Das ist nicht die Bine, die du suchst… Teil 30 – Nachteule

Das ist nicht die Bine, die du suchst… Teil 30 – Nachteule

kanoneIst ja nicht so, als wäre ich den ganzen Tag unausstehlich. Nur morgens und wenn ich am Schreiben bin. Aber Abends wird die Bine langsam wach und umtriebig. Das geht dann schon mal bis zu einer ausgewachsenen Schlafstörung. Aber wer morgens nicht aus dem Bett kommt, braucht sich auch Nachts nicht wundern, wenn er nicht einschlafen kann. Nachts entstehen meine besten Geschichten. Und das ist gut so. Wenn ich Nachts allein an einer Bar sitze und die Leute beobachte, fängt die flinke Schreibefeder in meinem Kopf wieder an zu arbeiten.blue

Vor allem der Vollmond hat es mir angetan. Mittlerweile kann man echt meine Uhr nach den Mondphasen stellen.

Nachts hab ich wirklich die besten Ideen, Alkohol spielt da bei mir meistens keine Rolle, auch wenn auf Absinth meine Geschichten immer noch grotesker werden. Und ehrlich, die ’nach 2 Uhr Morgens Regel‘ ist bei mir nicht anwendbar. Es ist bei mir schon ziemlich oft nach 2 Uhr morgens was Gutes passiert. Liegt aber auch daran, dass ich nie so wirklich betrunken bin, oder wenn dann um 2 Uhr Morgens schon wieder nüchtern bin…

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Das ist nicht die Bine, die du suchst… Teil 14 – Schlaflos in Karlsfeld

Das ist nicht die Bine, die du suchst… Teil 14 – Schlaflos in Karlsfeld

4Wenn ich zuhause mal nicht schlafen kann, was zum Glück nur noch manchmal bei Vollmond vorkommt, dann fange ich auch mal mitten in der Nacht an meine Wohnung zu putzen. Wenn ich nicht gerade einen Schreibflash habe, dann hilft oft nur: Sahara (Film 2005)
Sobald der Vorspann durch ist, schlafe ich ganz automatisch ein. Wenn alle Stricke reißen, dann hilft nur noch die Herr der Ringe Trilogie, spätestens wenn die Gefährten ihre Reise antreten und das ‚Concerning Hobbits‘ verstummt, schlafe ich ein.

Des Nächstens… der Mond schien voll!

Des Nächstens… der Mond schien voll!

düsterwaldDunkel war’s der Mond schien voll. Und Tirsch und Gerk saßen in der Taverne zu Ludwigsdorf. Sie hatten den ganzen Abend von dem dunklen Bier getrunken und waren schon ein Bisschen beschickert. Der Wirt fiedelte auf seiner Geige und seine Tochter tanzte dazu. Die Schankmaid wuchtete volle Humpen herum und immer wenn sie an ihren Tisch kam, konnten die Jungs ihr in den Ausschnitt blicken, wenn sie die Bierkrüge am Tisch abstellte und sich dazu tief hinunter beugen musst. Das war mit ein Grund, warum sie so viel getrunken hatten.

Plötzlich ging die Tür auf, ein Windsog pfeifte durch die Taverne und der Totengräber humpelte herein. Augenblicklich verstummte das Gebrabbel im Schankraum, der Wirt hörte auf zu spielen, er packte hastig seine Tochter und schob sie hinter die Theke. Nach einem viel zu langen Moment, begannen die Leute wieder zu tuscheln und der Lärmpegel schwoll langsam wieder an. Der Totengräber verzog keine Miene, wie auch, sein ihm eigener Blick war eh so finster und grimmig, dass man den Eindruck haben hätte können, er würde zum Lachen in den Keller gehen, so wie die meisten Dorfbewohner es ohnehin taten.

Der Totengräber humpelte durch den Schankraum, setzte sich zu den beiden Jungs an den Tisch und blickte sie mürrisch an. Er sah abgekämpft und ziemlich schmutzig aus und seit wann humpelte er denn?

