Früher oder später bringt der Weg dich zum Weinen.

Jakobsweg Zeitreise – Früher oder später bringt der Weg dich zum Weinen.

Wir kamen wieder aus der Wallfahrtskirche um unseren Weg fortzusetzen. Es regnete immer noch, aber es hilft alles nichts, wir müssen weiter. Der Blick runter nach Bayerbach ist gigantisch. Aber der Weg selbst war schrecklich. Durchnässt ist auch gar kein Ausdruck mehr für den Zustand unserer Sachen. Für den Zustand meines Knies finde ich auch keine Worte mehr. Wir kommen irgendwann in den Ort und suchen dann die Kirche, in der wiedermal keiner ist. Wir fragen uns durch zum Pfarramt. Ich kann echt nicht mehr. Wir irren durch Bayerbach und finden dieses blöde Pfarramt nicht. Die Fragen, die wir stellen, bringen uns auch nicht weiter, irgendwie will uns keiner helfen. Am Kindergarten werden wir wieder zurückgeschickt, wir sind anscheinend am Pfarramt vorbeigelaufen. Ist auch kein Wunder, es ist ein Wohnhaus. Wir klingeln, es macht keiner auf. Ich kann nicht mehr. Wir diskutieren, was wir jetzt machen. Hanna will weiter gehen, ich will nicht mehr. Ich breche zusammen, weil ich wirklich nicht mehr weiter kann. Hanna ist mit der Situation heillos überfordert, entschließt sich aber doch nochmal fragen zu gehen. Wir erfahren, dass der Pfarrer seinen Mittagsschlaf hält und wenn er dies tut, macht er grundsätzlich nicht auf, das wüsste hier jeder. Wir beschließen zu warten, bis sich der Pfarrer rührt. Also warten wir, und warten, und warten… irgendwann regt sich was im Inneren des Pfarrhauses.

Der Pfarrer steht vor der Glastür und macht uns endlich auf, nach über einer Stunde. Wir sagen wieder unser Sätzchen auf und ich überlege mir ehrlich ob ich Sternsinger werden soll. Er ist heillos mit uns überfordert. Er bittet uns erstmal rein, sagt uns aber gleich, dass er für uns eigentlich nichts tun kann. Bayerbach hat keine Unterbringungsmöglichkeit für uns und vorallem nicht der Pfarrer. Was sollen da die Leute sagen, wenn er zwei junge Pilgerinnen aufnimmt. Er hat aber so ein schlechtes Gewissen, weil er uns nicht helfen kann und drückt jeder von uns 20 Euro in die Hand, schickt uns aber dennoch weiter.

Das Wetter ist mittlerweile wesentlich besser, der April tut gerade so, als hätte es heute nie geregnet. Hanna läuft voraus und ich humple hinterher. Am Beginn unserer Pilgerschaft war ich immer vorne und musste immer auf die Hanna warten, jetzt ist es umgekehr, was für mein Gemüt nicht unbedingt so prickelnd ist. Als Kind habe ich wandern mit meinen Eltern immer gehasst, weil mein Vater immer voran gelaufen ist und meine Mutter und meine Schwester haben immer versucht den Anschluss nicht zu verpassen. Und ich war immer die Letzte und hatte immer die Angst sie würden mich in der Wildnis zurücklassen. Genau so fühle ich mich jetzt, dabei sind wir mitten in Bayerbach.

Am Bahnhof von Bayerbach haben wir uns vorsichtshalber mal erkundigt, wie des mit den Zügen so ist. Ja, es ist ein Bahnhof und es kommt ganze 3mal am Tag ein Zug. Wir entschließen uns weiterzulaufen, bevor wir jetzt abbrechen und uns 3 Stunden am Bahnhof den Arsch abfrieren, weil ein Bahnhofsmission gibt es in Bayerbach nicht, dass wurde an Privat verkauft. Also weiter geht es.

In Huckenham entscheiden wir uns nochmal nach einer Unterkunft zu fragen. Wir hoffen inständig auf die Nächstenliebe der Bewohner von Huckenham. An der ersten Tür, an der wir klingeln, kommt nach einer Weile, ein Freizeichen und dann geht der Anrufbeantworter an die Tür. Ganz schön strange. Wir sprechen nichts drauf, außer mein verwundertes: ‚Häh!‘

Dann kommt eine Frau aus einem anderen Haus, die kann uns auch nicht helfen, lässt uns aber in die kleine Kapelle zu Huckenham. Die auch echt malerisch ist, sie ist aber immer versperrt, wegen den Diebstählen in der Gegend. Eigentlich echt der Hammer, wer klaut was aus einer Kirche?

Da kann ich mich an ein Ereignis in meiner Kindheit erinnern, da ist in der Klosterkirche Fürstenfeld, dem kleinen Jesuskind die Königsinsignien geklaut worden. Dann wurde die Klosterkirche solange für die Öffentlichkeit gesperrt, bis sie sie ordentlich vergittert hatten. Seit der Zeit, konnte ich das Jesuskind nur noch durch Kitterstäbe sehen. Erst wird des eh schon nackerte Jesuskind beklaut und dann wird’s auch noch dafür eingesperrt. So komisch ist die Welt.

