Ein Knopf kommt selten allein… Teil 3

Ein Knopf kommt selten allein… Teil 3

OLYMPUS DIGITAL CAMERA‘Heureka!’ rief Sonja hocherfreut. ‘Frauen 1 : Technik 0!’

Tommi kam mit Tich ins Büro und meinte: ‘Das Internetpasswort ist also Heureka1905?’

‘Jetzt macht er mir wirklich Angst!’ rief Hermine erschrocken.

‘Jetzt erst!’ meinten Sonja und Tommi wie aus einem Mund und dann lachten sie herzlich. Hermine brauchte noch einen Moment, bis sie ebenfalls lachte.

‘Tschuldigung, wenn ich das jetzt sage, mein Vater meinte, du wärst von Gott gewollt und… ähm… !’ sie schluckte schwer, wand ihren Blick ab, bevor sie rot anlaufen konnte und redete nicht weiter.

‘Und jetzt wunderst du dich, dass du keinen sabbernden Trottel vor dir hast.’ meinte Tommi, schnitt ihr eine Grimasse, blickte sie dabei aber nicht an.

‘Tommi bitte!’ ermahnte ihn Sonja und dann fuhr sie fort. ‘Also sagen wir mal so, es kommt immer auf die äußeren Einflüsse an und wie er so drauf ist, aber ich bin auch positiv überrascht, dass es bis jetzt ziemlich gut läuft, gell Tommi!’

‘Gell Tich, es läuft ziemlich gut mit uns, gell braver Hund!’ meinte Tommi. ‘Deswegen reden wir auch in der dritten Person über dich, obwohl du anwesend bist.’

‘Manchmal glaub ich wirklich, dass du doch Tourrette hast.’ rief sie schnippisch.

‘Das ist medizinisch eigentlich ziemlich unmöglich, weil dann müssten bei mir bis zu meinem 21 Lebensjahr mindestens ein vokaler und mindestens zwei motorische Ticks diagnostiziert werden. Nachdem ich mittlerweile unfallfrei mit Messer und Gabel essen kann, fällt das Tourette Syndrom leider aus und mein übersteuerter Hang zum Sarkasmus ist nicht gesundheitsschädlich.’ meinte Tommi wieder in seinem Klugscheißermodus und blickte dabei in die Ferne.

‘Bei der Dorfjugend hier könnte Sarkasmus schon gesundheitsschädlich sein, sofern sie es raffen, dass sie verarscht werden…!’ meinte Hermine.

‘Ja, Tommi. Ich möchte nicht, dass du dich mit der Dorfjugend anlegst. Es kann keiner was dafür, dass dein IQ doppelt so hoch ist wie meiner und meiner ist schon echt hoch.’

‘Liebe Schwester, ich bin total froh, dass du obwohl du blond bist, gleichzeitig über die Straße gehen kannst, mit dem Handy telefonieren, atmen und trotzdem die Handtasche zu hause vergessen kannst, aber zum Glück nicht jedes Mal überfahren wirst, wenn du gestresst bist.’ meinte Tommi ziemlich schnippisch, blickte sie dabei aber nicht an.

‘Jetzt vermisse ich meinen Bruder!’ meinte Hermine.

‘Du hast nen Bruder, davon hat mir dein Vater gar nichts erzählt.’ fragte Sonja.

‘Der ist überm Sommer auf ner Alm!’

‘Ui toll, können wir den besuchen, die bayrische Almwirtschaft muss man am eigenen Leib erfahren, sonst versteht man das nicht richtig!’ meinte Tommi ziemlich aufgeregt.

‘Ach bestimmt, aber erstmal schauen wir uns den alten Kasten an, okay! Und bevor wir auf die Alm fahren, musst du melken lernen, kannst mir morgen früh um 6 gleich mal helfen!’ meinte Hermine schlagfertig, dann fuhr sie fort: ‘Also, das Büro ist immer zugesperrt, wegen den Touristen und mit ihrem Generalschlüssel können Sie durch jede Tür mit nem modernen Schloss. Alle anderen Türen mit den historischen Schlössern kann man mit einem rostigen Nagel oder einer Nagelfeile öffnen.’

