Drei und eine Axt – Teil 8

Eine Axtgeschichte – Drei und eine Axt – Teil 8

Eine der Frauen des Khan kam herein und half ihm beim Anziehen. Dann verließ er beschwingt die Jurte. Wenig später konnten sie von draußen lautes Rufen hören, Klatschen und Gelächter hören. Der Khan bat alle zu Tisch, während Ziska drinnen ihre Suppe auslöffelte und Kejnen sie dabei beobachtete.

‚Werdet Ihr zur Zusammenkunft reiten?‘ fragte sie mit vollen Mund.

‚Ja, ich werde mit Halef reiten!‘

‚Ich habe Angst vor dem, was Ihr dort findet.‘

‚Wenn ich Eure Männer finde, werde ich nicht wieder kommen.‘ flüsterte er traurig.

Sie lächelte ihn an, packte sich seine freie Hand und küsste sie. ‚Ihr werdet zurück kommen.‘

Warum hab ich immer das Gefühl, dass Ihr vor allen Anderen seht, was das Schicksal noch alles bereit hält.‘

‚Bis auf eindeutige Dinge, verrate ich niemals davon. Weil Träume können auch nur Schäume sein.‘ Sie schluckte schwer. ‚Das Schicksal meint es zu Weilen nicht so gut mit uns und ich möchte niemanden enttäuschen, wenn ich meine Träume falsch gedeutet haben sollte.‘

Sein Magen knurrte so laut, dass sie lachen musste. ‚Ich langweile Euch mit meinen Weissagungen?‘

‚Nein, aber mein Magen weiß, wie viel Essen da draußen auf uns wartet.‘

‚Dann geht schon mal, ich zieh mir was anderes an.‘

Kejnen humpelte aus der Jurte, wurde sofort freudig begrüßt und zu seinem Stuhl begleitet. Mittlerweile waren zwischen den großen Stühlen noch zwei kleinere Stühle aufgebaut worden. Zwischen Vira und dem Khan saß Orsolya und zwischen Kejnen und dem Khan war noch frei. An der Tafelseite von Vira saß Wena und alle anderen Töchter, Frauen und Schwiegertöchter des Khan. An der anderen Tafelseite saßen Halef und Elger und alle Söhne und Schwiegersöhne des Khan. Es wurden Kejnen auch alle Anwesenden vorgestellt. Es war nur völlig hoffnungslos, dass sich Kejnen nur einen weiteren Namen hätte merken können, sein Kopf schwirrte bereits seit er der Heilung des Khan beigewohnt hatte.

Ziska trat vor die Jurte und wurde in seine Richtung geführt. Sie hatte ihr Festgewand an, dass nun endgültig verriet, dass sie einen hohen Stand genoss, als weiße Hexe des Khan. Kejnen konnte sich nicht daran erinnern, dass Ziska auch nur einmal in den letzten Tagen einen langen Rock getragen hatte, ganz zum Gegensatz der beiden anderen Damen hier am Hof. Zum Arbeiten trug sie ausschließlich Hosen und robuste Tuniken und ansonsten hatte sie nur knielange Unterkleider an und darüber allerhöchstens einen kurzen Klappenmantel. Seine Gedanken drifteten zur letzten Nacht ab und erst als sie neben ihm Platz nahm, riss es ihn aus seinen Gedanken.

Der Khan stand auf, erhob seinen Krug und sprach: ‚Ich danke heute meinen Weibern für das vortreffliche Mahl und den Männern, weil sie fast alles hier her schleppten. Und ich danke vor allem der weißen Hexe, dass ich dieses Mahl fast ohne Schmerz erleben darf. Und ich danke dem Allghoi Khorkhoi, dass er mir nur meinen Gaul nahm. Ich danke meinem neuen Freund Kejnen, dass Ihm sein Weg hier her geführt hat. Auf dass ich in Zukunft wieder etwas besser schlafen kann und auf dass es uns im Winter nicht an Geschichten mangeln wird.‘  Er setzte den Krug an seine Lippen und blickte umher. Kejnen blickte ihn, so verstohlen wie es ihm eben möglich war, an und musste dann doch grinsen. Der Khan setzte nochmal ab und sprach weiter: ‚Und auf diesen vortrefflichen Tropfen, meine Damen.‘ Endlich trank er und alle anderen tranken auch. Ziska nahm ihren Krug und blickte zu Kejnen hinüber, der sie aus den Augenwinkeln unsicher ansah. ‚Nun, esst und trinkt, meine Kinder!‘ Und das taten sie auch. Sie feierten einen zweiten Tag in Folge und keiner von ihnen dachte an den Schatten, der über den drei Damen zu schweben schien.

