. ‘Und wenn du keinen Lackaffen zur Hand hast, Ernie, kannst du mit deiner Chipkarte den Aufzug benutzen!’  

Vor der Klasse der 10b ließ sie mich einfach stehen und lief in ihre Klasse. Kurz vor der Tür drehte sie sich nochmal um und meinte: ‘Lauf in der Pause nicht weg, ich zeig dir die Kantine!’ 

Im nächsten Moment war sie auch schon in ihrem Klassenzimmer verschwunden. Ich atmete tief durch, riss mit einem Ruck die Tür auf und schritt ins Klassenzimmer. 

Mit einem: ‘Guten Morgen, die Herren!’ machte ich mich bemerkbar und schritt mit meinem Rucksack ans Pult.

Jemand hatte ‘Punk’s not dead!’ auf die Tafel geschrieben. In diesem Fall müssen wir wohl eine Grundsatzdiskussion führen.

Fortsetzung folgt…

 

Mein erster Schultag – Folge 4 Danke für den Hinweis und ich bin schwul!

Mein erster Schultag – Folge 4 Danke für den Hinweis und ich bin schwul!

‘Er ist schwul, köstlich!’ rief der Lackaffe und lachte sehr aufdringlich. Ich tat was ich tun musste und grinste ihn einfach nur an. Die Entgleisung in seinem Gesicht war einfach nur göttlich und nachdem aus seinem Mund nur ein mutloses Gestammel kam, sprang Frau Miller ein und meinte kurz, aber sehr deutlich: ‘Das ist Maik Schober, Mathe, Französisch und Musik und wir sind gar nicht verlobt, weil nein nunmal nein heißt, Maik!’ 

Der Rektor streckte den Kopf bei der Tür herein und rief: ‘Es geht los, Kinder!’

Ich versuchte in Windeseile alle meine Unterlagen in meinen Rucksack zu stopfen und als der Herr Werting mir mit den Worten: ‘Ich hab Ihnen den neu aufgelegt!’ einen wirklich sehr alten Laptop aushändigte, platzte es aus mir heraus: ‘Das ist super, am Ende des Jahres kommen wir in Geschichte im Computerzeitalter an, das Ding erspart uns einen Ausflug ins Museum!’ 

Er blickte mich mehr als entsetzt an und blickte fast schon beleidigt auf den Laptop. Ich versuchte die Situation zu retten und meinte kleinlaut: ‘Nix für ungut, ich hab nen Apfel, den kann ich auch dienstlich nutzen, oder!?’

Werting nickte und versuchte zu lachen, es gelang ihm aber nicht. Doch im nächsten Moment, wurde er von Hansmann aus dem Raum gezogen. Der Schober war ohne einen weiteren Kommentar auch schon gegangen. Nun stand nur noch Frau Miller im Raum und verdrehte die Augen. 

‘Wenn Sie bei dem Lackaffen Hilfe brauchen?’ stolperte aus meinem Mund als ich wieder die Tränen in ihren Augen sah. 

‘Mein Nein war wohl nicht deutlich genug!’ flüsterte sie, ich verstand sie aber sehr gut.

‘Wollen wir heute zusammen Mittagessen?’ schlug ich vor, ohne darüber nachzudenken und meinte dann. ‘Ich will jetzt nicht übergriffig wirken, aber ich mag nicht, wenn Sie traurig sind und ich mag nicht, wie dieser Maik Sie behandelt, als wären Sie sein Eigentum!’

‘Ein Jammer, dass Sie schwul sind!’ stolperte aus ihrem Mund. 

‘Das sagt die Schwester von meinem Ex auch immer!’ stolperte aus meinem Mund und ich grinste sie wieder an, doch ihre Reaktion war verblüffend. Auf ihrem Gesicht war kein Entsetzen mehr zu sehen. Sie griff mir ins Gesicht, zog mir meine Narben glatt und lächelte mich dann herzlich an. 

‘So ist es viel besser, ich hab als Kind all Ihre Rennen gesehen!’ flüsterte sie und kam mir einen Schritt näher. ‘Dank der Olympiaübertragung hab ich damals viel schneller deutsch gelernt.’

‘Oh, dann sind Sie wohl mein einziger Fan! Ich bin tatsächlich geschmeichelt.’ flüsterte ich ihr zu, lächelte aber nicht. 

‘Ich weiß nicht wie es Ihnen geht, aber ich könnte einen richtig guten Freund gebrauchen, der mich nicht bumsen will!’ stolperte aus ihrem Mund und im nächsten Moment schoss wieder die Schamesröte in ihr Gesicht. 

‘Das krieg ich hin und meine Freunde nennen mich übrigens Ernie!’ flüsterte ich ihr zu.

Sie lächelte mich verschmitzt an, trat einen Schritt zurück und streckte mir die Hand hin: ‘Los Ernie, nicht dass wir die Lobesrede über dich noch verpassen.’

Ein: ‘Ja, Bert!’ stolperte aus meinem Mund und ich ließ mich in die Aula schleppen. 

Ohne ihre Hilfe hätte ich die Aula eh nicht gefunden und als ich die Aula in voller Größe sah, reichte es mir völlig.

Die Aula bestand nur aus Stufen… 

Fortsetzung folgt…

 

Mein erster Schultag – Folge 3 Kann ich aus der Horrorstory noch aussteigen?

Mein erster Schultag – Folge 3 Kann ich aus der Horrorstory noch aussteigen?