‚Habt ihr eure Post nicht gelesen?‘ fragte der Totengräber mürrisch.

‚Ja, schon!‘ rief Gerk.

‚Ja und wo wart ihr die ganze Zeit.‘

‚Es hieß wir sollten zu Hause auf weitere Nachricht warten und es würde uns jemand abholen kommen, wenn es etwas zu tun gibt. Währenddessen sollten wir das Handbuch aufmerksam durchlesen. Wir haben uns sogar von unserem Ersparten die Sachbücher gekauft, die empfohlen wurden.‘ berichtete Gerk.

‚Und dazu sind wir eigens bis nach Bistritz gefahren!‘ meinte Tirsch, räusperte sich und fuhr dann fort. ‚Mit dem Fahrrad!‘

‚Dann müssen wir uns verpasst haben, habt ihr es denn nicht mitbekommen?‘ fragte der Totengräber.

‚Was mitbekommen?‘

‚Ja, die unerklärlichen Tode beim letzten Vollmond.‘

Jemand vom Nachbartisch drehte sich um und meinte ziemlich ernst: ‚Der Wolf hat sie sich geholt, weiter nichts!‘

Der Dorfdepp packte die Schankmaid bei der Hand, fing an zu jaulen und zu tanzen. ‚Ja, der Wolf der auf zwei Beinen tanzt. Jaaaaaauuuuuuhhhhh!‘

Der Wirt packte den Dorfdeppen, hielt ihm den Mund zu und zerrte ihn in die Küche. Dann kam er wieder und meinte: ‚Der Wolf war es und nichts weiter!‘

‚Ihr habt recht und gebt mir doch eine Flasche von eurem Wein, wir wollten eh grad gehen.‘ meinte der Totengräber, schnipste ihm ein Silberstück entgegen und fuhr dann fort. ‚Und ein Paar von den gelegten Broten!‘

‚Kommt sofort!‘ meinte der Wirt in seiner eigenen schmierigen Art und stieß seine Tochter an, während er das Silberstück auf seine Echtheit überprüfte.

‚Dafür bekommt ihr 2 Flaschen von meinem besten Wein und die Brote oben drauf.‘ rief er dann und klatschte in die Hände.

Wenig später überreichte er Tirsch das Päckchen mit den Broten und zischte: ‚Was habt ihr denn mit dem da zu schaffen?‘

‚Ach, meine Großmutter hat mir nur aufgetragen ihm bei seiner Arbeit zu helfen. Sie hat doch immer die Blumen gebracht für die unbekannten Toten. Und der Herr da oben mag es wahrlich nicht, wenn man ein Versprechen bricht, was man auf dem Totenbett gegeben hat.‘ rief Tirsch, zog seine Mütze vom Kopf und blickte den verwunderten Wirt andächtig an. Der Wirt machte 3 Kreuzzeichen, drückte Gerk die zwei Weinflaschen in die Hand und meinte abschließend. ‚Gebt bloß auf euch Acht. Der Mond scheint voll heute Nacht!‘

‚…der Wolf weiter nichts!‘ murmelte der Totengräber und humpelte aus der Taverne.

Als sie allein vor dem Gasthaus standen, zischte er ihnen zu: ‚Unwissendes und ignorantes Pack!‘

‚Wer hat dir nur so schwere Wörter beigebracht?‘ fragte Tirsch und grinste ihn albern an.

Der Totengräber blickte ihn fassungslos an, sagte aber nichts und humpelte ein paar Schritte weiter von der Taverne weg.

‚Sag mal, Totengräber! Seit wann humpelst du?‘ fragten die beiden Jungs.

‚Ich war ihm tagelang auf der Spur und doch hat er mich abgehängt.‘

‚Wer?‘ wollte Gerk wissen.