Ich schweife schon wieder ab, ich weiss. Die Frau, die uns nicht helfen konnte, rannte gleich mal zum Nachbarn, um den zu fragen, ob er uns helfen kann. Vergeblich. Da war jetzt nur noch ein Hof in Huckenham, unsere letzte Hoffnung. Da war ein Herr, der gerade Holz schnitt, der war total von uns begeistert, er hatte uns schon gesehen und hat gleich erkannt, dass wir Pilger sind. Weil er hat gewusst, dass der Jakobsweg an Huckenham vorbeiführt, weil er an dem Jakobswegschild jeden Tag unzählige Male mit dem Traktor vorbeifährt. Er schleift uns auf den Hof, seine Frau ist recht mürrisch. Sie will uns nicht übernachten lassen, er aber schon. Sie hat Angst, dass wir die Ferienwohnung dreckig machen könnten, des ist irgendwie verständlich, so wie wir aussehen. Der Mann überredet sie, weil er es so toll findet, weil zwei so junge Frauen pilgern. Wir versprechen keinen Dreck zu machen und auf dem Boden zu schlafen. Sie gibt irgendwann nach. Wir müssen die Schuhe vor der Tür ausziehen und sie warnt uns nochmal inständig davor Dreck zu machen.

Wow, eine richtige Suite. Wir rühren nichts an, anfangs nichtmal den Fernseher. Ich konnte nach langem Verhandeln mit Hanna wenigstens die Nachrichten rausschlagen. Wir drehten alle Heizungen auf und trockneten erstmal alle unsere Sachen. Ich sitze nun auf dem Sofa, von dem ich mich nun nicht mehr runter bewege. Ich schone mein Knie. Wir essen unsere Vorräte auf, irgendwie haben wir schon gewusst, dass wir morgen heimfahren werden. (Mir ist eingefallen, dass wir den Anderl telefonisch vorgewarnt hatten, für den Fall, dass wir morgen abbrechen!) Obwohl wir nicht darüber geredet hatten, die nächste Bahnstation ist in Bad Birnbach und bis dahin sollten wir doch noch kommen, oder?

Es ist übrigens schon den ganzen Tag und die letzten zwei Blogs lang, der 03.04.08 und morgen ist ein neuer Tag.

Jakobsweg Zeitreise – Welche Religion?

Jakobsweg Zeitreise – Welche Religion?

Der Pfarrer von Karpfham war ein ganz netter, wir waren ja auch platschnass, er wollte uns auf jedenfall helfen und nachdem wir nicht wirklich in einer Pension schlafen wollten, weil das einfach viel zu unauthentisch gewesen wäre, überlies er uns den Pfarrsaal. Er meinte nur, dass wir damit rechnen müssten, dass der Kirchenchor heute noch Proben würde, aber ansonsten könnten wir dort bleiben.
Der Pfarrsaal war riesig und wir konnten erstmal unsere Planen und unsere Röcke trocknen und schauen, ob noch irgendwo in der Kraxe was nass geworden war.
Plötzlich stand die Kommunionsgruppe da und kuckten komisch. Wir erklärten uns, und nachdem wir sowieso noch was einkaufen gehen wollten, gingen wir zum hiesigen Edeka. Ich wollte eine neue Flasche kaufen, damit wir einen Ersatz für den kaputten Trinkschlauch haben würden.
Vor lauter 5-Minuten-Terrine, Sonderangebote und Schokolade, hätte ich beinahe mein ganzes Geld ausgegeben, was ich noch hatte. Wir gingen aus dem Laden und ich wollte gegenüber in die Bank und noch ein bisschen Bares holen. Als wir über die Straße gehen wollten, hielt ein Wagen (Ohne zu Blinken!) mitten auf der Straße und einige Jugendliche fragten uns: ‚Welche Religion?!‘
Und was soll man auf so eine Unverschämtheit eigentlich antworten? Hanna sagte ‚Keine!‘ Ich dachte ‚Arschloch!‘ und für den Fall, dass nochmal jemand so eine Frage stellt, täusche ich einen Herzinfakt oder eine göttlich Eingebung vor oder ich sag einfach: ‚Sie verstoßen gegen die Verkehrsregeln, wenn Sie einfach so auf der Straße nach einer Kurve stehenbleiben, ohne zu blinken! Sie Arschloch!‘ Des war jetzt wieder, die Jugend heutzutage!
Ich holte dann Geld bei der Bank und dann viel mir ein, dass ich gar nichts zu trinken gekauft hatte. Also lief ich nochmal über die Straße und holte mir ein rotes Hohes C und dann gingen wir mit unseren Einkäufen in die Kirche und machten ein paar Fotos. Die Kirche war mit einer Alarmanlage gesichert, ist ja auch kein Wunder, bei der Jugend heutzutage.
In Zukunft bin ich jetzt einfach wieder katholisch, wenn jemand fragt, und wer Pilger verarscht kommt in die Hölle! Es stinkt mich immer noch an, dass man sich nur so aufführen kann. Unglaublich!
Zurück im Pfarrsaal war die Kommunionsstunde in den letzten Zügen, die Kinder bastelten übrigens Jakobsmuscheln.
Sobald alle verschwunden waren, breiteten wir uns aus und machten uns was zum Essen und Tee. Wie schön! Ich machte es mir gemütlich und fing wieder an zu schreiben.
Irgendwann kam dann doch der Chor, sie probten dann in der Kirche, aber einige Damen ratschten erst noch mit uns, es war sehr interessant. Wir gingen dann bald schlafen, vom Bettenbau gibt es eh ein Foto und ich schlief wieder hervorragend.
Am nächsten Morgen liefen wir wieder früh los, auf nach Schwaim. Da kam uns wieder mein Morgenschiss in die Quere, aber da war zum Glück ein Gasthof, der schon offen hatte. Das Wetter ist nicht gerade berauschend, aber zumindest regnet es nicht. Von Schwaim ging es nach Asbach und einen unbarmherzigen Berg zum Kloster Asbach hinauf. Mittlerweile regnet es wieder. Mein Knie bringt mich schier um, aber irgendwie haben wir es nach oben geschafft. Wieder ist alles total ausgestorben. Im Gasthof ist tote Hose, aber wir können die Kraxen stehen lassen und rasten, pinkeln und dann das Kloster erkunden. Das Kloster war gigantisch, zwar hinter Gittern, aber gigantisch. Hier auf dem Berg sind gerade mal zwei Friedhofsgärtner/Bauarbeiter und zwei Küchenangestellte im Gasthof, ansonsten ist hier ja mal gar nichts los. Wie vorher schon in so vielen Kirchen nichts los war. Schade irgendwie.