‘Kann ich aus der Horrorstory noch aussteigen, ist mein tägliches Mantra.’ rief Herr Hansmann und versuchte mit seinem Stofftaschentuch den verschütteten Kaffee aufzuwischen. 

Frau Miller blickte mich immer noch entsetzt an, sie schien Tränen in den Augen zu haben.

‘Frau Miller, Sie sollten sich gut überlegen, ob Sie mich zum Lachen bringen wollen!’ meinte ich eine Spur zu cool und versuchte krampfhaft nicht zu lächeln, was mir aber nicht gelang. 

‘Ich hab schon gehört, dass Sie in Afghanistan waren…!’ fing Hansmann an, brach dann aber ab, als er erneut mein Lächeln sah.

‘Ich bemühe mich wirklich, nicht zu oft zu lachen, aber es gelingt mir nicht immer. Es tut mir von Herzen Leid, wenn ich Sie verschreckt habe, Frau Miller!’ erklärte ich und blickte sie so entspannt, wie es mir möglich war, an. 

Sie schluckte schwer und wischte sich die Augen, bevor sie sich räusperte: ‘Tut mir leid, ich bin sehr empathisch veranlagt. Es ist so, als könne ich ihre Schmerzen spüren, wenn ich sehe, wie sie lachen und es dann im nächsten Moment wieder lassen, weil wir…!’ Ihre Stimme brach und ein anderer Lehrer kam vom Fenster rübergelaufen. Er berührte sie kurz an der Schulter, worauf sie ängstlich zurück zuckte. 

‘Flennst du schon wieder! Hat dir der Neue einen Schrecken eingejagt?’ rief der Kerl und mir kam es so vor, als würde er mit einem Hund reden. Sie fing sich augenblicklich wieder und schüttelte trotzig den Kopf. 

Er ließ sie im nächsten Moment los, als wäre sie eine heiße Kartoffel und widmete sich nun mir: ‚Herr Kowalski, wollen Sie sich nicht die Jungs von der 10. ansehen, bevor wir in die Aula gehen. Die Aktenauszüge von den Mädchen haben Sie doch bekommen, oder?‘

‚Ja, die kann ich auswendig.‘ berichtete ich und blickte ihn neugierig an, ohne jedoch Frau Miller aus den Augen zu verlieren. Mich berührte es tatsächlich, dass sie nur durch die pure Anwesenheit von diesem Lackaffen, ihre Stimmung geändert hatte, obwohl sie es im Grunde ihres Herzens gar nicht wollte.

Der Lackaffe zeigte auf die Steckbriefe. Ich stand auf und kam näher.

‚Rot heißt, Fußfessel mit Ausgangssperre. Gelb heißt Bewohner mit Freigang. Grün heißt Heimschläfer. Die Fußfesseln haben einen Radius von 1,5 Km und sollten auf dem ganzen Gelände der Schule funktionieren. Sobald sie durch die Schleuse gehen, geht der Alarm los und die Polizei kommt. Am Besten lassen Sie sich das von den Jungs erzählen, die haben fast alle Eine.‘ erklärte der Lackaffe.

‘Finden Sie das nicht heikel, dass die Opfer häuslicher Gewalt zusammen mit den jugendlichen Straftätern in eine Schule gehen?’ wollte ich wissen. 

‘Der Grund für die meisten Straftaten ist tatsächlich auf Verfehlungen in der Erziehung zurückzuführen.’ meinte der Lackaffe. 

‘Das Internat sollte vielmehr Heim für Kinder schwererziehbarer Eltern heißen!’ witzelte Hansmann.

‚Ich hab keine Sicherheitsleute gesehen, werden die Freigänger gar nicht kontrolliert?’ stichelte ich weiter nach. 

‚Das brauchen wir nicht, es geht alles elektronisch. An den Türschleusen sind Metalldetektoren und unser Lempke und sein Dackel sind die besten Drogenschnüffler!’ meinte ein anderer Lehrer, der an einem Laptop saß und mir freundlich zu nickte, bevor er kurz ergänzte: ‚Werting, mein Name, Hilmar Werting. Informatik, Büroorganisation, Sicherheitsbeauftragter, Admin und ich helf dem Lempke bei der Berufsberatung und war eher widerwillig beim Ferienprogramm dabei.’  

Dann stand Werting auf und ging durch den Raum zu einem Schrank, während er mit einer seltsamen Handbewegung um einen Moment bat. 

‚Sehr erfreut Herr Werting und Sie, Herr…?‘ wollte ich wissen und drehte mich zu dem Lackaffen um, der sich wieder an Frau Miller zu schaffen machte.

‘Ich bin der Verlobte von Abby.’ meinte er und nahm sie in den Arm. Sie war überhaupt nicht begeistert. Eigentlich sollte mir so hetero Machogehabe am Arsch vorbeigehen, doch der Gesichtsausdruck von Frau Miller ließ bei mir sämtliche Alarmglocken läuten.‘Danke für den Hinweis und ich bin schwul!’ sagte ich kurz und prägnant. Nach dem es durch die Presse ging, muss es eh schon jeder wissen.

Fortsetzung folgt…

Mein erster Schultag – Folge 2 Willkommen im Bootcamp 

Mein erster Schultag – Folge 2 Willkommen im Bootcamp 

Das Lehrerzimmer war nur halb besetzt. Der Lehrermangel wurde mir in dem Moment klar, als ich die vielen leeren Stühle sah. Das Fräulein Miller grinste mich an. An den Wänden waren Bilder und Lebensläufe der Schüler aufgehängt.