Sie ging aus dem Zimmer und sie schlossen die Tür zum Büro. ‘Hier im Gang ist die Kasse vom Museum und die öffentlichen Toiletten. Also nicht wundern, wenn hier wildfremde Leute einfach zum Pinkeln gehen.’

‘Deshalb die Alarmanlage?’

‘Ja, und Abends immer zu sperren, nicht dass der halbe Vogelschutzbund und Anglerverein hier ein und aus geht.’

Tommi lief den beiden Damen gelangweilt hinterher.

‘Ich empfehle euch beiden, die Führung morgen mitzumachen, dann spar ich mir den historischen Hintergrund von allen Möbelstücken hier. Mit der Schlüsselkarte kommen Sie auch in den gesicherten Bereich des Museums, nur für den Fall, dass Sie sich heute Nacht den Hosenknopf von Casanova ansehen wollen.’

Tommi grinste sie an, weil er den Sarkasmus in ihrer Ansprache wahrlich genoss.

‘Jeden Mittwoch kommt Herr Dr. Watzlaf Dalek, ein Historiker vom hiesigen Heimatverein. Der macht hier die Recherchen und einmal im Monat entscheidet der Museumsrat, über den Erwerb neuer Stücke.’

‘Wer ist alles im Museumsrat?’ fragte Sonja neugierig.

‘Also mein Vater, meine Mutter, der Bürgermeister, der Vorstand vom Heimatverein, der Vorstand des Kunstvereins, ein Vertreter der Knopfmacherzunft, der Dr. Dalek und Sie und Tommi wenn er volljährig ist und ich, wenn ich volljährig bin oder mein Bruder wenn er mal da ist und die Frau von Waldbuch, die lässt sich aber immer entschuldigen.’

‘Okay und was hat der Museumsrat zu sagen?’

‘Eigentlich nichts, aber der Herr von Waldbuch hat immer eng mit der Gemeinde zusammengearbeitet. Der Pfarrer darf zu den hohen Feiertagen in der Kapelle seine Messe lesen, der Kunst- und Fotoverein darf hier Kurse geben. Der Heimatverein, der Reit- und Fahrverein und die Zunft der Knopfmacher machen hier auch ein paar Veranstaltungen’

‘Hier ist ja dann immer was los?’

‘Ja, es ist auf Dauer ziemlich zum Kotzen: Suche Einsteins Hosenknopf zu Ostern, Tanz in den Mai, die alljährliche Knopfmesse, die Jahreshauptversammlung der Zunft der Knopfmacher, der Handwerkermarkt, der Weihnachtsmarkt, die Gartentage, das Weinfest, das Erntedankfest, den Debütantinnenball der höheren Gesellschaft von Waldbuch und das Sommerfest des Reit und Fahrvereins, ach und den Mittelaltermarkt und das Sonnwendfeuer und ich hab bestimmt irgendwas vergessen.’ meinte Hermine.

Sie war an der großen Treppe am Ende der Eingangshalle angekommen.

‘Halloween ist hier nichts los?’ fragte diesmal Tommi.

‘Zu Allerheiligen gehen wir nur auf den Friedhof, wieso?’

‘Da ist hier eine ziemlich langweilige Halloweenparty!’ grinste Tommi, blickte Hermine aber wieder dabei nicht an.

‘Ja, ich hab am 31. und Tommi hat am 1.11 Geburtstag, wenn du kommst sind wir schon zu dritt.’ meinte Sonja.

‘Mit Tich sind wir sogar vier!’

‘Wenn ich noch meine Freundin Jenni mitbringen darf, ist es ja schon fast ne Party!’

‘Gehen wir mal rauf, also bei der großen Führung sind die ersten paar Zimmer bis zur Waffenkammer Bestandteil der Führung, also wäre es sinnvoll, wenn ihr euch in dem hinteren Bereich des Hauses niederlasst. Da hinten ist auch das Bad.’

