Igor – Hinter dem Fluss und immer weiter… Teil 3

Igor 2.0

Hinter dem Fluss und immer weiter… Teil 3

Elvira wurde wach. Einfach so. Utrecht lag halb auf ihr drauf und hielt sie immer noch in seinen Armen. Sie konnte seine morgendliche Erregung spüren. Lächelnd schob sie ihren Körper unter dem Seinem hervor. Sie konnte nicht mehr schlafen, geschweige denn liegen und außerdem musste sie dringend den Tee loswerden, den sie ihr in der vergangenen Nacht ständig eingeflößt hatten. Sie krabbelte über den reglosen Körper von Utrecht und blieb vor dem erloschenen Feuer stehen. Als sie sich nach dem Feuerholz bückte, erblickte sie Igor, wie er immer noch mit dem Hund kuschelte und vor sich hin schnarchte. Er sah sehr zufrieden aus. So leise wie möglich legte sie Holz in die Glut und mit einem kleinen Schnipsen ihrer Hand brannte das Feuer wieder.

Dann suchte sie ihre Schuhe. Stulpe schnellte aus dem Schlaf hoch und beobachtete Elvira, wie sie mit ihren halb angezogenen Schuhen nach draußen stolperte. Die Sonne koch gerade erst über die vorgelagerten Hügel. Ein ‚Tzzz…Tzzz!‘ lies sie nach oben blicken. Ihr Bruder saß auf einem Felsvorsprung und grinste sie an. ‚Guten Morgen, meine Liebe!‘

‚Guten Morgen!‘ grummelte sie, blickte ihn angestrengt an und stolperte weiter mit offenen Schuhen hinter den nächsten Felsvorsprung außer Sichtweite. Wenig später kam sie wieder und zupfte ihre Röcke zurecht.

‚Möchtest du zu mir rauf kommen?‘ fragte er und hielt ihr die Hand hin.

‚Ähm, einen Moment!‘ meinte sie kurz und ging in die Hocke. Sie nestelte an ihren Schuhen herum, dann rappelte sie sich auf und blickte ihrem Bruder entgegen. Kurzerhand wickelte sie ihre Röcke zusammen, steckte den Saum in den Bund und kletterte zu ihm auf den Felsvorsprung. Auf halber Höhe griff er nach ihrer Hand und zog sie zu sich hinauf.

‚Na, gut geschlafen?‘

‚Ein bisschen kalt wars.‘

‚Hat er dich denn nicht gewärmt?‘

‚Doch schon!‘ flüsterte sie und errötete leicht.

Hengelder zog eine Augenbraue hoch und blickte sie ernst an.

‚Nein, nicht was du jetzt denkst. Aber es ist doch ungewohnt einen Mann neben sich liegen zu haben.‘ meinte sie leicht verwirrt.

‚Ich versteh schon.‘ grinste Hengelder. ‚Und noch dazu ist er ein echter Morgenmuffel.‘

Stulpe kam aus der Höhle, blickte nach oben und grinste beide an. Er ging sich auch erst mal erleichtern und als er wieder zu ihnen kam, meinte er: ‚Hengelder, kletter doch mal nach oben, von dort hat man eine gute Aussicht über die Ebene.‘

‚Bei Sonnenaufgang hab ich noch nichts erkennen können, aber nachdem ich ja jetzt eine Ablöse habe…!‘ meinte er, stand auf und kletterte die Felswand hinauf.

‚Sag mal Elvira, du kannst doch noch mit dem Bogen umgehen?‘

‚Ich denke schon.‘

‚Ich lass dich ablösen, sobald Pürkel gefrühstückt hat.‘

‚In Ordnung!‘

Stulpe ging wieder nach drinnen. Sie konnte ihn hören, wie er Pürkel und Hasenreit weckte. Es dauerte jedoch eine ganze Weile, bis sich etwas regte. Pürkel kam kauend, mit einem Becher in der Hand, aus der Höhle getreten.

‚Guten Morgen, junge Dame. Und wie war deine erste Wache?‘ mampfte er.

‚Aufregend!‘

‚Kann ich dir meinen Tee anvertrauen, während ich…!‘ meinte er und hielt ihr den Becher hin. Sie nahm den Becher entgegen und grinste. Auch Pürkel ging sich erleichtern und Elvira kletterte indes von dem Felsvorsprung hinab. Als sie wieder mit beiden Beinen auf den Boden stand, stand Pürkel bereits hinter ihr.

Sie drehte sich kurz um und ging dann wieder in die Höhle. Hasenreit kam ihr entgegen. Er hatte es sehr eilig.

‚Guten Morgen meine Liebe!‘ meinte Esmeralda. ‚Komm setz dich, Kind! Iss was.‘

Sie blickte aufs Bett und Utrecht hatte sich seinen Mantel über den Kopf gezogen. Er ist wohl wirklich ein echter Morgenmuffel. Sie zog eine Augenbraue hoch und setzte sich zu Igor und dem Hund.

‚Guten Morgen Igor! Hast du gut geschlafen?‘ fragte Elvira und nahm einen Becher und einen Napf entgegen.

‚Ja, Herrin. Ich habe gar vortrefflich geschlafen und ich lebe noch.‘ mampfte Igor, der sein Frühstück mit dem Hund teilte.

‚Hattest du denn Angst um dein Leben?‘ fragte Elvira neugierig.

Er machte eine geheimnisvolle Geste und wisperte so leise, wie es ihm möglich war. ‚Sie haben mich gewaschen. Und waschen macht krank und elend.‘

Sie musste sich ernsthaft ein Lachen verkneifen und nickte nur, während sie ihr Gesicht in ihrem Teebecher vergrub.

‚Aber heute bin ich aufgewacht, einfach so. Ohne das Geschrei und das Gewimmer im Kerker und ohne die Stimme und den Sabber des Meisters.‘ berichtete Igor.

‚Das ist doch schon mal was.‘ meinte Esmeralda, die begonnen hatte aufzuräumen, während Stulpe und Hasenreit die Pferde sattelten.

‚Dann hab ich wohl die Ehre den Morgenmuffel zu wecken?‘ meinte Elvira, als sie ihren letzten Bissen hinuntergeschluckt hatte. Sie goss Tee in ihren Becher und ging zum Bett hinüber, während Igor mit dem Hund nach draußen ging.

Leicht wie eine Feder lies sie sich aufs Bett sinken und lugte unter den Mantel.

‚Guten Morgen schöner Mann.‘ flüsterte sie.

Ein Auge blickte ihr aus einem zerknautschten Gesicht entgegen und ein Grunzen kam aus seiner Kehle, dann schloss er das Auge wieder.

