Drei und eine Axt – Teil 18

Eine Axtgeschichte – Drei und eine Axt – Teil 18

Von draußen konnte man das Pferd in der Höhle ein letztes Mal wiehern hören und dann wurde es still. Sehr still, bis die Frauen wieder mit ihrem Klagegesang anfingen.

Die Krieger brachten Holz und legten es an beiden Seiten der Höhle ab und stapelten es zu zwei Feuerstellen zusammen. Dann kam der Khan und seine Frau. Zwei Speere wurden mit einem Band verbunden und wurde jeweils vor den Feuern in den Boden gerammt. So entstand ein Tor, durch das zuerst Otar und Wena liefen. Beide waren am ganzen Körper mit Blutspritzern übersät. Der Khan trat vor sie und sie knieten sich hin. Mit einem Krug voll Milchschnaps übergoss er Beide und begrüßte sie in ihrer Mitte. Orsolya zückte einen Dolch und schnitt das untere Drittel von Otars Zopf ab und öffnete sogleich sein Haar. Auch Wena öffnete ihre Haare. Dann kamen die Kinder völlig verängstigt und blutig aus der Höhle, auch diese wurden mit dem Schnaps übergossen. Die beiden Frauen öffneten die Zöpfe der Kinder und nahmen sie liebevoll in die Arme. Die Kinder starten stumm vor sich hin.

Halef kam mit Vira aus der Höhle. Das Blut tropfte immer noch von ihm herab und Tränen hatten in seinem blutigen Gesicht saubere Streifen hinterlassen. Er schritt durch das Tor zum Khan, der auch Halef mit dem Schnaps übergoss. Orsolya schnitt ihm den Zopf ab und der Khan drückte Halef den Krug in die Hand und sprach: ‚Als Sippenoberhaupt ist es nun an dir…‘

Halef nahm den Krug und während er sprach, drückte er dem Khan die Hand seiner Mutter in die Hand, er übergoss ihre Hände mit dem Schnaps, wären Orsolya ihr die Zöpfe öffnete.

‚Mein Khan, als Sippenoberhaupt dieser Familie bitte ich Euch zu bezeugen, dass ich die Hand meiner Mutter freigebe. Mein Herz und meine Hand haben die Götter zu den bernsteinfarbenen Augen dieser jungen Schönheit geführt und mehr vermag meine Liebe nicht.‘ Er ging nun zu Lamina hinüber, um sich vor ihre Füße zu knien und ihr die Füße mit dem Schnaps zu übergießen und ihr seinen Geburtsritusknochen vor die Füße zu legen.

‚Ich will gerne Euer Zeuge sein, aber gibt es jemanden, den ich in die Hand deiner Mutter versprechen kann?‘ rief der Khan und drehte sich zu den Anderen um.

Ainur stürzte auf die Knie, blickte gen Himmel, erhob die Arme und spie ein Dankgebet hervor.

‚Mein Herz und meine Hand gebe ich für diese Frau.‘ rief er laut und machte Anstalten auszustehen, doch der Khan war schon bei ihm angekommen und blickte ihn ernst an. Halef war aufgestanden und lies die völlig verwirrte Lamina einfach stehen.

‚Schmied schwöre, dass du die Sitten unserer Ahnen ehrst und ihre Seele nach ihrem Tod für ihre Pflichten im Jenseits freigibst.‘

Halef wusch Ainur die Hände.

‚Ich schwöre!‘ rief Ainur und der Khan legte Viras Hand in die von Ainur und Halef goss den Rest des Inhalts über ihre Hände.

Dann zückte Halef einen Dolch, ritzte sich in die Hand. ‚Bei meinem Blut segne ich diese Verbindung.‘ Er träufelte sein Blut über die verschlungen Hände seiner Mutter und Ainur.

Orsolya schritt an ihnen vorbei und murmelte zu ihrem Mann: ‚Die Trauerzeit!‘

Der Khan murmelte ungehalten etwas Unverständliches in sich hinein und räusperte sich: ‚Es ist dir nicht erlaubt sie innerhalb der Trauerzeit…‘ Er räusperte sich wieder und wurde von der puren Anwesenheit der weißen Hexe unterbrochen. Sie war blutüberströmt aus der Höhle getreten, blieb zwischen den beiden Feuern stehen und schrie wieder. Dann brach sie zusammen. Ihr Körper bäumte sich auf und sie zitterte am ganzen Körper und wälzte sich über den Boden.

Kejnen, der sie Szenerie gespannt verfolgt hatte, löste sich aus den Reihen und humpelte in Richtung Ziska. Als er bei ihr ankam, lief ihr blutiger Schaum aus dem Mund und röchelte nur noch. Der Khan und seine Frau drehten sich um, ließen sich einen weiteren vollen Krug geben und eilten Kejnen hinterher.

Die völlig verdutzte Lamina stand immer noch mit offenen Mund da und starrte abwechslungsweise auf Halef und auf den verzierten Unterschenkelknochen eines Schafes, der immer noch vor ihren Füßen lag. Vira und Ainur waren sich mittlerweile in die Arme gestürzt und küssten sich. Halef blieb neben ihnen stehen und flüsterte ihr ins Ohr. ‚Mutter, ich hoffe du verzeihst mir, dich überrumpelt zu haben.‘ Die Beiden blickten auf und starrten ihn fragend an. ‚Ich hab gestern euer Gespräch mit angehört. Ich wollte es nicht, aber man konnte kaum weg hören.‘

‚Dummer Junge, wie kann ich denn böse auf dich sein. Los geh zu deinem Mädchen!‘ meinte sie und blickte zu Lamina hinüber, die bereits Tränen in den Augen hatte und Anstalten machte auf die Knie zu sacken. Hastig drehte er sich um und konnte Lamina gerade noch auffangen, bevor sie umstürzte. Er stürzte selbst auf die Knie und hielt sie ihm Arm.