‘Hier vorne ist die Bibliothek, das Herrenzimmer, der Speisesaal, ein paar historische Schlafgemächer, die Waffenkammer und das gruselige Spielzimmer von Jonathan von Waldbuch. Das Ankleidezimmer von Gwendoline von Waldbuch. Man munkelt, dass sie sich hier immer mit dem Stallknecht vergnügt haben soll. Als sie dann im Kindsbett gar plötzlich und unerwartet durch einen Dolch im Herzen verstarb, stürzte sich der Stallknecht von der höchsten Zinne. Der Hubertus der I. von Waldbuch nahm den Jungen als sein Eigenes an, obwohl jeder sehen konnte, dass der schwarzhaarige Bengel nicht von ihm war.’ rezitierte Hermine und blieb vor eine paar Gemälden stehen, die einen blond gelockten Mann und eine rothaarige Frau zeigten. Daneben war ein junger Mann mit schwarzen, glatten Haar zu sehen, der Tommi zum Verwechseln ähnlich sah.

‘Gibts ein Bild von diesem Stallknecht?’ fragte Sonja.

‘Böse Zungen behaupten, dass das große Reiterbild im Speisesaal den Stallknecht und die Freifrau von Waldbuch bei einem Ausritt zeigt. Die Familienähnlichkeit ist wirklich erschreckend.’ meinte Hermine und zeigte auf das Bild des jungen Mannes und starrte dabei Tommi an.

‘Dann werde ich mich zu Halloween als Stallknecht verkleiden!’ grinste Tommi und konnte dabei den Blick nicht vom Gemälde des jungen Jonathan von Waldbuch wenden.

‘Das könnt ihr euch morgen ja noch genauer anschauen. So dann kommen wir zu dem eigentlichen Wohntrakt. Die Öfen in jedem Zimmer hier hinten sind im Winter lebensnotwendig. Der Kimmelmann zeigt euch dann, wie man die anheizt. Die Badezimmer allerdings sind mit der Heizung verbunden, also gibt es immer warmes Wasser.’

‘Die Badezimmer?’ fragten Tommi und Sonja wieder gleichzeitig.

‘Ja, jedes der Schlafzimmer ist mit einem voll ausgestatteten Badezimmer ausgerüstet. Beim Lieferanteneingang ist aber noch eine Dusche!’ Sie blieb vor einer Tür stehen und meinte: ‘Das wären die Schlafzimmer.’

‘Ich links, du rechts!’ rief Tommi und öffnete die gegenüberliegende Tür.

Ein Knopf kommt selten allein… Teil 2

Ein Knopf kommt selten allein… Teil 2

OLYMPUS DIGITAL CAMERA‘Los Tommi, lass uns reingehen. Die Frau Immerlinger hat uns was zu Essen in den Kühlschrank getan.’ rief Sonja und öffnete die alte, große Holztür, die zur Begrüßung ein markerschütterndes Knarzen von sich gab.

‘Kann Tich auch mit essen?’ fragte Tommi.

‘Ich glaube Tich gehört jetzt uns, zumindest steht sein Essen auch in der Küche!’

‘Au ja, Tich hörst du, du gehörst jetzt uns.’ meinte Tommi und lief los.

‘Nimm deine Giraffe mit und deine Sachen!’ rief Sonja und blickte zu der Giraffe hinüber.

‘Och, Menno!’ rief Tommi, machte auf dem Absatz kehrt und starkste zu seinen Sachen zurück.

Also ging sie alleine hinein, um sich umzusehen. Sie trat in die langgezogene Eingangshalle und staunte nicht schlecht. Die Zwischentüren der Eingangshalle standen sperrangelweit auf. Am anderen Ende dominierte eine gigantische Treppe den zweigeteilten Raum. Links ging es ins Museum und zu den Besuchertoiletten und rechts ging es in die Hauswirtschaftsräume.  

Wenig später rannte Tommi mit dem Dackel im Schlepptau an ihr vorbei die Eingangshalle entlang. Er ließ seine Sachen am Treppenabsatz liegen, packte Tich und lief mit dem Dackel im Arm die Stufen hinauf, um wenig später aufgeregt zu rufen: ‘Und das ist mein Zimmer!’

Der Hund bellte aufgeregt. Sie ließ ihre Taschen sinken und lief hinter ihm die Stufen hinauf. Die historische Einrichtung schien ihr zuzuflüstern, als sie vorbeilief.

‘Nein, ich nehm das Zimmer!’ rief Tommi wieder. ‘Nein, dass! Ich kann mich nicht entscheiden.’

