Drei und eine Axt – Teil 42

Eine Axtgeschichte – Drei und eine Axt – Teil 42

reiter_neuNach Stunden kam Lamina vor die Tür der Jurte getreten und platzte in ein Gespräch, das Vira, Ainur, Wena, Otar, Elger und Halef miteinander führten. Alur saß interessiert am Tisch und blickte abwechselt zu seinen Eltern und zu Halef und Vira hinüber.

‘Bist du dir sicher, dass es die Tochter vom alten Schmied ist?’ fragte Halef seine Mutter.

‘Es ist ewig her, als wir der alten Handelsstraße gefolgt sind, aber alle seine Kinder sind so blond wie er.’

‘Ihr pflegt eure Nachbarschaft ja nicht gerade!’ meinte Ainur fast schon ein wenig schnippisch.

‘Der Schmied war vor dem Krieg schon ein seltsamer Mann!’ meinte Otar.

‘Ja, die Leute sagen, es sei ein Fluch der Götter!’ rief Wena und blickte ehrfürchtig nach oben.

‘Was für Leute überhaupt? Wir sind hier völlig alleine! Langsam spinnen doch echt alle, meine Haare sind rot, ist das auch der Fluch der Götter.’ rief Halef streng und zog an seinen eigenen Haaren.

‘Und er züchtet nur noch Schweine, seit dem er seinen Hammer nicht mehr halten kann.’ mischte sich Wena wieder ein.

‘Wahrscheinlich sind dort alle tot. Ihr seid so unglaubliche Tratschweiber. Aber was ist wenn da noch jemand lebt? Ich werde sofort aufbrechen!’ herrschte Halef seine Tante an und machte Anstalten aufstehen zu wollen.

‘Halef du kannst nicht alleine gehen!’ meinte Vira in ihrem üblichen Ton.

‘Ich bin die einzige Wahl und Elger sollte bei seiner Frau bleiben!’ rief Halef in einem sehr herrischen Ton.

Lamina trat hinter ihn und meinte: ‘Ich komme mit, nur für den Fall, dass einer der Bastarde noch lebt, der sich an dem Kind vergangen hat, dann will ich es sein, die ihm die Haut abzieht!’

Halef drehte sich zu ihr um und fragte: ‘Wie gehts ihr, hat sie was gesagt?’

Alle blickten auf Lamina, die ziemlich wütend in die Runde blickte, sie trug eine Borte in der Hand an der eine kleine Glocke hing. ‘Alur, sie lässt deine Tunika nicht los, ich würde sie aber gerne waschen!’ meinte Lamina zu dem Jungen, setzte sich dann aber völlig erschöpft neben Halef. Sie legte die Borte mit der Glocke auf den Tisch und fuhr fort. ‘Sie trug das bei sich und sie sagt nur immer: Schweini!!’

Plötzlich sprang Wena auf, lief in ihre Jurte, kam wenig später Arme wedelnd wieder und plapperte vor sich hin: ‘Diese Glocken hat der Schmied immer gemacht und hat sie den Kindern geschenkt, an einer Borte, die seine Frau gemacht hat.’ Dabei hielt sie eine längere Borte hoch, an deren Ende eine Glocke baumelte.

‘Dann ist das eine beschlossene Sache, wir reiten heute noch los.’ rief Halef. ‘Alur du bekommst das Fernglas und passt auf die Ebene auf und Elger, du kümmerst dich darum, dass niemand deinen Bruder umbringt, ehe ich wieder da bin.’

‘Was willst du mit ihm machen?’ fragte Elger.

‘Ich will ihn möglichst lebend zum Khan schaffen und ihm seiner Verantwortung überlassen! Es klebt schon genug Blut an unseren Händen.’

‘Der kleine Köter macht sich aber so gut zu unseren Füßen!’ meinte Wena und warf Kel einen Kanten Brot hin.

‘Wena spiel nicht mit dem Wahnsinnigen, irgendwann rächt sich das!’ meinte Otar.

‘So hab ich ihn aber immer im Blick!’

‘Ich lass euch Nyùl da!’ meinte Halef noch bevor er aufstand, um seine Sachen zu packen.

Lamina und Halef ritten am späten Nachmittag los. Im Wald unweit der alten Handelsstraße trafen sie auf die beiden Hunde. Er schickte Nyùl zurück zu den Jurten und Ròka voraus.

Als Nyùl bei den Jurten ankam, waren Wena und Otar damit beschäftigt Pferdefleisch zu räuchern. Merle saß mit dem Neugeborenen am Tisch und versuchte sich nützlich zu machen. Die Kinder waren mit Vira bei den Tieren. Ainur hackte Holz und Elger hatte Alur gerade am Fernglas abgelöst, der sogleich in der Jurte verschwand, um nach seinen Schwestern zu sehen.