Kejnen hatte sich unter Schmerzen vor Ziska auf den Boden gekniet und berührte ihre Füße. Der Khan goss den Schnaps über Ziska und schüttete den Rest über Kejnen. Was das nun wieder zu bedeuten hatte, wusste Kejnen nicht, hatte aber auch keine Zeit sich darüber zu wundern, denn Ziska lief bereits blau an. Blitzschnell zog er sie zu sich heran und drehte sie auf die Seite. Er packte sie am Kinn und schob ihren Kopf zurück. Beherzt griff er in ihren Mund und befreite ihn von dem Schleim, er ihren Rachen verstopft hatte. Einen schrecklich langen Moment geschah nichts. Kejnen griff tiefer in ihren Rachen und sie würgte endlich. Orsolya schnitt blitzschnell die Zöpfe an den Enden auf und hielt ihr die Haare hoch. Ziska erbrach literweise Blut und Schleim vor Kejnen auf den Boden, der nicht im Mindesten von ihr abrückte, sondern weiter ihr Kinn hielt und ihren Rücken streichelte.

‚Dummes Kind, Pferdeblut auf nüchternen Magen zu trinken!‘ flüsterte Orsolya und öffnete langsam ihre Zöpfe. Kejnen kniete immer noch auf einem Knie vor Ziska und versuchte sie zu beruhigen. Er würde ohnehin nie wieder hochkommen, sein Knie schmerzte und sein Bein war mittlerweile taub.

‚Ich wusste nicht, dass deine Haare einst rot gewesen sind, Kejnen.‘ raunte Ziska und machte Anstalten aufzustehen. Die weiße Hexe war wie der Khan, eben noch völlig am Ende aller Kräfte und im nächsten Augenblick wieder das blühende Leben. Verstehe das wer will, Kejnen schüttelte nur verdutzt den Kopf und stöhnte eine Antwort hervor, während er versuchte sich unter Schmerzen aufzurappeln: ‚Bevor meine Haare grau geworden sind, war ich eben so ein roter Bengel, wie der neue Sippenführer!‘

Der Khan blickte Beide mit einem milden Lächeln auf den Lippen an.

‚Die Seele des großen Kriegers ist rein und hat den Geist der weißen Hexen den bösen Geistern entrissen. Er gehört jetzt Euch, weiße Hexe! Macht mit ihm, was ihr wollt.‘ meinte der Khan fast schon eifersüchtig, lachte dann ziemlich grausam und ging ohne ein weiteres Wort.

Die Reiter des Khan kamen und knieten sich vor die weiße Hexe und erbitterten ihren Segen für die Totenwache in dieser Nacht.

‚Was kniet ihr vor mir herum. Bringt mir lieber meinen Korb.‘ meinte sie unwirsch. Einer stürmte sogleich los und brachte ihr den Korb, in dem immer noch Kräuter lagen und übergab ihn der weißen Hexe. Sie zog eine Flasche heraus und gab Kejnen den Korb. Mit zitternden Fingern öffnete sie die Flasche und trank. Sie musste fast wieder würgen und gab die Flasche Kejnen und nahm den Korb, um den wiederum an die Krieger zu reichen. ‚Nehmt die Kräuter und legt sie in die Glut, sobald das Feuer erloschen ist. Dann nehmt einen Stock und legt die Knochen der bösen Hexe auf die Glut. Ihr dürft die Knochen auf keinen Fall berühren.‘ meinte sie verheißungsvoll und ihre Stimme schwoll an, als sie fortfuhr. ‚Nehmt von dem Fleisch des Gaules, aber nur so viel, wie ihr in dieser Nacht verzehren könnt. Nicht mehr und nicht weniger. Euer Geist ist stark, ihr werdet den bösen Geistern trotzen. Am Morgen werde ich zu euch kommen und wir verschließen die Ahnenhöhle.‘

Kejnen hatte nun auch getrunken und Ziska gab ihm den Korken. ‚Ach, gegen die Kälte!‘

Und Kejnen überließ ihnen den Schnaps.

Ainur und Vira wurden von Wena, Otar und den Kinden nach unten begleitet, während Halef immer noch am Boden kniete und Lamina gegen die Wangen tätschelte.

‚Lamina, auch dich wollte ich nicht überrumpeln.‘

Sie blinzelte nur und kam langsam wieder zu sich. Mit Blick auf den Knochen, der immer noch auf dem Boden lag, schossen ihr die Tränen in die Augen.

‚Es tut mir leid, langsam wird es selbst für mich zu viel. Aber der Khan meinte, es wäre die einzige Möglichkeit den Frieden auf dem Hof nicht zu stören, den Ahnen genüge zu tun und es trotzdem jedem Recht zu machen.‘

‚Was ist, wenn ich den Knochen nicht aufhebe.‘

Nun schossen ihm die Tränen in die Augen. Sie blickte ihn erschrocken an, weil sie nicht mit so einer Reaktion gerechnet hatte. ‚Ich will dich schon, sehr gern sogar, aber nicht jetzt, zu diesem Zeitpunkt ist es zu früh.‘

‚Selbst für mich ist es zu früh, Lamina! Ich will dich zu nichts drängen, was du nicht bereit bist zu geben, ehrlich! Aber ich will, dass jeder weiß, wem mein Herz gehört und dass du zu mir gehörst.‘

‚Aber jeder kann doch sehen, wie unzertrennlich wir sind.‘

‚Wenn du den Knochen aufhebst, kann keiner der Krieger schlecht über dich reden, wenn sie dir hinterher schauen…‘ stammelte er unsicher, bis er von Lamina unwirsch unterbrochen wurde.

