Gehe nicht dort hin, kehrt zurück!

Gehe nicht dort hin, kehrt zurück!

1451324_10201625541266984_345540583_nEine Frau fuhr bei Nacht mit ihrem Wagen eine vereiste Straße entlang. Sie fuhr langsam und vorsichtig, weil sie kaum Sicht hatte. Der Winter schickte nichts Ganzes und nichts Halbes vom Himmel und doch war es draußen bitterkalt und drinnen lief die Heizung auf Hochtouren. Es war schon so heiß im Auto, dass ihr die Füße weh taten.

Plötzlich holperte es, sie schien über ein Schlagloch gefahren zu sein. Nicht Besonderes, nur dass sie das Lenkrad kaum noch halten konnte. Und das sie bei voller Fahrt erst von ihrer Radkappe und dann von ihrem Reifen überholt wurde, war doch mehr als ungewöhnlich. Alles Gegenlenken half nichts, die Fahrt in den Graben war mehr als vorprogrammiert.

Und genau da kam sie auch wieder zu sich. Im Wagen war es nun kalt und die Scheiben waren gefroren. Sie musste eine ganze Weile bewusstlos im Wagen gelegen haben.

Im Wageninneren herrschte das Chaos und sie war sich nicht ganz so sicher, ob bei ihr noch alles dran war. Deshalb fuhr sie mit fahrigen Fingern über ihren Körper und untersuchte sich selbst nach Verletzungen. Es schien ihr gut zu gehen, bis sie versuchte aus dem Auto zu steigen und sie sich beinahe mit ihrem eigenen Gurt erwürgt hätte.

Sich über sich selbst ärgernd, öffnete sie den Gurt und stieg aus. Das Auto war mehr als tot. Nicht mal das Licht ging mehr. Und als sie versuchte die Warnblinkanlage anzustellen, kam keine Reaktion von ihrem treuen Begleiter.

Wie als würde sie unter einem Bann stehen zückte sie ihr Handy. Sie wollte den ADAC rufen, aber irgendwie hatte sie kein Netz. Noch nicht mal Notrufe.

Genau so fangen Horrorfilme an. Sie hatte den Impuls genau diesen Satz bei Facebook zu posten. Sie blickte nochmal auf ihr Handy. Schüttelte es, als ob sie eine Verbindung herbei schütteln könnte.

Nachdem sie es endlich akzeptiert hatte, dass das Handy wohl das nutzloseste Ding überhaupt in diesem Moment war, blickte sie sich um. Der Reifen ihres Wagens lag am Straßenrand und die Radkappe steckte tief in der Erde. Am Ende der Straße stand ein Haus. Vielleicht hatten die ja ein Telefon. Oder vielleicht war einfach nur jemand da, der sie aufnehmen würde, bevor sie sich ihren hübschen Hintern abfrieren würde. Sie tapste übers Feld und durch den gefrorenen Schlamm. Manchmal sind Stöckelschuhe die falsche Wahl, wenn man einen Spaziergang durch den Dreck machen will.

Nach einer gefühlten Stunde passierte sie endlich das Ortsschild, auf dem mit roter Farbe geschrieben stand: ‚Tu es nicht!‘

Sie hatte es im Dunkeln gar nicht bemerkt und ging einfach weiter zu dem Haus. Alles dunkel und ruhig, bis auf ein altes Firmenschild, dass verwirrt einen merkwürdigen Takt aus Licht flackerte und mit dem Flackern ein ziemlich kaputtes elektrisches Geräusch einherging.

‚Metzgerei Ignaz E. Kimmelmann – Fleischeslust‘ stand auf dem Schild und sie war sich nicht mehr so ganz sicher, ob es sich nun um einen Swingerclub oder doch um eine Metzgerei handelte. Mutig drückte sie auf die Klingel, doch es geschah nichts. Sie drückte nochmal, länger. Keine Reaktion. Obwohl keinerlei Geräusch ertönte, klingelte sie Sturm bis sie das Gefühl hatte, ihr Finger würde abfrieren. Die Klingel musste kaputt sein, oder die Bewohner taub. Sie klopfte trotzdem an die Tür, bis sie schließlich mit beiden Fäusten gegen die Tür hämmerte.

Fest entschlossen griff sie nach dem Türknauf und drehte daran. Verschlossen. Ein Sprung gegen die Tür fegte sie fast von den Füßen. Nun gab sie auf und beschloss nach einer Hintertür zu suchen. Sie ging ums Haus herum, was sie nicht beachtete, dass jemand etwas in roter Farbe an die Hauswand geschmiert hatte: ‚Gehe nicht dort hin!‘

Auf der Rückseite war der Lieferanteneingang der Metzgerei, der unschwer durch die langen ehemals durchsichtigen Plastiklappen gekennzeichnet war, die vom Türsturz hingen und verträumt im eisigen Wind flatterten.

Sie musste unweigerlich an den Metzgerkalender denken, den sie mal im Internet gesehen hatte. Ein Schauer lief ihr über den Rücken, als sie versuchte die Hintertür zu öffnen. Die eiskalte Stahltür war fest verschlossen, also ging sie weiter ums Haus.

Nach der nächsten Ecke kam sie auf eine Veranda, mit einer großen Fensterfront. Sie schnappte ihr Handy und leuchtete hinein. Es war nicht viel zusehen, nur eine runtergekommene Wohnküche. Es stank recht streng. Durch die Scheibe zog sich ein riesiger Riss und an der unteren Ecke war tatsächlich ein Loch in der Scheibe. Sie kniete sich vorsichtig hin, griff durch das Loch in der Scheibe und leuchte dabei nervös im Raum umher. Der Gestank trieb ihr Tränen in die Augen. Eigentlich war sie sich ziemlich sicher, dass niemand hier war, aber ein bisschen Schiss hatte sie trotzdem. Sie konnte den unteren Griff der Terrassentür erreichen und hebelte die Tür auf. Mit einem widerlichen Quietschen öffnete sich die Tür von alleine und blieb erst stehen, als sie gegen eine längst vertrocknete Yuccapalme stieß.

Auf den Fließen lagen Unmengen von Scherben, deshalb versuchte sie auf Zehenspitzen in den Raum zu schleichen.

In der Küche war schon mal kein Telefon, sie sah nur alte Zeitschriften auf einem Siteboard und Unmengen an schmutzigen Geschirr in und um die Spüle. Sie blickte auf die Zeitschriften, es waren irgendwelche Frauenzeitschriften aus den 80ger Jahren und Arztromane. Was sie nicht las, waren die Titel der Arztromane: ‚Gehe nicht dort hin!‘ Kopfschüttelnd lief sie durch die Küche auf den Gang. Links ging es zum Verkaufsraum und rechts ging es in einen grün gekachelten Raum, in dem allerlei rustikale Maschinen standen und Unmengen von Fleischerhaken an Schienen hingen, die quer durch den Raum den Kühlraum führten. Das musste das Herzstück der Metzgerei sein, sie hatte allerdings nicht vor in den Kühlraum zu gehen, weil es roch hier eh schon nicht so unglaublich grauenhaft, da wollte sie die Nase jetzt nicht unbedingt auch noch ins Kühlhaus stecken, wer weiß was da drin schon seit Jahren vor sich hin verweste. Sie ging also nur in den Arbeitsraum hinein, leuchtete umher und hielt sich von der großen Stahltür der Kühlkammer fern. An der Außenwand des Raumes hingen wieder so schmutzige Plastiklappen von der Decke, dahinter musste die Tür zum Hof sein.

Völlig entgeistert starrte sie auf einen alten Cutter. Oberhalb der Fliesen blätterte der Putz von der Wand und selbst die Fliesen schienen nicht mehr all zu gut zu halten. Hier stand wirklich alles Andere herum, nur kein Telefon. Noch nicht mal ein Telefonkabel. Sie stolperte über ein paar verbrochene Fliesen, die am Boden verstreut waren und wäre beinahe zu Fall gekommen. Dabei entdeckte sie eine kleine Tür, die hinter einer der Metalltische versteckt war. Eigentlich wollte sie ja nur Hilfe holen und gleich wieder zurück zu ihrem Wagen gehen, aber die Neugier war irgendwie stärker als die Angst. Sie ging auf die Knie und bahnte sich einen Weg zu der kleinen Tür. Wahrscheinlich würde sie gleich wieder in der Küche landen, die müsste eigentlich hinter der Wand sein. Sie betätigte den kleinen Riegel, mit dem das Türchen verschlossen war und die Tür schwang quietschend in ihre Richtung auf. Mit zitternden Fingern leuchtete sie in den Raum und irgendwas in ihr schrie ganz laut: ‚Gehe nicht dort hin! Tu es nicht!‘

Doch sie blickte neugierig in das dunkle Loch, dass sich vor ihr aufgetan hatte. Sie leuchtete in den Raum und sie traute ihren Augen kaum. Nicht dass die Zeit in dieses Metzgerei schon seit Jahren stehengeblieben zu sein schien, in diesem Raum musste seit den 40ger Jahren keiner mehr drinnen gewesen sein. Überall lagen Zeitung herum, die entweder zu Kriegszeiten oder in der Nachkriegszeit gedruckt worden waren. In einer Ecke lehnte eine verrostete Axt und eine Beinprothese, wie bestellt und nicht abgeholt. Wer geht denn ohne sein Bein außer Haus?