‚Der Wolf, wer sonst!‘

‚Das erklärt aber nicht dein Humpeln!‘

‚Ich bin über eine Wurzel gefallen und aufs Knie gestürzt. Keine Sorge, ich war nicht nah genug dran, als dass er mich hätte beißen können.‘ meinte er und lief über die Straße.‚Ich hab meinen Beobachtungsposten im Stall aufgeschlagen.‘

Es begann zu regnen. Sie duckten sich unter das Dach des Schobers und versuchten nicht weiter aufzufallen. Nach gefühlten Stunden anhaltenden Regens, begann es zu Stürmen und zu Gewittern. Und sie harrten immer noch im Stall aus, in der Hoffnung, dass etwas Außergewöhnliches geschehen möge. Der Regen kam sintflutartig vom Himmel und schon bald tropfte es durchs undichte Dach.

‚Ganz schön feucht hier!‘ meinte Tirsch, der an einem Stab herum schnitzte. Ein Blitz erhellte das Geschehen einen Moment lang und dann donnerte es.

‚Was schnitzt du denn da eigentlich?‘ fragte der Totengräber, der ihn noch dazu misstrauisch anstarrte.

‚Einen Stock, falls es mit deinem Knie schlimmer wird. Weil ich hab in den letzten Wochen jeden Tag einen Palmarec geschnitzt und am Sonntag auch mal zwei…‘ fing Tirsch an, wurde dann aber von Gerk unterbrochen. ‚Und der Pfaffe weigert sich schon seit einer geschlagenen Woche sie zu weihen!‘

‚Mit dem Pfaffen habe ich eh noch ein Hühnchen zu rupfen, der ist nämlich zur Mitarbeit verpflichtet.‘ flüsterte der Totengräber. Es tat einen gewaltigen Schlag und wieder blitzte und donnerte es. Der Totengräber blickte noch misstrauischer nach draußen: ‚Es muss ganz in der Nähe eingeschlagen haben!‘

‚Der Herrgott gibt es und der Herrgott nimmt es!‘ meinte Tirsch und schnitze weiter.

‚Du hast echt ein Gemüt wie ein Fleischerhund!‘ nuschelte der Totengräber.

‚Hatte deine Oma nicht mal einen Fleischerhund?‘ rief Gerk aufgeregt.

‚Der Herr ist hoffentlich mit Beiden. Mögen ihre Seelen in Frieden ruhen…!‘ meinte Tirsch, kam dann ins Stocken und fuhr erst fort, als er mit dem Stab auf die Tavernentür zeigte. ‚Wenn man vom Teufel spricht…!‘

Der Pfaffe war gerade in der Taverne verschwunden und wenig später kamen alle aus der Taverne gestürmt. Sogar der Wirt, der seine Tochter mit sich schleifte. Sie liefen Richtung Kirche.

Der Totengräber rappelte sich auf und war im Begriff loslaufen zu wollen, doch Tirsch und Gerk waren schneller. Tirsch hatte ihn noch den Stecken in die Hand gedrückt und war verschwunden.

Als der Totengräber endlich an der Kirche ankam, sah er schon den Grund des Aufruhrs.

Der Blitz hatte im Kirchturm eingeschlafen. Zum Glück war das Feuer von dem starken Regen gleich wieder gelöscht worden, doch heruntergefallene Trümmer waren durch die Dachkonstruktion der Kirche gestürzt und die halbe Kirche war eingestürzt.

Die Dorfbewohner versuchten zu retten, was zu retten war. Und Tirsch und Gerk sahen sich nach etwas Ungewöhnlichen um.

Weiter nichts, außer dem Offensichtlichen. Bis der Dorfdepp zu niesen begann.

‚Riecht nach nassen Hund.‘ rief er und fing wieder an zu tanzen.