‚Tun sie das denn?‘

‚Schon! Und das ärgert mich!‘ rief Halef.

‚So kenn ich dich gar nicht.‘

‚Ich mich auch nicht, Lamina! Du hast mir den Kopf verdreht. Ich bin…krank um Sorge, wenn du nicht bei mir bist. Ich will dich beschützen. Ich… Ich liebe dich!‘ Sein Kopf wurde schlagartig rot, als sein Geständnis herausplatzte.

Sie stockte einen Moment und stammelte dann. ‚Wenn ich den Knochen aufhebe, soll er zwischen uns liegen, bis ich soweit bin.‘

‚Und ich fange morgen ein Schaf und werde es füttern, bis es soweit ist, unseren Knochen zu entnehmen.‘ rief er.

Sie stand auf, um sich nach dem Knochen zu bücken, doch sie stockte in der Bewegung und verharrte. Er kniete immer noch vor ihr und blickte sie erwartungsvoll an, bemerkte aber den inneren Disput, den sie mit sich selbst auszufechten schien.

‚Du hast noch was auf dem Herzen?‘ stotterte er unsicher. ‚Sag es mir!‘

‚Und was ist, wenn ich den Erwartungen nicht gerecht werden kann?‘

‚Den was?‘ stieß er verwirrt hervor.

‚Man wird erwarten, dass ich dem Sippenführer einen Nachfolger gebäre.‘

Er stöhnte erschrocken auf und stammelte Unverständliches.

‚Was ist, wenn ich keine Kinder gebären kann?‘ fragte Lamina mit erschreckend ruhiger Stimme.

Er brauchte einen Moment bis er seine Stimme wieder fand, kniete immer noch vor ihr und griff nach ihren Händen.

‚Lamina. Wenn du Kinder kriegen willst, dann werden die Götter dir Kinder schenken. Und wenn nicht, dann gehören wir beide doch zusammen.‘

Sie hangelte nach dem Knochen.

‚Bist du dir sicher?‘

Als Antwort nahm sie den Knochen.

‚Gut!‘ meinte er erleichtert.

‚Soll ich ihn wieder hinlegen?‘

‚Nein, bloß nicht.‘

Er versuchte sie zu küssen, doch sie wich zurück. ‚So, küss ich dich nicht.‘

Sie nahm einen Finger und wischte über sein Gesicht.

‚Ich sollte mich besser erst waschen!‘

‚Mit samt deiner Kleidung!‘ meinte sie und stand auf. ‚Und meiner!‘ Sie putzte über ihr Kleid. Alles war voll Blut.

Ziska wurde von Kejnen den Berg herunter geführt und zischte ungehalten: ‚Sich von einem Krüppel führen zu lassen, dass sieht der weißen Hexe ähnlich.‘

‚Ich habe wieder den Allghoi Khorkhoi gesehen!‘

‚Der Todeswurm schon wieder!‘

‚Ja, der Todeswurm!‘

‚Ich habe eigentlich aufgegeben Fragen zu stellen, aber was meinte der Khan vorhin…?‘

‚Er wird sich, der Sitten und Gebräuche wegen, nicht weiter einmischen, er hat Angst vor meinem Fluch.‘ meinte Ziska, kreuzte ihre Finger und machte ein merkwürdiges Geräusch.

‚Ah, und das heißt nun!‘

‚Dass er dir nicht deinen Schwanz abschneiden wird, wenn du weiter in meinem Bett schläfst.‘

‚Ich kann auch auf dem Boden schlafen, wenn die weiße Hexe dies wünscht.‘

Ziska blieb schlagartig stehen, stoppte ihn mit ihrem Körper und griff Kejnen in den Schritt. ‚Kejnen, wenn dir dein kleiner Krieger lieb ist…!‘

‚Ich hab vorhin was von einer Trauerzeit gehört, weiße Hexe! Du darfst mich nicht anrühren, solange du trauerst.‘

Als Antwort kniff sie nochmal zu, dann hakte sie sich wieder ein und sie humpelten weiter.

Published in: on 2. November 2012 at 20:50  Kommentar verfassen  
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Drei und eine Axt – Teil 17

Eine Axtgeschichte – Drei und eine Axt – Teil 17

Am nächsten Morgen erwachte Ainur, Vira lag in seinen Armen. Sie hatte wieder schlecht geträumt und wollte nicht aufstehen. Er lies sie weiterschlafen, wollte sie aber auch nicht alleine lassen. So war es Lamina, die zuerst aufstand und Feuer machte, Wasser holte und dann das Morgenmahl bereitete. Wena wurde wach und entdeckte, noch bevor Lamina sie warnen konnte, die Gebeine der beiden Männer. Otar wurde wach und bemerkte gleich, dass Etwas nicht stimmte. Er ging in die Viehjurte und kam rücklings wieder heraus. Wortlos stolperte er zum Gatter, kniete sich vor das Pferd seines Bruders, stand auf und nahm seinen eigenen Gaul. Wie ein Wahnsinniger ritt er durch den Fluss zu den Jurten des Khan hinüber. Wena wollte ihn nicht hindern, also tat sie es auch nicht. Die Tiere plärrten, weil sie gemolken werden wollten, aber die beiden Frauen trauten sich nicht in die Jurte zu gehen. Von dem Lärm wurde Kejnen wach und humpelte aus der Jurte. Er erkannte gleich, wie verängstigt die beiden Damen waren.