‚Wir müssen bald aufbrechen.‘ wisperte sie zuckersüß und zog ihm ganz langsam den Mantel vom Kopf.

Er grunzte wieder und öffnete erneut nur ein Auge. Ein flüchtiges Lächeln huschte über sein Gesicht.

‚Ich hab einen starken Tee für dich!‘ flüsterte sie in sein Ohr. Und als ihre Lippen sein Ohr berührten, schlug wieder ein Funken über. Er riss stöhnend beide Augen auf und küsste flüchtig ihren Hals. Sie rückte von ihm ab und starrte ihn an, als hätte sie gerade den Verstand verloren. Mit zitternden Fingern drückte sie ihm den Tee in die Hand.

‚Oh, Verzeihung, ich wollte eigentlich nicht..!‘ stotterte sie und starrte auf sein Ohr. Er begriff, dass etwas nicht stimmte und griff an sein Ohr. Mit einem erstickten Stöhnen setzte er sich auf und betastete weiter sein Ohr. Tränen schossen ihm in die Augen, als er begriff, dass sein Ohr spitz gewachsen war.

‚Ich wusste nicht, dass ich es einfach so kann.‘ stammelte sie.

‚Es fühlt sich richtig gut an! Danke!‘ flüsterte er ihr zu und trank den Tee.

‚Leider sehr einseitig.‘ meinte sie, während sie mit wackeligen Beinen aufstand und ihm etwas zum Essen auf einen Teller richtete.

‚Lass für Hengelder noch etwas übrig.‘ meinte Esmeralda, die gerade an ihnen vorbeiging. Sie starrte auf sein Ohr, schüttelte den Kopf und ging weiter zu den Pferden, um den Männern beim Bepacken zu helfen. Während Utrecht aß, richtete sie ihrem Bruder das Frühstück. Ermeralda packte unter seinem Hintern quasi die Felle zusammen. Er zog seine Hose an und nahm seinen Wappenrock vom Boden auf, kaute noch an seinem letzten Bissen und ging nach draußen. Als er wieder herein kam, half ihm Hasenreit in die Rüstung, während die Frauen alles zusammensammelten und das Feuer löschten.

Pürkel stürmte in die Höhle und meinte: ‚Der Beutelrock meint, wir sollen uns sputen.‘

‚Der Beutelrock soll lieber mal seine Rüstung anziehen, wir warten nur noch auf euch!‘ meinte Stulpe, der Pürkel anblickte. Er wollte gerade die ersten Pferde raus bringen. Pürkel rannte wieder raus, Stulpe folgte ihm, mit einem Pferd und Hasenreit mit dem Nächsten.

Wenig später hatten sie alle Pferde nach draußen gebracht und Hengelder kam den Berg hinunter geklettert und lief den Pfad hinunter, den sie mittlerweile in die Wiese getrampelt hatten. Esmeralda machte sich an dem Busch zu schaffen, und die Äste verdeckten nun wieder den Eingang der Höhle. Hastig lief sie nach Hengelder den kleinen Pfad entlang. Sie lies einen kleinen Wind zur Höhle hinauf wandern und das Gras richtete sich wieder auf. Utrecht wartete schon auf Hengelder, mit seiner Rüstung in der Hand. Elvira hatte einen Becher und einen Teller in der Hand und fütterte Hengelder, während Utrecht ihm in die Rüstung half.

Wenig später preschten die Pferde über einen verschlungenen Bergpfand und schon konnte man keine Spur mehr davon sehen, dass je jemand hier gewesen war.

Am späten Abend kamen sie in ein weites Tal. Utrecht schmollte ein Wenig, weil die Männer ihn wegen seinem Elfenohr verhöhnten. Nun war er seine Einohrigkeit. Und wenn schon, es fühlte sich unbeschreiblich gut an, auch wenn er nur eines seiner Ohren wieder hatte. Er fühlte sich, als könnte er heute jeden besiegen. Hengelder jedoch hatte seit längerem das Gefühl, dass sie verfolgt wurden, also holten sie die letzten Kräfte aus den Pferden heraus und trieben sie weiter durch das Tal.

Am Ende des Tales scheuten die Tiere und Stulpe lies Esmeralda vom Pferd gleiten. Sie bückte sich und er trieb das Pferd immer näher zu ihr hin. Murmelnd stand sie mit erhobenen Armen auf und mit erhobener Hand stieg sie in den Steigbügel. Stulpe half ihr aufs Pferd und sie stieg verkehrt herum auf und kniete sich vor Stulpe in den Sattel. Sie hielt die ganze Zeit den Arm hoch, der schon zum Zittern begann. Ein Pfeil flog an ihrem Ohr vorbei und prallte gegen eine unsichtbare Wand und regnete in tausenden glühenden Stückchen auf sie herab.

‚Los reitet weiter, schnell!‘ brüllte Stulpe, während sie sich weiter aufrichtete und die Arme zitternd auseinander hielt. Hinter ihnen kam ein Burghof zum Vorschein und eine heruntergelassene Zugbrücke. Weitere Pfeile hagelten auf sie herab und nun konnte man galoppierende Pferde hören. Hengelder gab seinem Pferd einen Tritt und schlug dem Pferd von Utrecht auf den Hintern. Beide Pferde sprengten durch die Öffnung. Pfeile surrten ihnen um die Ohren. Elvira hörte ein ersticktes Stöhnen hinter sich und das Gewicht von Utrecht drückte sie nach vorne. Sie packte seine Arme und übernahm die Zügel. Utrechts Körper zuckte wieder und wieder. Stulpe drehte das Pferd und Esmeralda sprang mit einem Satz vom Pferd und schloss den magischen Gürtel, den sie vor Jahren um die Burg gelegt hatte. Die Burg wurde von den zersprengten Pfeilen erhellt, die gegen die magische Barriere prallten und glühend zu Boden prasselten.

Stulpe war in den Hof geritten und rief: ‚Erstmal sind wir sicher. Ist jemand verletzt?‘

Elvira konnte Utrecht nicht mehr halten und er stürzte vom Pferd.

Esmeralda kam herbeigelaufen und rief: ‚Ihr könnt keine Magie wirken, solange der Schutz über der Burg weilt.‘

‚Mutter!‘ schrie Elvira. ‚Aber die Tränke gehen, oder! Oder?‘

Esmeralda war schon bei Utrecht angekommen, als Elvira endlich das Pferd stoppen konnte und ungeschickt abstieg. Stulpe und Pürkel nahmen die Pferde und brachten sie in einen Stall. Hasenreit humpelte ihnen hinterher. In seinem Pferd und in seinem Bein steckte ein Pfeil.