Tirsch und Gerk wurden hellhörig und schnupperten sich durch die Dorfbewohner, bis sie an der Tochter des Wirtes hängen blieben, die sie Beide mit glühend roten Augen anstarrte. Sie hörten noch ein Knurren, dann ein Fauchen. Ihre Beine verwandelten sich, in dem Moment als der Regen aufhörte und die Wolken den Vollmond freigaben, in etwas Unmenschliches. Sie fing augenblicklich an zu jaulen, sprang über die beiden Jungs hinweg und landete auf dem Dorfdeppen. Im nächsten Moment hörte man ziemlich viel Blut auf den Boden britscheln, noch bevor der tote Körper des Deppen auf den Boden krachte und die mittlerweile ziemlich haarige Tochter der Wirtes auf allen Vieren davon sprang. Der Totengräber spannte seine Armbrust, zielte auf sie und schoss, doch der Wirt warf sich in den Weg und fing den Bolzen mit seinem eigenen Körper auf.

‚Du dummer Naar, sind nicht schon genug Deppen gestorben, für einen Abend!‘ rief der Totengräber, der zu dem Wirt hinüber humpelte, der bereits stöhnend zu Boden gesunken war.

‚Aber sie ist doch meine Tochter!‘ flüsterte er dem Totengräber zu, als er ihn packte und versuchte die Wunde mit den Händen abzudrücken.

‚Aber sie hat schon das halbe Dorf auf dem Gewissen.‘

‚Versprich mir, dass meine Tochter nicht leiden…! röchelte der Wirt und starb in den Armen des Totengräbers. Dieser schloss dem Wirt die Augen und zog ihm den silbernen Bolzen aus der Brust. ‚Der Pfaffe kümmert sich um dein Seelenheil, mein Freund!‘

Er rappelte sich auf und ging zu der Leiche des Dorfdeppen hinüber. Er nahm seinen Geldbeutel zog zwei Silbermünzen heraus und legte sie in die klaffende Halswunde des Toten.

‚Wir sollten ihn sicherheitshalber verbrennen!‘ meinte er und blickte den Pfaffen an.

Der Pfaffe nickte.

‚Und sorgt dafür, dass die Silbermünzen dort bleiben…!‘ rief der Totengräber und wickelte ein Tuch um den blutigen Hals des Dorfdeppen.

Der Pfaffe nickte wieder.

‚Tirsch!‘ rief der Totengräber und Tirsch antwortete wie aus der Pistole geschossen. ‚Jawohl!‘

‚Nimm die Armbrust! Und Gerk!‘ rief der Totengräber wieder, drückte Tirsch die Armbrust und den blutigen Bolzen in die Hand.

‚Jawohl!‘ schrie Gerk.

‚Den silbernen Nagel!‘

‚Steckt in der Wirtstochter!‘ rief Gerk beinahe ratlos.

‚Dann wird sie nicht weit kommen! Ich hab da noch eine Überraschung für sie!‘ rief der Totengräber, zog eine Flinte unter seinem Mantel hervor und fuhr fort. ‚Dann lass uns ihr das Fell über die Ohren ziehen!‘

Sie liefen los und verschwanden an der Stelle, wo die Wirtstochter im Wald verschwunden war. In dieser Nacht hörten die Dorfbewohner zwei Schüsse. Und am nächsten Morgen zogen Rauchschwaden durchs Dorf und es roch verdächtig nach verbrannten Hund.

Wintervollmondnacht

Wintervollmondnacht

Der Blick im Dunkeln ins Tal war atemberaubend. Durch die verschneite Landschaft konnte man über das ganze Tal blicken, obwohl es schon kurz vor Mitternacht war. Der Vollmond erhellte die Winterlandschaft noch mehr. Sie hatte das Gefühl, als würde sie jede einzelne Schneeflocke anblinzeln.

Die klirrende Kälte ließ ihr die Nasenflügel beim Atmen aneinander kleben. Schwer atmend wickelte sie den Schal noch fester um ihr Gesicht und machte sich an den Abstieg. Die Kälte saß ihr schwer in der Brust. Der gefrorene Schnee knirschte unter ihren Trippen. Die Kraxe auf ihrem Rücken war schwer, hielt ihr aber den kalten Wind vom Rücken.