Aber zuerst musste er zum Abtritt und als er wieder kam, meinte er nur kurz: ‚Ich werd sie melken, wenn ihr mir erklärt, was ich da machen muss.‘ Schlussendlich gingen sie alle drei in die Viehjurte. Die Kinder wurden wach und saßen bereits am Tisch, als die Drei mit dem Melken fertig waren. Ainur kam aus der Jurte, er blickte Kejnen nur mürrisch an und ging dann zum Fluss hinunter. Er musste ein Wenig runter kommen, bevor Vira erneut wach wurde. Halef kam aus der Jurte und blickte Lamina entgegen, die am Tisch stand und den Kinder Brote schmierte. Obwohl ihm bei ihrem Anblick sein Herz aufging, gelang ihm sein Lächeln nicht wirklich. Ohne ein Wort zu sagen, ging er grübeln zum Fluss, er wollte sich waschen.

Als Ziska im Jurteneingang stand, kamen Ainur und Halef gerade vom Fluss. Ihre schlechte Stimmung konnte man von ihren Gesichtern lesen. Ziska winkte Ainur zu sich und blickte dann wieder in die Jurte. Auch Ziska konnte ohne zu reden, sich sehr gut verständlich machen. Er ging in die Jurte, Vira warf sich im Schlaf hin und her. Vorsichtig setzte er sich zu ihr und versuchte sie, so behutsam es ihm möglich war, zu wecken.

Ziska packte Wena und ging mit ihr in Wenas Jurte. Wenig später kamen sie wieder. Wena war ziemlich blass und musste sich setzen. Ziska nahm Kejnen seinen Becher ab und trank ihn aus, dann packte sie sich Halef und die Schaufel und blickte zum Berg. Er schnappte sich ein Stück Brot und steckte es in den Mund. Dann ging er zur Jurte und holte eine Hacke. Wena stand auf, nahm sich einen Krug mit Wasser und folgte den Beiden, die bereits den Berg hinauf stiegen.

Ainur war sehr niedergeschlagen, aber er versuchte Vira irgendwie zu trösten. Liebevoll wiegte er sie im Arm. Sie weinte im Halbschlaf. Völlig hilflos hielt er sie weiter im Arm und es kamen ihm unkontrolliert beruhigende Laute über die Lippen.

Irgendwann blickte sie ihn an und krächzte leise: ‚Versprich mir, dass du mich nicht verlassen wirst.‘

Er stockte und blickte sie entschuldigend an. Das war Antwort genau. Sie verschluckte ein weiteres Schluchzen und rückte von ihm ab.

‚Ich… ich…will dich nicht verlassen. Dass musst du mir glauben!‘ Er versuchte sie wieder in den Arm zu nehmen, sie wehrte sich aber dagegen. ‚Aber…aber ich habe noch eine alte Schuld zu bereinigen.‘ Er schluckte schwer. ‚Ich habe als junger Hitzkopf einen schlimmen Fehler gemacht, seither trage ich das mit mir herum, wie einen schwarzen Fleck auf meiner Seele. Ich muss es bereinigen.‘ Sie blickte ihn neugierig an, hatte aber Tränen in den Augen. ‚Ich überlege schon die ganze Zeit, wie ich es dir sagen soll. Aber ich muss es aus der Welt schaffen, bevor ich…‘

‚Bevor was?‘ schrie sie fast.

‚Bevor ich…!‘ Er stockte und überlegte kurz, wie er sich erklären sollte. ‚Wenn ich gehe, dann werde ich wieder kommen und bleiben, bei dir! Wenn es der Khan erlaubt.‘

Sie nahm ihn an beiden Wangen und küsste ihn. Als sie sich wieder löste, flüsterte sie nur: ‚Gehe aber nicht gleich, bitte! Ich werde deine Schulter die nächsten Tage noch brauchen.‘

‚Ja, natürlich. Ich bleibe solange, bis mein Pferd nicht mehr lahmt und bis sich hier alles wieder beruhigt hat, aber ich möchte vor dem Wintereinbruch… !‘ Sie stoppte ihn mit einem weiteren Kuss.

‚Wenn du gehst, komm bitte wieder, ich weiß nicht, was ich ohne dich machen soll.‘ Er schloss sie in die Arme und so saßen sie noch eine Weile still da. Bis er die Stille brach.

‚Lamina hat Frühstück gemacht, magst du nicht aufstehen?‘

‚Ja, doch. Bringen wir es hinter uns.‘

Otar kam wieder, mit dem Khan und einigen seiner Töchter. Wie ein wild gewordener Stier sprang der Khan vom Pferd und lief auf den Tisch zu. Die Kinder bekamen es mit der Angst zu tun und wichen zurück.

‚Wo ist die weiße Hexe?‘ schrie er.

‚Oben bei den Ahnen!‘ stotterte eines der Kinder und brach in Tränen aus.

‚Ich werde zu ihr gehen, allein!‘ plärrte er. Seine Töchter kümmerten sich sogleich um die Kinder. Der Khan stieg ohne ein weiteres Wort zu den Ahnen hinauf.

Sie kamen erst nach Stunden wieder herunter. Vira hatte indes die Gebeine der Toten bekleidet. Plötzlich stand Wena in der Jurtentür und blickte auf sie herab. Vira blickte sie flüchtig an und sie richteten gemeinsam die Grabbeigaben, während der Khan mit Otar in seine Wohnjurte ging. Wenig später stürmte Otar mit Einzelteilen seines Bettes wieder heraus und warf sie in den Hof und spuckte dreimal darauf.