Hengelder war vom Pferd gesprungen und riss Igor mit sich. Der purzelte zu Boden, stand aber gleich wieder auf und eilte außer Reichweite der Pferde.

Hengelder war bei Utrecht angekommen und kniete sich neben Esmeralda. Es ragten mehrere Pfeile aus seinem Körper.

‚Ich nehm ihn, lass ihn uns drinnen versorgen.‘ rief er und drängte die Frauen auf die Seite. Utrecht stöhnte erstickt, als er ihn hochhob. Blut rann ihm aus dem Mundwinkel.

Stulpe hatte schon Feuer gemacht und entzündete einige Fackeln. Hengelder lief hinter ihm durch ein Tor. Sie rannte durch die Eingangshalle und Stulpe zog eine Bank von der Seite der Wand in die Mitte und Hengelder legte Utrecht darauf. Sie öffneten seine Rüstung und brachen die Pfeilenden ab. Als sie die Brustplatte anhoben schrie er laut auf. Elvira kam angerannt und bremste auf ihren Knien.

‚Brech auch den Pfeil am Bein ab und holt dann den Hasenreit, der ist auch verletzt.‘ rief Esmeralda, als sie sich neben Elvira auf die Knie warf. Als sie den ersten Pfeil durch die Wunde trieben, wurde er ohnmächtig.

Published in: on 12. Oktober 2012 at 21:32  Kommentar verfassen  
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Igor – Hinter dem Fluss und immer weiter… Teil 2

Igor 2.0

Hinter dem Fluss und immer weiter… Teil 2

Hengelder schlich draußen durch den Wald. An einer Lichtung traf er auf ein Reh. Es stand gut im Futter. Er legte an, doch irgendwas hinter ihm schreckte es auf. Er schoss, traf das Tier gerade noch am Hals, bevor es davonspringen konnte. Dann zog er blitzschnell den nächsten Pfeil auf und machte eine schnelle Drehung. Er blickte in das erschrockene Gesicht von Dolp Hasenreit.

‚Hauptmann, bitte nicht schießen. Ich bring Euch euer Schwert und eure Rüstung.‘ rief Hasenreit aufgeregt mit den Armen wedelnd. Hasenreit kniete sich vor seinen Hauptmann, legte das Schwert und die Rüstung ab und legte sie vor seine Füße. Hengelder zog eine Augenbraue hoch und entspannte seinen Arm, nahm den Pfeil von der Sehne und steckte ihn wieder in den Köcher.

‚Hasenreit! Wie…?‘ rief Hengelder erstaunt. Er musste schlucken. ‚Ich bin sprachlos!‘

‚Ich hab Stulpe belauscht, als er Lady Esmeralda geholt hat.‘

‚Und dann hast du uns verfolgt?‘

‚Ich hab noch ein paar Sachen gepackt und hab versucht euren Spuren zu folgen.‘

‚Und wie, bei allen Göttern, hast du uns gefunden?‘

‚War nicht einfach.‘

‚Hat dich jemand verfolgt?‘

‚Nein, im Trubel der Erstürmung der inneren Burg fiel es nicht auf, als ich mich abseilte, während viele versuchten zu fliehen.‘

‚Und sonst, sag schon!‘

‚Ich hab gewusst, dass ihr kein Mensch sein könnt. Ich hab gesehen, wie dieser Utrecht mit eurer Leiche und Lady Elvira davon geritten ist, dann hab ich den Pürkel, Stulpe und Lady Esmeralda beobachtet und als ich dann über die Ebene zu den Begräbnishügeln ritt, habe ich die Feen gesehen, wie sie über die Ebene davon geflattert sind.‘

‚Ich muss dich töten, wenn du irgendjemand davon erzählt hast.‘

‚Warum sollte ich das tun? Ich habe Euch meine Treue gelobt, keinem Burgherrn und auch keinen Van der Schorten!‘ rief Hasenreit, der immer noch vor Hengelder kniete und sich aufgeregt die rechte Hand gegen die Brust schlug.

‚Nun steh‘ schon auf, Hasenreit!‘ meinte Hengelder und hob sein Schwert auf. ‚Und kommt mit und lern einen anderen Van der Schorten kennen.‘

Hasenreit pfiff und es kam ein Hund schwanzwedelnd auf sie zugelaufen. ‚Los brings, Hektor!‘ rief Hasenreit und wies in Richtung des toten Rehs. Der Hund lief los und brachte das Reh.

‚Jetzt weiß ich, wie du uns gefunden hast.‘ meinte Hengelder, der ganz erstaunt über den Köter war. Hasenreit hob die Rüstung auf und sie gingen Richtung Höhle. Unweit der Höhle standen zwei Pferde an einen Baumstumpf gebunden und Stulpe kam zu ihnen entgegengelaufen. Er hatte eine Armbrust dabei, die er im Lauf spannte.

‚Sieh mal, wer uns gefunden hat.‘ flüsterte Hengelder.

‚Hasenreit, wie habt Ihr uns gefunden?‘ fragte Stulpe und entspannte seine Armbrust, als er Hasenreit erkannte.

‚Verzeiht mir, ich hab Euch und die Lady belauscht, als ihr von der Höhle gesprochen habt.‘ sprach Hasenreit und verbeugte sich vor Stulpe.

‚Steht schon auf, gebt mir die Rüstung und folgt mir.‘ meinte Stulpe.

Sie gingen in die Höhle hinein und Hasenreit tippte auf einige Kerben in der Höhlenwand. ‚Meine Eltern hatten einen Hof am Fluss und ich hab mich bei schlechten Wetter immer mit den Ziegen hier versteckt. Später habe ich mich hier mit einem Mädchen getroffen.‘ Er wischte über die Kerben.

‚Nur mit einem Mädchen?‘ fragte Stulpe neugierig.

Hasenreit nickte und pfiff wieder. Der Hund kam an seine Seite und legte das Reh vor seine Füße.

Stulpe nahm das Reh auf und rief: ‚Seht nur, wer uns gefunden hat!‘

Alle begrüßten Hasenreit fröhlich. Hengelder brachte die beiden Pferde herein und plötzlich stand Utrecht hinter ihm.

‚Können wir reden? Draußen!‘ stammelte Utrecht und blickte auf den Boden.

Hengelder band die Pferde an und drehte sich in dem Moment um, als Utrecht aufsah. Hengelder nickte und ging mit Utrecht wieder nach draußen.