‘Tommi, wo steckst du?’ rief sie in den endlosen Korridor hinein, der vor ihr lag. Die Bilder längst verstorbener Ahnen blickten sie an. Einige Türen standen offen. Als sie weiterlief kam sie sich merkwürdig beobachtet vor.

Der Hund kam ihr entgegen und führte sie zu ihrem Bruder. Und schon stürmte ihr Bruder aus einem der Räume und schrie vor Aufregung: ‘Sonni, kann ich in dem Zimmer bleiben?’

Sie betrat die Waffenkammer und meinte: ‘Du kannst jedes Zimmer haben, nur nicht das? Die Waffen sind kein Spielzeug für dich!’

‘Och, Menno?’

‘Ich mach dir einen Vorschlag, wir suchen uns zwei Zimmer, die gegenüberliegen, irgendwo da vorne, oder in der Nähe vom Badezimmer. Und wenn es uns nicht gefällt, dann arbeiten wir uns ab morgen von Zimmer zu Zimmer. Okay!’

‘Okay, ich links, du rechts!’

‘Okay, lass uns erstmal die Küche durchsuchen, ich glaub Tich hat Hunger!’

‘Ich hab auch Hunger!’

‘Na dann, ab in die Küche!’ rief Sonja wieder und ging wieder den Korridor entlang, diesmal starrte sie die Ahnenbilder zuerst an, kam sich aber immer noch beobachtet vor.

Nach einem opulenten Mahl, klopfte es an der Tür und ein junges Mädchen trat in die Küche: ‘Guten Abend, mein Vater schickt mich. Ich bin die Hermine!’

Tommi kaute noch an den letzten Bissen seines Essens und blickte scheel zu dem Mädchen hinüber.

‘Ah Hermine, sehr schön! Du kannst mir doch bestimmt sagen, wo der Dosenöffner für das Hundefutter ist?’ rief Sonja, die soeben eine Dose aus dem Hundefutterschrank genommen hatte.

‘Hier, aber bevor Sie die Dosen öffnen, sollten Sie die anderen Hunde auch reinlassen.’ meinte Hermine, nachdem sie auf den Schrank mit dem Dosenfutter gezeigt hatte und ging wieder zur Tür.

‘Au ja, Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick uuuuuund Tich!’ rief Tommi. ‘Jeder hat einen eigenen Napf, du musst jeden füllen, sonst essen die Großen dem Tich alles weg!’

‘Genau, woher weißt du das?’ fragte Hermine.

‘Die Näpfe stehen da auf den Boden und irgendein schlauer Mensch hat die Namen auf die Näpfe geschrieben und nach dem der Dackel ziemlich abgemagert zu sein scheint, ist es naheliegend, dass er zu wenig zu essen abbekommt!’ meinte Tommi in seinem Klugscheißermodus.

Sonja zog eine Augenbraue hoch, machte ein ungeduldiges Geräusch und meinte in einem ruhigen Ton: ‘Tommi, meinst du nicht, dass du dich zuerst vorstellen solltest, bevor du mit dem Korinthenkacken anfängst.’

Sonja hatte mittlerweile den Hundefutterschrank nochmal inspiziert und hatte dann auch den Dosenöffner gefunden.

‘Ist schon gut, Frau Weißmüller!’ meinte Hermine. ‘Er hat ja recht! Wir schaffen es kaum, uns um alle Hunde zu kümmern. Ich füttere auch noch die Schafe, Hühner und Ziegen, bevor ich in die Schule gehe. Und nach der Schule hol ich die Pferde von der Koppel und kümmer mich um sie. Zum Glück sind jetzt Ferien.’

‘Ich kann mich um die Hunde kümmern!’ meinte Tommi, stand auf und ging zu dem Schrank mit dem Hundefutter, um hineinzublicken.

Hermine meinte noch, bevor sie die Küchentüre öffnete: ‘Vielleicht kriegst du sie dazu sich ordentlich aufzuführen, wenn es Futter gibt?’

Vier riesige Hunde, die unterschiedlicher nicht sein konnten, kamen in die Küche gelaufen und Tommi hob nur die Hand und meinte: ‘Sitz!’

Alle Hunde machten Sitz und blickten ihn gespannt an.