Der Khan tauchte in der Tür auf und rief Ainur zu sich. ‚Schmied!‘ Der Khan atmete einmal tief durch, schluckte und fuhr etwas ruhiger fort. ‚Ich würde Euch bitten, die Einzelteile des Bettes meiner Tochter zu den Ahnen zu tragen. Otar wird das Bett seiner Schwägerin nehmen.‘

Ziska hatte Lamina gepackt und verschwand mit ihr in ihrer Jurte. Der Khan pfiff nach seinem Pferd, schwang sich drauf und ritt durch die Furt zu seinem Lager zurück.

Nahezu alle sammelten sich am Hof. Die gesamte Sippe des Khan und seine Reiter warteten auf ihren Khan. Der gerade wieder über die Furt ritt, mit seiner ersten Frau an seiner Seite.

Die weiße Hexe trat vor die Jurte. Als Zeichen der Trauer hatte sie auf den Kopfschmuck verzichtet und ihr Haar war in vielen Zöpfen geflochten. Lamina schritt hinter ihr her, sie hatte einen Korb mit Kräutern im Arm.

Halef kniete vor dem Gatter, er hatte das Pferd seines Vaters gesattelt. Lamina ging zum Gatter, zog einen Dolch hervor und übergab ihn Halef. Kejnen wurde von einigen Töchtern begleitet und jede der Frauen hatte ein Kind auf dem Arm. Lamina gesellte sich unsicher zu Kejnen. Die Söhne des Khan nahmen die Gebeine der Toten und brachten sie auf den Berg. Halef brachte das Pferd aus dem Gatter und lief hinterher. Die Frauen stimmten ein Klagelied an. Und die restlichen Männer entzündeten Fackeln, packten sich ihre Speere und gingen hinter den Frauen her. Oben am Berg angekommen nahm jeder, je nach Stand und Verwandtschaftsgrad, seinen Platz ein. Kejnen wurde neben Ainur gestellt und Lamina wurde zu einem Steinkreis gebracht, in dem die Einzelteile der Betten lagen. Otar und Halef standen vor der Ahnenhöhle und nahmen die Toten entgegen, um sie in die Höhle zu bringen. Der Junge Alur kam angerannt, um das Pferd seines Onkels zu halten. Wena, Vira und die Mädchen brachten die Grabbeigaben und gingen ebenfalls in die Höhle.

Ziska stand auf dem höchsten Punkt des Berges und betete, dann schritt sie herab und blieb vor dem Steinkreis stehen.

Sie reinigte den Kreis, in dem sie drei Hühner opferte. Ohne mit der Wimper zu zucken, schnitt sie den drei Hühnern einfach den Hals durch, warf die Köpfe auf die Erde und versprühte das Blut auf den Steinen. Der Gesang der Frauen schwoll an. Der Khan brachte eine verzierte Axt. Ziska weihte die Axt in dem sie der Ziege den Kopf abschlug. Während sie die Köpfe der Tiere in den vier Himmelsrichtungen im Kreis ausstellte, ging der Khan in den Kreis und hackte die Balken in zwei.

‚Verflucht sei der Fluch!‘ rief er laut und trat mit der Axt in der Hand wieder in die Reihen der Seinen zurück. Einer der Söhne des Khan reichte Ziska eine Fackel und eine Schale mit Pech. Sie vergoss das Pech, stellte die Schale ab und Lamina reichte ihr den Korb mit Kräuter. Lamina ging zu Kejnen und Ainur.

Ziska zündete das Holz an und warf dann einzeln die Kräuter in die Flammen. Sie murmelte dazu. Das Klagelied verstummte, als der Rauch aufstieg. Der Rauch zog nach oben und die Frauen drehten dem Rauch den Rücken zu. Die Männer warfen eine Fackel nach der Anderen ins Feuer. Ziska hingehen schrie markerschütternd, schnitt sich mit ihrem Dolch in die unverletzte Hand und spritzte ihr Blut in die Flammen, dann wand sie sich um, packte den Körper der Ziege und ging in die Höhle. Drinnen stimmten Wena und Vira den Klagegesang an. Man konnte Stein brechen hören und Ziska schrie wieder. Ein menschlicher Schädel und ein Beckenknochen flog im hohen Bogen aus der Höhle. Der Beckenknochen zersprang auf dem harten Steinboden. Der Klagegesang der Frauen schwoll wieder an und die Geräusche, die sie machten, nahmen einen schrillen Ton an. Ziska kam aus der Höhle gestolpert und hielt auf den brennenden Kreis zu. Sie schien gar nicht mehr auf dieser Welt zu wandeln. Ohne vor dem Feuer zurück zu zucken holte den Ziegenschädel aus den Flammen. Mit brennenden Ärmeln hielt sie ihn hoch und jeder konnte die Flammen sehen, wie sie aus dem Maul des Tieres züngelten. Unverständliche Beschwörungsformeln brabbelnd trug sie ihn zur Höhle hinüber, dann legte sie ihn an der Stelle ab, wo der menschliche Schädel lag. Sie nahm die Knochen auf, die aus der Höhle geworfen hatte und brachte sie zum Feuer, dort stellte sie die Knochen an die Stelle, wo der Ziegenkopf vorher lag. Geistesabwesend ging sie wieder zum Ziegenschädel und brachte ihn in die Höhle. Halef kam aus der Höhle getreten und nahm dem jungen Alur die Zügel ab. Alur ging voraus und Halef brachte das Pferd in die Höhle.