‚Danke die Herrschaften.‘ rief ich eine Spur zu laut. Standing Ovations hätte ich nun wirklich nicht erwartet. Ich versuchte nicht zu lächeln, das hätte alle nur verschreckt. Händeschüttelnd wurde ich zum Tisch geschoben. Ich blickte auf den Stapel Papiere auf meinem Platz.

Erste Stunde gemeinschaftlich in der Aula. Zweite Stunde Erziehungskunde 10b. Super. Dritte Stunde Sozialkunde 10 a + b. Dann Doppelstunde Geschichte 7 a + b. Sozialkunde 8 a + b. Nachmittags. Sport zweimal Doppelstunden 10b und 9b gemeinsam. Ich überflog den Stundenplan und sah, dass ich am Mittwoch und am Freitag früher Schluss hatte, zückte mein Handy und wählte die Nummer meiner Physio. Es ging nur der AB ran und ich sprach nach dem Pfeifton: ‚Guten Tag, hier spricht Herbert Kowalski. Hallo Emma, ich kann den Termin morgen und am Donnerstag nicht wahrnehmen. Meine freien Nachmittage sind Mittwoch und Freitag. Notfalls halt nach 18 Uhr. Schicken Sie mir die neuen Termine per Mail. Danke.‘

Ich legte auf und alle starrten mich an.

‚Krankengymnastik.‘ meinte ich entschuldigend.

Alle lächelten mich plötzlich an. Ich wühlte die Unterlagen durch und suchte nach dem Lehrplan für Erziehungskunde. Klasse 5-9. Für die 10 gab es keinen. Ich bekam eine Liste unter die Nase gehalten. Freiwilliger Wochenenddienst: ‘1mal pro Monat, Samstag oder Sonntag!’ stand auf dem Blatt.

‚Keine Sorge, ich bin am Wochenende immer da, wenn was ist.‘ meinte Frl. Miller.

Ich trug mich am Ende des Monats ein und blickte sie fragend an.

‚Ich wohne hier. Ich bin die Vertrauenslehrerin der Mädchen. Haben Sie sich überlegt hier eine Dienstwohnung zu nehmen. Im Moment ist der Hausmeister der Vertrauensmann von den Jungen und ich bin mir nicht sicher, ob seine Stasimethoden so gut für die Jungs sind.‘ erklärte sie und es war das erste Mal, dass sie sich negativ zu jemanden äußerte.

‚Ich kann hier keine Dienstwohnung nehmen, ich bin grad erst hierher gezogen und wohne schon drei Straßen weiter.‘ erklärte ich kurz und blickte sie fragend an, bevor ich fortfuhr. ‚Und haben Sie überhaupt keine Freizeit?‘

‚Ich war früher selbst auf der Schule, habe tatsächlich mein Abi nachgemacht und hab studiert und bin jetzt wieder hier, weil ich den Kindern helfen will.‘ gab sie zu und wurde schlagartig rot im Gesicht. Das erklärte auch, warum der Direktor sie immer noch mit Fräulein ansprach.

‚Warum gibt es keinen Lehrplan für Erziehungskunde der 10. Jahrgangsstufen?‘ wollte ich wissen.

‚Weil es noch keinen gibt. Sie müssen improvisieren.‘ trällerte sie und grinste mich freundlich an. ‚Ich mache mit den Kindern offene Gespräche und frage sie, wo bei Ihnen der Schuh drückt, außerdem sollen wir die Berufsberatung unterstützen und ggfs beim Ausfüllen von Anträgen und dem Erstellen von Bewerbungen helfen.‘

‚Hier ist noch der Essensplan. Sie können an allen Mahlzeiten teilnehmen, wenn Sie davor oder danach Unterricht haben.‘ meinte der ältere Herr von vorhin. ‘Bei den anderen Mahlzeiten können Sie sich einkaufen.’

‚Das ist super, wo krieg ich hier nen Kaffee her?‘ stammelte ich.

Sie deutete ans Ende des Zimmers, da stand eine Kaffeemaschine, die wohl schon länger dort stand, als die meisten Lehrer hier Dienst taten. Der ältere Herr war bereits an der Kaffeemaschine angekommen, goss eine Tasse ein und fragte: ‚Mögen Sie ihn schwarz?‘

‚Wenig Milch und viel Zucker, bitte.‘ rief ich wieder eine Spur zu laut, ich räusperte mich und fuhr dann etwas leiser fort. ‚Das ist sehr freundlich von Ihnen.‘

‚Ach, Kowalski.‘ kam es von der Tür her. Eine sehr herrisch wirkende ältere Dame mit Brille stand in der Tür und fuhr, ohne auf eine Antwort meinerseits zu warten, fort: ‚Sie haben in der Mittagspause einen Termin bei mir und morgen bei der Schulpsychologin! Ich bin die Schulärztin Frau Dr. Erna Grau!‘

‚Alle neuen Lehrer müssen durchgecheckt werden!‘ säuselte mir Frau Miller zu. 

Der Kaffee wurde ihm hingestellt. ‚Ich bin Guido Hansmann, ich mach die Naturwissenschaften!‘

‚Danke für den Kaffee!‘ meinte ich und schüttelte seine Hand.