‘Jetzt bin ich aber baff!’ meinte Hermine. ‘Dann lass uns die Meute füttern. Also abends bekommen sie einen halben Napf von dem Trockenfutter und jeweils eine halbe Dose von dem Hundefutter hier.’ meinte sie und wies auf die großen Dosen. ‘Morgens auch nochmal die selbe Menge füttern. Tich bekommt von den kleinen Dosen und den Kleinen kann man Mittags nochmal füttern, bis er wieder ein Bisschen zugelegt hat. Die Großen kriegen keine Leckerli, außer sie machen wirklich mal was richtig.’

‘Ich nehme an, dass die Größe der Näpfe nach dem täglichen Bedarf der Hunde gewählt wurden.’ fragte Tommi und füllte die Näpfe mit dem Trockenfutter. Sonja hatte bereits zwei Dosen geöffnet.

‘Ja, du kennst dich aber aus!’ meinte Hermine.

‘Ich lese viel!’ meinte Tommi und grinste seine Schwester blöde an.

‘Er surft den ganzen Tag im Internet und ist manchmal einfach nur ein unglaublicher Klugscheißer!’ meinte Sonja und reichte ihm die Dosen.

‘Ja, mit dem Internet haben wir hier manchmal so ein Problem, aber wir haben eine ziemlich große Bibliothek! Genauer gesagt ist es jetzt eh deine Bibliothek!’ berichtete Hermine und zeigte dann auf Tommi.

‘Was gibt es für ein Problem mit dem Internet?’ fragte Sonja erschrocken.

‘Also hier im Büro ist ein ziemlich veralteter Anschluss, der außerdem irgendwie immer aus ist, der Herr von Waldbuch hat alle zwei Tage das Internetpasswort geändert! Das W-Lan hat ungefähr keine Reichweite und mein Vater weigert sich einen zweiten Anschluss zu machen. Dabei meint der Kimmelmann, dass das heutzutage alles kein Problem ist.’

‘Der Herr Kimmelmann?’

‘Iganz Kimmelmann, KFZ – Werkstatt und Lohnarbeiter!’ meinte Tommi eher beiläufig, als er mit dem Füllen der Näpfe soweit fertig war. Grinsend flüsterte er den Hunden etwas Unverständliches zu. Die Hunde gingen zu ihren Näpfen und fraßen dann ziemlich gesittet.

‘Kimmelmann ist der Hausmeister hier!’ meinte Hermine. ‘Mein Vater zeigt Ihnen morgen früh um 8 das Büro und den restlichen Papierkram! Meine Mutter kommt morgen um 09.30 und zeigt Ihnen das Museum, ich glaub um 10.30 kommt dann ein Bus vom Ferienprogramm!’

Sonja blickte auf ihr Handy und meinte: ‘Boa und Netz hat’s hier aber auch nicht!’ Dann lief sie wie ein Wünschelrutengänger durch die Küche auf der Suche nach Netz.

‘Ja, das ist echt ein Drama hier!’ meinte Hermine. ‘Draußen bei der Kapelle ist es ganz gut, ansonsten bleibt nur das Festnetz.’

‘Dann machen wir das Internet jetzt mal an und ich red morgen mal mit dem Hausmeister, was man da alles machen kann, weil wenn mein Handy kein Internet hat, bin ich ungefähr so stressig wie mein Bruder, wenn sein Tablet kein Internet hat.’

‘Du hast ein Tablet?’ fragte Hermine Tommi.

Er nickte nur, grinste saublöd und blickte weiter unverwandt auf die Hunde.

‘Tommi räumst du noch deinen Teller in die Spülmaschine, wir gehen schon mal ins Büro.’

‘Nur, wenn ich das Internetpasswort bekomme!’ meinte er gelangweilt.

‘Die großen Hunde müssen nach der Fütterung wieder raus!’ meinte Hermine noch, bevor sie von Sonja zur Tür geschleift wurde.

Er grinste ihnen hinterher und meinte dann zu den Hunden: ‘Weiber!‘

Ein Knopf kommt selten allein… Teil 1

Ein Knopf kommt selten allein… Teil 1

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Der Hausverwalter stand neben einer Aktentasche am Straßenrand und lotste einen ziemlich alten und klapprigen Wagen in eine Einfahrt. Sein grüner Jeep stand auf einem Parkplatz und genau daneben sollte die junge Dame, die am Steuer saß, ihre Rostlaube abstellen.