Der Bauer wird sich schon Sorgen machen, weil sie so spät noch nicht wieder aufm Hof war. Sie war zu Besuch bei ihrer Großmutter gewesen und sie hatten sich so viel zu erzählen. Deswegen war sie jetzt auch viel zu spät noch unterwegs. Aber jetzt hatte sie es fast geschafft, sie musste nur noch den Berg wieder hinunter laufen, dann noch durch den Ort und dann war sie wieder daheim.

Mit den Gedanken an die warme Stube, machte sie einen Schritt den Abhang hinab, trat dabei wohl auf eine Eisplatte und rutschte aus. Sie konnte sich mit dem Wanderstab gerade noch abfangen. Und in dem Moment als sie sich gerade wieder aufrappelte, kam sie erneut ins Rutschen. Der Schnee gab unter ihr nach und sie rutschte mit samt allen Schnee den Hang hinunter. In einer Wolke aus aufgewirbelten Schnee purzelte sie den gesamten Berg hinab und kam erst wieder zum Stillstand als sie mit dem ganzen Körper an einer Holzwand des ersten Hofes auftraf.

Von der Wucht des Aufpralls stürzte sie in den Schnee zurück und wurde vom nachrutschenden Schnee begraben. Reglos blieb sie liegen. Die Kraxe hatte sich im Laufe ihres Sturzes entleert und war dann unter ihr zerbrochen.

Benommen versuchte sie ihre Arme zu bewegen. Sie hatte den Wanderstab immer noch in der Hand und umklammerte ihn vor ihrer Brust. Beim Zusammenstoß mit der Hütte hatte sie sich die Hand verletzt, deswegen konnte sie nun auch den Stab nicht loslassen, weil ihre Finger vor Schmerzen so verkrampft waren. Sie atmete schwer aus und blies dabei den Schnee von ihrem Gesicht.

Plötzlich griff sie jemand an ihren Arm und riss sie hoch. Sie öffnete den Mund um schmerzerfüllt aufzuschreien. Es fiel ihr aber nur noch mehr Schnee in den Mund. Vor Schmerz hatte sie dann den Stab doch losgelassen. Dem Ersticken nahe versuchte sie den Schnee auszuhusten. Die starken Hände, die sie gepackt hatten, nahmen sie nun um den Ellbogen und halfen ihr fast schon behutsam aus dem Schnee. Es wurde mit ihr geredet, sie verstand aber kein Wort. Sie wurde nun geschüttelt, weil sie keine Reaktion gezeigt hatte.

Ihr Helfer hob sie grob über die Schulter und trug sie fort. Sie ließ es einfach geschehen, in der Hoffnung ihr würde schon geholfen werden. Zu mehr hätte sie eh die Kraft nicht gehabt. Sie wurde umständlich auf einen Stuhl gesetzt. Dann erst konnte sie die Helligkeit wahrnehmen. Es wurden ihr die Schuhe und Strümpfe ausgezogen und es wurden ihr die Füße mit einer körnigen Masse eingerieben. Erst nach einer Weile stieg ihr der Geruch von Senf in die Nase. Ihr wurde eine warme Flüssigkeit eingelöst. Es war irgendwas mit Schnaps. Sie hustete wieder. Unscharf konnte sie einen Mann erkennen, der ihr aus den nassen Klamotten half.

Nachdem ihr ganzer Körper vor Kälte bebte, ließ sie auch dies wehrlos geschehen. Langsam kamen die Töne in ihr Ohr zurück. Sie hörte erst ganz leise jemand neben ihr reden, dann wurden die Worte immer lauter, bis sie so laut waren, dass sie das Gefühl hatte, dass ihr Kopf jeden Moment zerspringen würde.