Die Frau Dr. stand immer noch in der Tür. ‚Ja, sorry Frau Dr. Grau, ich bin ein Bisschen überfordert. Hätte ich meine Röntgenbilder mitbringen sollen?‘

‚Nein keine Sorge, die habe ich schon. Kriegen Sie noch Anwendungen?‘

Ich musste kurz überlegen, was sie meinte. ‚Ähm. Anwendungen. Ja, wenn ich meine Termine verschieben kann, dann ja.‘

Sie musterte mich von oben bis unten, zog ihre Brille von der Nase und blickte mich über die Brillengläser hinweg an, bevor sie wieder zu reden begann: ‚Sie haben eine Saniausbildung bei der Bundeswehr gemacht?‘

‚Ja, Helfer im San-Dienst!‘ rief ich wieder in meinem üblichen Ton.

‚Wir haben nämlich keine Krankenschwester mehr und ich habe nebenan noch die Sozialsprechstunde zu machen, bin also nicht immer da!‘

Sie warf mir einen Schlüsselbund zu und meinte: ‚Der Schlüssel vom Ersthilfe-Raum! Kommen Sie dann nach dem Essen rüber zur Sozialsprechstunde!‘ 

Meine Reaktionsfähigkeit war immer noch hervorragend, also fing ich den Schlüsselbund auf. Das erste Mal seitdem ich die Schule betreten hatte, lächelte ich und nickte ihr dann zu. Obwohl sie scheinbar meine Krankengeschichte kannte, erschrak sie vor meinem Anblick, machte fast automatisch einen Schritt zurück, worauf sich die Tür zum Lehrerzimmer automatisch schloss. Ich grinste wieder und rührte meinen Kaffee um, nahm einen kräftigen Schluck und ließ mich erschöpft in den Stuhl sinken.

Frau Miller blickte mich entsetzt an und Hansmann hatte seinen eigenen Kaffee verschüttet.

‚Kann ich aus der Horrorstory noch aussteigen?‘ flüsterte ich in mich hinein und versuchte fürs Erste nicht mehr zu lächeln.

Erstveröffentlicht: 02.07.2013

Fortsetzung folgt vielleicht…

 

Mein erster Schultag – Folge 1

Mein erster Schultag – Folge 1

heim

Oh Mann, ich hätte mir echt nie träumen lassen, dass ich mit 36 nochmal die Schulbank drücken würde. Aber so ist es nun.

Gut, sagen wir es mal so, ich werde hinter dem Pult stehen. Aber komisch ist es schon. Ich bin meinen Lehrern bis zum Abi ziemlich auf den Sack gegangen.

Meine Fresse, musste ich viel Strafarbeiten machen. Manchmal kam ich mir echt so vor, wie Bart Simpson. Bart Simpson mit Abi. Nur der kleine blonde Junge ist mit 36 zwar gewachsen, aber nicht im Mindesten erwachsen geworden und ich komme im Moment noch nicht so ganz damit klar, dass ich jetzt Lehrer sein soll.

Als ich in Ulm im Krankenhaus lag, hat mir der Berufsberater gesagt, selbst wenn ich nicht wieder Laufen könne, dann könnte ich mit meinen Qualifikationen immer noch Lehrer werden. Damals wusste ich nicht so genau, ob er mich beleidigen oder aufmuntern wollte. Ich habe meine Zeit im Krankenhaus genutzt und habe ein Aufbaustudium fürs Lehramt gemacht. Ich bin jetzt Lehrer für Geschichte und Sozialkunde und wenn ich endlich wieder sporttauglich bin, dann werde ich vielleicht auch Sportlehrer sein.

Ja, der Sport. Ich war ein erfolgreicher Sportler. Hab ein paar Goldmedaillen gewonnen. Habe bei der Bundeswehr studiert und war im Sportförderprogramm. Dann gab es einen kleinen Skandal. Der Goldjunge ist eine Schwuchtel. Es gab ein paar blöde Fotos von früher. So Nacktfotos nach dem Motto: ‚Ich war jung und brauchte das Geld!‘

Ich wurde aus der Olympiamannschaft ausgeschlossen. Der Skandal kam eigentlich zur rechten Zeit, weil nach 30 hat man im Profisport eh fast nichts mehr verloren. Entweder Doping, Werbestar oder Trainer. Und für einen schwulen Trainer hatten sie keine Verwendung.

Mein Freund hatte sich dann von mir getrennt, weil er mit meinem unfreiwilligen Outing nicht klarkam. Verstehen muss das keiner, am Allerwenigsten ich. Eigentlich wäre das der Punkt gewesen, wo jeder normale Typ zum Saufen angefangen hätte, aber nein der Goldjunge hat sich für einen Auslandseinsatz gemeldet. Ich war in Afghanistan und bin von ein paar einheimischen Müttern angeschossen worden. Dabei wollte ich ihnen nur Lebensmittel bringen. Zum Dank haben sie mir noch eine deutsche Handgranate hinterhergeworfen. Hm. Ein Paar von diesen Splittern der deutschen Wertarbeit stecken immer noch in meinem Hintern. Ein Schuss ging um Haaresbreite an meiner Libido vorbei, ein Zweiter zerfetzte meinen linken Oberschenkel. Deswegen humple ich auch immer noch. Ein dritter und vierter Schuss zerfetzte nur die Milz und ging zum Glück an allem anderen Lebenswichtigen vorbei. Als ich aufgrund der Detonation der Handgranate mit meiner Fresse im Natostacheldraht von den lieben Kollegen des Nachbarstützpunkt landete, waren die Amis es, die mir das Leben und den Großteil meines Gesichtes gerettet hatten. Deswegen bin ich heute besonders hübsch anzuschauen.