Der Auspuff gab ein Knallen von sich und eine riesige bläuliche Rauchwolke stieg in den Himmel, bevor sie den Wagen eher mit Gewalt abwürgte.

Hastig stieg sie aus und begrüßte den Hausverwalter: ‚Herr Immerlinger, danke dass Sie auf uns gewartet haben.‘

‚Das ist ja kein Problem, wir laufen hier ja nicht weg, Frau Weißmüller!‘ meinte der Hausverwalter und streckte ihr die Hand hin.

‚Weiß-Müller, Frau Sonja Weiß-Müller!‘ meinte sie und nahm seine Hand und schüttelte sie zaghaft. ‚Ihre Mitteilung hat mich sehr überrascht, bestürzt und irgendwie gefreut. Es ist sehr freundlich von Ihnen, dass wir die ganzen Sommerferien hier verbringen dürfen. Ein bisschen Ruhe wird uns wahrhaft gut tun.‘

‚Ferien, ähm, ich glaube wir haben uns da missverstanden, ich dachte Sie und Ihr Bruder ziehen hier ein!‘ rief der Hausverwalter und blickte sich neugierig um. Er schien etwas oder jemanden zu suchen.

‚Ähm, wie bitte?‘ rief sie echauffiert.

‚Das Anwesen gehört zu der historischen Knopfsammlung und ich und meine Frau werden ja auch nicht jünger. Ihr Onkel, Gott hab ihn selig, hat gehofft, dass Sie dass hier alles übernehmen würden, als er Sie endlich gefunden hatte.‘

‚Jetzt überfahren Sie mich aber, Herr Immerlinger!‘

‚Haben Sie denn bei der Testamentseröffnung nicht gescheit aufgepasst?‘

‚Nein, tut mir leid. Ich war von den Wutausbrüchen meiner Tante ziemlich abgelenkt und Tommi, Sie wissen schon.‘ meinte sie und drehte sich zum Wagen um, in dem ein junger Mann saß und mit geöffneten Mund an der Scheibe klebte und seltsame Grimassen hinter der Scheibe machte und gleichzeitig mit der Zunge über die Scheibe leckte.

‚Mensch, Tommi. Mach kein Scheiß und benimm dich.‘ rief sie ungehalten und machte die Tür des Wagens auf und Tommi fiel halb heraus, blieb jedoch an dem Gurt hängen, bevor sein Körper den Boden berühren konnte. Nur seine Zunge berührte für einen kurzen Moment den Dreck auf dem Boden.

‚Tut mir leid Herr Immerlinger, Tommi ist ziemlich aufgeregt.‘ meinte sie zu dem Hausverwalter und zerrte gleichzeitig an ihrem Bruder, der angewidert die Zunge aus dem Mund streckte und ein blubberndes ‚Bääääh!‘ von sich gab.

‚Kein Problem, der Sohn meiner Schwägerin ist auch von Gott gewollt!‘ rief der Hausverwalter und humpelte zum Kofferraum.

‚Ähm, ja.‘ meinte sie, stellte ihren Bruder auf beide Beine. ‚Wenn wir erst mal an der neuen Schule sind, dann wird das schon wieder.‘

‚Sie sind Lehrerin, gell?‘

‚Ja, Lehrerin für gottgewollte Kinder!‘ meinte sie ein bisschen schnippisch und meinte dann zu ihrem Bruder. ‚Los nimm deinen Rucksack und was du sonst noch zum Überleben brauchst.‘

‚Ja, Sonni!‘ meinte er freudig erregt, sprang wieder in den Wagen und fing an aufzuzählen, was er alles zum Überleben brauchte.

Sie ging auch zum Kofferraum: ‚Warten Sie, Herr Immerlinger, der geht recht schwer auf.‘

‚Der Kübel ist aber schon ganz schön alt.‘

‚Das ist das Einzigste was wir von unseren Eltern haben, ich brings nicht übers Herz ihn verschrotten zu lassen.‘

‚Einzige, Schwesterherz. Es heißt Einzige!‘ meinte Tommi, er hatte seinen Rucksack geschultert und eine Sporttasche in der Hand. Unter seinem Arm hatte er eine Stoffgiraffe und in der Hand hatte er eine ‚Bob der Baumeister‘-Trinkflasche.