Sie kletterte neugierig in den Verschlag und brach mit dem Knie durch die hölzernen Bodendielen. Völlig panisch sprang sie einen Satz nach hinten und leuchtete dann aber doch in das Loch, dass sie gerade verursacht hatte. Dort lag eine altes Buch.

Als sie schwer atmend nach dem Buch angelte, entpuppte es sich als kleines Kästchen, dass nur als Buch getarnt war. Sie kroch wieder zurück in die Metzgerei und öffnete das Kästchen.

Drinnen lagen alte Fotos und neue Briefe. Die Fotos waren von herausgeputzten, hässlichen Kindern und alleinstehenden Frauen in schwarz-weiss. Neugierig blätterte sie durch die Briefe, bis sie an einem Geständnis hängen blieb.

‚Liebste Anita,

ich träume jede Nacht von dir, aber wir können niemals zusammen sein.

Wenn du das liest, dann bin ich schon über alle Beine. Ich hab ja noch beide. Wenn ihr den einbeinigen Metzger sucht, der ist bei seiner Frau und den anderen Langschweinen in der Kühlkammer. Die Kinder sind im Schweinepferch bei den Hunden. Die Nachbarn hab ich in ihrem Bett erlegt. Meine Lieblingsaxt hab ich auch da gelassen, wäre ja schon ganz schön aufgefallen, wenn ich mit der blutigen Axt mit dem Bus gefahren wäre.

In ewiger Verbundenheit, dein Sepp, Liebesschlachter aus Leidenschaft‘

Plötzlich klingelte ihr Handy und sie lies die Schachtel samt dem Brief fallen, während an ihrem inneren Auge eine Blut-Gehirn-Massaker-Szene Marke Ittenbach vorbeizog. Völlig außer sich und einem Herzinfarkt nahe, ging sie ran.

‚Wo bleibst du denn?‘ schrie sie jemand an.

‚Halt mal den Rand. Ich hatte nen Unfall und hatte bis eben kein Netz. Irgendwo zwischen Ascholding und Dietramszell. Ruf bitte sofort die Polizei und den ADAC an, ich bin grad in der alten Metzgerei Ignaz Kimmelmann, hier muss was Schreckliches passiert sein. Ignaz Kimmelmann! Mach dass sofort, ich weiß nicht wie lange das Netz hält. Und komm dann her und bring mir eine warme Jacke mit, ich warte bei meinem Auto!‘ schrie sie schwer atmend ins Telefon.

‚Ja klar. Sofort.‘ rief die Stimme wieder und legte auf.

Sie packte die Bilder und die Briefe wieder in die Kiste und machte sich dann hastig auf den Weg nach draußen, sie wollte keinen Moment länger in diesem Mordhaus bleiben.

Fortsetzung folgt vielleicht in ‚Gehe nicht dort hin schlägt zurück!‘

Werbeanzeigen

Schmetterling im Winter…

Schmetterling im Winter…

Schweren Herzens lief ich im Schatten eines Berges zum Gipfel hinauf.

1476421_10201181271640521_209406658_nUnd ob ich schon wanderte im finsteren Tal, so fürchte ich mein Unglück, denn es ist niemand bei mir. So scheint es, doch allein bin ich nie. Und so lief ich durch den Tann und es trieb mich keine Versprechen an. Mich trieb das Untier in mir voran und hinter mir war noch mein unbekannter Verfolger. Sie abzuschütteln war für mich bis jetzt ein sinnloses Unterfangen und so lebte ich mit ihnen in einer merkwürdigen Symbiose. Und doch sind beide ein Teil von mir und entweder komme ich mit ihnen oben am Gipfel an, oder ohne sie, doch ohne sie, komme ich nie an. So lief ich stur den Berg hinauf, mit dem Schalk im Nacken und dem Biest in mir.

Mir war kalt, obwohl der blaue Himmel mich anstrahlte, doch die Sonne stand hinter dem Berg, den ich zu erklimmen versuchte.

Seit Tagen und Wochen trug ich ein flaues Gefühl mit mir herum, irgendwo in meinen Eingeweiden. Zuerst dachte ich, ich wäre krank. Man sagte, ich hätte etwas Falsches gegessen. Also beschloss ich nichts mehr zu essen.

Ich schlief aber auch schlecht. Weil mich das flaue Gefühl sogar in meinen Träumen verfolgte. Etwas was ich nie zu erreichen schien, saß auf meiner Seele und glotze mich an, während es mit einer eisernen Nadel in mein Herz bohrte.

Nun ist von dem halben Pfund Fleisch eh nicht mehr viel übrig geblieben, was sich noch zu zerbrechen lohnte, aber um zu schmerzen, war noch genug davon übrig. So spürte ich, bei jedem Schritt die Nadel in meinem Herzen und ich hörte die Splitter meines Herzens bei jedem Atemzug in meinen Lungen rasseln.

Und mein Atmen ging schwerer bei jedem Schritt. Und die Splitter meines Herzens sangen bei jedem Keuchen meinerseits ihr trauriges Lied für mich. Doch Weinen konnte ich schon lange nicht mehr. Es waren keine Tränen mehr übrig, um weinen zu können.

Doch der Schmerz war deswegen nicht fort. Der Schmerz war mein unbekannter Verfolger, der mir im Nacken saß. Der sich in meiner Seele verbissen hatte und mich mit seinen dunklen Augen anblickte und lachte, während er immer und immer wieder mit der eisernen Nadel ausholte und auf das kleine Etwas einhämmerte, was einmal mein Herz gewesen war.

So wandelte ich atemlos stundenlang auf der dunklen Seite des Berges und bahnte mir meinen mühsamen Weg nach oben.

Was mich am Ende meines Weges erwarten würde, konnte ich nur erfahren, wenn ich den Weg weiter verfolgen würde. Auch wenn der Weg noch so schwer und schmerzlich für mich war, ich musst ihn gehen. Alles hinter mir lassen, was mich vorantrieb.

Der Wind pfiff mir um die Ohren und ich fror und schwitzte zu gleich. Aus meinem Mund kam bei jedem beschwerlichen Atemzug nur noch ein Röcheln und doch konnte ich meinen Atem sehen, wie er sich in der Kälte deutlich abzeichnete.

So schien ich stundenlang zu laufen und doch schien es mir so als würde ich nie ankommen können, weil mich das Untier zurück hielt und mein unliebsamer Verfolger mich weiter quälte.

Das Stechen in meinem Herzen nahm mir auch noch den restlichen Atem. Ich kam ins Straucheln und stützte auf die Knie. Die Sterne tanzten vor meinem inneren Auge herum und der Schwindel hatte meinen Magen gepackt. Und so spie ich mehr heraus, als ich eigentlich hätte kotzen können.

Doch jetzt aufzugeben, lies ich nicht zu. Ich schüttelte meinen unaussprechlichen Besucher ab und rannte los. Ich kam drei Schritte weit, da packte mich das Untier wieder und mein Magen wurde mir in meinen Eingeweiden herumgedreht. So kroch ich weiter wie ein angeschossenes Tier, dass an der ausgestreckten Hand verhungert werden würde. Doch ich kroch weiter. Den unglaublich Unaussprechlichen hinter mir lassen, kroch ich durch den Dreck, bis meine Hände auf Stein trafen. Aber ich kroch weiter, meine Hände rissen auf und ebenso meine Knie, doch ich biss mir auf die Lippe, bis ich Blut schmeckte und ich kroch immer weiter.

Die Tränen waren wieder da, sie rannen über mein Gesicht und ertränkten das Untier in meinem Inneren. Und nach unvorstellbaren Leid und Schmerzen, die jeden anderen in den Wahnsinn getrieben hätten, erhob ich meinen Kopf und die Sonne schickte mir ihre Strahlen, um meine Tränen zu trocknen. Mit letzter Kraft erklomm ich die letzten Schritte und klammerte mich wie ein Ertrinkender an das Gipfelkreuz.

Da saß ich gefühlte Stunden, pumpte wie ein Maikäfer und sog die Sonnenstrahlen in mich auf. Es strahlte mir die grelle Fratze entgegen und sie trocknete meine Tränen. Und ich saß noch solange da, bis sie im Begriff war unterzugehen.

Ich hatte wieder das Gefühl, dass der Verfolger wieder hinter mir war. Ich hatte das Gefühl, als ob 2297_1176180044726399ich seinen Herzschlag schier hinter mir spüren konnte und ich drehte mich ruckartig um, doch da war nichts. Einfach nichts und niemand. Ich war allein. Endlich könnte man meinen. Doch ich habe mich niemals vorher in meinem Leben so einsam und alleine gefühlt, als in dem Moment, als ich begriffen hatte, dass ich meinen Verfolger abgeschüttelt hatte und das Untier nun in meinem Magen die nächsten tausend Jahren unter unvorstellbar qualvollen Schmerzen langsam verdaut werden würde.