Nach der Reha bin ich in die Nähe von meiner neuen Arbeitsstelle gezogen und wartete, dass endlich die Sommerferien vorbeigingen. Dass jemand, der früher die Schule so sehr hasste wie ich, sich mal darüber freuen könnte, dass die Sommerferien endlich vorbei waren, bringt mich tatsächlich sehr zum Grübeln.

Aber heute war es endlich soweit: Mein erster Schultag, ich komme.

Mein Bein tut mir weh, jeden Tag. Vor allem, wenn ich laufe. Warum habe ich Depp den Gehstock daheim gelassen? Nur keine Schwäche zeigen, dass haben sie uns schon in der Grundausbildung beigebracht. Jetzt stehe ich vor dem Tor, des ‚Herschiba Kimmelmann – Internat für schwer erziehbare Mädchen und Jungen‘.

Hm. Jungen. Mit Jungs hatte ich es auch selten. Egal. Auf dem Schild des Internats hatte einer mit roter Farbe aus dem K ein P gemacht und einen phantasmagorischen Überpenis auf das Schild gemalt. Ich zog mein Handy aus der Hosentasche und machte ein Foto.

Ein griesgrämiger Mann kam mir entgegen, mit einem Eimer mit Chemikalien und einem Schwamm. Er schimpfte über die Jugend heutzutage. Ich legte meine Keykarte auf den Sensor beim Einfahrtstor und das Tor öffnete sich.

Der Griesgram blickte im Vorbeigehen auf und grüßte mich: ‚Ah, der Neue!‘

‚Ja, der Neue! Einen wunderschönen guten Morgen!‘ sagte ich freundlich, aber ohne zu lächeln. Das habe ich mir abgewöhnt, weil immer wenn ich mein Gesicht zu einem Lächeln verziehe, verziehen meine Narben mein Gesicht zu einer gruseligen Fratze und das verschreckt die Meisten.

Er ging an mir vorbei, griff an seine Mütze und sagte dann zu mir, in einem leicht ostdeutschem Dialekt: ‚Sie sind ein Wenig dürr für den Knochenjob! Nicht, dass sie uns am ersten Tag noch zusammenklappen!‘

Sein Dialekt war kaum erkennbar, aber ich erkannte ihn sofort. Viele meiner Sportlerkollegen kamen nach der Wende in den Kader und waren wirklich eine starke Bereicherung für den Sport. Was nun diesen Mann hierher verschlagen hatte, würde ich noch rauskriegen, also antwortete ich freundlich: ‚Nein, keine Sorge, so schnell kriegt man mich nicht klein.‘

Den Hausmeister hätte ich mal erleben wollen, wenn um einen herum die Granaten einschlagen. Ich humpelte kopfschüttelnd die Einfahrt entlang, dachte darüber nach, dass ich tatsächlich ziemlich viel Gewicht verloren hatte. Mein Appetit war so gut wie gar nicht vorhanden und mein Arzt meinte, dass das ganz normal wäre, bei einer beginnenden Depression. Die Medikamente, die er mir verschrieben hatte, habe ich mit meinen Schmerzhämmern das Klo runtergespült und mein Rezept für CBD endlich eingelöst. Ich verdampfe nun das, was andere in den Knast bringt. Der einzige Nachteil, das Autofahren sollte ich sein lassen, aber dafür habe ich gezwungenermaßen mehr Bewegung, alles zusammen hat sich die Sache mit dem Appetit auch irgendwie gelöst. Grübelnd trat ich durch die nächste Tür. Das Piepsen des Türöffners ging mir schon auf den Sack und ich war noch nicht mal im Schulgebäude. Ich ging also durch die zweite Tür und kam mir schon vor wie im offenen Vollzug.

Ich war gerade einen Schritt in der Schule und da rannte auch schon ein Mädchen an mir vorbei. Sie heulte und sah ziemlich verängstigt aus. Wie ich heulende Frauen hasse. Ein Kerl kam um die Ecke gebogen, ein richtiger Schlägertyp.

Als er an mir vorbei rasen wollte, hielt ich ihn auf.

‚Was geht hier vor?‘ rief ich in meinem üblichen Ausbilderbefehlston. Der Typ zuckte zusammen und blickte mich entgeistert an. Ich war doch einen ganzen Tacken größer wie er. Zum Glück bin ich ein ganzes Stück gewachsen, seitdem ich das letzte Mal in der Schule war.

‚Hey, ich will mit meiner Freundin reden!‘ stammelte er.

‚Ich geb dir mal n Tipp. Wenn deine Freundin, aus welchem Grund auch immer, flennt und vor dir wegrennt. Dann ist das vielleicht der Grund, dass du ihr nicht nachlaufen solltest.‘ versuchte ich ihm zu erklären.

‚Ja, aber!‘ versuchte sich der Typ zu rechtfertigen. Und danke lieber Gott für dieses: ‚Ja, aber!‘

‚Nichts ja aber! Name und Klasse!‘ rief ich in meiner üblichen Art, ohne darüber nachzudenken, dass ich vielleicht meinen Ton zügeln sollte, wenn ich mit Kindern redete. Gut, der Typ sah nicht aus wie ein Kind und er konnte den harten Umgangston anscheinend gut gebrauchen.

‚Heino Müller, Klasse 10 b!‘ kam es wie aus der Pistole geschossen.