‚Geh Bua, lauf zum Dokta nüber. Der soi beim Huababauer bescheit gem und dann her kemma.‘

‚Ja, ähm!‘

Nix, ähm! Der Dokta is da oanzige mit am Telefon im Ort. Und da Huababauer ist da oanzige drüm in Kirch, er soi zum Sattler Toni nüber laufn… Muss i dir ois vorkaun!‘

Sie verstand nicht wirklich, was da geredet wurde. Am Ende des Gespräches spürte sie nur einen kalten Luftzug und hörte eine Tür knallen. Jemand legte ihr eine Decke über die Schultern, nahm sie hoch und trug sie zur Ofenbank. ‚Da hast di aber gscheit verlaufn, Traudl!‘ sagte die Stimme von vorhin zu ihr. Er nahm sie am Kinn und zog ihren Kopf hob. ‚Traudl?‘

Sie öffnete die Augen vollends und starrte in ein freundliches, aber wettergegerbtes Gesicht, dass sie zu kennen schien. Es fiel ihr aber nicht ein, wer sich da so liebevoll um sie kümmerte.

Sie dämmerte wieder weg, bis sie leichte Schläge gegen ihre Wangen verspürte.

‚Des könnt a bissal weh tun!‘ meinte ihr Helfer mit ruhiger Stimme und in dem Moment hatte er ihre Finger schon wieder eingerenkt und vor Schmerz war sie nun endgültig ohnmächtig geworden.

Der Bub war mit einer schlechten Nachricht wieder gekommen. Der Doktor sein wohl bei seinem letzten Hausbesuch eingeschneit worden. Das Telefon sei tot und der Schneepflug sei irgendwo zwischen Berg und Kirch steckengeblieben. Ihr Helfer versorgte die bewusstlose Traudl und brachte sie in sein Bett.

Als sie wieder erwachte, lag sie in einem Bett. Jemand saß neben ihr und war auch eingeknickt. Sie erkannte den Hufschmied zu Berg. Sie hatte sich wohl wirklich ganz schön verlaufen. Tastend suchte mit ihrer Hand nach der Seinen. Er war erwacht, kam ihr mit seiner Hand entgegen und hielt sie fest. Dann flüsterte er: ‚Ois wird guat, der Schneepflug wird kommen!‘

Die letzte Vollmondnacht

Die letzte Vollmondnacht – eine kleine romantische Vorstellung von Beltane –

Sie rannte durch den dämmernden Wald. Der Mond war bereits aufgegangen, doch die Sonne war noch nicht vollends untergegangen. Mystisches Licht traf auf den aufsteigenden Nebel. Sie rannte um ihr Leben. Wahrlich ging es um ihr Leben. Um ihrer Liebe willen würde sie alles tun. Auch in den Tot gehen. In dieser Vollmondnacht gab es nur ein Ziel. Dieses Ziel hatte sie bereits vor Augen. Sie hoffte inständig, dass ihr Liebster auch das gleiche Ziel verfolgen würde, wie sie. Sie hatten nur diese eine Möglichkeit für immer zusammen zu kommen, diese Eine und der Tod.

Auch wenn die Große Mutter sie dann nicht in ihren Schoß aufnehmen würde, würde sie sich vom höchsten Berg stürzen, wenn sie am Ende dieser Jagd nicht ihren Liebsten im Arm halten würde. Noch ein weiteres Jahr konnten sie es einfach nicht verheimlichen.

Sie lief weiter durch den Wald und hatte nur noch ihr Ziel vor Augen, dass gerade hinter einigen Bäumen verschwunden war. Der Waldboden war mit altem Laub und Moos bedeckt. Die ersten Blümchen stießen schon durch den Unrat des Winters und mit dem Blumen fasste sie wieder neue Hoffnung.

Die anderen Jägerinnen hatte sie bereits seit langem hinter sich gelassen. Wobei sie sich nicht ganz sicher war, ob der Hirsch nur ein Trugbild war, ob er sie nur auf eine falsche Fährte führen wollte. Der Zweifel in ihrem Kopf kämpfte mit der Hoffnung in ihrem Herzen. Sie rannte immer weiter und sah den Hirschen gerade noch, wie er hinter einem Hügel verschwand. Wenn sie beide an dieser Aufgabe scheitern würden, würden sie nach dem Wunsch ihrer Sippen mit jemand anderen verheiratet werden. Noch vor dem Cerridwen würden sie sich dann nie wieder sehen können.