Und in dem Moment als mein wahnsinniger Verstand, dass endlich begriffen hatte, flog mir ein Schmetterling ins Gesicht. Er flatterte noch einen Moment taumelnd vor mir und dann flog er der Sonne entgegen und lies mich allein auf dem kragen Felsen zurück. Und doch hatte ich ein kleines Lächeln auf den Lippen.

Es ist einfach alles möglich in einer Welt, in der einem am 23.12 ein Schmetterling in die Fresse fliegt… Man muss nur erkennen, dass es ein gutes Zeichen ist, denn so einen Wink mit dem Schmetterling bekommt man nur einmal im Leben.

Nicht verwechseln…

Nicht verwechseln…

129547393_e4dadde815_oDie Sonne scheint, ich fahre mit offenen Fenster nach Hause, höre Radio Arabella und ich denk mir nichts Böses. Warum auch, es ist doch so schönes Wetter. An einer roten Ampel bleib ich stehen und beobachte die Typen da draußen mit ihren kurzen Hosen, ihren Sonnenbrillen und ihren Ohrenschützern???
What the fuck! Winter is coming? Und ich hab noch die Sommerreifen drauf. Warte, wir haben doch Juli und der Sommer fängt grad erst an, nach dem wir die letzten 3 Monate April hatten.
Es wird grün und ich muss weiterfahren. Im Augenwinkel kann ich jedoch erkennen, dass der Kerl womöglich doch keine Ohrenschützer trägt. Es sind Kopfhörer? Quietschbunt! Wer macht so was?
Ehrlich mal, haben wir alle unsere Eltern früher nicht dafür gehasst, wenn sie uns peinliche Klamotten und/oder Accessoires angezogen haben. Auch wenn manche Kleidungsstücke 15 bis 25 Jahre später ihr mehr oder weniger ruhmreiches Comeback gefeiert haben. Bestes Beispiel dafür sind Cordhosen und Rundschals. Ich habe mittlerweile gegen die gute alte Cordhose nichts mehr einzuwenden, solange sie nicht lila ist, komische Muster hat und diesen ganz dünnen Cord hat, der immer fuselt!
Aber Rundschals, ich bitte euch! Denkt doch mal drüber nach, damals in den 80ger und /oder den 90gern, als türkis, pink, lila und / oder Neonfarben ganz super chic waren. Als wir alle noch Kapuzenshirts getragen haben, (Ja, auch ich!) fliederfarben und neonfarbene Batikhosen dazu. Ich schäme mich heute noch dafür. Wie gut, dass wir damals noch kein Facebook hatten, die peinlichen Fotos hätte niemand je wieder aus dem Netz löschen können.
Zurück zu den Rundschals, damals waren die aus unmöglichen Farben gestrickten Polyesterwollrundschals und etwas Körperbetonter, als die heutigen Exemplare. Wahlweise mit einem gestrickten und geflochtenen Stirnband. Würg. Ein Bisschen wie ein Strick-Muff für den Kopf. Habe ich meine Mutter für jede Masche gehasst, die sie in diese, einer Kopfbedeckung nicht würdiger modischen Verfehlung, gestrickt hatte.
Und Ohrenschützer kommen definitiv gleich nach den meist gehassten Kleidungsstücken, neben dem absoluten Spitzenreiter nämlich der Pullunder, Handschuhe die miteinander verbunden sind und natürlich dem Strickrundschal für den Kopf.
Nachdem die meisten Kleidungsgeschädigten diversen Etablissementwohl nicht auch noch meine Tante hatten, werde ich mich zu weiteren modischen Fehltritten in meiner Familie keine weiteren Auskünfte erteilen, weil ich damit beschäftigt bin, alte Kinderfotos zu verbrennen, wo ich mit meiner Schwester zusammen im Partnerlook Blumenmädchen (mit blonden Zöpfen!) bei irgendwelchen Hochzeiten machen musste und wir lila bis weinrote Klamotten tragen mussten, die so Füllhornmuster hatten, wie man sie aus diversen Etablissement her kennt, die für ihre altrosa Tapeten bekannt sind. Und ratet mal, das Material war aus diesem mikroskopisch dünnen Cordstoff, der immer fuselt und zwar völlig egal wie oft meine Mutter mit der Fuselbürste hinter mir her war. Alpträume hab ich heute immer noch davon.
Ich schweife leicht ab, aber ich muss mich bei dem Thema immer leicht echauffieren, weil meine Nichte mittlerweile von meiner Tante Geld kriegt und nicht dieses schrecklichen Klamotten, mit der ich in meiner Kindheit immer gequält wurde. Und das Allerschlimmste ist ja, dass ich die schrecklichen Klamotten, die meine große Schwester von meiner Tante bekommen hatte, dann auch noch auftragen musste. Jetzt fragt ihr euch, warum ich heute so bin wie ich bin. Bedankt euch beim textilen Einverständnis meiner Eltern.
So nun zu euch: Warum zum Teufel trägt die Jugend heutzutage quietschbunte Kopfhörer, die beim flüchtigen Hinschauen, aussehen wie die Plüschohrenschützer? Für die wir alle unsere Eltern (und wahlweise auch Tanten oder Omas) so gehasst haben!
Aber mir kann ja auch keiner diese Sache mit den Hosen erklären, warum man die unter den Arsch schnallt… aber das ist eine andere Geschichte.

Danke für die Aufmerksamkeit.

Schnee

Schnee

Es muss ein Traum sein! Schnee, Ruhe, Stille. Eine Frau stapft durch den Schnee. Rote Backen, Blaue Lippen und Schnee soweit das Auge reicht. Sie läuft im Wald auf einem Hügel entlang, dass dieser Hügel ein Relikt aus der Steinzeit ist, ist ihr völlig bewusst. Die Landschaft ist aber nicht nur von den letzten Eiszeiten und den Ureinwohnern geprägt. Die Kelten und Römer haben hier genauso gewohnt und die Landschaft nach ihren Vorstellungen verändert. Später kamen allerlei Adelige und Ritter, auch Raubritter und Räuber.

Die Landwirtschaft prägt die Landschaft schon seit dem die Menschen sesshaft geworden sind. Viele Kriege waren übers Land gezogen und wenn man mal überlegt, wie viele Menschen im Laufe der Zeit hier ums Leben gekommen sind, ob gewaltsam oder aufgrund Krankheit oder Alter, dann könnte es einem schon mulmig werden. Sie ist also noch nicht mal in der Einsamkeit allein.

Jetzt wo der Schnee alles bedeckt, ist alles ganz still. Man kann die Geister der Vergangenheit fast spüren. Sie stapft weiter, der Schnee geht ihr fast bis zum Knie. Hätte sie vielleicht doch auf dem Weg bleiben sollen? Auf dem Weg kann es doch jeder, man muss schon ab und zu vom Weg abkommen, um wieder zum eigenen Weg zurückzukommen. Ihr Weg ist ihr Ziel. Sie trägt einen Kilt und sie hat sich Wollstoffstreifen und Leder um die Beine gewickelt, am Füße trägt Frau Holzschuhe. Auf den Rücken hat sie einen Korb geschnallt. Die Kraxe ist diesmal nicht schwer beladen, aber trotzdem muss sie bei jedem Schritt aufpassen, dass die nicht ausrutscht. Die Holzschuhe sind total vereist und sie muss alle paar Schritte den fest gepressten Schnee von den Sohlen abklopfen. Kalte Füße hat sie dennoch nicht, die Schurwolle tut ihre Pflicht, ob Sommer oder Winter, trägt sie Wollsocken. Sie hat immer warme Füße, die Füße schwitzen aber nicht.

Die Menschen haben sich schon was dabei gedacht, als sie nadelgebundene Socken erfunden haben. Ein Hoch auf die Wikingerfrau, die sich damals Gedanken zu kalten Füßen gemacht hat.

Sie hatte wahrscheinlich eine chronische Blasenentzündung und immer kalte Füße, dann erfand sie bestimmt das Nadelbinden.

Sie läuft immer noch durch den Schnee, am Ende ihres Kilts haben sich kleine Schneeklumpen gebildet, wie beim Fell eines Hundes, der durch tiefen Schnee läuft. Wie gerne hätte sie einen treuen Begleiter dabei, aber sie geht allein.

Nach gefühlten Stunden, ist sie am Ende des Waldes angekommen und ihr Blick fällt nun auf ein weites Tal. Die Sonne geht über den Alpen auf. Das Morgenrot taucht das ganze Voralpenland in ein warmes Licht. Sie kommt sich vor, als wäre sie der einzige Mensch auf der Welt, wie ein Ureinwohner. Ein Neandertaler. Nur sie und die Geister der Ahnen.