‚Wie geht es meiner Schwester?‘ fragte er

‚Gut soweit, sie schläft, obwohl ihr der Magen knurrte!‘ meinte Utrecht.

‚Gut.‘ rief Hengelder und blickte Utrecht fragend an. Betretenes Schweigen.

‚Ich will mich nicht zwischen euch drängen, aber mit liegt viel an Elvira!‘

‚Das habe ich befürchtete.‘

‚Wieso?‘

‚Du wirst ihr irgendwann das Herz brechen.‘

‚Wie kommst du da drauf?‘

‚Selbst wenn du mehr Elf als Mensch bist, wird sie machtlos dabei zu sehen, wie du alt wirst und wie du eines Tages sterben wirst. Wenn ihr Kinder haben solltet, dann wird sie auch diese überleben.‘

‚Wir kennen uns erst seit einem Tag, Hengelder. Ich trau mich kaum sie zu küssen, um nicht von dir getötet zu werden. An mehr vermag mein Verstand noch gar nicht zu verzweifeln.‘

‚Du bist mehr Mensch, als Elf, mein Freund.‘ meinte Hengelder und hielt ihm die Hand hin.

‚Was das angeht, bin ich wohl eher ein Elf, als ein Mensch. Ich überlege mir immerzu, wie ich meine Gefühle in Worte fassen könnte, um sie ihr dann vorzutragen.‘ stammelte Utrecht kleinlaut und griff zögernd nach Hengelders Arm, um ihn in eine Umarmung zu ziehen. Hengelder musste schwer schlucken, als er seinen Freund Utrecht umarmte. Er klopfte ihm auf die Schulter und flüsterte. ‚Aber die Sache mit den Bienen und den Blumen muss ich dir doch nicht erst erklären?‘

‚Nein! Du Mistkerl! Das tat bereits Stulpe, sehr ausführlich!‘ meinte Utrecht schüchtern und Hengelder spürte die Hitze, die von Utrecht ausging. Als sie sich trennten, sah er selbst im Dunkeln, das Utrecht vor Scham die Röte ins Gesicht gestiegen war.

‚Ich hoffe sie haben dir keinen Unsinn erzählt, es geht immerhin um meine Schwester.‘ Hengelder musste lächeln und ergriff Utrechts Nacken. ‚Aber sie scheint dir sehr Nahe zu gehen und deine roten Wangen verraten mir, wie ernst du es meinst.‘

Utrecht küsste Hengelder erst die rechte dann die linke Wange und dann fiel er zitternd auf die Knie. ‚Danke, Freund. Ich fürchtete schon um unsere Freundschaft.‘ Utrecht hatte Tränen in den Augen.

‚Eigentlich kann ich mir keinen besseren Mann für meine Schwester wünschen als dich, aber wenn du weiter auf dem Boden herum rutschst, dann überlege ich es mir vielleicht nochmal.‘ meinte Hengelder und grinste kurz. Aber anstatt Utrecht beim Aufstehen behilflich zu sein, kniete er sich ebenfalls auf den Boden und packte ihn wieder am Nacken. ‚Du weißt was passiert, wenn du ihr zu deinen Lebzeiten das Herz brichst.‘

Utrecht nickte und verharrte mit gesenktem Kopf. ‚Ich will nicht verbrannt werden, wenn ich einmal sterben sollte.‘

‚Bis dahin ist noch eine lange Zeit, mein Freund.‘

Sie umarmten sich nochmal, rappelten sich dann wieder auf und gingen zum Höhleneingang.

‚Wie kommst du eigentlich darauf, dass du mir das mit den Bienen und den Blumen überhaupt erklären könntest.‘ zischte Utrecht.

‚Nur weil du mich nie mit einer Frau in ein Zelt gehen hast sehen, heißt es noch lange nicht, dass ich es nicht hinterm Zelt mit ihnen getrieben hätte.‘ grinste Hengelder und wuschelte über Utrechts Haare.

Drinnen roch es schon nach gegrillten Fleisch und einer herzhaften Suppe. Der Hund fraß etwas, was er sich in den Höhleneingang gezerrt hatte und Hasenreit sattelte gerade sein Pferd ab.

‚Hasenreit, darf ich dir meinen besten Freund vorstellen, Utrecht van der Schorten!‘ rief Hengelder.

Hasenreit lies seinen Sattel fallen und blickte verstört auf.

‚Herr, seid Ihr Euch sicher, dass Ihr nicht unter einem gar grässlichen Zauber steht.‘ plapperte Hasenreit reichlich aufgebracht.

‚Nein, Hasenreit. Utrecht hat mir zwar einst eines meiner Leben genommen und er stahl das Herz meiner Schwester, aber doch hat er es bereits jetzt hundert mal vergolten, in dem er mir viel mehr Leben im Kampf schenkte, als ich je besitzen dürfte.‘

‚Ich glaube Eurem Wort, Herr.‘ sprach Hasenreit und verbeugte sich vor Utrecht.

‚Hasenreit, verbeuge dich nicht vor mir, ich bin nur ein einfacher Mann.‘ meinte Utrecht und hielt ihm die Hand hin. ‚Sag mir lieber, ob wir von meinem missratenen Bruder verfolgt werden.‘

‚Undrocht hat die Burg eingenommen und verfolgt hat mich keiner.‘ sprach Hasenreit und nahm Utrechts Hand, um sie zu schütteln. ‚Ich hab Brot, Obst, Gemüse, Wein und Süßkram mitgebracht.‘

‚Langsam wird’s mir unheimlich mit dir, Hasenreit.‘ meinte Hengelder misstrauisch, klopfte ihm aber doch auf die Schulter.

‚Ich hab den schmierigen Koch einen über die Rübe gezogen und seinen Gaul geklaut, bevor er damit flüchten konnte.‘

‚Dann müssen wir zumindest nicht verhungern.‘ rief Hengelder und packte mit an.

Nun saßen alle beim Essen und Utrecht sorgte dafür, dass Igor auch ordentlich zu Essen bekam, während Hengelder sich mit einem vollen Napf ans Bett setzte, um seine Schwester zu wecken.

‚Ich hab gehört, dich hüngert es!‘ flüsterte er und streichelte ihr Haar.

Sie machte erst ein Auge auf und dann das andere. Etwas verärgert funkelte sie ihn fragend an.

‚Utrecht mästet Igor auf dein Geheiß!‘ meinte Hengelder und blickte zum Feuer hinüber. Sie blickte wieder über die Bettkante und sah Igor mit einem riesigen Napf vor sich und Utrecht, wie er ihm gerade eine Falsche Wein reichte.