Wie Kejnen ins Bett gekommen war, konnte an seinem Zustand am nächsten Morgen zu urteilen, nur auf allen Vieren gewesen sein. Sein Bein tat unglaublich weh. Er öffnete die Augen und Ziska lag auf ihm und auf seinem Bein. Vor Schmerz fiel er wieder in einen tiefen Schlaf.

An diesem Tag saß Kejnen nur still in seinem Stuhl und beobachtete das Geschehen. Der Khan und seine Sippe blieben noch diesen Tag und am nächsten Morgen würden sie weiterziehen, um frühzeitig bei der Zusammenkunft einzutreffen. Sie ließen die Hälfte der Herden da und ein paar seiner Leute, die sich darum kümmerten, dass für den Winter genug Holz gesucht und Dung getrocknet wurde. Kejnen versprach dem Khan, dass er und Halef in ein Paar Tagen auch aufbrechen würden. Vira bläute ihnen immer und immer wieder die Einkäufe, die sie besorgen sollten, ein. Sie mussten sie wieder und wieder vorsagen, dass sie auch ja nichts vergessen würden. Ziska war die letzten Tage sehr still gewesen, seit sie den Todeswurm im Traum gesehen hatte, war sie wie ausgewechselt. Kejnen nahm von dem Damen kein Geld und auch keine Tauschware an. Er lies auch nicht mit sich darüber reden. Und so ritten sie vier Tage nach dem Khan los. Die beiden Hunde folgten ihnen. In der Mitte der großen Ebene würden sich alle Stämme treffen.

Unweit der Jurten wies er den Jungen an, abzusteigen und unter einer Wurzel etwas für ihn zu holen. Es waren kleine Packtaschen, die schwer waren und beim Schütteln klimperte deren Inhalt.

‚Wie konntet ihr Euch sicher sein, dass es noch da ist!‘ fragte Halef neugierig, als er ihm die Taschen übergab.

‚Wer soll, in einer von den Göttern verlassenen Gegend, danach suchen, wenn nur ich davon weiß.‘ meinte Kejnen und schob sich die Beutel in die Hose.

‚Deshalb sagtet ihr vorhin, dass wir uns um die Bezahlung nicht sorgen sollten!‘ meinte Halef, als er sich wieder auf sein Pferd schwang. Es war ein weiter Weg bis zum Zentrum zur großen Ebene.

Zwei Tage später kamen sie am Rande eines riesigen Zeltlagers an. Sie ritten hindurch und fanden in Mitten unzähliger Jurten, die Fahne des Etem Khan. Es wurde ihnen von Elger ein Lagerplatz zugewiesen, wo sie Kejnens Zelt aufstellen konnten. Kejnen überließ es dem Jungen, sich ums Lager zu kümmern, er wollte sich ein Bild machen und sehen, ob er alte Kameraden traf.

Der Khan lud Kejnen und Halef am Abend zum Festmahl ein. Der Khan ehrte Halef und nahm ihn in die Reihen der Krieger seiner Sippe auf, aber nur weil er so einen guten Lehrer an seiner Seite hat. Und er hoffte, Halef würde bei seiner nächsten Zusammenkunft bei den großen Kämpfen teilnehmen und eine seiner unzähligen Töchter zur Frau nehmen. Halef war sehr gerührt und bedankte sich beim Khan für sein Vertrauen. Es wurde viel getrunken. Die Töchter des Khan schenkten Halef immer mehr nach, als den Anderen. Es war Halef nicht sonderlich recht, dass sie sich alle um ihn zu reißen schienen. Seine Hunde bellten draußen, er entschuldigte sich und verschwand. Er war heil froh endlich aus dem Zelt zu sein. Bei ihrem Lager angekommen, schlief er mit seinem Hunden am Feuer ein.