Es ist auch gut so, dass sie wirklich alleine ist. Sie trägt eine Fellmütze, eine Gugel, eine Wolltunika und ist mit Wolle und Fellen umwickelt. Ein Mensch in der heutigen Welt, würde die Polizei rufen oder weglaufen, wer er ihr allein im Wald begegnen würde.

Früher wäre es eher weniger Ungewöhnlich gewesen. Da wäre nur die Frage gewesen, ob Freund oder Feind. Heute holt man die Polizei oder gleich einen Krankenwagen.

Menschen, die so rum laufen, müssen doch krank im Kopf sein. Aber wie soll man den herausfinden, wie es damals war, wenn man sich nicht in die damalige Zeit hinein versetzt. Da könnte sich so mancher Professor noch ein Scheibchen abschneiden.

Sie steht immer noch an der Stelle, an der sie vorhin aus dem Wald gekommen war, der Ausblick ist einfach so atemberaubend, dass sie sich zwingen müsste, den Blick wieder auf den Weg zu richten. Einen Moment noch steht sie am Waldrand, als wäre sie dort fest gefroren. Dann läuft sie ins Tal zur Straße hinunter…. in dem Moment fährt ein Schneepflug vorbei.

Wenn der Glaube sich selbst nicht glaubt…

Wenn der Glaube sich selbst nicht glaubt…

Winternacht Teil 3

‚Fräulein Müller, sie glaum des doch selber net, dass wir erna des abnehmen!‘ schrie ihr der bierbäuchige Polizeiobermeister der örtlichen Behörden feucht ins Gesicht.

Sie wischte sich seine Spucke aus dem Gesicht und blieb dabei an ihrer Nase hängen. Schmerzverzerrt verzog sie das Gesicht, sie hatte vergessen, dass ja ihre Nase gebrochen war.

‚Zum hundertsten Mal, sprechen Sie bitte mit meiner Abteilung oder lassen Sie mich an meinen Wagen, da ist mein Dienstausweis!‘ meinte sie in einem monotonen Singsang. Sie hatte diesen Satz wirklich schon hundert Mal gesagt.

Ein junger Polizist kam zur Tür herein, legte dem Polizeiobermeister ein Fax hin und verschwand gleich wieder.

Der Polizeiobermeister schrie sie wieder an: ‚Sie ham ihren Arztbericht in die Interne faxen lassen!‘ Er schnaubte vor Wut und wechselte mehrmals die Farben von rot zu weiß.

‚Ja, auch wenn Sie es kaum glauben wollen, so wie es in den Vorschriften steht. Wenn Sie mich nun bitte in meine Zelle führen würden, bis die Kollegen da sind. Herrn Polizeiobermeister!‘ sagte sie schnippisch und hielt ihm die Hände hin, damit er ihr Handschellen anlegen konnte.

‚Wenn ses auf ‚d harte Tour woin, des hama glei…!‘ meinte er im Aufstehen. Er griff an seinem Gürtel, löste die Handschellen und ging um den Schreibtisch herum. Mit einem Ruck zog er sie hoch und stieß sie unsanft gegen die Wand. Er bog ihr die Hände auf den Rücken und befestigte die Handschellen besonders grob an ihren Handgelenken. Mit seinem Bierbauch pinnte er sie dabei an die Wand und durchsuchte sie, dabei konnte sie seinen Atmen auf ihrem Hals spüren. Den Würgereiz unterdrückend schossen ihr ein paar Tränen in die Augen. Sie blinzelte und sah ein Fahndungsbild direkt vor ihrer Nase. Er hatte sie förmlich mit der Nase drauf gestoßen, sie lehnte mit dem Gesicht gegen eine Pinnwand mit Vermisstenanzeigen. Das Bild brannte sich durch ihre Netzhaut in ihr Gehirn. Hariolf Otterbein, Patient eines örtlichen Sanatorium, wurde vor drei Monaten als vermisst gemeldet. Auch ohne Bart und mit Frisur erkannte sie seinen Blick, der auf dem Foto weniger verrückt zu sein schien. Aber er war es, der verrückte Irre.

Sie wurde in eine Zelle gebracht, dort saß sie eine Zeit lang mit auf dem Rücken behandschellten Armen und rauschenden Kopf. Wo war der Fehler. Da muss irgendwo ein Fehler sein. Sie kam nicht drauf, wo der Knackpunkt an dieser Geschichte war. Und ihr fiel einfach nicht ein, was in der Zeit passiert war, zwischen dem Eintreffen des Dr. Brock und dem Morgen, als sie gefesselt auf dem Tisch aufgewacht war. Die Ärzte hatten ihr zwar erklärt, was theoretisch geschehen war, aber sie konnte sich einfach an nichts erinnern und sie wusste nicht, ob diese Unwissenheit nun besser war für sie oder ob es alles noch viel schlimmer machte, ahnungslos zu bleiben.

Ein Schlüssel würde ins Schloss gesteckt und umgedreht. Von dem Geräusch schreckte sie aus ihren wirren Gedanken. Noch bevor die Zellentür aufschwang, hatte sie sich einigermaßen gesammelt. Der junge Polizist stand in der Tür und kam zögernd in die Zelle. Zaghaft half er ihr auf und brachte sie wieder in das Büro des Polizeiobermeisters. Im Zimmer saß ihr Abteilungsleiter auf dem Sessel des Polizeiobermeisters und der Polizeiobermeister machte gerade Anstalten zu gehen. Beide waren wohl nicht gerade begeistert von den Geschehnissen.

‚Was soll denn dass bitte? Machen sie sofort die Handschellen auf!‘ befahl ihr Abteilungsleiter in seinem üblichen scharfen Ton. Es ging einfach runter wie Öl, weil sie ausnahmsweise mal nicht von ihrem Chef angeschrien wurde.

Er war aufgestanden, schritt an ihre Seite und wartete bis alle anderen den Raum verlassen hatten. Dann legte er ihr einen Zettel auf den Tisch, berührte eine Sekunde lang ihre Schulter, wand sich ab und ging wieder zurück, um sich auf den Bürostuhl zu setzen.

Ihre Handgelenke reibend las sie was auf dem Zettel stand. ‚Bitte vergiss was ich dir in den nächsten 10 Minuten an den Kopf werfe! Wir reden im Wagen!‘

Im Aufblicken versuchte sie zu lächeln, es gelang ihr aber nicht. Tief einatmend griff er über den Tisch, nahm den Zettel, faltete ihn ordentlich und steckte ihn in die Innentasche seines Jacketts.

‚Frau Müller, wollen Sie mich verarschen? Sie zerhacken einen vermissten Irren mit einer Axt und glauben dann, dass ich in dieses Kuhkaff geeilt komme, um ihnen aus der Scheiße zu helfen!‘ Er machte eine Pause und grinste sie schuldbewusst an, bevor er fort fuhr. ‚Wie Notwehr? Notwehr! Sie haben den armen Irren zerstückelt, mit einer Axt, vorher wollten sie ihn grillen. Das ist am Arsch keine Notwehr.‘ Wieder machte er eine Pause und blickte sie dabei entschuldigend an.

‚Wie sexuelle Belästigung? Vergewaltigung, ja genau? Was weiß ich, was sie mit dem armen Irren da auf der Hütte getrieben haben.‘ Die nächste Pause war für ihn schlimmer als für sie, obwohl ihr bereits die Tränen aus den Augen schossen. ‚Ich muss ja wohl nicht erwähnen, dass Sie suspendiert sind und dass sie nicht nur ein Verfahren am Hals haben, Frau Müller! Alles weitere klärt der Staatsanwalt.‘ Mit Beendigung dieses Satzes war er wieder an ihrer Seite, berührte diesmal etwas länger ihre Schulter und hielt ihr seine Handschellen vor die Nase. Willenlos hob sie die Hände und lies sich erneut fesseln. Die Tränen liefen ihr über ihre Wangen, als sie von ihrem eigenen Abteilungsleiter aus der Polizeistation geführt wurde. Unsanft wurde sie in seinen Dienstwagen gestoßen, dabei hatte er ihr unbemerkt die Handschellen wieder geöffnet. Als sie sich im Wagen langsam aufrichtete, schnallte er sie liebevoll an. Sie bemerkte, dass seine Hände dabei zitterten. Erst im Auto löste sich dieses makabere Schauspiel auf.

‚Um Himmels Willen, Emma. In was für eine Scheiße bist du da geraten? Dieser Irre war schon seit Monaten vermisst und dieser Dr. Brock ist aus dem Krankenhaus geflohen, noch bevor wir ihn verhören konnten. Ich habe den Arztbericht gelesen, Emma. Es tut mir leid. Ich genehmige dir nie wieder Urlaub, wenn die Sache hier vorbei ist, ja! Was haben die Ärzte noch gesagt?‘ er blickte mit einem sorgenvollen Blick nach hinten, während er mit einem Affenzahn aus dem Ort auf die Landstraße bretterte.