‚Essen sie Beide auch genug?‘

‚Bestimmt. Hasenreit hat dem Koch seinen Proviantgaul gestohlen.‘

‚Er hat Angst, dass du nach seinem Leben trachtest, wenn er mich anrührt.‘ wechselte Elvira das Thema.

Hengelder seufzte schwer. ‚Was will ich dir Vorschriften machen, kennen wir uns doch eben so kurze Zeit, wie du ihn. Und doch liegt dir mehr an ihm, als an mir.‘

‚Nein, ich muss mich nur erst daran gewöhnen einen Bruder zu haben und dafür keinen Vater.‘

‚Wir entstanden aus Feuer und Wasser, aus Wind und Erde. Man vermag es nicht zu sagen, wer unsere Eltern sind und doch habe ich eine klare Vorstellung davon, welche zu haben.‘

‚Versprich mir, ihm nichts anzutun, auch wenn er mir zu Nahe tritt.‘

‚Auch wenn ich kein Recht dazu habe, gab ich ihm gerade meine Zustimmung. Ich möchte nicht an dem Tag, an dem du von mir erfuhrst, meinen besten Freund und meine Schwester verlieren.‘

Lächelnd fiel sie ihm um den Hals, so dass er beinahe das Essen verschüttete. Er nahm sie in den Arm und fütterte sie. ‚Du musst essen, meine liebe Schwester, es liegt morgen viel vor uns.‘

‚Aber nur, wenn du genauso viel isst.‘ meinte sie und setzte sich auf. Er legte die Decke über ihre Schultern und bekam von Esmeralda einen weiteren Napf in die Hand gedrückt.

‚Ist ja nicht, wie bei armen Leuten hier.‘ meinte Esmeralda und setzte sich wieder.

Pürkel hielt die erste Wache und Hasenreit legte sich gleich nach dem Essen hin, während sein Hund immer näher ans Feuer kroch, bis er schließlich bei Igor angekommen war. Der Gnom kaute noch an einem Stück gegrillten Fleisch. Der Hund winselte und blickte den Gnom treudoof an. Igor begann mit dem Hund zu reden. ‚Willst du mein Freund sein?‘ Der Hund winselte und lies sich von Igor füttern. Elvira lehnte zufrieden und satt an der Schulter ihres Bruders, während Utrecht sich ans Bett gelehnt hatte. Sie kraulte ihm sein Haar und er hatte seinen Arm über ihre Beine gelegt und himmelte sie verliebt an.

‚Igor hat einen neuen Freund gefunden.‘ flüsterte Elvira.

‚Nachdem wir mit ihm Leviten getrunken haben, sind wir alle seine Freunde.‘ meinte Utrecht.

‚Ihr habt ohne mich Leviten getrunken?‘ beschwerte sich Hengelder lautstark.

Stulpe blickte auf, zog eine Flasche aus seiner Tasche und grinste ihn saublöd an. ‚Nur, damit wir nochmal eine Runde trinken können, mein Freund!‘ Er trank und gab die Flasche weiter an Esmeralda, diese winkte diesmal ab und gab die Flasche weiter an Hengelder. Er trank und seine Gesichtsfarbe wechselte schlagartig auf Rot, dann auf Lila bis hin zu blau und dann nahm er die Flasche von den Lippen und gab sie an Utrecht weiter, nachdem Elvira erschrocken den Kopf schüttelte.

Utrecht trank, setzte sie ab. ‚Alter!‘ keuchte er und klopfte sich auf die Brust.

‚Da können wir uns nicht oft genug das Leben retten, wenn du es uns mit nur einem Schluck von deinem Gebräu wieder nehmen willst.‘ rief Hengelder, als sein Gesicht wieder die übliche Farbe angenommen hatte.

Elvira schlief auf dem Schoß ihres Bruders ein und Utrecht mit dem Kopf auf ihren Beinen. Auch Hengelder schlief im Sitzen ein, bis Utrecht von Hasenreit geweckt wurde.

‚Freund, leg dich hin, ich hab die Wache!‘ flüsterte Utrecht und stand auf. Hasenreit schüttelte den Kopf, als er seinen Hund erblickte, wie er mit Igor auf dem Fell lag und als Kopfkissen für den Gnom fungierte.

Utrecht schnappte sich seinen Wattierten, die Armschienen, sein Schwert und ein Fell und ging nach draußen. Vor der Höhle lag ein Fell und der Bogen. Utrecht beschloss aber sich einen besseren Platz zu suchen und kletterte auf einen kleinen Felsvorsprung. Dort richtete er sich ein und hielt sein Wache.

Drinnen bettete Hengelder seine Schwester wieder gerade aufs Bett, legte ihr ein Fell unter den Kopf und deckte sie zu. Dann zog er sich ein Fell vors Bett und legte sich auf den Boden, um ein wenig zu schlafen.

Weit vor Sonnenaufgang kletterte Utrecht von seinem Felsen und ging Hengelder zu wecken. Das Feuer war ausgegangen. Er legte noch ein Paar Scheite in die Glut und stupste Hengelder an, als er in die Glut blies.

Hengelder riss die Augen auf und schreckte hoch.

Grummelnd schlich er nach draußen und entdeckte auch den Felsvorsprung. Utrecht blickte zu Elvira hinüber und sah, wie sie unter ihrer Decke zitterte. Kurzerhand nahm er das Fell auf und deckte Elvira damit zu. Nicht dass sie bereits seinen warmen Mantel und eine Decke hatte. Kopfschüttelnd ging er zum Pferdetrog und zog seine Sachen aus, so dass er nur noch in der Bruche da stand. Er wusch sich die restlichen Blutflecken vom Körper. Gedankenverloren rieb er sich mit seiner Tunika über seine nasse Haut. Seine Wunde war verschlossen und war kaum noch zu sehen. Im Schein des Feuers hätte man die zahlreichen Narben kaum sehen können, die von weniger talentierten Heilern versorgt worden waren. Die Zeiten des Krieges hatten ihn nicht nur gezeichnet, man konnte auch jeden Sieg auf seinem Körper sehen. Sein Bauch und seine Brust war mit schwarzen Linien und Ornamenten überzogen, während auf seinem Rücken eine Schlacht skizziert worden war. Er tapste zu seiner Satteltasche, die auf seinem Sattel lag und zog eine warme Wolltunika heraus. Er zog sie an, griff nochmal in die Satteltasche, packte seine Hose und seinen Wattierten und ging zum Bett hinüber. Dann setzte er sich ans Fußende und griff unter die Felle und Decken nach ihren Füßen. Sie waren, wie er vermutet hatte, eiskalt. Also zog er ihr seine Socken an, die er aus seiner Satteltasche mitgebracht hatte.