Drei und eine Axt – Teil 16

Eine Axtgeschichte – Drei und eine Axt – Teil 16

Der Sturm trieb die Wolken über den nächtlichen Himmel. Die Luft war für die Jahreszeit viel zu kalt. Blätter wehten auf Augenhöhe an ihm vorbei. Er zog den Umhang hinten über seinen Kopf und blickte auf den Fluss. Er machte sich Sorgen, obwohl er eigentlich nicht wirklich Grund dazu haben sollte. Sie werden sich schon zurecht finden und solange Nachts kein Bodenfrost ist, werden sie schon nicht erfrieren. Er würde trotzdem kein Auge zu machen, bis sie wieder da waren.

Sie waren nun schon über zehn Tage fort. Er hätte sie nicht gehen lassen sollen oder mit ihnen reiten sollen. Aber Ziska hatte sich durchgesetzt. Sie nahm die Vision sehr ernst und bestand darauf nur mit dem Jungen zu reiten. Und was sollte sie auch mit einem humpelten Trottel, er war ihr keine Hilfe. Er war niemanden eine Hilfe.

Die letzten zehn Tage mussten sie sich am Hof eine Menge über Brauchtum und Sitte anhören, erst von Wena, dann von Otar, der mittlerweile wieder auf den Beinen war und zu guter Letzt auch noch vom Khan, der wiedergekommen war, um das Winterlager zu beziehen.

So war es alter Sitte Brauch, dass die Frauen eines verstorbenen Kriegers an den leiblichen Sohn übergingen, weil ihre Seelen auch nach dem Tod des Mannes weiter verbunden waren und nach ihrem eigenen Tod würde sie ihrem Mann im Jenseits wieder dienen.

Nun waren die Familienverhältnisse eh nicht ganz einfach, weil Halef nicht der leibliche Sohn von Aiden war und Ziska keine Kinder hatte. Otar wollte als nächst ältester Bruder von keinem seiner Rechte Gebrauch machen, da er seines Erachtens bei den Ahnen in Ungnade gefallen sei und ging zum Khan und bat um Rat und um eine Entscheidung. Der Khan jedoch redete sich raus, da er nicht über den Kopf der weißen Hexe hinweg eine Entscheidung treffen wollte. Nachdem aber Aiden den Jungen an Sohnes statt angenommen hatte, war die Erbfolge eigentlich klar. Halef erbte den Hof und hatte für seine Mutter zu sorgen, solange Otar keinen Einspruch einlegte. Vira schüttelte über die Entscheidung nur den Kopf, da es nicht ihr Brauch war, sie sich aber der Sippe fügen musste. Ainur seine Stimmung war mal wieder jenseits von gut und obwohl Vira jede Nacht zu ihm unter seine Felle kroch, wurde seine Stimmung von Tag zu Tag eisiger. Mal ganz abgesehen davon, dass Kejnen seine Stimmung auch nicht recht viel besser war. Sein Knie tobte wieder und sein Herz schmerzte bei jedem Atemzug. Was muss er sich auch in die weiße Hexe verschauen. Was sie in ihm sah, war ihm immer noch völlig rätselhaft. Weil gerade ansehnlich war er ja nicht gerade. Was wollte sie nur von einem alten Krüppel.

Er blickte über das Rauschen des Flusses hinweg. Die Jurten des Khan standen nun in Sichtweite. Er konnte die Feuer sehen und die Tiere plärren hören. Der Khan war sehr ruhig und nachdenklich gewesen, seit dem er von der Vision der weißen Hexe hörte. Die Sonne würde bald aufgehen und er beschloss nicht mehr zu grübeln.

Irgendwann war Kejnen doch neben dem Feuer eingenickt. Und erst als seine Sonne ihm ins Gesicht strahlte, öffnete er seine Augen wieder. Ziska stand vor ihm und blickte ihn milde an. Ihr jugendliches Gesicht war von tiefen Sorgenfalten überzogen und ihre Augenringe ließen ihr Antlitz älter wirken, als sie eigentlich war. Halef schloss gerade das Gatter. Ein Pferd mehr als sonst. Sie hatten das Pferd seines Vaters tatsächlich gefunden und mitgebracht. Der Junge schlich geknickt an ihnen vorbei und verschwand in der Jurte. Dort kroch er zu Lamina ins Bett und wühlte sich durch die Decken bis zu ihrem warmen Körper. Er hatte nur seinen staubigen Mantel und seine Schuhe ausgezogen, die nun im Eingang der Jurte lagen. Lamina nahm ihn im Halbschlaf liebevoll in den Arm und säuselte ihm etwas Unverständliches ins Ohr. Er begann zu weinen, sie schloss ihre Arme fester um seinen Körper, daraufhin brach er völlig zusammen. Seine Mutter lag auf dem Boden bei Ainur. Kejnen wurde von Ziska in die Jurte gezogen, dort stolperten sie über die Schuhe und schob sie beiseite. Vira wurde wach, nach einem kurzen Blickwechsel mit Ziska, sprang sie auf und stürmte zur Stalljurte hinüber. Die Jurte war halb abgedeckt und das Scherengitter war wieder verschlossen worden, nachdem sie die toten Körper hineingelegt hatten. Vira schritt durch die Tür und stockte. Dort lagen zwei in Leinen gebundene Körper auf der Erde. Der Gestank der Leichen lies sie würgen. Ziska hatte Windlichter aufgestellt und hatte verschiedene Harze angezündet. Das machte zwar den Gestank nicht besser, aber erträglicher. Um den Hals des einen Körpers hatte Ziska den Ritusknochen ihres Ehebundes mit einer ihrer Hochzeitsborten gebunden. Dann musste der andere Körper ihr Ehemann sein. Hastig wickelte sie den Kopf der Leiche ihres Mannes frei und erstarrte. Ein blanker Schädel starrte sie aus den leeren Höhlen an. Um den Hals des Skeletts hing ein Stein an einer schweren Kette, in dem ein Mondsymbol eingeritzt war. Sie griff sich an die Brust und stürzte nach hinten um, schnappte nach Luft und würgte zugleich. Hastig versuchte sie nur noch von dem Leichnam fortzukommen. Sie erbrach sich auf dem Weg durch die Jurte. Das Vieh wurde durch ihr Würgen und Stöhnen aufgeschreckt und lief durcheinander und plärrte.