Die nächste Etappe ist der blanke Horror, kaum sind wir aus der Klosteranlage raus, fängt es wieder tierisch zu schiffen an. Wir stellten uns unter ein Garagendach, aber irgendwann sind wir dann doch im Regen weitergelaufen. Verfolgt von Schafkäse-Schildern jagen wir weiter, mein Knie ist schon fast taub, könnte aber auch an der Kälte liegen. Schneller als der Trott es eigentlich erlaubt versuchen wir Strecke zu machen. Mein Knie behindert mich so sehr, dass ich mittlerweile nicht mehr auftreten kann und habe eine Art Veitstanzsprung mit Pilgerstab entwickelt, um überhaupt noch weiterzukönnen. Wie komisch ich aussehen muss, versuche ich mir besser nicht auszumalen.

Irgendwo bei Neugertsham machten wir dann an einem neugebauten Haus Brotzeit. Nachdem wir nicht im Dreck essen wollten, beschlossen wir auf der Terrasse des neugebauten Hauses zu speisen. Zur Terrasse führten einige Stufen. Ich musste auf allen Vieren die Stufen hinaufkraxeln. Aber als wir da auf der Bank saßen, kam die Sonne raus. Der Herr hat doch ein Einsehen mit uns.

Kaum hatten wir die Kraxen wieder auf dem Buckel, fing es wieder zu schiffen an. Es geht weiter, nass, aber es geht weiter, humpelnd, aber es geht weiter. An einer Kreuzung wussten wir nicht wirklich mehr weiter, die Karte machte uns auch nicht schlauer. Eine Frau kam aus einem Haus und wies uns die Richtung, wieder einen fiesen Berg hinauf. So viel Sünden können wir wirklich nicht haben, dass uns der Herrgott, oder wer auch immer, so strafen tut. Das haben wir jetzt mit der Vielgötterei. Um den Moment noch dramatischer zu machen, fängt es wieder stärker zu regnen an. Der Berg ist die Hölle, mein Knie, ja mein Knie, ich bin für eine Amputation, nur dass ich nicht weiterlaufen muss. Der Berg kennt keine Gnade, doch irgendwann sehen wir oben am Berg eine Kirche, die immer größer wird, um so näher wir kommen. Es ist ja ganz klar, dass dies einfach so ist, aber beim Pilgern ist es ein Hoffnungsträger, der immer größer wird, bis man es dann bis vor die Kirchenpforte geschafft hat. Wir stellten uns in der kleinen Wallfahrtskirche Langwinkl unter. Nachdem wir von ein paar Hofhunden verbellt wurden, beschlossen wir in die Kirche zu gehen, um etwas zu rasten. Da sind dann auch ein paar Fotos entstanden, die wirklich widerspiegeln, wie fertig wir an diesem Punkt unserer Wanderschaft waren. Wir beschlossen uns in Bayerbach eine Unterkunft zu suchen, weil ich nachwievor Knieschmerzen hatte und wir beide schon völlig durchnässt waren.

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