Als er sie wieder ordentlich zugedeckt hatte, bebte ihr Körper immer noch. Er konnte ihre Zähne klappern hören. Seufzend zog er seine Schuhe aus, legte sich zu ihr aufs Bett und kuschelte sich von Hinten an sie heran. Zu guter Letzt deckte er sie auch noch mit seiner Decke zu.

Sie wurde wach, drehte sich zu ihm um und kuschelte sich in seine Arme. Ihr ganzer Körper bebte in seinen Armen.

‚Ich bin ja da!‘ flüsterte er in ihr Ohr. Sie wühlte sich durch ihre Decken, bis ihre kalten Finger auf seine Wolltunika traf. Zitternd klammerte sich an seine Tunika, während er ihren Rücken rieb und mit seinen Füßen nach den ihren suchte.

Er küsste ihre Stirn. Sie reckte wieder den Kopf und ihre Lippen trafen sich erneut. In seinem Bauch explodierte irgendwas, als sie den Kuss erwiderte. Er spürte seine Erregung wachsen und betete inständig darum, dass sie nichts davon bemerken würde. Vorsichtig rückte er seinen Unterleib von ihr ab und wickelte sie wieder in ihre Decken.

Published in: on 8. Oktober 2012 at 18:28  Kommentar verfassen  
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Igor – Hinter dem Fluss und immer weiter… Teil 1

Igor 2.0

Hinter dem Fluss und immer weiter… Teil 1

Als Hengelder mit Esmeralda auf dem Pferd und Utrecht mit Elvira zusammen an der Furt ankamen, hatten Stulpe und Pürkel den armen Igor bereits mit samt seiner Sachen gewaschen und hatten dann ein Feuer gemacht. Dort saß Igor zitternd in eine Decke gehüllt und umklammerte sein Glasauge. Pürkel hatte seine Sachen ans Feuer gehängt und dort trockneten sie langsam. Utrecht sprang zuerst vom Pferd und half Elvira abzusteigen. Hengelder sprang rücklings vom Pferd und rannte zum Flussufer. Er zog sich aus und sprang nackt in den Fluss. Stulpe hielt Esmeralda die Hand hin und sie lies sich lächelnd in seine Arme fallen. Er hielt sie an ihrem Hintern fest und sie küsste ihn auf den Mund. Etwas verwirrt darüber, dass sie ihn vor den Augen ihrer Tochter küsste, lies er es zu und erwiderte den Kuss erst, als sie ihm auf die Lippe biss. Als sie sich wieder trennten, meinte sie nur: ‚Wir gehen jetzt heim!‘

‚Ja, ehrlich!‘

‚Wirklich ehrlich!‘ meinte Esmeralda. Stulpe sprang mit ihr im Kreis und küsste sie wieder. Dann stellte er sie auf die Beine und kniete sich vor sie hin.

‚Ich will nicht pietätlos sein, aber ich habe so lange auf diesen Moment gewartet.‘ Er zog einen Ring aus einer Tasche, staubte ihn ab und hielt ihn ihr hin. ‚Wenn dein Mann endlich tot ist, willst du dann mich ehelichen?‘

Ihr liefen schon die Tränen übers Gesicht und sie schluchzte, während sie auf die Knie fiel. ‚Ich wartete jeden Tag darauf, seit dem wir uns das erste Mal sahen, dass du mich endlich fragst. Natürlich will ich dich.‘ Sie küssten sich leidenschaftlich. Elvira hatte Tränen in den Augen und Utrecht berührte sachte ihre Schulter, auch er musste schlucken, als er sah, dass auch Stulpe den Tränen nahe war.

Hengelder tauchte pitschnass neben Elvira und Utrecht auf und flüsterte: ‚Ich wusste gar nicht, dass Stulpe so romantisch ist!‘ Er hatte seine Hose wieder angezogen und trocknete sein Haar. Beide blickten auf seine Haare. Schwarze Farbe tropfte herab und das Tuch mit dem er versuchte, sie zu trocknen, war auch schon ganz schwarz.

‚Ich wusste bis vorhin nicht, dass die beiden…du weißt schon!‘ meinte Utrecht.

Elvira blickte beide kopfschüttelnd an und meinte kurz: ‚Ihr sollt euch für sie freuen.‘

‚Wir freuen uns!‘ meinten beide gleichzeitig.

‚Ich bin der Trauzeuge!‘ meinte Utrecht.

‚Ich bin der Ältere, ich bin der Trauzeuge.‘ rief Hengelder und schon rangelten beide miteinander. Elvira schüttelte immer noch den Kopf und trat ein paar Schritte zur Seite.

‚Wir freuen uns vor allem auf das Fest zu eurer Hochzeit.‘ meinte Pürkel und tippte Stulpe auf die Schulter. ‚Und auf das Stulpes schlechte Laune nun endlich ein Ende hat.‘

Elvira kam auf ihre Mutter zugelaufen, als Pürkel und Stulpe sich umarmten und zu Utrecht und Hengelder hinüber gingen, um sie zu trennen.

‚Bist du denn damit einverstanden?‘ fragte Esmeralda, als sie Elvira in die Arme schloss.

‚Natürlich, ich hab dich immer nur lächeln sehen, wenn Stulpe den Raum betrat und ich freue mich für euch.‘ Elvira fing zu weinen an.

Nach einem Moment meinte Stulpe in seinem üblichen Ton. ‚Wir sollten uns sputen, wenn wir vor Einbruch der Dunkelheit am Fuße des Berges sein wollen!‘

Elvira trennte sich aus der Umarmung ihrer Mutter und ging zum Flussufer. Pürkel war bei Igor und half ihm in die noch feuchten Klamotten zu schlüpfen. Utrecht ging zu Elvira ans Flussufer, um ihr seinen Mantel zu bringen.

‚Wenn wir in die Berge reiten, wird es kalt werden.‘ meinte er kleinlaut und legte den Mantel um ihre Schultern.

Sie drehte sich um, schritt vom Wasser weg und fragte ihn: ‚Und was ist mit Euch!‘ Und griff ihm an den nackten Arm. Ihr Gesicht war noch nass und ihr Haaransatz auch. Er wischte ihr übers Gesicht und lächelte sie zuckersüß an. ‚Hab mir gerade überlegt meinen Wattierten und die Rüstung anzuziehen.‘

‚Muss ich mir Sorgen machen?‘ fragte sie und geleitete ihn zu seinem Pferd.