Kejnen, Ziska und Ainur waren ihr gefolgt und versuchten sie zu beruhigen.

Sie war völlig hysterisch und schrie: ‚Das ist nicht mein Mann! Das kann nicht mein Mann sein.‘ Kopfschüttelnd kam sie an der Jurtenwand zum Stillstand, aber nur weil sie nicht weiter kriechen konnte. Ziska hielt etwas in der Hand, dass sie ihr nun in die Hand legte. Ohne hinzublicken erkannte sie, was es war. Es war der Ritusknochen ihrer eigenen Verbindung.

‚Die Ahnen schickten die Geier und erwiesen ihnen eine Himmelsbestattung. Die Geier waren noch am Werk, als wir eintrafen. Sie hatten nur das Pferd in Ruhe gelassen.‘ erklärte Ziska ruhig.

‚Warum dann der Gestank?‘ stotterte Vira, die wieder zu würgen begann.

‚Die Schädel sind ungebrochen, daher der Gestank!‘ würgte Ziska hervor. ‚Die Ringe waren an ihren Fingern, ihr Seelen warten auf das Bett der Ahnen.‘

Vira kroch wieder zum Leichnam, riss sich den Anhänger von ihrem Hals, der das Sonnensymbol trug und band ihn mit dem knochen um den Hals des Leichnams. Nun brach sie vollends zusammen. Ainur nahm sie in den Arm, hob sie hoch und brachte sie zurück in die Jurte. Ziska bedeckte kahle Antlitz ihres Schwagers wieder und ging würgend an Kejnen vorbei, der ihr sogleich humpelnd folgte.

Als Ainur Vira aufs Bett legen wollte, klammerte sie sich panisch an seinen Hals und weigerte sich lauthals sich aufs Bett legen zu lassen. Ziska wurde langsam misstrauisch. Sie hatte schon bemerkt, dass Vira oft schlecht schlief, vor allem seit dem Kejnen da war und seit dem Ainur hier war schlief sie anscheinend noch viel schlechter. Mit erhobenen Händen und summend ging sie schnurstracks aufs Bett zu, drängte dabei Ainur auf die Seite und griff am unteren Balken entlang. Ainur begriff gar nicht mehr, was um ihn herum geschah. Er hielt die weinende Vira immer noch im Arm und stand mitten in der Jurte und beobachtete das skurrile Geschehen. Schreiend hob Ziska das Bett hoch, während Kejnen mit einer Kerze zu ihr rüber humpelte. Im Kerzenschein konnte man Fluchzeichen an der unteren Seite des Bettes erkennen, die in das Holz gebrannt worden waren.

Ziska fluchte lautstark: ‚Dieser Bastard!‘

Halef setzte sich blitzartig auf und blickte sie böse an. Dann ging ihr sichtlich ein Licht auf.

Halefs Miene entspannte sich wieder ein Wenig. Wie von einem Schlag getroffen, ließ sie den Rahmen fallen und lief kopfschüttelnd zu ihrem Bett hinüber, um auch unter ihrem Bett nach zu sehen. Dort waren keine Fluchzeichen, erschöpft sank sie aufs Bett und grübelte fluchend weiter. ‚Diese alte verbitterte Hexe…!‘

‚Ziska, hast du dich nun entschieden, ob du lieber meinen toten Vater beleidigen willst oder Großmutter?‘ sprach Halef mit einer erschreckend ruhigen Stimme. Ziska blickte ihn entschuldigend an, denn sein Blick verriet ihr seine Wut. Seine Augen funkelten böse zu ihr hinüber.

‚Kejnen kannst du den Rahmen noch einmal hochheben?‘ sprach sie ruhig.

Kejnen stellte die Kerze am Boden ab und hob den Rahmen hoch und lehnte ihn gegen die Jurtenwand. Im Kerzenschein konnte man die Fluchzeichen erkennen.

Dann schluchzte Vira: ‚Aiden, war des Schreibens gar nicht mächtig und er hätte mir nie misstraut!‘

Dann sprang Ziska auf und rannte aus der Jurte, um wenig später wieder zu kommen.

‚Bei Wena ist es auch.‘ sprach sie ruhig.

‚Nur Großmutter hatte die Möglichkeit und die Macht auch über den Tod hinaus, einen Fluch zu festigen.‘ meinte Vira erschreckend gefasst. Sie hatte sich aus Ainurs Umarmung gewunden und er lies sie sachte auf den Boden gleiten. Ziemlich wackelig auf den Beinen stolperte sie zum Bett von Halef hinüber und stürzte. Halef fing sie auf, schloss sie ihn die Arme und schon war ihrer beider Stärke wieder verflogen. Sie schluchzen sie gegenseitig an. Lamina deckte sie Beide liebevoll zu. Doch Vira hielt sie fest, als sie sich entfernen wollte.

Ainur zerlegte kurzerhand das Bett und brachte es raus. Kejnen schob die Decken zur Seite und half Ainur soweit er konnte.