‚Der Hausmeister kann ihn sich ja mal anschauen, der betreibt eine kleine Hobbywerkstatt hier unten im Wirtschaftsgebäude.‘ meinte der Hausverwalter, schnappte sich eine der Taschen und humpelte ein paar Schritte vom Auto weg.

Sie packte sie ebenfalls ein paar Taschen und meinte. ‚Das wäre spitze, wenn wir hier tatsächlich einziehen sollen, dann müsste ich baldigst meine Sachen holen, bevor mein Exmann sie bei Ebay verscherbelt.‘

‚Da hat der selige Herr von Waldbuch eine wahrlich gute Tat getan, euch beiden den alten Kasten zu vererben!‘ meinte der Hausverwalter humpelte an einer geschlossenen Schranke vorbei eine kleine Zufahrtsstraße hinauf. ‚Zuerst muss der Hausmeister aber die Schranke reparieren!‘

Die beiden Geschwister folgten ihm und blickten auf das riesige Haus, dass sich vor ihnen auftat.

Während Tommi mit offenem Mund staunend mehrmals stehen bleiben musste, damit er alles in sich aufsaugen konnte, was alles Neues auf ihn zu kam, lief Sonja voraus.

Vor dem Haus blieb der Hausverwalter erst mal stehen und kramte nervös in seiner Aktentasche: ‚Ich weiß gar nicht wo ich anfangen soll.‘

‚Vielleicht wollen Sie uns ein paar Fragen beantworten, bevor wir hineingehen?‘ meinte sie und setze sich auf eine Bank neben dem Haus, während Tommi immer noch auf dem Weg war, er blieb immer mal wieder stehen und staunte.

Der Hausverwalter setzte sich mit einem Seufzer neben sie, legte seine Aktentasche auf den kleinen Tisch und blickte sie fragend an.

‚Ich bin ein wenig überfahren von allem hier… ich verstehe langsam warum unsere Tante nicht mit uns reden will. Obwohl ich verstehe nicht ganz, warum sie gleich so zornig war, sie hat doch alles andere geerbt, oder etwa nicht?‘

‚Wenn man alles hat, vergönnt man dem Rest der Welt noch viel weniger. Wir sind alle heilfroh, dass der Notar jegliche Anfechtung des Testaments abgewiegelt hat, weil sonst wären wir hier alle arbeits- und auch obdachlos.‘

‚Ich verstehe nicht?‘

‚Die Frau von Waldbuch wollte uns alle rausschmeißen und ein Wellnesshotel draus machen!‘

‚Nein, ernsthaft?‘

‚Ja, aber laut Testament wurde uns allen der Arbeitsplatz zugesichert und das Wohnrecht auf Lebenszeit. Mir das Jagdrecht und dem Hausmeister die Obhut über die Werkstatt.‘

‚Sie wohnen alle hier auf dem Gelände?‘

‚Ja, also da unten in dem kleinen Austragshäusl neben der Kapelle da wohnt der Hausmeister, die Werkstatt ist in dem langen Wirtschaftsgebäude dort unten. Dahinter sind die Stallungen. Und da hinten ist noch ein Haus und da wohne ich mit meiner Familie.‘

‚Gut zu wissen für den Notfall!‘

‚Also nicht erschrecken, hier auf dem Gelände sind ein paar Hunde, die passen auf alles auf. Die Großen bleiben den ganzen Tag draußen und den Kleinen können Sie gerne haben, der verträgt sich nicht so gut mit unseren Katzen. Nachts haben wir eine Alarmanlage. Die schalten Sie ein, wenn Sie Nachts zu sperren, das ist der Code.‘ meinte er und legte ihr eine Codekarte hin und einen Zettel. ‚Also zusperren mit dem Schlüssel und die Codekarte durch den Kartenschlitz der Alarmanlage ziehen, wenn Sie den Alarmanlage auslösen sollten, Codekarte durchziehen und den neunstelligen Sicherheitscode eingeben, bevor der Sicherheitsdienst hier ist.‘

‚Oh, ja das krieg ich hin, glaub ich!‘

‚Ach, ich fang gleich mit der Alarmanlage an. Wir waren bei den Hunden stehen geblieben. Dave Dee, Dozy, Beaky und Mick heißen die Großen und die sind eigentlich ganz lieb, nur der Dackel von Herrn von Waldbuch ist ein Bisschen schwierig, er heißt….!‘

‚Tich!‘ rief Tommi aufgeregt und fuhr dann noch aufgeregter fort: ‚Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick & Tich!‘ und fing an Hold Tight zu trällern.