‚Mein Bruder wird uns schon bald verfolgen!‘ meinte er und zog den wattierten Wappenrock von seinem Pferd.

‚Was macht Euch da so sicher?‘ fragte sie und half ihm beim Anziehen. Er packte seine Rüstung, die aus gehärteten Leder war.

‚Er war derjenige, der mir die Ohren abschnitt, meine Mutter vor meinen Augen tötete und mich um ihr Erbe betrog. Ich glaube er hasst mich!‘ meinte er fast beiläufig und schlüpfte in seine Rüstung. Sie half ihm dabei, in dem sie sämtliche Schnallen schloss. Dabei senkte sie ihren Kopf, weil sie wieder Tränen in den Augen hatte.

‚Ihr seid ein empfindsames Wesen…!‘ flüsterte er, bis ihm die Stimme brach. Sachte nahm er sie am Kinn und wischte ihr die Tränen aus dem Gesicht.

‚Ich würde Euch gerne die Ohren richten, wenn Ihr wert drauf legt.‘

‚Ich hätte lange Jahre alles dafür gegeben, sie wieder zu haben.‘ Er schluckte schwer und strich seine Haare nach hinten. Es war das erste Mal, dass sie seine Ohren sah, oder das was davon übrig war. Sie musste ein Schluchzen hinunter schlucken und nahm die Hand vor ihren Mund. Er lies die Haare wieder los und verdeckte somit seine entstellten Ohren. ‚Aber mittlerweile lebe ich damit. Und was ich bin, bin ich hier drin.‘ Er tippte mit den Fingern auf seine Brust. Sie schluchzte laut auf und das rief Hengelder auf den Plan. ‚Was machst du nur immer mit meiner Schwester?‘

‚Ich kann in sein Herz sehen!‘ keuchte sie erstickt.

‚Und gefällt dir, was du siehst?‘ rief Hengelder und rückte ihr den viel zu großen Mantel zurecht.

‚Ich seh mich…!‘ Stieß sie noch hervor, bevor ihre Knie nachgaben und sie wieder ohnmächtig wurde. Utrecht hielt sie fest, damit sie nicht schon wieder auf den Boden fiel.

‚Langsam ist’s echt gut mit Liebeserklärungen!‘ rief Hengelder erbost.

‚Woher kann ich denn wissen, dass sie mir in den Kopf schauen kann.‘

‚Was hast du mit ihr gemacht, du kennst sie grad erst seit ein paar Stunden…‘ brüllte Hengelder.

‚Das nennt man wohl Liebe auf den ersten Blick, mein Freund!‘ unterbrach ihn Utrecht, der immer noch Elvira festhielt.

‚Wohl eher, Liebe auf den ersten Schlag.‘

‚Ich verpass dir auch noch Eine, wenn du willst. Mir wär grad danach.‘

‚Ich bring dich um, wenn du sie ungebührlich betatschen solltest.‘

Esmeralda stand plötzlich hinter ihnen und haute zuerst Hengelder kräftig auf den Hinterkopf und griff dann in einen ihrer Beutel, die sie am Gürtel trug. ‚Ich verwandle euch Beide in zwei Grottenolme, wenn ihr nicht aufhört euch zu zanken. Elvira ist alt genug eigene Entscheidungen zu treffen. Hengelder du reitest mit Igor und Utrecht gib mir meine Tochter und dann ab aufs Pferd.‘ Er übergab den bewusstlosen Körper von Elvira ihrer Mutter, zog seine Armstulpen an und schwang sich aufs Pferd. Stulpe war aufgetaucht und half ihr Elvira auf Utrechts Pferd zu heben. Hengelder hatte Igor auf sein Pferd gesetzt, war selbst aufgestiegen und preschte über die Furt. Pürkel ritt ihm hinterher und rief noch: ‚Bleib im Wasser, wir müssen unsere Spuren verwischen!‘

Langsam lenkte Utrecht das Pferd über die Furt, während Stulpe Esmeralda aufs Pferd hob und hinter ihr im Sattel platz nahm. Er ritt auch ins Wasser, stoppte den Gaul gleich wieder und lies ihn wieder zum Ufer drehen. Esmeralda warf etwas in Richtung Ufer. Ein starker Wind, hob eine Welle aus dem Wasser und schwemmte ihre Spuren fort. Sie wedelte mit den Armen und Steine und Stand überzogen das Ufer neu. Stulpe wies sein Pferd an, den anderen nachzureiten. Esmeralda lehnte sich erschöpft an seine Brust.

Sie ritten eine Weile im Fluss. Als sie ihre Pferde aus dem Fluss führten, waren sie alle ziemlich nass. Sie ritten schneller und Esmeralda lies den Wind nochmal ihre Spuren verwischen.

Sie waren bereits seit Stunden unterwegs, als die Dämmerung einsetzte. Stulpe hatte sie unerbittlich vorangetrieben und endlich hob er die Hand. Er sprang vom Pferd und führte es weiter einen Bergpfad hoch. Utrecht tat es ihm gleich. Elvira saß benommen auf dem Pferd und klammerte sich am Sattel fest. Hengelder stieg auch ab und folgte ihnen. Er blickte immer noch finster drein. Igor saß in eine Decke gehüllt auf dem Pferd und schmollte ebenfalls. Sie hatten ihn gewaschen. Waschen macht krank und elend. Er war fest davon überzeugt jeden Moment sterben zu müssen, weil sie ihn gewaschen hatten.

Stulpe lies das Pferd auf einer Anhöhe stehen und lief weiter, bis er vor einer riesigen Felswand stand. Esmeralda war abgestiegen und half ihm einen Busch zur Seite zu halten, mit einem Seil befestigten sie die Zweige und ein Höhleneingang kam zum Vorschein.

‚Platz ist in der kleinsten Hütte!‘ meinte Stulpe und lies Utrecht mit Elvira auf dem Arm eintreten. Esmeralda hatte eine Kerze entzündet und lief ihnen hinterher. ‚Warte einen Moment, bevor du sie aufs Bett legst!‘ meinte sie kurz, zündete ein paar Fackeln an, die an der Höhlenwand angebracht waren und dann verschwand sie hinter einen Felsvorsprung. Stulpe brachte einen Gaul nach dem Anderen herein und brachte sie in einen anderen Teil der Höhle. Sie hatten wirklich an alles gedacht. Es war Stroh und Wasser in der Höhle für die Pferde. Esmeralda kam wieder und brachte ein Bündel Felle. Sie legte die Felle aufs Bett und rollte sie auseinander. Utrecht legte Elvira auf die Felle, zog ihre Schuhe aus und deckte sie mit seinem Mantel zu. Behutsam strich er ihre Haare aus dem Gesicht. Erschöpft rollte sie sich zusammen und schloss die Augen.