‚Ähm, das war’s wohl mit der Familienplanung…ich kann mich an nichts erinnern. Mir fehlen ungefähr 5 Stunden.‘ stotterte sie. ‚Ich kann mich einfach an nichts erinnern!‘

‚Okay, ich hoffe, dass du diesen Dorfbullen nichts davon erzählt hast? Sonst haben wir vor Gericht mit Notwehr keine großen Chancen.‘

‚Was heißt hier eigentlich wir?‘ fragte Emma.

‚Hey, Emma. Ich lass Dich jetzt nicht hängen. Okay!‘ meinte er wieder in seinem Befehlston, dabei drehte er sich wieder mit dem Kopf nach hinten und blickte sie einen langen Moment lang ernst an. Dieser Satz wäre nicht weniger irritierend gewesen, wenn sie ihn nicht besser kennen würde. Er war ihr Abteilungsleiter in der Internen Abteilung und sie hatten vor einem Jahr eine kurze Affäre, die sie schlauerweise schnell beendet hatte, bevor irgendjemand davon Wind bekam. Sie waren beide zu sehr Profis in ihrem Beruf, als dass dies irgendeine Auswirkung auf ihre tägliche Arbeit gehabt hätte. Und gerade jetzt schaut er sie wieder so an. Gerade jetzt nach diesem Horrortrip.

‚Emma, ist es denn in Ordnung, wenn ich dir helfe?‘ fragte er kleinlaut.

‚Ähm… ja… natürlich… Danke… Rutger. Das ist lieb von dir! Danke!‘ erwiderte sie völlig erschöpft.

Plötzlich bremste er und fuhr rechts ran. Wie von einem Blitz getroffen sprang er aus dem Auto, rannte außen um das Auto herum und riss die Tür auf, hinter der sie saß.

‚Tut mir leid! Ich hab…!‘ meinte er und sie verstand nicht was er meinte. Vorsichtig griff er nach den offenen Handschellen, die er mit samt den Armen unter dem Gurt eingeklemmt hatte. Er befreite sie davon und half ihr aus dem Auto. Ohne ein weiteres Wort nahm er sie in den Arm und drückte sie. Ihre Knie gaben nach und sie sackte kraftlos in seine Umarmung. Liebevoll bugsierte er sie auf den Beifahrersitz und schnallte sie wieder an. Die Handschellen blieben auf dem Rücksitz liegen. Er erklärte ihr, wo er sie hinbringen würde und dass er einen sehr guten Anwalt für sie hatte, aber davon bekam sie nur noch Wortfetzen mit. Während er das Auto über die Autobahn Richtung der großen Stadt heizte, schlief sie bereits tief und fest, immer noch ahnungslos. Sie hatte aufgehört über die fehlenden 5 Stunden nachzudenken.

Wenn der Morgen graut…

Wenn der Morgen graut…

Winternacht Teil 2

Sie wurde wach und konnte sich nicht bewegen. Ihr ganzer Körper war taub und sie hatte Raureif in Ge

sicht. Erst als sie langsam die Augen öffnete, erkannte sie, dass noch viel mehr nicht stimmte, als nur die Temperatur in der Hütte. Sie saß auf der Bank und ihre Arme waren auf dem Rücken gefesselt und sie hatte verdammt nochmal Raureif im Gesicht. Langsam drehte sie den Kopf und blickte im Raum umher. Ihr nächtlicher Besucher lag auf dem Kanapee und schlief, neben ihm lehnte die Axt auf dem Boden und auf dem Boden war Blut. Verdammt viel Blut. Schläft er wirklich? Sein Brustkorb hob und senkte sich. Sie grübelte darüber nach, was gestern Nacht noch geschehen war, nachdem sie den fremden Herrn Brock eingelassen hatte. Und um so mehr sie grübelte, um so weniger konnte sie sich erinnern. Hinter ihr ging die Tür auf und ein Schwall eisig kalter Luft kam in den ohnehin viel zu kalten Raum. Sie konnte nicht erkennen, wer die Hütte betreten hatte.

Eine krächzend lachende Stimme kam vom Eingang der Hütte. ‚Das Täubchen hat das Feuer ausgehen lassen!‘ Sie konnte ein paar schlürfende Schritte hören und dann traf sie ein heftiger Schlag ins Gesicht. Von der Wucht wurde sie hoch geschleudert und stieß mit dem Kopf gegen die rückwärtige Wand. Wo sie bewegungslos liegen blieb. Benommen versuchte sie sich von der noch unangenehmeren Haltung zu befreien. Aber ihr eigenes Gewicht drückte so auf ihre Arme, dass sie ihren Körper kaum hoch hieven konnte. Jemand packte sie am Hals und zog sie hoch. Dabei stießen ihre verkrampften Beine gegen die Tischkante.

‚So, Täubchen. Vielleicht willst du mir ja jetzt sagen, was du mit dem sauberen Herrn Dr. Brock zu schaffen hast?‘ kreischte die Stimme ihr nun direkt ins Gesicht. Sie konnte seinen stinkenden Atem riechen. Ihre Sinne schwanden wieder, bis sie ein weiterer Schlag wieder aus der nahenden Ohnmacht riss.

Als sie ruckartig die Augen öffnete, kam auch der Schmerz. Der letzte Schlag musste ihre Nase gebrochen haben, aus der nun Blut lief. Sie blickte in das Gesicht ihres Peinigers. Ein wilder Mann mit zerzausten Haaren und einem ungepflegten Bart starrte sie mit dem ihm eigenen, irren Blick an. Und sein Blick passte so unmissverständlich zu seiner Stimme, dass sie sich jetzt auch nicht mehr wunderte, warum er sie aus unerfindlichen Gründen schlug. Dieser Mann war einfach verrückt. Und was zum Teufel macht dieser Verrückte in ihrer Hütte. Diese Abscheu die sie nun empfand, spie sie ihm ins Gesicht. Mit ihrem Speichel spritze auch eine Ladung Blut mitten in sein Gesicht. Wie es schien, freute er sich darüber, dass sie ihn angespuckt hatte. Er lies einfach von ihr ab und widmete sich nun dem ominösen Herrn Dr. Brock. Sie war wieder auf die Bank zurückgefallen und lag nun quer auf der Bank, mit dem Kopf halb unter dem Tisch. Hinter ihr auf der Bank lag etwas. Sie versuchte mit den gebundenen Fingern danach zu greifen. Gott sei dank, es war ihr Nähzeug. Nun versuchte sie lautlos das Nähtäschchen zu öffnen und suchte nach dem Auftrenner. Dieses kleine Trennmesser konnte nun ihr Leben retten. Da war es ja! Während sie mit dem Trennmesser versuchte ihre Fesseln zu durchschneiden, beobachtete sie den Irren und den ominösen Dr. Brock.

Der Irre hatte sich behutsam an den Rand des Kanapees gesetzt und betupfte die Stirn des Dr. Brock mit einem Küchenhandtuch. Er hatte bereits das Feuer wieder entzündet und Wasser aufgestellt. Der Wasserdampf und der Rauch vom Ofen machte die Szenerie noch unwirklicher. Aber als dann die Sonne aufging und die ersten Strahlen durch die gefrorenen Scheiben schien, konnte sie nur noch den aufgewirbelten Staub, den Rauch und den Wasserdampf sehen, aber nichts von dem was sich nur drei Meter von ihr entfernt abspielte.

‚Dr. Brock, es wäre nicht nötig gewesen mich verletzen zu wollen. Ich hätte Ihnen nichts getan. Aber Sie haben es so gewollt. Sie haben mich förmlich darum gebeten ihnen die Hand abzuschneiden, die Sie gegen mich erhoben haben, Dr. Brock!‘ die Stimme des Irren hörte sich erschreckender Weise richtig fürsorglich an.

‚Hariolf, ich wollte dich nicht verletzen.‘ flüsterte Dr. Brock geschwächt.

‚Ihre Axt hatte mich nur knapp verfehlt, Dr. Brock. Ich habe Ihnen alles anvertraut und wie danken Sie es mir. Sie haben es dem Täubchen erzählt… Sie haben es dem Täubchen erzählt….Sie haben es dem Täubchen erzählt…!‘ wiederholte der irre Hariolf, immer und immer wieder, so dass Dr. Brock es kaum schaffen konnte, ihn mit seiner schwachen Stimme zu unterbrechen.

‚Hariolf, ich brauche ärztliche Versorgung, sonst verblute ich!‘ stammelte Dr. Brock.

Sie hörte wieder diesen schlürfenden Gang. Dann öffnete jemand den Ofen. Dieses quietschende Geräusch kannte sie nur zu gut. Durch den Rauch konnte sie etwas Glühendes sehen. War das der Kohlenschieber? Eine Minute später konnte man nur noch einen gellenden Schrei hören, der sogar weit ab der Hütte, noch das Wild aufschreckte.