‚Ja, Tich!‘ meinte der Hausverwalter und wie auf Kommando kam ein kleiner Dackel um die Ecke des Gebäudes gelaufen und lief schnurstracks auf Tommi zu, der immer noch Hold Tight sang und mit seiner Giraffe im Hof herum tanzte.

Tommi hielt inne und meinte: ‚Tich!‘ Er hob den Finger: ‚Sitz!‘

Dann streckte er die Hand nach vorne: ‚Gib Pfote. Ganz ein Braver und Platz.‘ Der Hund machte tatsächlich alles das, was Tommi zu ihm sagte: ‚Und jetzt toter Hund.‘

Der Hund wälzte sich auf dem Boden und Tommi freute sich so sehr, dass er den Hund hochhob und mit ihm weiter tanzte. Seine Giraffe blieb wie bestellt und nicht abgeholt im Hof liegen.

‚Wenn der Mistköter bei mir mal so gut folgen würde, dann könnt ich ihn ja tatsächlich mal mit auf die Jagd nehmen.‘ meinte der Hausverwalter genervt.

‚Machen Sie sich keine Hoffnungen, der Junge hat ein gutes Händchen mit Tieren, manchmal denke ich, dass sie sich mit ihm besser verstehen, als jeder Mensch es je können würde.‘

‚Also, das Hundefutter ist in der Küche, meine Frau hat den Kühlschrank voll gemacht, damit Sie die nächsten Tage nicht verhungern, ich schicke Ihnen meine Tochter Hermine nach dem Abendessen vorbei, die zeigt euch alles.‘

‚Morgen ist das Museum von 10 bis 16 Uhr geöffnet, meine Frau kommt dann rüber und macht auf und bevor ich es vergesse, hier ist die Kreditkarte vom Haushaltskonto und die restlichen Bankunterlagen.‘ meinte der Hausverwalter und drückte ihr einen ziemlich dicken Ordner in die Hand, den er aus seiner Aktentasche gezaubert hatte. ‘Das Geld ist auf 5 Konten aufgeteilt. Eines ist eine Langzeitanlage für Notfälle. Eines ist für die Ausbildung und/oder medizinische Versorgung von Tommi. Eines ist aufgelöst worden und auf ihr Konto überwiesen worden. Eines ist das Konto, von dem unsere Gehälter bezahlt werden und eines ist eben das Haushaltskonto. Da haben wir alle eine Karte, darüber laufen alle Ein- und Ausgaben vom Museum, der Landwirtschaft und die Betriebskosten für den Hof. Der Gewinn am Ende des Jahres geht irgendwie auf ein Sparbuch, das auf ihren Namen lautet, das muss ich hier auch irgendwo haben. Der Notar kommt wegen ein paar Unterschriften die Woche mal vorbei und der Steuerberater hat sich auch angekündigt.’

Sonja stand auf, nahm den Ordner und das Sparbuch entgegen und meinte ganz nebenbei: ‘Jetzt weiß ich warum meine Bank schon die ganze Zeit versucht mich anzurufen.’

‘Der Notar hat extra so lange gewartet, bis die Scheidung durch ist, sonst wären wir schon viel früher auf Sie zugekommen.’

‘Das ist aber nett!’ meinte sie und blickte ins Sparbuch und musste sich wieder setzen. Fast panisch blickte sie nochmal auf ihren Namen und dann nochmal auf den Betrag. Sie hatte noch nie so eine lange Zahl gesehen in Verbindung mit ihrem Namen auf einem Konto, dass im Plus war. Dann zählte sie mit dem Finger nochmal die Stellen und ließ das Sparbuch sinken.

Ein Gong ertönte und Herr Immerlinger entschwand mit den Worten: ‘Meine Frau mag es gar nicht, wenn ich zu spät zum Essen komme!’

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