Etwas später schlich Alur sich zu dem Mädchen in die Jurte seiner Tanten. Er hatte etwas unter seiner Tunika versteckt.

Ziska blickte auf und fragte: ‘Ist Fina schon aufgewacht?’

‘Nein, noch nicht! Lona weicht ihr nicht von der Seite!’ antwortete Alur. ‘Wie gehts Kejnen und dem Mädchen?’

‘Kejnen war auch noch nicht wach, aber das Mädchen!’ meinte Ziska und blickte zu dem Mädchen hinüber. Sie lag mit offenen Augen im Bett und starrte ans Jurtendach ohne zu blinzeln, in ihren Händen hielt sie immer noch seine Tunika. Alur ging zum Bett hinüber und kniete sich auf den Boden.

‘Ich bin Alur, der Sippenführer und ich, wir haben dich gefunden… ähm… nachdem dich die Hunde gefunden haben.’

Sie drehte ihren Kopf, blickte jedoch an Alur vorbei und flüsterte: ‘Wau…!’

‘Der eine Hund heißt Nyùl!’

Das Wort ‘Hase!’ stolperte aus ihrem Mund.

‘Ja, Hase. Er ist draußen!’

‘Hase?’ flüsterte sie wieder.

‘Magst du mir die Tunika geben.’ meinte er und er griff nach der Tunika. Das Mädchen fing augenblicklich zu winseln an und Alur erntete den bösen Blick der weißen Hexe.

‘Ich mach dir nen Vorschlag. Wir tauschen. Ich hab nur 2 Tunikas die mir passen, aber ich hab noch eine, die mir nicht mehr passt. Du kannst sie haben, für immer!’ meinte er und zog ein Stück Stoff unter seiner Tunika hervor. Er hielt es ihr hin und zog gleichzeitig an der Anderen. Einen Moment blickten sie sich an und ihre Augen füllten sich mit Tränen. Wie vom Blitz getroffen lies sie die Tunika los und Alur stürzte mit samt der Tunika nach hinten. Als er sich wieder aufrappelte, hatte sie sich bereits umgedreht. Ihr Körper bebte und er konnte ein ersticktes Schluchzen hören. Langsam lies er sich auf das Bett sinken und flüsterte ihr zu: ‘Magst du mir noch deinen Namen verraten?’

Vorsichtig tätschelte er ihren Rücken und nach einem ziemlich langen Moment bewegte sie sich endlich. Weinend klammerte sie sich an Alur und brach dann vollends zusammen. Seine Tante zündete irgendwas an, was sie dem Mädchen unter die Nase hielt. Und im nächsten Moment trat sein Verstand durch eine Tür und war im Reich der Träume verschwunden.

Fortsetzung folgt… 

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Drei und eine Axt – Teil 41

Eine Axtgeschichte – Drei und eine Axt – Teil 41

reiter_neuHalef ritt am Fluss entlang und hielt Ausschau nach seinen Hunden. Das Bellen hallte durch den Wald.

Auf der alten Handelsstraße unweit des Flusses kamen ihnen die Hunde entgegen. Sie schleppten etwas mit sich, dass er nicht gleich erkennen konnte.

Alur sprang vom Pferd und schaute nach den Hunden. Der Körper eines kleinen Mädchens klammerte sich an den Rücken von Nyùl. Ihre Kleider waren zerfetzt und verkohlt, darunter konnte man das blanke Fleisch sehen und ihre Gliedmaßen waren vor Schmerz verkrümmt.

Alur hatte sofort wieder den Geruch von verbrannten Menschenfleisch in der Nase.

Kurzer Hand warf er den Köcher zu Boden, zog seine Tunika aus und legte sie vorsichtig über den blanken Rücken des Mädchens. Behutsam nahm er das Mädchen vom Rücken des Hundes und drückte es Halef in die Hand, der immer noch auf dem Rücken seines Pferdes saß.

‘Gib mir den Bogen und reite los!’ rief der Junge und im nächsten Moment klatschte seine flache Hand auf den Hintern des Tieres und es sprengte los.

Elger kam ihm entgegen. Halef preschte mit dem Pferd an Elger vorbei. Alur kam mit den beiden Hunden zu Fuß hinterher gelaufen. Ratlos stand Elger mit seinem Pferd auf dem Weg und wusste nichts recht was er nun tun sollte. Er ließ seinen Blick durch den Wald streifen, konnte aber auch nichts weiter erblicken, außer den keuchenden Alur, der sein Pferd schon fast erreicht hatte.