Ihr Liebster war der Spross einer verfeindeten Sippe. Bis jetzt hatten sie ihre Liebelei ganz gut geheim halten können. Aber lange konnte sie dieses Versteckspiel nicht mehr durchhalten. Die Missgünstigen wurden schon hellhörig. In einer Zeit, in der sich niemand mehr daran erinnern konnte, warum ihre Familien eigentlich verfeindet waren, hatten sie sich doch gefunden. Sie wusste, dass gerade heute Nacht die Liebenden unter einem gutem Mond standen.

Die Hoffnung hatte für einen Moment die Oberhand, als sie schwer atmend den Hügel hinauf lief. Sie hob ihren Speer ein wenig an und klammerte ihn fest in ihre Wurfhand. Als ihr Blick über die Kuppe fiel, sah sie den Hirsch im letzten Sonnenstrahl des Tages stehen. Die Sonne blendete sie so, dass sie ihre andere Hand vor die Stirn halten musste, um ihn weiter betrachten zu können. Die Sonnenstrahlen ließen sein weißen Geweih noch mehr erstrahlen und über ihm prangte der Vollmond. Er war weiß. Nur wenige Meter vor ihm, stürzte sie auf ihre Knie und dankte dem Gehörnten für sein Vertrauen. Angesichts dieses Zeichens schnitt sie mit ihrer Lanzenspitze in ihre Hand und lies einige Tropfen ihre Blutes auf den Waldboden fallen. Dann schwor sie, dass heute Nacht nur ihr Blut vergossen werden würde und sie dieses Wesen mit ihrem Leben beschützen würde. Dann lies sie noch einen Tropfen Blut auf die Erde fallen und schwor sich, dass egal wie diese Nacht noch ausgehen mochte, sie dem elendiglichen Streit ihrer Sippen endgültig ein Ende bereiten würde. Koste es was es wolle.

Sie stieß den Speer in den Boden, schrie laut auf und hielt dem weißen Hirschen die blutige Hand hin. Der Gehörnte, keineswegs aufgeschreckt von ihrem Schrei, tat ein paar Schritte auf sie zu und schnupperte an ihrer Hand. Als er die Zunge ausstreckte, um ihre Wunde zu berühren, kam ein zweiter Hirsch auf die Kuppe gelaufen. Auch er war weiß, wie Schnee. Hinter ihm kam ihr Liebster im vollen Lauf den Hügel hinauf gelaufen. Aber in dem Moment, als er den Speer zum Wurf erhob, erkannte er die beiden Weißen und seine Liebste in ihrer Mitte. Mit übermenschlicher Gewalt rammte auch er den Speer in den Boden und stürzte im vollen Lauf auf die Knie. Der Speer zitterte noch unter der Gewalt, mit der er in den Boden getrieben worden war, als er auf den Knien an ihm vorbei rutschte. Hinter ihm kamen die Priester den Hügel hinauf gelaufen. In dieser Vollmondnacht würde wohl kein Hirsch erlegt werden. Er weinte vor Glück und blickte durch den Tränenschleier auf. Die beiden Weißen liefen aufeinander zu und verschmolzen in einander. Der Mond strahlte nun heller, als die Sonne. Und der zweieinige Hirsch stellte sich auf die Hinterläufe und streckte die Vorderläufe weit auseinander. Die Verwandlung war vollendet und nun stand ER vor ihnen. Nicht Mensch, aber auch nicht Hirsch. ER war es leibhaftig. Der Gehörnte. Der Hirschgott.

ER nahm sie bei der verletzten Hand und streckte ihm die zweite Hand hin. Gebieterisch wand ER sich mit beiden um, so dass die herbeieilenden Priester sie noch kurz erblicken konnten, bevor ER mit den beiden Auserwählten hinter einer Nebelwand verschwand…

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