Nachdem der Schrei verstummt war, war gar nichts mehr zu hören. Sie hatte innegehalten und lauschte mit geschlossenen Augen. Nichts. Kein Atmen. Keine Bewegung. Nur das Prasseln und Knacken des Ofens. Sie konzentrierte sich noch mehr, aber da war nichts. Vorsichtig öffnete sie die Augen. Da war wieder nur der aufgewirbelte Staub und die Sonnenstrahlen im Raum. Dieser Irre würde sie einfach umbringen, einfach so. Weil sie das Täubchen war, das zur falschen Zeit am falschen Ort war. Die Ironie dabei war nur, dass sie auf diesen Berg geflüchtet war, um endlich ihre Ruhe zu haben vor den ganzen Verrückten in der großen Stadt. Und jetzt würde sie von einem völlig Irren einfach abgeschlachtet werden. Nein. Das war nicht das, was sie sich noch vor ein Paar Stunden für ihr weiteres Leben zu recht gerückt hatte. Lautlos versuchte sie sich weiter von ihren Fesseln zu befreien. Obwohl es immer noch eisig kalt in der Hütte war, stand ihr, von der Anstrengung sich nahezu bewegungslos befreien zu wollen, der Schweiß auf der Stirn und ihre Hände wurden ganz feucht, so dass sie den Auftrenner kaum noch festhalten konnte.

Eine Wolke schob sich vor die Sonne und sie konnte den Irren sehen, wie er den glühenden Kohlenschieber hoch hielt, ihn in der Hand drehte und ihn aufmerksam beobachtete. Er machte einen Schritt in ihr Richtung. Nun konnte sie diesen süßlichen Geruch wahrnehmen. Der Geruch brennenden menschlichen Fleisches. Er musste dem Dr. Brock seine Verletzung ausgebrannt haben. Bei solchenen Schmerzen wäre es kein Wunder, wenn dieser Dr. Brock nun auch völlig verrückt geworden wäre oder einfach an dem Schock gestorben wäre. Der Irre stand nun vor ihr und hielt ihr das glühende Metall vor die Nase.

‚Kannst du sein Fleisch riechen?‘ fragte er sie. ‚Ich kann sein Fleisch riechen!‘

Noch verrückter ging es ja wohl nicht. Das würde ihr nie jemand glauben. Ihre Fesseln begannen sich langsam zu lösen. Der Irre kam ihr mit dem Kohlenschieber gefährlich nahe und sie konnte sich der Gefahr nicht entziehen. Der Raum war hinter der Bank zu Ende und wenn sie sich von der Bank stürzen würde, dann saß sie unter dem Tisch in der Falle. Jetzt war es an der Zeit ein Stoßgebet an Universum zu schicken.

Wie in einem schlechten Horrorfilm begann der Wasserkessel an zu pfeifen, als das glühende Metall nur noch wenige Zentimeter von ihrem Gesicht entfernt war. Der Irre erschrak und lies den Kohlenschieber fallen. In dem Moment schnellte ihre Hand unter ihr hervor und sie fing den Kohlenschieber auf, bevor er allzu viel Schaden in ihrem Gesicht anrichten konnte. Der Irre hatte sich aber schon abgewandt und war zum Herd geschlürft um den Lärm abzustellen. Mit einen Satz kam sie zum Stehen, strauchelte und stolperte Richtung Kanapee. Der Irre drehte sich um, er hatte den Wasserkessel in der Hand. Sie holte aus und warf den Kohlenschieber nach ihm. Sie traf ihn mitten im Gesicht. Es zischte drei mal. Das Zischen als der glühende Kohlenschieber in seinem Gesicht auf traf und sich in sein Fleisch brannte. Der fallende Wasserkessel, der seinen heißen Inhalt auf seine Füße ergoss und durch diese Verkettung der Ereignisse kam auch der Irre ins Straucheln und stütze sich am Ofen auf, um nicht rücklings zu stürzen. Der Ofen brannte sich in seine Hände. Das war ihre Chance. Sie packte die Axt, die zu ihren Füßen lag und schlug auf den Irren ein. Es ging alles so schnell, dass er sich kaum wehren konnte. Sie schrie und schlug unzählige Male auf ihn ein, bis sein blutiger Leib langsam zu Boden glitt.

Wenn der Berg ruft…

Wenn der Berg ruft…

Winternacht Teil 1

Endlich Ruhe. Sie hat endlich ihre Ruhe. Ihre Ruhe vor dem Lärm. Sie hat Urlaub, endlich Urlaub. Ungeduldig hatte sie ihren Rucksack gepackt und ins Auto geschmissen. Sie ist am frühen Nachmittag noch zur Hütte rauf gefahren. Soweit es eben mit dem Auto geht, dann ist sie zu Fuß weiter. Der Weg ist steil und ihr Rucksack schwer. Aber mit jedem Schritt, den sie unweigerlich näher an ihr Ziel kommt, fühlt sie sich freier. Jetzt können sie endlich alle mal am Arsch lecken. Sie war erst vor ein paar Wochen auf der Hütte gewesen, aber die Erholung hatte nicht lange angehalten. Vielleicht sollte sie sich doch einen anderen Job suchen. Sie würde die nächsten Wochen nicht mehr so oft auf die Hütte fahren können. Dies ist wahrscheinlich auch das letzte Wochenende, wo noch nicht all so viel Schnee liegt. Es ist mitten im Dezember und der Winter hatte noch nicht so richtig zugeschlagen. Unten im Tal lag fast kein Schnee, aber um so höher sie gefahren war, um so mehr Schnee säumte den dünnen Forstweg. Die Gedanken noch bei der Autofahrt, hatte sie ihr Fahrzeug eigentlich schon längst hinter sich gelassen und war losmarschiert. So stapfte sie nun gedankenversunken durch den Schnee. Nach langem Überlegen macht sie ihren Entschluss soweit dingfest, dass sie sich sobald sie wieder in der großen Stadt war, nach einem nicht ganz so stressigen Job umsehen würde. Oder vielleicht einfach nach einer neuen Wohnung, die näher an der Hütte liegt. Näher an den Bergen. Sie hatte so viel im Kopf, dass sie die Umgebung überhaupt kaum wahrnahm. Die Umgebung, für die sie extra hier herauf gefahren wahr.

Der Weg zur Hütte zog sich heute ganz schön. Sie kam nur langsam voran. Der Schneefall war doch ganz schön stark gewesen. Beim Rauflaufen hörte sie weitab ein donnerndes Geräusch. Sie hätte sich sehr erschrocken, wenn sie nicht schon öfter im Winter hier herauf gelaufen wäre. Es wird wahrscheinlich irgendwo ein kleines Schneebrett abgegangen sein oder es war das Geräusch eines umstürzenden, altersschwachen Baumes, der unter den Schneemassen zusammengebrochen war. Sie dachte sich nichts weiter und lief weiter den Berg hinauf, sie musste sich sputen, wenn sie noch vor Einbruch der Dunkelheit ankommen wollte.

Oben an der Hütte angekommen, war es schon fast dunkel. Sie öffnete die Fensterläden und schürte den Ofen an. Erst als sie den Lichtschalter betätigen wollte, bemerkte sie, dass durch die starken Schneefälle die Solarzellen auf dem Dach der Hütte völlig von Schnee und Eis bedeckt sein mussten und somit keine Stromerzeugung zu Stande gekommen war. Sie würde sich morgen darum kümmern. Somit musste sie wohl im Kerzenschein den Abend verbringen. Wäre ja eigentlich ziemlich romantisch, wenn sie nicht allein hier herauf gelaufen wäre. Der Bauer und Hüttenbesitzer hatte ihr ein Gaslicht auf den Tisch gestellt, für Notfälle. Sie pfriemelte im Halbdunkel an dem Gaslicht und schaffte es dann aber doch es anzuzünden. Sie beschloss Wasser aufzustellen und Tee zu machen. Dann machte sie sich etwas zu Essen. Später stand sie mit einem Becher heißem Tee und einer Flasche Whisky in den Händen am offenen Fenster und genoss die kalte Bergluft. Sie konnte nur noch erahnen, an welcher Stelle die Sonne hinter dem Berg verschwunden war. Immer wieder am Whisky nippend, stand sie ziemlich lange am Fenster. Draußen war es stockdunkel geworden, nur der aufgegangene Mond erhellte die Nacht ein Wenig. Sie blickte auf den sternenübersäten Himmel. Sie dachte nicht an die Romantik des Augenblicks, sondern nur daran, dass es diese Nacht richtig kalt werden würde und dass sie mehrmals in der Nacht raus müsste, um Holz nach zulegen. Kurzerhand beschloss sie so lang wie möglich wach zubleiben und kräftig nachzuschüren. Sie wollte auf keinen Fall in der Früh mit Raureif auf dem Gesicht aufwachen. Für die Mußestunden hatte sie sich was zum Arbeiten mitgebracht. Etwas was nichts mit ihrem Job zu tun hatte. Sie strickte schon seit Jahren an ein und dem selben Schal und sie wollte die freie Zeit nutzen, um ihn endlich fertigzustellen.