Er zischte den Hunden etwas zu, bevor er auf den Rücken des Pferdes sprang. Die Hunde liefen wieder in den Wald und waren gleich darauf im Dickicht verschwunden.

Halef kam als erster mit seinem Pferd bei den Jurten an. Ainur stand mit dem Fernglas am Gatter und Ziska kam gerade aus der Jurte gewankt. Sie hatte sich nur einen Klappenmantel über ihr Unterkleid gezogen und war barfuß.

Halef glitt vorsichtig mit dem Mädchen im Arm vom Pferd, um es im nächsten Moment Ziska in den Arm zu drücken. Sie ging gleich in die Knie und schrie, als sie die Wunden des Mädchen berührte. Wena brachte eine saubere Decke und Wasser, doch Ziska wollte sich nicht von dem Mädchen trennen. Sie hielt das Kind in ihren Armen, weinte und schrie, als hätte sie die selben Schmerzen.

Irgendwann brach sie über den leblosen Kinderkörper zusammen. Für einen Moment lag sie reglos da und alles war still. Aber plötzlich bäumte sie sich auf und schrie: ‚Ihr Götter, sind nicht schon zu viele gestorben hier, aber doch nicht dieses Kind, es kann nichts dafür.‘

Lamina stützte Ziska von hinten, während Halef und Wena versuchte, den Rücken des Kindes in ein sauberes Tuch zu wickeln, als ihm auffiel, dass das Kind nicht mehr atmete. Er griff an den Hals des Kindes und konnte auch keinen Herzschlag mehr spüren.

‘Ziska, es ist zu spät!’ flüsterte er und legte seine Hand auf die Hand der weißen Hexe, die immer noch panisch das Kind festklammerte.

Dann geschah etwas Unerklärliches, er fühlte sich als würde sein Gedärm aus seinem Körper gerissen und er blickte in Laminas Augen und die Angst in ihren Augen verriet ihm, dass sie gerade etwas Ähnliches erlebte. Wie durch ein Wunder riss das Mädchen die Augen auf und atmete langsam ein, der Ton den sie dabei machte, rasselte als würde sie Steine einatmen, aber sie lebte.

‘Sie lebt, was Anderes lasse ich nicht zu!’ stammelte Ziska und drückte das Kind an sich.

‘Nur zu welchen Preis, Ziska! Sie ist am ganzen Körper verbrannt, sie wird ihr Leben lang entstellt sein und leiden!’ rief Wena entsetzt, sie war nach hinten gestürzt und hatte die Schüssel mit Wasser dabei zu Boden fallen lassen.

‘Die Wege der Götter sind manchmal sehr eigen und unergründlich!’ rief Ziska und lies sich von Ainur aufhelfen, ohne jedoch das Kind loszulassen, während Halef und Lamina immer noch auf dem Boden lagen und sich krümmten.

Elger und Alur waren mittlerweile angekommen und sprangen gleichzeitig vom Pferd. Sie blickten auf ihren Sippenführer, der sich am Boden wälzte vor Schmerz.

‘Was ist passiert?’ fragten Elger und Alur wie aus einem Mund.

Halef stöhnte nur: ‘Allghoi Khorkhoi!’

Wena baute sich auf und sprach in herrischen Ton: ‘Der Todeswurm, spinn dich aus, der Wahnsinn der weißen Hexe ist jetzt auch auf dich übergesprungen!’

Lamina hatte sich bereits aufgerappelt und folgte Ainur und Ziska in die Jurte.


Fortsetzung folgt…

Drei und eine Axt – Teil 40

Eine Axtgeschichte – Drei und eine Axt – Teil 40

reiter_neuWena und Otar waren noch mit dem Zerteilen der Pferde beschäftigt, so mussten Alur und Halef die erste Wache übernehmen. Elger gesellte sich zu ihnen und löste Alur ab. Halef streife mit seinen Hunden durch das Dickicht und stellte ein paar Fallen auf, bis Ainur ihn ablöste.

Die ganze Nacht passierte nichts und auch der Morgen war ziemlich ruhig. Die Hunde streiften immer noch durch die Gegend, hatten aber auch keine Fährte mehr aufgespürt. Der letzte Späher hatte sich wohl endgültig aus dem Staub gemacht. Die Frage war nur, ob da noch mehr im Wald darauf warteten in einem unbeachteten Moment nochmal zuzuschlagen.