Im Zelt des Khan sprach der Khan mit Kejnen.

‚Unser Halef hält sich immer nie lange in Zelten auf, der Junge hat eine unruhige Seele. Ich weiß nicht, ob dass gut ist oder schlecht.‘ meinte der Khan fast beiläufig.

‚Da sprecht Ihr wohl wahr, mein Khan. Ich bin noch nicht so ganz zu ihm durchgedrungen. Ich glaube aber, dass er der Last, die er auf seinen Schultern tragen muss, manchmal einfach entfliehen will.‘

‚Sie leiden alle sehr unter der Abwesenheit der drei Männer.‘

Kejnen seufzte schwer und stimmte ihm mit einem Nicken bei.

‚Was macht Ihr, wenn wir die Drei tatsächlich finden?‘ fragte der Khan. ‚Ich habe gesehen, wie Ziska und Vira Euch anblicken und wie Ihr Ziska anblickt. Ich mag ein alter Mann sein, aber die Begierde in den Augen der Weiber kann ich noch sehr gut sehen.‘

Kejnen zog die Schultern hoch und meinte: ‚Ich weiß eigentlich nicht was ich da mache, ich bin auf keinen Fall auf Streit aus, wenn wir sie alle Drei finden, werd ich wohl weiterziehen und den Göttern für die schönen Tage danken, die ich bei den Damen verbringen durfte.‘

‚Bei uns findet Ihr immer ein schönes Plätzchen und meine Töchter sind noch nicht alle verheiratet.‘ meinte der Khan und grinste Kejnen listig an.

‚Euer Angebot ehrt mich. Mal sehen wohin mich die Zeiten und die Götter noch bringen werden!‘

‚Es wäre mir eine Ehre, einen alten Kriegshelden in meiner Mitte begrüßen zu dürfen.‘

‚So oder so, werde ich immer wieder in Eure Mitte zurückkehren.‘

‚Auf Eurer Wort, Kejnen.‘

Kejnen kaufte am nächsten Tag viele mehr Dinge ein, als Vira ihnen aufgetragen hatte, da er sich der Familie erkenntlich zeigen wollte. Und Halef war sein Mitwisser. Als sie gerade eine neue Jurtenhaut erstanden hatten und noch über neue Dachverstrebungen diskutierten, sah Halef ein junges Mädchen, dass von einem Sklaventreiber an einem Lederstrick an ihnen vorbei geschleift wurde. Als sie auf Augenhöhe waren, sah er, dass man sie mit einem Holzstück geknebelt hatte. Ihre spärlichen Kleider waren völlig zerfetzt, ihre Haut war mit Schmutz und Blut beschmiert und sie war Barfuß. Sie stolperte über einen Stein und fiel hin. Halef machte einen Satz und wollte ihr auf helfen. Mit einem Ruck war sie wieder auf den Beinen, da der Sklaventreiber sie unerbittlich weiter zog. Für den Bruchteil einer Sekunde hatte sie ihn mit riesigen, bernsteinfarbenen Augen angeblickt, bevor der nächste Ruck sie von ihm fort riss. Das Letzte was er bei jedem ihrer Schritte erkennen konnte war, dass die Innenseiten ihrer Oberschenkel blutüberströmt waren. Halef hatte unbewusst seine Hand bereits an seinem Dolch und machte Anstalten dem Sklaventrieber zu verfolgen. Kejnen legte ruhig die Hand auf seinen Dolch und zischte Halef zu: ‚Ich kümmere mich darum, bring das Packpferd fort, wir treffen uns beim Zelt!‘ Dann griff er in seine Hose und zog einen der Beutel hervor, nahm 3 Goldklumpen heraus und ging gelassen auf seinen Stab gestützt dem Sklaventreiber hinterher. Der Verkäufer hatte die Jurtenhaut bereits auf dem Pferd verschnürt. Halef zog das Packpferd schnell zu ihrem Lagerplatz zurück.

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