‚Heino Müller, Klasse 10 b, sehr schön!‘ sagte ich und notierte mir den Namen auf einem Notizblock, den ich aus meinem Hemdsärmel gezaubert hatte. Irgendwie gefiel es mir hier.

Ich ließ den verdutzten Jungen stehen, ging weiter und hoffte inständig, dass da hinten das Lehrerzimmer war. Um die Ecke kniete eine Frau bei dem Mädchen, das sich allen Anschein nach schon wieder halbwegs beruhigt hatte.

‚Ist dieser Heino Müller, Klasse 10b, dein Freund?‘ fragte ich und blickte auf meinen Block.

‚Nein!‘ krächzte sie.

‚Ja, aber er denkt das!‘ meinte die Frau, die bereits aufgestanden war und mir die Hand hinstreckte. ‚Ich bin Abby Miller, Deutsch, Englisch, Kunst und Erziehungskunde bei den Mädchen!‘

‚Oh, guten Tag, Herbert Kowalski, Lehrer Geschichte, Sozialkunde!‘

‚Ähm und Sport und Erziehungskunde bei den Jungen!‘ erklärte sie mir.

‚Bitte was?‘ stolperte aus meinem Mund. Ich muss leicht hysterisch geklungen haben, als ich das fragte, weil sie mich amüsiert anblickte.

‚Der Unterrichtsplan wurde gestern nochmal geändert. Der Sportlehrer der Jungen hat sich vor 3 Wochen erhängt, dann gab es einen kleinen Skandal und die Chefin ist suspendiert. Das Jungen und Mädcheninternat wurden zusammengelegt. Willkommen im Chaos.‘ rief sie wieder und lächelte mich herzlich an.

‚Gut, nun zu dir, Mädchen.‘ Die Kleine stand auf, wischte sich die Tränen vom Gesicht und zog den Rotz hoch, bevor sie mich neugierig anblickte. ‚Also, wenn du nicht jeden Tag hier heulend durch die Gänge laufen willst, dann solltest du ein Exempel statuieren und zwar vor allen Leuten. Aber keine Gewalt, irgendwas Irrationales. Küss den Klassen-Nerd oder die Klassen-Nerdin, oder beide, was dir in den Sinn steht.‘

‚Fräulein Miller, was ist denn mit Müller los, der ging grad freiwillig in seine Klasse und es ist grade Mal…!‘ Der weißhaarige Mann, der zu ihnen gesprochen hatte, blickte auf die Uhr. ‚Es ist grade Mal 7.20 Uhr!‘

‚Ähm, guten Morgen Herr Direktor, da müssen Sie den Kollegen Kowalski fragen!‘

‚Guten Morgen, Herr Direktor! Ich habe seinen Namen auf meinen Block geschrieben und ich gab ihm Beziehungstipps, Herr Direktor!‘ machte ich stolz Meldung.

‚Gut Herr Kowalski. Kommen Sie gleich mit in mein Büro!‘

Ich folgte ihm und das Mädchen lächelte schon wieder. Diese Frau Miller grinste uns hinterher.

‚Mein Name steht da auf dem Schild. Aber ich habe es nicht so mit den Förmlichkeiten. Ich habe diesen Schießjob übernommen, weil sie keinen Besseren gefunden haben. Unser Ziel ist es hier, alle irgendwie zu einem Abschluss zu verhelfen und zwar so, dass sie einen richtigen Job kriegen und dem Staat nicht weiter auf der Tasche liegen. Wir haben zu wenig Lehrer, keine Mittel und die neue Schulreform und der Skandal haben uns die wenig durchdachte Zusammenlegung beschert. Ich musste mein Lieblingsfach abgeben, mache aber nun die Hausaufgabenbetreuung. Wir müssen nun alle zusammenhalten!‘

‚Herr Direktor Walddorfer!‘ Las ich auf dem Schild. ‚Ich bin ein Wenig überfahren. Ich weiß nicht, ob Sie meine Akte gelesen haben, aber ich kann mit den Jungen keine Erziehungskunde und im Moment keinen Sport machen.‘ Ich tippte gegen mein kaputtes Bein.

‚Ich habe mir Ihre Akte letzte Nacht sogar mit ins Bett genommen, wirklich sehr spannend. Haben Sie sich schon mal überlegt ein Buch zu schreiben? Sie sind ein Held. Genauso jemanden brauchen wir hier!‘

‚Ich habe aufgrund meiner sexuellen Ausrichtung darum gebeten, keine Jungen unterrichten zu müssen und deswegen hab ich mich auch für die Halbtagsstelle für das Mädcheninternat beworben.‘

‚Machen Sie sich keine Sorge, so schnell kommen Sie nie wieder von Teilzeit auf Vollzeit. Es wird sich keiner beschweren und ich gehe davon aus, dass Sie Ihre Finger bei sich behalten können! Wir sind hier nicht auf einer katholischen Schule, Herr Kowalski!‘ meinte der Direktor, grinste blöd und blickte mich fragend an, obwohl sein Satz nicht als Frage zu verstehen war, eher als Feststellung. Und sein Humor ging völlig an mir vorbei.