Als Halef in seine Jurte schlich, war das Feuer fast runter gebrannt, er legte ein paar Scheite in die Glut und schon erhellte sich sein kleines Reich und er blickte seine Mutter, Lamina und die ganzen Kinder in seinem Bett. Niedergeschlagen zog er ein Fell aus einer seiner Kisten und legte sich ans Feuer. Seufzend deckte er sich mit seinem Klappenmantel zu.

Als Lamina erwachte, blickte sie aus dem Bett und sah wie Halef an der runtergebramnten Feuerstelle lag und schlief. Sein Körper zitterte. Sie stand auf, deckte die Kinder wieder zu und schlich zur Feuerstelle, um ein paar Scheite in die Glut zu legen. Dann hob sie eine Decke vom Boden auf und legte sie über seinen zitternden Körper. Er erwachte und blinzelte sie an, seine Finger tasteten nach ihrem Bein. Daraufhin kniete sie sich zu ihm hinunter und küsste ihn auf die kalte Nase. Er packte sie und zog sie unter seinen Klappenmantel, um sie zu küssen.
Ainur stand plötzlich in der Tür: ‘Frühstück ist fertig!’
Die beiden blickten zu recht erwischt zur Tür und grinsten verlegen. ‘Hat mein Sippenführer kein eigenes Bett?’
‘Nein, da liegt deine Frau mit einem Stall voll fremder Kinder!’
‘Die hab ich schon gesucht!’ rief Wena von draußen herein.

Nach dem Frühstück saß Halef auf dem Kreuz seiner Jurte und blickte mit dem Fernglas über die Ebene und drehte sich in Richtung Fluss und hin zum Wald. Elger und Ainur versuchten währenddessen aus Kel und den überlebenden Späher etwas heraus zu bekommen.

Plötzlich hörte Halef seine Hunde weit entfernt bellen. Vor Schreck wäre ihm beinahe das Fernglas runtergefallen und im nächsten Moment war er schon wieder in die Jurte geklettert. Vor der Tür blieb er nochmal stehen und lauschte. Nach dem Gebell zu urteilen, waren sie nicht in Gefahr.

‘Die Hunde haben etwas gefunden!’ rief er, schwang sich seinen Gürtel um die Hüften und lief zu seinem Pferd.
Alur reichte ihm seinen Bogen und sprang mit einem vollen Köcher hinten aufs Pferd.
Ainur blickte Elger an: ‘Das der Sippenführer immer ohne Sattel reiten muss und er bringt dem Jungen nur Unsinn bei!’
Elger trottete zu seinem Pferd und sprang in einem Satz auf den Rücken des Pferdes: ‘Ich schau was sie da machen.’
‘Nimm deinen Bogen mit!’ rief ihm Ainur noch nach und schon hatte Elger den Bogen und einen vollen Köcher vom Gatter genommen und ritt weiter.
‘Ich kümmer mich weiter um deinen schwindligen Bruder!’ flüsterte Ainur und bemerkte gar nicht, dass Wena hinter ihm stand.
‘Lass mich mal!’ meinte sie.
‘Wir sollen ihn nicht umbringen!’ ermahnte Ainur sie.
‘Wer hat das gesagt?’ rief sie schnippisch.
‘Der Sippenführer!’
‘Der ist noch nicht alt genug, als dass ich ihn nicht übers Knie legen würde.’ mahnte nun Wena und drehte sich zu ihrem Bruder Kel.
‘Du hast deine Schwester gehört! Zu wieviel wart ihr! Und warten da noch welche auf uns im Wald?’
Kel lachte einfach nur verrückt vor sich hin und blickte zu seinem Kumpanen hinüber, der gerade in diesem Moment seinen letzten Atemzug aushauchte.
‘Ich bring ihn zu den Anderen und helf Otar beim Verscharren!’ rief Wena, kniete sich zu ihrem Bruder, grinste ihn an und fuhr dann fort: ‘Ich werd deine Wunden verbinden und dich aufpäppeln, dir saubere Kleider geben und dann werde ich dich ganz nah an meinem Tisch anbinden und werde dich wie einen Hund behandeln. Und irgendwann wenn du nicht mehr darauf gefasst bist, dann werde ich dich einfach umbringen. Und dann werde ich persönlich deinen Kopf von deinen Schultern schneiden und damit ich ihn dann deinem Vater vor die Füße werfen kann.’
Pfeifend begann sie seine Wunden zu reinigen. Als sie damit fertig war, führte sie ihn an einem Strick vor den Tisch und band ihn an. Dann flößte sie ihm lauwarme Suppe ein, bis er sich fast übergeben musste. Und mit dem selben Liedchen auf den Lippen ging sie wieder an ihre Arbeit, während ihr Bruder vor ihren Füßen im Dreck kauerte.

Fortsetzung folgt…

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