Sie hatte einen kleinen Weltempfänger mitgebracht. Ungeduldig drehte sie an dem Knopf und hoffte, dass sie hier oben ein gescheites Signal bekommen würde. Nach 10 Minuten gab sie es auf und begnügte sich mit Volksmusik. Langsam kam sie runter, trotz eines Trompetensolo von Stefan Mross, und es stellte sich endlich die lang ersehnte Erholung ein.

Einige Stunden später fing das Gaslicht an zu Flackern. Sie war über ihrem Strickzeug eingeschlafen. Die Stricknadeln in einer Hand, lag sie mit dem Kopf auf dem Tisch und schlief den Schlaf der Gerechten.

Ein gewaltiges Poltern, dass die ganze Hütte unter sich erbeben lies, riss sie aus dem Schlaf. Sie blickte zuerst ziemlich orientierungslos umher und sah dann zum Fenster. Eine Dachlawine brachte Unmengen von Schnee ins Rutschen, der nun am Fenster vorbei rauschte. Sie hatte sich vor Schreck an die Brust gegriffen und blieb eine ganze Weile in dieser Haltung reglos sitzen, bis eine weiteres Geräusch sie aus dieser Starre riss. Etwas war gegen die Tür gefallen. Das Gaslicht flackerte wieder. Geistesgegenwärtig zündete sie ein paar Kerzen an, hastete auf und lief zu ihrem Rucksack. Mit fahrigen Bewegungen und zitternden Finger suchte sie etwas. Nach einer halben Ewigkeit förderte eine Stirnlampe aus dem Rucksack. Sie machte sie an und ging zur Tür. Etwas kratzte an der Tür. Sie zog es vor die Hände frei zu haben und setzte sich die Stirnlampe auf den Kopf. Mit festem Schritten ging sie zur Tür und nahm die Axt, die neben der Tür stand, in beide Hände. Dann löste sie eine Hand von der Axt und öffnete mit zitternden Fingern die Tür. In dem Moment als die Tür quietschend aufschlug, gingen erst die Kerzen und dann das Gaslicht aus. Etwas viel ihr mit einer Ladung Schnee vor die Füße. Vor Schreck lies sie beinahe die Axt fallen. Sie atmete langsam tief durch und blickte nach unten. Das Licht der Stirnlampe schien auf einen riesigen Schneehaufen. Und in Mitten des ganzen Schnees lag ein scheinbar regloser Körper. Mit einer hastigen Bewegung lies sie die Axt sinken. Ihre Bewegung war zu hastig gewesen. Sie erschrak, als die Axt in der Bank stecken blieb, die neben der Tür stand. Sie schleppte den Körper zur Tür herein und versuchte dann die Tür zu schleißen. Was ihr auch mit Müh und Not nicht gelang. Erst als sie mit dem Fuß die Schneemassen zurückdrängte, konnte sie die Tür endlich schließen. Dann lies sie sich auf den Boden sinken und untersuchte die Gestalt und fühlte den Puls. Der Puls schlug langsam, aber er schlug. Der Mann, der vor ihr auf dem Boden lag, musste halb erfroren sein. Sie zog ihm die nasse Kleidung aus und wickelte ihn einige Decken. Nach seiner Kleidung zu urteilen, war er wohl ein ungeübter Wanderer. Er hatte eine Platzwunde am Kopf und einige Schürfwunden an Händen und Gesicht, die sie versorgte. Dann versuchte sie ihm heißen Tee mit Whisky einzuflößen. Als sie ihn dazu aufrichten wollte, wurde er wach. Er schlug die Augen auf und blinzelte. Erst als er versuchte die Hand vors Gesicht zu halten, bemerkte sie, dass sie ja immer noch die Stirnlampe auf dem Kopf trug und ihm damit direkt ins Gesicht leuchtete. Mit einer hastigen Bewegung wand sie ihren Kopf zu Seite. ‚Oh, Verzeihung!‘ sagte sie, lächelte dann an ihm vorbei und stellte den Becher auf dem Boden ab. Sie zog die Stirnlampe vom Kopf und legte sie mit der Leuchte nach oben neben den Becher. Dabei hielt sie den Mann immer noch an der Schulter hoch. ‚Sie müssen was trinken!‘ Schon hatte sie den Becher wieder in der Hand und führte ihn an seinen Mund. Er nahm kleine Schlucke und hustete dabei ein Wenig. Er klammerte sich dabei am Becher fest und berührte ganz flüchtig ihre Hand. Sie zog sich aus der Berührung zurück und überließ ihm den Becher. Erschöpft zog sie sich am Tisch hoch und zündete die Kerzen wieder an. Dann drehte sie sich um und schaute den Verletzten an.

‚Danke Frau…äh…!‘ stammelte er.

‚Frau Müller. Emma Müller!‘ antwortete sie und schaute ihn dann fragend an.

‚Müller. Danke Frau Müller! Ähm, ich bin Richard Brock und ähm, ich war zu Fuß unterwegs und ähm,…!‘ Er brach den Satz abrupt ab und rieb sich den Kopf.

‚Ist schon gut, waren Sie allein unterwegs?‘ wollte sie wissen, nicht dass noch mehr unerwartete Besucher zur Tür hereingeschneit kamen.

Nickend schaute er sie an. Sie lies sich auf den Tisch sinken und atmete langsam aus. ‚Sie haben mich ganz schön erschreckt.‘

‚Eine schöne Axt haben sie da!‘ meinte er geistesabwesend.

‚Oh, ja. Die ist im Mietpreis inbegriffen!‘ lächelte sie und blickte zur Axt.

Der lachsfressenden Wolperdinger ruft

Der lachsfressenden Wolperdinger ruft

Drei mehr oder weniger Stadtkinder ziehen aus, um den Weihnachtsfeiertagen zu entgehen. Die Berghütte liegt weit ab vom Schuss auf einem Berg (Hügel) und ist bei den Witterungsverhältnissen, die wir dieses Weihnachten hatten, nur mit dem Traktor oder äußerst beschwerlich zu Fuß zu erreichen. In der ersten Nacht, leider ohne meine Anwesenheit, gab es einen Stromausfall, da die Solarzelle auf dem Dach der Hütte so verschneit war, dass es unter Tags quasi nicht zu einer Stromerzeugung gekommen war. Es gibt zwar auch eine Gaslampe, aber die haben sie sich nicht getraut anzumachen. Und nach der zweiten Dachlawine waren sie so verschreckt, dass sie früh ins Bett gegangen sind und konnten dann somit auch die halbe Nacht nicht schlafen, da sie lauter schlimme Geräusche gehört haben. Das Knacken des Ofen und das Plätschern der Kuhtränke hören sich in der nächtlichen Stille an, als wären gleich alle irren Axtmörder der Welt mit samt ihrer blutigen Opfer, die just in diesem Moment als Zombies wieder auferstanden sind, zu dieser einen Hütte unterwegs, um die beiden Stadtkinder erst zu zerhacken und dann halb aufzufressen, aber nur um die Überreste dann den vielen bayrischen wilden Waldbewohnern vorzuwerfen. Diese waldigen Wildtiere sind es, die auch untertags ihnen nach dem Leben trachten, deswegen waren sie auch bei Tag auf der Hut. Bewaffnet mit der Axt und dem Sax, vom einzigen ‚Mann‘ auf dieser Hütte, gehen sie in der Nacht auch nur zu zweit zum Pinkeln. Eine nicht ganz so stille Nacht, wie damals beim Heiland, aber sie haben es definitiv überlebt und rufen mich am nächsten Tag ungefähr 20 mal an, weil sie tausend Sachen vergessen haben, wie zum Beispiel die Zahnbürste.

Ich komme am ersten Weihnachtstag am Vorort des Geschehens an und auf der Suche nach dem Bauernhof, wird mein Weg von einem riesigen Eisbrocken versperrt. Es scheint mir so, als würden die Bewohner des Bauernhofes keinen Besuch erwarten wollen. Hm. Ich rufe an bei den Bauersleuten an und frage, ob ich den Eisbrocken aus dem Weg schieben darf. Etwas unverstanden räume ich den Brocken weg und teste die Geländefähigkeit meines Nemos auf Herz und Nieren. Ich trete durch die Haustür und schreite mit diesem einen Schritt quasi 100 Jahre in die Vergangenheit. Vier stramme Burschen sitzen an einem Tisch und frönen dem Gerstensaft und das Spiel des geköpften Schafes. Der erste Satz den ich glaube zu verstehen ist: ‚Auweh, Voda. De derfst du aufi foarn!‘ Der Jungbauer versucht sein errötetes Gesicht zu verbergen, indem er den Kopf auf den Tisch schlägt, immer und immer wieder. Man könnte sagen, dass mein Auftritt eine einschlagende Wirkung hatte. Die drei anderen Burschen scheinen zwar von mir fasziniert zu sein, trauen sich aber nur über ihren Kartenrand hinaus auf mich herab zu blicken, obwohl sie sitzen und ich stehe. Hm. Ein schwarzer Hund kommt mir entgehen gelaufen. Er scheint ernsthaft der Einzige zu sein, der sich ernsthaft freut mich zu sehen. Er schmeißt sich gleich auf den Rücken und lässt sich von mir kraulen. Sein gotterbärmlicher Gestank treibt mir die Tränen in die Augen. Es wäre mir wesentlich lieber gewesen, wenn einer der Burschen mich auf den Rücken geschmissen hätte, um mich durchzukraulen. Hm. Meine äußerst schmutzigen Gedanken werden vom Bauern unterbrochen, der mir einen Schnaps anbietet. Ich antworte: ‚Na, na, dann werd i ja glei bsoffn!‘ Himmel, bayrisch verlernt man ja wirklich nie. Ich muss ihm aber versprechen, dass wir oben einen Schnaps trinken. Wie gut, dass mir meine Mutter einen Schlehenschnaps mitgegeben hat.