Ich zog nur eine Augenbraue rauf und erklärte dann: ‚Ich war bei der Bundeswehr und ich weiß mich zu benehmen!‘

‚Sehr gut! Ich bin ein Freund von unkonventionellen Mitteln und wir versuchen die Kinder auf das Leben da draußen vorzubereiten. Und bei der Jugend heutzutage sind Sie richtiger als Sie jetzt vielleicht denken. Denn wenn Sie den Kindern nicht zu einem dicken Fell verhelfen können, dann weiß ich auch nicht weiter. Die meisten Eltern können sich nicht beschweren, weil sie selbst im Knast sitzen, tot oder ständig auf Geschäftsreise sind. Den Eltern sollte klar sein, dass es für ihre Kinder keine Alternativen mehr gibt. Entweder die Kids packen das hier, oder sie haben ein Leben zwischen Harz IV und Knast vor sich.‘

‚Aber ich kann im Moment noch keinen praktischen Sportunterricht machen.‘

‚Ja, deswegen haben wir unseren Werklehrer Lempke gebeten für die praktischen Übungen einzuspringen. Er hat im Sommer schon das Ferienprogramm mit den Schülern gestaltet. Er war in der DDR mal Meister im Zehnkampf.‘

‚Warum macht er dann nicht den Sport?‘

‚Weil er eigentlich unser Hausmeister ist!‘

‚Ich dachte er wäre der Werklehrer?‘

‚Ja, Werken, Aufsicht und Berufsvorbereitung darf er machen, aber er ist halt kein Pädagoge.‘

‚Das bin ich auch nicht!‘

‚Ja, aber Sie haben doch bei der Bundeswehr Bildungswissenschaften, Geschichte und Sport studiert und waren jahrelang Ausbilder. Mit dem Aufbaustudium sind Sie Lehrer. Sie haben nicht mal Probezeit. Der Staat mag Sie und ich will Ihnen eine Chance geben, wieder aufs Pferd zu steigen.‘

‚So lange Sie Ihren Kopf hinhalten!‘

Er nickte und hörte sich nun an, wie ein richtiger Lehrer: ‚Holen Sie sich ihre Unterlagen im Lehrerzimmer ab und dann treffen wir uns alle in der Aula. Ich habe eine Ansprache zu halten. Dann gehen Sie in ihre Klasse. Viel Vergnügen an ihrem ersten Tag!‘

Ich ging kopfschüttelnd aus der Tür und vor der Tür stand das Mädchen von vorhin. Sie hatte scheinbar auf mich gewartet.

‚Wollt mich noch für Ihre Hilfe bedanken!‘ krächzte sie wieder und dann rannte sie einfach weg.

Noch mehr kopfschüttelnd ging ich ins Lehrerzimmer, dass netterweise gleich gegenüber vom Rektorenzimmer war.

Als ich das Lehrerzimmer betrat, wurde ich von Standing Ovations begrüßt.

‚Willkommen im Bootcamp!‘ meinte ein älterer Herr und klopfte mir auf die Schulter.

Erstveröffentlicht: 02.07.2013

Fortsetzung folgt vielleicht…

 

WüstenRoadMovie

WüstenRoadMovie

Irgendwo im Nirgendwo, Tunesien

08.05.2013

nauders

Farid und Enzo saßen in einem Zelt an einem Tisch und spielten ein Spiel, so schien es zumindest. Auf dem Tisch lagen Karten, Geldscheine, Waffen, Gläser mit einer goldener Flüssigkeit, eine Flasche Dattelwein und Skorpione in umgedrehten Gläsern. Enzo war kaum wieder zu erkennen. Die Zeit in der Wüste hatte nicht nur sein Gesicht gezeichnet. Er sah schon fast wie ein Einheimischer aus, bis auf die Haare.

‚Enzo, mein Freund, du siehst langsam so aus wie Lawrence von Arabien!‘ meinte Farid. ‚Bis auf deine Augen!‘

‚Ich bin längst nicht so nett wie Lawrence von Arabien!‘ meinte Enzo, strich sich übers ausgebleichte Haar und zog einen Dolch. Er nahm einen Becher hoch und spießte den Skorpion auf, der rasch über den Tisch lief.

Von draußen kamen Geräusche durch die Zeltwand.

‚Vaffanculo, Stupido…!‘ rief eine bekannte Stimme.

Sie konnten die Geräusche einer Schlägerei hören und schon kam Giovanni durch den Zelteingang gestolpert. Zwei bewaffnete Männer von Farid stürzten ihm hinterher. Farid hatte eine Waffe gezogen und zielte auf den Jungen. Enzo hielt ihm blitzschnell das Messer mit dem Skorpion ins Gesicht und nahm ihm mit der anderen Hand die Waffe ab und bedrohte damit die Wachen.

‚Sie haben einen Taliban aus dir gemacht, Onkel!‘ meinte Giovanni und rappelte sich auf.

‚Dummes Kind, mich so zu erschrecken! Ich bin ein alter Mann, ich hab noch drei Monate zu leben!‘ rief Farid und griff sich ans Herz.

‚Sagt, der Mann, der 3 Jahre jünger ist als ich, schon seit einem halben Jahr!‘ meinte Enzo und gab den Wachen mit einer Handbewegung zu verstehen, dass sie sich verpissen konnten. Vorsichtig entließ er den Skorpion in ein leeres Glas und drehte es blitzschnell um.

‚Ach schickt deine Großmutter die Bomben nicht mehr mit der Post?‘ meinte Farid und trank den Dattelwein gleich aus der Flasche.

‚Es ist die Zeit gekommen, dass ich dir ein Angebot unterbreite, dass du nicht ablehnen kannst.‘ meinte Giovanni und grinste dann dreckig.