Ziska lief ihnen schreiend hinterher und kam dann wieder. Sie riss den Jurtenstoff neben der Tür auf und schob das Scherengitter zur Seite. Dann ging sie durch die Öffnung und schloss die Jurtentür. Hastig zündete sie einige Kräuter an, die an einer Leine zum Trocknen hingen. Damit wedelnd ging sie durch die Jurte und murmelte Unverständliches, dann schrie sie wieder und lief zum offenen Scherengitter. Dann schnitt sie sich mit einem kleinen Messer in die Hand, Blut quoll hervor. Sie beträufelte die Fläche der Öffnung und ging dann an die Stelle, an der bis eben noch das Bett gestanden hatte und lies das Blut auf den Boden tropfen.

Als Ainur und Kejnen verschlossen die Jurte und betraten sie dann durch die Tür. Sie stand immer noch völlig in sich gekehrt an der Stelle und murmelte. Kejnen erkannte, dass ihr Blut von der Hand rann und auf den Boden tropfte. Er humpelte zu ihr hinüber, zog ein Tuch von einer Leine und wickelte es um ihre Hand. Sie rückten einige Truhen auf den Platz, wo das Bett gestanden hatte und bauten aus allen Fellen und Decken eine Bettstatt, an einer anderen Stelle der Jurte. Ainur stand gebückt in der Jurtentür. Er war zu Recht verwirrt, Ziska hatte alle seine Felle zum Bettenbauen verwendet. Er wusste nicht, was alle davon halten würden, wenn er nun ‚offiziell‘ bei Vira schlafen sollte. Er hatte immer noch die Worte des Khan im Ohr, die jedliche neue Verbindung vorerst untersagte.

Vira löste sich aus der Umarmung der beiden Kinder und setzte sich auf. Ziska kam zu ihr hinüber und zog eine Flasche aus ihrem Korb. Mit zitternden Fingern zog sie an dem Korken. Sie nahm einen tiefen Schluck und gab die Flasche an Vira weiter. Sie schluchzte noch einmal und nahm auch einen kräftigen Schluck. Keuchend zog sie gleichzeitig den Rotz die Nase hoch. Halef nahm ihr die Flasche ab und nahm auch einen anständigen Schluck. Auch er zog keuchend die Luft ein und schlug sich auf die Brust. Lamina nahm die Flasche an sich. Schüchtern nippte sie nur daran. Sie kroch aus dem Bett und drückte sie Ainur in die Hand, der wie zu Stein erstarrt noch immer in der Jurtentür stand. Kejnen humpelte ihm entgegen und nahm ihm die Flasche ab, als Ainur zu einem zweiten Schluck ansetzte.

‚Warum war mir klar, dass es dich nicht mal beutelt, bei dem Teufelszeug.‘ krächzte er kopfschüttelnd und humpelte mit der Flasche in der Hand zum Bett hinüber. Als Vira aufstehen wollte, strauchelte sie. Ainur fing sie auf und trug hinüber, um sie zu betten. Ziska holte sich noch einmal Kräuter von der Leine, zündete auch diese an und ging summend noch einmal durch die ganze Jurte. Kejnen hatte sich erschöpft aufs Bett gesetzt, trank einen kräftigen Schluck und zog seine Schuhe aus. Ziska kam zu ihm hinüber, warf die restlichen Kräuter ins Feuer und legte einige Scheite nach. Als sie den nächsten Schritt in Kejnens Richtung tat, brach sie lautlos zusammen.

Er konnte sie gerade noch auffangen. Umständlich bugsierte er sie aufs Bett, zog auch ihr die Schuhe aus und deckte sie und sich irgendwie zu.

Ainur saß eine Weile völlig mit den Nerven am Ende an der Bettstatt und strich Vira mit zitternden Händen übers Haar. Nach einiger Zeit öffnete sie die Augen und sah wie er zusammengesunken neben ihr kauerte. Wortlos zog sie ihn zu sich unter die Decken.

Verhalten nahm er sie in den Arm und seufzte schwer. Sie flüstere mit zitternder Stimme in sein Ohr. ‚Mein halbes Leben beruht auf einen bösen Fluch einer verbitterten, alten Frau.‘

‚Aber du bist du, Fluch hin oder her.‘

‚Ich weiß nicht mehr wer ich bin.‘

‚Du bist eine wunderschöne, starke Frau und ich, ich…‘ Seine Stimme brach. Dann fing er sich wieder. ‚Ich habe es gar nicht verdient und vor allem nicht das Recht, bei dir liegen zu dürfen.‘

‚Brauchtum und Sitte und Anstand verbieten es.‘ meinte Vira bitter.

‚Und der Khan und vor dem langen Arm seiner Worte habe ich mehr Ehrfurcht, als vor den Bräuchen einer mir völlig fremden Welt.‘

Sie drückte sich fester an seinen Körper und suchte seine Hand, um sie im nächsten Moment zu ihrem Mund zu führen. Sie zögerte kurz, dann küsste sie seine mächtige Pranke. ‚Doch Ihr habt Euch mein Herz bereits am ersten Tag verdient. Des Khans Wort hin oder her.‘

‚Waren wir nicht bei du und du?‘ meinte er in ihr Haar, seine Lippen zitterten, als er ihre Stirn küsste. Und er hoffte inständig, dass sie den Stein nicht hörte, der so eben von seinem Herzen herabfiel.

‚Mein Herz hat mein ganzes Leben lang auf dich gewartet.‘ flüsterte er in ihr Haar. Sie schluchzte, als sie die Worte vernommen hatte. Er küsste ihr die Tränen vom Gesicht und wiegte sie in seinen starken Armen. ‚Du bist so eine starke Frau und doch so zerbrechlich. Ich möchte dir dienen und dein starker Arm sein.‘

‚So lange ich mich an deiner Schulter anlehnen und aus heulen kann, darfst du alles…!‘

Diesmal stoppte er sie mit einem Kuss. Sie erwiderte ihn.

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