Pürkel kam herein und fragte: ‚Und was gibt’s zu Essen?‘

Esmeralda drückte ihm einen Bogen und einen Köcher mit Pfeilen in die Hand und meinte: ‚Das kommt auf dein Zielwasser an!‘

‚Ne, der Pürkel würde noch nicht mal eine Kuh treffen, wenn er beim Melken vom Schemel fällt. Ich geh uns was jagen!‘ meinte Hengelder, schnappte sich den Bogen und verschwand wieder. Pürkel machte sich daran Feuer zu machen und Wasser aufzusetzen, während Esmeralda noch ein Paar Bündel Felle brachte. Igor tappte mürrisch in die Höhle und setzte sich zittern ans Feuer. Stulpe brachte das letzte Pferd herein und band es an. ‚Igor, komm und setz dich auf ein Fell.‘ meinte Esmeralda zuckersüß. Dann kam Stulpe mit Kochutensilien und einer Flasche unter dem Arm. ‚Bevor wir kochen, stoßen wir mit dem Helden des Tages auf unsere Flucht an.‘ Stulpe lies sich von Esmeralda die Kochsachen abnehmen, ging weiter zu Utrecht und öffnete die Flasche. Utrecht nahm ihm die Flasche ab, stand auf und ging ganz langsam zu Igor rüber, der mittlerweile gewaltsam auf ein Fell gesetzt worden war.

‚Wenn wir auf einen Helden trinken, dann auf unseren kleinen, neuen Freund hier.‘ Er kniete sich zu Igor hinunter und hielt ihm die Flasche hin. ‚Dank Igor denkt mein Bruder, dass unter der Burg tatsächlich ein Drache schlummert und dass kann uns echt den Arsch retten.‘

Igor stammelte nur das Wort: ‚Freund!?‘

‚Los Igor, trink einen Schluck Leviten mit uns. Aber nur einen Schluck vor dem Essen.‘ rief Stulpe.

Igor stammelte immer noch vor sich hin.

Esmeralda beugte sich zu Igor hinunter: ‚Igor ist schon gut, wir sind deine Freunde und nun trink.‘

‚Freunde!‘ Sagte er wieder und sprang auf. ‚Ich hatte noch nie einen Freund.‘ Dann trank er einen großen Schluck. Utrecht nahm ihm die Flasche ab und trank auch. Igor keuchte und versuchte dem ersticken Nahe Luft in seine Lungen zu saugen. Rauch kam aus seinen Ohren und mit einem Hicks setzte er sich wieder aufs Fell.

‚Und er hatte noch nie Levitenschnaps.‘ lachte Stulpe und schnappte sich die Flasche. ‚Leviten kann man nicht lesen, man trinkt sie.‘ Unter Gelächter trank jeder einmal davon. Utrecht haute sich auf die Brust und setzte sich röchelnd aufs Bett. Langsam zog er seine Rüstung aus. Plötzlich regte sich Elvira. Esmeralda hielt ihnen einen Becher Tee hin. Behutsam half er ihr beim Aufsetzen und setzte den Becher an ihre Lippen. Er lies erst von ihr ab, als sie den Becher leer getrunken hatte.

‚Geht’s dir besser?‘ fragte er und stellte den leeren Becher auf den Boden.

‚Ich…ich bin mir nicht sicher!‘ Stammelte sie und lies sich wieder auf die Felle sinken. Ihr Körper zitterte.

‚Versuch noch ein Bisschen zu schlafen.‘ flüsterte er und deckte sie sachte mit einer weiteren Decke zu. Als er wieder aufstehen wollte, hielt sie ihn zurück, in dem sie sich in seine Richtung drehte und seine Hände festhielt.

‚Bleib bei mir!‘ kam es aus ihren Mund.

‚Solange, bis du eingeschlafen bist.‘

‚Wo ist mein Bruder?‘ Es hörte sich komisch an. Sie hatte das Wort das erste Mal im Bezug auf Hengelder gesagt. Sie lehnte ihren Kopf gegen seine Knie und klammerte sich weiter an seine Arme.

‚Der jagt uns was zum Essen.‘ meinte er. Es gab ihm einen Stich von ihm zu reden. Sie zankten sich zwar ständig, aber diesmal war es ernst. Er fürchtete um seinen besten Freund und um dieses empfindsame Wesen in seinen Armen.

‚Oh, Essen!‘ Ihr Magen knurrte. Sie hielt sich den Bauch und grinste ihn an.

‚Ich weck dich, wenn das Essen fertig ist.‘

‚Wie geht’s Igor?‘

‚Er ist betrunken.‘

‚Hm?‘ Sie schaute über seine Knie in Richtung Feuer. Igor lag in das Fell gekuschelt vor dem Feuer und grinste zufrieden. ‚Kümmerst du dich auch um ihn?‘

‚Klar.‘

‚Dass er genug zu Essen bekommt.‘

‚Mach ich.‘ Er kam ihr näher, um ihre Stirn zu küssen. Sie hielt ihn am Hals fest und berührte eines seiner Ohren mit der Fingerspitze. Ein Funken schlug bei der Berührung über. Er zuckte zurück und blickte sie verwirrt an.

‚Oh, Entschuldigung ich wollte dir nicht zu nahe treten.‘ meinte sie erschrocken.

‚Tust du nicht.‘ flüsterte er, nahm ihre Hand und küsste sie.

‚Sicher?‘ Sie blickte ihn fragend an.

‚Ganz sicher!‘ Er küsste nochmal ihre Stirn. Sie packte ihn diesmal am Kopf und reckte den Hals. So trafen seine Lippen zu erst ihre Nase und dann ihren Mund. Er schloss seine Augen, als sie ihren Mund öffnete und sich ihre Zungenspitzen berührten. Mit einem ’schsch‘ trennten er sich von ihr. ‚Dein Bruder bringt mich um, wenn ich dir zu nahe trete.‘

‚Ich bringe ihn um, wenn er dich umbringt.‘

‚Er kommt aber wieder, ich aber nicht.‘

Sie gähnte. ‚Er bringt dich nicht um, versprochen.‘

‚Versuch zu schlafen. Bitte.‘

Sie schloss die Augen, er setze sich ein Wenig aufrechter hin und hielt ihre Hände, bis sich ihre Muskeln entspannten.

Published in: on 7. Oktober 2012 at 18:11  Kommentar verfassen  
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