‚Mit Einem, der beim Manne liegt, mache ich keine Geschäfte!‘ spie Farid ihm förmlich vor die Füße. 

‚Sagt mir ein Mann, der heimlich Frauenschuhe trägt!‘ konterte Giovanni und wedelte dabei mit einem Foto, auf dem Farid eindeutig in Frauenkleidung zu sehen war. ‚Ich habe deinen Frauen schöne Abzüge geschickt, Farid! Wenn ich du wäre, würde ich schnell heim fahren zu deinen lieben Frauen. In diesem Land kann man ja nie wiesen, wann die Post ankommt!‘

‚Du bist ein grausamer Bengel!‘ zischte Farid und blickte sich hastig im Zelt um. ‚Maschallah!‘

Enzo grinste bis über beide Ohren, doch Giovanni blickte sehr skeptisch drein. ‚Wir sollten uns lieber beeilen, ich hab nen Jeep geklaut und die Barkasse wird im Hafen nicht ewig warten!‘

Farid lief wie ein aufgeschrecktes Huhn durchs Zelt, packte seinen Seesack und wollte das Zelt verlassen.

‚Halt, Farid mein Freund!‘ flüsterte Enzo.

Farid hielt inne und blickte ihn schnippisch an: ‚Was ist nun noch?‘

‚Die Schuhe!‘

‚Nein, Sahib. Tut mir das nicht an. Das ist alles was ich noch habe!‘

‚Deswegen schickt dir die Nonna die hier!‘ meinte Giovanni und hob ein paar ausgelatschte, aber wunderschöne schwarze Damenschuhe.

‚Die passen viel besser zu deinem Kopftuch, Farid.‘ rief Enzo.

‚Darf ich dran riechen?‘ wimmerte Farid sehnsüchtig.

‚Gib uns die anderen Schuhe und dann kannst du machen was du willst damit.meinte Giovanni ziemlich angewidert.

Wenig später saßen Enzo und Giovanni im Jeep und Enzo hetzte den Wagen Richtung Küste und Giovanni hatte Blumes Schuhe auf seinem Schoss liegen und beäugte sie scheel.

‚Was is’n das für eine Barkasse?‘ fragte Enzo. 

‚Ach, der Schwager vom Pepe hat da so ein paar kleine Fischerboote.‘ rief Giovanni fast beiläufig.

‚Du bist schon ein Hund!‘ 

‚Die Nonna sagt immer, doppelt genäht hält besser. Der Schwager vom Pepe hat auch unsere Cruise Missile an Bord.‘

‚Was zur Hölle ist das für ein Boot, wenn da die Abschussvorrichtung von einer Cruise Missile drauf passt.‘

‚Es ist ja nur eine Kleine… eine kleine Yacht!‘

‚Sag mal, was meinte Farid mit: Einer, der beim Manne liegt?‘

‚Genau dass, was die Wörter bedeuten!‘ meinte Giovanni und spreizte den kleinen Finger von seiner Hand ab.

‚Aha, und was sagt da die Nonna dazu?‘ fragte Enzo und zog eine Augenbraue hoch. 

‚Sie ignoriert es gekonnt!‘

‚Ist Blume noch in der Casa di Nonna?‘

Giovanni blickte auf sein Handy und zählte dann etwas mit den Fingern ab. ‚Vielleicht sollten wir gleich nach Trapani…!‘

‚Was wollen wir in Trapani?‘

‚Es ist wahrscheinlich der falsche Zeitpunkt es dir zu sagen, aber es ist auch der Grund, warum ich so überstürzt gekommen bin.‘

Enzo machte eine Vollbremsung und blickte seinen Neffen entgeistert an.

‚Bis wir wieder auf Sizilien sind, wird Blume schon im Krankenhaus sein.‘

Enzo packte Giovanni am Kragen und rüttelte ihn, brachte aber keinen Ton heraus.

‚Mann, Onkel! Du hast sie angebumst und die Nonna hat ihre Tasche fürs Krankenhaus schon gepackt.‘

Enzo ließ ihn los, so dass Giovanni in den Sitz zurück fiel und zählte ebenfalls an den Finger etwas ab.

Giovanni war ausgestiegen, zog einen Flachmann aus der Hosentasche und kam an die Beifahrertür. ‚Da trink und rutsch rüber, ich fahr besser weiter!‘

Enzo sagte kein Wort, bis der den Flachmann vollends geleert hatte. Vor ihnen tauchte bereits die Küste auf, als er endlich wieder einen Ton heraus brachte. ‚Aber ihr geht’s sonst schon gut, oder?‘

‚Naja, wie man’s nimmt. Ihre Stimmung ist halt ganz schön scheiße und sie isst nicht genug, sagt die Nonna.‘

‚Und das Baby?‘

Er zog einen schwarzen Zettel aus der Hemdtasche und gab ihn Enzo. ‚Ganz der Papa würd ich mal sagen. Sie will ihn Bambi nennen.‘

Enzo sah auf den Zettel und erblickte ein Ultraschallbild und mit viel Fantasie erkannte man ein menschliches Wesen auf dem Bild.

‚Ich glaub ich muss kotzen!‘ stotterte Enzo.

‚Das Kind muss von dir sein, dass muss ich mir schon seit guten neun Monaten von Blume anhören!‘

Weiter geht es im Alpenroadmovie – Sicilian Standoff – Manchmal kommt es anders und vor allem als man denkt!

 

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