Ein noch kleinerer Bub fährt mit mir zum Parkplatz, der einzigen Wirtschaft der Gegend. Meine sieben Sachen werden auf den Traktor gepackt und ich muss auf dem Trittbrett mitfahren. Ich schwitze Blut und Wasser, dass nicht mein IKEA Sack, mit meinem Laptop drin, vom Traktor fällt. Dieses äußerst abenteuerliche Anreise, darf ich in der Arbeit niemanden erzählen, weil mit Arbeitssicherheit, hat dieses Fortbewegungsmöglichkeit nicht besonders viel zu tun gehabt. Hm. Gut, dem Bauern wird schon nichts passieren, aber der Bua und ich hinten auf dem Trittbrett, das wahrscheinlich eine Anhängerkupplung ist, haben noch eine IKEA Sack und meine Kraxe zwischen den Beinen auf der Trittfläche stehen. Nachdem es gerade jetzt taut, wird auch alles inklusive mir während der recht abenteuerliche Fahrt nass gespritzt. Der Bub hat mir einen historischen Landwirtschaftsvortag gehalten, bis ich ihm erzählt habe, dass ich Mittelalterdarsteller nur im Nebenberuf bin und eigentlich in einem Amt arbeite. Jetzt schildert er mir alle Arbeitsunfälle der Gegend, die in den letzten Jahren passiert sind. Oben angekommen, werd ich Stadtkind bis vor die Tür der Hütte gefahren und die beiden Bewohner freuen sich wie die Schnitzel, auch wenn es gerade nicht schneit. So, ausladen und dann gibt’s an Schnaps. Der Bauer ist einigermaßen vom Schlehenschnaps meiner Mutter begeistert und läd mich seinerseits auf eine Schnapsprobe im nächsten Jahr zu erm aufm Hof ein. Gut, ich oder der Schnaps meiner Mutter, oder beides, müssen doch tatsächlich einen ziemlichen Eindruck hinterlassen haben. (Der Schnaps meiner Mutter, ist auch ernsthaft ein schöner Titel für ein Buch!)

Der Bauer erklärt uns Stadtkinder die Gaslampe und fahrt dann mit dem Buben wieder ins Tal. Jetzt sind wir mutterseelen allein in der Wildnis. Die Erholung kann beginnen. Ich höre das Geräusch einer SMS. Hm. Wir haben doch Netz. Ja, Isoldes Handy schon. Meines nicht. Ich beschließe es auszuschalten. Meine Immer-wieder-Ex-Mitbewohnerin erwischt mich dabei, wie ich die ganze Hütte nach einer Steckdose absuche. Sie meint, dass da keine wären, sie hätte gestern schon alles durchsucht. Wir ratschen bis es richtig dunkel ist, dann machen wir das Gaslicht an. Ich bin jetzt die Gasbeauftragte hier auf der Hütte. Die Beiden erzählen mir von der letzten Nacht und sie geben zu, dass sie doch Stadtkinder sind. Da muss ich jetzt aber mal sagen, ich bin wesentlich näher an der Großen Stadt aufgewachsen, als die anderen Beiden, stelle mich aber in der Wildnis nicht ganz so blöd an. Gut, ich habe eine Axt mit auf die Hütte genommen, aber nur aus Prinzip, weil Hauptsache man hat ne Axt dabei. Wenn ich ehrlich bin, warte ich ja nur auf den irren Axtmörder um ihm einen Heiratsantrag zu machen. Wir kochen Rouladen. Ich bin jetzt auch Schnipselbeauftragte. Ich mache ein fast perfektes MORETVM, aber für die Jahreszeit war das MORETVM schon ganz in Ordnung. Aber finde du mal mitten im Winter mal frische Kräuter, die nicht aussehen wie obszöne Pilzgewächse. Ganz nebenbei spielen wir eine Runde Monopoly und nach dem Essen ‚Pflicht an der Wahrheit‘. Ein Mischung aus Wahrheit oder Pflicht und Flaschendrehen, nur ohne Flasche und ohne Drehen, dafür aber mit Würfel. Ich bitte nächtliche Anrufe zu entschuldigen, das war alles Bestandteil vom Spiel.

Irgendwann gingen wir dann schlafen und unsere Nachtruhe würde dann nur noch von Isoldes nächtliche Aktivitäten gestört.

Am nächsten Morgen waren wir dann erschreckend früh wach, wir machten Frühstück und stellten fest, dass unser Lachsfrühstück wohl des Nächtens von jemanden anderen gefressen wurde. Unser nächtlicher Besucher hatte sich durch unsere Vorräte gefressen und hatte auch nicht vor Plastikfolie zurückgeschreckt. Wir rätselten den ganzen Tag, wer oder was sich über unsere Vorräte hergemacht hatten. Isolde hörte überall Geräusche. Er behauptet steif und fest, es wären Ratten. Ich behaupte es war der gemeine Wolperdinger und meine Immer-wieder-Ex-Mitbewohnerin behauptet, dass der Hans in der Nacht hier rauf gekommen ist, um sich für den nächtlichen Anruf zu rächen und unsere Vorräte zu vernichten. Der vollgefressene Hans liegt jetzt irgendwo im Wald und rülpst Plastikfolie. Und deswegen die komischen Geräusche.

Nichts desto Trotz machen wir einen authentischen Wanderausflug. Wir machen voll authentische Überfallfotos. Gut, der Wikinger hätte nie einer Marketenderin aus dem 15. Jahrhundert überfallen können, aber wir wollen ja mal nicht so sein. Wir erschreckten auf dem Weg zurück zur Hütte noch ein paar Wanderer und dann rutschten wir mit IKEA-Säcken den Berg hinunter. Das sieht in mittelalterlichen Klamotten echt total bescheuert aus, macht aber einen riesen Spaß. Man muss nur schauen, dass man den Rock nicht unter den Sack bekommt, sonst haut es einen gewaltig aufs Maul. Und IKEA-Sackrutschen ist der erste Sport neben Sumo und Wettessen, wo Übergewicht ernsthaft von Vorteil zu sein scheint. Wir hatten einen Heidenspaß und kamen völlig durchgefroren in die Hütte zurück. Und jetzt begangen wir den schlimmsten Fehler, den wir je begehen konnten und ich tadle nochmal alle, die uns nicht vorgewarnt hatten. Wir bekamen das Munschkin-Fieber und spielten, selbst den unheimlichen Geräuschen und den noch unheimlicheren Stromausfall trotzend, die ganze Nacht. Es ist echt immer eine ganz komische Situation, wenn plötzlich das Licht ausgeht und alles Stock dunkel ist. Mit Gaslicht spielten wir die halbe Nacht. Am nächsten Morgen, aßen wir die Reste, putzen die Hütte und spülten das Geschirr. Mir dem Traktor ging es wieder runter ins Tal. Es waren nur ein paar Tage auf der Hütte, aber ich bin wirklich total entspannt, auch wenn ich kein Wort geschrieben habe, habe ich doch viele Eindrücke mitgenommen. Werd wohl die nächsten Tage ganz viele Berg, Wald und Schnee-Geschichten schreiben.

Seit dem ich wieder zurück bin von der Hütte, lassen mich die Berge nicht wieder los, ich hab Föhn und sehe von meinem Büro auf die Berge, die immer noch nach mir rufen. Habe mir überlegt, wie es ist allein auf der Hütte zu sein. Es ist unglaublich idyllisch dort und die Ruhe lässt einen tatsächlich entspannen, nur sobald man wieder in der Stadt ist, artet wieder alles in Stress aus. Laufe immer noch mit meinen Wanderstiefel rum, weil meine Stadtschuhe immer noch unter der Heizung stehen, sie haben den Hüttenaufenthalt nicht so sportlich überstanden, wie ich. Hm.

Die Weihnachtsfeiertage haben wir so entspannt wie möglich hinter uns gebracht und nun hat uns der Alltagsstress wieder. Freu mich schon aufs nächste Mal.

%d Bloggern gefällt das: